Copyright © 2025 Ralf Reiter
ISBN: 9783819434921Umschlaggestaltung, Illustration: Ralf ReiterFotos: Ralf ReiterLektorat, Korrektorat: Gabriele KatalaHerausgeber: Ralf ReiterSchillerstrasse 12, 71364
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„Es gab bislang keinen bedeutenden Mann, der sein ganzes Leben auf dem Festland verbrachte.“
(Herman Melville)
Contents
Copyright
Epigraph
Vorwort
Vorbereitungen auf den Pazifik
Über den Pazifik
Die Gambier-Inseln
Die Tuamotus
Die Marquesas
Gesellschafts-inseln
Neues Boot
Einmal Neuseeland und zurück
Epilog
Bücher dieser Serie
Weitere Bücher des Autors
Romane
Vorwort
Mittlerweile sind wir jetzt im sechsten Jahr unserer Weltumseglung angekommen und ich zähle uns zu den Salzbuckeln, die schon vor uns eine solche Reise gewagt haben. In der Zwischenzeit haben wir sehr viel Erfahrung gesammelt. Als das letzte Schleusentor im Panamakanal aufging, wussten wir, dass jetzt ein neues Kapitel aufgeschlagen wird. Das ist jetzt auch schon wieder zwei Jahre her. Doch zunächst war noch gar nicht klar, wo wir eigentlich hinwollen. Die Galapagos-Inseln, Mexiko oder Ecuador waren nur ein paar Möglichkeiten, die sich vor uns auftaten. Der Pazifik ist riesig und die Entfernungen sind weit. Fahren wir auf der klassischen Route zu den Marquesas oder doch lieber zu den Gambiers? Wir nehmen uns Zeit und sondieren alle Möglichkeiten. Nach einem kurzen Abstecher in Costa Rica entscheiden wir uns für die Gambiers. Einer der längsten Segelabschnitte, die wir je gesegelt haben. 4000 Meilen ohne Landberührung, in einer Gegend, die einsamer nicht sein kann. Auf den Gambiers gefällt es uns so gut, dass wir länger bleiben als geplant. Auch unser Ziel, direkt nach Tahiti zu segeln, geben wir auf. Stattdessen geht es über die Tuamotus auf die Marquesas, weil dort alle vier Jahre ein großes Festival ansteht, welches wir im Dezember 2023 auf Nuku Hiva besuchen. Statt dem geplanten einem Jahr in Französisch-Polynesien werden zwei daraus. Wir lernen dazu und passen unsere Pläne flexibel an. Viele Informationen bekommt man erst vor Ort oder im Laufe der Reise. Deshalb ist es notwendig, sich den Gegebenheiten anzupassen. Wir können das, da wir zeitlich unabhängig sind. Einzig und allein das Budget drückt ein wenig. Französisch-Polynesien ist eine der teuersten Ecken der Erde. Obwohl wir am Anfang unserer Reise, im Pazifik, aus Mangel an Gütern unseren Haushalt sehr schonen konnten, schlug die Teuerung im zweiten Teil gewaltig zu. Aus technischen Gründen haben wir in Tahiti einen längeren Aufenthalt. Tahiti ist in Französisch-Polynesien der Hauptumschlagplatz. Hier gibt es alles, was man braucht. Fürs Schiff, für sich selber und für die Seele, wenn man es braucht. Allerdings zu entsprechenden Preisen. Wir genießen die Zeit in Tahiti und der Nachbarinsel Moorea. Dieses Buch ist der vierte Teil unserer Reise aus der Serie "Was ist eigentlich mit unserer Weltumseglung?" und hat den Titel "Französisch-Polynesien". Obwohl wir das Seegebiet Französisch-Polynesien noch nicht verlassen, endet das Buch in Tahiti, weil wir uns dort ein neues Boot gekauft haben. Außerdem fanden wir, dass Dezember 2024 ein gutes Datum ist, um die Grundlagen für dieses Buch zu legen. Wir möchten die Gelegenheit nutzen, uns bei unseren Lesern zu bedanken, und hoffen, dass auch dieses Buch wieder viel Freude macht und den ein oder anderen dazu animiert, sich die beschriebenen Orte einmal selbst anzusehen. Wir sind uns des Privilegs, so eine Reise unternehmen zu können, sehr bewusst, zumal wir in den zwei Jahren, die wir jetzt auf dem Pazifik segeln, auch die Erfahrung gemacht haben, dass es sehr schnell zu Ende sein kann. Umso mehr freuen wir uns, über unsere Reise weiter berichten zu können.
Ralf Reiter im Juli 2025
Was ist eigentlich mit unserer Weltumseglung?
Teil 4
Französisch Polynesien
Vorbereitungen auf den Pazifik
Kapitel 1
Verhaftet! – C'est la Vie
Durch die World ARC hat sich unsere Durchfahrt durch den Panamakanal etwas verzögert. Nachdem ich den Agenten, der uns den Termin besorgen sollte, darauf aufmerksam gemacht habe, dass unsere dreimonatige Aufenthaltserlaubnis abläuft, bekommen wir den Termin noch vor Ablauf der Selben. Am Tag nach unserer Durchquerung war es windstill, sodass wir es vorzogen, noch einen Tag in der Ankerbucht, bei der Isla Flamenco, zu bleiben. Für den nächsten Tag war mäßiger Wind angesagt und wir entschlossen uns, die 40 Seemeilen nach San Carlos in Angriff zu nehmen. Hier befindet sich die Vista Mar Marina, in der wir unsere Weiterreise vorbereiten wollen.
Wie schon gewohnt stimmt der Wetterbericht nur bedingt und mit zwanzig bis zweiundzwanzig Knoten bläst der Wind doch ziemlich heftig. Deutlich gerefft kommen wir in Vista Mar um die Mittagszeit an. Da die Kosten für die Galapagos-Inseln sehr hoch sind, haben wir uns schon sehr früh gegen einen Besuch entschieden. Der Plan ist nun, über Ecuador zu den Gambier Inseln zu segeln. Aber auch für das Festland Ecuadors werden einige Gebühren erhoben. Auch wenn offiziell ein Agent nicht mehr nötig ist, wird die Einreise per Boot in Ecuador über einen Agenten abgewickelt. Dafür werden 350 US$ verlangt. Die Marina nimmt für ihre Dienste noch einmal 180 US$ plus 300 US$ Liegegebühren an einer Mooringboje. Für den Lotsen, den wir an Bord nehmen müssen, werden noch einmal 25 US$ fällig. Das sind 855 US$, die bei einem 14-tägigen Aufenthalt mit rund 60 US$ pro Tag zu Buche schlagen. Darum sagen wir „C'est la vie“, fahre nach Ecuador, wer will. Für uns bedeutet das aber eine Nonstop-Strecke von ca. 4000 Seemeilen. Schluck, ganz schön happig, aber wie schon gesagt „C'est la vie“.
Doch im Moment steht ein ganz anderes Problem an. Unsere Aufenthaltsgenehmigung ist seit gestern abgelaufen. Wir planen, nach Costa Rica zu fahren und uns dort ein paar Tage aufzuhalten. Mit der erneuten Einreise haben wir dann wieder eine Aufenthaltserlaubnis für drei Monate. Ich fahre mit dem Bus nach Panama City, um dort einen reservierten Leihwagen abzuholen. Leider vermietet die Autovermietung Alamo Panama keine Mietfahrzeuge ins Ausland. Da ich den Wagen aber reserviert habe, muss ich 110 US$ Stornierungsgebühren bezahlen. Unverrichteter Dinge kehre ich aus Panama City zurück. Da unser Passproblem damit nicht beseitigt ist, stellen wir uns am nächsten Tag an die Straße und versuchen, mit dem Bus die 450 Kilometer entfernte Grenze zu erreichen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hält dann schließlich ein alter Schulbus, der von einer ganzen Familie gemietet wurde, und nimmt uns mit. Das Fahrzeug heißt „Red Devil“ und der Name könnte passender nicht sein. Wenn das Fahrzeug überhaupt noch Stoßdämpfer hat, sind diese mittlerweile völlig funktionslos. Auch die Lenkung ist heftig ausgeschlagen, sodass der Fahrer wild am Lenkrad dreht. In Penonomé wechseln wir in einen regulären Bus und erreichen noch am Vormittag Santiago de Veraguas. Hier steigen wir am Busterminal aus, was die Weiterreise deutlich vereinfacht. Die nächste Etappe ist David. Die Busverbindungen sind so eng getaktet, dass man praktisch immer gleich Anschluss hat. Wir steigen also in den Bus ein und kommen kurz vor David in eine Polizei-bzw. Zollkontrolle. Ein junger Beamte kontrolliert meinen Pass und stellt fest, dass die drei Monate Aufenthaltszeit gestern abgelaufen waren. Dass es sich nur um einen Tag handelt und wir auf dem Weg zur Grenze sind, zählt für den Beamten nicht. Wir müssen aus dem Bus aussteigen und sind verhaftet. An einer Bushaltestelle warten wir auf unseren Abtransport zur Immigration in David. Die Dienststelle befindet sich in einem großen Einkaufszentrum. Da Sonntag ist, kann das Bußgeld hier nicht erhoben werden und man möchte uns für eine Nacht wegsperren. Erst nachdem wir versichern, dass wir genügend Bargeld bei uns haben, um die Busse zu bezahlen, verfrachtet man uns in einen Kleinbus und bringt uns an die Grenze zu Costa Rica. Hier wird über ein kompliziertes Verfahren das Bußgeld erhoben. Zumindest gehen wir davon aus, dass das Verfahren kompliziert sein muss, da es fast zwei Stunden dauert, bis wir die Papiere unterzeichnen und unsere Fingerabdrücke, Old Style, mit Stempelkissen, abgeben können. Danach zahlt jeder von uns 55 US$ und wir müssen das Land sofort verlassen. Zehn Minuten später haben wir den Ausreisestempel in unserem Pass und stehen in Paso Canoas, Costa Rica, auf der Straße. Da es mittlerweile sehr spät geworden ist und wir unter großem Hunger und Durst leiden, machen wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft. Paso Canoas ist voll von diesen Unterkünften und wir entscheiden uns für das Hotel „Casa Amarilla“. In Deutschland würde man Absteige sagen, aber selbst Gaby ist es egal, und in dem nahegelegenen Restaurant bekommen wir auch etwas zu essen. Die Laune hebt sich, bis wir am nächsten Tag zur Immigration nach Costa Rica kommen.
Wo denn unser Ausreiseticket wäre, ist die erste Frage des Beamten. Um nach Costa Rica einreisen zu können, muss man die Ausreise nachweisen. Das Gleiche gilt übrigens auch für Panama. In einem nahegelegenen Ticketcounter kaufen wir jeweils ein Busticket von San Jose nach David. Das werden wir zwar nie benutzen, dient aber als Nachweis, wieder aus dem Land ausreisen zu wollen. Reinhold von der SY Mare, der ebenfalls mit uns reist, ist als Erster dran und bekommt nach Vorzeigen des Bustickets seinen Einreisestempel. Als Nächstes ist Gaby dran. Verhaftet! Der Ausreisestempel von Panama ist von gestern. Das geht natürlich überhaupt nicht. Wir waren einen Tag illegal in Costa Rica. Die Pässe werden eingezogen. Ein und eine halbe Stunde Wartezeit, bis alle Formulare ausgefüllt sind, und dann geht es zurück nach Panama. Unsere Stempel werden wieder entwertet und wir müssen noch einmal aus Panama ausreisen. Jetzt können wir nach Costa Rica einreisen. Eine ganz schöne Rennerei, da die beiden Zollstellen rund 400 Meter auseinander liegen. Wir kaufen ein weiteres Busticket nach Golfito, wo wir uns ein paar Tage aufhalten wollen, um schließlich wieder nach Panama einzureisen. Die Bucht von Golfito ist eine wunderschöne und geschützte Bucht mit einer Marina. Die Preise sind mit denen von Panama vergleichbar. Ein Nationalpark schließt hinter der Küstenstraße an und die bunten Papageien kommen bis in die Ansiedlungen. Aber nicht nur Papageien, sondern auch zahlreiche andere Waldbewohner, wie zum Beispiel Faultiere, können in dem Park bewundert werden. Costa Rica macht auf uns einen sehr sauberen Eindruck. Plastikflaschen und den allgemeinen Plastikmüll findet man hier nur ganz selten. Die Tide ist mit fast vier Metern gewaltig, und so finden wir die Bay of Golfito am nächsten Tag fast ohne Wasser. Wie schon in ganz Mittelamerika erleben wir auch in Costa Rica die Menschen als sehr freundlich und aufgeschlossen. Die Natur und Tierwelt sind einfach phänomenal. Wir haben zwar in der kurzen Zeit nicht viel gesehen, aber das, was wir gesehen haben, hat uns sehr gut gefallen.
Etwas nervös besteigen wir den Bus von Golfito nach Paso Canoas. Nach den Erlebnissen einige Tage zuvor sind wir gespannt, was uns heute erwartet. In Paso Canoas sprechen wir uns alle drei noch einmal Mut zu und nehmen die erste Hürde: das Ausreisen aus Costa Rica. Die Zollbeamtin weist uns darauf hin, dass wir eine Bearbeitungsgebühr von 8 US$ bezahlen müssen. Diese können wir online per Handy oder bei einer Bank bezahlen. Da unsere Tigo-Karte in Costa Rica nicht funktioniert, haben wir kein Netz. Wir brauchen also eine Bank. Allerdings kommt man in eine Bank, in Costa Rica, nicht so ohne weiteres hinein. Taschenkontrolle, Gesichtskontrolle und Fragen nach dem Anliegen müssen beantwortet werden. Eine Dame, die ein wenig Englisch spricht, wird uns beigestellt. Sie geleitet uns zu einem Automaten, an dem wir Name, Passnummer usw. eingeben müssen. Anschließend wird man aufgefordert, die Kreditkarte per Handauflegen zum Bezahlen zu animieren. Das klappt auch beim ersten Mal, nur als ich den zweiten Betrag bezahlen will, verweigert die Karte ihren Dienst. Auch die zweite Kreditkarte will heute nicht. Reinhold kommt mir mit seiner Karte zu Hilfe, und siehe da, der Betrag wird abgebucht. Allerdings ereilt Reinhold das gleiche Problem, nämlich dass der Betrag, den er für seine Ausreise bezahlen muss, vom Automaten verweigert wird. Gaby zückt ihre beiden Kreditkarten, aber auch diese wollen nicht. Erst als Reinhold seine Karte ein weiteres Mal an den Kartenleser hebt, springt der rote Button auf Grün. Obwohl der Schalterraum durch eine Klimaanlage deutlich nach unten gekühlt ist, stehen uns schon wieder die Schweißperlen auf der Stirn. Wir machen uns erneut auf den Weg zur Ausreisestelle, vorbei an einem platt gefahrenen Iguana, der am Straßenrand liegt. Die Straße ist staubig und die Luft flimmert vor Hitze, wie in dem Film „Spiel mir das Lied vom Tod“. Doch schließlich bekommen wir unseren Stempel und sind aus Costa Rica ausgereist. Beim Einreisen nach Panama haben wir dann Glück. Wir treffen auf jenen jungen Beamten, der uns vor David aus dem Bus geholt hat und dem wir während der Wartezeit unsere Geschichte erzählt haben. Er freut sich, uns wiederzusehen, und das Einreisen nach Panama funktioniert problemlos. Wir sind wieder regulär für drei Monate im Land. Erleichterung macht sich breit und uns fällt allen ein Stein vom Herzen. Wir setzen uns in den Bus nach David und treten die Heimreise zu unseren Booten an. In David steht das Gebäude des Einkaufszentrums, in dem die Immigration-Behörde untergebracht war, nicht mehr. Beziehungsweise der ganze Gebäudekomplex ist eingestürzt. Polizei und Feuerwehr sind präsent und retten, was zu retten ist. Leichte Rauchwolken steigen noch in den Himmel. Wir waren es nicht! Zum Zeitpunkt des Unglücks waren wir nachweislich in Costa Rica. Gar nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn wir tatsächlich in einer Zelle bei der Immigration aufgrund unserer Verhaftung hätten übernachten müssen und das Gebäude zwei Tage früher eingestürzt wäre. Wir hoffen, dass das Ganze in der Nacht passiert ist und keine Menschen zu Schaden gekommen sind. Aber so ist das Leben, oder wie der Franzose sagt: „C'est la vie.“
Wir genießen die Freiheit!
Nachdem die letzte Woche eine neue Erfahrung auf unserer Reise mit sich gebracht hat, sind wir diese Woche weitaus entspannter unterwegs. Wir fahren mit dem Taxi zum Einkaufen. Die Kosten teilen wir uns mit der SY Mare. Tja, geteiltes Leid ist halbes Leid und natürlich auch halbe Kosten. Die Marina Vista Mar liegt etwas abseits vom Schuss, um nicht zu sagen im Nirgendwo. Bis zur nächsten Bushaltestelle ist es immerhin ein strammer Marsch von rund 30 Minuten. Hier ist man auf der Panamericana und von dort fahren Kleinbusse in die Stadt und nach Panama City. Um uns diesen Marsch zu ersparen, investieren wir 8 US$ und lassen uns zum Supermarkt fahren. Die Rechnung fällt sehr garstig aus und ich befürchte Böses, was den Transport betrifft. Gott sei Dank ist es nicht weit zum Taxistand. Der Taxifahrer schaut ganz verwirrt, als ich ihn durch die geschlossene Fahrertür anspreche. Dadurch, dass ich auf allen Vieren krieche, schaut nur der Rucksack über das geöffnete Fenster. Mich sieht er zunächst nicht. Als er von innen über den Rand schaut, wirft er mir ein mitleidiges Lächeln entgegen. Wir verstauen die Einkäufe im Kofferraum, was den total verbeulten „Yellow Cab“ deutlich in die Knie zwingt. Der erste Einkauf für die lange Pazifikroute bis zu den Gambiers ist vollbracht. Die Direktroute hat über den Großkreis eine Länge von 3800 Seemeilen. Allerdings sind die Winde über diese Route eher ungünstig. Um schnell Süd zu gewinnen, damit wir in den Südostpassat gelangen, müssen wir einen kleinen Umweg in Kauf nehmen. Zwischen 200 und 700 Seemeilen mehr werden es dann schon werden. Also wird es nicht der letzte Großeinkauf gewesen sein. Wenn wir dann Obst und Gemüse bunkern, ist die Abfahrt nicht mehr weit. Ein Lichtblick hat sich diese Woche unterdessen aufgetan. Die SY Mare hat ein neues Crewmitglied. Es ist zwar noch in Europa, sollte aber in den nächsten Wochen eintreffen. Reinhold würde zwar auch Einhand mitsegeln, aber mir ist es unterdessen wohler, wenn noch jemand bei ihm an Bord ist. Mit dem neuen Monat ist wieder unser Iridium-Go aktiviert. Zum Starlink konnten wir uns noch nicht ganz durchringen. Ich habe mich über Iridium auch schon wieder geärgert, da die Beschreibung zum Einrichten des Accounts unheimlich dürftig ist. So konnte ich zwar E-Mails empfangen, aber nicht senden. Die empfangenen E-Mails muss man vom Server abholen, erscheinen aber nicht in meiner Mailbox. Nach einem Tag finde ich heraus, dass die Pop-Server-Daten in den Einstellungen gelöscht waren, warum auch immer. Jedenfalls funktioniert es jetzt, wenn man bei der Übertragungsrate überhaupt von „Funktionieren“ reden kann. Doch hier in Panama wird man mit der Zeit bescheiden. Die Übertragungsraten sind hier überall nicht gerade „Highspeed“.
Diese Woche haben wir mal wieder das Schiff gereinigt. Das war dringend nötig. Der Wind trägt den Dreck der Berufsschifffahrt bis hierher nach Vista Mar. Schwarze Rußpartikel sorgen für schmierige Streifen an Deck. Man tut gut daran, diese möglichst bald zu entfernen, sonst bekommt man sie gar nicht mehr weg. Bei dem Schiffsverkehr, der um den Panamakanal herrscht, ist diese Luftverschmutzung kein Wunder. Lediglich die Entfernung von 40 Seemeilen hat uns dann doch ein bisschen stutzig gemacht, aber da die Hauptwindrichtung Nordost ist, zieht alles hier durch und wir stehen mitten drin. Ein weiterer Grund, dass es bald losgeht.
So mancher wird sich jetzt fragen, wo denn jetzt die Freiheit ist, die im Titel angesprochen wurde. Tja, für uns ist das Freiheit. Eine Woche, so wie wir sie alle erleben, voll von Routine und Arbeit. Selbst bestimmend, was als Nächstes drankommt, sich Gedanken machen, was noch fehlt, verantwortlich sein für das, was man vergisst oder falsch eingeschätzt hat, und letztendlich die Entscheidung zu treffen, wann die Leinen los geworfen werden. Freiheit hat sehr viel mit Routine zu tun. Diese Routine gibt einem die Sicherheit. Freiheit braucht Sicherheit, um den Weg für neue Abenteuer freizumachen. Freiheit öffnet den Horizont für Neues. Wir unterscheiden uns also nicht von den Daheimgebliebenen. Der einzige Unterschied ist der: Wir haben uns von der Verbotsgesellschaft verabschiedet und dadurch die Möglichkeit bekommen, für uns selbst zu entscheiden, im Guten wie im Schlechten. Die Konsequenzen gehören zur Freiheit dazu.
Panama City oder was ein Straßenzug so alles ausmacht
Die Straße ist staubig. Kindergeschrei übertönt den sonst vorherrschenden Verkehrslärm. Auf der unebenen, mit Löchern versetzten Gasse spielen ein paar Jugendliche Fußball. Ein kleiner Junge steht mit seinem Ball etwas abseits und schaut dem Treiben zu. Zum Mitspielen ist er wohl noch zu jung. Als er mich kommen sieht, läuft er mir entgegen und versucht, möglichst teilnahmslos auszusehen. Ich stelle mich ihm in den Weg und versuche, ihm den Ball abzuluchsen. Darauf hat er nur gewartet. Geschickt verteidigt er den Ball und umläuft mich. Er freut sich und ich lache ihn an. Zwanzig Meter weiter ruft es auf einmal „Senor!“ Ich drehe mich um und der Junge spielt mir den Ball zu. Ich stoppe ihn und spiele ihn wieder zurück.
Die Szene, in der sich das Ganze abspielt, findet in einem der ärmsten Viertel Panamas statt. Die Gegensätze einer Stadt können nicht größer sein als in Panama City. Wolkenkratzer und moderne, ja fast futuristische Gebäude ragen in den Himmel. Eine Straße weiter herrscht das blanke Chaos. Eine Allee mit hohen Mauern, obenauf die Stacheldrahtrollen. Kamerasysteme überwachen die Einfahrt. Dahinter eine parkähnliche Anlage mit hohen Bäumen, die der Villa auf dem Grundstück Schatten spenden. In der nächsten Straße zerfallene Industrieanlagen, in denen die Ärmsten der Armen noch nach etwas Verwertbarem suchen. Im Rahmen unserer Vorbereitungen für den Pazifik machen wir einige Besorgungen in Panama City. Das bringt uns die Stadt ein bisschen näher und wir entdecken ihre schönen und weniger schönen Seiten. Die Mühle, in der wir 50 kg Korn holen, liegt etwas abseits. Der Verkehr ist enorm und das ständige Wechseln der Fahrspur macht die Fahrt nicht gerade entspannter, zumal man immer auf die Löcher im Asphalt aufpassen muss. Schließlich erreichen wir die Mühle, dürfen aber nicht hinein. Die Säcke werden uns vor das Tor gebracht. Schade, hätte mich interessiert, wie das Mehl, das man hier kaufen kann, hergestellt wird. Wir fahren über eine Mautstraße wieder zurück. Die Autobahn führt über eine Bucht und wir erreichen direkt die Innenstadt. Hier befinden sich die modernen Wolkenkratzer. Vor allem Banken und Geschäftshäuser sind hier angesiedelt. Natürlich dürfen die Shopping-Center nicht fehlen und Panama City steht dem gegenüber anderen Städten in nichts nach. Wir suchen einen Schiffsausstatter, der in der Nähe der Stadtmitte in einem kleinen Industriegebiet liegen soll. Nebenan wird auf der Straße ein Auto zerlegt und verwertbare Einzelteile werden dem Ersatzteilhandel zugeführt. Ölauffangwannen gibt es nicht – ist auch egal, denn der Staub deckt ohnehin innerhalb einer Nacht wieder alles zu, sodass man vom ausgelaufenen Öl sowieso nichts mehr sieht. Da wir nicht alles bekommen, fahren wir hinaus zur Flamenco-Marina. Die Marina liegt am Ausgang oder am Eingang – je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet – des Panamakanals auf der Pazifikseite. Hier gibt es ein paar Schiffshändler. Leider ist der Handel in Panama nicht auf Segelboote ausgelegt. Viele Dinge bekommt man hier einfach nicht. Deshalb müssen die meisten Sachen importiert werden. Man tut gut daran, genügend Zeit und Geld für den Transport einzuplanen. Die Shelter Bay Marina auf der Atlantikseite bietet da einen nicht ganz billigen, aber dafür zuverlässigen Service. Der Lieferservice liefert fast täglich aus Miami. Wie dem auch sei: Ich wollte mir noch ein paar Blöcke für den Pazifik mitnehmen, was bedauerlicherweise nicht geklappt hat. Zwischendurch nehmen wir noch Dennis auf, der auf der SY Mare angeheuert hat. Dennis hat sich auf eine Anzeige bei Hand gegen Koje gemeldet und möchte nach Neuseeland. Da Reinhold im Moment alleine ist, trifft sich das ganz gut. Dennis bekommt sogleich zu spüren, was es bedeutet, auf einem Segelboot zu segeln. Der nächste Shop ist ein Buchladen, in dem es Kartenmaterial zu kaufen gibt. Islamorada Internacional S.A. heißt der Laden. Es riecht nach altem Holz und Papier, als wir den Laden betreten. Ich hatte das schon lange nicht mehr erlebt, dass ein Geschäft seinen eigenen individuellen Geruch hat. Meine Oma in Graz lebte in einem Mietshaus mitten in der Stadt und an der Straßenecke war ein Milchladen untergebracht. Damals wurde die Milch noch vor Ort aus der Kanne in gläserne Milchflaschen abgefüllt. Der Geruch von Bohnerwachs und geronnener Milch machte das Stiegenhaus zu einem ganz besonderen Geruchserlebnis. Ich glaube, so einen Geruch vergisst man sein Leben lang nicht mehr. Genauso wie ich den Geruch dieses Buchladens nie wieder vergessen werde. Die Regalwände aus massivem Holz, die Theke als Vitrine, mit allen möglichen Schriftstücken zugestellt. Einige Bücher sind in die Jahre gekommen, andere haben das Ausgabedatum von diesem Jahr. Kartenmaterial steht weltweit zur Verfügung, und auch wenn der Laden eine gewisse Nostalgie verbreitet, kann man hier durchaus aktuelle Charts und Cruising-Guides kaufen. Länger als notwendig halten wir uns hier auf, bevor wir uns dann endlich der Altstadt widmen. Casco Viejo ist auf einer Landzunge gebaut und seit 2003 UNESCO-Weltkulturerbe. 1673 wurde hier die neue Stadt gebaut, nachdem die alte Stadt zwei Jahre zuvor von Henry Morgan angegriffen und letztendlich völlig zerstört worden war. Im 18. Jahrhundert wurde das Viertel erneut durch einen Brand stark beschädigt. In den letzten Jahren hat man viel für den Wiederaufbau getan und mit zahlreichen historischen Gebäuden, Restaurants und Kneipen entstand ein durchaus sehenswerter Stadtteil. Auf der Calle 13 Oeste spielen die Kinder dann wieder Fußball und sind so weit entfernt von dem Glamour dieser Stadt, obwohl er nur einen Straßenzug weiter beginnt. Etwas nachdenklich setzen wir uns ins Auto und fahren die Strecke nach Vista Mar zurück. Es herrscht ein enormer Verkehr und man benutzt eine Spur der Gegenfahrbahn, um die Autoschlange besser abfließen zu lassen. Aber auch das hilft nicht viel. 30 Kilometer außerhalb der Stadt haben wir es dann geschafft und die Anzahl der Autos nimmt langsam ab. Spät am Abend erreichen wir todmüde unsere Katinka.
Am nächsten Tag geht es mit den Einkäufen weiter. Wir bunkern insgesamt für knapp 400 € Lebensmittel, wobei wir noch keine Frischware wie Obst und Gemüse eingekauft haben. Dies werden wir erst kurz bevor wir ablegen machen. Leider müssen wir zurzeit mit Gegenwind auf der Strecke rechnen, sodass sich unsere Abfahrt noch ein klein wenig verzögert. Aber wie heißt es so schön: „Der geduldige Schiffer hat immer den richtigen Wind.“ In diesem Sinne wünschen wir euch, immer auf der richtigen Straßenseite zur Welt zu kommen.
Der große Pazifik
In letzter Zeit schlafe ich etwas schlecht. Konnte ich es bisher auf die senile Bettflucht abtun, ist es diesmal etwas anderes. Seit Tagen lade ich von Iridium Go Wetterdaten herunter, die ich über ein Abo von Wetterwelt in Kiel als Grib-File empfange. Das Standardseegebiet der Wetterwelt für den Pazifik ist 800 KB groß und der Download benötigt über Iridium ca. zwei Stunden. Ich habe mir ein persönliches Vorhersagegebiet eingerichtet und konnte die Dateigröße auf 600 KB reduzieren. Dadurch gewinne ich beim Download eine halbe Stunde. Immer noch sehr lang, aber bei vier bis sechs Wochen täglichem Datenempfang macht das 14 bis 21 Stunden Zeitersparnis. Frühmorgens habe ich den besten Empfang. Möglicherweise schlafe ich deshalb so schlecht, weil ich den besten Zeitpunkt für den Datenempfang nicht verschlafen will, oder es ist einfach die Größe des Ozeans, die mir Respekt einflößt. Wie dem auch sei, der Pazifik ist riesengroß.
Neben den Wetterdaten sind noch einige Sachen zu erledigen. Die Riggkontrolle habe ich letzte Woche und gestern durchgeführt. Die Gasflaschen werden noch einmal alle aufgefüllt und letzte Einkäufe werden getätigt. Wobei man bei Gaby nie genau sagen kann, wann es der letzte Einkauf ist. Das Wetterfenster kristallisiert sich immer mehr heraus, und wenn sich das Wetter so weiterentwickelt, wird es Montag oder Dienstag nächste Woche werden. Wir verabschieden uns dann für ca. vier bis sechs Wochen. In dieser Zeit wird es keine Blogeinträge und kein Lebenszeichen von uns geben. Für den ein oder anderen wird das eine Erholung sein, manche werden aber auch mitfiebern und den Tag, an dem wir uns zurückmelden, nicht erwarten können. Für die Zeit, in der wir uns auf diesem enorm weiten, blauen Ozean aufhalten, werden wir eine Minimalkommunikation über Spot und Iridium Go aufrechterhalten. Über Spot könnt ihr unsere Route und den Standort in Echtzeit verfolgen. Die Spot-Seite ist mit unserer Homepage verknüpft, auf deren Startseite ein Button zu unserem Spot-Account führt. Über Iridium Go werden wir, wie schon oben erwähnt, die Wetterdaten empfangen und eine Sprachverbindung zu Philipp aufrechterhalten. Falls es jemanden interessiert, wie es uns geht, kann er also Philipp kontaktieren, der gerne Auskunft gibt. Die Zeitverschiebung beträgt im Moment –5 Std. UTC. Auf den Gambier-Inseln, unserem nächsten Ziel, sind es dann –9 Std. UTC. Allein die große Zeitverschiebung zeigt auf, wie groß der Pazifik ist. Dabei haben wir nach den rund 4000 Seemeilen noch nicht einmal die Hälfte des Ozeans zurückgelegt. Trotzdem freuen wir uns jetzt, dass es bald losgeht. Die Gambiers sind eine Inselgruppe, die nicht von sehr vielen Seglern angelaufen wird. Wir hoffen, dass wir hier noch das ursprüngliche Polynesien erleben. Doch sind damit natürlich auch diverse zivilisatorische Selbstverständlichkeiten nicht vorhanden. Möglicherweise wird es nach Ankunft auf den Gambiers schwierig, ein Lebenszeichen von uns zu geben, da das Internet ziemlich schlecht sein soll. Wir werden natürlich versuchen, uns so bald wie möglich zu melden. Außerdem werden wir die Tage auf See dokumentieren und zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlichen.
Am Montag werden wir in San Carlos ausklarieren. Laut unseren Informationen sollte dies problemlos funktionieren. Anschließend werden wir noch frisches Obst und Gemüse einkaufen. Den Dieseltank füllen wir auch noch mal, sodass der Begriff „Lastenkahn“ wieder an Bedeutung gewinnt. Ich bin gespannt, welche Etmale wir erzielen werden.
Unser neues Crewmitglied fühlt sich unterdessen sehr wohl bei uns. Wir haben ihn Charly getauft. Der kleine Gecko wird hoffentlich nicht seekrank und findet genug zu fressen. Im Moment ist er gerade einmal vier Zentimeter. Mal sehen, wie viel er bis zu den Gambiers zulegen kann. Wir freuen uns, Charly bei uns an Bord begrüßen zu können.
Soweit ist alles in Ordnung. Ich werde heute noch einmal unseren Motor überprüfen und die Checkliste durchgehen, um auch nichts vergessen zu haben. Ich wollte mir noch ein paar Umlenkrollen besorgen, doch leider waren einfache Blöcke in Panama nicht zu bekommen. Als wir noch in der Shelter Bay lagen, hatte ich ein paar aus Amerika bestellt. Dummerweise hat der Anbieter dann einen Rückzieher gemacht und die Zeit bis zu unserer Abreise war zu kurz, um einen anderen Verkäufer zu finden. Ich dachte erst, dass dies kein Problem wäre, schließlich hat es ja auf der Pazifikseite in Panama City einige Chandler, doch weit gefehlt. Das Zubehör für Boote beschränkt sich meist auf Angelbedarf und, wenn du Glück hast, ein paar chinesische, rostfreie Schäkel. Also nichts, was man wirklich gebrauchen kann. Sollte einer kaputtgehen, müssen wir halt improvisieren.
Über den Pazifik
Kapitel 2
Still, still ruht die See
Das mit dem Ausklarieren ist dann doch nicht so einfach. Man braucht eine aktuelle Zarpe in Panama, um ausklarieren zu können. Unsere ist zwar gültig, hat aber den falschen Ausgangshafen. Wir benötigen eine Neue, die es nur in Panama City bei der Port Authority gibt. Gaby und ich sitzen also an dem Tag, an dem wir auschecken wollen, frühmorgens im Bus nach Panama City. Wir haben viel vor, schließlich wollen wir morgen los. Port Authority stellt uns also eine neue Zarpe aus. Die Immigration weigert sich allerdings, uns den Stempel in den Pass zu drücken, da wir in Vista Mar liegen und es eine Immigration in San Carlos gibt. Die wäre für uns zuständig. Im Supermarkt noch geschwind ein letztes Mal frisches Gemüse eingekauft, fahren wir nach San Carlos. Draußen hat es knapp 30 °C im Schatten. Schwitzend laufen wir durch den Ort, bis wir die Immigration erreichen. In dem kleinen Container herrschen mal gerade 16 °C. Zumindest ist das die Anzeige, die das Klimagerät anzeigt. Die Beamtin sitzt mit einem Parka, zugeknöpft bis oben hin, an ihrem Schreibtisch und lächelt uns an. Wir frieren Sie offensichtlich nicht. Nachdem wir ihr erklärt haben, warum wir so viele Stempel von Panama im Pass haben und welcher jetzt der letztgültige ist, macht sie sich, wie das auf Behörden so üblich ist, von allen Dokumenten eine Kopie und drückt den Ausreisestempel in den Pass. Nach sechs Stunden haben wir es geschafft. Wir haben ausklariert. Nun steht unserer Abreise nichts mehr im Weg.
Am nächsten Tag verlegen wir um 8:00 Uhr an die Tankstelle der Marina und bunkern Diesel. Um 9:50 Uhr sind wir mit allem fertig und werfen die Leinen los. Das große Abenteuer Pazifik beginnt. Nicht gerade schnell, aber immerhin mit 4,5 Knoten durchqueren wir die Bucht und halten auf das Kap Punta Mala zu. Um Mitternacht erreichen wir das Kap, an dem eine enorme Strömung setzt. Nur gut, dass die Richtung stimmt. Die Mare ist erst um 15:00 Uhr losgekommen und liegt rund 15 Seemeilen hinter uns. Wir erreichen inzwischen fast 6 Knoten und kommen zügig voran. Etwas südlich von uns liegt ein Verkehrstrennungsgebiet, das wir queren müssen. Hier wird für den Panamakanal schon einmal vorsortiert. Dementsprechend viel Verkehr herrscht hier. Doch das Überqueren klappt problemlos und wir segeln auf den offenen Pazifik hinaus.
Ihr kennt das auch: Die Wettervorhersage stimmt exakt an dem Tag, für den sie gemacht ist, hat aber mit der Vorhersage drei Tage zuvor nur wenig bis überhaupt nichts zu tun. Vor drei Tagen hatten wir noch guten Wind bis zu den Galapagos-Inseln. Heute wird gähnende Flaute angesagt. 20 Seemeilen südlich von Kap Morro de Puercos erwischt es uns dann. Von jetzt auf gleich 15 Knoten Wind auf 2 Knoten. Wir trudeln aus und kommen fast zum Stillstand. Nur die Strömung treibt uns mit 2 Knoten Richtung Südwest. Das geht den ganzen Tag so und die heruntergeladene Wettervorhersage prophezeit nichts Gutes. Ihr kennt das auch: Ungünstige Wettervorhersagen, die drei Tage vorher erstellt wurden, stimmen meistens. Nur die günstigen Wetterprognosen sind meist gefehlt. So auch in unserem Fall. Mit kurzen Ausnahmen: Wenn die Sonne untergeht, frischt der Wind etwas auf und wir machen ein bisschen Fahrt.
Eine Segelyacht funkt uns an und fragt nach, ob wir ein Feuerzeug übrig haben. Haben wir, und so wird bei einem Rendezvous das Feuerzeug mit einem perfekten Wurf übergeben. Man hilft, wo man kann. Leider nutzt auch die gute Tat nicht, und so heißt es auch am nächsten Tag: Still, still ruht die See. Wir vertreiben uns die Zeit mit Lesen und Schlafen. Mit der Mare sind wir über Iridium im ständigen Kontakt und auch Vili, unsere Bodenstation, ist über Satellit erreichbar. Bedauerlicherweise hat auch er, was das Wetter betrifft, keine guten Nachrichten. Es soll erst einmal so bleiben. So gewöhnen wir uns langsam ein und auch Gaby geht es recht gut, obwohl sie ja sonst immer mit Seekrankheit zu kämpfen hat. Das ist im Moment nicht der Fall, was sicherlich dem ruhigen Wetter geschuldet ist, aber für irgendwas muss ja diese Flaute gut sein. Mit 2 bis 4 Knoten Wind quälen wir uns mit 1,5 Knoten Richtung Südwest. Immerhin in die richtige Richtung. In der Nacht hatten wir eine Driftphase, die uns nach Nordwest versetzte. Vielleicht sollten wir noch einmal über unser Reiseziel nachdenken und doch lieber Mexiko ansteuern. Nein, war nur ein Scherz. Die Gambier Islands sind unser nächstes Reiseziel und dabei bleibt es auch. Beim Vorbeifahren werfen wir einen kurzen Blick auf die Galapagos-Inseln und hoffen, dass wir dann südwestlich davon den Südostpassat erwischen. So, jetzt wird erst einmal ein Tee gekocht und dann weiter relaxt. Mal sehen, was die Mare so macht.
Der hüstelnde alte, weiße Mann
Eine Grimasse schaut auf mich herab. Weißer Vollbart mit tiefgelegenen grauen Augen. Den Mund durch die vielen Haare im Gesicht nur zu vermuten. Die Stirn, ebenfalls weiß wie sein Bart, lang nach oben gezogen. Auf dem Kopf sitzt eine Art Studentenhut. Breit ausladend, von innen weiß, nach außen immer dunkler, grau werdend – ja, sogar fast schwarz. Seine Mimik verändert sich. Ein gequältes, verzerrtes Gesicht, so als kratze ihm irgendwas im Hals und er wolle gleich loshusten. Er grinst mich an, der alte, hüstelnde, weiße Mann. Ich liege auf dem Rücken im Cockpit und schaue in den Himmel. Der Stille Ozean macht seinem Namen alle Ehre. Sanft hebt uns die Welle an und senkt sich den halben Meter wieder nach unten. Es ist heiß, die Sonne brennt gnadenlos und die Luft ist schwer. Ich frage mich, wann dieser alte, hüstelnde, weiße Mann vor die Sonne tritt und sie verdeckt. Wir sind jetzt seit Tagen unterwegs. Lasst mich überlegen, es ist schon eine ganze Woche her. Man verliert so schnell das Zeitgefühl hier draußen und die Gedanken konzentrieren sich auf das, was man hier wahrnimmt. Viel ist es nicht. Wenn Wellen vorhanden sind, in erster Linie die Wellen. Man sieht sie nicht nur, man spürt sie auch. Sie halten einen in Bewegung. An solchen Tagen wie heute nicht einmal das. Wie Blei liegt die See vor uns, und wenn ich es nicht genau wüsste, würde ich darüber nachdenken, ob die Hitze, die zurzeit herrscht, von der Sonne oder dem bleiernen Meer käme. Vermutlich von beidem. Wie der Vorhof zur Hölle, und der alte, hüstelnde, weiße Mann freut sich, dass ich den Weg alleine finde. Ab und zu fliegt mal ein Tölpel vorbei und schaut, was wir hier so machen. Gestern Abend ist einer auf unserem Bugkorb gelandet und hat sich für den Rest des Tages eingerichtet. Als ich in der Nacht den Bug wechselte und die Genua auf Backbord legte, beschwerte er sich lauthals. Trotzdem bleibt er sitzen und fliegt erst am Morgen weg. Natürlich hat er den ganzen Bug verschissen. Gaby und ich machen die Sauerei am nächsten Tag wieder weg. Wenn ich wüsste, ob Tölpelsuppe gut schmeckt, würde er das nächste Mal im Topf landen. Ich blinzle und der alte, hüstelnde, weiße Mann grinst immer noch. Sein Hutrand wird immer größer und dunkler. Wie schon gesagt, das Wetter sieht schon seit ein paar Tagen so aus. Selten über fünf Knoten Wind, selten über drei Knoten Fahrt im Schiff. Eine gewisse Gleichgültigkeit stellt sich ein und ich strecke dem alten, hüstelnden, weißen Mann die Zunge raus. Wohl wissend, dass man so was nicht macht und dass man vor dem Alter Respekt haben sollte. Aber wer hat heute noch Respekt vor dem Alter? Ich versuche, die Augen wieder zu öffnen, was mir nur zum Teil gelingt. Zusammengekniffen nehme ich auf der Windanzeige wahr, dass der alte, hüstelnde, weiße Mann mal wieder gehüstelt hat. Wenn ihr mich fragt, macht er es nicht mehr lange, weil das, was da herauskommt, maximal eine halbe Stunde anhält. Und was dann kommt, ist auch nicht viel. Fünf Knoten Wind, das war es dann auch schon. Reicht maximal zwei Seemeilen weit und dann heißt es wieder auf dem Rücken liegen und in die Grimasse des alten, hüstelnden, weißen Mannes schauen. Cumulonimbus heißt er wohl, hab ich mir sagen lassen. Er wird nur nicht gerne angesprochen. Ich versuche es trotzdem. Er wird ungehalten. Zunächst ändert er seine Farbe. Die weißen Wolken, die an seinem Hutrand ohnehin schon schwarz waren, werden grau bis dunkelgrau. Sein Gesicht verschwindet so langsam und an dessen Stelle reichen lange grau-beige Fäden bis in die See. Die Sonne wird von der Hutkrempe verdeckt und es kühlt merklich ab. Spätestens jetzt sollte man den alten, hüstelnden, weißen Mann ernst nehmen. Ich stelle den Autopiloten auf Windsteuerung 45°. Die grau-braune Wand schleicht sich von hinten an. Sie kommt näher und näher. Wie ein Vorhang verschleiert sie, was sich dahinter verbirgt. Den Vorhof zur Hölle nehme ich an. Der Wind nimmt zu und unser Schiff nimmt Fahrt auf. Bei fünfzehn Knoten erreichen uns die ersten Regentropfen. Die zuvor bleierne See kocht hinter uns. Jetzt frage ich mich schon, ob der Gedanke mit dem Vorhof zur Hölle so abwegig war. Ich will es lieber nicht wissen. Bei 45° Windeinfallswinkel machen wir bei 15 Knoten Wind, sieben Knoten Fahrt, ab und zu zeigt sich auch mal die Acht. Der Vorhang zieht von Backbord nach Steuerbord hinter uns durch und uns erwischen nur ein paar Regentropfen. So schnell wie der Wind zugenommen hat, so schnell nimmt er auch wieder ab. Wir trudeln langsam wieder aus und nach dem Vorbeiziehen einer Restdünung liegen wir wieder in der bleiernen See, wie in einem Leimtopf, obenauf schwimmend, festgeklebt. Ach nee, heutzutage klebt man ja schwere Sachen mit Sekundenkleber fest. Ich liege auf dem Rücken und blinzel in die Sonne. Eine Grimasse schaut auf mich herab. Da ist er wieder, der alte, hüstelnde, weiße Mann. Was ich mich schon immer gefragt habe, ob der verborgene Mund auch Zähne hat. Doch manche Dinge will man vielleicht gar nicht so genau wissen.
Tag 17 – Die Highlights bis dahin
Seit heute Morgen versucht uns eine kanadische Yacht zu überholen. Aber auch er segelt hart am Wind und ist in seinen Möglichkeiten beschränkt. Wir sind jetzt den 17. Tag auf See und behaupten uns gegen einen Südwestwind. Südwestwind im Pazifik gibt es allenfalls unten in den Rowing Fourthys oder Fifthys, wird so mancher sagen, aber nicht auf 2° Süd. Tja, der Meinung waren wir auch, aber man lernt eben nie aus und so segeln wir auf der Kante und verteidigen jede Minute West, die wir schon errungen hatten. Neben uns die Tucan, wie gesagt eine kanadische Yacht. Die Mare, unser Buddy-Boot, steht knapp 70 Seemeilen südöstlich von uns und versucht, schneller Süd zu gewinnen, um in den Südostpassat zu gelangen und die verlorenen Meilen nach Osten wieder gutzumachen. 17 Tage und noch nicht einmal 900 von 4000 Seemeilen geschafft. Unsere Atlantiküberquerung war damals nach 17 Tagen beendet. Hier auf dem Pazifik kommen wir einfach nicht so recht vom Fleck. Die ersten beiden Tage schafften wir ja noch, bei mäßigem Wind, mit einem Etmal von knapp unter 100 Seemeilen, aber danach war nur noch Flaute angesagt. Kurz vor den Galapagos erreichen wir den Äquator. Ein Highlight, das wir dringend gebraucht haben. Es ist ganz schön frustrierend, so viele Meilen vor sich zu haben und sie nicht dahin schmelzen zu sehen. Für Gaby und mich ist es die erste Taufe und so beschmeißen wir uns gegenseitig mit Kartoffelschalen, sagen jeweils unseren Taufspruch auf und leeren das Pazifikwasser über uns hinunter. Zu diesem Anlass haben wir eine Flasche Sekt mit Goldplättchen dem Proviant beigefügt. Den Meeresgott nicht zu vergessen, schütten wir ein Glas in den Pazifik und trinken den Rest auf unser Wohl. Mögen die Götter uns auf der Südhalbkugel genauso beschützen wie auf der Nordhalbkugel. Neben diesem positiven Highlight kommen in den ersten Tagen unserer Reise zu den Gambier-Inseln noch eine Menge anderer Höhepunkte hinzu. Am 13. Tag riss unser Großfall. Bei einer 1,5 m hohen Welle den Mast hinaufzuklettern, wenn auch mit Maststufen, ist kein Vergnügen. Oben angekommen, sich dann irgendwie festzuhalten und zu stabilisieren, eine besondere Herausforderung. Jetzt noch irgendetwas da oben zu arbeiten, fast unmöglich. Die Beschleunigungen meines Körpers dort oben waren so heftig, dass ich am ganzen Körper mit blauen Flecken wieder unten ankomme. An ein Einfädeln eines neuen Großfalls in den Mast ist gar nicht zu denken. Ich befestige eine Umlenkrolle im Top und ziehe das Fall außen am Mast entlang. Ich bin froh, wieder unten zu sein. Es sieht zwar nicht schön aus, aber es funktioniert. Zumindest so lange, bis wir eine ruhige Ankerbucht finden. Mittlerweile werden die Tölpel zur Plage. Waren es erst zwei, haben wir nun acht von den Viechern auf der Reling sitzen. Ich habe keine Lust, jeden Tag für die Tölpel das Klo zu putzen, also muss eine Lösung her. Am Nachmittag baue ich mich, als Galionsfigur, vorne am Bug auf. Das gefällt den Vögeln gar nicht und sie beschweren sich, ich solle verschwinden. Nach zwei Stunden geben sie auf und ich verlasse meinen Posten. Am nächsten Morgen sitzen wieder acht Tölpel auf der Reling. Gut, da muss eine andere Lösung her. Wir binden rote Bändchen an die Reling. Das schreckt zwar die meisten ab, aber zwei machen sich immer noch nichts draus. Erst als ich einen dieser Herren, ich gehe mal davon aus, dass es zwei Herren waren, etwas unsanft von der Reling schubse und er vor lauter Überraschung über diesen dreisten Angriff ins Wasser fällt, lässt sich von den Tölpeln keiner mehr blicken. Währenddessen schaukeln wir in die nächste Flaute. Ich starte in der Nacht die Maschine, um die Batterien ein bisschen nachzuladen. Tagsüber war es sehr trüb und da wir auch keinen Wind hatten, sind wir mit unserer Stromkapazität am unteren Level. Plötzlich ein markerweichender Pfeifton. In meinem nächtlichen Tran bin ich zunächst völlig orientierungslos, bis ich die Temperaturwarnlampe des Motors sehe. Ich schalte den Motor sofort ab und sehe, dass er sehr heiß geworden ist. Irgendetwas stimmt mit dem Kühlsystem nicht. Darum werde ich mich dann morgen kümmern. Am nächsten Morgen überprüfe ich zunächst einmal die Seewasserzufuhr. Der Ansaugstutzen ist frei, es kann also ungehindert Seewasser angesaugt werden. Der Impeller der Seewasserpumpe ist als Nächstes dran und siehe da, er sieht ganz schön zerrupft aus. „Den müssen wir tauschen“, sage ich zu Gaby, die mich völlig verständnislos anschaut. Für sie ist das immer Stress pur, wenn irgendetwas nicht funktioniert. Ja, und bisher sind da schon ein paar Dinge auf einmal zusammengekommen. Nachdem der Impeller getauscht ist, kühlt das System den Motor wieder einwandfrei. Also alles im grünen Bereich. Bis auf das, dass wir kaum vom Fleck kommen, geht es uns gut. Wir haben jetzt nach 17 Tagen endlich die Galapagos-Inseln erreicht, an denen wir vorbeisegeln und direkt zu den Gambier-Inseln wollen. Noch 3100 Seemeilen bis zum Ziel. Hoffentlich erreichen wir bald den Südostpassat.
Wer in die Wüste geht, muss mit Sonne rechnen
Der 24. Tag ist mittlerweile hereingebrochen und wir suchen immer noch den Südostpassat. Nicht nur, dass wir ganz langsam vorankommen – nein, wir haben jetzt auch schon Tage dabei, da bewegen wir uns nicht vom Fleck. Ich springe in den Stillen Ozean. Blau, klar, an dieser Stelle etwas über 3000 m tief. Mit einer Spachtel in der Hand befreie ich mal wieder den Rumpf von Bewuchs. Bisher hat das Coppercoat ja ganz gut funktioniert. Hier im Pazifik scheint dies nicht mehr der Fall zu sein. Der Rumpf ist voll von Muscheln. Während ich so kratze, stupst mich eine riesige Schildkröte von hinten an. „Du hast wohl nichts dagegen, wenn ich mir hier mein Mittagessen abhole.“ „Natürlich habe ich nichts dagegen, aber vielleicht kennst du ja den, der hier für den Wind zuständig ist.“ „Da könntest du für die Katinka einmal ein gutes Wort einlegen.“ „Mal sehen, was sich machen lässt“, und schon ist sie wieder verschwunden. Wer nicht verschwindet, sind die schönen Goldmakrelen ums Boot. Es sind so viele, dass man sie nicht zählen kann. Mit einem ausreichenden Sicherheitsabstand beäugen sie, was ich denn da tue. Ich wundere mich, dass wir noch keine gefangen haben, und nehme mir vor, die Taktik zu ändern.
Nachdem der Rumpf gereinigt ist, packe ich meine Angel aus und montiere einen Blinker. Eine kräftige Schnur habe ich auf der Rolle. Beim dritten Mal habe ich meinen ersten Biss. Mit 85 cm ist es ein beachtlicher Bursche, der uns für vier Tage mit Fisch versorgt. Schmecken tun die Mahi Mahi sowieso hervorragend und es freut uns, ein bisschen Abwechslung in die Küche zu bringen. Ich weiß nicht, mit wem die Schildkröte gesprochen hat, aber begeistert schien derjenige nicht von dem Anliegen, uns ein bisschen Wind zukommen zu lassen. Dennoch scheint er sich gegenüber der Schildkröte verpflichtet, und so kommt es, dass wir wenigstens etwas Wind abbekommen. Jetzt bewegen wir uns zwar, kommen aber über lausige Etmale von 30 Seemeilen nicht hinaus. Einzig die Squalls, die in dieser Gegend zahlreich auftauchen, katapultieren uns immer für eine Stunde mit fünf Meilen voraus. Durch die drastische Windzunahme, gefolgt von heftigem Regen, verwandelt sich das Meer danach immer wieder in einen Kartoffelacker. Man stelle sich vor, man fährt von München nach Hamburg über einen Kartoffelacker, immer quer zur Furche, und dann stellt man sich vor, dies siebenmal länger zu tun. So fühlt sich die Fahrt von Panama zu den Gambier-Inseln nach einem Squall an, wenn der Wind schon längst wieder eingeschlafen ist und nur noch die Restdünung ihr Unwesen treibt. Am 21. Tag haben wir dann unsere ersten 1000 von 4000 Seemeilen erreicht. Der Skipper gönnt sich zu diesem Anlass ein Hefeweizen, das er extra für solche Anlässe in der Bilge mitführt.
Je weiter wir nach Süden kommen, desto beständiger wird der Wind, obwohl er bis jetzt noch nicht kräftig zugenommen hat und wir deutlich hinter unserem Zeitplan liegen. Unser Bodyboat, die Mare, kommt mit den Leichtwindbedingungen scheinbar besser zurecht und ist uns gute 100 Seemeilen enteilt. Dennoch sind wir jeden Tag über Iridium in Kontakt und tauschen uns aus. Letztendlich muss aber jeder die Strecke selbst bewältigen und ich finde, unsere alte Lady schlägt sich da nicht schlecht. Mancher wird sich fragen: Was macht man denn den ganzen Tag auf einem Boot? Nun, langweilig wird einem nicht. Mal abgesehen davon, dass man durch die Nachtwachen und die dadurch verkürzten Schlafphasen permanent müde ist, halten einen die Squalls auf Trab oder, so wie heute, ein Fischerboot. Über Funk erringt er unsere Aufmerksamkeit, noch bevor wir ihn zu Gesicht bekommen. Da der Kapitän nur Spanisch spricht und unseres sehr schlecht ist, kommt keine richtige Kommunikation zustande. Das ist auch gar nicht beabsichtigt. Lediglich die Aufmerksamkeit scheint ihm wichtig. Er steht auf unserer Kurslinie und fährt Zickzack. Zwei Meilen vor uns dreht er dann ab und fährt davon. Etwas verwundert setzen wir unsere Fahrt fort. Zwei Meilen später wundere ich mich, dass Möwen über das Wasser laufen können. Unmittelbar an Backbord taucht dann eine unmarkierte Reuse auf, die nicht einmal einen halben Meter aus dem Wasser ragt und so groß wie ein halber Container ist. Ein bisschen mehr Backbord und wir wären draufgerumpelt. Was bei Tag schon schwer auszumachen ist, wird bei Nacht zur tödlichen Gefahr. Wir können nur hoffen, dass der Fischer seine Reusen alle wiederfindet und bis zur Nacht eingesammelt hat, oder wir sein Fischgebiet mitten im Stillen Ozean verlassen haben. Gerade solche Ereignisse sind die Streichhölzer zwischen den Augenlidern, die einen trotz Übermüdung wachhalten und die keine Langeweile aufkommen lassen. Mit dem heutigen Tag sollten wir die Kalmenzone so langsam verlassen und auf 5° Süd den Rand des Südostpassats erreicht haben. Dann beginnt hoffentlich die Aufholphase.
Soweit, so gut
---ENDE DER LESEPROBE---