Frau an der Front - Alaine Polcz - E-Book

Frau an der Front E-Book

Alaine Polcz

0,0
19,99 €

Beschreibung

Klausenburg/Siebenbürgen, März 1944. Die Stadt, die seit kurzem wieder ungarisch Kolozsvár heißt, ist von den Deutschen besetzt, Deportationen sind in vollem Gang. Alaine, Kind aus einer ungarisch-protestantischen Familie, versucht, jüdischen Bekannten zu helfen. Sie ist ein offenes, unerschrockenes junges Mädchen, verliebt in János, mit dem sie sich im Herbst, als die Front naht, zur Flucht entschließt. Westlich von Budapest gerät die kleine Flüchtlingsgruppe mitten in die ungarisch-deutsch-russischen Kriegshandlungen hinein. János wird von Rotarmisten abgeführt, Alaine fällt der systematischen Vergewaltigung zum Opfer. Was ihr widerfuhr und wie sie überlebt hat, darüber kann sie erst Jahrzehnte später sprechen. Als das Buch 1991 erschien, löste es ungläubiges Entsetzen aus. In elf Sprachen übersetzt, zählt es heute zu den bedeutendsten Lebenszeugnissen von Frauen aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs in Mitteleuropa.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 297

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Alaine Polcz

Frau an der Front

Ein Bericht

Aus dem Ungarischenvon Lacy Kornitzer

Suhrkamp Verlag

Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel Asszony a fronton. Egy fejezet élemből im Verlag Jelenkor, Pécs, als Band 1 der Werkausgabe von Alaine Polcz.

Der Übersetzer dankt dem Deutschen Übersetzerfonds für die Unterstützung.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2011

© der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag Berlin 2011

© Alaine Polcz 2012

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

eISBN 978-3-518-78340-5

www.suhrkamp.de

Inhalt

Die Hochzeitsreise

Flüchtlingsidyll

Die Front

Der Frieden

Epilog

Anmerkungen des Übersetzers

Biographische Notiz

Im Krieg ist es nicht leicht.

In der Ehe auch nicht.

Ich werde versuchen, Dir davon zu erzählen,

denn einmal muß es ja erzählt werden.

Die Hochzeitsreise

János und ich haben uns am 27. März 1944 trauen lassen (im vierten Kriegsjahr), in der Kirche an der Farkas-Straße.

Kennst du diese gewaltige, fünfhundert Jahre alte gotische Kirche mit ihrem streng puritanischen Innenraum? Nebenan bin ich zur Schule gegangen, aufs reformierte Mädchengymnasium, hier bin ich konfirmiert worden, und hier habe ich an den wichtigeren Feiertagen Gedichte aufgesagt.

Getraut hat uns der Bischof; an der Zeremonie nahmen auch János Székely, der Religionslehrer, ebenfalls im Talar, und mein Patenonkel teil, Ferenc Deák, ein evangelischer Pastor aus Hídelve. Auch meine Lehrer waren gekommen, und die Klassenkameraden, alle in Schuluniform, standen Spalier.

Vor der Hochzeit hatten sie mich damit aufgezogen, daß ich, wenn es erst soweit sei, das Gelübde auf Latein sprechen müsse, noch dazu unter dem strengen Blick von Erzsike Kovács, der Lateinlehrerin. Doch Erzsike Kovács umarmte mich nach der Zeremonie, beglückwünschte mich und flüsterte mir ins Ohr: »Von nun an können wir uns duzen.«

Das sind meine schönen Erinnerungen an die Hochzeit.

Aber die vielen Menschen! Wie die Schleppe halten, den Schleier, den Blumenstrauß und gleichzeitig den Arm meines Bräutigams? Kleid und Schleppe würden am Kokosteppich hängenbleiben und mich beim Gehen stören, wenn ich sie nicht hochhielt. Auf dem Weg zur Kirche, im Auto, machte mir der Trauzeuge, den János ausgewählt hatte, wie wild den Hof; ich verstand ihn nicht gleich, und er gab mir den Rat: »In der ersten Nacht dürft ihr nichts machen, Kinder, ihr seid zu müde, verderbt es euch bloß nicht gleich.«

Die Rede des Bischofs zog sich gnadenlos in die Länge, ich war außerstande, ihm zu folgen, das Stehen ermüdete mich, in einem fort blitzte Magnesiumlicht (es wurde fotografiert), und jedes Mal zuckte ich zusammen.

János streckte gelangweilt ein Bein aus (was dem Bischof nicht entging und mich peinlich berührte). Dann war es vorbei. Ich wartete auf eine Geste, auf ein Wort von ihm, doch nein, er sah mich nicht mal an. Da fühlte ich mich plötzlich leer; ob wir auf dem Nachhauseweg überhaupt miteinander gesprochen haben, weiß ich nicht mehr, wir waren wie betäubt und kamen kaum zu unserem Auto durch − so viele Menschen, die uns bedrängten.

Am Abend dann das Hochzeitsdinner: Braut und Bräutigam am Kopf der Tafel. Wurde den Gästen auf Porzellantellern serviert, reichte man uns Silbergeschirr. Folgte für sie der nächste Gang in Silber, kredenzte man ihn uns in Gold. Jedesmal landeten die Schüsseln zuerst bei mir, ich tat »meinem Mann« auf, dann mir selbst. (Danach war der Bischof an der Reihe und nach ihm meine Mutter.) Erzsi, unser Dienstmädchen aus dem Széklerland – wir hatten uns gemeinsam verlobt und gemeinsam auf die Briefe von der Front gewartet, wo ihr Mann dann gefallen war –, flüsterte mir, rot im Gesicht, ins Ohr: »Nehmen Sie nicht so viel!« Später richtig zornig: »Auch Ihre gnädige Frau Mutter sagt, Sie sollen nicht so maßlos sein.« Erst als das Abendessen vorbei war, begriff ich, daß es sich für eine Braut nicht gehörte, so viel zu nehmen. Schade, daß ich nie danach gefragt habe, weshalb eigentlich.

Meine Schwester, meine Brüder und meine Freunde saßen am Katzentisch und amüsierten sich. Bei uns am großen Tisch herrschte entsetzliche Langeweile, doch meine Mutter gestattete mir nicht, mich rüberzusetzen, ich glaube, die anderen litten genauso wie ich.

Oder haben sie sich wohl gefühlt? Was weiß ich!

Seit dem Morgen traf eine Flut von Telegrammen, Blumen und Geschenken ein. Mein Vater war Bezirksoberstaatsanwalt, man rechnete mit seiner baldigen Beförderung zum Richter, und wie üblich gaben sich alle furchtbar viel Mühe.

Ich hasse es, mit vollem Bauch am Tisch zu sitzen. Doch endlich, nach einer Ewigkeit, durften wir aufstehen. Ein starker Kaffee machte mich wieder munter, ich gesellte mich zu meinen Freunden, und da war auch meine Katze, die ich zu meinem tiefen Bedauern hierlassen sollte, denn János lehnte es ab, sie in unsere neue Wohnung mitzunehmen.

Ich hätte mich gern an der Universität eingeschrieben, ich wollte Ärztin werden, doch er war dagegen. Ich fand mich damit ab, denn ich liebte ihn sehr. Als wir uns kennenlernten, war ich vierzehn, er war meine erste Liebe und auch der erste, der mich geküßt hat. Er bat mich, Maschineschreiben zu lernen, damit ich seine Manuskripte ins reine schrieb. (Er studierte Volkswirtschaft, wollte aber eigentlich Schriftsteller werden. Er war vier Jahre an der Front, während ich das Gymnasium besuchte und Abitur machte.) Ich habe das Maschineschreiben erlernt, es aber zutiefst verabscheut, eine dumpfe Beklemmung überkam mich, wenn ich blind mit zehn Fingern herumklimpern mußte.

Gerade hatte ich mich ein bißchen erholt, da führten sie mich in mein Mädchenzimmer; János nahm mir Schleier und Kranz ab, übergab beides meiner Mutter und dankte ihr − für mich oder für das Dinner oder für die ganze Hochzeit. Meine Mutter überließ mich ihm, bat ihn, gut auf mich aufzupassen, dann gingen wir. Erst Jahre später erfuhr ich, daß Mutter in Tränen ausgebrochen war und gar nicht mehr aufhören konnte zu weinen, ihr war elend, und sie kehrte nicht mehr zu den Gästen zurück.

Meine neue Wohnung war gegenüber dem Haus und dem Garten meiner Eltern, im Hochparterre einer Villa. Man mußte nur die schmale, kopfsteingepflasterte Straße überqueren, die den Berg hinaufführte. Hätte ich es gern gehabt, daß er mich auf den Armen über die Schwelle trug? Vielleicht hat er es auch getan, und ich erinnere mich bloß nicht mehr daran? Wie war es, als wir hineingingen? Was hat er gesagt? Hat er mich ausgezogen, oder zog ich mich selber aus? Ich kann es nicht mehr beschwören. Ich habe einfach nicht mehr die geringste Erinnerung an die erste Nacht. (Wenn wir Freud glauben wollen, so hatte ich Grund genug, sie zu vergessen.) An eine Winzigkeit erinnere ich mich aber doch. Wie er da neben mir lag, in der Nacht oder gegen Morgen, legte János sein angewinkeltes Bein über mich, und das mochte ich sehr. Jeder kennt diese Bewegung, so kuscheln Kinder sich an ihre Mutter.

Du kannst dir denken, daß ich heute, anders als früher, allem Sexuellen gegenüber keinerlei Hemmungen mehr empfinde. Ich könnte dir in medizinischer oder psychologischer Terminologie oder auch mit Spott, Häme und Frivolität von unserer ersten Nacht erzählen, aber es gibt nichts darüber zu sagen. Es hat weh getan. Selbst das Sitzen tat mir noch tagelang weh.

Ich war schläfrig und müde. Am Morgen wunderte ich mich, daß ich nicht von allein darauf gekommen war, daß man die Beine breit machen muß. Jetzt weiß ich, man »muß« nicht, es ist bloß so üblich, doch damals dachte ich, daß das, was ich in der Hochzeitsnacht gelernt habe, so sein muß und gar nicht anders sein kann.

Mir scheint, daß ich damals einen enormen Appetit hatte, denn gleich nach dem Aufwachen war ich sehr hungrig; ich schlüpfte rasch in ein schönes, bodenlanges Negligé, das passende Hochzeitsgeschenk, und rannte über die Straße nach Hause, um uns Frühstück zu holen. Verdutzte Gesichter: »Was kommst du? Geh sofort wieder rüber, die Erzsi bringt euch gleich was.«

Eile war geboten, wir wollten in die Stadt, um uns anzumelden, ich mit meinem neuen Namen, und um noch den Schnellzug nach Budapest zu erwischen. János war schon aus dem Haus, er konnte einfach nicht warten, bis ich mich angezogen hatte.

Als ich mich in die Badewanne setzte, ging plötzlich die Dusche los, und meine Haare wurden klatschnaß. Ich sputete János hinterher, wollte mich aber vorher noch von meinen Eltern verabschieden. Wieder empfingen sie mich ganz bestürzt. Wahrscheinlich muß man nach der Hochzeitsnacht verschämt und rot im Gesicht verschwinden, aber das paßt nun mal nicht zu mir, oder weiß der Himmel, warum sie sich aufregten. Auch wegen meiner nassen Haare waren sie pikiert.

Im Bus konnte ich keine Fahrkarte lösen, ich hatte keinen Groschen in der Tasche. (Neben den üblichen Hochzeitsgeschenken hatte ich auch tausend Forint »Brautgeld« bekommen, aber die wollte ich nicht anrühren, sondern für besondere Anlässe aufheben, ich hatte sie János anvertraut und war deshalb ohne jedes Geld, doch es wäre mir unangenehm gewesen, meine Eltern um welches zu bitten.)

Das mit der Fahrkarte war mir peinlich, doch der Schaffner lächelte mich an und sagte, ich solle sie als sein persönliches Hochzeitsgeschenk nehmen – er habe gehört, daß ich frisch verheiratet sei. Da war ich sehr froh. Doch als ich aus dem Bus stieg, wurde ich von János wüst beschimpft.

Er war mir böse wegen der Haare, der Koffer und ich weiß nicht weshalb noch. Seine graugrünen Augen wurden dunkel vor Zorn; János hatte einen sehr starken Bart, selbst unmittelbar nach der Rasur schimmerte seine Gesichtshaut bläulich dunkel.

Wir fuhren erster Klasse in das wundervolle, ferne Budapest! (Lustig, nicht? Doch du weißt nicht, was Budapest und Ungarn in Kolozsvár bedeuten. Ein bißchen ahnst du es vielleicht schon.) Von dieser Reise ist mir absolut nichts in Erinnerung geblieben. Als ich in Budapest zwischen den Gleisen stand, ich weiß gar nicht mehr, an welchem Bahnhof, wurde mir auf einmal schwer ums Herz, ganz banal, plötzlich war ich traurig.

Da tauchte der Trauzeuge auf, jener, der mir damals im Auto den Hof gemacht hatte, und sagte, ich sei wunderschön, mein Reisekostüm sei entzückend, er habe gewußt, daß wir im selben Zug reisen würden, er habe uns nur nicht stören wollen. Dann erging er sich in irgendwelchen Zweideutigkeiten und überschüttete mich mit weiteren Komplimenten.

Wir stiegen im Hotel Carlton ab und bezogen eine Suite mit Blick auf den Donaukai. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben in einem Hotel. Wenn wir auf unserem Zimmer essen wollten, wurde ein Tisch auf Rollen hereingeschoben, und der Kellner stand die ganze Zeit daneben und wechselte die Teller. Die Suite bestand aus einem Wohn- und einem Schlafzimmer; an alles andere erinnere ich mich nicht mehr.

Ich wunderte mich: Zu einer anderen Zeit hätte mir all das bestimmt große Freude gemacht.

Nachts gab es Fliegeralarm. Einmal erzitterte das Hotelgebäude in seinen Grundfesten. Das Hotel Ritz wurde von einer Bombe in zwei Teile gerissen.

Das Carlton existiert nicht mehr. Die ganze Hotelzeile wurde dem Erdboden gleichgemacht.

Wir liefen durch die Stadt. Manchmal ließ János mich allein, er sagte, er habe eine Besprechung. Ich fand daran nichts merkwürdig, obwohl es unsere Hochzeitsreise war.

Ich bummelte am Donaukai entlang oder schlief im Hotel. Am liebsten hätte ich nur geschlafen, so müde und dumpf fühlte ich mich. Wahrscheinlich weil wir nachts viel zusammen waren, vermutlich haben wir aber auch einfach zu wenig geschlafen wegen des ständigen Fliegeralarms.

Dann fuhren wir nach Csákvár, Majk und Eger.

(Zehn Jahre später sind wir, Miklós und ich, im selben Hotel in Eger abgestiegen und wohnten sogar im selben Zimmer.)

Nach einem Streit in Eger ließ mich János mitten auf der Straße stehen. Am selben Tag erfuhr ich, wenn auch nicht von ihm, daß er dem Internat, in dem er zur Schule gegangen war, eine Schenkung von fünfhundert Pengő gemacht hatte. Daß er mir nichts davon sagte, fand ich verletzend. Ich hätte mich darüber doch nur gefreut! Aus dem Gespräch mit seinem ehemaligen Religionslehrer meinte ich herauszuhören, daß er das Geld tags zuvor übergeben hatte. Er hatte es von meinen tausend Forint abgezweigt. (Das entsprach damals der Hälfte eines Jahreseinkommens.)

Andere Erinnerungen an diesen Ausflug habe ich nicht mehr, nur an die Stadt. Ursprünglich wollten wir auf der Rückreise noch einmal ein paar Tage in Budapest Station machen, doch den Zeitungen konnten wir entnehmen, daß sie dort dabei waren, Ghettos zu errichten. Wir konnten uns nicht vorstellen, daß es tatsächlich dazu kommen würde, doch selbst wenn es in Budapest geschehen sollte − in Siebenbürgen niemals, völlig ausgeschlossen. Dennoch entschieden wir, unverzüglich die Heimreise anzutreten.

Wir waren die einzigen Christen im Haus. Die Nachbarn in den Stockwerken über uns waren gute Freunde, die uns in einer Zeit großer Wohnungsnot die Räume im Parterre überlassen hatten, und sie wiederum rückten aus Angst enger zusammen. Bei vielen Dingen standen wir ihnen zur Seite, und umgekehrt verhalfen sie János, der damals beim Helikon-Verlag arbeitete, zu einer weiteren Anstellung, damit er hinzuverdienen konnte. Auch die Stelle beim Verlag hatten ihm unsere jüdischen Freunde – in Wirklichkeit meine Freunde – verschafft. In diesem Fall war es die Frau von Laci Kovács, die kluge und resolute Sulika, die neben dem Helikon-Verlag auch die Kunsthandwerker-Innung leitete, sie war eine Jüdin – wir hatten also triftige Gründe, die Hochzeitsreise abzubrechen und so schnell wie möglich nach Hause zu fahren.

Die deutsche Okkupation.

Als ich eines Abends auf dem Heimweg die Stadtpromenade überquerte, sah ich unter den jahrhundertealten Wildkastanien deutsche Panzer stehen, gefechtsbereit. Daneben Soldaten, im Dunkel des Laubs nur an ihren glimmenden Zigaretten zu erkennen. Mir war, als hörte ich sie atmen… Eine Frau geht allein durch die Dunkelheit, vorbei an den Panzern, unter den Augen von reglosen, stummen Soldaten. Ich hatte Angst, jedoch nicht um mich, es war nicht mein Leben, das auf dem Spiel stand. Ganz seltsam… während des langen Weges kein einziges Geräusch, keine einzige Bewegung. Dieses Bild begleitet mich bis heute. In jenem Moment begann ich, mich vor den deutschen Soldaten zu fürchten.

Grauen, Getümmel überall.

Zu der Zeit, als wir uns trauen ließen, mußte man schon den gelben Stern tragen. Meine Freundin, Böske Horváth, war nicht zur Hochzeit gekommen, sie setze keinen Fuß in eine protestantische Kirche, hatte sie gesagt, und ich Idiot machte ihr noch Vorwürfe deswegen, ich sei doch auch mit ihr in die Synagoge gegangen. Das Mädchen, in das mein Bruder verliebt war, Margitka, war ebenfalls nicht gekommen, doch das fiel mir nicht weiter auf, denn wir waren nicht so eng befreundet. Ferkó Dőry bekam einen Weinkrampf, als er erfuhr, daß er den Stern tragen mußte, er wollte nicht mehr aus dem Haus gehen. Pista Kovács nahm ihn im Taxi mit, er sagte, er werde jeden zusammenschlagen, der es wagte, seine Papiere zu kontrollieren. All das gehörte zur Stimmung der ersten Tage meiner Ehe, und in Erinnerung daran fuhren wir so schnell wie möglich wieder nach Hause.

Am Tag nach unserer Rückkehr wurde ein Ehepaar aus unserer Straße, Imre Kádár[1] und seine Frau, verschleppt. Um ihre Tochter Anna davon abzuhalten, nach der Schule nach Hause zu gehen, war János Hals über Kopf zur Schule gerannt, hatte Anna abgefangen und sie bei Sulika untergebracht. Von dort wurde sie später aufs Land geschleust. Sie blieb am Leben. Jánoska, der Sohn der Kádárs, war nach Hause gegangen und hatte bei uns nach Anna gefragt; alle meine Bemühungen, ihn zurückzuhalten, waren vergebens. Er hat nicht überlebt.

Aus diesen Tagen ist mir nur das Warten in Erinnerung geblieben, bei uns zu Hause mit den Sebőks, das Warten darauf, wann man auch sie abholen käme… Es war schrecklich. Natürlich saßen wir nicht untätig herum, es gelang uns, Péter, den Sohn der Sebőks, für den Arbeitsdienst eintragen zu lassen. Binnen weniger Stunden mußte eine Ausrüstung für ihn aufgetrieben werden, meine Schwester Irénke hatte ihrem Verlobten die Soldatenmütze vom Kopf genommen, wofür der Verlobte eingesperrt wurde. Warum Irénke das getan hat, verstehe ich bis heute nicht, denn in unserer Familie galt sie als Antisemitin. Die Stiefel von meinem Bruder Egon waren für Péter ein wenig zu groß; nach dem Krieg hat er sie dankend zurückgebracht.

Die ganze Zeit rannten wir mit Koffern, warmen Kleidungsstücken, gefälschten Papieren, gefälschten ärztlichen Attesten durch die Gegend. Wir halfen dabei, einige unserer Nachbarn in Nervenheilanstalten unterzubringen und so weiter. Jeder war mit solchen Aufgaben beschäftigt, in den Tagen damals war nur noch das wichtig.

János war nett und anständig. Nicht zu mir, aber zu allen anderen. Ohne ein Wort zu sagen, leistete er Hilfe, wo es nur ging, er hatte keine Angst und erwartete keinen Dank. Und er war verschwiegen.

Von vielen Dingen wußte selbst ich nichts.

Nachts wurden die bedeutenderen, wohlhabenden Juden von der Gestapo abgeholt. Mein Bruder Egon arbeitete bei der Stadtverwaltung, wo die Gestapo die Wagen bestellte. So wußten wir alles im voraus. Ich gab die Information an Böske Horváth weiter, sie informierte die betreffenden Personen, die dann die Nacht nicht bei sich zu Hause verbrachten.

Ihren Schmuck und die anderen Wertsachen schafften Böske und ihr Mann zu uns.

Ferkó Dőry konnte aus den Fängen der Gestapo befreit werden, er wurde Soldat.

Margitka, Egons große Liebe, wurde abgeholt. Auf einem Müllwagen.

Kurz darauf war unsere Straße an der Reihe. Sebők, seine alte Mutter, Frau Sebők, János und ich verbrachten die Abende mit langen Gesprächen. Bis es dann hieß, nun, heute kommen sie bestimmt nicht mehr, gehen wir zu Bett.

Am Tag schleppte die alte Sebők ihren Kram zu uns in die Wohnung. Sie hatte einen Hirnschlag erlitten und war halbseitig gelähmt. Wir mußten zusehen, daß wir ihr rasch die nötigen Papiere beschafften, um sie vor dem Lager zu retten. Ich saß an ihrem Bett und tröstete sie, sie werde man nicht abholen, sie komme ins Spital. Wenn ich zum Markt ging, schrie und heulte sie, ich solle sofort zurückkommen, nur mir glaube sie, daß man sie nicht abholen werde.

Drei Tage später war es soweit. Alle Hausbewohner wurden durchs Treppenhaus hinuntergetrieben. Auch ein kleines Kind war dabei, es schrie verzweifelt, weil die Milchflasche zerbrochen war, die Milch lief über die Stufen, ich stürzte aus meiner Wohnung ins Treppenhaus, um zu helfen, ich wollte Magda etwas sagen, da bellte einer der Gendarmen, was ich denn mitdenen zu schaffen hätte, und stieß mich in die Wohnung zurück. Magda, Sebőks Frau, lächelte mir zu und winkte zum Abschied, so ging sie die Treppe hinunter. Der Gendarm hatte die Tür hinter mir zugeschlagen, ich stand an der Wand im Flur und hörte den schweren Atem der alten Frau. Ihr Sohn flehte: »Hetzen Sie sie nicht, die Unglückliche ist nicht gesund …« – »Wir helfen ihr schon noch mit dem Gewehrkolben nach«, hörte ich noch. János ergriff meine Hand, stieß mich in eines der Zimmer und schloß die Tür ab. Während unserer siebenjährigen Ehe war das seine barmherzigste Tat.

Wir blieben als einzige Bewohner im Mietshaus zurück, meine Eltern waren in den Ferien. János verbrachte die meiste Zeit in der Stadt. Ich putzte die Wohnung, kochte und wartete, daß er nach Hause kam.

Mir graute vor dem Haus. Vor den abgeschlossenen Wohnungen. Dem Keller. Beim Fliegeralarm ging ich nie hinunter. Wie vorgeschrieben öffnete ich die Fenster, setzte mich an den Schreibtisch im Erker und schaute hinüber zum Haus meiner Eltern auf der anderen Straßenseite. Oft kam meine Katze zu mir gelaufen. Doch einmal hat János sie erwischt, er packte sie und warf sie aus dem Fenster. Wir wohnten im Hochparterre, sie fiel zwischen die Rosenbüsche. Ich weinte und schrie. Von da an kam die Katze nur noch herüber, wenn sie wußte, daß János nicht zu Hause war.

Währenddessen ging das Leben natürlich weiter. Ich bekam schöne Kleider geschenkt, nie habe ich so viele Kleider besessen wie damals. (In meiner Kinder- und Mädchenzeit hatte ich nur aussortierte, schlecht umgeänderte Kleider getragen.) Gesellschaften, Theater, ein ständiges Kommen und Gehen.

Einmal brachte János einen schönen Schäferhund mit nach Hause und machte mir damit eine große Freude. Doch dann wurde der Hund von den Deutschen gestohlen. Ich baute weiter an meiner Höhle wie eine Katzenmutter.

Márta Prámmer,[2] diese kalte Bestie, sagte nach dem Ende des Krieges: »Weißt du, was mir wirklich leid tut? Daß sie auch dein wunderbares Zuhause zerstört haben.«

In einem Zimmer wohnte János: Viele Bücher, eine Biedermeiergarnitur, um Gäste zu empfangen, ein Schreibtisch, eine Liege und ein antiker Schrank.

Mein Erkerzimmer war mit antiken Möbeln eingerichtet (noch heute verstehe ich nicht, woher ich den Geschmack und die Energie hatte), äußerst gediegen, harmonisch und freundlich, die Möbel hatte ich Stück für Stück erworben und mit großer Liebe zusammengestellt.

Ein kleines modernes Eßzimmer blickte auf den freundlichen und geräumigen Balkon voller Blumen. Die Küche war richtig kleinstädtisch, mit blitzblank geschrubbten Dielen, einem prächtigen Kochherd − mein ganzer Stolz. Ich machte Vorräte ein und gab Abendessen, ich sorgte für einen hübsch gedeckten Tisch und war eine gute Köchin; ich gab mir Mühe, mich modisch zu kleiden, ganz so wie mein Mann es sich wünschte.

János bestand darauf, daß ich mich schminkte. Dies war der einzige Wunsch, den ich ihm nicht erfüllen konnte, doch nur, weil ich mich nicht darauf verstand. (Es stimmt: Die Frauen von heute kommen mit diesem Wissen auf die Welt, wir dagegen mußten es lernen.) Es wäre ohnehin albern gewesen, ich war erst neunzehn, hatte Rosenwangen und dunkelrote Lippen, mein Haar war von Natur aus gewellt, und zum Friseur ging ich so gut wie nie.

Ich erinnere mich nicht mehr, ob wir uns über geistige oder andere Fragen unterhalten haben. Er mochte es nicht, wenn ich über meine Gefühle sprach. Er war sehr schweigsam, düster. Eine eigentümliche Kälte und Leblosigkeit ging von ihm aus. Zu anderen Menschen fand er nur schwer Kontakt. Er war vollkommen desillusioniert; nach dreieinhalb Jahren an der Front wußte er – und mit einem Anflug von Zynismus wartete er auch darauf –, daß die Russen unaufhaltsam vorrücken und wir den Krieg verlieren würden, und auch über das sowjetische Paradies schien er sich keinen Illusionen hinzugeben.

Er wollte schreiben, das war sein großer Traum, doch er schrieb sehr selten und sehr wenig. Er brachte nie etwas zu Ende. Und er trank. Er trank reichlich und regelmäßig. Man sah es ihm nicht an, ich habe ihn nie in betrunkenem Zustand und auch nur selten beschwipst gesehen. Er trank mehrmals täglich ein, zwei Gläser Schnaps und abwechselnd Wein oder Gespritzten. Nach einer Untersuchung eröffnete ihm der Arzt, daß er an einer Lebererkrankung litt und sofort mit dem Trinken aufhören müsse, sonst werde ihn die Krankheit binnen zehn Jahren dahinraffen.[3] Das hat János aber nicht weiter gekümmert, er ließ sich auch nicht behandeln.

Wilde Kämpfe haben wir deshalb ausgefochten. Liebe, flehentliche Bitten, vernünftige Erklärungen, medizinische und andere Argumente blieben wirkungslos, er zuckte nur mit den Achseln und trank weiter. Ich änderte die Taktik. Wenn er zu trinken anfing, trank ich die doppelte Menge. Bis dahin hatte ich leichthin und gern getrunken und war schnell beschwipst. Doch nun betrank ich mich, mir wurde schlecht, und ich begann den Wein zu hassen.

Da nahm er sich eine Weile zusammen, doch kurze Zeit später trank er wieder mehr, und mit seiner Leber ging es weiter bergab. Das brachte mich zur Verzweiflung. Ich spielte meine letzte Karte aus: Wenn er trank, egal ob viel oder wenig, trank ich mich auf der Stelle bewußtlos.

Das lief ungefähr so ab: Wir waren auf dem Weg zu einer Abendeinladung in die Stadt. Ohne ein Wort kehrte er plötzlich in einer Kneipe ein. Inzwischen hatte ich es aufgegeben, ihn daran zu hindern, denn tagelange unerträgliche Spannungen waren die Folge. Er bestellte sich ein Wasserglas Schnaps und für mich ein Bier. Ich durfte mich nicht einmischen, ich durfte die Bestellung nicht zurücknehmen oder korrigieren, denn jegliche Szenen, vor dem Kellner wie überhaupt vor fremden Leuten, waren ihm ein Graus. Mir nicht, mir war das gleichgültig, ich wußte Bescheid und sagte nichts. Nach einer Weile erhob ich mich, ich müsse hinaus. Wortlos nahm er meine Handtasche an sich. Auch das war mir egal, ich ging auf Umwegen in den anderen Raum zum Ausschank und bestellte vier Deziliter Kognak. Verblüfft fragte man: »Wie denn?« – »Im Glas«, sagte ich freundlich. Und trank das Glas in langsamen, gleichmäßigen Schlucken aus. (Kognakgeruch läßt mich noch heute erschauern.) »Mein Mann bezahlt am Tisch«, sagte ich ruhig und wie beiläufig und kehrte an unseren Tisch zurück. Ich weiß nicht, wie vier Deziliter Kognak vor dem Abendessen auf andere wirken. Für mich war es zuviel. Eine Zeitlang hielt ich mich noch aufrecht, stand da, ohne etwas zu sagen, dann kippte ich um. Normalerweise ein kleiner Skandal, mehr nicht, doch mein Herz oder ein anderes Organ vertrugen keinen Alkohol. Arzt, Spritzen, Aufregung.

Als ich mit blauen Lippen und Fingernägeln und im kalten Schweiß dalag, war János erschüttert, er hielt mich in den Armen und küßte mich. Ob er deshalb mit dem Trinken aufgehört hat oder weil er ahnte, daß ich es so lange wiederholen würde, bis ein Unglück geschah, weiß ich nicht, jedenfalls trank er nicht mehr. Er war sogar bereit, Diät zu halten.

Manchmal alberten wir herum. Es gefiel ihm, mich beim Baden auszuspionieren, wenn ich mich an- oder auszog. Ich stellte Hindernisse auf, er stahl die Schlüssel, damit ich die Türen nicht abschließen konnte. Das Zanken, das Raufen mochte ich sehr, doch mich nackt vor ihm auszuziehen – da schämte ich mich.

Wir schmiedeten Pläne. Er übernahm die Zeitschrift Hirtenfeuer. Wir wollten ein seriöses Blatt daraus machen. Begeistert half ich ihm, ging ihm bei allem zur Hand. Ich schwatzte meinem Vater sein altes Büro ab, für die Redaktion, ich strich die Wände und richtete es ein. Und das, obwohl ich gerade erst aus dem Krankenhaus entlassen worden war; man hatte mir die Mandeln herausgenommen, damit mein Herz die Schilddrüsenüberfunktion besser in den Griff bekam. Doch das Schild am Eingang spornte mich zu unermüdlicher Arbeit an: »Redaktion des Monatsmagazins Hirtenfeuer«. Ich war sehr froh.

Ich glaube, auch wenn ich bereitwillig mit ihm ins Bett ging, gab ich mich der Umarmung nur widerwillig hin. Ob er es spürte, weiß ich nicht, sicher ist, daß ich seine Annäherungen nie zurückgewiesen habe. Wenn ich nichts spürte, fühlte ich mich gut und blieb ruhig. Doch wenn ich mich ganz hingab, lag ich nach wenigen Augenblicken da, die Nerven zum Zerreißen gespannt, ein Hämmern im Kopf, mein Herz schlug heftig, während er sich zur Wand drehte und einschlief … Ich wollte ihn nicht stören und rührte mich nicht, denn er reagierte grimmig, und ich konnte mich nur beherrschen und reglos daliegen, wenn ich die Muskeln am ganzen Körper anspannte und erst losließ, wenn ich die Spannung nicht mehr halten konnte, um mich dann von neuem anzuspannen und wieder loszulassen. Deshalb hatte ich Angst davor, mich ganz hinzugeben, denn wenn ich unbefriedigt zurückgelassen wurde, fühlte ich mich elend.

Im Sommer sollte János als offizieller Vertreter der Kunsthandwerker-Innung zur Buchwoche nach Budapest reisen. Er wollte mich nicht mitnehmen, obwohl ich es mir sehnlich wünschte, außerdem war ich in Sorge wegen der Bombardierungen und wollte ihn nicht allein fahren lassen. Bei einem Gespräch mit Sulika im Helikon-Verlag erfuhr ich, daß ihr Mann, Laci Kovács, die Buchwoche nie ohne sie besuchte und daß man auch für meine Hotelkosten aufkommen würde, denn ich könnte im Zelt Bücher verkaufen. Daß er ohne mich fahren wollte, tat mir weh, wir waren gerade drei Monate verheiratet; doch ich nahm an, daß er seine Gründe hatte, über die er nur nicht reden wollte.

Doch dann schlug er vor, ich solle, da er keinen Schlafwagenplatz mehr für mich bekommen habe, zwei Tage später zusammen mit meinem Vater nachkommen. Ich empfand es als demütigend, daß ich, eine junge Ehefrau, nicht mit meinem Mann, sondern mit meinem Vater reisen sollte, und schämte mich, es zu Hause zu erzählen. Ich sagte, es sei doch viel einfacher, wenn mich Pista Kovács nach Budapest begleitete, er würde seinen Reisetermin gern nach mir richten. Pista Kovács war ein guter Freund aus meiner Jugendzeit, offen zu mir und zu aller Welt, ein freundlicher, heiterer Gefährte. Er hatte mich nie mit seiner Liebe belästigt, bald hatte er sie auch vergessen – nach Irénke hatte er sich in Ricuka verliebt und sie geheiratet. Das habe ich ihm mit einer Freundschaft fürs Leben vergolten. Sofort gab es einen Schlafwagenplatz. Ich glaube, so was vergißt man nie.

Im Bücherzelt in Budapest ging es hoch her. Ich erfuhr die größte Aufmerksamkeit. Nyírő[4] erzählte jedem, daß seine Tochter und ich Klassenkameradinnen gewesen seien und was für Albernheiten wir uns während der Abiturprüfungen zugeflüstert hätten. Ich erzählte István Nagy,[5] die ganze Klasse sei in ihn verliebt gewesen. Nacheinander kamen Áron Tamási und János Kemény vorbei und der alte Miklós Bánffy mit seinem wunderschönen Kopf, ein Mann von ausgesuchter Höflichkeit. (Später hat ihm Egon bei der Umsiedlung aus Siebenbürgen nach Budapest geholfen, wo er kurz darauf starb.)

Ich weiß nicht, wie János meinen Erfolg aufnahm. Einmal sagte er kühl und spöttisch: »Bringen Sie Ihren Hut in Ordnung, Sie sehen aus wie ein Clown!« Damit verdarb er mir für den Rest des Tages die Stimmung.

Dabei war es das letzte Mal, daß wir strahlend und glücklich zusammen waren. Im Bücherzelt des an Ungarn wieder angeschlossenen Siebenbürgen war ich eine mit Herzenswärme gefeierte Siebenbürgenerin, neben János, dem Dichter und Mitarbeiter des Helikon-Verlags und der Kunsthandwerker-Innung. Wir präsentierten die Bücher der Schriftsteller aus Siebenbürgen.

Oft legte er seine Extratouren ein und berichtete mir hinterher mit wenigen knappen Worten, wo er überall herumgekommen war.

Kolozsvár wurde mit einem Bombenteppich überzogen. Wir wären gern sofort nach Hause zurückgekehrt, doch es war unmöglich, das gesamte Eisenbahnnetz wurde bombardiert, und es fuhren keine Züge. Es gab auch keine Telephon- und Telegraphenverbindungen. Selbst über das Ministerium waren keine Nachrichten zu bekommen. Wie ging es meinen Eltern, den Freunden, was ging in der Stadt vor? Was geschah mit dem Ghetto?

Endlich durften wir fahren. In Szolnok schlug mir, als ich das Fenster im Abteil herunterließ, ein süßlicher, penetranter Geruch entgegen. Der Gestank verbrannter Leichen.

Später, ich erinnere mich nicht mehr, an welchem Bahnhof es war, standen Viehwaggons mit drahtvergitterten Fenstern neben uns auf dem Nachbargleis. Der Abtransport der Juden aus Siebenbürgen. Verzweifelt flehten sie um etwas zu essen. Was wir in der Eile finden konnten, steckten wir ihnen zu. (Mami, János’ Mutter, die im reichen Westungarn im Esterházy-Schloß arbeitete, hatte Proviant für uns eingepackt.) Grobes Fluchen, Gebrüll von Gendarmen, vielleicht auch Soldaten: Wer war das? Man durfte nicht in die Nähe der abgeschlossenen Waggons. Sie kamen in unseren Zug, um nach dem Täter zu suchen. Und weil zwischen den beiden Zügen Bewaffnete patrouillierten, war die ungefähre Stelle unschwer auszumachen. János protestierte, er berief sich auf seinen Offizierseid und verbat sich, daß man mich verdächtigte und vernehmen wollte: »Der Waggon wird abgehängt, der Zug fährt erst weiter, wenn der Täter gefunden ist.« Am Ende gab es einen Fliegeralarm, der Zug mußte zur Fahrt freigegeben werden. Ich stand am Fenster, ein Mädchen aus Kolozsvár erkannte mich. Sie preßte ihr Gesicht ans Gitter und rief mir zu: »Auf Wiedersehen!« − »Im Jenseits«, brüllte einer der Gendarmen. Ich wußte, daß János dasselbe empfand wie ich. Mit wachsender Beklemmung sah ich der Ankunft in Kolozsvár entgegen, dies alles zusammen war zuviel für mich, doch ich merkte, daß János nicht wollte, daß ich redete. Ich schwieg. Auch er sprach kein Wort, weder zu mir noch zu jemand anderem.

Kolozsvár, endlich. Der Bahnhof war unversehrt, doch ringsum überall nur Ruinen. Die Umgebung der Bahn war bombardiert worden. Ein paar hundert Tote, hieß es. Die Zeitungen gaben nur ein paar wenige zu. Auch das Ghetto war getroffen worden. Egon ging mehrmals hinein, um die Toten herauszuschaffen und Margitka zu treffen und Lebensmittel hineinzuschmuggeln. Margitka hatte alles verloren. Irénke und ich gingen unsere Sachen nach Unterwäsche und warmen Kleidern für sie durch, meine Mutter stellte Essenspakete für sie zusammen. Davon hat Margitka, die inzwischen Mirjam hieß, im Jahr 1988 in Kiriat Tivon berichtet: »Egon sammelte die Toten ein, ich lief die ganze Zeit neben ihm her (ich reichte ihm kaum bis an die Schulter, so klein war ich) und fragte: ›Warum? Warum? Warum?‹ Er sprach kein Wort, blickte mich nicht an. Unablässig liefen ihm die Tränen.«

In der Familie waren alle unversehrt geblieben. Ich dachte, dies sei der schwerste Tag meines Lebens. (Du lieber Gott, wie naiv ich war!)

Siebenbürgen wurde zum Kriegsgebiet erklärt. Doch wir waren am Leben. Bestimmt könnt ihr euch noch erinnern, Krieg hin, Krieg her, wie das Leben pulsierte. Überfüllte Theater- und Kinosäle, kaum ein freier Platz in den Restaurants, Ausflüge, in einem fort Besuche. Damals wurde Angelit und die Einsiedler von Zoli Jékely uraufgeführt. Adrienne Jancsó, seine Frau, spielte die Hauptrolle. Ein Ereignis, zweifellos!

Dann kam Páger nach Kolozsvár, zusammen mit Marci Kiss Kerecsendi, um DieErste zu inszenieren. Marci und János waren Klassenkameraden gewesen. Wegen unserer unterschiedlichen politischen Ansichten gab es oft Spannungen, wir mühten uns redlich, sie zu überbrücken und die heiklen Themen nach Möglichkeit zu meiden.

Einmal saßen wir auf der Terrasse des Café New York, das Gespräch drehte sich um die Trennung von Tamási und Magdó. »Aber versteh doch«, sagte Páger, »schließlich ist sie Jüdin!« − »Als er sie geheiratet hat, war sie auch Jüdin«, sagte ich. (Tamási[6] hat bis Kriegsende mit der Scheidung gewartet und Magdó und ihre Familie auf diese Weise doch noch gerettet.)

Es gab verbale Auseinandersetzungen, doch ich beteiligte mich nur selten und eher einsilbig daran. János mochte nicht, wenn ich in Gesellschaft das Wort ergriff, aber auch mit ihm konnte ich über nichts reden. Mein Verhalten kam nur zur Sprache, wenn es ihm mißfiel. Wie ich mich auch äußerte, er reagierte erst, wenn er etwas einzuwenden hatte. Doch auch dann ließ er sich nicht wirklich darauf ein, sondern sagte bloß: »Aus politischen Dingen halten Sie sich besser heraus, davon verstehen Sie nichts.« Oder: »Sie täten besser daran zu schweigen, bevor Sie Dummheiten breittreten.«

Langsam verlor ich meine Unbefangenheit und Zwanglosigkeit. Unbeschwert tanzen kann ich bis heute nicht, seit er mich ausgelacht und spöttisch gewarnt hatte, ich solle das Tanzen bleibenlassen, denn ich würde mich drehen wie ein Elefant. (Dabei habe ich doch so gern getanzt und tue es noch heute!)

Weil ich ihn liebte und mir seine Meinung wichtig war, schaffte er es mühelos, mich in meinem Selbstbewußtsein grundlegend zu erschüttern. Damit konnte ich noch irgendwie umgehen, doch seine Lieblosigkeit und Kälte waren unerträglich. Denn ich war verliebt. Zu Hause war ich der Liebling meiner Eltern gewesen, die Vertraute meiner Geschwister; von allen wurde ich gemocht, von den Bediensteten, vom Hund, von der Katze. Und von den Freunden. Miklós, du erinnerst dich, mit welcher Hingabe mich Böske Horváth umsorgt hat, als wir nach zehn Jahren das erste Mal wieder in Siebenbürgen waren, und als wir zurückfahren wollten, stand Pista Kovács um Mitternacht am Zug. An drei Abenden hintereinander waren sie zum Bahnhof gekommen, um uns zu verabschieden, weil sie nicht genau wußten, welchen Zug wir nehmen würden.

Lonci war meine Freundin seit Kindergartentagen. Auch für Berta Biró war ich diejenige, der sie schrieb, ich solle sofort kommen, nachdem ihr Mann vier Monate nach der Hochzeit in ihren Armen gestorben und sie mit dem Kind im Bauch allein geblieben war. Vertrauen und Zuneigung umfingen mich wie der warme Mutterschoß. Nur János liebte mich nicht. Ich konnte mich nicht daran gewöhnen. Und trotzdem klagte ich nicht. Selbst Berta Biró gegenüber nicht, die sich in ihrer schwersten Krise an mich gewandt hatte und die ich bis heute unverändert liebe.

Sieben Jahre lang habe ich mit niemandem über meine Ehe und meine Probleme gesprochen. Warum nicht, das frage ich mich bis heute. Damals habe ich nicht darüber nachgedacht, vielleicht habe ich es auch gar nicht richtig wahrgenommen. Erst letzten Sommer ging mir das auf: Tante Róza, die einzige Freundin und Cousine meiner Mutter, erzählte, wie verzweifelt meine Mutter ihr berichtet habe, daß sie spüre, wie unglücklich ich sei, ich würde mit niemandem reden, weder in der Familie noch mit meinen engsten Freundinnen.