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Als Frederike Bergmann vor der Wahl stand, welches Haustier für ihre Kinder wohl am geeignetsten sein könnte, entschied sie sich für Kaninchen - man muss nicht bei Wind und Wetter raus, sie machen die Wohnung nicht dreckig und knuddelig sind sie auch noch. Also schnell ein paar ausrangierte Kleinställe von den Nachbarn besorgt und drei niedliche kleine Fellknäuel von der Züchterin geholt. Tatsächlich musste sie schnell feststellen, dass Kaninchen für Kinder eher ungeeignet sind, die Ställe zu klein waren und überhaupt ... Erst errichtete die Familie ein größeres Gehege, dann ein richtig großes und schließlich stellte sich heraus, dass die Männchen nach der Geschlechtsreife recht ruppig um das Weibchen stritten, also mussten verschiedene Gehege her und der Garten wurde mehr oder weniger überdacht. Dann gab es plötzlich unerwarteten Nachwuchs, es entstand mithilfe von Fachliteratur eine kleine Zucht, es fiel Wolle an, die verwertet werden musste, es gab räuberische Marder, Raubvögel ... »Hätte ich doch bloß den Hund genommen!«, lautet das Resümee. Aber bis dahin kam erstmal eine amüsante und lehrreiche Odyssee durch das Leben als ambitionierte Nachwuchskaninchenzüchterin in Voll-Teilzeit.
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2016
Cristine Keidel
Frederike spinnt
Eine Kaninchengeschichte XL
Copyright: © 2016 Cristine Keidel
Lektorat: Erik Kinting / www.buchlektorat.net
Umschlag & Satz: Erik Kinting
Titelfoto: © George Mayer (fotolia.com)
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
KAPITEL 1
Wuuutsch-krrr macht der Scheibenwischer und holt Frederike wieder in die Gegenwart zurück. Der Regen hat aufgehört, die Wolken sind aufgerissen und nun wagt sich der erste Sonnenstrahl hindurch. Die Scheibenwischer kann Frederike jetzt abschalten.
Sie befindet sich gerade auf der Autobahn A3 im Nirgendwo zwischen Münster und Hamburg. Frederike lächelt. Sie freut sich über ihre Mission. Es war nicht leicht, diesen Tag zu organisieren: Anna, ihre zehnjährige Tochter, ist gerade in der Schule und fährt anschließend mit dem Bus zu ihrer Freundin Annika. Dort kann sie den ganzen Nachmittag verbringen, bis Frederike sie abholt. Bei Lukas war es einfacher, ihn hat sie heute schon um 8.00 Uhr im Kindergarten abgegeben. Dort ist er sicher aufgehoben, muss aber bis spätestens 17.00 Uhr abgeholt werden. Anschließend fuhr Frederike nach Hause, hat geduscht und sich angezogen, ihre Tasche und den Transportkorb geschnappt und ist losgefahren.
Laut Navi sind es ziemlich genau 300 Kilometer bis Delmenhorst. Das müsste zu schaffen sein: 300 Kilometer hinfahren, die Züchterin treffen, zwei Tiere aussuchen und wieder 300 Kilometer zurückfahren, direkt zum Kindergarten – Lukas abholen und dann Anna. Mal ein etwas anderer Tag als sonst, denkt Frederike und grinst in sich hinein.
***
Es war ein langer Tag gewesen, Tobias kam erst spät von der Arbeit nach Hause. Er fand seine Kinder bereits im Schlafanzug vor – sie hatten extra mit dem Abendessen auf ihn gewartet. Es gab frischen Salat, aufgebackene Brötchen und verschiedene Aufstriche, dazu Tee.
»Papa, weißt du was?« Der typische Gesprächsanfang von Lukas.
»Wasser ist nass«, antwortet Tobias prompt.
»Nein, Papa«, meinte Lukas genervt, »Annika bekommt einen Hund!«
»Wer ist Annika?«
»Meine Freundin«, schaltete sich Anna in das Gespräch ein, »bei der ich heute war. Sie hat mir erzählt, dass sie einen Hund bekommt. Ich will auch einen!«
»Ich auch, ich auch!« Lukas hielt es nicht mehr auf dem Stuhl aus, sondern tanzte durch die Küche. »Einen Hund, einen Hund!«
Frederike und Tobias hatten ihre liebe Not, ihre Kinder wieder zu beruhigen. Erst nach einer Stunde lagen sie schlafend in ihren Betten.
Die erschöpften Eltern gingen ins Wohnzimmer, um sich etwas auf der Couch zu erholen.
»Oje, irgendwann musste das ja kommen«, sagte Tobias. »Jetzt ist es so weit, unsere Kinder wollen einen Hund.«
»Alle Kinder wollen irgendwann ein Haustier. Eigentlich finde ich die Idee auch gut. Da haben sie etwas Gemeinsames und lernen Verantwortung zu übernehmen.«
»Stimmt, das klingt in der Theorie wirklich gut, aber bedenke, dass in der Praxis die meiste Arbeit doch an dir hängen bleiben wird.«
»Hm, da kommt ein Hund wirklich nicht infrage. Ich habe mit den Kindern, dem Haus und dem Garten wirklich schon genug zu tun. Da kann ich nicht noch dreimal täglich Gassi gehen und einen Hund erziehen. Das dauert, bis der stubenrein ist. Und der ganze Dreck im Haus – Hunde bringen viel Dreck mit rein und haaren kräftig.«
»Ja, und die ganzen Kosten: Anschaffung, Ausstattung, Hundeschule und Hundesteuer! Und was ist, wenn wir in den Urlaub fahren wollen? Wo soll der Hund dann hin? Der kann ja schließlich nicht immer mit! Da wäre eine Katze viel unproblematischer.«
»Ja, aber meine Katzenhaarallergie …« Allein bei dem Gedanken an Katzen begann Frederikes Nase zu jucken. »Wie wäre es denn mit Kaninchen?«
»Kaninchen?«
»Ja, Kaninchen. Als ich ein Kind war, hatten unsere Nachbarn welche. Die waren draußen im Stall, da blieb das Haus sauber. Die wurden zweimal täglich gefüttert und einmal pro Woche wurde der Stall ausgemistet. Das sollte ich mithilfe der Kinder schaffen.«
»Klingt nach einer vernünftigen Lösung. Aber wie willst du die beiden überzeugen? Die scheinen sich sehr auf einen Hund versteift zu haben.«
»Ach«, lachte Frederike, »lass mich nur machen …«
Am nächsten Sonntag saß die ganze Familie am Frühstückstisch. Tobias hatte zusammen mit Lukas frische Brötchen und Croissants vom Bäcker geholt, während Anna und ihre Mutter den Tisch deckten.
»Papa, gehen wir heute schwimmen?«, fragte Lukas, wie jeden Sonntag.
»Oh ja, schwimmen!«, freute sich Anna.
Doch Frederike schüttelte den Kopf. »Nein, heute mal nicht. Ich habe eine viel bessere Idee.«
Erwartungsvoll sahen die Kinder sie an. Auch Tobias war ganz überrascht.
»Heute gehen wir endlich mal in dieses Geschichtsmuseum – wie heißt das noch mal? – direkt neben der Kaninchenausstellung.«
»Ich will nicht ins Museum«, heulte Lukas.
»Kaninchenausstellung? Was denn für eine Kaninchenausstellung?« fragte Anna. »Ich will in die Kaninchenausstellung!«
Lukas horchte auf. »Kaninchenausstellung? Da will ich auch hin!«
Tobias schaute Frederike fragend an.
»Okay«, sagte Frederike und konnte sich das Grinsen kaum verkneifen, »dann gehen wir in die Kaninchenausstellung. Aber erst werden der Tisch abgeräumt und die Zähne geputzt.«
Eine Stunde später saß die Familie dann im Auto und war auf dem Weg in den Nachbarort. Sie parkten vor der evangelischen Kirche, denn die Ausstellung fand im Pfarrheim statt. Über dem Eingang hing ein Banner, auf dem der örtliche Kaninchenzüchterverein Besucher und Mitglieder begrüßte.
Innen drin war das Pfarrheim kaum wiederzuerkennen. Im Foyer standen viele Menschen, überwiegend ältere Männer in blaugrauen Kitteln und groben Schuhen, aber auch ältere Frauen in Pullover und Hose. Die meisten hatten ein Glas in der Hand und unterhielten sich angeregt. Ein jüngerer Mann fuhr mit einer Schubkarre, auf der ein Strohballen lag, durchs Gedränge und verschwand am hinteren Ende des Foyers in den eigentlichen Gemeindesaal.
Tobias kaufte die Eintrittskarten und sie folgten dem Mann mit der Schubkarre.
Aus dem Gemeindesaal war sämtliche Bestuhlung entfernt und durch drei Reihen Kaninchenställe ersetzt worden. Sie standen Rücken an Rücken, sodass von beiden Seiten Kaninchen zu sehen waren. Es waren Hunderte, wenn nicht sogar über tausend Kaninchen in dem Raum. Manche wurden einzeln ausgestellt, andere in kleinen Gruppen oder auch ganze Würfe, zum Teil mit dem Muttertier zusammen.
Anna und Lukas staunten mit offenen Mündern, aber auch ihre Eltern waren fasziniert. So etwas hatten sie noch nie gesehen. Langsam schritten sie die erste Reihe ab. Dort saßen die größten Kaninchen, die sie je gesehen hatten. Deutsche Riesen stand auf dem Schild davor. Für diese acht oder neun Kilo schweren Kaninchen ein berechtigter Name. Allein die Ohren waren locker 20 Zentimeter lang.
»Watt staunen Se denn so? Ham’se noch nie Schlachtkaninchen gesehen?«
Als sie sich erschrocken umdrehten, stand der offensichtliche Besitzer der Riesen vor ihnen: ein älterer Mann mit wettergegerbten Gesicht und erloschenem Zigarrenstummel im Mund, die Füße in Holzschuhen.
Schnell gingen sie weiter zum nächsten Stall: Blaue Wiener.
»Mama«, meinte Anna, »warum blau? Die sind doch gar nicht blau, sondern grau.«
Der Züchter dieser Gruppe sagte: »Diese Farbe heißt bei Züchtern Blau, ist aber eigentlich ein verdünntes Schwarz. Grau gibt es in der Zucht gar nicht. Wenn dir ein Tier grau erscheint, hat es entweder schwarze und weiße Haare gemischt, oder es ist blau. Das hängt mit den Farbpigmenten zusammen.«
»Aha«, antwortete die Familie im Chor und verstand nur Bahnhof. Aber die Blauen Wiener gefielen ihnen sehr gut. Sie waren fast so groß wie die Riesen, hatten aber rundere Köpfe, kürzere Ohren und ein samtigeres Fell.
Sie gingen weiter, vorbei an Rexkaninchen, die hatten ein Fell wie der Persianermantel von Oma, einer Gruppe von Dalmatinerkaninchen, die waren weiß und hatten schwarze Punkte, genau wie die gleichnamige Hunderasse.
Doch was war das? Die Familie blieb abrupt stehen und traute ihren Augen nicht: Am hinteren Ende des Raumes war ein Gehege aus Zaunelementen aufgebaut, wie man es sonst auf den Rasen stellte, damit die Kaninchen Auslauf hatten und frisches Gras fressen konnten. Darin sprangen vier weiße Tiere herum. Waren das überhaupt Kaninchen? Oder weiße Hunde? Das Fell war so lang, dass man kaum Konturen erkennen konnte. Die Körper waren walzenförmig und vom Kopf standen Ohren wie Antennen ab. Sie hatten große Ähnlichkeit mit dem West Highland White Terrier aus der Hundefutterwerbung.
»Papa, was ist das denn?«, fragte Lukas und ohne eine Antwort abzuwarten rief er: »So ein Tier will ich auch!«
»Das ist ein …« Tobias sah sich suchend um. Endlich erblickte er das Schild am Gehege: »Das sind Angorakaninchen.«
Die vier Angoras nahmen die Aufmerksamkeit, die ihnen gerade zukam, gelassen hin und mümmelten eifrig an ihrem Heu. Lukas hatte eine Möhre gefunden. Er kniete sich an den Zaun und steckt die Möhre durch die Stäbe. Eins der Kaninchen hob den Kopf und schaute zu ihm herüber. Dann hoppelt es gemächlich an den Zaun und knabbert genüsslich an der Karotte. Selbst als Lukas vor Freude jauchzte, lief es nicht davon. Es sah aus wie ein überdimensionales Kuscheltier.
Frederike war beeindruckt von der Coolness der Hasen. Angoras schienen ideal für Kinder zu sein, nicht so schreckhaft wie die Zwerge, die sie aus der Tierhandlung kannte. Allerdings waren sie sehr groß, zum Herumtragen nicht geeignet.
Sie schaute sich die Infotafel näher an. »Oh, was sind das denn für Bilder?« Erschrocken hielt sie die Hand vor den Mund.
Ein Foto zeigte einen Mann, wie er auf einem Stuhl saß und den Kopf eines Angorakaninchens zwischen seinen Knien festgeklemmt hatte. Mit der linken Hand hielt er das Kaninchen am Hinterleib fest, in der rechten Hand hielt er so etwas wie einen Rasierapparat. Zu seinen Füßen lag ein Berg weißer Wolle.
Auf dem nächsten Foto waren zwei Angoras zu sehen; das linke sah aus wie die vier, die sie im Gehege gesehen hatten, das rechte war nackt – fast zumindest, es hatte nur noch Flaum am Körper. Es war kaum zu glauben, dass beide derselben Rasse entstammten. Der Text neben den Fotos verriet, dass Angorakaninchen als Nutztiere kommerziell gehalten wurden und pro Tier bis zu zwei Kilo Wolle im Jahr lieferten. Sie mussten alle 90 Tage geschoren werden, denn ihre Haare wuchsen mehrere Millimeter pro Tag.
Krass!, dachte Frederike, das ist nichts für mich. So zarte Tiere scheren, und dabei so festklemmen …
Ein Mann trat auf sie zu. »Na, gefallen Ihnen meine Angoras? Schöne Tiere …«
»Ja, sehr sogar«, antwortet Frederike wahrheitsgemäß, »aber die Haltung finde ich schon schwierig.«
»Warum denn?«
»Naja, dieser heftige Haarwuchs und dann das Scheren … die zappeln doch bestimmt wie wild dabei.«
»Aber nein, die halten ganz still. Wissen Sie, die Zappeligen kommen in den Topf. So vermehren sich nur die, die stillhalten. Angoras haben nämlich nicht nur ein schönes Vlies, sie schmecken auch sehr gut.« Der Mann lachte und zeigte dabei seine schlechten Zähne.
Frederike straffte sich: »Wir suchen Kaninchen zum Liebhaben für die Kinder, essen wollen wir sie nicht!«
»Ach so ist das«, lachte der Mann. »Da kann ich von reinen Angoras nur abraten. Die sind zu aufwendig für Kinder. Aber wenn es etwas langhaariges Großes sein soll, dann versuchen sie es doch mit Satinangoras, die sind viel pflegeleichter!«
»Satinangoras? Wo finde ich die?«
»Die finden Sie hier ganz bestimmt nicht.« Der Mann lachte schon wieder. »Sie sind hier auf einer Ausstellung für Rassekaninchen vom Zuchtverband. Der erkennt die Santinangoras als Rasse nicht an, weil die nicht farbrein sind. Bei den Amerikanern sind sie aber als Rasse eingetragen und anerkannt. Googeln Sie mal durchs Internet, vielleicht finden Sie jemanden, der welche verkauft.« Dann drehte er sich um und wendete sich einem anderen Interessenten zu. Frederike und ihre Familie, die inzwischen dazugestoßen waren und den Dialog mitverfolgt hatten, staunten.
»Papa, ich will nach Hause«, quengelte Lukas.
Und weil alle müde von den vielen Eindrücken waren, machen sie sich auf den Heimweg.
Satinangoras, dachte Frederike, irgendwie ließ es sie nicht los, was ihr der Mann auf der Ausstellung erzählt hatte.
Bei der nächsten Gelegenheit – die Kinder sahen fern, Tobias arbeitete am Laptop – schnappte sie sich ihr Tablet und googelte das verheißungsvolle Wort. Zuerst schaut sie sich die Bilder an. Wie süß!, dachte sie, die gibt es ja in ganz vielen verschiedenen Farben! Sie sah rote, schwarze, weiße, aber auch Satinangoras die aussahen wie Siamkatzen! Nur gescheckte konnte sie nirgends finden. Ansonsten sahen sie den Angoras schon sehr ähnlich, waren aber nicht so extrem behaart. Vor allem Ohren und Beine schienen von den langen Haaren verschont zu bleiben, dafür hatten sie einen seidigen Glanz im Fell, wie Satin eben. Aber das Beste war, dass diese Kaninchen einen natürlichen Fellwechsel hatten und nicht geschoren werden mussten.Toll, dachte Frederike, das ist es doch! Begeistert klatschte sie in die Hände.
Die Suche nach Züchtern war dagegen wieder ernüchternd. Es gab welche in der Schweiz, in Hamburg, in München … aber in Köln? Da war Satinangora-Niemandsland. Und keiner hatte gerade Jungtiere. Ausgerechnet bei Quoka.de hatte sie Glück. Eine Züchterin aus Delmenhorst hatte noch ein paar acht Wochen alte Tiere abzugeben.
»Schatz, wo liegt Delmenhorst?«
»Nördlich von uns, irgendwo zwischen Münster und Hamburg. Warum?«
»Erzähle ich dir später!«
Die Züchterin hatte leider keine Telefonnummer angegeben, also tippte Frederike schnell eine Nachricht über Quoka.de und schickte sie an die Frau in Delmenhorst.
Am nächsten Morgen, gleich nachdem Lukas im Kindergarten, Anna in der Schule und Tobias auf dem Weg zum Flughafen war, checkte Frederike ihre Mails. Da! Eine Mail aus Delmenhorst:
Liebe Frederike, danke für Dein Anschreiben. Ich habe noch einige Jungtiere zur Abgabe hier. Am besten kommst Du einfach vorbei, dann kannst Du Dir welche aussuchen. Ich zeige Dir auch gerne, wie man Satinangoras pflegen muss.
Viele Grüße, Monika
***
Endlich! Ausfahrt Delmenhorst. Das Navi lotst Frederike sicher durch ein Vorstadtwohngebiet.
Hier muss es sein. Sie parkt vor einem kleinen Einfamilienhaus mit verwildertem Garten. Ein Jägerzaun trennt das Grundstück von der Straße. Frederike öffnet das Gartentor und geht über einen schmalen Weg aus Waschbetonplatten zum bescheidenen Hauseingang. Auf ihr Klingeln öffnet ihr eine kleine dunkelhaarige Frau mit schmalem Gesicht und einer ganz offensichtlich selbst gestrickten Weste.
»Hallo, ich bin Monika. Komm rein, ich habe dich schon erwartet.«
Frederike folgt ihr durch einen Flur voller Kratzbäume, auf denen sie mindestens drei Katzen zählt, die sie misstrauisch beäugen. In einer Ecke steht ein Spinnrad mit einem Stuhl davor.
Durch eine Tür kommen sie in eine einfache Küche. Überall liegen Säcke und Dosen mit Tierfutter herum. Eine weitere Katze streicht ihr um die Beine. Marion plappert dabei die ganze Zeit, entschuldigt sich dafür, dass es nicht aufgeräumt ist – sie hätte halt viel zu tun, der Job und die vielen Tiere. Gerade würde sie Zwergseidenhühnereier ausbrüten …
Durch eine weitere Tür kommen sie in eine Garage, in der kein Auto, dafür aber allerlei Gerümpel herumsteht. In einem Wandregal stapeln sich Papiertüten.
Noch eine Tür. Jetzt stehen sie im Garten, der vor allem aus einer großen Wiese besteht, die von einer wilden Hecke eingegrenzt wird.
»Die Kaninchen sind da hinten. Mein Freund hat mir endlich die neuen Gehege fertiggebaut«, erzählt Monika und wendet sich nach links.
Auf der Wiese stehen mehrere Maschendrahtverschläge, die kleinsten sind zwei Quadratmeter groß. Jeder Verschlag hat eine Hütte und einen Auslauf. Die Verschläge sind verrückbar, sodass sie immer wieder auf ein frisches Stück Wiese gestellt werden können. Frederike ist entzückt: Sie hatte mit so kleinen Ställen gerechnet, wie ihre Nachbarn sie früher hatten; kleine Boxen, mehrere übereinander und in jeder ein Kaninchen. Diese hier hatten ja viel mehr Platz, mit frischer Luft, Tageslicht, Auslauf und frischem Grün! Sie beschloss spontan, dass sie ihre Kaninchen auch so halten wollte.
»Ihren Kaninchen geht es ja richtig gut, die haben so viel Platz.«
»Ja«, nickt Monika, »ich lege Wert auf eine artgerechte Haltung. In den kleinen Gehegen halte ich die Rammler, die müssen leider zeitweise alleine sitzen. Aber wenn einer decken soll, lasse ich ihn bis kurz vor der Geburt beim Weibchen – dann hat er vier Wochen lang Gesellschaft.«
Frederike staunt, darüber hatte sie sich noch keine Gedanken gemacht.
»Hier sind die Jungtiere.« Monika zeigt auf ein weiteres Gehege. Es ist etwa dreimal drei Meter groß und hat sogar eine Tür. Innen tummeln sich lauter Wollknäule in den unterschiedlichsten Farben.
»Mein Gott, wie viele sind denn das?«, fragt Frederike und fängt an zu zählen, was gar nicht so einfach ist, weil alle durcheinander hoppeln.
»Jetzt sind es nur noch zwölf. Zwei sind schon weg. Ich hatte zwei Häsinnen gleichzeitig tragend. Meine alten Ställe waren kaputt und so hat sich ein Rammler nachts selbstständig gemacht und die Mädels besucht. Darum hat mir mein Freund neue Ställe gebaut.« Monika lacht. »Wenn du mehrere nimmst, kriegst du Mengenrabatt.«
Frederike schaut ins Gehege. Mein Gott, sind die süß. Eins hat ja dieselbe Haarfarbe wie Lukas: orange! Das muss unbedingt mit. Dann gibt es noch undefinierbar graue Tiere, manche etwas heller. Die gefallen Frederike nicht.
Schwarz oder weiß – sie kann sich nicht entscheiden. »Wie war das noch mal mit dem Mengenrabatt?«, fragt sie.
»Wie viele nimmst du denn?«
»Eigentlich wollte ich ja zwei. Den Orangen will ich auf jeden Fall. Und nun kann ich mich nicht zwischen Schwarz und Weiß entscheiden …«
»Okay, wenn du drei nimmst, bekommst du den Dritten für die Hälfte.«
»Prima, abgemacht«, freut sich Frederike.
»Welchen von den Weißen willst du? Ich habe zwei mit blauen Augen und zwei mit roten.«
»Lieber einen mit blauen Augen. Welches ist egal, ich nehme das, das du schneller fangen kannst«, lacht Frederike.
»Gut. Hast du etwas zum Transportieren dabei?«
»Ja, im Auto. Einen Katzentransportkorb. Hoffentlich ist der nicht zu klein für drei?«
»Könnte eng werden. Ich gebe dir besser einen Karton mit. Für drei Stunden wird das gehen.«
Doch statt zurückzugehen, geht Monika zu einem anderen Gehege und nimmt ein stattliches rotes Kaninchen heraus.
