Freiheit - Barbara Binder - E-Book

Freiheit E-Book

Barbara Binder

4,8

Beschreibung

Das war sie, diese heftige Nacht, die sich Barbara weder gewünscht noch ausgesucht hatte. Und dennoch war sie da. Und wie sie da war! Mit enormer Wucht war sie über Barbara hereingebrochen und hatte sie voll und ganz in Beschlag genommen. "..das Shirt ist klitschnass, der Körper schlottert, die Schweißperlen stehen mir auf der Stirn. Ich habe Angst! Die Kraft geht mir aus und die Tränen der Verzweiflung bahnen sich ihren Weg. Habe ich wieder einmal versagt? Ich fühle mich plötzlich so leer, schwach und müde. Es tut so unglaublich weh! Dieser Schmerz, der sich durch mein Herz bohrt. Die Angst sitzt mir im Nacken. Ich höre ein hämisches Lachen in meinem Hinterkopf...." All die Jahre, in denen Barbara gekonnt und souverän ihre traumatischen Erlebnisse, ihre seelischen Wunden und vor allem ihre als Kind durchlebte Todesangst in den bereits verstaubten Schubladen ihres Gedächtnisses sicher vergraben glaubte, brach alles auf. Nun gab es kein Entrinnen mehr! Unverblümt und direkt meldete sich ihr Innerstes zu Wort und schrie förmlich nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Irgendwann war Barbara klar, dass sie sich ihren Themen stellen musste und begab sich auf unbekanntes Terrain um in Bereiche ihrer Seele vorzudringen, in denen sie noch niemals zuvor gewesen war. Es begann ein Trip der besonderen Art, gespickt mit Hindernissen, Umwegen und Rückschlägen. Und dennoch führte diese tollkühne Heldenreise letztlich erfolgreich auf direktem Weg in das mystische Innere. Mit persönlichen Geschichten, aber auch gekoppelt mit tiefgehenden, imaginären Briefen beschreibt Barbara ihren persönlichen Weg zu innerer Freiheit. Nachhaltige Heilung geschieht nur im Inneren, aber niemals im Außen. Vielleicht gibt auch Ihnen diese sensible und dennoch humorvolle, herzerfrischende Geschichte den entscheidenden Ruck, den Weg hindurch zu ihrer persönlichen Freiheit zu finden. Wenn dieses Werk nur einem einzigen Menschen dabei behilflich war, hat sich das Buch im Sinne der Autorin gelohnt.

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Seitenzahl: 188

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Machtlos

Schattenseite

Hallo, da bin ich!

Kindergartenzeit – und schon so selbständig!

Brief an Mama – „Frühstück“

Das Feuer – Mein Kampf zwischen Leben und Tod

Brief an den Feuerwehrmann

Danach – Ein neuer Lebensabschnitt

Adoption

Adoleszenz – Der goldene Käfig

Brief an Mama – „Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich vermisst habe?“

Trauma – Das knallharte Schwert des Lebens

Mut zur Innenschau

Herzensziele

Brief an Mama – „Warum willst du mich noch immer nicht?“

Das bin ich heute

Brief an Mama – „Was ich dir noch sagen wollte“

Brief an Oma und Opa – „Danke, dass ihr eingesprungen seid!“

Danksagung

Machtlos

Eine kühle Herbstnacht. Zu kühl für meinen Geschmack. Und das Anfang Oktober. Ich fühle mich halb erfroren, als ich kurz vor Mitternacht nach einem äußerst anstrengenden Seminartag todmüde ins Bett falle.

„Zu den Wurzeln des Seins“ – ein Seminar, auf das ich mich sehr gefreut hatte, ohne zu wissen, was mich dabei genau erwarten würde.

Ich hatte am Abend dieses zweiten Seminartages viel geweint, da mich der ganze Tag innerlich aufgewühlt hat. Schlussendlich auch noch dieser angeblich krönende Höhepunkt: ein Abschlussritual am Lagerfeuer. Der Anblick dieser ungemein großen Flammen, der brandige Geruch in der Luft und das Knistern des morschen Holzes lösten pures Entsetzen in mir aus.

Wie von Sinnen schrecke ich hoch.

„Oh mein Gott, was ist das denn?“, schießt es mir durch den Kopf. Schweißgebadet und nach Luft ringend versuche ich krampfhaft, mich aufzusetzen. Doch es geht nicht. Es geht einfach nicht! Meine Beine und Arme zittern wie Espenlaub. Ich bin nicht mehr Herrscher meines Körpers. Hilfe! Ich habe meinen Körper nicht mehr im Griff!

„Eine Panikattacke? Ausgerechnet ich?“, bohrt sich ein flüchtiger Gedanke seinen Weg durch mein noch halbwegs funktionierendes Gehirn. Hysterie macht sich breit. Ich, die andere und deren angebliche Panikattacken meist nur belächelt hatte, soll nun genau so etwas haben?

Ich will schreien. Meine pure Angst, die sich klammheimlich eingeschlichen hat, hinausschreien. Je schneller desto besser, damit der ganze Spuk schneller wieder vorüber geht. Glaubte ich zumindest.

Doch es geht nicht. Das gibt es doch gar nicht! Ich kann nicht schreien. Nicht einmal einen klitzekleinen Ton bringe ich heraus. „Ach Gott, was soll denn das alles?!“ Ich bin zornig und wütend auf mich selbst. Zuerst kann ich mich nicht bewegen, jetzt noch nicht einmal mehr schreien. Bin ich wahnsinnig geworden? Ja? Vielleicht? Oder doch nicht? Nein, ich glaube nicht. Aber ich bin gefangen. Gefangen in meinem eigenen Körper.

Wie bei einem heftigen Fieberkrampf bebt alles in mir. Ich habe keine Kontrolle mehr über meinen Körper. Mir ist kalt und heiß gleichzeitig. Die Nackenhaare beginnen, sich aufzustellen und mein Herz pocht mir bis zum Hals. Ich kann kaum atmen, ringe verzweifelt nach Luft. Ein Kloß in meinem Hals dehnt sich aus. Nein, schlimmer noch! Eine imaginäre Schlinge legt sich um meinen Hals und wird immer enger. Irgendjemand zieht unbarmherzig, ganz langsam und doch stetig daran, um mir den letzten Atem zu rauben. Irgendwie entgleitet mir gerade alles, aber ich kann es nicht stoppen. Kannte ich diesen Zustand nicht schon von irgendwo?

Während sich meine Gedanken überschlagen und ich verzweifelt nach Luft ringe, versuche ich, nervös und aufgebracht, mich meinem Mann Michael gegenüber bemerkbar zu machen.

Irgendwann bekommt er diesen vermeintlichen Überlebenskampf mit. „Na endlich!“, durchfährt es mich. „Er muss doch längst bemerken, dass es mir schlecht geht.“

Anfangs noch recht verschlafen – was man angesichts dieser Uhrzeit auch niemandem verübeln kann – nimmt er meine zuckenden Bewegungen, mein verzweifeltes Röcheln und meine innere Unruhe wahr. Er zögert einen kurzen Moment, ehe er ein wenig unbeholfen nach dem Lichtschalter tastet. Er weiß zwar noch nicht, was sich tatsächlich abspielt, doch er bemerkt sehr wohl, dass es sich um eine äußerst ungewöhnliche Situation handelt.

Das Licht ist an. Prima! „Oh Gott!“, entfährt es ihm ganz automatisch, „Was ist denn mit dir los?“ Das wüsste ich auch gerne.

Michael dreht sich zu mir und blickt mich mit großen Augen an. In meinem Gesicht spiegelt sich das blanke Entsetzen wider. Todesangst? Ich fühle mich, als müsste ich sterben. Hundeelend. Allein. Verzweifelt. Ich bin kreidebleich, meine Hände sind kalt und feucht. Meine Füße spüre ich gar nicht mehr. Ich fröstle. Nein, schlimmer. Ich friere. Gleichzeitig stehen mir die Schweißperlen auf der Stirn. Ich fühle mich so unendlich hilflos und der Situation ausgeliefert. Wer oder was hat mich im Griff? Ich bin es zweifelsohne nicht. Ich habe mich und mein Leben gerade ganz und gar nicht mehr in meiner Hand. Musste ich es etwa abgeben? Aber an wen?

Mein Mann reagiert rasch. Er nimmt mich behutsam in seine Arme, wiegt mich wie ein Baby, das verzweifelt nach Hilfe und Aufmerksamkeit sucht. Er sagt nicht viel und hält mich nur. Das genügt fürs Erste. Es gelingt ihm, mich ein wenig zu besänftigen und aus meiner Hysterie herauszubringen. Dann spricht er ruhig und gibt dennoch klare Anweisungen, was ich tun soll. „Atmen. Tief aus- und einatmen.“

Ich nehme seine Worte wahr, lasse sie zu. Mit seiner Hilfe gelingt es mir nach einigen Minuten, mich ein wenig zu beruhigen. Mein oberflächliches Atmen, mein Hyperventilieren verlagert sich zunehmend in tiefere Atemzüge. Michael hält mich weiterhin fürsorglich im Arm. Das Zittern lässt ein wenig nach, mein Herzschlag beruhigt sich ebenfalls.

Nach ein paar Minuten werfe ich ihm einige krächzende Wortfetzen entgegen, mit denen er vorerst nichts anzufangen weiß. Ein Wirrwarr an Gedanken, Emotionen, verbalen und nonverbalen Ausdrucksweisen lässt ihn erahnen, dass ich in keiner Weise bei mir bin.

„Lass mich in Ruhe. Ich muss gehen. Für immer. Lass mich einfach sterben!“, schleudere ich ihm entgegen.

„Gehen? Wohin?“, fragt er.

„Da ist eine Schwelle und ein tiefes schwarzes Loch.“

„Ja, und? Was willst du dort?“, hakt er nach.

„Da gehe ich jetzt hin!“

„Warum? Warum willst du dort hin?“

„Der da drüben, der an der Schwelle steht, sagt, ich brauche nur noch einen einzigen Schritt machen, dann bin ich drüben!“

„Wo drüben?“

„Na dort drüben, siehst du das denn nicht?“

„Nein! Ich sehe gar nichts. Ich sehe keine Schwelle!“, gibt mir mein Mann zu verstehen.

„Ich mache jetzt, was der da sagt. Der da, das dunkle Wesen. Es

will mich holen! Es sagt, wenn ich komme, dann ist es endlich vorbei!“

„Und was soll aus mir und den Kindern werden?“, möchte mein Mann wissen.

„Ich steige da jetzt hinein, dann bin ich endlich weg!“

„Weg…?“, stößt es aus ihm heraus.

„Alle wollen, dass ich sterbe. Ich will das jetzt auch. Dann muss ich endlich nicht mehr leiden.“

„Wie sieht dieses Wesen denn aus?“, möchte er wissen.

„Dunkel!“

„Und wer sagt dir, dass es dir dort besser geht?“

„Ich hebe jetzt mein linkes Bein.“

„Und wie soll ich das den Jungs erklären?“

„Das Monster streckt schon seinen dünnen Arm nach mir aus. Es will mich hinüberziehen. Es wiederholt ständig, dass ich nur noch einen Schritt tun muss. Lass mich endlich sterben! Bitte, lass mich endlich sterben! Ich kann nicht anders!“

„Aber wir lieben dich doch!“, versucht mein Mann mich zur Vernunft zu bringen.

„Wenn ich nicht komme, dann ist es böse auf mich, sagt es.“

Mein Mann versucht immer wieder, mich ins Gespräch zu verwickeln, um mich von meinen fixierten Gedanken abzulenken. Gedanken, die nicht zu mir passten. Worte, die zwar aus meinem Mund kamen, aber eindeutig nicht von mir stammen konnten. Zumindest äußerlich bleibt er ganz cool. Ich selbst bin gänzlich auf dieses Wesen fixiert. Dieses schauderhafte, schwarze, angsteinflößende Monster, das mich Realität und Illusion nicht mehr voneinander unterscheiden lässt.

Immer wieder flehe ich, mich doch endlich gehen zu lassen. Aber Michael gibt nicht auf, kommuniziert ständig mit mir und ist hartnäckig. „Ich gebe dich nicht her!“

Mein Körper zittert immer noch ein wenig. Meine Gedanken sind weit weg. Ich bin innerlich ganz woanders. In einer Sphäre, die scheinbar für niemanden sonst zugänglich ist. Ich fühle mich gefangen. Gefangen in meinem eigenen Körper, aber auch in meinen Gedanken. Ich fühle mich vollkommen machtlos und überwältigt.

„Es holt mich. Jetzt! Ich habe Angst!“, stößt es schließlich aus mir heraus. „Ich habe solche Angst! Bitte hilf mir!“ Pure Verzweiflung durchflutet mich. Was soll ich nur tun? Einerseits will ich gehen, andererseits aber nicht. Wer um alles in der Welt hat mich derartig in die Mangel genommen?

Schweißperlen stehen mir immer noch auf der Stirn, mein Shirt ist klitschnass und mein Körper schlottert nach wie vor. Ich bin vollkommen konfus, kopflos und abwesend. Mein Mann hält mich weiterhin behutsam in seinen Armen.

Irgendwann geht mir die Kraft aus und ich lasse mich innerlich fallen. Tränen der Verzweiflung und der Erleichterung bahnen sich ihren Weg über meine Wangen. Habe ich wieder einmal versagt? Verloren? Mich überwältigen lassen? Ich dachte immer, ich wäre eine Kämpferin… und nun das? Ich fühle mich plötzlich so leer, so schwach, so müde. Die Zeit scheint still zu stehen. Aus, Schluss! Ich kann nicht mehr.

Es tut so unsagbar weh. Dieser Schmerz, der sich durch mein Herz bohrt, als ob mir jemand einen Dolch hineinrammen würde. Die Angst sitzt mir im Nacken. Ich höre ein hämisches Lachen in meinem Hinterkopf. Die Monster! Sind sie etwa noch hier? Ja! Aber leiser. Leiser als zuvor.

Es ist vorbei. Endlich! Ich bekomme langsam wieder das Gefühl, ich selbst zu sein. Ich beginne zu weinen. Ich kann nicht anders. Alles muss irgendwie heraus. Der Kampf zwischen Gut und Böse ist fürs Erste geschafft. So rasch wie alles gekommen ist, ist es auch wieder vorbei. Ich muss mich erst einmal sammeln. Mein Körper ist mittlerweile ganz ruhig. Ich brauche frische Luft.

Mein Mann und ich gehen hinaus in die Kälte, gleich im Pyjama mit einer dicken Jacke darüber. Es ist ungefähr vier Uhr morgens. Die herabgefallenen Blätter rascheln unter meinen Füßen. Der Sauerstoff tut mir gut, plötzlich bin ich hellwach und meine Gedanken klar. Wir drehen eine größere Runde, gehen wortlos Hand in Hand. Mir wird langsam bewusst, dass mein Mann und ich gemeinsam einen emotionalen Kraftakt höchster Klasse überstanden haben. Mir wird klar, woran mich das alles erinnert. Wie Schuppen fällt es mir von den Augen. Das hatte ich doch alles schon einmal! Viele, viele Jahre ist das her. Längst verdrängt, vergessen und abgelegt in einer alten Schublade meines Gehirns. Da war doch was! Todesangst… oh ja! Damals, in dieser schrecklichen Nacht. Erinnerungen kommen wieder hoch und holen mich ein. Doch diesmal weiß ich, dass ich nicht allein bin. Nicht so wie damals, als es um mein nacktes Überleben ging. Heute fühle ich mich getragen, beschützt, geliebt.

Etwas durchfroren kehren wir in unser Quartier zurück. „Du hast meinen vollen Respekt. Nach diesen Stunden kann ich mir ungefähr vorstellen, was es heißt, Todesängste durchzustehen.“, höre ich meinen Mann noch leise sagen, ehe ich vollkommen erschöpft in den Kissen versinke.

In meinem Traum sehe ich eine weiße Feder im Schnee. Ich sehe sie sogar noch vor mir, als ich wieder aufwache. Ich deute dies als Zeichen, endlich Frieden zu schließen. Mit mir, meiner Vergangenheit, meiner Familie. Ich begebe mich auf die längste und intensivste Reise meines Lebens. Eine Reise zu mir selbst.

Schattenseite

„Du hast deine Kindheit vergessen,

aus den Tiefen deiner Seele wirbt sie um dich. Sie wird dich so lange leiden machen, bis du sie erhörst.“

Hermann Hesse

Ich bin eine Kämpferin. Mein ganzes Leben schon. Nein, ich habe mir das wahrlich nicht bewusst ausgesucht. Es ist einfach so, seit meiner Kindheit. Was blieb mir denn auch anderes übrig? Schon in sehr jungen Jahren wurde ich mit Einsamkeit, Lieblosigkeit, verbaler und nonverbaler Gewalt konfrontiert. Es gab kein Entkommen oder Alternativen.

Und nun das! Diese heftige Nacht, die ich mir weder gewünscht noch ausgesucht hatte. Dennoch war sie da. Und wie sie da war! Mit enormer Wucht ist sie über mich hereingebrochen und hat mich in Beschlag genommen. Körperlich, geistig und vor allem seelisch. Erneut gab es kein Entkommen und ich musste mich dieser Machtlosigkeit stellen. Ob ich das nun wollte oder nicht. Doch diesmal hatte ich eine Alternative. Nämlich jene der Konfrontation. Eine Konfrontation mit mir selbst. Ich hatte die Chance erhalten, mich nicht wieder davonzustehlen und vor der Wahrheit zu verstecken, sondern mutig und stark zu sein, um mich endlich auf die Suche nach der Tiefe meines wahren Seins zu begeben. Ich hatte jahrzehntelang nicht auf meine inneren Zeichen geachtet. Ich hatte mich vielmehr mit den alten Erziehungs- und Glaubensmustern arrangiert, ohne zu bemerken, wie enorm abhängig ich davon geworden war. Prägungen und Muster, die einem praktisch schon in die Wiege gelegt werden und einen bevormunden. Es verlangt einem viel ab, derartige Erziehungsstile zu verändern oder sie gar abzulegen.

Ich wollte stets nur gefallen, mich anpassen, kein Aufsehen erregen und immer „brav“ im Hintergrund bleiben, um möglichst nicht aufzufallen, geschweige denn enttarnt zu werden. Über viele Jahre hinweg ist dieses Vorhaben durchaus gut gelungen, doch nun habe ich die Weichen gestellt. Es lag in meiner Hand, weiterhin versteckt und artig durchs Leben zu gehen, ohne allzu oft nach links und rechts oder gar nach hinten zu schauen, oder doch den Aufbruch in eine neue Wirklichkeit zu meistern.

Ich habe mich für Letzteres entschieden und bin damit einem inneren Impuls gefolgt. Mit einer gewissen Entschlossenheit, beinahe infantiler Neugierde, aber auch mit selbst auferlegtem Erwartungsdruck bin ich schließlich aufgebrochen. Ich wollte diese Reise im Grunde so schnell wie möglich hinter mich bringen, um ein für alle Mal den Misthaufen meiner Biografie abzuarbeiten.

Doch ganz so einfach sollte sich dieser Trip nicht gestalten, denn dafür waren meine traumatischen Erlebnisse zu stark und meine Erwartungen zu hoch. Viele größere und kleinere Hindernisse, Abzweigungen, Umwege und auch Rückschläge lenkten meine tollkühne Heldenreise in mein mystisches Inneres. Auch weil die Geduld nicht gerade zu meinen Stärken zählt. Denn wenn ich mich für eine Sache oder ein Projekt entschlossen hatte, dann musste alles prompt in der Form ablaufen, in der ich mir alles vorgestellt hatte. Eine wenig hilfreiche Kombination aus Ego, rationalem Denken und Alltagsrealität.

Dennoch habe ich die Hürden gut gemeistert und mich erfolgreich auf das größte Abenteuer meines Lebens eingelassen – auf dem ich mich nach wie vor befinde, denn im Grunde hört es niemals auf. Auch nach vielen Jahren der inneren Aufarbeitung gibt es ständig neue Erkenntnisse, die beachtet werden wollen.

Ich glaube in keiner Weise, nun „perfekt“ zu sein. Auf dieser Seelenreise habe ich nicht nur meine vielen Verletzungen wahrgenommen. Sie standen zwar am Beginn meiner Auseinandersetzung mit mir selbst im Vordergrund, im Zuge der vielen neuen Erkenntnisse durfte ich aber auch meine wahre Größe kennenlernen, Talente und Fähigkeiten entdecken, von denen ich zuvor nicht einmal geahnt hatte, dass sie in mir schlummerten. Doch gerade die Krisen und Hürden des Lebens forderten mich heraus. Sie konfrontierten mich direkt.

Heute bin ich sehr dankbar für das, was ich sehen, verstehen, lernen und auch loslassen konnte. Hätte ich aus Angst diesen Weg nicht angetreten, wäre ich heute nicht die Frau, die ich tatsächlich bin. Jene Frau, die im Grunde immer in mir steckte, ohne dass ich sie erkannte. Ich bin in Bereiche meiner Seele vorgedrungen, in denen ich niemals zuvor gewesen war. Ich habe gelernt, mich meinen Ängsten zu stellen und dadurch ein unbekanntes Terrain entdeckt, das mich eine immense innere Kraft und vor allem meine ganz persönliche Freiheit entdecken lässt.

Ich habe meinen Weg zum inneren Ich gefunden, welcher mich täglich ein Stück weiter in die Unendlichkeit, in die Tiefe meiner Seele führt. Ich habe durch Akzeptanz, sowie Integration all meiner traumatischen Erlebnisse gelernt, stolz auf mich zu sein. Stolz auf das, was ich erkannt, geleistet und geschafft habe.

Erst dadurch ist mir wieder richtig bewusst geworden, wie wichtig es ist, seiner Intuition zu vertrauen. Damals, als Kind, habe ich auch darauf vertraut. Ganz automatisch tat ich das Richtige zum richtigen Zeitpunkt. Aus einem vollkommen kindlichen Instinkt heraus. Diese innere Stimme ist die Sprache des Herzens. Ihr zu lauschen und sich ihr wie selbstverständlich hinzugeben ist wahre innere Freiheit.

Diese innere Vorahnung, die man auch als Bauchgefühl bezeichnet, ist das eigentliche Gehirn des Körpers und kann weder getäuscht noch geleugnet werden. Wer bereit ist, auf sein Bauchgefühl zu hören, ist auch bereit für den Weg durch seelische Qualen, Selbstzweifel und tiefste Ängste. Ein Weg in ein neues Ich. Denn der Weg hindurch ist der Weg zum Ziel!

Hallo, da bin ich!

Ich durfte an einem Donnerstag Anfang März das Licht der Welt erblicken. Es war dies die zehnte Kalenderwoche in diesem Schaltjahr. Wenn man davon ausgeht, dass eine normale Schwangerschaft 40 Wochen dauert, so wurde ich in einer lauen Sommernacht oder vielleicht auch an einem heißen Sommertag gezeugt – wenn auch nicht wirklich geplant.

Die Schwangerschaft wurde nicht gerade zur Freude meiner Mutter und schon gar nicht jener der Großeltern mütterlicherseits festgestellt. Mein Vater erfuhr davon erst später. Er wurde mit seinen 19 Jahren – damals gerade beim Bundesheer eingerückt – eines Tages völlig überraschend seinem Kommandanten vorgeführt. Dieser streckte ihm die Hand entgegen, gratulierte ihm und klärte ihn darüber auf, dass er mit sofortiger Wirkung beurlaubt wäre. Auf die Nachfrage, warum dem so wäre, entgegnete ihm sein Vorgesetzter kurz und bündig: „Na ja, Sie heiraten doch!“

„Wie bitte?“, fragte mein Vater vorsichtig nach, denn er wusste selbst noch nicht einmal von dieser Entscheidung. Er durfte jedenfalls sogleich abtreten und befand sich mit sofortiger Wirkung im „Heiratsurlaub“.

Mein Vater ahnte sofort, dass dies von meinem Großvater – seinem künftigen Schwiegervater – ausgegangen war. Klug wie er war, wusste er ganz genau, dass es ein Ding der Unmöglichkeit war, sich dieser Entscheidung auch nur ansatzweise zu widersetzen. Als er dann auch noch erfuhr, dass er Vater werden würde, war er zunächst komplett überrascht und sprachlos. Er nahm die Tatsache aber rasch zu Kenntnis und versuchte, relativ gelassen zu bleiben. Im Grunde blieb ihm auch gar nichts anderes übrig, denn zu diesem Zeitpunkt gab es für ihn in wichtigen Angelegenheiten nicht viel mitzureden. Andere hatten bereits über ihn und seine Zukunft entschieden. Jung und wohl auch etwas verunsichert, beugte er sich dem Schicksal und der Entschlusskraft seiner künftigen Schwiegereltern.

Auch meine Mutter wurde von ihren brüskierten Eltern überrollt und in eine Schiene gepresst, die ihr einen Weg vorgab, den sie sich weder gewünscht noch ausgesucht hatte. Die Dominanz ihres Vaters, aber auch der Schein, der nach außen hin gewahrt werden musste, hatten die Entscheidung gelenkt und so wurde im Blitzverfahren geheiratet.

Für einen Schwangerschaftsabbruch, der sowohl von meiner Mutter als auch ihren Eltern – obwohl streng katholisch und äußerst konservativ – erwünscht gewesen wäre, war es mittlerweile zu spät. Ein Kind zu bekommen bedeutete für alle Beteiligten eine bevorstehende Katastrophe.

Meine Seele hatte bereits beschlossen, sich hier auf der Erde ein Plätzchen zu sichern. Dass diese Seelenreise kein Zuckerschlecken werden würde, war meiner Seele wahrscheinlich bewusst, doch sie hatte sich willentlich für diesen Prozess entschieden.

Um 06:45 schlüpfte dieses Seelchen als zartes Mädchen durch den Geburtskanal einer erst 19-jährigen, etwas labilen Persönlichkeit – meiner Mutter. Ein Seelentrip der besonderen Art hatte für uns beide begonnen. Eine überaus glückliche, fürsorgliche, stolze und liebevolle Mami war sie – wie bereits erwartet – natürlich nicht. Mehr schlecht als recht setzte sie sich gezwungenermaßen mit ihrem neuen „Anhängsel“ auseinander. Es war das Ende ihrer Freiheit.

Mein Vater blieb vorerst relativ besonnen und neutral und übernahm einen Großteil der damals noch typisch weiblichen Agenden wie Windeln wechseln, füttern und was sonst noch so anfiel. Irgendwie bekamen meine Eltern diese neue Lebenssituation aber in den Griff. Na ja, immerhin waren sie beide zuvor auch am ausschlaggebenden Vergnügen beteiligt.

Nach Beendigung des Wehrdienstes war mein Vater angeblich aus beruflichen Gründen während der Woche häufig unterwegs. Das bedeutete, dass er sich langsam, aber sicher dieser für ihn unangenehmen Situation zu Hause immer mehr entziehen und die tägliche Verantwortung abgeben konnte. Demnach musste meine Mutter den Tagesablauf mit mir irgendwann allein hinbekommen. Für sie war das ein Desaster, da sie noch nicht einmal ihr eigenes Leben auf die Reihe bekam. Wie sollte sie da zusätzlich für ein Kind, das weder geplant noch erwünscht war, sorgen können? Fallweise bekam sie ein wenig Unterstützung seitens meiner frisch gebackenen Großeltern, die selbst gerade einmal 40 Jahre alt waren. Diese hätten mich auch ablehnen können, was sie glücklicherweise aber doch nicht taten.

Erzählungen zufolge war ich immer ein anspruchsloses, braves Kind, stets bemüht, nicht allzu auffällig oder gar belastend zu sein. Dieses Verhalten wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Ein Verhaltensmuster, das mich die nächsten Jahrzehnte prägen und letztlich sehr belasten sollte.

Manche Kinder, die nicht beachtet, angenommen und geliebt werden, werden zwangsweise dazu bewogen, weniger Ansprüche an andere zu stellen, um sich leichter durchs Leben zu schummeln. Es gibt aber auch eine zweite Kategorie dieser Kinder, die sich Beachtung durch Auffälligkeit erhofft. Ich gehörte definitiv der ersten Gruppe an, denn Auffälligkeiten hätten zu einem noch größeren Fiasko geführt, als dies ohnehin schon der Fall war.

Dass durch derartige Lebensumstände mit mangelnder Fürsorge große seelische Wunden geschürt werden, ist längst bekannt. Diese Wunden können in der Folge schwerwiegende Traumen hervorrufen. Psychische Leiden, die sich oftmals erst viele Jahre später in Form von physischen Beschwerden bemerkbar machen oder als psychosoziale Probleme zum Vorschein kommen.

Die ersten Jahre meiner Kindheit verliefen äußerst chaotisch. Es gab keinen geregelten Tagesablauf, keine Regeln, keine Rituale, keine Highlights oder Besonderheiten in meinem Leben. Auch keine Liebe. Ich war mir stets selbst überlassen. Abgesehen vom Notwendigsten, kümmerte sich niemand so wirklich um mich. Dieses Gefühl, nicht erwünscht und einfach nur „da“ zu sein, bekam ich schon damals mit und es sollte mich noch viele Jahrzehnte prägen und belasten.

Jeder kennt mit Sicherheit dieses Gefühl, wenn man sich in einer Gruppe von Menschen oder in einer gewissen Situation unerwünscht fühlt. Wenn im Innersten der Eindruck entsteht, beinahe als lästig, aufdringlich oder störend wahrgenommen zu werden und man am liebsten umgehend flüchten möchte. Wenn es dann aber keine Möglichkeit gibt, dieser Situation zu entfliehen, macht sich eine ständige Befangenheit breit.

Eine unsagbare Angst haftete damals wie ein unsichtbarer Schatten an mir und kam manchmal mehr oder weniger zum Vorschein. Es fühlte sich so an, als wäre eine gewisse Versagensangst in all den über 80 Billionen Zellen meiner DNA gespeichert und auf Knopfdruck abrufbar.