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Die weitgehend autobiografische Erzählung beschreibt aus Sicht eines Jungen wie er die Zeit während des 2. Weltkriegs erlebte. Als Kind einer alleinerziehenden, französischen Mutter, die in einer Fabrik arbeitete, war das Geld stets knapp und jeder Tag ein Überlebenskampf. Das Buch schildert, wie sich der Junge trotz der vielen Einschränkungen mit den geschlossenen Grenzen und den gesellschaftlichen Zwängen seine kleinen Freiheiten errang. Diese Erzählung eines der letzten Zeitzeugen vermittelt ein authentisches Bild jener Zeit (1939-1945) in Basel, die von ständiger Angst und dem Wunsch einer unbeschwerten Kindheit geprägt waren. Humorvolle Anekdoten und zahlreiche detailgetreue Schilderungen des Alltaglebens und konkrete Kriegsereignisse ergänzen die Erzählung.
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Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Vorwort
Einleitung
Aufenthalt in Wimmis
Umzug im Frühjahr 1938
Neue Nachbarschaft
Schulalltag
Spielen im Quartier
Hufgeklapper
Öde Sommerferien
Beschwerliche Arbeit
Kriegsgerüchte und Sorgen
Mobilmachung
Winterkälte
Frühlingserwachen
Bange Kriegsjahre
Rationierung und «kreative» Lösungen
Bomben fallen
Die neue Schule
Tante Greti – die Wirtin
Bleiben oder weggehen?
Unbeschwerte Sommerferien
Schaffhausen bombardiert
Im Flegelalter
Das letzte Kriegsjahr
Aufbruchstimmung
Letztes Schuljahr
Ausläufer mit Velo
Zauberlehrling
Traum vom Seemannsleben
Nachwort
W as Sie im Buch erwartet, ist die Geschichte eines Knaben, der in den Jahren 1938 bis 1946 mit seiner Mutter – einer Fabrikarbeiterin – in einem Arbeiterquartier im Kleinbasel * aufwuchs.
Was Sie nicht erwarten können, ist ein literarisch-historisches Werk in exakt chronologischer Abfolge. Ich möchte Ihnen ganz einfach Geschichten erzählen, so wie ich sie in den erwähnten Jahren als Knabe erlebte. Dieser kommt meist selber zu Wort. (Mitunter mischt sich auch der Schreibende in kursiver Schrift ein).
Information für Auswärtige
*Kleinbasel ist ein Stadtteil der Schweizer Stadt Basel, rechts des Rheins gelegen. Kleinbasel galt immer schon als Stadtteil der einfachen Leute: Der Arbeiter und Einwanderer, weil dort die Fabriken Arbeit boten. Einst sprach man abfällig vom «minderen» Basel. Auf der linksrheinischen Seite Gegenüber im Grossbasel, hatten die Gutsituierten ihren Wohnsitz. Kleinbasel grenzt an Deutschland, während Grossbasel an Frankreichs Grenze stösst. Eingeengt zwischen zwei Grossmächten hinterliess der Zweite Weltkrieg auch in der Grenzstadt Basel seine Spuren in vielfältigster Weise.
1931 kam ich in Paris zur Welt, wo auch meine Mutter, Gaby Thomas, 1901 geboren wurde. Mein Vater, Adolf Baumann, Schweizer Bürger, wurde 1897 in Aarau geboren. Meine Eltern lebten in Basel ohne Trauschein zusammen, was damals als unsittlich galt und gesetzeswidrig war. Getauft wurde ich in der Peterskirche Basel auf den Namen Johannes Adolf Baumann. Meine Mutter zog es vor, mich französisch «Dolphe» zu rufen. Im Dialekt nennt man mich «Dölf». Als ich zwei Jahre alt war, starb mein Vater 36-jährig. Mit vier Jahren bekam ich einen Stiefvater, Werner Br. Er adoptierte mich. Damit wurde ich Schweizer Bürger.
Nun bin ich bald neunzig Jahre alt. Ich blicke auf ein langes Leben mit vielen Erinnerungen zurück und möchte der jüngeren Generation erzählen, wie ein heranwachsender Bub den Alltag in einem Arbeiterviertel erlebte. Auch wie sich in der genannten Zeitspanne vieles veränderte, vor allem in den Jahren des Zweiten Weltkrieges (1939 – 1945). Manches, was ich noch sah, existiert nicht mehr.
Kürzlich entdeckte ich auf dem Flohmarkt einen tragbaren Kohleeimer aus Metall. Sogleich wurde die Erinnerung wach, wie wir die Kohle vom Keller hinauf in die Wohnung schleppen mussten.
Erstaunlich, wie nahezu primitiv mir die Lebensumstände von damals nun erscheinen, wenn ich sie mit heute vergleiche. Was heutzutage ganz selbstverständlich ist: Waschmaschine, Kühlschrank, Telefon oder Zentralheizung: Das alles existierte nicht bei uns zu Hause. Wir mussten selber den Ofen mit Holz und Kohle anheizen, damit es in der Wohnung warm wurde.
Es gab vielerlei Dinge, die aus dem Alltagsleben verschwunden sind. Etwa die Tretnähmaschine, das Waschbrett, der Fleischwolf oder den Teppichklopfer. Gegenstände, denen wir heute gewiss nicht nachtrauern.
In jener Zeit waren auf manchen Strassen auch unbeschwerte Fussball-, Fang- und Versteckspiele möglich. Auf den Trottoirs fanden Hüpf-, «Glugger-» (Murmel) und Ballspiele statt. Wenige Kinder haben heute noch solche Freiheiten in einer Stadt.
Mein Stiefvater Werner Br. war ein mürrischer und derber Mann. Kräftige Statur, Amateurboxer! Gleisarbeiter bei den Schweizerischen Bundesbahnen.
Obschon er mich nie schlug, fürchtete ich mich vor ihm. Sein stechender Blick, das Macho-Gehabe, seine Stimme und knappe Sprechweise ängstigten mich.
Oft kam er nach dem Boxtraining betrunken nach Hause. Dann kam es zu lautem und handgreiflichem Streit zwischen ihm und meiner Mutter. Einmal mussten wir vor ihm über den Gartenzaun hinter dem Haus zu den Nachbarn fliehen.
So war ich ganz froh, als er eines Tages nicht mehr erschien. Mit ihm verschwand auch alles Bargeld, auch das Geld seiner Pensionskasse, das er vorbezogen hatte. Er hatte sich ins Ausland abgesetzt und hinterliess einen beträchtlichen Schuldenberg, den Mutter jahrelang in kleinen Raten abbezahlen musste.
I ch bin schön überrascht, jetzt ist plötzlich ein Mann bei uns. Er bleibt und wohnt bei uns. Er hat blonde Haarlocken und blaue Augen. Er spricht komisch, anders als wir. Ich verstehe trotzdem fast alles, was er sagt. Er rede Berndeutsch, sagt mir Mutter.
Der Hans ist ganz gross; alles an ihm ist gross. Der Kopf, die Nase, der Mund, die starken Arme, auch seine Hände sind gross wie Schaufeln. Wenn er lacht, dröhnt es wie von einem Löwen.
Ich bin jetzt sechs Jahre alt und gehe bei Lehrer Schweizer in die erste Klasse. Den Herrn Hans sehe ich nur beim Frühstück und beim Abendessen. Er arbeitet tagsüber in Basel an der Wettsteinbrücke, die verbreitert wird, hat Mutter mir erzählt.
Bei einem Abendessen macht der Hans etwas Verrücktes. Mutter stibitzt ihm schmunzelnd ab und zu ein Stück seines Brots. Da steht der Hans auf, holt etwas in seinem Zimmer, setzt sich wieder an den Tisch, nimmt ein Stück Brot, langt in seinen Hosensack und zieht einen Hammer und einen langen Nagel hervor. Dann nagelt er sein Brot mit ein paar Hammerschlägen auf dem Tisch an. Mutter ist so perplex, dass sie nichts sagen kann, während er laut lacht.
Eines Abends erklärt mir Mutter, dass ich morgen nicht in die Schule müsse. Wir würden mit Hans mit dem Zug zu seinen Eltern nach Wimmis reisen. Zuerst war ich erstaunt, doch dann freue ich mich aber auf die Zugreise. «Bei uns ist bald kein Winter mehr, doch in Wimmis im Berner Oberland hat es noch Schnee», sagt der Hans.
Freundlich begrüssen uns ein grosser, hagerer Mann und eine kleine Frau. Beide sind schon ganz alt. Auch Hans‘ Schwester Vreni kommt aus dem kleinen Haus gesprungen, um uns guten Abend zu wünschen.
Am nächsten Tag fahren Mutter und Hans wieder nach Basel und lassen mich allein bei den Alten in Wimmis zurück! Beim Abschied sagt mir Mutter, ich wäre nun in besserer Luft und müsse brav essen, damit ich Gewicht zulege, rote Wangen bekäme und gross und stark würde wie der Hans.
Etwa ein halbes Jahr verbrachte ich in Wimmis bei den beiden lieben Alten. Sie waren zu mir wie gütige Grosseltern. Eine wunderschöne Zeit war das. Ringsum verschneite Berge. Ein kleiner Ziegenstall mit zwei weissen Geissen.
Am Abend ging ich mit dem Ätti (Vater) durch den Schnee in den Stall, wo er die Ziegen melkte. Das war ein herrliches Duftgemisch im Stall. Es roch nach Heu, Stroh und Tabak, nach Pfeifenrauch und Lampenpetrol, nach Ziegen und Milch. Einmal frass eine Ziege dem Ätti von seinem Tabak, den er auf die Brüstung gelegt hatte. Da erlebte ich, dass er auch wüst fluchen und wütend werden konnte! Müeti (Mutter) war immer lieb zu mir. Gleich am ersten Tag ging sie mit mir ins Dorf, um mir Holzschuhe zu kaufen, weil ich nur Halbschuhe hatte und im Schnee nasse Füsse bekam.
Die Nachbarskinder nahmen mich mit in den Fichtenwald. Dort lag kein Schnee auf dem Boden. Wir sammelten Tannenzapfen und füllten einen ganzen Sack damit, den wir auf einen Schlitten legten. Nachher stapften wir wieder zurück zu den Häusern. Die Tannenzapfen wären prima, um den Ofen anzufeuern, erklärte mir ein Bub. Wir Kinder machten Schneeballschlachten oder bauten mit den Grossen eine Schneehütte.
Einmal nahm mich ein Bub mit. Er zeigte mir die Pulverfabrik, in der auch der Ätti arbeitete. Als wir dann heimwärts zogen, wies er mich darauf hin, dass es bei einem Bauernhaus über einer Grube Eis hatte. «Man kann darauf gehen, so dick ist es», meinte er. Er spornte mich an, es auszuprobieren. Ich ging vorsichtig ein paar Schritte auf dem Eis, das plötzlich einbrach. Ich stand bis über die Brust in der kalten Gülle. Nach dem Schrecken schrie ich laut um Hilfe, denn der andere Bub war verschwunden. Vielleicht ging er Hilfe holen? Überraschend waren ein bärtiger Mann und Vreni da. Der Mann zog mich am Arm aus der Gülle heraus, Vreni wickelte mich in ein Tuch und in eine Wolldecke und trug mich rasch ins Haus. Müeti und Vreni zogen mir alle Kleider aus. Splitternackt, wie ich war, brachten sie mich vors Haus und rieben mich überall mit Schnee ab. Danach steckten sie mich ins Bett unter Decken, legten mit warmen Kirschensteinen gefüllte Säckchen dazu. Da wurde es mir dann herrlich wohl wie noch nie. Zum Trost bekam ich noch gedörrte Apfel- und Birnenkringel.
Jeder Tag brachte Neues für mich, ich war glücklich. Der Schnee war geschmolzen, die Matten wurden grün, Schneeglöckchen zeigten sich, ein Buchfink sang.
Doch da kam eines Tages meine Mutter und holte mich ab – mit dem Zug nach Basel und nach Hause. Mutter verstand nicht viel, wenn ich ihr etwas erzählte. Ich redete jetzt so wie alle in Wimmis. Und der Hans war auch nicht mehr bei uns.
(Jahre später gestand mir Mutter, Hans hätte sie geheiratet, aber ohne mich. Nur deshalb sorgte er dafür, dass ich nach Wimmis kam, wo ich für immer bei seinen Eltern hätte bleiben sollen.)
Alleine konnte meine Mutter die Miete der 3-Zimmer-Wohnung nicht bestreiten. Sie suchte eine andere, kleinere und günstigere Wohnung für uns zwei. Sie fand schliesslich eine bezahlbare Wohnung im Kleinbasel an der Feldbergstrasse 121.
«H oo, hooo!» Laut und rau tönt das Kommando des Fuhrmanns, der Pferd und Wagen vor dem Haus an der Feldbergstrasse 121 am Trottoirrand zum Stehen bringt. «So, jetzt halt mal still, Tilla!», rügt er ärgerlich das Pferd, das scharrt. Er spannt die Zügel an, windet sie um einen Haken und kurbelt die Bremse fest. Mutter, ein Kollege von ihr und ich haben bereits vor der Haustür gewartet und schauen zu. Der Fuhrmann springt vom Kutscherbock, schiebt den Hut in den Nacken und begrüsst meine Mutter: «So, da wären wir Madame Thomas. Wir können loslegen».
Auf dem offenen Pritschenwagen ist unser ganzer Hausrat aufgestapelt: der zerlegte Kleiderkasten, der Küchenkasten, Tisch, Stühle, Betten, Kisten und Schachteln – kurz, unsere gesamte Habe. Einiges davon stammt aus dem Brockenhaus. Neugierige bleiben in der Nähe stehen, andere schauen aus den Fenstern zu, bewerten auch gleich, was für Leute nun ins Haus 121 einziehen.
Das Pferd scharrt und schnaubt. «Jaja», brummt der Fuhrmann: «ich komme schon Tilla». Er kramt aus der Jackentasche einige Riebli (Karotten) hervor, hält sie dem Pferd vors Maul und tätschelt ihm den Hals: «Bist ja eine brave alte Dame».
Mutter geht ins Haus in den ersten Stock, öffnet unsere Wohnungstür und wartet auf die beiden Männer, die nun alles hinauftragen. Sie zeigt ihnen, welche Möbel in welches der beiden Zimmer gehören. Als die grossen Stücke am richtigen Ort stehen, geht Mutter ebenfalls zum Wagen und hilft mit. Sie schleppt ein grosses, zugeschnürtes Bündel Kleider hinauf, trägt Schachteln, Lampen und Giggernillis (Kleinkram) in die Wohnung. Ich möchte auch helfen und darf zwei Tischlämpchen und das Kistchen mit meinen Spielsachen zur Wohnung hochtragen. «Braver Bub», lobt mich der Fuhrmann. Die zwei Männer wischen sich den Schweiss von der Stirn und machen eine kleine Pause beim Wagen. «Wie alt bist du denn?», fragt mich der Fuhrmann. «Ich bin bald sieben», anworte ich ihm. «Gehst du gerne zur Schule?», fragt er und will erneut wissen: «Gehst du gerne?» «Na ja, es geht so», murmle ich.
Der Fuhrmann wendet sich an Mutter: «So, Madame Thomas, jetzt nehmen wir noch den Rest, dann zieh ich das Geld ein und mach dann Feierabend. Ich habe eine Mordslust auf einen Humpen Bier.»
Der Wagen ist leergeräumt. Der Fuhrmann steht in der Wohnung bei der Mutter. Sie zählt ihm das Geld auf die Hand. Er nickt zufrieden und steckt es in seine Tasche. «Also dann, bis zum nächsten Mal», grinst er gut gelaunt. Lieber nicht!», antwortet Mutter müde lächelnd.
In der Wohnung wartet noch viel Arbeit. Mutters Kollege setzt den zerlegten Kleiderkasten zusammen, ebenso die zwei Betten. Damit wir nicht im Dunkeln sitzen müssen, schliesst er in den beiden Zimmern und der Küche provisorisch noch Glühbirnen an. Dann will er sich ebenfalls auf den Heimweg machen. Mutter drückt ihm noch etwas Geld in die Hand. «Ach, lass doch gut sein Gaby, ist nicht nötig», sagt er verlegen. Aber Mutter besteht darauf. Dankend stopft er das Geld in seinen Hosensack und verabschiedet sich.
Mittlerweile ist der Fuhrmann aus dem Wirtshaus zurück, wo er seinen Durst gelöscht hat. Er klettert auf den Kutschbock, löst die Bremse, lockert die Zügel, ergreift die Peitsche, knallt in die Luft und ruft fröhlich: «Hü, alte Tilla, jetzt geht‘s nach Hause!» Dann rumpelt der Wagen vom Haus weg, auf der Strasse davon.
Ich schaue mich ein wenig in der Wohnung um. Der kurze Flur ist verengt. Je eine Tür führt zur Stube und ins Schlafzimmer, eine in die Küche. In der Stube gibt es auch eine Verbindungstür zum Schlafzimmer. Die Tapeten an den Wänden der Zimmer mit ihren gelblich-grauen, verschnörkelten Mustern sind verblasst und sicher schon uralt.
Wenn dann einmal die Kisten und Schachteln, die noch überall herumstehen, weggeräumt sind, sieht vielleicht alles nicht mehr so übel aus – hoffe ich. Jedenfalls war es in der früheren Wohnung schon noch netter. Da hatte die Decke auch nicht so viele Risse. Also, begeistert war ich sicher nicht. Irgendwie komme ich mir mit all dem Zeug eingeengt und gleichzeitig verloren vor.
Mutter sieht mein enttäuschtes Gesicht und will mich aufmuntern: «Dort über der Couch hängen wir einen hübschen Wandbehang auf. Dann sieht man die abgewetzte Tapete und die Flecken nicht mehr. Und dort an der Wand verdecken wir den Riss mit der Wanduhr.» Sie knufft mich in die Seite: «He, Dolphe, jetzt lach doch mal. Wir zwei wissen uns doch immer zu helfen. Jetzt schau mal aus dem Fenster. Was siehst du?» Missmutig gucke ich zum Fenster hinaus und sehe gegenüber am Haus unter dem Erker ein Schwalbennest. Bald werden Schwalben herumschwirren. Das freut mich aber mächtig und gleich ist mir wohler ums Herz. Meine Mutter ist die beste aller Mütter! Sie findet immer etwas, worüber ich mich freuen kann.
Inzwischen ist es Abend geworden. Es beginnt zu dämmern. Im Schlafzimmer baumelt an der Decke an zwei Drähten eine Glühbirne mit schwachem Licht. Die zwei Betten stehen nebeneinander. Neben jedem ein Nachttischchen. Der grosse, weiss gestrichene Kleiderschrank hat knapp Platz daneben.
Ziemlich trostlos sieht es in den Zimmern aus. Überall stehen Kartons und Kisten herum. Mutter sucht den Karton mit der Bettwäsche, damit sie die Betten im Schlafzimmer beziehen kann. Erst jetzt fällt ihr ein, dass es klug gewesen wäre, die Kisten und Kartons mit deren Inhalt zu beschriften. Zum Glück findet sie das Bettzeug bald. So müssen wir nicht auf den blossen Matratzen schlafen. Das Geschirr für das Abendessen ist vorerst unauffindbar. Wir essen Wurst und Brot aus dem Einwickelpapier der Wurst. Das Wasser, frisch vom Hahn, stillt den Durst.
Für mich sei es Zeit, ins Bett zu gehen, findet Mutter. Zuerst muss ich aber noch aufs WC gehen. Das befindet sich ausserhalb der Wohnung, einige Schritte über der Flur im Treppenhaus. Mutter gibt mir den Schlüssel zum «Örtchen». Nachher muss ich ins Bett. Das Waschen und Zähneputzen fällt für heute aus. Mutter muss zuerst noch die kleine Blechschachtel suchen, in der das Kreidepulver ist, mit dem wir die Zähne putzen.
Ich liege im Bett und kann lange nicht einschlafen. Ich höre Mutter in der Stube und in der Küche noch lange rumoren (herumlärmen) und mit Pfannen scheppern, bevor ich einschlafen kann. Ich träume.
In meinem Traum ging es ganz verrückt zu. Ein Pferd stand in der Küche. Der Fuhrmann lag in der Stube unter einem Fass. Aus dem Hahn schäumte Bier in seinen Mund und auf dem Fass sass ein fluchender Polizist. Ich lag auf dem Bett. Um mich herum türmten sich Möbel bis zur Decke und auf meiner Brust lag eine schwere Kiste, die mir den Atem nahm. Ich bekam fast keine Luft mehr und schrie um Hilfe.
«Schatz, was hast du denn, warum schreist du so?», höre ich Mutter von weither rufen und wache auf. Mutter steht mit ängstlichem Gesicht neben meinem Bett. «Die Möbel und der Polizist auf dem Fass», stammle ich. «Hast du einen schlechten Traum gehabt?», fragt Mutter und streichelt mir sanft über die Haare. Ich drehe mich zur Seite und kann nachher beruhigt wieder einschlafen. Wie gut, dass Mutter bei mir ist.
Mutter geht einkaufen. Ich schaue mich noch im Nachthemd neugierig in der Wohnung um. In der Stube ist der Boden nur zur Hälfte mit einem Linoleum mit «Persermuster» bedeckt. Darauf steht der Tisch, auf dem der vierarmige Leuchter liegt. Dieser wird später helleres Licht verbreiten, als die Funzel, die an der Decke baumelt. Drei Stühle stehen am Tisch. An der Wand, nahe der Tür befindet sich ein Ofen mit einem langen schwarzen Rohr, das bis zur Decke reicht. Eine Couch in der Ecke macht die Einrichtung in der Stube vollständig. Das Fenster lässt viel Licht herein und macht die Stube schön hell.
In der Küche steht ein dreiflammiger Gasherd. Schräg darüber hängt an der Wand ein Metallkästchen mit einer Gasuhr. Die zeigt die Menge Gas an, die man noch hat. Wenn der Zeiger gegen null sinkt, wird es Zeit, das Kästchen mit Zwanzigrappen-Münzen zu füttern. Damit weiter Gas zur Verfügung steht. Ohne Geld kein Gas! Neben dem Herd steht ein kleiner, eiserner Feuerofen. Das schwarze Rohr steigt zur Decke, macht dann eine Biegung und reicht bis zum Kamin im Flur. Nahe beim Fenster befindet sich ein Schüttstein. Ein schräg aufliegendes Holzbrett auf zwei Holzstützen dient als Ablage für das Geschirr. Aus dem Wasserhahn fliesst nur kaltes Wasser. Wenn man Warmes will, muss es in einem Kübel oder einer Pfanne auf dem Gasherd zuerst erhitzt werden. Unter dem Schüttstein befindet sich ein Holzkasten mit einer Tür: Platz für den Mistkübel. An einer Wand steht unser alter Küchenkasten. Dem gegenüber stehen der Tisch und zwei Stühle im Raum. Mehr hat in der kleinen Küche gar nicht Platz.
Mein Blick aus dem Küchenfenster fällt auf den kleinen Hinterhof der Bäckerei, wo der Bäcker seine Backwaren kühlt. Ich öffne das Fenster und schnuppere. Ein feiner Duft von frisch Gebackenem streicht mir um die Nase. Eine Mauer trennt den Hof zwischen der Bäckerei und der benachbarten Schmiede. Den beissenden Geruch von verbranntem Horn der Pferdehufe, der mir in die Nase steigt, finde ich weniger fein. Aber das Klingen des Hammers auf den Amboss mit dem «tingtingting» tönt lustig und fröhlich wie ein helles Glöckchen.
Ohje, Mutter kommt! Gleich schimpft sie mit mir, weil ich noch im Nachthemd bin. Doch sie meint nur lachend: «Eine gute Gelegenheit, den Dreckspatz zu waschen». Die Einkäufe stellt sie auf den Küchentisch. Dann nimmt sie einen Topf, füllt ihn mit Wasser, stellt ihn auf den Gasherd und zündet das Gas an. Nach einer Weile ist das Wasser warm genug. Den Topf stellt sie in den Schüttstein. «So, mon Cher, jetzt wasch dich, aber auch hinter den Ohren!». Ein Bad haben wir nicht, auch keine Dusche. Scheinbar bin ich ihr noch nicht sauber genug, denn Mutter beschliesst, dass wir beide am Nachmittag in die Badeanstalt an der Isteinerstrasse gehen, um uns gründlich zu waschen.
Besuch in der Badeanstalt
Also das muss ich doch noch rasch erzählen. denn ich war vorher noch nie in einer Badeanstalt. Das war ein Erlebnis! Wir traten durch die schwere Tür in das Gebäude. Warme, feuchte Luft schlug uns entgegen, man wähnte sich fast in den Tropen. An der Kasse löste man für einen kleinen Betrag ein Billett mit einer Nummer. Badetuch und Seife kosteten extra, aber wir hatten beides dabei. Nachher hiess es warten. Wenn man endlich mit seiner Nummer an der Reihe war – die Nummern wurden lautstark, mitten durch das lärmende Geschwätz ausgerufen –, dann erst durfte man in den Baderaum hinein. Männer und Frauen streng getrennt! Im linken Flügel des Gebäudes waren die Kabinen der Frauen, auf der rechten Seite jene der Männer. Eine Wärterin in weisser Schürze begleitete die Kunden durch die Dampfwolken bis zur Badekabine. Dort sprudelte bereits das Wasser in die auf vier Füssen freistehende, guss-eiserne Wanne hinein. Die Kleider hängte man an einen Haken. Erst dann konnte man in die Badewanne steigen und sich gründlich schrubben.
Die dünnen Trennwände reichten nicht bis zur Decke, sodass das Planschen und Plaudern von Kabine zu Kabine weitherum zu hören war. In der Männerabteilung wurde der Lärm vom Gesang der italienischen Arbeiter übertönt. Dabei versuchte einer den anderen zu übertreffen. Viel Zeit, den Tenören zuzuhören, hatte man jedoch nicht. Bereits nach zwanzig Minuten polterte eine Wärterin an die Tür. Die Kabine musste freigegeben werden für die Reinigung der Wanne. Mit dem Gesang einer Oper in den Ohren gingen wir dann nach Hause.
Am Samstag herrschte Andrang. Denn in den Häusern der Arbeiter gab es keine Badezimmer. Für jene, die in einer grossen Firma schmutzige Arbeit verrichten mussten, standen die Duschanlagen dieser Firmen zur Verfügung. Wenn ich mich richtig erinnere, gab es im Kleinbasel nur eine und im Grossbasel mehrere öffentliche Badeanstalten. Der Name der Tramhaltestelle «Brausebad» erinnert bis heute daran. (Nebenbei: Einen Kühlschrank oder gar ein Telefon besassen nur die wohlhabenden Leute. Musste man telefonieren, ging man zur Post oder fragte im Wirtshaus um Erlaubnis, das Telefon benutzen zu dürfen. Telefonkabinen waren damals genau so selten, wie sie es auch heute wieder sind.)
Schwere Arbeit – karger Lohn
Es vergehen noch mehrere Tage, bis auch der letzte Karton, die letzte Kiste weggeräumt sind. Mutter muss wieder in die Fabrik zur Arbeit. Sie erhält keinen Lohn, wenn sie nicht arbeiten kann. Auch dann nicht, wenn sie krank ist, zum Arzt oder auf ein Amt muss. Nicht einmal bei einem Wohnungswechsel. Sie arbeitet im Stundenlohn im Akkord. Das heisst: Sie wird für eine bestimmte Menge fertiggestellter Stücke bezahlt. Übertrifft sie die-se Anzahl, erhält sie ein paar Rappen mehr.
In der Fabrik werden elektrische Geräte hergestellt. Fast alle Arbeitnehmenden sind Frauen, nur die Vorgesetzten sind Männer. Mutter verrichtet eine schwere Arbeit an einer Stanzmaschine. Sie ist eine kleine Frau. Der Griff an der Maschine ist zu hoch für sie. Nur auf den Zehenspitzen stehend kann sie den Griff erreichen. Um ihn dann mit aller Kraft herunterreissen zu können, muss sie einen kleinen Hüpfer machen, damit sie den Griff fest packen und den Schwung ausnutzen kann. Ihr Vorgesetzter – ein Herr Hofer – lachte sie nur aus, als sie ihn um einen Schemel bat. Etwas Bewegung täte ihr ganz gut, grinste er spöttisch, zudem sei das wegen der Sturzgefahr nicht erlaubt. Eine harte Schufterei für wenig Lohn. Acht Stunden am Tag. Für diese Plackerei bekommt sie 68 Rappen in der Stunde. Unsere Wohnungsmiete kostet 55 Franken im Monat. Das heisst: Mutter muss wirklich mit jedem Rappen sparsam umgehen. Darum geht sie eine halbe Stunde zu Fuss zur Fabrik, die hinter dem Badischen Bahnhof steht. So spart sie das Geld für die Tramfahrt. Ich sehe es manchmal in ihren Augen, dass sie geweint hat. Wenn ich sie frage, sagt sie verlegen, sie habe eine Mücke im Auge gehabt oder wegen des Staubs habe sie Augenbrennen.
W ährend Mutter in der Fabrik arbeitet, streife ich durch das Quartier. Vorerst erkunde ich die Strasse, an der unser Haus steht. Es befindet sich in der Mitte einer langen Häuserreihe. An einem Ende steht an der Ecke das Haus mit dem Haushaltwaren-Geschäft «Beck-Bartenbach», am anderen Ende befindet sich das Wirtshaus «Efringerhof».
Also, der Bartenbach, das ist ein interessanter Laden! In zwei grossen Schaufenstern sind eine Menge Waren ausgestellt. Im einem hat es vielerlei Werkzeuge: Sägen, Hämmer, ganze Reihen von Schraubenziehern, Bohr- und Hobelmaschinen. Das andere Fenster ist vollge-stopft mit Geschirr. Ganze Türme von Tellern, Schüsseln, Tassen, alle verziert mit hübschen blauen Blümchen, sind aufgestapelt. Die Suppenschüsseln gefallen mir am besten, weil sie so schön dekoriert sind. Dazwischen liegen wie Fächer ausgebreitet Messer, Gabeln und Löffel in allen Grössen.
Um die Ecke gibt es noch zwei weitere Schaufenster. Die finde ich nicht so spannend. Darin stehen nur Holzgestelle, Putzkessel und so ein Zeug. Beim Eingang an der Ecke sind noch zwei Vitrinen. In einer gibt es nur grosse und kleine graue Pakete zu sehen. Bei einigen Päckchen liegen Schrauben oder Nägel als Muster da-vor. Das ist langweilig. Aber in der anderen Vitrine sind vielerlei Messer ausgestellt – darunter auch Sackmesser! Ich darf leider noch keines haben, ich sei noch zu jung dafür, hat Mutter gesagt. Vielleicht bekomme ich eines zum Geburtstag, wenn ich grösser bin. Dann wünsche ich mir ein rotes Offizier-Sackmesser.
Neben dem Bartenbach hat es einen kleinen Liga-Laden. Dort verkauft Herr Schlumpf Milch, Butter, Käse, Äpfel, Birnen, Gemüse und andere Esswaren in Paketen. Ich gehe nicht gern in diesem Laden Milch holen. Herr Schlumpf ist zwar freundlich, aber elend umständlich. Der braucht eine Ewigkeit, bis er aus der grossen Milchkanne einen Liter Milch mit dem Schöpfmass in mein Kesselchen gegossen hat. Nachher nimmt er einen Lappen und wischt die Ränder von beidem ganz langsam ab, legt den Deckel auf die grosse Kanne und wischt sich die Hände an der weissen Schürze ab.
Zum Schluss zählt er das Geld, das man ihm gibt. Er tippt und kurbelt an der Kasse, legt das Geld sorgfältig in die Schubladefächer, schliesst sie und sagt freundlich auf Wiedersehen. Das alles geschieht zum Verzweifeln langsam! Herr Schlumpf ist halt ein Berner und die sind meist bedächtig. Hat man zu wenig oder gar kein Geld dabei, darf man es anschreiben lassen. Aber am Zahltag muss man es bringen. Deswegen ist am Freitag der Laden voller Leute. Frau Schlumpf sieht man selten im Laden. Sie haben zwei Mädchen, die manchmal vor dem Haus spielen. Das grössere heisst Vreni und ist nicht so recht im Kopf. Die kleine Doris ist ein rechter Dreckspatz und hat dauernd eine «Schnudernaase» (Rotznase).
Neben dem Schlumpf-Laden ist die Werkstatt der Spenglerei Pfirter. Ein grosses Eisentor ist zwischen der Werkstatt und Pfirters Haus. Im Parterre befindet sich ein Laden mit einem Schaufenster. Zwei WC-Schüsseln und ein Lavabo sind ausgestellt. Ziemlich öde Sache.
Die Pfirters haben einen grossen Sohn, den Fritz. Er hat rote Haare und ist bei den Kadetten. Die sehen in ihrer Uniform ähnlich aus wie die Grenzwächter. Wenn die Kadetten am Samstag so in Viererkolonne im Takt durch die Strasse marschieren – also das sieht dann schon zum Fürchten aus. Fritz hat auch eine Schwester, das Bethli. Sie ist aber viel jünger als er. Ein mageres, bleiches Ding mit grünen Augen. Na ja ...
Gleich neben Pfirters Haus steht unseres. Erst jetzt fällt mir auf, dass es über dem dritten Stock noch eine Mansardenwoh nung hat. Keine Ahnung, wer dort wohnt. Zuunterst im Parterre ist ein Tabakgeschäft. Frau Lehmann verkauft dort Zigarren, Zigaretten, Tabak, aber auch Schleckzeug, Kaugummis und Zeitungen. Weil ich einmal für Mutter drei Zigaretten gekauft habe, weiss ich, dass Frau Lehmann nett und freundlich ist. In ihrem Laden riecht es würzig nach Tabak und Zigarren. Von ihrer Wohnung aus kann sie direkt durch eine Tür in den Laden gehen.
Frau Lehmanns Sohn ist schon fast ein Mann. Er sei Student, hat mir Frau Zeller vom dritten Stock erzählt. Ab und zu sehe ich ihn, wenn er aus dem Haus eilt. Er trägt manchmal eine kleine, runde Mütze mit einem kleinen schwarzen Schildchen auf dem Kopf, und schräg über der gewölbten Brust hat er ein dreifarbiges Band gespannt. Er geht immer mit flotten Schritten aus dem Haus, gerade so, als wären seine Schuhe gefedert. Einen Herrn Lehmann sah ich aber noch nie.
Im ersten Stock wohnen wir. In der Wohnung neben uns wohnt eine alte Frau, Fräulein * Benz. Sie ist gross und ganz dünn, hat rote Flecken mit Schorf im Gesicht. Sie strömt einen üblen, muffigen Geruch aus und hat eine krächzende Stimme. Sie sieht aus, wie ich mir eine Hexe vorstelle. Ich fürchte mich vor ihr, weil sie so einen stechenden Blick hat. Mutter sagt, Fräulein Benz sei keine böse Frau, nur ein wenig eigenartig. Sie rede halt nicht viel. Mehr als «guten Tag» hörte ich nie von ihr. Aber ich beeile mich immer, wenn ich aufs WC gehe, damit ich ihr im Gang nicht begegne.
*Das alte «Fräulein» Benz gibt mir Gelegenheit, die damals gebräuchlichen Benennungen von Frau, Mann und Kind zu erklären. Dabei gab es feine Unterschiede, je nach Status und Herkunft. Allgemein nannte man eine 16-Jährige «Mädchen». Später sprach man von einem «Fräulein» und sagte «Sie» zu ihr. Jede unverheiratete Frau nannte man «Fräulein», egal, wie alt sie war,oder ob es eine ledige Schwangere war. Giftige Zungen betonten dann extra «Fräulein!».
Ein Knabe blieb ein «Bub», bis er etwa 16 Jahre alt war. Nachher war die Rede von einem «Burschen» oder einem «Jüngling». Wenn er aus einer «besseren Familie« kam, auch «junger Herr» der Familie sowieso. Nach der Rekrutenschule war er «ein junger Mann». Später als gestandener Berufsmann, ein Mann. Mit einem Akademiker-Titel versehen, wurde der Mann zum «Herrn Doktor» emporgehoben. Oft wurde auch die Ehefrau eines solchen Mannes mit «Frau Doktor» angesprochen. Es gehörte sich, auch die Frau des Pfarrers mit «Frau Pfarrer» zu begrüssen.
Im zweiten Stock wohnt Frau Kehleisen mit ihren Zwillingsbuben. Sie hat keinen Ehemann mehr. Der war Deutscher. Als die Buben zur Welt kamen, verzog er sich nach Deutschland, erzählte sie einmal meiner Mutter. Die Zwillinge sind etwas jünger als ich, aber nicht ganz hell im Kopf. Frau Kehleisen trägt am Morgen früh Zeitungen und Hefte aus. Ganze Packen hängen an ihrem Velo, das sie neben sich herschiebt. Am Abend muss sie zusätzlich noch Büros putzen. Sie ist eine nervöse, ungeduldige Frau. Ihre Buben schlägt sie oft auf den Kopf. Darum sind sie etwas dumm geworden und schauen so blöd drein, meine ich.
Neben der Frau Kehleisen wohnt Frau Schreiber. Ich finde sie schon ziemlich alt. Sie hat weder einen Mann noch Kinder. Sie bekommt oft Besuch von zwei Männern, die dann jeweils lange bei ihr bleiben. Wenn dann alle drei zusammen aus dem Haus gehen, hat sie immer einen ganz roten Kopf. Miteinander spazieren sie danach ins Wirtshaus Efringerhof.
Im dritten Stock wohnen Zellers. Herr und Frau Zeller sehe ich manchmal am Sonntag spazieren gehen, sonst fast nie. Er sei Elektriker, habe ich vernommen, und sie arbeite in der Ciba. Beide grüssen freundlich, wenn man sie mal trifft. Sonst weiss ich nichts über sie zu erzählen.
In der Wohnung neben Zellers lebt Frau Borowski. Sie ist eine Polin. Ab und zu besorge ich für sie eine Flasche Montaner. «Das ist der billigste Wein, den wir haben», sagt die Verkäuferin im Laden. Frau Borowski nenne ich – nur so für mich – Frau Monti. Alle Leute sagen dem Montaner nur «Monti». Wenn ich ihr die Flasche bringe, bekomme ich immer zehn Rappen fürs Besorgen. Ich muss jeweils noch ein Weilchen mit ihr plaudern, bevor ich gehe. Meistens macht sie ein trauriges Gesicht, manchmal weint sie. Warum sie so traurig ist, weiss ich nicht, aber sie tut mir schon leid.
Gleich neben unserem Haus ist die Schuhmacherwerkstatt von Herrn Portecini. Er ist sehr fleissig. Man hört ihn den ganzen Tag hämmern oder an der Näh- oder Schleifmaschine arbeiten. Bringt man ihm Schuhe zum Flicken und er sagt, man könne sie am Dienstag abholen, dann sind die auch am Dienstag fertig. In der Werkstatt riecht es fein nach Leder und Leim. Einmal hatte ich Angst um ihn. Er sass in der Schürze vor seinem Schlagstock und nagelte eine Schuhsohle. Da griff er zwischen die Lippen und nahm einen Nagel hervor. Ich sah, dass er eine ganze Portion Nägel im Mund hatte und dachte erschrocken: Hoffentlich verschluckt er keinen dieser spitzen Nägel. Das wäre ja lebensgefährlich!
