Freiheit in mir - Gil Ofarim - E-Book
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Freiheit in mir E-Book

Gil Ofarim

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Beschreibung

Das ungewöhnliche Leben des Künstlers und Singer-Songwriters Gil Ofarim führt uns durch fast 40 Jahre traumhafter Erfolge und magischer Momente voller Liebe und Glück, aber auch Rückschläge, Enttäuschungen, Zweifel und tiefe Trauer. 

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 227

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Gil Ofarim

Mit Lara Höltkemeier

Freiheit in mir

Mit Fotos von Ina Bohnsack

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

»Meine Geschichte ist nicht nur meine Geschichte. Sie ist die Geschichte eines jeden.« Das Leben des erfolgreichen Sängers und Schauspielers Gil Ofarim ist von Momenten des Scheiterns, von Rückschlägen, von Hinfallen und immer wieder Aufstehen müssen gezeichnet. Aber auch von purer Freude und Glück. Emotionen, die uns alle im Leben begleiten. Gil Ofarim berichtet von eben diesen universellen Gefühlen und Gedanken, die ihn als erfolgreichen Musiker, aber auch uns alle als Menschen auszeichnen und uns zu den Persönlichkeiten machen, die wir sind. Seine berührende Geschichte zeigt, warum es so wichtig ist, niemals aufzugeben und sich nicht vom Weg abbringen zu lassen.

Inhaltsübersicht

Motto

Ouvertüre

Moon.Walk

Es war einmal …

Gil

On my own

My Babe

Come.Back

Neuzeitstürmer

We are family

Im Schweiße des Angesichts

Father, Son

The winner takes it all. Not.

The show must go on

Countdown 2017

Über.Leben

Always look on the bright side of life

Ein Teil von mir

Nach dir der Regen

Pierrot

Jump

Alles auf Hoffnung

Glaube Liebe Hoffnung 2020

Du hast Amerika erreicht

Man in the mirror

Ein schräger Schlussakkord

Bildteil

Danke.

»Freiheit in mir« bedeutet für mich, dass wir alles bereits in uns tragen – alles Wissen und das Geheimnis, das uns antreibt. Wir müssen nur mutiger werden, ehrlicher, um der Wahrheit Worte geben zu können und unsere Identität zu erkennen.

Ouvertüre

Oktober 2020 nach Christus, 5781 laut jüdischem Kalender, im Volksmund: »das Seuchenjahr«.

Ich sitze im Besprechungsraum der Electrola mit Blick auf den weiß-blauen Münchener Himmel, unweit der Theresienwiese. Es ist das erste Jahr meines Lebens ohne Oktoberfest … Vierzig Jahre nach dem rechtsextremistischen Bombenanschlag 1980. In Zeiten, in denen Menschen mit antisemitischer Haltung im Bundestag sitzen, vielleicht gar nicht so verkehrt, denke ich. Eigentlich.

Eigentlich war dieses Jahr grandios gestartet mit einer Promotiontour durch meine liebsten Locations mit »Alles auf Hoffnung«, dem Album, auf das ich mich ein Leben lang vorbereitet habe. Am fünften Geburtstag meines Sohnes kam um fünf Uhr nachmittags – kein Scherz! – die Nachricht, dass das Album von Null auf Platz fünf der Albumcharts durchgestartet war. 5 war die Glückszahl meines Vaters …

»Mega Chart-Entry!« »Wir sind total stolz!« »Alle lieben die Platte!« »Tolle Zusammenarbeit!« »Viel erreicht!«

Es geht heute aber darum, wie es weitergeht. Was können wir noch machen, was wollen wir noch machen? Gemeinsam.

Und da höre ich Jörg, den Chef des Labels, sagen:

»So hart das jetzt klingt, und es hat auch gar nichts mit dir zu tun – du bist der größte Corona-Pechvogel im Artist-Bereich.«

Rock-Down statt Rock ’n’ Roll. Wir alle müssen während der Pandemie lernen, die Idee der Existenz loszulassen, die wir geplant hatten.

Ich halte die Luft an. Rock-Down statt Rock ’n’ Roll. Wir alle müssen während der Pandemie lernen, die Idee der Existenz loszulassen, die wir geplant hatten. Der Erfolg, auf den ich mein Leben lang hingearbeitet habe, wird sabotiert von einem der winzigsten, dafür mächtigsten Endgegner, den man sich vorstellen kann: einem Virus. Zufall? Schicksal? Karma? G’tt?

In meinem Inneren höre ich die Stimme, die mir sagt:

»Egal, wie tief du fallen magst, die Kunst liegt darin, wieder aufzustehen.«

Ich denke mir: Ja, das weiß ich. Diese Lektion habe ich längst gelernt. Aber was denn noch? Noch mehr Herausforderungen? Noch mehr Krisen?

Ich glaube, ich war beim Ausfüllen des Formulars, was man im nächsten Leben auf Erden alles machen will, oben im Himmel, blind oder besoffen, und habe einfach kreuz und quer alles angekreuzt. Nach dem Motto: So viel wertvolle Erfahrungen wie möglich, bitte. Am Arsch. Beim nächsten Mal setze ich eine Brille auf, lass mir viel mehr Zeit und lese das Kleingedruckte! In diesem Leben hatte ich nämlich allein bis zur Volljährigkeit schon mehr als genug Erfahrungen gesammelt. Danach durfte ich noch mal von vorne anfangen – und noch mal. Und noch mal. Und noch mal. Immer wieder. Bis heute. Ich bin geschlendert, gelaufen und geflogen – kam ins Schleudern, bin gefallen, gestürzt, lag im Dreck. Ich rappelte mich jedes Mal wieder auf und habe taumelnd weitergemacht. Viele meiner Wunden sind gerade erst verheilt.

»Ist deine Seele auch vernarbt, lass die Welt ruhig deine Wunden sehen.«

Wenn ich bisher also etwas gelernt habe, dann, dass ich die innere Stärke in mir trage, alles aushalten zu können. Und ich bin davon überzeugt, dass diese Stärke in jedem von uns schlummert. Dass auch du sie in dir finden kannst, egal, wie schmerzhaft die Situation sein mag, in der du steckst. Nur wenn wir unsere Krisen verarbeiten, erkennen wir irgendwann, wer wir wirklich sind. In der Tiefe. Und nur wer weiß, wer er ist, kann an sich glauben und findet die Freiheit, selbstbestimmt zu leben.

Ich hole jetzt tief Luft und erzähle dir meine Geschichte. Denn meine Geschichte ist nicht nur meine Geschichte – sie ist die Geschichte vieler. Vielleicht auch deine. Lies selbst.

Bist du bereit?

Moon.Walk

Was vom glühenden Selbst übrig bleibt, wenn kein Scheinwerfer mehr blendet … (1982–2009)

Es war einmal …

Jedes Leben beginnt mit der Kindheit. Ob wir uns die Zeit, den Ort, die Umstände und unsere Eltern aussuchen oder dies der kosmische Zufall bestimmt, keine Ahnung. Fakt ist aber, dass uns unsere Kindheit entscheidend prägt. Je nachdem, wie diese verläuft, fällt es uns später mehr oder weniger schwer zu entdecken, wer wir sind – wo die Prägung durch Vorbilder und Erziehung endet und das eigene Selbst beginnt.

Mein irdisches Dasein startete im Sommer 1982 als erstes Kind von Sandra und Abraham, einer blutjungen, attraktiven deutschen Bürokauffrau und eines 45-jährigen israelischen Rockmusikers, der bereits eine Weltkarriere hinter sich hatte – und zwei Ehen. Und wie zu Beginn jeder märchenhaften Geschichte war diese ungleiche Beziehung, die durch den Zauber der Musik entstand, sehr leidenschaftlich und fruchtbar: Ein neues Album wurde produziert und der kleine Gil. Es heißt, ich hätte zu dem damals aktuellen Song »Much too much« meines Vaters von innen heftig gegen den Mutterbauch getreten und mitgerockt. Ob das wirklich stimmt oder die Erinnerung sich im Laufe der Zeit romantisch angepasst hat? Zweifelsfrei ist: Ich war schon immer umgeben von Musik. Bei uns lief viel Motown Music und Rock der 60er und 70er. Elvis Presley, Led Zeppelin, Jackson 5 und vor allem Otis Redding und James Brown. Meine Eltern hatten eine riesige Plattensammlung. Und noch bevor ich ordentlich laufen konnte, war ich in der Lage, das Vinyl auf den Plattenspieler zu legen, ganz vorsichtig die Nadel draufzusetzen und die Musik einzuschalten. Bereits mit drei hab ich mich ins Rampenlicht gedrängelt. Zum Start des ersten Münchener Lokalsenders sprengte ich die Feierlichkeiten, indem ich auf die Bühne stürmte und trotz zahlreicher Bemühungen nicht mehr vom Schlagzeug wegzukriegen war. Die Band hat danach gar nicht mehr richtig spielen können, sämtliche Moderationen fielen meinen Schlagzeugsoli zum Opfer. Von dem Tag an hat Papa nie mehr gewagt, mich bei seinen Auftritten von der Bühne fernzuhalten, sondern hat mich lieber von vornherein geschickt in die Show integriert.

Zu Hause wurde auch ständig Musik gemacht. Papa war ein leidenschaftlicher Gastgeber, er hat gern gefeiert und jede Gelegenheit dazu genutzt – Geburtstage, jüdische Feiertage, christliche Feiertage, Jahrestage, Ichhabgesternnichtsgerauchtdeswegenkannichheutefeiern-Tage … Es gab nie keinen Grund. Manchmal waren so viele Menschen bei uns, dass man nicht hätte umfallen können. Und ich? War immer mittendrin und habe mitmusiziert. Der erste Song, den mein Bruder Tal und ich mit Papa nachgespielt und -gesungen haben, war ein rockiges Abi-Arrangement von »Everybody’s talkin‹« aus dem Film »Asphalt-Cowboy« mit Dustin Hoffman und Jon Voight. Bis heute gehört dieses Stück zu unserem, Tals und meinem, Repertoire, wenn wir mit Familie und Freunden feiern.

Ein unvergessener »Höhepunkt« meines Daseins als Kinderzimmerrockstar war, als ich als kleiner Junge begeistert auf Papa zustürmte und meinte, ich könne nun endlich Gitarre spielen! Leider hatte ich mich durch ein Video von »The Who« inspirieren lassen, in dem sie, wie eigentlich immer, am Schluss ihre Instrumente zerstörten …

Papa hat übrigens nie gezielt gefördert, dass ich ein Instrument lerne. Ihm waren die Schattenseiten des Musikgeschäfts zu präsent. Aber er war wahnsinnig stolz und vielleicht sogar ein bisschen erleichtert, dass die Liebe zur Musik sehr früh aus meinem Innersten zu kommen schien. Und natürlich wusste er auch, dass er mein großes Vorbild war.

 

Obwohl bei uns immer so viele Menschen ein und aus gingen, verbinde ich mit meiner Kindheit ein Gefühl von tiefer Einsamkeit.

Obwohl bei uns immer so viele Menschen ein und aus gingen, verbinde ich mit meiner Kindheit ein Gefühl von tiefer Einsamkeit, auch nachdem mein kleiner Bruder geboren war, zwei Jahre nach mir. Tal und ich teilten uns ein Zimmer und das für mich damals coolste Stockbett aller Zeiten – es war rot! Keine Frage, ich war der Lausebengel, aber mein Bruder hat allen Quatsch mit mir mitgemacht. Ich hatte echt immer nur Unsinn im Kopf, weswegen uns Papa seine »kleinen Terroristen« nannte. »Nein, nein!«, korrigierten wir ihn. »Wir sind Touristen, Papa, Touristen!« Und Touristen waren wir gern. Als ich sechs war, waren wir in Italien im Urlaub. Während die Erwachsenen abends ausgiebig im Restaurant feierten, sollten wir längst schlafen, haben stattdessen aber heimlich italienisches Fernsehen geschaut. Um die Uhrzeit lief ein Softporno: Eine Frau zog sich lasziv tanzend aus und zog dann – warum auch immer – einer vor ihr stehenden Schaufensterpuppe ihre Klamotten an. Als wir erwischt wurden, brachte ich zu unserer Verteidigung vor: »Wir gucken doch nur die Puppe an, nicht die nackte Frau.«

Obwohl wir partners in crime waren, lebten Tal und ich in zwei verschiedenen Welten. MTV war meine Religion. Für Tal waren es Videospiele.

Wir hatten von klein auf einen Fernseher im Kinderzimmer, auf dem – meinetwegen – den ganzen Tag MTV lief. MTV war damals ein rein englischsprachiger Sender und spielte vornehmlich Musikvideos ab, die mich vom ersten Moment an fesselten. Also begann ich vor dem Bildschirm Musik und Performance zu lernen: Ich verinnerlichte das coole Aussehen der Musiker, ihre professionellen Bewegungen, ich lernte die Choreografien auswendig – und ich brachte mir das Schlagzeug- und Gitarrespielen bei, einfach, indem ich jede Bewegung aus den Videos bis ins kleinste Detail nachahmte. Wie nebenbei lernte ich über MTV auch Englisch. Ob das Segen oder Fluch war, kann ich heute gar nicht mehr so genau sagen, vermute für mein jüngeres Ich aber Letzteres: Da es mir ermöglichte, den Inhalt der Gespräche, die unsere Eltern auf Englisch miteinander führten, weil sie eben gerade nicht für unsere Ohren bestimmt waren, zu verstehen.

Ich flüchtete mich immer öfter und immer tiefer in die Musik.

Ich flüchtete mich immer öfter und immer tiefer in die Musik. Wenn ich die Zimmerlampen wie Scheinwerfer auf mich einstellte und fantastische Rockkonzerte in den größten Konzerthallen der Welt gab, unter tosendem Applaus von Tal und meinen Teddybären, bekam ich nichts von außen mit. Kein Geräusch von Zank und Kampf drang mehr bis zu uns ins Kinderzimmer durch. Ich rockte in meiner eigenen Welt. Musik war meine Zuflucht, immer dann, wenn die leidenschaftliche Liebe meiner Eltern wegen der unrühmlichen Alltagsbelastung mit zwei kleinen Kindern und unerwarteter existenzieller Sorgen in verzweifelte – und ebenso leidenschaftliche – Wut umschwenkte. Ich habe zu dieser Zeit meiner Erinnerung nach zwischen meinen Eltern eine sehr eifersüchtige, exzessive, fast schon obsessive Form von Liebe wahrgenommen und gelernt, dass zu Liebe offenbar immer auch Leid gehört. Leid, das man aushalten muss, wenn man nur wahrhaft genug liebt. Heute würde ich sogar so weit gehen zu sagen, dass es sich um ein toxisches Beziehungsvorbild handelte. Denn wenn du mich fragst, ist für Kinder das Vorleben der Eltern von zwischenmenschlichen Beziehungen die einzige Richtlinie, an der sie sich bis etwa zur Pubertät orientieren.

Eine Trennung ist ein tosender, kurzer Schmerz. Aushalten ein leises, langes Leiden. Ich persönlich glaube, der scheinbar leichtere, aber andauernde Schmerz richtet den größeren Schaden an. Sicherlich wäre es für Tal und mich besser gewesen, wenn sich unsere Eltern früher getrennt hätten. Vermutlich sind sie ausgerechnet uns zuliebe noch jahrelang zusammengeblieben, in dem festen Glauben, es sei das Beste für ihre beiden Jungs, in einer »intakten« Familie aufzuwachsen. Aber Kinder beziehen immer alles auf sich! Jeder Streit, auch jede konfliktbeladene Stille zwischen unseren Eltern vermittelte uns: Wir haben etwas falsch gemacht. Kinder stellen – zufallsbedingt! – in solchen Situationen die verrücktesten Zusammenhänge her, die die Erwachsenen nicht mal erahnen.

Heute weiß ich, dass es notwendig gewesen wäre, in der alltäglichen Kommunikation innerhalb der Familie zwischen Mama und Papa und »den Erwachsenen« Sandra und Abraham zu unterscheiden. So hätten Tal und ich von klein auf gelernt, welche Themen und Situationen uns betreffen und welche für uns keine Rolle spielen. Es wäre wichtig gewesen, dass unsere Eltern uns versichert hätten, dass wir uns keine Sorgen machen müssten, dass Mama oder Papa früh genug Bescheid sagen würden, wenn sich etwas Grundlegendes oder uns Kinder Betreffendes ändern würde. Die »Erwachsenenwelt« hätte nichts mit uns zu tun gehabt, wir wären geschützt gewesen, hätten keine Verantwortung übernehmen müssen. Denn das tun Kinder ganz automatisch.

Das wäre ein kindgerechter Umgang mit den eigenen Konflikten gewesen.

Tal und ich haben uns selbst geholfen, indem wir uns in eine Fantasiewelt flüchteten. Wenn unsere Eltern stritten, haben wir uns im Kinderzimmer verschanzt und uns auf Basis dessen, was wir hörten, ausgedacht, wer heute im Recht und wer im Unrecht, wer das Gute und wer das Böse ist. Wir sind mit Superhelden groß geworden, und so hieß »der Gute«, der Held, immer He-Man und »das Böse« Skeletor. Wenn Sandra »die Gute« war, konnte sie natürlich nicht He-Man sein, sondern war She-Ra. In diesem Buch werden die Namen später für andere Helden in meinem Leben wieder auftauchen …

Ich entwickelte sehr früh ein gar nicht kindgerechtes Verantwortungsgefühl gegenüber Sandra. Ich meinte, sie zusammen mit meinem kleinen Babybruder unterstützen und bei Streitereien gegen meinen Vater verteidigen zu müssen. Tal kam mit einer Gehirnhautentzündung auf die Welt. Er war kein Sensibelchen, aber alle gingen sehr vorsichtig mit ihm um. Papa hat immer gesagt, wir müssten aufeinander aufpassen. Ich sei der Große, ich müsse Tal beschützen – Verantwortung! All das nennt man heute »Parentifizierung«, was bedeutet, dass das Kind die Verantwortungen seiner Eltern übernimmt. Jedes Kind braucht eine stabile Basis, eine sichere Umgebung, in der es sich entwickeln, entfalten und Selbstwirksamkeit erfahren kann. Das muss ihm eine erwachsene Bezugsperson bieten, die zuverlässig Verantwortung übernimmt und auf die das Kind sich verlassen kann. Idealerweise sind das die Eltern. Auf keinen Fall sollte es andersrum sein.

Tal und ich hatten in all dem Chaos das große Glück, diese Geborgenheit bei unseren Nachbarn aus dem dritten Stock in der Sternstraße im Lehel zu erleben. Bei Tante Bimba und Onkel Aga, die in Wirklichkeit Monika und Claudio heißen. Bei Aga und Bimba haben wir jederzeit gutes, selbst gemachtes Essen bekommen, und wir schafften es einfach nicht, die Geduld der beiden überzustrapazieren. Wir waren immer willkommen, ob unsere Eltern nun wieder am Streiten, Zoffen oder mit irgendetwas anderem beschäftigt waren. Funfact: Bis heute fühle ich mich sofort heimisch und wohl, wenn ich bei Freunden mit selbst gekochtem Essen versorgt werde. Das katapultiert mich emotional augenblicklich in diese Geborgenheit von früher zurück, die ich bis heute so viel mehr schätze als alle schicken Partys dieser Welt.

Der Applaus danach war meine Anerkennung. Im Alltag aber blieb ich weiter unsicher und fühlte mich allein.

Und ich war schon auf vielen Partys … Bereits als ich ein kleiner Junge war, putzten unsere Eltern Tal und mich heraus und nahmen uns zu allen öffentlichen Veranstaltungen mit – und das waren viele –, was immer aufregend und manchmal sogar verrucht war. Mal wieder waren wir fast ausschließlich von Erwachsenen umgeben. Vielleicht war ich darum im Kindergarten schüchtern und ein Außenseiter. Vielleicht verhielt ich mich einfach nicht kindgerecht. Mit Sicherheit machte die Ablehnung der anderen Kinder mich traurig. Und dann wurde ich auch oft plötzlich wütend und aggressiv, weswegen die anderen Kinder mich noch stärker ausgrenzten. Ein Teufelskreis. Ich wurde dennoch zu allen Geburtstagen eingeladen, ausschließlich deshalb, weil ich wie Michael Jackson tanzen konnte und jede Party in eine Show verwandelte. Der Applaus danach war meine Anerkennung. Das war gleich – im Kindergarten und zu Hause. Im Alltag aber blieb ich weiter unsicher und fühlte mich allein.

 

Meine Eltern haben sich nie auf eine kindliche Ebene begeben. Ich denke, sie wussten einfach gar nicht, wie das geht, sie hatten keine Ahnung, wie die Elternrolle funktioniert. Woher auch? Papa wuchs in Israel in schwierigen Verhältnissen auf. Er musste früh viel Verantwortung übernehmen und hat seine eigenen Träume für die Familie zurückgestellt. Statt sein Stipendium für die Martha Graham School of Contemporary Dance in New York anzunehmen, musste er die kleine, völlig überschuldete Autowerkstatt seines Vaters in Haifa weiterführen, um die Existenz der Familie zu sichern. Mein Großvater hatte sich das Leben genommen. Papa, schon von klein auf durch und durch Künstler, war weder handwerklich geschickt, noch interessierte er sich für kaputte Autos. Mit seiner ersten Frau Esther eroberte er dann plötzlich die Welt. Da war er Anfang zwanzig. Ein fulminantes Starleben als »Esther & Abi Ofarim« folgte – und ein sehr, sehr tiefer Sturz. Papa ließ sich nicht unterkriegen. Er ließ sich nie unterkriegen. Ich erinnere mich noch an seine Worte, dass man ganz unten sein muss, um Schwung holen zu können.

Nachdem Esther und er sich getrennt hatten, konnte er mit seiner Solokarriere nie wieder an den Erfolg von damals anknüpfen. Lange Zeit kam er mit der neuen Situation nicht zurecht, es hat ihn intensiv beschäftigt, er war schließlich extrem ehrgeizig. Worte einer sehr engen Freundin, die übrigens meine heutige She-Ra ist, begleiten mich dazu beim Schreiben dieses Buches:

»Es ist sehr schwer, so einen Höhenflug und den dramatischen Absturz danach zu verarbeiten, wenn kein Comeback gelingt. Zeitweise dreht man sich nur um sich selbst – es geht gar nicht anders –, damit man die Kraft findet, weiterzumachen, ohne den Glauben an das Leben und den Sinn darin komplett zu verlieren. Aber in solchen Krisen finden wir unsere Stärke.«

Papa wurde sehr stark. Dass er im hohen Alter eine fröhliche Begegnungsstätte für Senioren gründete, sagt alles über ihn. Er ist nie so richtig erwachsen geworden, was sich in seinem Humor und einer unerschütterlichen Lebensfreude ausdrückte. Daran wollte er andere ältere Menschen teilhaben lassen. Er wollte sie motivieren, wieder Freunde zu finden und in der Gemeinschaft Spaß zu haben, um den Lebenswillen nicht zu verlieren. Diese Unbeschwertheit lebte er auch zu Hause. Was für mich als Kind sehr viel Freiheit bedeutete, aber wenig Orientierung und Struktur. Alles hat seine Vor- und Nachteile.

Papa war mein Superheld, mein Vorbild, mein bester Freund – meine ganze Welt. Papa war mir emotional immer viel näher als meine Mutter Sandra, von der ich mich mehr als einmal tief verletzt fühlte und bis heute enttäuscht bin. Als meine Eltern sich endlich trennten, ich war elf, war es für mich überhaupt keine Frage, bei wem ich leben wollte. Leider trat das schlimmste Szenario ein, wie es typisch ist für hochkonflikthafte Scheidungen: Unsere Eltern trugen von nun ab ihre Fights nicht mehr nur vor uns Kindern aus, sondern – wie ich meine – auch auf unserem Rücken. Ob wir es wollten oder nicht, Tal und ich waren ständig im Loyalitätskonflikt und schlugen uns entsprechend auf eine Seite. Leider oft auf eine unterschiedliche. Ich ging mit meinem Papa, Tal blieb bei seiner Mutter.

Ich glaubte fest daran, dass in der neuen Wohnung, mitten in Schwabing, an der Münchner Freiheit, alles besser sein würde. Keine Streitereien, kein Lärm, auf der anderen Seite keine schneidende Stille – in Ruhe fallen lassen … Eines Morgens allerdings, Papa und ich waren vor Kurzem erst eingezogen, stand eine fremde Frau in Papas Schlafzimmer. Obwohl ich bereits zwölf Jahre alt war und ein eigenes Zimmer hatte, voll mit Postern von Rockstars, und mir insgesamt seit dem Umzug vorkam, als wäre ich ein supercooler Schwabinger Teenager, schlief ich noch gerne bei meinem Papa. Ich wusste sofort: Irgendwas stimmt hier absolut nicht! Ich geriet in Panik und schrie:

»Wo ist mein Papa, wo ist mein Papa?!«

Er war mit Herzrhythmusstörungen ins Krankenhaus eingeliefert worden. Herzinfarkt. Ich musste zur Schule. Die Frau holte mich nach Schulschluss von dort ab, um mich zu Papa ins Krankenhaus zu bringen. Auf dem Weg dorthin kaufte ich mir das neue Album der Cranberries. Und hörte es die ganze Zeit. »Zombie«. Mit Musik in den Ohren, dem Lied, der Melodie, dem Text, der Härte des Songs allgemein schöpfte ich auf dem Weg zu Papa vor der Begegnung mit ihm Kraft. So konnte ich stärker wirken, als ich es eigentlich war, fühlte ich mich sicherer und schaffte es, vor Papa meine tiefe Verunsicherung und Angst zu verbergen. An diesem Tag übernahm ich innerlich die Verantwortung für meinen Abuikale. Mir war plötzlich bewusst, er war nicht unverwundbar und würde auch nicht ewig leben. Ich schwor mir, dafür zu sorgen, dass dieses »nicht ewig« möglichst lang währte.

Für mich war Papa der beste Vater, der er sein konnte.

Deine Eltern kannst du dir nicht aussuchen. Ob du sie liebst oder nicht, ob du sie verstehst oder nicht, du bist mit ihnen verbunden und als Kind von ihnen abhängig. Also musst du mit ihnen zurechtkommen, irgendwie. Aber wenn du älter wirst, erwachsen, kannst du deine Erinnerungen und Erfahrungen sammeln und reflektieren. Und auf dieser Basis kannst du selbst entscheiden, mit wem du verbunden bleiben willst, wer Teil deiner Familie sein darf und wer nicht. Für mich war Papa der beste Vater, der er sein konnte.

Gil

Meine gesamte Kindheit habe ich damit verbracht, andere Menschen zu beobachten und bis zur Perfektion zu imitieren.

Ich wollte immer jemand anders sein, bloß nicht Gil. Ich fand den Namen doof, ich fand mein Aussehen doof. Ich liebte Filme, in denen der Held gegen das ultimativ Böse kämpfte und gewann, und wollte genau dieser Superheld sein. Ich sah Musikvideos und wollte so cool wie die Stars sein, mich genauso bewegen können und die gleichen Klamotten haben. Ich sah Tennis im Fernsehen und wollte Boris Becker sein. Meine gesamte Kindheit habe ich damit verbracht, andere Menschen zu beobachten und bis zur Perfektion zu imitieren. So entstand der Pierrot, von dem ich auf meinem Album »Alles auf Hoffnung« singe.

Ich gab Rockkonzerte in meinem Kinderzimmer, ich tanzte den Moonwalk auf Geburtstagsfeiern, ich stellte Mixtapes mit eigenen Moderationen für das wunderschönste Mädchen aus der fünften Klasse zusammen und ich trainierte sehr hart Tennis bei Niki Pilić, der auch Boris Becker trainiert hatte. Meine wichtigsten Ressourcen waren schon immer Ehrgeiz, Ausdauer und Disziplin. Ich habe nie gejammert oder geklagt; ich habe auch nie Stress empfunden. Weil alles, was ich tat, aus mir herauswollte. Und ehrlich gesagt wusste ich auch gar nichts anderes mit mir anzufangen. Ich war wild, ich musste mich viel bewegen und zu Höchstleistungen herausgefordert werden – das nahm man zumindest damals an. Heute ist mir klar: Ich versuchte einfach alles, um die Leere zu füllen, die ich innerlich spürte, aber nicht begreifen konnte. Wenn ich Erfolg hatte mit dem, was ich leistete, und wenn es nur um das Lächeln der von mir heiß begehrten wunderschönen brasilianischen Fünftklässlerin ging, war ich der Gewinner. Bekam ich Applaus, fühlte ich mich bestätigt und anerkannt. Das bedeutete mir damals alles. Diese Erfolgsmomente gaben mir einen Kick und für den kurzen Augenblick war die sehnsüchtige Lücke in meinem Herzen gefüllt. Der Kick hielt aber nie lange an. Er wurde nach und nach zu einer Art Sucht.

Diese Erfolgsmomente gaben mir einen Kick und für den kurzen Augenblick war die sehnsüchtige Lücke in meinem Herzen gefüllt.

Durch Zufall wurde ich 1997 für die Bravo-Fotolovestory entdeckt, in der ich einen jungen Musiker namens Toby spielte – und was darauf folgte, ist mittlerweile Geschichte: Kurz darauf veröffentlichte ich meine erste Single »Round ’n’ round (it goes)« und wurde so über Nacht der Teenie-Musikstar »Gil«. Plötzlich holten mich Limousinen zu Aufnahmen, Auftritten, Galas, Interviews und Konzerten rund um die Welt ab, während Trauben kreischender Mädchen unsere Haustür an der Münchener Freiheit belagerten. Der Italiener von gegenüber behauptet heute noch, wir schuldeten ihm ein Vermögen für Toilettenpapier. Offenbar war das schon immer heiße Ware … Es ging jedenfalls alles raketenschnell, von null auf tausend, sozusagen. Das meiste ist wie im Zeitraffer an mir vorbeigerauscht. Ich hatte ein irrsinniges Pensum zu bewältigen, und es wurde überhaupt keine Rücksicht darauf genommen, dass ich noch minderjährig war. Heutzutage wäre so was gar nicht möglich. Du musst dir das mal vorstellen: Ich ging nicht zur Schule und hatte auf den jahrelangen Touren durch Asien nicht mal mehr Privatunterricht. Papa war als mein Manager immer dabei, Tal Bassist in der Liveband und weil die komplett aus Teenies bestand, kam Abi auf die absurde Idee, Sandra als Betreuerin mit auf Tour ins Ausland zu nehmen. Das war eigenartig, hatte ich mich doch gerade erst daran gewöhnt, dass wir als Familie getrennt waren. Und nun gingen wir zusammen zu Auftritten in asiatischen Fernsehshows und wurden gefeiert. Alle vier. Diese Happy Family waren wir nicht, sind wir nie gewesen, das war alles nur Show. Du denkst dir vielleicht: Ist doch super, dass sich deine Eltern so »cool« verhalten haben! Aber mich hat es nachhaltig verwirrt.

Kinder wünschen sich immer eine intakte Familie, ja. Oft, wie auch bei uns, ich erwähnte es bereits, leiden Scheidungskinder besonders darunter, dass die getrennten Eltern ihren verletzten Stolz und ihre Beefs zulasten der Kinder ausleben. Mich als Kind dann aber abrupt in Situationen wiederzufinden – in meinem Fall des Jobs wegen auf Tour –, in denen wir scheinbar wieder als Familie »funktionierten«, das erzeugte einen ständigen Schleudergang der Gefühle. Sehnsüchte wurden erfüllt – aber nur kurzzeitig. Hoffnung und Enttäuschung wechselten sich permanent ab. Das Einzige, was es bewirkte, wenn du unbedingt was Positives draus ziehen willst, ist, dass ich leidensfähig wurde.

Hoffnung und Enttäuschung wechselten sich permanent ab.

Rückblickend fällt mir übrigens auf, dass ich ziemlich eng an der Leine geführt wurde in dieser Zeit, da ich 24/7 performen musste. Und das nicht nur bei Auftritten und Interviews, ich stand auch durchgehend unter Beobachtung von Presse und Fans … Tal dagegen, obwohl er jünger war, hatte viel mehr Freiheiten. Er konnte mit den Jungs der Band, die so alt wie ich und älter waren, ausgehen und Party machen. Das hat ihm einen mächtigen Schub gegeben. Ich werde nie diese eine Situation vergessen … Wir residierten in irgendeinem Zig-Sterne-Hotel, als Tal eines Morgens völlig zerrockt als Letzter zum Frühstück hereingeschlurft kam. Wir fühlten uns damals alle total wichtig und so hatte jeder von uns seine speziellen Wünsche: Der eine wollte Spiegeleier, der andere Rühreier, der nächste Drei-Minuten-Eier, Acht-Minuten-Eier und so weiter – Papa wollte seine Eier immer so, dass das Eigelb gelb wie Honig war. Also fragte das arme Mädel vom Service, schon völlig überfordert von unseren Aufträgen, auch meinen Bruder:

»Guten Tag, wie hätten Sie denn gern Ihre Eier?«

Und da sagt Tal mit seinen gerade mal 13 oder 14 Jahren rotzfrech, ohne mit der Wimper zu zucken: »Gestreichelt.«

Noch heute muss ich drüber lachen. Ich weiß, wir führen heutzutage die #MeToo-Debatte – zu Recht! –,