Freiheit zu leben - Robert S. Hartman - E-Book

Freiheit zu leben E-Book

Robert S. Hartman

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Beschreibung

In dem von Dr. Ulrich Vogel übersetzten Buch "Freiheit zu leben. Die Robert-Hartman-Story" präsentiert Dr. Robert S. Hartman die von ihm entwickelte Wertetheorie und ihre Anwendungsmöglichkeiten in Grundzügen. Hartman wurde 1910 in Berlin geboren und starb 1973 in Mexiko. Seine Kindheit stand also unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, seine Jugend und sein frühes Erwachsenenleben waren geprägt vom Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg. Was er in diesen Zeiten erlebte, nahm er als Grundstein für seine Forschungsarbeit als Professor der Philosophie. Hartman begründete die formale Axiologie und ist ein bedeutender Vertreter der Wertewissenschaft. Vor allem beschäftigte er sich mit der Frage: "Was ist gut?" Im Buch beschreibt Hartman seine Vision: Er glaubte daran, dass wir Menschen das Gute in uns erkennen, es annehmen und damit unser Leben bereichern können. Und indem wir das schaffen, ist es möglich, unsere Welt zu einem Ort zu machen, der von "Gutheit" und Frieden geprägt ist. In der jede und jeder seinen Platz findet und das tägliche Miteinander im Kleinen wie im Großen geleitet ist von Menschlichkeit, Toleranz und Vernunft. 1973, im Jahr seines Todes, war Robert S. Hartman für den Friedensnobelpreis nominiert.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 328

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Freiheit zu leben

Robert S. Hartman

Freiheit zu leben

Die Robert-Hartman-Story

Herausgegeben und übersetzt von Dr. Ulrich Vogel

© Of the original work: Robert S. Hartman Institute

© Of the edition: profilingvalues GmbH

© Of the translation: Dr. Ulrich Vogel 2023

© Coverfoto von Robert S. Hartman: Robert S. Hartman Institute

www.hartmaninstitute.org

ISBN

 

Softcover

978-3-347-95857-9

Hardcover

978-3-347-95858-6

e-Book

978-3-347-95859-3

Begleitung, Lektorat und Satz: Cornelia Rüping, traum-vom-buch.de Umschlag und Illustrationen: Moritz Teschner, teschners.com

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Vorwort des deutschen Herausgebers Dr. Ulrich Vogel

Vorwort des amerikanischen Herausgebers Rem B. Edwards

Einleitung

Kapitel 1: „Ich wurde geboren, um zu sterben“

Kapitel 2: Was ist „gut“?

1. Die Suche

A. Frust durch Philosophie

B. Der Hinweis von G. E. Moore

C. Die Suche neu belebt

D. Das Moore’sche Rätsel gelöst

E. Ist das die ordnende Logik?

2. Die Bedeutung

A. Was ist ein gutes „Ich“?

B. Drei Teile der Persönlichkeit

C. Das innere Selbst erklärt

D. Die Unendlichkeit des inneren Selbst

E. Logische Beweise für die Unendlichkeit des Selbst

F. Die Chance zu leben

G. Drei Wertewelten

H. Messung von Werten

I. Systemischer Wert

J. Extrinsischer Wert

K. Intrinsischer Wert

3. Die Anwendung

Kapitel 3: Georges – und jedermanns – Problem

Kapitel 4: Mein Selbst und die Religion

1. Elemente der Bibel

2. Die Botschaft der Gleichnisse

Kapitel 5: Es ist nicht zu spät

1. Die Tragödie Roms

2. Die Tragödie des Feudalismus

3. Die Tragödie der Demokratie

Nachruf: Die letzten Jahre

Quellenverzeichnis

Die Herausgeber

Arthur R. Ellis

Dr. Ulrich Vogel

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Freiheit zu leben

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Vorwort des deutschen Herausgebers Dr. Ulrich Vogel

Index

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Vorwort des deutschen Herausgebers Dr. Ulrich Vogel

Nach meinem Studium der Politikwissenschaft, der Volkswirtschaft und des Öffentlichen Rechts arbeitete ich in den 1990er Jahren sieben Jahre lang mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen an der Universität. Anschließend wechselte ich in die freie Wirtschaft. Glücklicherweise landete ich in einer weltweit tätigen Unternehmensberatung, in der menschliche Werte den Takt angaben. Hier ging es darum, die Passung zwischen Personen und Funktionen in der Arbeitswelt zu optimieren, wobei nicht die fachlichen Aspekte oder Branchenerfahrungen die Hauptrolle spielten, sondern die Persönlichkeitsausprägungen der Individuen. Mich faszinieren Menschen und ihre Einzigartigkeit und in dieser Firma durfte ich sehr viel darüber lernen, auch mithilfe moderner Assessment-Verfahren.

Neun Jahre später war es einem Zufall zu verdanken, dass ein Geschäftspartner mir den Tipp gab, ein neuartiges psychometrisches Verfahren auszuprobieren. Das Feedback-Gespräch mit dem Berater hob mich tatsächlich aus dem Stuhl. Ich hatte lediglich wenige Minuten in die Online-Prozedur investiert und schon wusste mein Gegenüber nicht nur, wie ich gestrickt bin, sondern auch haargenau, wie es mir in meiner aktuellen Lebensphase ging. Ich war fasziniert. Kurz darauf ging ich in die Selbstständigkeit, um mit diesem Feedbackgeber gemeinsame Sache zu machen, wobei mir die Aufgabe des Vertriebs zufiel, denn ich hatte ein entsprechendes Kundennetzwerk.

Es dauerte ein wenig, bis sich herausstellte, dass es dieser Geschäftspartner mit der Wahrheit nicht so genau nahm. Über einen guten Bekannten erfuhr ich nach knapp einem Jahr, dass es sich bei dem Verfahren um das Hartman Value Profile (HVP) handelte und nicht um eine eigene Erfindung meines damaligen Partners. Sehr schnell leitete ich die Trennung ein und erwarb die Mathematik dieses wertemetrischen Instruments. Darauf basierend entwickelte ich Anwendungen, die Stellenbesetzungen, Personalentwicklung und Teambuilding systematisch unterstützen konnten. Anschließend stand ich vor der Aufgabe, im Rahmen meiner dazu gegründeten Firma profilingvalues Kunden zu gewinnen – und fähige Leute, denen ich die Interpretation des HVP beibringen konnte, um die formale Wertewissenschaft und ihre Anwendungen möglichst weit verbreiten zu können; das letztlich mit dem Ziel, die individuellen Potenziale der Menschen zu entfalten und die Arbeitswelt menschlicher zu gestalten.

Selbst nach vielen Tausenden Interpretationen für Menschen, die an dem Verfahren teilgenommen haben, nimmt die Lust bei mir nicht ab, dieses wahrhaft geniale Instrument anzuwenden. Jeder Tag, an dem ich ein Feedback aufgrund des HVP geben kann, ist ein guter Tag, weil ich Menschen „Lichter aufstecken“ kann, weil ich ihnen helfe, sich selbst besser zu erkennen und das Bestmögliche aus sich herauszuholen. Nicht umsonst heißt der Claim von profilingvalues „Explore Your Potential“.

Sobald ich um die Herkunft der Wertemathematik wusste, nahm ich Kontakt zum Robert S. Hartman Institute auf und wurde dort wärmstens empfangen. Ich besuchte den Jahreskongress 2009 in Knoxville, Tennessee und war überwältigt von den guten menschlichen Werten, die mir begegneten. Im Folgejahr durfte ich einen Vortrag über meine Applikation des HVP halten und wurde in der Folge eingeladen, im Board des Instituts daran mitzuwirken, dass sich die von Robert S. Hartman begründete formale Wertewissenschaft noch stärker verbreiten konnte. Ich gründete den europäischen Arm des Instituts, warb sehr viele Mitglieder und übernahm die erste Präsidentschaft. Bis heute bin ich dem Institut sehr verbunden und unterstütze die Bekanntheit, wo immer es möglich ist.

Mit Wissensdurst und Akribie las ich selbst die schwerstverdaulichen wissenschaftlichen Werke von Hartman, wobei mir meine langjährige Arbeitserfahrung an der Universität eine große Hilfe war. Freedom to Live. The Robert Hartman Story ist mit Abstand das am leichtesten zu lesende Buch von Robert S. Hartman und ich lege es Ihnen sehr ans Herz. Wenn Sie sich darauf einlassen, wird es sie tief berühren.

In den Folgejahren und bis heute hat sich neben der konkreten Anwendung des HVP bei mir eine schöne Vielfalt an Einsatzmöglichkeiten der Wertewissenschaft aufgezeigt, die nahezu unendlich erscheint. So entwickelte ich zahlreiche Tools, die Unternehmen dabei helfen können, ihre Werte zu finden und diese axiologisch (auf die Wertlehre bezogen) richtig einzusetzen. Zudem nahm ich mich des Themas wertebasierte Führung an und half vielen Firmen, mit Value-based Leadership ihre Kultur und ihre Ergebnisse nach vorne zu bringen. Im Jahr 2023 veröffentlichte ich dazu ein eigenes Buch, um sowohl Hartmans Theorie einfach und verständlich darzustellen als auch praxisnah deren Anwendungsund Verbesserungsmöglichkeiten aufzuzeigen.1

Am liebsten würde ich alles stehen und liegen lassen, um mich auf die Hinterlassenschaft von Robert S. Hartman zu stürzen, eine tiefgehende Biografie zu verfassen und seine zahllosen Manuskripte in Veröffentlichungen zu gießen. Hierzu hat Clifford Hurst vom Hartman Institute schon viel geleistet, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Momentan bin ich noch zu sehr eingebunden in meine familiäre Situation mit fünf Kindern und den weiteren Ausbau meines Unternehmens profilingvalues. Aber es bleibt mein Plan, auch über die Wirtschaftsanwendungen in meiner Firma hinaus die Gedanken und Methoden von Robert S. Hartman einer möglichst breiten Weltöffentlichkeit nahezubringen. Die formale Axiologie und ihre Anwendungen haben in mir eine große Liebe entfacht und ein Bewusstsein, dass sie der Menschheit helfen kann. Und sie hoffentlich davor bewahrt, sich selbst technologisch zu vernichten, ohne vorher aus sich selbst heraus gute Menschen hervorgebracht zu haben. Die Übersetzung von Freedom to Live war mir seit vielen Jahren ein tiefes Bedürfnis, denn das Buch hatte mich von Anfang an im Innersten berührt. Ich hoffe, dass ich damit einen Großteil der über 100 Millionen Deutsch-Muttersprachler erreichen und inspirieren kann. Für die Genehmigung bzw. die Beauftragung des Robert S. Hartman Institutes, die Veröffentlichung von Freedom to Live in deutscher Sprache umzusetzen, bedanke ich mich beim gesamten Board des Instituts.

Vor 60 Jahren verfasste Robert S. Hartman sein Manuskript, vor 30 Jahren brachten Rem B. Edwards und Albert R. Ellis die englische Fassung heraus. Wiederum 30 Jahre später ist es hoch an der Zeit, dass deutschsprachige Leserinnen und Leser in den Genuss eines solch äußert wertvollen Werks kommen – die Inhalte sind im Grunde hochaktuell. Robert S. Hartman war seiner Zeit weit voraus.

Dr. Ulrich Vogel

Santa Cruz de Tenerife, Spanien

August 2023

1 Ulrich Vogel: Schlüsselfaktor Value-based Leadership. Mit guten Werten die Arbeitswelt von morgen gestalten, Hamburg 2023.

Vorwort des amerikanischen Herausgebers Rem B. Edwards

Eine vollständige Autobiographie kann niemals vor dem Ableben des Autors geschrieben werden, doch dann ist es zu spät. Robert S. Hartman beendete seine persönliche Autobiographie am 10. Oktober 1963, lebte danach aber noch weitere zehn ereignisreiche Jahre bis zum 20. September 1973. Den Rest seiner Lebensgeschichte erzählt Arthur R. Ellis im Nachruf unter dem Titel „Die letzten Jahre“ am Ende dieses Buches. Hartmans Freedom to Live wurde ursprünglich als eine Präsentation für Management-Entwicklungsseminare geschrieben, die von der Nationwide Insurance Company zwischen 1962 und 1963 beauftragt worden waren, um Führungskräften den Menschen Robert S. Hartman und seine formale Wertewissenschaft nahezubringen. Wir möchten Herrn Lee A. Thornbury, dem Justiziar der Nationwide Insurance Company, danken, das Manuskript gelesen und daraufhin bestätigt zu haben, dass Nationwide Insurance keinen Anspruch darauf hat.

Zwischen 1968 und 1973 war Robert S. Hartman Forschungsprofessor an der Universität von Tennessee (UT) in Knoxville. Während dieser Zeit lehrte er gewöhnlich sechs Monate an der UT, die anderen sechs Monate verbrachte er an der Universität von Mexiko, wo er ebenfalls als forschender Professor tätig war. Ich war in der glücklichen Situation, ihn in dieser Zeit persönlich kennenlernen zu dürfen und an einigen seiner Vorlesungen teilzunehmen, wir hatten auch manche lebhafte philosophische Debatte. Ich war nie komplett einverstanden mit seinen philosophischen Gedankengängen, bekenne aber, dass er ein philosophisches Genie war, von dem ich viele wichtige Dinge lernen konnte. Ich hoffe, dass die Leser dieser Autobiographie am Ende dasselbe sagen können – auch unter dem Vorbehalt nicht immer mit allem einverstanden zu sein, wenn nötig, so wie es auch bei mir war.

In vielerlei Hinsicht beeinflusste Robert Hartman mein Denken nach seinem Tod noch stärker als zu seinen Lebzeiten. Er half mir mehr als jeder andere Philosoph, den intrinsischen Wert einer einzelnen Person zu verstehen, das heißt, die einzelnen Zentren von Bewusstseinserfahrung und Aktivität wertzuschätzen. Die anderen Philosophen fanden in der Regel den intrinsischen Wert nur in allgemein wiederholbaren Werten wie Wohlbefinden, Wissen, Tugend, moralische Werte, Kreativität etc., nicht in Individuen. Unglücklicherweise jedoch hat jede Identifikation intrinsischer Werte mit wiederholbaren allgemeinen Begriffen den Effekt, die sich selbst bewussten Individuen, die solche Singularitäten aufweisen, auf den Status eines extrinsischen Guts zurückzustufen.

In den traditionellen ethischen Theorien – ob mit einem hedonistischen oder einem pluralistischen Blick auf die Dinge, die als intrinsisch „gut“ gelten – wird das individuelle Bewusstsein von außen als gut angesehen, aber im Inneren als wertloser Behälter betrachtet. Hier können „gute“ Dinge wie Genuss, Wahrheit, Gewissen, moralische Grundsätze und anderes einfließen und zeitweise abgelegt werden. Robert S. Hartman gelang eine eindrucksvolle Korrektur der damit verbundenen Annahmen, die auf Allgemeinplätzen beruhen und sich gegen das Individuum richten. Sie dominierten bis dahin das herkömmliche ethische Denken. Hartman hingegen will nicht die Wirkung allgemeiner Güter herabsetzen – nämlich unser Leben zu bereichern –, sondern er unterstreicht den intrinsischen Wert von Individualität. Sie muss mit äußerster Ernsthaftigkeit als Gegengewicht zu der inhärenten Voreingenommenheit traditioneller ethischer Theorien angesehen werden. Wie er auf den folgenden Seiten zeigt, könnte das Schicksal des gesamten Lebens auf der Erde davon abhängen.

Leider haben nicht nur Philosophen das Individuum als solches falsch eingeschätzt bzw. unterschätzt. Viele Menschen, vor allem solche in Machtpositionen oder mit großem Einfluss, waren und sind willens, das Wohlergehen und sogar das Leben des Einzelnen für extrinsische oder systemische Werte zu opfern. Auf der ganzen Welt werden Menschen (und andere wertvolle Lebewesen) konstant zerstört, und das wegen extrinsischer Werte wie Wohlstand, Öl, Arbeitsplätze, Macht, Land oder sozialer Status; oder wegen systemischer Werte wie Religionsdogmen, politische Ideologien, ethnische Reinheit, nationale Souveränität sowie militärischer Ruhm. Robert S. Hartman kann uns dabei helfen, die Verrücktheit dieser Perversion von Werten zu verstehen.

Ich habe die Veröffentlichung dieser Autobiographie sehr unterstützt und gefördert, weil sie zum einen die fesselnde Geschichte eines faszinierenden Lebens erzählt, das Leben des Mannes, den ich als Kollegen, Freund und Mentor kannte. Zum anderen, weil es zeigt, wie er zu seinen leidenschaftlichen und zutiefst reflektierten Überzeugungen bezüglich des intrinsischen Wertes einzelner Personen kam – und wie einfach es ist, diese essenzielle Wahrheit auf so viele verschiedene Arten zu übersehen. Die Konsequenzen daraus sind desaströs, sowohl für den Einzelnen wie auch für die gesamte Menschheit.

Arthur R. Ellis, ein angesehenes und aktives Mitglied des Robert S. Hartman Instituts für formale und angewandte Axiologie, regte an, Hartmans Autobiographie zu publizieren, und übernahm die meiste redaktionelle Arbeit für die Veröffentlichung. Ich bin froh, dass wir Freedom to Live. The Robert Hartman Story veröffentlichen können, den ersten Band einer Reihe axiologischer Studien des Robert S. Hartman Instituts.

Arthur R. Ellis und ich möchten uns besonders bei Frau Rita Hartman bedanken, die uns die Erlaubnis für die Veröffentlichung dieser Autobiographie erteilte. Auch drücken wir unsere Wertschätzung dafür aus, dass uns die Houghton Mifflin Company die Erlaubnis gab, das Zitat von Lloyd C. Douglas aus The Robe (Das Gewand) von 1942 zu verwenden.

Rem B. Edwards

The University of Tennessee

August 1993

Einleitung

Von Arthur R. Ellis

30 Jahre sind vergangen, seit Robert S. Hartman das nun folgende autobiographische Werk schrieb. Doch seine Ideen und Ergebnisse, die er veröffentlichte, zusammen mit seinen Lebenserfahrungen, sind heute so lebhaft und vital wie damals. Seine Mission, „gut“ zu definieren und Wege zu finden, dieses Konzept auf unser Leben anzuwenden, ist noch immer von immenser Bedeutung. Das gilt sowohl individuell als auch global. Konflikte in und zwischen Ländern passieren überall auf der Welt. Die Anwendung und die Kontrolle nuklearer Kapazitäten sind noch immer zentrale Themen. Die Vereinigten Staaten, wie viele andere Länder auch, sind mit Gewalt, Drogenmissbrauch, ethischen Fragen, Umweltproblemen und Herausforderungen im Gesundheitswesen konfrontiert. Kritische Situationen verlangen von uns, das Relevante aus dem Komplexen herauszufiltern, damit sind wir sowohl in unserem persönlichen Leben wie auch auf globaler Ebene tagtäglich gefordert.

Robert Hartmans Lebenserfahrungen, wie sie hier gezeigt werden, sind interessant und ermutigend. Von seiner Kindheit in Deutschland während des Ersten Weltkriegs zu seinen Jahren im jungen Erwachsenenalter, als sein Heimatland unter dem Einfluss des Nationalsozialismus stand, vor dem er fliehen musste, beschreibt er die Geschehnisse, die sein Denken formten. Sein Hintergrund als Richter, Geschäftsmann, Philosoph und Mitglied der internationalen Gemeinschaft trug zur Reichhaltigkeit seines Lebens bei. Während er sah, wie die Nazis „das Böse organisierten“, überlegte er sich, wie man „das Gute“ systematisch gestalten könnte.

In diesem Buch gibt Hartman dem Leser einen Überblick über seine Wertetheorie – nicht in der Breite, wie in anderen seiner Werke, aber es genügt, um die Grundzüge zu begreifen. Seine Antwort auf die Frage „Was ist gut?“ basiert auf dem Werk des Philosophen George Edward Moore, seine formale Theorie entwickelte er aus dem sich daraus ergebenden Axiom. Die formale Wertewissenschaft legt drei Dimensionen von Werten fest: systemische, extrinsische und intrinsische. Dr. Hartman definiert diese und zeigt ihr Zusammenwirken auf. Dann legt er für uns dar, wie die Wertedimensionen auf jeden Bereich unserer Existenz anzuwenden sind. Dr. Hartman befasste sich nicht nur mit der Frage, was Werte sind, sondern auch damit, wie man sie bemisst. Er glaubte, mit seiner Methode den Bewertungsprozess zu einer genaueren logischen Operation zu machen, indem er geordnetes Denken und moralische Aspekte verband.

Paul Weiss, Sterling-Professor [Anmerkung des Übersetzers: höchster akademischer Grad an der Yale University, benannt nach John William Sterling] für Philosophie an der Yale Universität, sagte über Hartman:

… Niemand – davon bin ich überzeugt – der sich selbst erlaubt, Dr. Hartmans unbeugsamer systematischer Erforschung der Natur der Werte zu folgen, wird in der Lage sein, sich von dem Bewusstsein zu befreien, dass er von einem neuen intellektuellen Abenteuer gefesselt ist, dessen Auswirkungen und Einflüsse umfassend und breit gefächert zu sein versprechen.i

Freedom to Live. The Robert Hartman Story wurde ursprünglich für eine Seminarreihe geschrieben, die Dr. Hartman für Topmanager einiger der größten Unternehmen der USA abhielt. Das Interesse an seiner Philosophie entstammte deren Wunsch, dass ihre Geschäftsführer mehr Gefühl für die menschlichen Aspekte bei Managemententscheidungen entwickeln sollten. Dies ist in den 1990er Jahren nicht weniger von Bedeutung als damals in den 1960er Jahren.

Mit Blick auf die Bedeutung für das Leben und das Arbeiten des Einzelnen stellte Hartman vier Fragen in den Raum:

1. Warum bin ich hier auf dieser Welt?

2. Warum arbeite ich für dieses Unternehmen?

3. Was kann das Unternehmen tun, damit ich meinen Sinn im Leben erfülle?

4. Wie kann ich dem Unternehmen helfen, mir meinen Sinn im Leben zu erfüllen?

Auf dem Weg zur Antwort auf diese Fragen werden wir auf eine persönliche Erkundung der systemischen, extrinsischen und intrinsischen Wertedimensionen und ihrer Anwendung für unser individuelles Leben mitgenommen. Das Ziel dieser Übung besteht darin, jeden von uns bei seiner Suche nach Bedeutung und bei der Erforschung der Prioritäten unserer Werte bei Entscheidungen zu unterstützen. Dr. Hartman befasst sich auch mit unserer spirituellen Natur, indem er seine Gedanken auf den intrinsischen Bereich der Religion überträgt.

Dr. Hartmans Vision war es, uns die Mittel zur Verfügung zu stellen, damit wir das „Gute“ in uns erkennen, es annehmen und damit unser Leben bereichern. Indem wir diese Prinzipien auf breiterem Niveau anwenden, geben wir auch etwas in unsere Welt und machen sie zu einem Ort von mehr „Gutheit“ und Frieden. Wenn das Licht der formalen Axiologie auf unsere Welt fällt, würde sich durch die an unseren Entscheidungen beteiligten Elemente eine Art Werteklarheit einstellen, die zuvor unbekannt war.

George Kimball Plochmann beschreibt Hartmans Arbeit wie folgt:

Sympathie und Scharfsinnigkeit balancieren Hartmans enorme Gelehrsamkeit aus … Ein genüsslicher Blick durch seine persönliche Bibliothek wird jeden schnell von seiner Belesenheit überzeugen. Und obwohl er stets die Notwendigkeit betonte, die wissenschaftliche Betrachtung der Werte vom Akt der Bewertung an sich zu befreien, können wir fühlen, dass er die Welt mit klarem Verstand betrachtete – ihr Gutsein und ihr Nichtgutsein, wie er es nannte. Manchmal befürchtet man beim Lesen moderner ethischer Philosophen, dass die grundlegenden Fragen, wie man Gutes tut und wie es einem auch gut tut, durch Versäumnisse in die Hände von Psychoanalytikern, Predigern oder vielleicht Soziologen gefallen sind. Trotz der bedrohlichen Logik und der kalten mathematischen Formalitäten einzelner Teile von Hartmans Abhandlungen können wir uns freuen. Ich glaube, dass ein wissenschaftlich stimulierendes und tiefgründiges Buch immer auch etwas Heimeliges und Familiäres sein kann, und der gesunde Menschenverstand sollte auf unsere gewöhnliche Umwelt angewendet werden.ii

Das abschließende Kapitel „Die letzten Jahre“ umfasst die Dekade zwischen der Fertigstellung von Hartmans Manuskript und seinem Tod. Es handelt sich um eine Zusammenstellung von Informationen der Robert- S.-Hartman-Sammlung aus der James-D.-Hoskins-Bibliothek an der Universität von Tennessee in Knoxville und aus Gesprächen mit Frau Rita Hartman und verschiedenen Kollegen. Eingeflossen sind eigene Begegnungen mit Dr. Hartman als mein Lehrer, Mentor und Freund.

Etliche Leute waren an den Vorbereitungen zur Veröffentlichung dieses Buches beteiligt. Ich möchte mich bei Charlotte B. Ellis für ihre redaktionelle Unterstützung bedanken und bei Rem B. Edwards für seine Beratung und seinen Beistand. May Luise Zumwalt, Martha F. James und Jane Williams unterstützten mich ebenfalls. Mein Dank geht zudem an meine Kollegen vom Robert S. Hartman Institut, die Einsichten und Informationen beitrugen.

Dr. Hartman schrieb so, wie er sprach. Es wurden alle Anstrengungen unternommen, den Stil seiner Präsentationen beizubehalten. Änderungen wurden nur vorgenommen, wenn sie zum besseren Verständnis notwendig wurden.

Die Botschaft, die dieses Werk enthält, ist zeitlos und von unendlichem Wert für die Menschheit. Es ist das Erbe eines Lebens, das dem Ziel gewidmet war, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Arthur R. Ellis, M. S., C. P. C.

Herausgeber

August 1993

Kapitel 1: „Ich wurde geboren, um zu sterben“

An dem Tag meiner Geburt, dem 27. Januar 1910, waren die Straßen von Berlin mit Fahnen geschmückt. Die schwarz-weiß-roten Flaggen des deutschen Kaiserreichs flatterten an allen Fenstern, Girlanden zierten die Hauseingänge und die deutsche Armee dürfte durch die prachtvollen Straßen der Hauptstadt zur Siegessäule mit ihrem goldenen Engel obenauf marschiert sein.

Da dies gleichzeitig der Geburtstag des Kaisers war, bot sich jedes Jahr eine gute Gelegenheit, auch die militärischen Triumphe des deutschen Kaiserreichs zu feiern. Dies war der Tag, an dem sich Kaiser Wilhelm II. und seine sechs Söhne, alle in den jeweiligen Uniformen der verschiedenen militärischen Formationen, dem deutschen Volk präsentierten und ihre Macht demonstrierten – die deutsche Macht. Deutschland – man folgte dem kaiserlichen Wort auf der ganzen Welt von Daressalam bis Kiautschou, von Helgoland bis Samoa, von Windhuk und Lomé, Rabaul und Bougainville bis Bikini und Eniwetok. Dies alles waren deutsche Militärstützpunkte, verteilt über den gesamten Globus. Die Welt hörte zu, wenn der deutsche Kaiser sich äußerte. Er war die Macht, die Weltmacht. „Deutschland, Deutschland über alles“ war keine eitle Prahlerei.

Ich erinnere mich schwach an den großen Aufmarsch an meinem vierten Geburtstag – die Ausgelassenheit, die Erregung, das Singen patriotischer Lieder, als seine Majestät Wilhelm II., von Gottes Gnaden Kaiser von Deutschland und König von Preußen, glorreich durch die Stadt ritt. Dies waren die wunderbaren Zeiten, die Wilhelm versprochen hatte. Es war großartig, jetzt zu leben und ein Deutscher zu sein.

Dies änderte sich an einem Sonntag im Frühjahr des gleichen Jahres, als ich den Kaiser bewusst zum ersten Mal sah. Da er und ich am gleichen Tag Geburtstag hatten, betrachtete ich ihn als ein Symbol des Glücks. Er war für mich ein goldener Ritter. Der Engel oben auf der Siegessäule, den ich bei Spaziergängen mit meinen Eltern gesehen hatte, verschmolz mit der Person des Kaisers zu einem Bild der Herrlichkeit.

An diesem Frühjahrssonntag ging ich mit meinen Eltern im Tiergarten spazieren. Plötzlich hörte ich meinen Vater rufen: „Der Kaiser!“ Inmitten eines großen Tumults fuhren der Kaiser und seine Gemahlin, Kaiserin Auguste Viktoria, in einer edlen Kutsche mit prachtvollen Pferden vorbei. Der Glanz der kaiserlichen Erscheinung hätte einen Eindruck von Glück bei mir hinterlassen sollen, aber von einem anderen Blickwinkel aus entstand in mir ein Bild des Terrors. Als ich den Kaiser erblickte, grinste mich ein großer Totenkopf mit hohlen Augen, einem Loch statt der Nase und zwei gekreuzten Knochen darunter an.

Der Kaiser trug seine Lieblingsuniform, die der Totenkopfhusaren. Und ich hatte wohl auf die gigantische Kopfbedeckung mit dem Totenkopf- und Knochenabzeichen sowie der buschigen Feder obenauf geschaut statt in das Gesicht des Kaisers. Ein wenig später empfand ich den Anblick doch als sehr hübsch, obwohl das Ganze eine kalte und anmaßende Ausstrahlung hatte mit dem steifen umgedrehten Schnurrbart. Von diesem Zeitpunkt an überlief mich beim Anblick der Totenkopfabzeichen ein kalter Schauer; für mich wurden sie zu Totengesichtern. Das galt nicht für die meisten meiner Landsleute. Die Abzeichen wurden nicht nur stolz vom Kaiser und wichtigen Persönlichkeiten der Armee getragen, sondern auch als Schmuck in Juwelierläden verkauft. So zierten sie junge Damen, die ein Faible für militärische Uniformen hatten. Jahre später, als ich einmal mehr über die Beliebtheit der Totenkopfabzeichen nachdachte, schien es mir, als symbolisierten sie sowohl die Verherrlichung als auch die Verharmlosung des Todes in Deutschland. Ich kam zu der Erkenntnis, dass seine Verherrlichung eine Schmähung des Lebens darstellte und seine Trivialisierung Blasphemie war.

Der Schock, den Kaiser im Tiergarten mit dem Totenkopf auf seinem Haupt zu sehen, war bis zu meinem fünften Lebensjahr eines von vier Erlebnissen, die mein Leben sehr prägten. Die zweite Geschichte handelt von meinem Vater und meiner Mutter, die an einem Tag im August 1914 durch das Wohnzimmer tanzten, weil mein Vater als Freiwilliger in die Armee des Kaisers aufgenommen worden war. Die Herrlichkeit des Kaisers hatte Einzug in unser Zuhause gehalten. Von allen Seiten gab es Händeschütteln und Gratulationen. Deutschland, das großartigste, kultivierteste Land der Welt, wurde von seinen Feinden angegriffen, dem niederträchtigen England, dem heruntergekommenen Frankreich, dem brutalen und hinterhältigen Russland; Deutschland reagierte daraufhin geschlossen wie ein Mann.

So wie meine Eltern tanzten, so tanzten Millionen anderer Menschen überall in Deutschland – in ihrem Zuhause, in den Straßen, Bars, Parks, auf den Anlegestellen in Häfen. Fremde tanzten mit Fremden und fühlten sich eins im Rausch der gemeinsamen Großartigkeit. Sie fühlten sich emporgehoben zu einem Ideal, dem Ideal des Vaterlandes. Sie spürten, dass alle Unterschiede wegfielen, die Einheit von Reich und Arm, des Adels und des normalen Bürgers, des Kaisers und seinem Volk. Sie dachten, der Krieg würde die alltäglichen Sorgen vertreiben, alles Unsaubere wegwaschen und zur Krönung die Herrlichkeiten des Lebens bringen. Sie tanzten aus purer Freude am Abenteuer, sie tanzten für das, was sie für Leben hielten. Doch es entpuppte sich als Tod.

Kurz nachdem mein Vater in den Kampf gezogen war – er sollte nicht vor Ende des Krieges zurückkehren –, brachte meine Mutter meinen dreijährigen Bruder und mich nach München. In meiner dritten Geschichte von 1914 saß ich auf unserer Gartenmauer in München und betrachtete die Soldaten, die in den Krieg zogen. Ein endloser Strom von Männern, ein Fluss aus grauen Uniformen füllte die breite Straße und darüber schwebten die Klänge der Soldaten und der Mädchen. Die Soldaten wirkten stark und glücklich, die Blumen und grünen Zweige, die man in ihre Helme gesteckt hatte, bewegten sich im Wind hin und her, und die Mädchen, die neben ihnen herliefen und zwei Schritte für einen der Soldaten brauchten, sangen und weinten.

Ich wollte begreifen, was es bedeutete, in den Krieg zu ziehen. Die Männer gingen zum Bahnhof, um in Züge verfrachtet zu werden. Der Krieg, dachte ich, musste so etwas wie eine große Fallgrube in einer Straße sein. Die Züge hielten an der Fallgrube und die Männer sprangen von den Waggons direkt in das Loch hinein. Wenn ein Mann dabei stolperte, fiel er in den Schacht und war „gefallen im Krieg“, er wurde getötet.

Dieses ästhetisch anmutende Schauspiel aus marschierenden Männern, den Liedern und den Blumen, den Flaggen und der Musik wiederholte sich Tag für Tag über vier Jahre hinweg. Obwohl mich das, was ich wahrnahm, bewegte, sah ich nur die Schattenseite. Ich erinnere mich, an den endgültigen Bestimmungsort und die Hilflosigkeit der gefallenen Männer gedacht zu haben, die im schwarzen und bodenlosen Schacht verschwanden.

Ich weiß nicht, warum ich so empfand. Soweit ich wusste, ging es anderen Kindern nicht so. Aber ich erinnere mich, dass ich nie in der Lage war, die Begeisterung der jubelnden Menge zu teilen; und militärische Musik, die andere freudig erregte, löste in mir nichts aus. Auch fühlte ich mich nicht durch die marschierenden Männer beschützt. Im Gegenteil, ich spürte, dass sie viel mehr Schutz brauchten als ich. Der Krieg nahm seinen Lauf und nie war ich von militärischen Heldentaten beeindruckt, aber sehr bewegt, wenn ich die Leidensgeschichten hörte oder las, die mein Vater für die Deutsche Zeitschrift aus den Schützengräben schrieb und nach Hause sendete.

Meine ersten drei Erlebnisse waren Vorboten des vierten. Ich bezeichnete die ersten drei als Gesicht des Todes, Tanz des Todes und Marsch des Todes. Beim vierten Ereignis spürte ich den Tod selbst.

Ich erinnere mich, ich stand in der Halle im Erdgeschoss unseres Hauses in München, als ich ein seltsames Weinen vernahm, nicht von einem Kind, eher von einem Erwachsenen. Ich folgte den Geräuschen bis in den dritten Stock unseres Hauses, in dem mein 22-jähriger Onkel Alex wohnte. Sie kamen aus seinem Zimmer. Ich öffnete die Tür und sah meinen Onkel Alex nur halb bekleidet auf seinem Bett sitzen und weinen. Ich erinnere mich, dass ich ihn fragte: „Alex, warum weinst du?“ Er sagte: „Ich muss in den Krieg.“ „Warum musst du in den Krieg?“, fragte ich. „Der Kaiser befiehlt es.“ „Ach so“, sagte ich, „dann bleib und geh nicht.“ Und er schaute mich mit derart traurigen Augen an, die ich niemals vergessen werde. „Ich kann nicht“, sagte er. „Und ich werde sterben.“ Als er das sagte, fühlte es sich an, als ob Stahlzangen meinen Körper packten. Mich überkam eiskalte Furcht. Ich drehte mich um und rannte aus dem Zimmer.

Ich erinnere mich an meine wirren Gedankengänge. Wie kann es sein, dass der Kaiser die Macht hat, meinen Onkel in den Tod zu schicken? Muss er wie ein Schaf zum Schlachter gehen? Eine Vorahnung der Katastrophe schien mich zu überwältigen. Die ganze Welt wirkte dunkel und furchteinflößend. Ich fühlte mich bedroht und war verwirrt. Ich wollte mich auflehnen. Aber ich konnte nicht; ich war ebenfalls in der Falle wie Onkel Alex. Als er sagte „Ich muss in den Krieg“, begriff meine kindliche Vorstellung das Wort „Krieg“ in bedrohlicher Zweideutigkeit. „Kriegen“ heißt im Deutschen nicht nur „sich bekriegen“, sondern auch „bekommen“. So schoss mir durch den Kopf: „Sie haben ihn, der Kaiser hat ein Netz über ihn geworfen und hat ihn gefangen.“ Wenn ich nicht schnell weglaufe, wird er mich auch kriegen.

Onkel Alex starb. Niemand wusste wo, er kam einfach aus dem Krieg nicht nach Hause. Offiziell war er als vermisst gemeldet. Er wurde zu einem weiteren unbekannten Soldaten.

Wenn ich heute über dieses Erlebnis nachdenke, spüre ich immer noch diese ungeheuerliche irdische Macht, die einen 22-Jährigen in den Tod zu schicken vermochte. Damit mein junger Geist sich wieder klären konnte, meine ich heute, festigte sich der Gedanke, dass irgendwie etwas falsch gelaufen war, Leben und Tod vermischt, vertauscht worden seien. Ich erkannte recht schnell, dass es in den frühen Zwanzigern gefährlich war, in Deutschland geboren zu sein, gefährlicher als irgendwo sonst.

Ich hätte genauso gut woanders auf die Welt kommen können. Die Eltern meines Vaters wanderten im Jahr 1882 von Deutschland nach Amerika aus, als mein Vater zwei Jahre alt war, genauer gesagt nach San Francisco. Meine Großmutter konnte sich aber nicht auf das dauerhaft neblige Wetter einstellen. So segelte die Familie über den Atlantik zurück und ließ sich in London nieder. Dort war der Nebel noch schlimmer und er beeinträchtigte die Gesundheit meiner Großmutter, der nächste Umzug brachte die Familie dann wieder nach Berlin.

Die Eltern meiner Mutter waren zuvor aus Deutschland nach St. Petersburg ausgewandert, wo mein Großvater Bankangelegenheiten für den Zaren erledigte. Das Geschäft lief gut und er konnte sich mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in Berlin zur Ruhe setzen. Meine vier Großeltern kamen sich von Osten und Westen aus in der deutschen Hauptstadt näher. Gerade zur rechten Zeit, sodass sich meine Eltern kennen lernen konnten. Und ich erblickte das Licht der Welt im Herzen von Berlin, in der Bendlerstraße, einer kurzen Straße zwischen Landwehrkanal und Tiergarten, die im Reich des Kaisers einen Teil des Dreiecks bildete, das die drei Kriegsämter umfasste – die Marine, den Generalstab und das Kriegsministerium. In meiner Jugend, nachdem ich nach München umgezogen war, wurden die drei Ämter zum Ministerium der Wehrmacht zusammengeschlossen, genau dort, wo ich geboren worden war, in der Bendlerstraße.

Dadurch fühlte ich mich wie durch eine metaphysische Nabelschnur mit der deutschen Geschichte verbunden. Von meiner Geburtsstätte aus wurden Fäden gespannt, die ganz Europa und am Ende die ganze Welt in ein Kriegsnetz einbanden. Somit liebte ich Geschichte als lehrreiches Fach, aber fürchtete sie im Sinne der Macht. Sie ist ein Schauspiel zum Anschauen, aber ein Albtraum, wenn man darin gefangen ist.

Das Interesse an Geschichte habe ich auch von meinem Vater geerbt, der im Alter von 30 Jahren seine Anwaltskanzlei aufgab, um zu schreiben. Er verfasste etliche historische Romane, die zu deutschen Bestsellern wurden. Er war auch einer der ersten Drehbuchautoren und Regisseure in Deutschland. Als leidenschaftlich Schreibender hinterließ er viele Bücher und viele Erinnerungen. Ich fand in seinen Notizen Antworten auf viele Fragen. Er hatte eine unglaubliche Vorstellungskraft und konnte über Dinge und Ereignisse schreiben, ohne sie selbst jemals gesehen oder erlebt zu haben. Ich erinnere mich an einen Roman über Brasilien, der aus Briefen brasilianischer Siedler entstanden war, die ihn um Rat hinsichtlich ihrer Belange gefragt hatten. Er selbst jedoch war niemals dort gewesen.

Sein Wunsch war, dass bei seiner Beerdigung die Serenade Eine kleine Nachtmusik von Wolfgang Amadeus Mozart gespielt würde, die so etwas wie ein Liebeslied ist. Warum ein Liebeslied als Musik bei einer Beerdigung? „Aber warum nicht?“, fragte er. „Von der ‚anderen Seite‘ aus betrachtet“, sagte er, „bedeutet der Tod sicherlich nicht Horror, sondern Liebe, Gottes Liebe.“ Mein Vater war ein preußischer Zuchtmeister, was sich in seinem strengen und geradlinigen Erscheinungsbild widerspiegelte, aber ich fühlte mich ihm immer sehr eng verbunden. Ich spürte väterliches Interesse und Zuneigung, die mich stark beeinflussten, und sein Tod im Jahr 1934 war für mich ein tragisches, meine Seele aufwühlendes Ereignis.

An meine Mutter erinnere ich mich nur schwach. Eigentlich hatte ich zwei Mütter. Meine leibliche Mutter ließ sich von meinem Vater scheiden und heiratete ungefähr ein Jahr später wieder, nachdem mein Vater in den Krieg gezogen und wir nach München gegangen waren. Dann zog ich zu meiner Tante und meinem Onkel in ein bayerisches, alpenländisches Dorf. Direkt nach dem Krieg lebte ich für zwei Jahre bei meiner Großmutter väterlicherseits in Berlin und kehrte schließlich, als mein Vater im Jahr 1921 wieder heiratete, nach München zurück, um dort mit ihm und seiner Frau zu leben.

Diese wechselnde Familiensituation bedeutete für mich eine verschiedenartige religiöse und pädagogische Erziehung. Mein Vater war Jude, meine Mutter Lutheranerin, meine Stiefmutter Katholikin. Ich wurde sowohl lutherisch als auch katholisch erzogen. In dem bayerischen Dorf besuchte ich als Junge eine katholische Kirche, half dem Priester und fing an, mich auf ein Leben als Mönch vorzubereiten, indem ich einer selbst auferlegten Lebensweise aus Disziplin und Geißelung folgte. Der Tag, an dem mein Vater im Jahr 1918 aus dem Krieg zurückkehrte, sollte ein schöner in meinem Leben werden und der Lehrer befreite mich vom Unterricht. Aber ich widersprach. Ich dachte, ich müsste meine Pflicht tun, in der Klasse bleiben und bis nach der Schule warten, um meinen Vater zu treffen, den ich vier Jahre lang nicht gesehen hatte. Schließlich konnte der Lehrer meine Bedenken ausräumen, ich zog mein Büßerhemd aus und mein Vater und ich machten einen fröhlichen Spaziergang durchs Dorf. In der Tat war dies ein wundervoller Tag. Als mein Vater aber vorschlug, den Anlass mit einem Eis in einem Restaurant zu feiern, sagte ich: „Nein, ich kann kein Eis essen, ich muss mich geißeln, ich kann mir derartige Genüsse nicht erlauben.“ Mein armer Vater dachte, ich hätte den Verstand verloren, was im gewissen Sinne auch so war. Mit acht Jahren. Sie sagten, es sei sicher nur eine Phase. Aber durch meine ganze Jugend hindurch – vielleicht wegen des subtilen Effekts meiner symbolischen Geburtsstätte und meines speziellen Geburtstags, vielleicht wegen des Ansturms der Geschichte, die mich in naher Zukunft rasend machen würde, vielleicht wegen des intellektuellen Einflusses meines Vaters – befasste ich mich weiterhin mit Problemstellungen hinsichtlich Krieg und Frieden, Leben und Tod, Probleme eben, um die sich ein Junge normalerweise nicht kümmern würde.

Nach und nach kam ich zu der Überzeugung, obwohl ich es noch nicht in Worte fassen konnte, dass die Verherrlichung von Tod, der durch Menschen herbeigeführt wurde, die Verachtung Gottes bedeutete. Desjenigen, der uns das Leben schenkt. Mein Leben hatte für mich einen unschätzbaren Wert. Mein Tod sollte der Höhepunkt meines Lebens sein, das ich schön und voll entfaltet zugebracht haben wollte, das natürliche Ende der Karriere meiner Seele in meinem Körper. Ein frühzeitiger, vorsätzlich herbeigeführter Tod wäre eine Tragödie, nicht nur für mich als Sterbenden, sondern für Gott, dessen Milliarden Jahre der Vorbereitung für dieses Lebewesen umsonst gewesen wären.

Mit dem Älterwerden liebte ich mein Leben immer bewusster – den Geruch, der an einem frischen Morgen in der Luft lag, die Farben der Bäume, die Schönheit der alten Straßen, die Geräusche der Stadt, die einsame Erhabenheit der Berge. Die großartige Gegebenheit in meinem Leben war, geboren zu sein. Dass ich an einem besonderen Ort namens Berlin und in einem Land, das sich Deutschland nannte, auf die Welt gekommen war, schien zusehends zur Nebensache zu werden. Diese Denkweise mag vielleicht aus der weltoffenen Wesensart meiner Familie entstanden sein, entsprach aber auch dem starken Gefühl in mir, dass mein Leben das größte Geschenk überhaupt war und ich es ausschließlich Gott zu verdanken hatte.

Mir war bewusst, dass aus irgendeinem Grund die meisten meiner Schulfreunde und mein jüngerer Bruder in dieser Hinsicht anders empfanden als ich. Nach außen zumindest war ich wie sie. Ich spielte Fußball, ich bestieg Berge. Ich war gut im Turnen. Ich trat im Leichtathletik-Team zum 100-Meter-Lauf an. Es ärgerte meinen Bruder immer wieder, dass ich schneller laufen konnte als er. Eines Tages, als er bemerkte, dass ich statt meines Lauftrainings Bücher las, entschied er sich, härter zu trainieren und mich zu schlagen. Also tat er das und forderte mich zu einem Wettrennen heraus. Ich machte meine Bücher zu, lief mit ihm um die Wette und das Ergebnis war, wie immer, das Gleiche. Das verzieh er mir nie und ich muss sagen, dass ich ihm das auch nicht vorwerfen kann.

Ich hatte Spaß am Laufen, Klettern und Spielen, aber meine wahre Leidenschaft waren immer die Bücher. Als ich sechs Jahre alt wurde, schenkte mir meine Tante Henny Lux ein Wörterbuch Latein-Deutsch. Das habe ich immer noch. Es war der Beginn einer Büchersammlung, die inzwischen an die 20.000 Bände umfasst. Als ich zwölf war, kaufte ich mein erstes Buch – Simon Newcombs Astronomie für jedermann