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Die Geschichte meiner Großeltern und meines Vaters beginnt mit einem Rückblick auf die Siedlerzeit in Wolhynien(Ukraine) 1908 startet die abenteuerliche Umsiedlung nach Kurland(Lettland), angetrieben von der Sehnsucht des Großvaters, endlich auf eigenem Grund und Boden leben zu können. Die Familie mit 8 Kindern übersteht nach dem frühen Tod des Vaters die Wirrnisse des 1. Weltkrieges, der überwiegend in Kurland ausgetragen wird. Es gelingt der Großmutter trotz mehrfacher Umsiedlung und Vertreibung in der chaotischen Nachkriegszeit die Familie zusammen zu halten, bis schließlich 1922 die Ausreise nach Deutschland gelingt, "heim ins Reich".
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Seitenzahl: 702
Veröffentlichungsjahr: 2018
Helmuth Reske
Eine Familiengeschichte
© 2018 Helmuth Reske
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7439-2390-4
Hardcover:
978-3-7439-2391-1
e -Book:
978-3-7439-2392-8
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Die schriftliche Beschäftigung mit der Vergangenheit kann auf recht unterschiedliche Weise erfolgen. Standen früher die großen Staatsaktionen und die leitenden Staatsmänner im Mittelpunkt des Interesses, so setzte die Wirtschafts -, Sozial - sowie Mentalitätsgeschichte neue Schwerpunkte und berücksichtigte andere Bevölkerungsgruppen. Längere Zeit galt daher die politische Biografie als überholt. Dann jedoch erschienen fachhistorisch fundierte Darstellungen wie z.B. über Bismarck, sogar über Kaiser Wilhelm II. in mehreren Bänden. Auch Memoiren florierten im Angebot der Verlage. Selbst in Eigenregie veröffentlichte Lebenserinnerungen fanden einen Leserkreis über die eigene Familie hinaus.
Voraussetzung für jede fachwissenschaftliche Untersuchung ist eine relevante und ausreichende Quellenbasis: neben publizierten Materialien v.a. unveröffentlichte Unterlagen in staatlichen, kommunalen, kirchlichen sowie institutionellen Archiven und private Nachlässe.
Aber im Fall der Familiengeschichte Reske wurde dem Bearbeiter rasch das Hauptproblem deutlich: der beinahe völlige Mangel an schriftlicher Überlieferung, wie er leider typisch für manche Sozialschichten ist, z.T. verstärkt durch Wanderungs - und Fluchtbewegungen der betroffenen Familien.
Helmuth Reske verfügte weithin nur über mündlich tradierte Nachrichten. Leider konnte er zum Zeitpunkt der Niederschrift keinen Vertreter der Elterngeneration mehr als Zeitzeugen befragen. Damit entfiel auch der Nutzen der heute umfangreich betriebenen oral Historie. Der Autor sah sich deshalb gezwungen, die nur punktuell bekannten Familienereignisse zu untermauern: durch umfangreiche Lektüre einschlägiger Publikationen sowohl zu Wolhynien als auch zum Baltikum. Er informierte sich über die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und vor allem kirch lich - religiösen Rahmenbedingungen für das Leben seiner Vorfahren in zaristischer Zeit. Als angemessene Darstellungsform wählte er folgerichtig die fiktive Erzählung. Dank eindringlich geschilderter Szenen aus der bewegten Siedlungsgeschichte - zuerst in Wolhynien, zuletzt in Kurland - hofft der Verfasser, über den Kreis der eigenen Nachkommen und Freundschaft hinaus auch Interessenten am Schicksal der Wolhynien - Deutschen und Deutsch - Balten zu gewinnen. Vielleicht regt er sogar Leser zu eigenen Nachforschungen an.
Dank jahrelanger und zeitintensiver Recherchen hat sich der Autor überzeugend in die besondere Thematik eingearbeitet und eine gut lesbare, anregende Darstellung seiner väterlichen Familiengeschichte geschaffen. Von ganzem Herzen wünsche ich dem weiteren Werk° von Helmuth Reske einen großen Leserkreis.
Puchheim bei München; im Juni 2017
Walter Mogk
° Vgl. Reske, Helmuth: In seinem Wort mein Glück. Jochen Kleppers Ringen mit der Bibel in seinen Tagebüchern. Neukirchen - Vluyn 2008
Familie Reske
Vater Wilhelm
Mutter Emilie
August
Hulda
Lydia
Paula
Berta
Friedrich
Karl
Hermann
Großeltern: Opa Lück und
Oma Wilhelmine
Weitere Verwandte
Johann, Edward und Erich Poleske
Johann Nickel
Juliana Jochen
Siedlergemeinschaft
Jakob Schmidt
Emil Bruhn
Erich Kühne
Paul Hartke
Wilhelm Hartke
Gretel Hartke
Christa Röbbelen
Ulrich(Opa) Rüppel
Frau Riebesell
Berthold
Schloss und Gut Katzdangen
Karl Baron von Manteuffel
Baronin von Medem
Bernhard von Odernheim
Köchin Hermine
Lehrer Radtke
Lehrer Schlesigk, Internatsleiter
Hausdiener Johann
Inspektor Arnold
Inspektor Grigoleit
Dr. Caldewey
Gräfin Grünhof
Oberförster Lackschewitz
Lettische Mitbürger
Jetro, Friedrichs Freund
Urdi, sein Bruder
Fischer Leihzits
Familie Kurialis
Verwalter Lituschat
Oberschweizer Luisis
Jirguleit, Schafshirte
Zierulka, Bauer
Zaiga Sulaikis
Wento, ihr Sohn
Pastor Avoting
Tschelbinski, Bürgermeister in Kurmahlen
Deutsche Soldaten
Leutnant Klardarsch, militärischer
Verwalter auf Gut Katzdangen
Hauptmann Schellong, Kreishauptmann in Hasenpoth
Pastoren und Prediger
Pastor Althausen
Pastor Barth
Pastor Wilpert
Prediger Hagenau
Prediger Mühle
Prediger Scheffler
Die erste lettische Revolution 1905 hatte tiefe Erschütterungen im Selbstbewusstsein der Deutschen in Kurland hervorgerufen. Der Rauch der niedergebrannten Gutshöfe hing irgendwie immer noch in der Luft. Die verzögerte Strafexpedition der russischen Streitkräfte, die unter Beteiligung deutsch - baltischer Offiziere neunhundertacht Letten das Leben kostete, verschlechterte das Klima zwischen Deutschen und Letten erheblich, obwohl es nicht überall feindselig war. Der Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitskräften, die in die Städte geflohen waren, schwächte die Wirtschaftskraft der Güter. Der Erste, der hier eine Initiative ergriff, war Carl Baron von Manteuffel-Szoege auf Katzdangen. Auf sein Drängen hin entstand in Kurland 1906 ein Konsortium von vier Männern, die für die Ansiedlung von deutschen Siedlern in der baltischen Ritterschaft die Verantwortung übernahmen.
Carl Baron von Manteuffel hatte lange überlegt, ob er seinen alten Verbindungsbruder Silvio Broedrich von Kurmahlen hinzu ziehen sollte. Er war eigenwillig und selbstbewusst und als alter Balte auch ein echter Landwirt, was in Kurland gar nicht mehr selbstverständlich war. Wahrscheinlich hatte er seine eigenen Vorstellungen, wie man mit den Siedlern umgehen sollte, doch sein Einfluss reichte weit. Er hatte politische Beziehungen bis ins Deutsche Reich und Verwandte in Berlin. Er hatte schon häufiger die Haltung der alten Balten moniert, die sich nicht um die politischen Folgen ihrer Einstellung gegenüber den Letten kümmerten. Wozu sollte man alte Privilegien aufgeben, wenn man glaubte, noch lange Zeit ungestört wie bisher weiterleben zu können.
Der alte Landeshauptmann Deinert Jürgensen mit seinen Rechtskenntnissen und guten Kontakten zum russischen Gouverneur musste nach seinen Vorstellungen unbedingt dabei sein.
Der Vierte im Bunde sollte der knorrige Ake Smolin werden, ein Adliger schwedischer Herkunft, der seit zwei Generationen im östlichen Kurland große Ländereien besaß, die er noch selbst bewirtschaftete.
Es war an einem nebligen Septembermorgen 1906, als sich die Vier im Ritterzimmer des Schlosses in Katzdangen zur Gründung des Siedlerkonsortiums trafen. Die vier Plüschsessel standen akkurat im Viereck in der Nähe des Kamins, in dem ein kleines Feuer nur mühsam das Holz zu verzehren begann. Der Blick der Gäste fiel auf die mächtigen Ahornbäume und die Rieseneichen, deren Laub sich zu färben begann. Auf dem flachen Tisch in ihrer Mitte standen Kaffeetassen und Kognakgläser.
Nach einer kurzen Phase familiärer Erkundigungen und üblicher Grüße räusperte sich Carl Baron von Manteuffel:
»Entschuldigt, werte Herren, wenn ich jetzt unser freundliches Gespräch abbreche und zum Zweck unser kleinen Zusammenkunft komme. Auch wenn ich, wie ich sehe«, er warf einen schnellen Blick in die Runde, »der Jüngste unter ihnen bin, erlaube ich mir einen Vorschlag, der unsere seit Jahrhunderten bewährte Tradition verändern wird.« Zwar ist das letzte Wort über die lettische Revolution noch nicht gesprochen, doch der Schaden ist gewaltig. Das wisst ihr alle. Viele unserer lettischen Knechte und Häuslinge sind in die Stadt abgewandert oder mit den kommunistischen Aufrührern verschwunden. Manche haben ihr gerechtes Urteil bekommen. Wir brauchen frisches Blut auf unseren Gütern, sonst sind wir bald am Ende. Und wir brauchen vor allem deutsches Blut, deutsche Männer und Frauen, sonst kämpfen wir hier auf verlorenen Posten.
»Bravo« rief der alte Landeshauptmann und schwenkte sein Glas in Richtung des Barons. »Das ist die richtige Sprache. Mit den Letten sollten wir nicht mehr rechnen. Die haben keine Beziehung zu Grund und Boden. Warum habe ich das früher nicht gesehen? Den lettischen Pächter auf dem Blumenbergshof schmeiße ich bei der nächsten Gelegenheit raus. Der düngt seine Felder auch nicht richtig.«
Herr Broedrich sah, dass Smolin etwas sagen wollte und gab mit einer Geste zu verstehen, dass er ruhig reden sollte, doch Smolin winkte ab.
»Nach Ihnen, verehrter Silvio, ich sage schon meinen Spruch.« Broedrich schaute seinen alten Studiengefährten an, der die letzten Semester in Deutschland studiert hatte und erst 1901 mit einem Dr. phil. im Gepäck nach Kurland zurückgekehrt war.
»Lieber Carl, ich stimme dir zu, dass wir in Kurland deutsche Bauern brauchen, die mit Liebe und Verstand auf unserem Land arbeiten, aber du darfst die Letten nicht so rasch abtun. Ich habe auf meinen Gütern drei lettische Verwalter, die ich um keinen Preis verlieren möchte. Woher sollen wir so schnell alle Letten ersetzen? Das ist unmöglich.«
Jetzt nickte auch Smolin und zündete sich eine Zigarre an, die er aus der Kiste auf dem Tisch entnommen hatte.
Carl Manteuffel setzte sich in Positur und nahm seinen alten Bundesbruder scharf in den Blick.
»Lieber Silvio, du weißt, ich habe in Deutschland auch Sozialpolitik studiert und wollte in den letzten Jahren einiges davon in meinem Beritt1 umsetzen, aber es ist mir nicht so recht gelungen. Ich war wohl zu jung und in der Landwirtschaft unerfahren. Ich muss zugeben, die Seele der Letten ist mir fremd geblieben. Wir alle, die wir mit dem lettischen Volk aufgewachsen sind und in jungen Jahren manche Gefährten und Freunde unter ihnen hatten, wollten uns gerne der Täuschung hingeben, dass die uns unverständlichen Eigenschaften der Letten ja nur die Fehler des kleinen Mannes sind, der einfach, ungebildet und manchmal auch roh ist. Wir kannten damals noch nicht den unabänderlichen Unterschied der Rassen, der hier oft dadurch verdeckt war, dass sich unter den Letten viel deutsches Mischblut und »verlettetes« Deutschtum befindet, das sich nicht richtig in unsere deutsche Wesensart hineindenken kann.
Man wollte die Letten >durch die Macht der Liebe< ins Deutschtum eingliedern, das aber war eine falsche Hoffnung. Das ist nach der Erfahrungen von 1905 offensichtlich misslungen. Ich habe seit 1902 versucht, die Verhältnisse auf meinen Gütern zu verbessern, was aber bei der lettischen Art nicht immer leicht war. In meiner Abwesenheit hat es viel Unehrlichkeit und Günstlingswirtschaft gegeben und manche Klüngel, die einander befehdeten, während sie ihre Freunde und Verwandte begünstigten.«
Er stockte und warf einen vorsichtigen Blick auf Smolin, der ihn offensichtlich unterbrechen wollte. »Ja, bitte?«
Smolin rückte seinen Kneifer zurecht und begann mit etwas schnarrender Stimme.
»Das ist doch ein weites Feld. Das kennen wir alle. Da können wir bis in die Nacht hinein parlieren und finden doch keine Lösung. Nun sagen Sie schon, verehrter Baron, woher wollen sie die deutschen Bauern nehmen? Aus dem deutschen Reich ist schon seit sieben Jahren niemand mehr zu mir gekommen.«
»Ja, sagen Sie schon!« unterstützte ihn der alte Jürgensen, »an welche Deutschen haben sie gedacht?«
Broedrich lächelte. Er ahnte, was sein alter Freund vorhatte. War er nicht seit seiner Studienzeit mit Pastor Althausen befreundet gewesen, der jetzt seines Wissens in Wolhynien ein Pfarramt inne hatte?
Carl Baron von Manteuffel erhob sich und ging unruhig auf und ab. »Entschuldigt bitte, verehrte Freunde, wenn ich mich bewegen muss. Die Sache treibt mich schon lange um. Wir müssen nach Wolhynien. Dort verkümmern die deutschen Siedler unter der russischen Knute und dem Neid der Ukrainer. Pastor Althausen in Rowno ist mein Bundesbruder. Von ihm weiß ich, dass schon einige deutsche Familien nach Amerika ausgewandert sind. Wie froh könnten sie bei uns werden, wenn sie Land bekommen und unter deutscher Verwaltung und Gerichtsbarkeit leben dürften. Und wenn sie dann auch in richtige evangelische Kirchen gehen könnten. Dort haben sie nur ihre armseligen Gebetshäuser und kümmerlichen Schulen.«
»Und wie stellst du dir das vor?«
Broedrich unterbrach ihn heftig. »Bitte, setz dich wieder. Du nimmst uns die Ruhe. Woher beziehst du das Land? Oder willst du nur bessere Knechte und Heuerlinge2 haben? Damit lockst du keinen aus Wolhynien weg. Die wollen eigenen Grund und Boden.«
»Ja, das kommt alles nacheinander. Zuerst sollen sie ein Jahr als Knechte arbeiten. Wenn sie sich bewährt haben, kriegen sie eine Heuerlingsstelle von acht oder zehn Hektar. Nach zehn Jahren können sie, wenn sie gut wirtschaften, ihren eigenen Boden erwerben. Das Land will ich von meinen Gütern abgeben und den lettischen Pächtern kündigen. Die Pachten laufen jetzt sowieso aus. Außerdem möchte ich einige Güter aufkaufen, deren Eigentümer schon seit Jahren im Reich wohnen.«
Smolin sog heftig an seiner Zigarre.
»Da brauchst du aber noch eine Menge Kapital. Bist du so flüssig?« Baron Carl grinste leicht überheblich.
»Darüber sprechen wir eigentlich nicht. Aber ich glaube, wir sollten eine Landkreditbank in Mitau oder Goldingen einrichten, die alle notwendigen Landkäufe für uns und die Siedler finanziert.«
Der alte Landeshauptmann klatschte mit der flachen rechten Hand auf den Tisch und rief: »Bravo, verehrter Baron. Das ist weit voraus gedacht. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie nach ihrem Studium in Deutschland noch mit solch einem Eifer und Elan nach Kurland zurückkehren würden. Ihr Herr Vater, Gott habe ihn selig, hatte Sie manchmal schon für Katzdangen und Kurland abgeschrieben. Aber nun, meine Hochachtung. Von ihnen als Jüngsten kommt frischer Wind in unsere lahmen und verlodderten Güter.«
Broedrich hob abwehrend die Hand und zischte zwischendurch: »Das geht wohl zu weit!«
Jürgensen aber fuhr fort, als hätte er diesen Einwand gar nicht gehört. »Was wissen wir schon von den Kolonisten da unten in der Ukraine? Ich weiß nur, dass sie ihr Deutschtum tapfer bewahrt haben und sich nicht mit Polen oder Ukrainern vermischen. Sie mussten leider die russische Ordnung des Landbesitzes übernehmen, den sogenannten »Mir«, der ihnen gar nicht behagte.«
Smolin warf ein:« Das ist mir völlig unbekannt. Was heißt das?«
»Ja, mein Lieber, das ist für deutsche Bauern eine verteufelte Sache. Der gesamte Acker gehört der Gemeinde. Er wird jedes Jahr oder auch alle drei Jahre per Los unter den männlichen erwachsenen Gliedern der Gemeinde aufgeteilt. So wurde einerseits der Besitz immer mehr aufgeteilt und zersplittert und andererseits hatte kein Landwirt mehr Interesse an einer Verbesserung des Bodens. Man wusste ja nie, welches Stück Acker man bei der nächsten Verlosung bekam.«
Alle schüttelten den Kopf über diese unsinnige Sitte. Baron Carl ergriff wieder die Initiative: »Ich möchte selber nach Wolhynien reisen und mich vor Ort überzeugen, was für Menschen dort leben. Pastor Althausen wird uns durch einige neue Kolonien führen. Er kennt die meisten Kolonien. Wer möchte mich begleiten und auch ein Auge auf diese Menschen werfen? Es sind zwar alles Deutsche, aber unter ihnen gibt es Faulpelze und Unfähige, die auch auf der eigenen Scholle nichts zustande bringen.« Das Gespräch dauerte bis in den späten Nachmittag hinein, nur unterbrochen durch ein prächtiges Mittagessen im Speisesaal, wohin die Baronin von Medem einlud, die zur Zeit im frauenlosen Haushalt von Manteuffels als Hausfrau amtierte.
Am Ende war man sich einig, dass Baron von Manteuffel, Baron Smolin, Herr Broedrich und Baronin Medem reisen sollten. Man wollte nach der Getreideernte im Spätsommer fahren. Die Baronin hatte sich überraschend der Reisegesellschaft angeschlossen, als sie vernahm, dass es nach Schitomir und Rowno gehen sollte. In Schitomir wohnte ihre jüngste verheiratete Schwester, während sich in Rowno die Gelegenheit bot, eine alte Internatsfreundin wiederzusehen.
Die Delegation aus Kurland war Ende September in Wolhynien mit dem Zug eingetroffen. Allerdings erst nach mehreren unerwarteten Aufenthalten und aufwendigen Umsteigemanövern. Sie hatte sich im ersten Hotel von Rowno einquartiert, im »Grünen Kranz«, das von einem deutschen Juden geführt wurde. Während Gräfin Grünhof sich bereits mit ihrer Internatsfreundin verabredet hatte und sich die malerische Schlossruine mit dem rot und gelb gefärbten Buchenpark anschaute, hatten sich die Männer erst einmal erfrischt und den Staub ihrer Reise abgewaschen.
Erst am Abend war man ins Pfarrhaus von Pastor Althausen eingeladen worden, der 1902 von Schitomir nach Rowno gezogen war, weil er den umfangreichen Dienst in der großen evangelischen Gemeinde in Schitomir nicht mehr bewältigen konnte. Eine Zeitlang musste er sogar seinen Pfarrdienst aufgeben, weil er sich durch seinen Schaffensdrang und die weiten Reisen zu den 40 Kolonien seiner Gemeinde total verausgabt hatte. Jetzt schien er wieder vor Begeisterung zu sprühen. Er hatte seinen alten Studienfreund Carl mit einer spontanen Umarmung begrüßt, die dieser etwas förmlich und distanziert entgegen nahm. Dann wandte er sich froh dem Baron Smolin und Herrn Broedrich von Kurmahlen zu, der ihm nicht unbekannt war.
In aufgeräumter Stimmung begann er nach dem üppigen Abendessen, das Frau Althausen mit ihrer jüdischen Köchin im Studierzimmer angerichtet hatte, weitschweifend von der Geschichte Rownos zu erzählen.
Das habe ich selbst erst vor kurzem erfahren. In dem erhaltenen Teil des alten Schlosses lebt noch ein polnischer Fürst, den die älteren Polen sehr verehren. Hier in Wolhynien führten die polnischen Gutsherren vor 40 oder 50 Jahren noch ein sorgenfreies Leben. Sie hatten eine Menge Land. Mit den Leibeigenen hatten sie nur wenig Ausgaben. Es wird erzählt, dass der Vater des jetzigen Fürsten bei dem Kauf dieses Gebietes ausrief: »Rowno sto«, das heißt »rund 100«, gemeint sind hundert Güter.
Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft um 1862 hörte das schöne Leben auf. Hinzu kam noch, dass der Zar nach der Unterdrückung des polnischen Aufstandes von den polnischen Gutsbesitzern eine Sonderabgabe erhob, damit ihnen die Lust an weiteren Aufständen vergehen sollte. So hatte manch ein Besitzer von 1000 ha Land gerade noch sein Auskommen. Ihnen kamen die deutschen Siedler sehr gelegen, wenn sie Land pachteten, Wälder rodeten und zu Ackerland umwandelten sowie in wenigen Fällen auch Land kauften.
Es gibt hier in der Nähe eine verhältnismäßig wohlhabende Kolonie, die ich Ihnen zeigen möchte. Verehrte Herren, ihr müsst das verstehen. Es ist das einzige Glück der Kolonisten, einmal einen eigenen Hof zu besitzen, und man kann sie als Knechte nur bekommen, wenn man ihnen die Aussicht auf eigenes Land bietet. Da sind wir schon mitten im Thema, meldete sich Silvio Broedrich zu Wort und schaute seinen Bundesbruder trotzig an. Da wirst du, lieber Carl, wenig Erfolg haben, wenn du nur um Knechte wirbst und dann nur deine nicht gerade großen Heuerlingsstellen als Aussicht anbietest. Wir müssen Bauern auf eigener Scholle für uns gewinnen. Ja, das ist ja auch mein Ziel, aber wir müssen auch dazu beitragen, dass wir das Deutschtum in Kurland stärken. Ich möchte rund um Katzdangen herum möglichst geschlossene deutsche Siedlungen haben. Willst du denn die Letten rauswerfen? Das gibt böses Blut. Hast du die Auswirkungen der jüngsten Revolution vergessen? – Nein, aber ich glaube, dass die lettischen Bauern freiwillig wegziehen werden, und dann kann ich ihre Grundstücke aufkaufen und mit deutschen Siedlern belegen. Das mag ruhig fünf bis zehn Jahre dauern.
Jetzt mischte sich wieder Pastor Althausen in das Gespräch ein. Ich kenne Letten und Esten von meiner Jugend her. Damals vor zwanzig Jahren schon spürte ich, dass eine nationale Aufbruchsstimmung aufgekommen ist, die im letzten Jahr neue Nahrung bekommen hat. Ich würde zu einem behutsamen Vorgehen mit lettischen Bauern raten, damit die Gutwilligen nicht den Kommunisten in die Hände fallen. Außerdem gibt es gute Argumente für die Gewinnung von deutschen Siedlern. Der Landkauf ist in Wolhynien für Deutsche seit einem Jahr untersagt. Die deutsche Sprache wird in den staatlichen Schulen unterdrückt. Nur an den Gymnasien ist noch deutscher Unterricht möglich.
Die »echt - russische Partei« - was für ein sinniger Name - wirft die Deutschen schon in einen Topf mit den Juden. In einem Blatt des Potschajewer Klosters las ich kürzlich: »Alle Deutschen sollte man außer Landes jagen oder aufhängen.« Ihr könnt euch vorstellen, dass eine solche Hetzkampagne die deutschen Siedler nicht gerade zum Bleiben in Wolhynien bewegt. Die meisten ukrainischen und polnischen Grundbesitzer stoßen nicht in dieses Horn. Sie wissen genau, dass die Deutschen in Wolhynien eine gewaltige Kulturarbeit geleistet haben. Nicht nur die Bauern, sondern auch die deutschen Handwerker haben Handel und Wandel gefördert und die ganze Region zur Blüte verholfen. Aber was nutzt so etwas, wenn der Hass erst einmal entfacht ist und wenn die russischen Gerichte und Verwaltungsbehörden bei Rechtsstreitigkeiten meistens gegen die Deutschen entscheiden.
Nachdem man sich über den Plan geeinigt hatte, welche Siedlungen morgen mit Pastor Althausen aufgesucht werden sollten, standen die Herren auf und begannen, sich zu verabschieden. Nur Silvio Broedrich blieb noch sitzen. Auf ein Wort, lieber Herr Pastor, rief er den zur Haustür Eilenden nach. Althausen wandte sich um und erwiderte. Gern, ich komme gleich zurück.
Als sie sich beide allein gegenüber saßen, begann Broedrich mit einem privaten Geständnis. »Meine Ehe ist leider kinderlos geblieben, und ich habe heute gesehen, dass sie eine große Familie haben. Es sind wohl sechs oder sieben Kinder, die Ihnen geschenkt worden sind.?« »Nein«, sogar neun erwiderte der Pastor mit einem nicht zu verhehlenden Stolz. »Das Jüngste ist drei Jahre alt.« Broedrich nickte wohlwollend und fuhr fort: »Wir haben bei mir im Hause einen Neffen, der ist etwa im Alter Ihrer beiden Jungen Arthur und Viktor, gerade vierzehn. Er wird von einem Hauslehrer unterrichtet. Wie wäre es, wenn Sie mir Ihre beiden Jungen anvertrauen würden? Es soll ihnen an nichts fehlen, und Ihnen wird es nichts kosten. Was meinen Sie?«
»Ich bin überrascht. Das ist zu gütig, werter Herr Broedrich. Wenn ich meine Frau überzeugen kann, sie wissen ja, wie Mütter sind. Die Jungen werden begeistert sein. Davon bin ich überzeugt. Die letzten beiden Jahre hätten sie ins Gymnasium nach Schitomir gemusst, und das wäre sehr kostspielig gewesen. Vielen Dank. Unser Ältester hat gerade die Realschule in Rowno beendet und wird bald nach Riga auf das Polytechnikum gehen. Da können sich die Brüder gelegentlich sehen. Riga und Hasenpoth oder Kurmahlen sind ja nicht zu weit voneinander entfernt.«
Am nächsten Morgen führte sie Pastor Althausen durch die deutsche Schule von Rowno, die hinter der Kirche mit ihrem verwitterten Schindeldach einen etwas dürftigen Eindruck bei den Besuchern erweckte. Der Küsterlehrer war ehrerbietig in den Hintergrund getreten und überließ dem Pastor die Vorstellung der Kinder, die neugierig und gespannt die hohen Gäste betrachteten, als erwarteten sie eine Schulinspektion. Sie waren ärmlich gekleidet und sahen nicht alle gesund aus. »Es ist ein wenig kalt hier«, bemerkte Baron Carl. »Entschuldigung Hoheit, ich habe heute Morgen das Heizen vergessen. Meine Frau ist krank, verstehen Sie!?« erklärte der Lehrer und verbeugte sich in Richtung der baltischen Gäste.
Pastor Althausen unterstützte die Erklärung seines Küsterlehrers und fügte hinzu: »Ja, seit einer Woche liegt sie zu Bett.« Smolin fragte: »Wie ist es hier mit der ärztlichen Versorgung?« »Ja, wir haben einen jüdischen Arzt, doch sein Bezirk ist groß und nicht alle können ihn bezahlen.« »Das ist auch ein Grund, nach Kurland zu kommen.« Baron von Manteuffel hob stolz seinen Kopf. »Wir haben auf unserem Gut einen Arzt eingestellt, der zu Zeiten meines Großvaters die ganze Gemeinde versorgte. Später haben wir es eingerichtet, dass er alle Gutsleute unentgeltlich behandeln konnte. Für Arzneimittel müssen nur 20 Pfennig in die Armenkasse gezahlt werden.«
Der Küsterlehrer3 schien vollkommen verblüfft zu sein. »Ist das auch wahr? Man hört ja so allerlei.« »Zweifeln Sie etwa an meinen Worten?« Von Manteuffel wirkte fast beleidigt. Der Küsterlehrer war erschrocken. »Nein, hochwürdiger Herr! Es klingt nur für uns unglaublich, fast wie das Paradies. Wir kennen so etwas nicht in Wolhynien.«
Bevor die Herren die Schule verließen, ließ der Lehrer die Schüler und Schülerinnen, die erst kürzlich ihr Winterhalbjahr begonnen hatten, ein Kirchenlied singen. Die kräftigen jungen Stimmen tönten ungeordnet und schrill durcheinander, wobei der Lehrer sich vergeblich bemühte, selbst mit einer zweiten Stimme mitzusingen. So klang der Choral »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren« dürftig und nur der Tenor des Pastors, der sich in den Schlussvers einmischte, rettete diesen Gruß an die Gäste: »Er ist dein Licht, Seele vergiss es ja nicht.« Summte der Baron, als er nach draußen trat. Er wandte sich an den Pastor. »Eine besondere Leuchte scheint Ihr Herr Gruber nicht zu sein - oder?« Althausen zögerte einen Augenblick mit seiner Antwort. »Gewiss, er ist in einer schwierigen Lage. Im Sommer hat er sich um sein eigenes Land kümmern müssen, und jetzt ist seine Frau schwer krank.«
Nun rückte der Baron mit seinem eigentlichen Anliegen heraus. »Ich möchte zwei geeignete Küsterlehrer, die ja meistens auch Landwirte sind, mit nach Kurland nehmen und sie ausbilden, damit sie später die Verbindungsleute zwischen mir und den Siedlern sind. Vielleicht kann man mit ihnen die lettischen Aufseher ablösen, wenn sie genügend praktische Erfahrungen gesammelt haben. Zunächst können sie ja die Übersiedlung leiten und dann die nötige Fortbildung in Katzdangen erhalten.« Smolin und Broedrich stimmten anerkennend zu.
Althausen überlegte: »Mir fällt da gleich Jakob Schmid ein, der in der Siedlung Saratow vorzügliche Arbeit leistet. Mein Amtsbruder Barth in Nowograd - Wolynsk kann Ihnen auch Schulmeister nennen, die dafür geeignet sind.«
Der Gang durch einige Gehöfte in Rowno war nicht so erfreulich, wie die Gäste aus Kurland es erhofft hatten. Die Männer und Frauen wirkten ärmlich und bisweilen auch krank und missmutig. Wenn der Baron, der meistens als Wortführer auftrat, von Kurland erzählte, dann leuchteten ihre Augen auf, als spräche er von einem Paradies. Sie staunten nur über die im Verhältnis zu ihrer gegenwärtigen Lage vorteilhaften Lohn - und Pachtbedingungen. Einige schienen sofort bereit zu sein, ihren Hof zu verlassen und sich auf die Reise nach Kurland begeben zu wollen. Der Baron und Herr Broedrich legten sich jedoch Zurückhaltung auf und wollten keine voreiligen Zusagen geben, ehe sie nicht mit Pastor Althausen beraten hatten, wer wohl für eine Umsiedlung geeignet wäre. Nach einem Mittagessen im Hotel, zu dem Broedrich auch den Pastor und seine Frau eingeladen hatte, nahmen sie wortreich Abschied voneinander. Vor dem Hotel wartete schon eine vierspännige Kutsche mit einem jungen blondlockigen Kutscher, der die kurländischen Besucher neugierig anschaute. »Wie ich hörte, wollen die verehrten Herren nach Nowograd -Wolynsk fahren. Pastor Barth kenne ich persönlich. Der Weg ist mir vertraut, ungefähr 90 Werst weit. Keine gute Straße. In Korec müssen wir übernachten. Dort gibt es ein einfaches Gasthaus.« Der Baron nickte wohlwollend. Wir wissen Bescheid. Der Pastor sprach ein Segenswort und erhob grüßend die rechte Hand. Die Kutsche rauschte davon.
Allmählich hüllte die Reisenden das gleichmäßige Rumpeln der Räder, das Schnauben der Pferde und das Knarren ihres Geschirrs in einen Kokon schläfriger Gleichgültigkeit. Sie nahmen jedoch mit Wohlgefallen die schönen Felder wahr, die zum großen Teil abgeerntet waren, den schwarzen, fruchtbaren Boden und die dunklen Fichtenwälder, die sich zuweilen zu kleinen, lieblichen Waldwiesen öffneten.
In dem Ort Korez waren im Gasthof Pferde zum Wechseln da. Die Nacht wurde kurz. Noch lange tauschten sie in der sonst menschenleeren Gaststube ihre wolhynienischen Eindrücke aus. Man kann die hiesigen ukrainischen und polnischen Adligen nur für dumm erklären, dass sie nicht besser die Fähigkeiten unserer deutschen Bauern genutzt haben, fasste Smolin sein Urteil zusammen.
Broedrich erinnerte sich noch lebhaft, wie Pastor Althausen von seiner Visitation durch den deutschen Bischof in Schitomir erzählt hatte. »Was für eine Angst vor der russischen Krone steckt doch im Herzen eines deutschen Kirchenfürsten! Das kann ich gar nicht verstehen.« »Es ist ja schon lächerlich«, ergänzte Smolin die Erinnerung seines Gefährten, wenn der Bischof sich sogar das Lied »Ein feste Burg ist unser Gott« verbeten habe, weil in Petersburg ein scharfer Wind wehe und er fürchte, dass so etwas ihm den Hals kosten könne. »Was für eine undeutsche Angst, meine Herren.« »Und was der Gipfel ist«, ergänzte von Manteuffel zum Schluss, »der Zar könnte unter Umständen auch an dem Lied »Lobe den Herren, o meine Seele« Anstoß nehmen, weil es in der zweiten Strophe heißt, dass auch Fürsten Menschen seien, die »vom Weibe geboren seien und zu ihrem Staub zurückkehren müssen.« Alle schmunzelten.
Nur gut, dass wir Balten eine andere Gattung Deutsche sind, wir sind durch 800 Jahre Kampf gestählt. Baron Carl leerte sein Weinglas und stand auf. »Es ist spät. Wir müssen morgen früh weiter.« Broedrich sah ihm beim Fortgehen nach und murmelte, zu Smolin gewandt: »Wer weiß wie lange das Baltikum noch besteht?«
Am andern Morgen waren sie bereits um 9 Uhr auf der breiten Poststraße unterwegs, die wesentlich besser ausgebaut war als der holprige Waldweg, den sie gestern entlang gefahren waren. Kleine Siedlungen mit niedrigen Holzhäusern und Schuppen und dann wieder breit ausladende Gutshöfe und verwitterte Herrenhäuser sorgten für die Kurzweil der Augen. Oberhalb einer frisch sprudelnden Quelle, an der sie kurz hielten und die Pferde tränkten, stand ein Eremitenhäuschen, das im Stil einer alten russischen Bauernhütte errichtet war. Als Broedrich hinaufsteigen wollte, verwies der Kutscher auf den vereinbarten Zeitplan.
In den bunten Laubwäldern, an denen sie vorüberfuhren, wuchsen wilde Äpfel, Birnen und Kirschen, wie der junge Kutscher erklärte, der in der Nachbarschaft geboren war. In dieser Zeit fallen die Kirschen von den Bäumen, so dass die Erde sich rot färbt. In der Ernte hat niemand Zeit, die Kirschen zu pflücken. Sie sind auch sauer, und der Zucker ist teuer.
Als sie gegen Mittag den Stadtrand von Wladimir -Wolynsk erreichten, sahen sie neben der alten Poststation, die offensichtlich in ein Geschäft umgewandelt worden war, ein halb zerfallenes Kloster. Die halb zerbrochene und niedergestürzte Mauer um-schloss einen wild wuchernden Garten, in dem Bäume, Sträucher und Gras ein undurchdringliches Dickicht bildeten. Als die Kutsche näher kam, stob ein Schwarm von Sperlingen schwirrend und lärmend aus dem Laubwerk.
Eine freundliche Stadt begrüßte sie am Ufer des Slutsch. Die Nebenstraßen mit ihren einfachen Holzhäusern wirkten noch sehr ländlich. Das Judenviertel blieb für sie unsichtbar.
Pastor Barth kam aus seinem Pfarrhaus, als die Kutsche auf dem Kirchplatz hielt und begrüßte sie, indem er sie mit beiden Armen umfasste und ihnen ein herzliches »Gott zum Gruß« entbot. Vier, fünf Kinder, verfolgt von einem munter bellenden Hund kamen aus den Nachbarhäusern angerannt und betrachteten neugierig die Ankömmlinge. »Willkommen in Nowograd-Wolynsk. Wir Deutschen sagen immer noch Sweel und können uns nicht so richtig an den neuen Namen gewöhnen.«
Er bewirtete die Reisenden im Pfarrhaus und besprach mit ihnen den morgigen Besichtigungsplan. Da alle nach der langen Fahrt ermüdet waren, brachte er sie zu dem nahe gelegenen Hotel und verabschiedete sich.
Am folgenden Tag geht ihre Besichtigungstour bergauf und bergab. Die Gehöfte liegen oft sehr verstreut. Sie staunen darüber, dass manche Bauern noch einen ausgehöhlten Baumstamm als Schornstein haben, der in den Ofen eingemauert ist und zum Dach hinaus führt. In den Wäldern stoßen sie immer wieder auf Kohlenmeiler, die offensichtlich von schlesischen Stabschlägern betrieben werden. Der Besuch der Balten mit dem Pastor erweckt überall großes Interesse. Endlich erscheint ein Hoffnungsschimmer am düsteren Horizont. Der Baron macht durch sein forsches Auftreten einen guten Eindruck. Er wirkt nicht nur leutselig, sondern scheint auch vertrauenswürdig zu sein. Auf solch einen Herrn kann man sich verlassen. Doch die älteren Siedler, die als Kinder noch die polnischen Gutsherren erlebt hatten, blieben skeptisch. Einige hatten aus Unkenntnis andere Gründe der Ablehnung. »Bis ins Baltikum - das ist ja dicht bei Lappland. Da werden wir erfrieren. Nein nicht wir - aber das Wintergetreide.« Smolin und Broedrich gaben es schließlich auf, diese Einwände ernst zu nehmen. Der Baron versprach am Schluss, im nächsten Jahr seinen Vertrauten, den Oberförster Lackschewitz nach Wolhynien zu schicken und die interessierten Siedler über die dann festgelegten Konditionen zu informieren. Eine letzte Fahrt in die Siedlung Neu - Chmerin wurde schließlich aus Zeitgründen aufgegeben. Der Baron wollte unbedingt auf dem Landtag zu Mitau in einer Woche sein Siedlungskonzept vortragen. Deshalb war für ihn Eile geboten.
Der Landtag in Mitau wurde zu einem vollen Erfolg für den Baron. Da auch Broedrich und Smolin seine Darstellung mit positiven Beobachtungen aus Wolhynien unterstützten, gab es nur wenige Gegenstimmen für das Konsortium, das durch einen Oberförster, einen Bankier und einen dänischen Landwirt ergänzt wurde. Wichtig für die Finanzierung aller Landkäufe der baltischen Grußgrundbesitzer wurde schließlich der Beschluss, eine Landkreditbank in Mitau einzurichten.
Ganz Kurland wurde jetzt in Bezirke eingeteilt und an die Spitze wurde ein deutschgesinnter Gutsbesitzer gesetzt, der selbst auch Siedler aus Wolhynien anwerben wollte. Als Kontaktmann des Konsortiums wurde auf Vorschlag des Barons Oberförster Lackschewitz eingesetzt. An ihn sollten sich alle Gutsbesitzer wegen der Zuweisung von Siedlern wenden. Er sollte Knechte und Pächter anwerben, sie zur Bahn bringen und vor allem den bösen Gerüchten entgegenwirken, die unter den kindlich leichtgläubigen Wolhyniern sich rasch ausbreiteten.
Fast ein Jahr später nach dem Besuch der Balten in Wolhynien war Oberförster Lackschewitz zum ersten Mal im Kreis Sweel unterwegs. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von seinem Kommen durch die deutschen Siedlungen. August kam hastig aus dem Kuhstall in die Küche gelaufen und rief laut: »Mutter, Mutter! Hast du es schon gehört? Da ist ein feiner Herr, ein Deutscher aus Kurland gekommen. Alle sprechen von ihm. Heute Abend ist Dorfversammlung. Da wird er zu uns reden.«
Mutter Reske rührte am Herd in einem großen Topf. Es roch nach Kohl Sie wandte nur zögernd den Kopf zu ihrem Ältesten, der bald siebzehn Jahre alt sein würde und sich schon als Mann fühlte. Sie murmelte leise vor sich hin:
»Was soll von dort schon Gutes kommen?«
August blieb unschlüssig in der offenen Küchentür stehen und schob langsam seine Schlorren auf dem Lehmboden hin und her. »Was ist mit Dir?« fragte die Mutter ein wenig besorgt. »Du bist ja ganz aufgeregt.«
Da kreischte eine Katze jämmerlich auf, und gleich darauf ertönte der Aufschrei eines kleinen Kindes. Die Mutter ließ ihren Topf im Stich und eilte in die nebenan gelegene Kammer, wo der zweijährige Friedrich weinend seine zerkratzten nackten Arme zeigte, eine Quittung für seinen Versuch, die Katze am Schwanz als Spielgefährtin heranzuziehen. Sie nimmt ihn kurz auf den Arm, pustet ein wenig auf die geröteten Hautstellen und setzt ihn wieder ab und sagt zu ihm: »Weißt Du nicht, dass Katzen kratzen?«
August stand noch immer in der Küche und wagte einen neuen Versuch. »Mutter, Du weißt doch, dass unser Vater sich auf dem Gut kaputt arbeitet. Wir haben doch keine Aussicht, dass sich etwas ändert. Vielleicht kann dieser Mann uns helfen. Er kommt im Auftrag eines deutschen Barons aus Kurland.«
Die Mutter blickte in den Topf und sprach mehr zu sich selbst: »Wer kann uns schon helfen? Allein der gnädige Gott. Wenn wir uns auf Menschen verlassen, dann sind wir verloren. Aber unser Vater wird schon wissen, was richtig ist.« Sie schaut August einen Augenblick an, nickt ihm zu und rührt weiter in ihrem Kohltopf. Aus August bricht es plötzlich heraus: »Wo bleibt denn unser Vater nur? Ich will ihm gleich Bescheid geben. Ist er noch auf unserem Acker?« »Nein, er ist auf dem Gut. Heute mussten sechs Gespanne aus unserem Dorf arbeiten. Ich weiß nicht, wann er zurückkommt.«
Da hörte August von draußen knarrende Räderbewegungen, Pferde schnaubten und wieherten kurz auf. August eilte hinaus. Der Vater war gekommen. Langsam stieg er vom Leiterwagen, schirrte die Pferde aus und führte sie in den Stall, nicht ohne einen müden Blick auf seinen ältesten Sohn zu werfen. Erst als die Pferde abgerieben und gefüttert worden waren, trat er aus dem Stall. Seine Augen waren verhangen, als wären seine Gedanken weit entfernt.
August blieb vor ihm stehen, schaute ihn bekümmert an und fragte leise: »Ist etwas passiert?«
Der Vater schüttelte den Kopf. »Lass uns essen!«
Inzwischen waren auch die drei Mädchen in die Wohnküche gekommen: Lydia, Paula und Hulda. Hulda, die Älteste, gerade 16 Jahre geworden, schaute etwas missmutig vor sich hin, weil sie einen kostbaren Haarkamm auf dem Feld verloren hatte. Paula neckte sie ein wenig, und ihr Gesicht hellte sich wieder auf. Als Letzte kam die siebenjährige Berta leise singend herein. Alle schwatzten noch munter durcheinander, bis der Vater stumm um den Tisch herum schaute und alle schwiegen.
»Komm Herr Jesus sei unser Gast und segne, was Du uns bescheret hast.« Alle sprechen mit dem Vater das Amen. Und die Mutter schenkte aus dem großen Kohltopf die Suppe aus. Über der Bank, auf der die Mädchen saßen, hingen einträchtig nebeneinander die Bilder von Kaiser Wilhelm und von Zar Nikolai II. Immer wenn August zu seinen Schwestern blickte, kam es ihm vor, als ob die beiden Herrscher einander zublinzelten und sich etwas sagen wollten. Was mögen sie wohl zu verhandeln haben? Ob sie wirklich so friedlich sind, wie sie auf den Bildern aussehen?
Als August mit seinem Anliegen herausrücken wollte, das ihn schon den Vormittag beschäftigt hat, da platzte Lydia dazwischen und flüsterte mit unterdrückter Erregung: »Ich war bei Lüdtkes Julie. Ihr Vater hat was von einem Herrn erzählt, der uns hier..« Da fuhr der Vater ihr über den Mund und rief:
»Schluss mit eurem Gebabbel. Ruhe! Lasst mich doch erst mal zu Ende essen.« Die Mutter schaute ihn besorgt an. Wusste er schon davon? Wie würde er reagieren? Er war ja schon lange unzufrieden mit dem ukrainischen Inspektor, der die deutschen Pächter drangsalierte und ihnen immer den schwersten Boden zum Beackern gab. Wie lange träumt ihr Mann davon, auf eigener Scholle zu leben? Sein Großvater hatte es schon in Polen versucht, aber er war immer nur auf »Zinsland« hocken geblieben. Es hatte niemals zum Landkauf gereicht. Wir sind hier doch nur bessere Knechte, das hatte er kürzlich erst gesagt. Der Vater wischte sich den Mund ab und schaute seine Frau fragend an, als ob sie schon etwas von dem ahnte, was er jetzt sagen wollte.
»Ja.«, begann er zögernd. »Da ist etwas, was ich euch sagen muss. Es ist noch nicht spruchreif, aber wer weiß..? Er stockte wieder und schaute seine Kinder der Reihe nach an.
»Er ist ein Deutscher, er kommt aus Kurland vom Baron von Manteuffel. Ihr wisst sicher nicht, dass die lettischen Landarbeiter sich gegen ihre Herren aufgelehnt haben. Sie haben Gottes Ordnung über den Haufen geworfen. Es gab im letzten Jahr dort wie in Petersburg eine Revolution. Einige Herren sind erschossen worden, ihre Gehöfte wurden niedergebrannt. Wahrscheinlich waren es die Kommunisten. Und jetzt will der Baron Deutsche nach Kurland holen und ihnen Land geben, eigenes Land.« »Eigenes Land«, murmelte die Mutter vor sich hin. »Wer das wohl glauben kann?«
Da stieß August endlich heraus, was er so lange unterdrückt hatte: »Ich weiß, ich weiß es scho.. schon.« Er begann fast zu stottern. »Ein großer Mann mit blonden Haaren in einer grünen Samtjoppe. Ich habe ihn gesehen. Vor der Schule mit dem Schultheiß.«
Der Vater nickte. »Ja, das ist er, und heute Abend sind alle Kolonisten in die Schule eingeladen zur Gemeindeversammlung. Da wird Herr Lackschewitz uns berichten, was der Baron uns verspricht und wie das Land in Kurland ist.«
»Kommen wir dort auch in die Stadt? Wo man schöne Dinge kaufen kann?« fragte Hulda und schaute ihre Schwestern mit einem verhaltenen Lächeln an. Die Mutter warf ihr einen strengen Blick zu: »Woran Du wieder denkst! Es ist doch noch gar nicht raus, ob wir ein solches Angebot annehmen werden. Bleibe im Land und nähre dich redlich, so heißt es schon immer.«
Der Vater stutzte bei ihrem Einwand und seufzte hörbar auf: »Bleibe im Lande! Ja, das hätten unsere Urgroßeltern beachten sollen, als sie aus Deutschland weggezogen sind. Und redlich sagst Du? Gewiss, wir verhungern hier nicht, aber willst Du diese Plackerei und die zunehmende Deutschfeindlichkeit redlich nennen? Sogar der Zar wird immer unfreundlicher und vergisst alle guten Worte, die er früher uns Deutschen gesagt hat, dass wir tüchtig und fleißig sind. Gestern Abend sind zwei Burschen aus Neu-Chmerin im Wirtshaus von Tschoschlick verprügelt worden. Ich weiß nicht, was da noch kommt.«
»Wirst Du denn hingehen?« fragte Mutter Emilie und wendete bewusst ihren Blick von ihm ab. Sie wusste schon, was er sagen würde. »Natürlich. Da wird kaum jemand von uns fehlen. Ich muss doch hören, was er zu sagen hat. Vielleicht gibt es eine gemeinsame Entscheidung und wir machen alle fort, zu den deutschen Landsleuten. Von Deutschen regiert zu werden, das ist doch besser, als hier immer angepöbelt und ausgenutzt zu werden.«
»Kann ich zur Versammlung mitkommen?« fragte August mit bebender Stimme und schaute seinen Vater flehend an. »Nein, da sind nur Männer, nur Erwachsene. Das geht nicht. Beruhigt Euch. Geht jetzt schlafen. Mutter wird noch den Abendsegen sprechen.«
»Aber ich werde nicht mitkommen, wenn es nach Kurland geht«, sprach die Mutter mehr zu sich selbst als zu ihrem Mann gewandt, der schon an der Haustür stand und nach der Joppe griff. Ihr Gesicht wirkte verhärtet und fest. Aber dann gab sie sich innerlich einen Ruck und sprach in einem veränderten, sanfteren Ton zu den Mädchen: »Ihr wascht noch ab. Ich bringe Friedrich zu Bett.«
Ach, ja der Abendsegen. Sie griff nach dem Wandbrett über den Tisch und holte das zerlesene, dicke Predigtbuch herunter. Die Kinder schauten sich gelangweilt um, zwangen sich aber zur Aufmerksamkeit. Die Mädchen spielten mit ihren Haaren. August sah schon eine Reihe von Pferdefuhrwerken, die sich auf den Weg nach Norden machten. Tausend Kilometer und noch weiter. Das wird ein Abenteuer werden. Als der Vater die Haustür schloss, hörte er noch die letzten Worte des Segens, die er im Gehen mitnahm:
»Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde. Amen.«
Als Wilhelm Reske in der Schule ankam, war der kleine Betsaal4 von Neu - Chmerin schon überfüllt. Dicht gedrängt standen sie an den Wänden und vor den Fenstern, während die früher Gekommenen auf den Schulbänken Platz genommen hatten. Die Stimmen wogten aufgeregt hin und her und manchmal schrill durcheinander. Auf den ersten Blick sah er nur drei Frauen; da war Amalie Kallenberger, die kürzlich erst Witwe geworden war. Mit fester Hand erzog sie ihre drei Jungen und hielt ihre Wirtschaft mustergültig in Ordnung. Neben dem Schultheiß, der sich gerade vor das Lehrerpult stellte, stand ein schlanker, hochaufgeschossener Mann im grünen Samtjackett und gestutztem Bart. Er schaute aufmerksam um sich und nahm offensichtlich wohlwollend die zahlreich erschienenen Kolonisten wahr, die begierig auf seine ersten Worte warteten. Mit einer unwirschen Handbewegung gebot der Schultheiß der murmelnden und schwatzenden Menge Schweigen.
»Liebe Landsleute und Mitbürger, begann er mit kräftiger Stimme. »Wir haben hier einen besonderen Gast. Es ist der ehrenwerte Vertreter des Barons zu Manteuffel - Katzdangen aus Kurland, Herr Oberförster Lakschewitz. Wir sind ihm zu großem Dank verpflichtet, dass er hierher in unsere arme Siedlung gekommen ist. Er bringt uns gute Nachricht von unserem deutschen Landsleuten in Kurland und vor allem vom Herrn Baron - Gott segne ihn. Ich bitte um völlige Ruhe und Aufmerksamkeit. Ihr werdet gleich merken, dass von seinen Worten unser Schicksal abhängt.«
Nun war es wirklich still. Niemand sagte ein Wort. Fast hielt man den Atem an. Der Gesandte des Barons von Manteuffel räusperte sich ein wenig, schaute noch einmal um sich und trat dann vor das Pult, auf dem nur ein alter Globus stand. Bei seinen ersten Worten spielte ein Lächeln um seine Lippen, als sei er von vornherein vom Erfolg seiner Werbeaktion überzeugt. Liebe deutsche Männer, oh Entschuldigung, verehrte Damen!« Die so Angeredeten erröteten leicht, denn so hatte schon lange niemand zu ihnen gesprochen. »Ich komme aus Kurland. Das liegt ungefähr tausendfünfhundert km weiter im Norden. Er ließ seine Linke über den Globus kreisen, stieß ihn an und zeigte auf einen Punkt im oberen Drittel, nicht weit vom Nordpol entfernt. »Ungefähr hier. Aber habt keine Sorgen. Auch bei uns scheint die Sonne. Wir haben nicht nur Winter. Wir haben vor allem viel Land. Und wir brauchen jetzt deutsche Landarbeiter und Pächter, die uns helfen wollen. Ihr wisst wohl und habt es selbst gemerkt, dass die Kommunisten überall Unruhe, Aufruhr und Feindschaft gebracht haben. Unsere lettischen Knechte sind aufgehetzt worden und haben uns im Stich gelassen. Sie waren sowieso nicht zuverlässig und hatten wenig Lust zu ernsthafter Arbeit. Deshalb haben wir uns entschlossen, deutsche Landsleute nach Kurland zu holen.
Ihr seid dort unter Freunden, ihr lebt unter einem deutschen Landeshauptmann, könnt euch bei Rechtssachen an deutsche Gerichte wenden und werdet in deutschen Geschäften in Hasenpoth und Katzdangen einkaufen können. Ihr bekommt dort ohne Kosten eigene Wohnungen. Wer nicht als gut bezahlter Knecht arbeiten will, kann gleich Pächter werden und erhält am Anfang zwanzig Hektar gutes Ackerland.
Da ging eine Welle ehrfürchtigen Staunens durch die Menge: »Zwanzig Hektar, zwanzig Hektar, das sind ja achtzig Morgen gutes Ackerland.« Einige in der Menge wiederholten die Zahl wie ein Gebet mit beschwörender Stimme.
Der Werber des Barons setzte seine Darstellung fort:
»Die ersten drei Jahre sind pachtfrei. Und wer gut wirtschaftet, der kann in zehn Jahren das Land zum Eigentum erwerben. Der Herr Baron hat gerade die Güter Perwohnen, Kalwen, Ramessen und Post-Drogen im Landkreis Hasenpoth aufgekauft und will überall deutsche Bauern und Pächter ansiedeln.
Es ist ein riesiges Siedlungsprojekt, und Ihr könnt die Ersten sein.« Er hielt einen Augenblick inne und prüfte die Wirkung seiner Worte. Der Schultheiß schwitzte offensichtlich. Im Schulsaal war es wegen der Enge drückend heiß. Er zog ein rosa Taschentuch aus der Hose und wischte über seine Stirn.
Da trat Emil Bruhn nach vorn, drängte sich durch die Menge und zeigte mit seiner noch erdverkrusteten rechten Hand auf den Oberförster. »Wer sagt uns denn, dass Ihr die Wahrheit sagt, verehrter Herr Lackschewitz? Wir sind schon oft betrogen worden. Zuerst von den Polen, dann von den Ukrainern, von den jüdischen Händlern und jetzt von den Russen. Welche Garantien haben wir? Bekommen wir in Kurland, wo noch niemand von uns war, wirklich unser eigenes Land?« Jetzt mehrten sich die Stimmen und Zurufe aus der Mitte und von den Männern am Fenster. »Ja, wer bürgt dafür? Es ist doch alles Betrug. Und dann müssen wir unsere Häuser und Grundstücke hier im Stich lassen. Wer kauft unser Vieh? Nein, der Sperling in der Hand ist besser.....«
Hier reckte sich der Oberförster noch einmal empor, obwohl er schon alle Anwesenden mit seiner Größe überragte und rief mit lauter Stimme: »Habt keine Angst. Ich weiß, wie schlecht es euch geht und dass manche von Euch erst vor dreißig Jahren aus Polen nach Wolhynien gekommen sind. Ich verstehe Euer Misstrauen. Niemand will Euch übers Ohr hauen. Wir sind doch Landsleute. Ihr könnt wohl kaum begreifen, wie sehr wir uns danach sehnen, mehr deutsche Volksgenossen auf den Gütern zu haben. Da weiß man, auf wen man sich verlassen kann.«
»Wie ist es denn mit dem Klima in Kurland?«, fragte ein alter bärtiger Schwabe und schaute sich Zustimmung heischend um. »Bei uns in Wolhynien ist der Sommer heiß und lang. Aber dort in Kurland soll es ziemlich kalt sein. Das Wintergetreide muss doch ausfrieren bei dieser Kälte!«
Der Oberförster ging geduldig auf alle Einwände und Fragen ein und versuchte immer wieder das Misstrauen der Siedler durch geschickte Argumente und geduldiges Zuhören abzubauen. Aber bei vielen Siedlern blieben die Bedenken und die Zweifel bestehen: Wie werden wir mit dieser Umstellung zurecht kommen? Ist die ganze Umsiedlung nicht zu riskant? Einige Männer meinten, ob es nicht Schwierigkeiten mit der russischen Bezirksverwaltung gäbe, wenn eine ganze Gruppe Deutscher ins Ausland zöge. »Nein, es geht doch nicht ins Ausland. Kurland und Liv-land gehören zum russischen Reich. Ihr bleibt russische Staatsbürger. Da ist kein Ausreisevisum nötig. Aber es ist Euer und unser Vorteil, dass wir Deutschen im Baltikum das Sagen haben. Es gibt deutsche Verwaltung, deutsche Kultur, deutsche Schulen, deutsche evangelische Kirchen.«
Das Gemurmel ging weiter und wurde manchmal ziemlich laut. Nur wenige trauten sich, direkt den Oberförster zu fragen. Sie sprachen aufgeregt untereinander. Einige waren schon auf den Schulbänken eingeschlafen. Der Tag war lang gewesen. Der Schultheiß5 zog seine dicke Taschenuhr aus der Westentasche und nickte Herrn Lackschewitz zu. »Ich glaube, wir sollten jetzt zum Schluss kommen. Alle müssen morgen wieder früh aufs Feld. Was gibt es noch anzusagen?«
Der Oberförster erhob sich noch einmal und schaute freundlich in die Runde. »Verehrte Männer, ehrenwerte Hausfrauen. Lasst Euch Zeit. Ihr müsst euch jetzt noch nicht entscheiden. Ich komme in einer Woche wieder und lege bei Eurem Bürgermeister eine Liste aus, in die sich alle ernsthaften Interessenten eintragen können. Ich werde die Liste mit dem Herrn Baron besprechen, und Ihr bekommt alle Nachricht. Spätestens in einem halben Jahr. Mit jedem wird einzeln verhandelt. Alle wichtigen Dokumente müssen vorliegen. Ich will nicht zu viel versprechen. Es kann vielleicht noch ein Jahr dauern, bis der erste Umsiedlertreck losziehen kann. Also habt noch Geduld. Gute Nacht und Aufwiedersehen!« Er winkte noch einmal nach allen Seiten und ging mit dem Bürgermeister und Erich Kühne hinaus.
Vater Reske war einer der letzten, der zur Tür ging. Er war müde und verwirrt. Der Küsterlehrer Abraham stand auf der Schwelle und schaute ihn fragend an: »Na, Wilhelm, willst du auch die Segel streichen? Ob deine Frau da gerne mitzieht?« Wilhelm blieb stehen und schaute den Kollegen seines Schwiegervaters trotzig an. »Wenn wir ziehen, dann wird Emilie nicht hier bleiben. Sie weiß auch, dass wir hier Jahr um Jahr schuften und nicht weiterkommen.« »Ja, ja, ich verstehe schon«, sagte der Lehrer. »Aber hier wohnen ihre Eltern und ihre Tanten, und die haben noch ihre ukrainische Mischpoke. Das hängt dicke zusammen und rührt sich nicht vom Fleck.« »Wir werden sehen. Gute Nacht!«
Am nächsten Sonntag bildeten sich nach dem Lesegottesdienst, der dieses Mal nur eine Stunde dauerte, noch einige lebhafte Gesprächsgruppen. Besonders die Männer, die wie gewohnt getrennt von den Frauen auf der linken Seite gesessen hatten, diskutierten aufgeregt miteinander. Der Besuch aus Kurland und das Angebot des kurländischen Barons war immer noch das Thema. Abraham stand mit Wilhelm Reske und Paul Hartke noch vor der Tür.
»Ich weiß nicht, ob wir uns allein auf diesen geschniegelten Oberförster verlassen können«, meinte Abraham und schaute seine Kameraden fragend an. »Wir wissen doch gar nicht, ob die Verhältnisse in Kurland stabil bleiben. Gibt es nicht noch andere Möglichkeiten?« »Natürlich«, warf Paul dazwischen, »warum sollte man nicht gleich nach Deutschland ziehen? Von meinem Großonkel aus Ostpreußen weiß ich, dass man dort wieder Land pachten oder kaufen kann.«
»Wer aber hat schon so viel Geld?«, gab Wilhelm zu bedenken und schüttelte energisch seinen Kopf. »Für unserem schwachen Geldbeutel ist der Baron von Manteuffel die einzige Aussicht auf eigenes Land.« Er zögerte und sah Paul an. »Hast du vielleicht mehr auf der Kante?«
»Darüber spricht man nicht, lieber Wilhelm. Warum sollte man nicht gleich über den großen Teich in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ziehen? Hat nicht deine Schwägerin aus Rowno mit ihren Mann die Reise über den großen Teich gewagt? Da ist das Land spottbillig, nicht so teuer wie in Ostpreußen.« »Habt ihr auch gehört, wie es den Ausgewanderten drüben ergangen ist?«, fragte Abraham zurück. »Von einem früheren Nachbarn, der schon vor fünf Jahren ausgewandert ist, hat niemand etwas gehört.
Ihr etwa? Wie geht es denn deinen Verwandten dort?«
Wilhelm machte eine abwehrende Gebärde, und als Abraham noch einmal fragte, sagte er nur:« Wir haben gar nichts gehört.«
Dann entfernte er sich stillschweigend von der Gruppe.
Wenn alles so leicht ginge, wie es in diesen Tagen so schnell dahin gesagt wurde. Alle diese Gedanken gärten und wühlten in ihm und hatten längst die Predigt aus seinem Bewusstsein verdrängt, der er nur noch mit halben Ohr zugehört hatte. Bleiben oder Gehen? Das war die große Frage, die fast alle Familien bewegte. Er fühlte die Sorge um die Zukunft seiner Kinder wie eine schwere Last auf seiner Brust liegen und zugleich seinen Rücken niederbeugen.
Nach der schlimmen Revolution, die wohl mehr als tausend Tote gekostet hatte, musste man damit rechnen, dass es mit der Wehrpflicht für alle Deutschen Siedler Ernst wurde. Sie konnten mit keiner Rücksichtnahme mehr rechnen, wie sie jahrzehntelang praktiziert wurde. Vor allem die lokalen Behörden zeigten sich immer unwilliger in der Behandlung deutscher Anliegen und wurden immer deutschfeindlicher.
Hatte Wilhelm nicht Gott um Einsicht und Klarheit gebeten? Aber das hatten doch fast alle getan - und doch waren so viele Ansichten und Meinungen herausgekommen. Und jeder sah seine eigene Meinung als göttliche Eingebung an. Wilhelm wusste nicht mehr, was er denken sollte. Etwas in ihm war mürbe und taub geworden.
Als die deutschfeindliche Stimmung unter dem Zaren Nikolai immer mehr zunahm und sich Auswanderungstendenzen verstärkten, gerieten manche deutschen Christen in Zweifel. Warum musste eine angeblich christliche Regierung den einfachen Christenmenschen so viel Leid und Not zufügen? Hatte nicht jede Familie im Vertrauen auf Gottes Führung den Weg nach Wolhynien gesucht und hier ihre Heimat gefunden? Sollte jetzt alles ein Irrtum gewesen sein?
So haderten manche Siedler mit Gott und gerieten in Glaubenszweifel. Einige verloren ihren überkommenen Glauben und wandten sich der Gottlosenbewegung zu, die von Moskau und Petersburg her bis nach Wolhynien überschwappte.
Da die Wolhynienier schon immer zur Schwermut und zum Grübeln neigten, fassten Erweckungsbewegungen während der ersten Kolonisationsjahrzehnte hier Fuß und drangen auch in die deutschen Sprachinseln ein. Die Antworten auf alle Schicksalsschläge suchten sie »in der Schrift«, in der Bibel. Sie nahmen das Wort Gottes »wörtlich«. Sie glaubten einfach, wenn sie »in der Furcht Gottes« lebten, dass ihnen kein Haar gekrümmt noch ein Leid angetan würde.
Gegen Ende der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts erregte die Stundistenbewegung6 Aufsehen und Unruhe in der orthodoxen Kirche und im traditionellen Luthertum. Sie zeichnete sich durch eine echt protestantische Verweigerung der Marienverehrung und des Heiligen - und Reliquienkultes aus, der den Neusiedlern besonders in orthodoxen Kirchen auffiel, wenn sie sahen, wie Reliquien verehrt und Ikone geküsst wurden. Sie lehnte jeden »amtlichen« Gottesdienst grundsätzlich ab, der von angestellten und akademisch ausgebildeten Pastoren durchgeführt wurde. Man ersetzte ihn durch Schriftlesung, Bibelauslegung und Gebet von Laien. Man hielt an der Praxis ihrer Erbauungsstunden fest, in denen jeder »erleuchtete« oder »wiedergeborene Christ« die Bibel auslegen durfte.
Polizeiliche Verweise und sogar Gefängnisstrafen konnten ihre Verbreitung nicht verhindern. In den neuen Kolonien, die weit entfernt von den wenigen Kirchen und protestantischen Pfarrämtern lagen, fanden die »Stundisten« rasch Eingang, zumal die vorgelesenen Predigten der Küsterlehrer nicht immer das Glaubensbedürfnis der Siedler befriedigten. Manchmal schlossen sich auch einige Küsterlehrer der Stundistenbewegung an und praktizierten in ihren Bethäusern mit Zustimmung ihrer Gemeinde eine eigene Form von Bibelauslegung und Glaubensversammlung. So kam es gelegentlich in manchen Siedlungen zu kleinen »Glaubenskriegen«, vor allem dann, wenn lutherische Pastoren die »Verwilderung« der Gottesdienste und die laienhafte Bibelauslegung der Küsterlehrer als Irrlehre anprangerten und sogar ihre Entlassung betrieben.
Emilie Reske nahm seit einem Jahr gelegentlich an den Gottesdiensten in der Nachbarsiedlung Alt-Serby teil. Ihr gefiel die freundliche, offene Art des Küsterlehrers Adolf Baumann, der nicht einfach die Predigten aus dem alten Predigtbuch ablas, sondern sie mit persönlichen Einsichten seiner Bibellektüre und eigenen Glaubensbekenntnissen würzte. Seine Gebete las er nicht ab, sondern er sprach sie frei, so dass man den Eindruck gewann, er spräche wirklich mit dem gegenwärtigen Gott. Wilhelm hinderte seine Frau nicht, diese Gottesdienste zu besuchen, aber sie merkte deutlich, dass diese Art der Frömmigkeit und der Glaubenspraxis ihm zuwider war. Gelegentlich sprach er von Gefühlsduselei und Schwärmerei und dass man nicht von seinem erlernten lutherischen Glauben abfallen dürfe. Emilie schwieg meistens auf seine Vorwürfe und hielt sich an die Weisung der paulinischen Briefe, dass eine Frau ihren Mann nicht durch Worte, sondern nur durch ihren »Wandel« überzeugen könne.
Im November wurde in der Kolonie fast überall geschlachtet. Es roch nach frischem Blut und nach gebratenen »Spirken«, die sich später als Grieben im Schweineschmalz wiederfanden. Auch bei Emilie und Wilhelm Reske wurde vor Weihnachten immer ein Schwein geschlachtet. Für die Kinder war das Schlachtefest zunächst immer ein schrecklicher Tag. Sie hörten das Schwein laut gellend schreien und quieken, wenn es von August und dem Vater aus dem Stall auf den Hof gezerrt wurde.
Sie hielten sich die Ohren zu und wandten ihre Blicke ab, bis sie schließlich keinen Laut mehr hörten und das Schwein endlich tot war. Nur Friedrich hatte sich an diesem Tag zwischen den Schwestern hindurch gezwängt und war auf den Hof gerannt. Nun stand er schwer atmend vor Aufregung hinter der Pumpe, wo er genau sehen konnte, was geschah. Als das Schwein nach dem Hammerschlag, den der Vater mit großer Wucht auf die Stirn hieb, betäubt umkippte, zuckte er zusammen.
Jetzt begann seine Großmutter, die extra aus Fedorowka gekommen war, mit bloßen Händen das Blut umzurühren, das aus der tödlichen Stichwunde herausschoss und in den bereitgestellten Eimer hinein spritzte. Ihn schauderte unwillkürlich, wie er sie mit gerötetem Gesicht so eifrig und fremd im Blut herumrühren sah. Sie hatte ihre Blusenärmel hochgekrempelt und schaute beim Umrühren aufmerksam in den Eimer, der sich fast bis zum Rand füllte.
»Das Blut ist für die Blutwurst«, flüsterte ihm Berta zu, »die du auch so gerne isst.« Sie war, ohne dass er sie wahrnahm, neben ihn getreten und hielt ihn an den Schultern fest. Jetzt trugen ihre Mutter und Hulda aus der Küche Eimer mit heißem Wasser herbei. August kippte die Eimer über dem getöteten Schwein aus. Es wurde »abgebrüht«, wie man zu sagen pflegte, so dass der Vater jetzt die Borsten mit einem scharfen Messer abschaben konnte. Schließlich schleppten der Vater und August das Schwein in die Scheune, wo es an einem Balken aufgehängt wurde. Der Vater schnitt den Bauch mit einem Riesenschnitt vom Hals bis zum After auf, um die Eingeweide zu entfernen. Das Geschwabbel der Därme und inneren Organe rief bei den Mädchen immer einen Schauder hervor, der nicht aufhörte, als der Großvater begann, die Därme zu entwirren, in Stücke zu schneiden und mehrmals in der Wanne auszuspülen. »Ihr wisst doch«, sprach er mit einem verhaltenen Grinsen zu den Mädchen gewandt, »dass hier die Wurst hineinkommt. Deshalb müssen die Därme schön sauber sein.«
Abends saßen alle gemütlich mit den Großeltern um den Tisch herum und warteten auf das gebratene Fleisch und die Spirken mit dem Fett, das in der Pfanne noch brutzelte. Die Großmutter ließ es sich nicht nehmen, immer wieder nach der schwarzen Pfanne zu schauen und das Fleisch zu wenden. Wilhelm schnitt bereits mächtige Scheiben von dem Schwarzbrot ab und legte sie in den Korb auf der Mitte des Tisches. Als die Großmutter mit der Riesenpfanne an den Tisch trat, sprach der Großvater, ehe Wilhelm das Wort ergreifen konnte, das alte Tischgebet: Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast und segne uns und was du uns bescheret hast. Amen. Alle atmeten auf und schauten erwartungsvoll auf die Fleischstücke, die im Fett schwammen.
Da streckte Wilhelm seine rechte Hand zur Schnapsflasche hin, Emilie gab sie ihm, und er schenkte den Erwachsenen jeweils einen kräftigen Schluck in die Gläser, die schon auf dem Tisch standen. Als August sein Glas hinhielt, zögerte der Vater einen Augenblick, dann aber goss er auch ihm ein. »Zum Wohl, Ihr Lieben« Damit erhob er sein Glas. »Verehrte Mutter, ich danke für Ihre Mithilfe. Und auch Ihnen, verehrter Schwiegervater. Ich bin froh, dass Ihr wieder geholfen habt. Das Schwein war gut und fett. Wir werden morgen die Wurst machen.
Es wurde spät an diesem Abend mit dem Zubettgehen. Als Emilie noch mit ihrer Mutter in der Küche zusammen saß und alle Kinder schon in den Betten waren, schaute die Mutter ihre Tochter fragend an. Habt ihr schon eine Entscheidung getroffen? Was will Wilhelm? Emilie schwieg und senkte ihren Kopf. Ihre Mutter schaute sie sorgenvoll an. Dann begann sie zögernd zu sprechen: »Ja, ich weiß, es ist viel Unruhe überall. Aber wir werden nicht mehr wegziehen. Wir wollen hier sterben, wo wir nun schon über 60 Jahre leben. Ich hoffe, ihr werdet euch noch einigen. Vertraut auf Gott!«
»Ich weiß nicht, ob das Wilhelm überhaupt noch will«, gab sie leise zur Antwort. »Ich weiß überhaupt nichts. Gute Nacht, ich schlafe am Ofen in der Küche. Du gehst in mein Bett. Lange konnte Emilie nicht einschlafen. Sie musste immer wieder an die Güte ihrer Mutter denken. Die Erinnerungen an die Geburt Karls kamen wie von selbst. Es war schon über ein Jahr her. Anfang März 1906.
Drei Tage vor Karls Geburt war meine Mutter bereits aus Fedarowka gekommen, um mir beizustehen, wie sie es schon oft getan hatte. Sie sagte den Kindern zuerst, ich hätte schon länger Nierenschmerzen und musste liegen. So übernahm sie die Herrschaft in der Küche und auf dem Hof. Die Mädchen mussten flitzen. Sie schickte sie hier und dort hin, zu den Kühen zum Melken, zum Füttern der Hühner und zum Eierholen in den Hühnerstall. Und wenn draußen alle Arbeit beendet war, fand sich immer noch Schafwolle zum Haspeln auf der Diele.
Ich lag oft matt und schwach in meinem Bett. Mein Kind im Bauch rührte sich kaum. Wilhelm, der auf der Diele irgendetwas aus Holz baute, traute sich kaum, ins Schlafzimmer zu treten. Er wusste, dass mir die neunte Schwangerschaft große Mühe bereitete. Als die Wehen immer heftiger wurden, und die Geburtsstunde des neuen Erdenbürgers immer näher rückte, ging er in die Küche und bereitete den traditionellen Geburtstrunk vor. Jede Mutter in Wolhynien musste ihn trinken. Ich mochte ihn gar nicht, aber das ging nicht anders. Und der Vater musste ihn selbst zubereiten. Ich weiß noch genau, wie er ans Werk ging.
Er holte die Pfanne und stellte sie aufs Herdfeuer. Dann ging er ans Schmalzfässchen und holte zwei Löffel Schmalz heraus, die er in die Pfanne gab. Jetzt kamen noch zwei Löffel Honig dazu und ein Löffel Zucker. Als sich alles aufgelöst und vermischt hatte, goss er ein Viertel Liter von dem selbst gebrannten Schnaps dazu. Er kostete einen kleinen Schluck. Vielleicht auch ein bisschen mehr. Ihm schmeckte solch ein Gebräu.
Als ich endlich erlöst war und der erste Schrei des neuen Erdenbürgers durch das Haus gellte, kam er langsam mit der kleinen Kruke7 in das Schlafzimmer um mir den Geburtstrunk zu geben. Da trat ihm meine Mutter entgegen. »Lass sie jetzt noch eine Weile in Ruhe. Sie ist sehr erschöpft. Wilhelm, deine Frau ist keine Dreißig mehr.« Ich weiß nicht, ob er dann noch reingekommen ist, denn ich bin wohl eingeschlafen.
Später erzählte mir meine Mutter, dass Wilhelm eine ganze Weile an der Wiege von Karl stand und auf den schlafenden Jungen geschaut hat, der ebenfalls den Schlaf der Erschöpfung schlief.
