Fremde Söhne - Susanne Schneider - E-Book

Fremde Söhne E-Book

Susanne Schneider

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Beschreibung

Familie Schneider sieht ihr idyllisches Dorfleben jäh zerstört, als 22 syrische Männer in das Nachbarhaus einziehen. Nur der erwachsene Sohn bleibt gelassen. Trotz eigener Vorurteile lernen sie die Flüchtlinge besser kennen. Damit beginnt eine Welle von Ereignissen, die ihr Leben drastisch verändert - allerdings ganz anders als erwartet … Nur wenige Menschen lernen Asylanten kennen, aber viele stellen immer die gleichen Fragen: Wie sind die eigentlich so? Wieso kommen die zu uns? Wieso fast nur junge Männer? Was haben die auf der Flucht erlebt? Wie leben die hier? Arbeiten die überhaupt? Was machen Moslems anders als wir? Wie behandeln die Frauen? Wollen die sich überhaupt integrieren? Die Autorin beantwortet mit ergreifenden, lustigen, teilweise auch traumatischen Erlebnissen diese Fragen mitreißend und authentisch. Nicht recherchiert, nicht nacherzählt, nicht politisch gefärbt - sondern einfach erlebt!

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EPUB
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Seitenzahl: 341

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Wir sind verantwortlich für das, was wir tun, aber auch für das, was wir nicht tun.“

Francois Marie ArouetVoltaire

Titelbild: „La Porta“

Das Tor von Lampedusa – das Tor von Europa.

Der italienische Künstler Mimmo Paladino widmete den fünf Meter hohen Durchgang all jenen Menschen, die die Flucht über das Mittelmeer mit ihrem Leben bezahlt haben. Das Tor ist mit Habseligkeiten von Bootsflüchtlingen behängt und in seiner Art einzigartig in Europa.

Susanne Schneider

Fremde Söhne

Sie kamen als Flüchtlinge und wurden Familie

Autobiographische Erzählung

© 2021 Susanne Schneider

© Coverdesign: Laura Newman - design.lauranewman.de

Titelfoto: Franco Guardascione (Tor zu Europa)

Korrektorat: Felicitas Baier und Larissa Pöltl

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44,

22359 Hamburg

ISBN

Paperback           978-3-347-11950-5

Hardcover           978-3-347-11951-2

E-Book               978-3-347-11952-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für Lucas, Hassan und Aziz

Inhalt

Vorwort

Wie alles begann

Vom Luxus einer Flüchtlingsunterkunft

Plötzlich bekommen die Gesichter Namen

Langsam beginnen wir zu verstehen

Aber du bist die Mutter!

Was ist Gelber Sack?

Der Begegnungskaffee

Wir schaffen das !?

Der Umzug

Sind Kriegsflüchtlinge eigentlich keine Menschen?

Endlich kommen unsere Familien

Schuh oder Boot, was ist hier die Frage?

Ihr Name war Heba

Gott und die Welt

Sieben Leben

Die kriegen doch alles in den Hintern geschoben!

Schaue nie einem Moslem in die Augen

Wie wird es weiter gehen ?

Vorwort

Haben Sie sich schon einmal ernsthaft die Frage gestellt, wie sich ihr Leben verändern würde, wenn ihr Nachbarhaus plötzlich eine Flüchtlingsunterkunft wäre? Nein? Nun, wir schon. Denn genau das ist uns passiert.

Uns – das sind wir Schneiders – eine ziemlich normale deutsche Familie, wie unser Name schon vermuten lässt. Mein Mann ist Techniker und ich Teamleiterin in einem Büro. Unser gemeinsamer Sohn Lucas ist längst ausgezogen und steht als Wirtschaftsinformatiker auf eigenen Beinen. Wir sind Vollzeit berufstätig und unser Leben verlief in geordneten und eher ruhigen Bahnen – bis zu dem Tag, als wir erfuhren, dass unser Nachbarhaus in eine Gemeinschaftsunterkunft für bis zu vierundzwanzig männliche syrische Kriegsflüchtlinge umfunktioniert werden sollte. Und eines kann ich Ihnen weiß Gott versichern: Nie und nimmer wären wir vorher auch nur ansatzweise auf die Idee gekommen, uns freiwillig mit Flüchtlingen zu befassen!

Mit diesem Buch möchte ich über unsere Erfahrungen berichten, unsere Ängste am Anfang und unsere Erlebnisse seither. Und wie es dazu kam, dass zwei der Syrer mittlerweile wie Söhne für uns sind.

Inzwischen wissen wir: Die wenigsten Deutschen haben direkten Kontakt zu Flüchtlingen, geschweige denn je ein Wort mit einem von ihnen gewechselt, aber fast alle reden darüber und interessieren sich für das Thema – und jeder bildet sich natürlich auch irgendwie seine Meinung. Es sind viele Gerüchte im Umlauf, die schnell als absolute Wahrheiten in den sozialen Medien gepostet werden, um dann ebenso rasch geteilt und geli ked zu werden oder eben nicht. Viele haben Angst vor der fremden Kultur, vor dem Islam im Besonderen oder sind einfach unsicher und gehemmt wegen der Sprachbarriere. Andere sagen ganz offen, dass sie keine Ausländer in unserem Land haben möchten, zumindest nicht so viele.

Was passiert also, wenn man plötzlich und völlig unverhofft Flüchtlinge kennenlernt? Und das nicht etwa als freiwilliger Helfer aus sozialem Engagement, sondern aus heiterem Himmel, als normaler Bürger und Nachbar. Was geschieht, wenn man auf einmal Antworten auf Fragen erhält, die sich viele Deutsche immer wieder stellen? Und wie hat die ganze Situation unser Leben verändert? Wie baut man Kontakt auf und will man das überhaupt? Wie funktioniert die Kommunikation? Was verändert sich, wenn man über ein leise gemurmeltes “Guten Tag“ hinausgeht? Welche Erfahrungen sammelt man, wenn man sie real kennenlernt? Wie unterscheiden sich diese Menschen von uns und sind diese Unterschiede dann wirklich so unüberwindbar? Wie fühlt es sich an, mit ihnen zu reden, zu lachen und auch zu weinen ? Und wie verarbeitet man die Konfrontation mit Tod, Leid, Elend und Frustration?

All diese Fragen möchte ich gerne aus meiner Sicht beantworten, einfach indem ich über unsere vielen lustigen, schönen, ergreifenden und zum Teil auch traurigen und schwierigen Erlebnisse berichte. Ich tue das für all diejenigen, die diese Gelegenheit nicht haben, sich aber trotzdem für das Thema und den Alltag von und mit Flüchtlingen interessieren. Und auch für Menschen, die mit ausländischen Nachbarn konfrontiert werden. Im Besonderen aber für alle Mitbürger, die Hassparolen von Rechtspopulisten kritisch hinterfragen und sich ihre eigene Meinung bilden möchten. Und vielleicht, nur vielleicht, werden einige von Ihnen Flüchtlinge in Zukunft mit etwas anderen Augen sehen.

Trotzdem ist mir folgender Hinweis besonders wichtig: Ich berichte ausschließlich über UNSERE ganz persönlichen, rein subjektiven Erlebnisse und UNSERE Schützlinge. Manche Mitmenschen haben vielleicht schlechte Erfahrungen gemacht und es gibt vermutlich Flüchtlinge, die sich komplett anders verhalten oder andere Dinge aus ihrer Heimat berichten. Ich bin weder Islamkennerin noch -kritikerin, bestimmt kein Gutmensch, keine Gelehrte und mit Sicherheit auch niemand, der Ihnen die schwierigen Verhältnisse im Nahen Osten erklären kann oder will. Ich bin einfach eine deutsche Frau, die das große Glück hatte, syrische Menschen kennenzulernen und als Einzelkindmutter unverhofft mit zwei fremden Söhnen beschenkt wurde.

Von uns, von diesen tollen Jungs und von unserem gemeinsamen Weg handelt dieses Buch.

Wie alles begann

Irgendwann im Sommer 2015 saß ich entspannt in unserem Garten und las unser wöchentlich erscheinendes Gemeindeblatt. Wie immer erwartete ich nichts Weltbewegendes: Die aktuellen Vereinsnachrichten, den Bericht der letzten Gemeinderatssitzung, die üblichen Anzeigen der örtlichen Handwerker und so weiter, man kennt das ja. Dann entdeckte ich eine kurze Mitteilung (den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr) – gefühlt waren es nur zwei knappe Sätze: “Im Rahmen der Anschlussunterbringung werden auch unserer Gemeinde weitere Flüchtlinge zugeteilt. Für die Unterbringung ist unter anderem das katholische Pfarrhaus in xxxxx vorgesehen“.

BOOM! Das saß und ich dachte nur: Ach du Sch…! Denn unser eigenes Haus steht direkt neben besagtem Pfarrhaus. Unser liebevoll angelegter Garten, der wirklich unsere Entspannungsoase ist, grenzt unmittelbar an den Eingangsbereich der zukünftigen Unterkunft. Jeder Bewohner oder Besucher läuft mehrere Meter parallel an unserem Grundstück vorbei und kann leider auch ziemlich ungehindert hineinsehen.

Vor meinem geistigen Auge sah ich mich schon auf dem Präsentierteller sitzen – den permanenten Beobachtungen einer Horde von ausländischen Männern hilflos ausgeliefert. Von den zu erwartenden Ruhestörungen mal ganz zu schweigen. Denn bislang wohnten wir in einer sehr ruhigen Sackgasse, nur die Kirche, das Pfarrhaus (das seit knapp zwei Jahren unbewohnt war) und unser Haus stehen dort. Kein Verkehr und kein Lärm störten bisher unsere Ruhe, außer vielleicht die Kirchenglocken, aber die hören wir schon lange nicht mehr bewusst. Diese ruhige Idylle war plötzlich gefährdet und ich war darüber gelinde gesagt, geschockt.

Sofort lief ich zu meinem Mann Stephan, um ihm diese Hiobsbotschaft mitzuteilen. Sie fragen sich, wie er die Nachricht aufnahm? Nun, ich formuliere es mal ganz vorsichtig: Er war noch viel weniger begeistert als ich, was schon eine reife Leistung war. Das hatte uns gerade noch gefehlt! Über einen Jugendtreff, eine Sportanlage oder einen Gastronomiebetrieb hätten wir uns bestimmt auch nicht wirklich gefreut, aber musste es denn ausgerechnet eine Flüchtlingsunterkunft sein? Direkt neben UNSEREM Haus? Oh, nein danke! Suchen Sie doch bitte einen anderen Standort!

Zunächst war der Artikel zwar lediglich eine Vorankündigung gewesen, aber eben ein erster Hinweis darauf, was auf uns zukommen könnte und mit was wir vermutlich zu rechnen hatten.

Die Zeit verging und natürlich brodelte die Gerüchteküche im Dorf. Die ganze Nachbarschaft war nach der Ankündigung ebenfalls in helle Aufregung geraten, aber wir erhielten monatelang keine weiteren Informationen mehr. Vielleicht würde sich ja doch noch alles in Luft auflösen?

Anfang 2016 wurde die ganze Sache dann konkreter und die Bevölkerung zu einer offiziellen Informationsveranstaltung des Landratsamtes in die örtliche Sporthalle geladen. Natürlich nahmen auch wir teil und sofort fiel uns auf, dass fast nur die direkten Nachbarn der zukünftigen Sammelunterkunft anwesend waren. Das Interesse der sonstigen Dorfbewohner war augenscheinlich nicht annähernd so groß, wie wir erwartet hatten, aber ganz ehrlich: Wären wir nicht so direkt betroffen gewesen, hätten wir diese Veranstaltung mit ziemlicher Sicherheit auch nicht besucht.

Die Vertreter des Landratsamtes präsentierten uns zunächst viele bunte Grafiken, diverse Planzahlen und festgelegte Zuteilungssätze. Für uns war das alles leider sehr theoretisch, trocken und ziemlich abstrakt. Eine Standardinformation eben, die bestimmt schon vielfach gehalten worden war.

Danach ging es endlich um unseren konkreten Fall: Das ehemalige Pfarrhaus stehe seit Längerem leer und sei daher von der Kirche als Flüchtlingsunterkunft angeboten worden. Nicht nur aus reiner Nächstenliebe, wie wir vermuteten, aber egal. Da keine Alternative zur Verfügung stehe und das leer stehende Haus ohne weitreichende Umbaumaßnahmen sofort bezugsfertig sei, wäre diese Lösung ideal und werde daher zügig umgesetzt. Man ginge derzeit von ungefähr vierundzwanzig alleinstehenden Männern aus; das Herkunftsland sei leider noch unbekannt, wahrscheinlich Syrien, es könnten aber auch Iraker sein. Ebenso unklar sei der Zeitpunkt des Einzuges, der vermutlich irgendwann im Frühjahr stattfinden sollte.

Dann hatten die Bürger die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Einige äußerten sogleich offen ihre Ablehnung. Es fielen Sätze wie: »Wer schützt denn eigentlich unsere Frauen?« Der Fragesteller war übrigens ein alter Mann mit schlohweißen Haaren und ich fragte mich erstaunt, ob er ernsthaft seine Frau damit meinte?

»Warum kommen denn nur Männer?« Diese Frage konnte keiner der Anwesenden beantworten.

»Wer soll das alles bezahlen?« Darauf wurde gar nicht erst näher eingegangen.

Von uns befürchtete Tumulte oder sonstige verbale Entgleisungen blieben zum Glück aus. Trotzdem wurde schnell klar, dass die Flüchtlingsproblematik nun auch unser Dorf erreicht hatte und niemand der Anwesenden war wirklich begeistert darüber – ganz im Gegenteil!

Uns interessierte besonders, welche Behörde für den Ablauf und das Miteinander zwischen uns Nachbarn und den Flüchtlingen zuständig sei. An wen wir uns denn wenden könnten, wenn das Leben mit den neuen Mitbürgern vielleicht nicht funktionieren würde. Zudem versuchte ich zu verdeutlichen, dass wir direkt Betroffenen leider keine Chance hätten, der geänderten Wohnsituation zu entfliehen und somit bei eventuellen Problemen der Lage vermutlich ziemlich hilflos ausgeliefert wären – und davor hatten wir nun mal alle Angst.

Man erklärte uns, dass das Landratsamt im Rahmen seiner Möglichkeiten (und seiner Öffnungszeiten!) zuständig sei. Wenn es aber beispielsweise zu Ruhestörungen käme, sollten wir eben die Polizei rufen, wie in solchen Fällen allgemein üblich. Es würde zudem eine Sozialbetreuung für die Flüchtlinge geben. In welcher konkreten Form oder für wie viele Gemeinden diese Sozialarbeiter/innen arbeiten sollten, war aber leider noch nicht bekannt. Zusätzlich würde ein Rund-um-die- Uhr-Hausmeisterservice eingerichtet werden, der unter anderem für die handwerkliche Betreuung des Hauses zuständig sei und im Notfall gerufen werden könnte, auch an den Wochenenden.

Das alles war zwar schon mal ein Anfang, aber wirklich beruhigend waren diese Aussagen für uns leider nicht. Schnell wurde allen klar: Die Flüchtlinge würden kommen, es gab keine andere Lösung und überhaupt keinen Grund, eine Alternative zu suchen. Dass die betroffenen Nachbarn oftmals nicht begeistert seien, kenne man schon, das sei schließlich an jedem Standort so, aber diese Menschen müssten eben irgendwo untergebracht werden. Die festen Zuteilungsquoten pro Gemeinde ließen nun mal keinen Spielraum und die jeweiligen Befindlichkeiten und Ängste der Nachbarschaft waren nicht von Belang. Das war die unliebsame Realität und wurde uns gegenüber auch ganz klar so vermittelt.

Trotz all unserer Bedenken war es mir trotzdem wichtig, diesen Behördenvertretern zu erklären, dass wir keineswegs fremdenfeindlich sind, ganz im Gegenteil. Aber bei dieser unmittelbaren Nähe hatten wir zugegebenermaßen große Befürchtungen hinsichtlich des Zusammenlebens, der Ruhe, Ordnung und Sauberkeit. Selbstverständlich hatten wir im Vorfeld die Berichte im Fernsehen, im Radio oder in den Zeitungen verfolgt, die von ständigen Ruhestörungen und Krawallen in und um solche Unterkünfte herum berichteten.

Glaubte man zudem den Behauptungen in den sozialen Medien, müsste sicher häufig die Polizei kommen, der Müll flöge herum und alles wäre dreckig, Frauen und Mädchen (egal welchen Alters!?) würden ständig belästigt werden, ungefragt Grundstücke betreten, Dinge gestohlen, Pferde und Ziegen geschlachtet und was sonst noch so kursierte. Vielleicht würden auch hier Rechtsradikale lautstark demonstrieren, vor dem Haus Randale machen oder es womöglich anzünden? Zu solchen Vorkommnissen war es in einigen Unterkünften landesweit bereits gekommen und natürlich verfolgten wir solche Berichte nun aus einem ganz anderen Blickwinkel.

Ich bin mir sicher: Bei fast jedem, der in eine vergleichbare Situation gerät, macht sich zunächst ein mulmiges Gefühl breit, auch wenn das vielleicht nicht jeder offen zugeben möchte. Meiner Meinung nach ist es sehr einfach, jemanden wegen seiner Ängste zu verurteilen, anstatt sich Gedanken darüber zu machen, wie eine solch ungewohnte und fremde Nachbarschaft das eigene Leben und Denken beeinflussen würde – wenn man selbst betroffen wäre!

Eine Bekannte von mir war richtig entsetzt, als ich ihr meine Befürchtungen gestand. Sie hatte überhaupt kein Verständnis dafür. Ich weiß noch genau, wie sie zutiefst vorwurfsvoll sagte: »Sie fürchten um ihr Leben und du um deine Ruhe«.

Dieser Satz hat mich damals sehr verletzt und auch wütend gemacht. Natürlich hatte sie irgendwo Recht: Wir sitzen hier in unserer sicheren, angenehmen und vollgefressenen Wohlstandskomfortzone und andere fliehen vor einem furchtbaren Krieg und haben oft nicht mehr retten können als ihr Leben und die Klamotten, die sie am Leib trugen. Aber es ist aus meiner Sicht sehr einfach, aus einer sicheren Distanz so zu argumentieren. Wenn die eigene, kleine, heile Welt fernab von einer Flüchtlingsunterkunft liegt, kann man sich jederzeit dorthin zurückziehen – nur wir konnten das nun nicht mehr, denn unsere kleine, heile Welt geriet grade völlig aus den Fugen! Ein bisschen mehr Verständnis für meine Befürchtungen hätte ich mir damals schon sehr von ihr gewünscht.

Wir wohnen nun mal in einem kleinen Dorf. Hier ist es ruhig und beschaulich und das gefällt uns so. Wir können in unserem Zuhause entspannen und wieder neue Kraft tanken für die Aufgaben, die wir tagtäglich so zu stemmen haben – einfach die Seele baumeln lassen. Genau das würden wir eben gerne behalten. Was ist daran bitte so schwer zu verstehen?

Zu diesem Zeitpunkt hätten wir uns zudem ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl und vielleicht sogar ein wenig Rückendeckung von den Behörden gewünscht. Keiner der damals anwesenden Beamten hat auch nur ansatzweise versucht, uns das Gefühl zu geben, als deutscher Bürger dieses Landes mit seinen Ängsten gesehen und ernst genommen zu werden. Darauf haben wir an diesem Abend leider vergeblich gewartet, was wir wirklich sehr schade fanden. Unsere Befindlichkeiten waren offenkundig Nebensache und das war kein schönes Gefühl, das kann ich Ihnen versichern. Wir fühlten uns verunsichert, allein gelassen und hilflos.

Ich werde nie vergessen, wie ein Mitglied des Gemeinderates nach dem offiziellen Teil der Informationsveranstaltung leise zu dem ersten Landesbeamten sagte: »Wissen Sie, das ist die Familie Schneider. Die wohnen so nah an der Unterkunft, näher geht es nicht. Die sind wirklich am meisten betroffen!«

Mir stellten sich die Nackenhaare auf, als ich zufällig seine Bemerkung hörte. In diesem Moment wurde mir mit allen hässlichen Konsequenzen erst so richtig bewusst: Ja, WIR sind wirklich unmittelbar betroffen! Wenn es nicht funktioniert, haben WIR ein riesiges Problem!

Vom Luxus einer Flüchtlingsunterkunft

Auch in den Wochen nach diesem Termin ließ uns das Ganze natürlich keine Ruhe. Wir machten uns wirklich große Sorgen und unsere Gedanken und Gespräche kreisten einzig und allein um dieses eine Thema. Leider waren es meist keine positiven Vorstellungen und unser pessimistisches Kopfkino war in vollem Gange. Entspannen konnten wir eigentlich gar nicht mehr. Sobald mal etwas Ruhe einkehrte, fingen die dunklen Tentakel unserer Ängste an, ihre Fänge nach uns auszustrecken und uns immer weiter nach unten zu ziehen.

Außerdem gab es zu dieser Zeit gefühlt in jeder Nachrichtensendung Berichte über Krawalle in diversen Flüchtlingsunterkünften, brutale Prügeleien und Kämpfe zwischen den Asylanten, sogar Angriffe auf Sicherheitspersonal sowie häufige Ruhestörungen und auch immer wieder Sachbeschädigungen. Berichtet wurde manchmal auch über Ausschreitungen vor den Unterkünften, wenn unsere eher rechts gesinnten Mitbürger mal wieder lautstark ihrem Unmut über das Ausländerpack Luft machen wollten. Das alles sahen wir plötzlich aus einer ganz anderen Perspektive.

Besonders erinnere ich mich an die Bilder aus der Gemeinde Clausnitz im Erzgebirge. Hier empfingen “besorgte Bürger“ pöbelnd und WIR SIND DAS VOLK skandierend einen Bus mit Flüchtlingen. Ziel dieser wütenden Aktion sollte es vermutlich sein, diese Menschen am Aussteigen zu hindern. Drinnen saßen circa zwanzig Personen (Männer, Frauen und Kinder), die in die dortige Flüchtlingsunterkunft einziehen sollten. Sie dachten bestimmt nun endlich ein neues Zuhause gefunden zu haben oder zumindest in eine sichere Zuflucht zu kommen. Aber empfangen wurden sie von laut schreienden und hasserfüllten Deutschen, die aus ihrer extrem fremdenfeindlichen Gesinnung leider überhaupt keinen Hehl machten – im Gegenteil.1

Diese Bilder machten mich unglaublich wütend, denn einen solchen Empfang hatten die Hilfesuchenden mit Sicherheit nicht verdient. Für mich war sehr gut nachvollziehbar, dass die Flüchtlinge den Bus nicht verlassen wollten. Fast alle Insassen wirkten auf mich verängstigt und eingeschüchtert. Nur eine ältere Frau schimpfte wütend und mit erhobener Faust der aufgebrachten Menge entgegen, was ich sehr mutig fand.

Die Polizei entschloss sich schließlich, das Gefährt zu räumen. Ein kleiner weinender Junge wich panisch und mit schreckgeweiteten Augen vor einem Polizisten zurück, der ihn trotzdem ungerührt (und nicht gerade zimperlich, wie ich finde) nach draußen zerrte und im weiteren Verlauf seiner Zwangsmaßnahme den sich heftig wehrenden Knaben in die Unterkunft schleppte. Ich könnte mir vorstellen, dass ein solches Erlebnis für ein Kind durchaus traumatisch sein kann.

Diese Szenen gingen um die Welt und ich schämte mich sehr für den Eindruck, den diese Rechtsradikalen und sogenannten Wutbürger auf unser Land warfen. Ihr Verhalten war in unseren Augen einfach skandalös und unentschuldbar. Wie wir sahen das zum Glück auch viele andere Deutsche und reagierten ebenso empört. Der Bürgermeister der Gemeinde entschuldigte sich zwar öffentlich, aber der Schaden an diesen Menschen war da schon längst angerichtet.

War das der Eindruck, den wir unseren neuen Nachbarn vermitteln wollten? Sicher nicht! Es musste noch einen anderen Weg geben, daran bestand zumindest in unserer Familie überhaupt kein Zweifel. Dazu kamen in den Wochen vor dem Einzug leider auch noch zahlreiche Kommentare unserer Mitbürger: »Oh je, das wird bestimmt schwierig für euch!«

»Wollt ihr da wohnen bleiben oder wegziehen?« Wer würde jetzt schon unser Haus kaufen!?

»Na, gibt es schon was Neues über eure neuen Nachbarn? «

»Wann kommen sie denn?«

»Aus welchem Land sind sie?«

»Sind auch Familien dabei?«

Als ob wir von den Behörden über irgendetwas informiert worden wären. Weder von der Kirche als Vermieter, noch vom Landratsamt oder von der Gemeinde wurden wir in dieser Phase mit ins Boot geholt. Für uns betroffene Nachbarn interessierte sich nach wie vor niemand und wir fühlten uns damals schon sehr im Stich gelassen. Offensichtlich mussten wir eben alleine zusehen, wie wir zurechtkamen.

Unsere nachbarschaftlichen Gespräche drehten sich zu dieser Zeit fast nur noch um die Unterkunft und wie es wohl werden würde. Angst hatten wir alle, das gebe ich offen zu. Einige wollten einfach abwarten, denn eigentlich blieb uns ja auch gar nichts anderes übrig. Andere waren nach unserer Einschätzung von Anfang an eher negativ eingestellt und wollten offensichtlich mit den neuen Bewohnern nichts zu tun haben.

Dann und wann sprachen uns im Ort auch offen Flüchtlingsgegner an und ließen uns ungefragt und unverblümt an ihren Stammtischparolen teilhaben. »Wir haben das Gesindel schließlich nicht gerufen!«

»Die sind doch bloß hinter unseren Frauen her!« Och nee, bitte nicht schon wieder, dachte ich jedes Mal , wenn ich diesen Ausspruch hörte und das war leider ziemlich oft der Fall.

»Die wollen sich hier nur durchschnorren.«

»Das sind doch alles Feiglinge, die sollen mal lieber ihr Land verteidigen, wie sich das gehört!«

Ich fragte diese Leute dann, mit welchem Recht sie denken, dass unsere Söhne den Kriegsdienst verweigern dürfen und junge Männer aus anderen Ländern nicht. Dieses Recht sollte doch eigentlich für alle Menschen gelten, oder liege ich da falsch?

Außerdem bedeutet Kriegsdienst in Syrien wirklich in den Krieg zu ziehen, töten zu müssen und vielleicht selbst zu sterben oder schwer verletzt zu werden. Das kann man wohl kaum mit unserem Wehrdienst vergleichen, der ja im Übrigen auch schon seit einigen Jahren gar nicht mehr besteht. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass viele deutsche Berufssoldaten ihren Dienst quittierten, als es plötzlich darum ging, eventuell im Jugoslawienkrieg eingesetzt zu werden. Frei nach dem Motto: Soldat mit sicherem Job und mit 53 Jahren in Rente? – “Ja, bitte.“ Soldat mit scharfer Waffe im Kriegsgebiet? – “Nein, danke.“ Was ja auch völlig in Ordnung ist! Das ist meiner Meinung nach wirklich eine Entscheidung, die jedem Menschen zustehen sollte und über die kein anderer zu richten oder zu urteilen hat.

Wir vertraten auch aus diesem Grund den Standpunkt, dass Kriegsflüchtlinge auf jeden Fall unsere Hilfe und unseren Schutz brauchen und wir versuchen wollten, unvoreingenommen die ganze Sache auf uns zukommen zu lassen, auch wenn es uns schwerfiel. Aber es bestand kein Zweifel – mit solchen Zeitgenossen würde es für die neuen Nachbarn vermutlich eher schwierig werden. Das konnte ja noch heiter werden!

In dieser Zeit, unmittelbar vor dem Einzug, fielen uns auch vermehrt mitleidige Blicke unserer Mitbürger auf, sie begegneten uns beim Einkaufen, beim Metzger, beim Bäcker – einfach überall im Dorf. Viele sprachen uns an und man spürte bei manchen durchaus die ehrliche Betroffenheit für unsere Situation, zugleich aber auch deren große Erleichterung, selbst nicht in unserer Lage zu sein. Tauschen wollte jedenfalls keiner! Fast alle rechneten mit Problemen, das wurde uns schnell klar. Denn Einige konnten es sich leider nicht verkneifen, uns an wahren Horrorgeschichten teilhaben zu lassen, die immer von Übergriffen und mangelndem Respekt vor unseren Werten handelten.

Eine Frau erzählte uns, dass die Bewohner eines Einfamilienhauses nachmittags nach Hause gekommen seien und in ihrem Garten ungebetene Gäste in Form von mehreren männlichen Flüchtlingen vorgefunden hätten. Diese Männer wären einfach ungefragt auf die Terrasse spaziert und hätten es sich auf den Liegestühlen gemütlich gemacht.

Damals haben uns solche Geschichten natürlich sehr verunsichert. Aber gerade diese Schilderung über das “unerlaubte Betreten fremder Grundstücke“ halte ich mittlerweile für völlig abwegig. Warum, erfahren Sie später, damals konnte ich das freilich noch gar nicht einschätzen und war schlicht fassungslos. Hoffentlich würde uns das nicht passieren!

Andere berichteten, dass Schrebergärten regelmäßig geplündert wurden. In einer nahe gelegenen Gemeinde sei ein Pferd direkt auf der Weide geschlachtet und das Fleisch verteilt worden. Muslime essen ja bekanntlich kein Schweinefleisch und das Geld vom Amt ist immer knapp. Ziegen, Schafe oder Lämmer würden sogar in Badewannen geschlachtet werden, um sie dort ausbluten zu lassen. Ganz zu schweigen natürlich von den Heerscharen von Ratten, die uns heimsuchen würden, da “diese Ausländer“ ihren Müll oft einfach vor die Häuser stellen oder auch aus den Fenstern werfen und im Vergleich zu uns eher unsauber sind.

Genau solche “Erlebnisberichte“ hatten uns zu unserem Glück gerade noch gefehlt. Auffällig war aber, dass uns nicht ein einziger wirklicher Augenzeuge begegnete. Es waren alles Geschichten vom Hörensagen, die da eifrig verbreitet wurden. “Eine Bekannte von meiner Schwester, deren Tochter kennt jemanden und der war dabei und weiß es genau.“

Trotzdem: Jede dieser Geschichten vergrößerte noch unsere Unsicherheit und schürte unsere Angst vor dem kommenden Unbekannten. Nur unser Sohn blieb cool und meinte ganz gelassen: »Jetzt wartet es doch einfach mal ab, vielleicht wird es auch ganz toll!«

Ja klar, ganz bestimmt. Schön wäre es natürlich schon. Aber so richtig daran glauben konnten wir zu diesem Zeitpunkt leider nicht.

Irgendwann wollten wir diesem ganzen Druck entfliehen und hatten für Ende März Urlaub am Gardasee gebucht. Zwei Tage vor der Abfahrt rief ein Bekannter an und informierte uns, dass die Flüchtlinge in der Woche nach Ostern (also während unserer Abwesenheit) einziehen würden. Er hätte aber schon den Schlüssel für das Pfarrhaus erhalten, und ob wir uns denn mal die Unterkunft anschauen wollten, bevor die neuen Bewohner kämen. Um uns selbst ein Bild zu machen, sagten wir kurzentschlossen zu und trafen uns noch am selben Tag mit ihm.

Ich kannte das Haus bereits von früher und war häufig bei meiner damaligen Nachbarin zu Besuch gewesen. Da wir aber keine größeren Baumaßnahmen oder Renovierungsarbeiten mitbekommen hatten, vermuteten wir, dass wohl kaum etwas verändert worden war und dieser Verdacht bestätigte sich prompt. Natürlich erwartet man in einer solchen Unterkunft keinen Luxus, aber was wir hier vorfanden, machte uns doch betroffen.

Das Haus ist eine wunderschöne alte Villa mit acht Zimmern, nur leider sehr heruntergekommen und deutlich renovierungsbedürftig. Es wurde in den letzten Jahren von einer Familie mit vier Kindern bewohnt und jeder Winkel war bis unters Dach genutzt worden. Wegen strenger Brandschutzauflagen durfte jetzt aber das oberste Stockwerk nicht mehr benutzt werden, da das Treppenhaus im Brandfall zu schmal wäre. Schon komisch irgendwie – für die Kinder der Vormieter hätte die Breite der Treppe als Fluchtweg ausgereicht, für zwei Flüchtlinge, die die gleichen Zimmer bewohnen würden, aber nicht? Das war der Erste von vielen Momenten, in denen ich mich fragte: Haben wir hier in Deutschland eigentlich keine anderen Probleme? Natürlich ist Sicherheit wichtig, aber man kann es meiner Meinung nach auch übertreiben. Aber es war nun mal so entschieden worden, also standen die oberen zwei Räume nicht zur Verfügung und blieben für die Männer gesperrt. Die neuen Bewohner mussten daher auf die verbliebenen sechs Zimmer verteilt werden. Dort waren Doppelstockbetten aufgebaut worden, wie man sie von Jugendherbergen oder der Bundeswehr her kennt. Auf jedem Bett lagen ein Kopfkissen und ein Oberbett, beides bereits mit Bettwäsche bezogen. Nichts Besonderes, aber völlig okay. Pro Zimmer waren je nach Größe vier bis sechs Betten aufgebaut worden und laut dem Belegungsplan würden auch alle Plätze benötigt werden. Manche Bettgestelle standen allerdings (wegen akutem Platzmangel) direkt vor den großen Flügelfenstern und zwar so eng, dass ein Öffnen der selbigen nur noch einen Spalt breit möglich war. Zudem waren keine Vorhänge oder Rollos an den Fenstern. Als Folge davon konnte also jeder Fuß- oder Kirchgänger den stolzen Inhabern dieser Betten im Erdgeschoss direkt beim Schlafen zuschauen. Ich stellte es mir nicht wirklich schön vor, im Schlaf von wildfremden Menschen beobachtet zu werden und ihnen somit unter Umständen tiefe Einblicke auf meine Unterwäsche zu gewähren. Die Helfer vom Asylkreis machten nach dem Einzug der Männer sofort auf diesen Missstand aufmerksam, denn dieser Mangel an jeglicher Privatsphäre erschien einfach untragbar! Das Landratsamt verwies allerdings nur auf die alten äußeren Holzläden, die man ja schließen könne. Nur leider war das eben durch die unglückliche Platzierung der Betten von innen nicht mehr möglich. Eine Lösung wäre das Schließen der Fensterläden von außen gewesen, wozu allerdings eine Leiter nötig gewesen wäre, die aber auch nicht vorhanden war. Die Männer halfen sich dann kurzerhand selbst und funktionierten gespendete Bettbezüge in provisorische Vorhänge um. Natürlich beschwerten sich darüber sogleich einige aufmerksame Bürger und machten ihrem Unmut Luft: »Kennen die nicht mal den Unterschied zwischen Bettwäsche und Vorhängen? «

Doch, den kennen sie schon, sie lassen sich nur nicht so gerne auf den Hintern schauen, wenn sie schlafen! Und wohlgemerkt: Das ehemalige Pfarrhaus steht direkt neben der Kirche. Ich denke, diese Peinlichkeit hätte man den Betroffenen leicht ersparen können, wenn im Vorfeld das Haus entsprechend besichtigt und hergerichtet worden wäre. Die dringend benötigten Fenstervorhänge wurden übrigens erst Monate später angebracht, nach mehrmaliger, hartnäckiger Nachfrage und massivem Druck des Asylkreises. Aber es mussten damals schließlich mehrere Hunderttausend Flüchtlinge untergebracht werden, da konnte man sich nicht auch noch zeitnah um solche Banalitäten kümmern.

Was es heißt, zu viert oder zu sechst in einem Raum zu schlafen, ohne die Möglichkeit ordentlich zu lüften (wir erinnern uns an die Fensterproblematik) oder zu kühlen und ohne irgendwelche Vorhänge oder Insektenschutzgitter – das muss ich sicher nicht näher beschreiben. Im Hochsommer flüchteten sich nachts einige der Männer in den Garten, weil sie es in den Zimmern einfach nicht mehr aushielten.

Aber zurück zum Haus, das auf uns keinen guten Eindruck machte, was nicht verwunderlich war. Es hatte schließlich zwei Jahre leer gestanden und die Innenräume waren weder gereinigt, noch renoviert worden. Die Vormieter hatten das Haus damals besenrein übergeben und so wurden die Räume belassen. Möbel raus, kehren – Möbel rein, fertig! Die Wände waren nicht mal gestrichen worden, überall konnte man noch die Stellen erkennen, an denen früher zahlreiche Bilder hingen. Alte Dekorationen, wie zum Beispiel diverse Window-Color-Bilder wurden einfach dort gelassen, wo sie waren. Ich weiß nicht wirklich, wie eine schwarze Hexe mit einer riesigen Hakennase, die auf einem Besenstiel reitet, auf muslimische Flüchtlinge wirkt, aber es war bestimmt im ersten Moment sehr befremdlich für sie gewesen. Die reitende Hexe ziert übrigens bis heute die Küchentür, aber das ist lediglich eine Randnotiz, keiner hat sich je dafür interessiert.

Doch nun weiter mit der Ausstattung: Jedem Bewohner wurde ein Blechspind zur Verfügung gestellt. Außerdem standen in jedem Raum ein Kühlschrank und ein Tisch mit Stühlen, ein Eimer und ein Besen bereit. Das war es dann auch schon. Es gab keinen Gemeinschaftsraum oder etwas Vergleichbares, nicht mal die Möglichkeit, einen Fernseher anzuschließen. Nichts dergleichen war vorhanden. Aber es gab eine relativ kleine Küche mit zwei Vier-Platten-Herden, einer Spüle und einem Tisch mit vier Stühlen. Die Sanitärräume bestanden aus einem winzigen Gäste-WC und einem kleinen Badezimmer mit einer zweiten Toilette. In diesem Bad war die ehemalige Badewanne durch drei mobile Duschkabinen ersetzt worden. Sprich: Bis zu vierundzwanzig junge Männer mussten sich zwei Toiletten und drei Duschen teilen. Der Warmwasserboiler war für den Bedarf einer Familie ausgelegt gewesen, aber weder angepasst oder ersetzt worden. Wie das funktionieren sollte, war uns ein Rätsel.

Im Keller standen den Bewohnern zwei Waschmaschinen und ein (!) kleiner Wäscheständer zur Verfügung. Der dringend benötigte Trockner ließ leider noch lange auf sich warten. Weiteres Inventar gab es übrigens nicht und auch keine Haushaltsausstattung: kein Toilettenpapier, keine gelben Säcke oder Müllbeutel, keine Reinigungsmittel, keine Geschirrtücher …

Aus den Medien kennt jeder das Wort “Flüchtlingsunterkunft“ zu Genüge. Aber selbst darin zu stehen und den armseligen Standard real zu erleben, das ist ein ganz anderes Gefühl. Ehrlich gesagt hatte ich mir die Ausstattung doch etwas anders vorgestellt. Konnten hier wirklich bis auf Weiteres Menschen leben und sich auch irgendwie ein Stück weit daheim fühlen? Viel später erklärte uns eine Behördenmitarbeiterin der Kreisstadt hinter vorgehaltener Hand, dass “man“ gar nicht wolle, dass sich die Flüchtlinge in den Häusern wohlfühlen. »Die sollen ja so schnell wie möglich in eigene Wohnungen ziehen«, sagte sie uns damals. Dass das bei der derzeitigen Wohnungslage so gut wie unmöglich ist, wird im Laufe des Buches noch deutlich werden.

Der Helfer fragte uns nach seiner Führung, ob wir uns etwas der Müllproblematik annehmen könnten, da wir bestimmt Interesse daran hätten, dass das gut klappt – auch wegen der zu erwartenden Geruchsbelästigung im Sommer wäre unsere Hilfe sehr wünschenswert. In der Gemeinschaftsunterkunft der Hauptgemeinde gäbe es leider immer wieder Beschwerden der Nachbarn. Sein Wortlaut war damals: »Ihr seid ja eh gebucht, weil ihr so nah dran seid.«

Na, vielen Dank auch. Wir sagten zwar zu, behielten uns aber vor, die Situation erst einmal abzuwarten.

Froh darüber, dass sich endlich mal jemand die Mühe gemacht hatte, uns zu informieren und uns mit einzubeziehen, brachen wir in den lang ersehnten Urlaub auf. Der Plan war, etwas Abstand zu gewinnen, den Kopf freizubekommen und wieder auf andere Gedanken zu kommen. Was soll ich sagen? Der Plan ging leider richtig gründlich in die Hose. Die erste Woche verlief noch ganz gut und wir konnten durch die neue Umgebung endlich mal wieder ein wenig entspannen. Bis zu dem Tag, als Lucas anrief und uns knapp mitteilte: »Sie sind heute eingezogen.«

Nun ja, Sie vermuten richtig, von Urlaub konnte ab diesem Zeitpunkt keine Rede mehr sein. Kurz gesagt: Wir hätten nach dem Anruf eigentlich gleich nach Hause aufbrechen können, denn unsere Gedanken waren sowieso schon da! Besonders mein Mann hatte Probleme damit, sich auf die nun geänderte Lebenssituation zu Hause einzustellen. Was würde uns wohl bei unserer Heimkehr erwarten? Mir gelang es leider nur ab und zu, ihn aus dieser Gedankenspirale herauszuholen, denn auch ich war nicht wirklich optimistisch.

Kurz auf den Punkt gebracht: Der Entspannungsfaktor in diesem Urlaub? Auf einer Skala von eins bis zehn? Gefühlte minus fünf!

Plötzlich bekommen die Gesichter Namen

Samstags fuhren wir vom Gardasee nach Hause. Nach einigen Diskussionen (und hartnäckiger Überzeugungsarbeit meinerseits), konnte ich meinen Mann schließlich doch für meinen Plan gewinnen, dass wir einen ersten Schritt auf die neuen Nachbarn zugehen und sie freundlich und offen begrüßen sollten – und das so schnell wie möglich. Mein Gefühl sagte mir, dass eine Kontaktaufnahme sicher immer schwieriger werden würde, je länger wir zögerten. Auf was sollten wir auch warten? Jeder würde die Gegenseite neugierig beäugen, ab und zu mal verhalten grüßen, und was dann? Wieso denn nicht gleich den ersten Schritt machen und auf die neuen Bewohner zugehen? Durch unseren Urlaub waren wir an ihrem Einzugstag ja leider nicht zu Hause gewesen, somit war unsere Rückkehr doch ein guter Aufhänger, um uns vorzustellen.

Also setzten wir mein Vorhaben gleich am nächsten Tag in die Tat um. Da ich in diesem Leben nicht mit der schönen Gabe des Backens gesegnet bin, konnten wir leider keinen typisch deutschen Käsekuchen anbieten, sondern mussten auf traditionelles italienisches Gebäck zurückgreifen, das wir bereits im Urlaub eingekauft hatten. Mein Plan sah vor, einfach in die Unterkunft zu gehen und uns kurz als Nachbarn vorzustellen. Bei der Gelegenheit wollten wir die süßen Köstlichkeiten sozusagen als Willkommensgeschenk überreichen und so vielleicht das erste Eis brechen – und gut.

Gesagt, getan. Bestückt mit zwei Tabletts voll schön drapierter Leckereien gingen wir zu dritt in die Unterkunft: mein Mann, unser Sohn und ich.

Etwas nervös klingelten wir und sofort wurde die Tür von zwei jungen Männern geöffnet, die uns sehr freundlich begrüßten. Sie lächelten schüchtern und forderten uns mit einladenden Gesten auf, einzutreten und ihnen in die Küche zu folgen. Hier wurden eifrig Stühle zurechtgerückt und wir durften Platz nehmen. Dann strömten immer mehr Bewohner in die kleine Küche. Ich weiß nicht mehr genau, wie viele es waren, aber der Raum war schnell proppenvoll. Alle Männer waren schwarzhaarig (okay, um bei der Wahrheit zu bleiben: Zwei waren schon grauhaarig), alle mit sehr dunklen Augen, einige mit sehr dichten, schwarzen, kurzen, aber sehr gepflegten Bärten, manche mit leicht dunklerer Hautfarbe – und alle waren auffällig dünn! Ihr Erscheinungsbild kam mir seltsam vertraut vor, vermutlich aus den unzähligen Nachrichtensendungen, die immer wieder die schier endlosen Flüchtlingsströme zeigten. Menschen, die zu Fuß durch halb Europa liefen, sich verzweifelt an kleinen Booten festklammerten oder am Münchener Hauptbahnhof von so vielen Deutschen freundlich begrüßt worden waren. Auf dem Bildschirm sind es eben Fremde, irgendwelche Leute, die weit weg irgendwo auf der Welt ums Überleben kämpfen. Als unbeteiligte Zuschauer sieht man nur einzelne Momentaufnahmen ihrer Flucht und ihre meist verzweifelten Gesichter – und dann kommt die nächste Meldung oder der Wetterbericht.

In der Realität standen wir jetzt genau solchen Menschen gegenüber – in unserem Nachbarhaus! Das war schon irgendwie sehr bizarr, das gebe ich gerne zu. Die Männer hatten aber keine spürbaren Berührungsängste, im Gegenteil, wir hatten den Eindruck, sie freuten sich über unseren Besuch. Nacheinander und sehr höflich nannte uns zunächst jeder seinen Vornamen und gab uns (auch mir!) die Hand dabei.

»Hallo, ich bin Hassan … Aziz … Mohammad (davon gab es gleich mehrere) … Tariq … Alim … Siamend … Murat … Assad … Houssam … Alaa … Muaz … Mustafa … Mohanad … Achmet … Omar … Nihad … Abdalla … Ahmad … ».

Die kann ich mir nie im Leben alle merken, war mein erster Gedanke. Mir schwirrte wirklich der Kopf. Diese vielen Namen, der ungewohnte Klang und die Aussprache waren schon ungewohnt für uns. Ich bemühte mich zwar, mir alle einzuprägen, aber das war bei dieser ersten Begegnung so gut wie unmöglich, es waren einfach zu viele. Außerdem sahen sie sich (zumindest am Anfang) alle zu ähnlich, um sie gleich auseinanderhalten zu können. Das brauchte schon einige Zeit.

Aber sie freuten sich an diesem ersten Tag offensichtlich über unseren Besuch und verteilten unsere Kekse gleich für alle erreichbar auf dem Küchentisch.

Dann redeten sie aufgeregt, laut und querbeet in ihrer Muttersprache miteinander, was mir doch sehr fremd vorkam. Nie zuvor hatte ich arabische Menschen so bewusst und nah reden hören. Es klang sehr lebhaft, rau und zum Teil auch ein wenig aggressiv. Aber ich hatte keine Angst, im Gegenteil, die Situation war irgendwie sehr interessant und spannend. Eifrig bereiteten zwei von ihnen sogleich Tee für alle zu. Tja, und dann saßen wir uns also endlich gegenüber und eine betretene Stille machte sich breit, denn jedem wurde schnell klar: Eine flüssige Unterhaltung würde noch nicht möglich sein. Einige unserer neuen Nachbarn trauten sich schon, deutsch zu reden (okay, sie versuchten es zumindest), allerdings ging außer einem schüchtern gemurmelten “Hallo, wie geht es Ihnen?“, noch nicht viel. Manche hielten sich auch deutlich zurück, lächelten uns zwar freundlich an, sprachen aber nicht mit uns. Die Unterhaltung stockte daher ziemlich schnell. Dann schauten sich die Männer ratlos an und plötzlich riefen einige wie aus einem Munde: »Djamal!«

Kurze Zeit später kam ein recht kleiner, aber breit grinsender junger Mann in die Küche und begrüßte uns herzlich auf Deutsch. Natürlich nicht fehlerfrei, aber seine deutschen Worte waren sehr gut verständlich. Das erstaunte uns dann doch, denn offensichtlich hatten wir es hier mit einem Sprachtalent zu tun. Die Männer waren ja erst seit einigen Monaten in Deutschland und hatten bisher nur in einer Erstaufnahmestelle gewohnt. Richtigen Sprachunterricht hatten sie bis dahin noch gar nicht erhalten, daher waren ihre Deutschkenntnisse natürlich noch sehr spärlich. Mit Djamal konnten wir aber bereits an diesem ersten Tag relativ flüssig reden. Er hatte sich in den wenigen Monaten schon einen erstaunlichen Wortschatz angeeignet und wurde somit schnell zum Dolmetscher zwischen den Bewohnern und uns. Das war wirklich ein großes Glück für uns alle! Einige sprachen außerdem Englisch, sodass wir uns auch direkt mit ihnen austauschen konnten. Ein willkommener Nebeneffekt davon war, dass Stephan und ich unsere Englischkenntnisse etwas aufpolieren konnten, denn die waren (besonders bei mir) doch schon ziemlich eingerostet. Bestimmt haben wir auch viele Fehler gemacht, aber das war eigentlich vollkommen egal. Wir wollten miteinander reden und wir haben uns verstanden. So what …

Aber ich schweife ab – also, wir sitzen nach wie vor in der Küche und dann kommt mit Djamals Hilfe doch noch eine entspannte Unterhaltung in Gang.

»Wo kommt ihr her?«

»Wo habt ihr bisher gewohnt?«

»Wie gefällt es euch hier?«

Auch die Syrer stellten uns viele Fragen zu uns und zu Deutschland, sodass keine peinlichen Pausen mehr aufkamen. Wir haben natürlich auch die Gelegenheit genutzt, uns vorzustellen: »Hallo! Wir sind die Schneiders: Stephan, Susanne und Lucas. Wir wohnen gleich nebenan und sind eure Nachbarn. Wir waren in Urlaub und konnten euch deshalb nicht gleich begrüßen. Aber jetzt sind wir zurück und wenn ihr Hilfe braucht oder Fragen habt, könnt ihr gerne zu uns kommen. Wir heißen euch willkommen!«, erklärten wir ihnen sinngemäß und ich hatte den Eindruck, sie freuten sich darüber.

Diese ersten Stunden vergingen wie im Flug und die ganze Atmosphäre war überaus entspannt, was wir so selbst in unseren kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt hätten.

Spontan luden uns unsere neuen Nachbarn dann auch noch für den gleichen Nachmittag zum Essen ein. Ein Mann hatte ihnen schon ein paar Tage zuvor einen Grill geschenkt und als Dankeschön hatten die Flüchtlinge ihn, seine Frau und ein weiteres Ehepaar zum Grillen eingeladen. Wir sollten bitte unbedingt auch dazu kommen. Zuerst haben wir kurz gezögert (leider typisch Deutsch). Sollten wir das wirklich machen? Gleich beim ersten Kennenlernen eine Einladung zum Essen annehmen? Auch noch direkt für denselben Tag! Ging das nicht zu weit? Aber was hatten wir eigentlich zu verlieren?! Außerdem wollten wir nicht unhöflich sein. Also sagten wir ebenso spontan zu, verabschiedeten uns zu einer kurzen Pause und erschienen nachmittags wieder in der Unterkunft. Wir waren natürlich sehr gespannt, was da auf uns zukam. Was es wohl zu essen gab? Würde es sehr fremd sein und uns überhaupt schmecken? Und wie würde das Ganze wohl ablaufen? Aufgeregt machen wir uns auf den Weg .

Zunächst wurden wir wieder sehr freudig begrüßt und sogleich aufgefordert, Platz zu nehmen. Sie hatten sich zwei Bierzeltgarnituren besorgt und diese draußen im Innenhof aufgestellt. Der Tisch war schon fertig gedeckt und sofort, nachdem wir uns gesetzt hatten, wurden die Speisen aufgetragen. Egal, was wir uns vorher vorgestellt hatten, es wurde dem, was uns jetzt angeboten wurde, bei Weitem nicht gerecht. Eine Schüssel nach der anderen wurde aufgefahren: Es gab gegrillte Fleischspieße, frittierte Hähnchenstücke, verschiedene Salate, Pommes frites, selbst gemachte Mayonnaise (die ist ein Traum und geht sofort und ohne Umwege auf die Hüften!), gegrillte Tomaten, Humus, Fladenbrot und vieles mehr. Dazu wurden verschiedene antialkoholische Getränke gereicht wie Fanta, Cola und naturtrüber Apfelsaft, den sie sehr lecker fanden. Da saßen wir nun also ziemlich unverhofft mit unseren neuen Nachbarn gemeinsam an einem Tisch und ließen uns bewirten, aßen und tranken zusammen, redeten und lernten uns weiter kennen. Es war schon eine sehr unwirkliche Situation. Zwischendurch hab ich immer wieder gedacht: Einer muss mich bitte mal kneifen! Das gibt es doch gar nicht, die sind total nett und unglaublich gastfreundlich!