Freunde und Meer - ein Leben lang - Renate von Gizycki - E-Book

Freunde und Meer - ein Leben lang E-Book

Renate von Gizycki

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Beschreibung

Mit dem ethnologischen Blick der Verfremdung erzählt die Autorin von alltäglichen, ebenso wie von uralt vertrauten Lebensweisen in den Inseldörfern. Die Ereignisse der 'großen Welt' – zum Beispiel der Vietnamkrieg oder der Prager Sommer – spiegeln sich wider in Gesprächen und kleinen Geschichten – und wie in einem Kaleidoskop entstehen ungewohnte Bilder. Die einzigartigen Erfahrungen mit der Natur, mit Meer und Macchia, besonders aber mit den Menschen auf den Inseln bestimmen alle Tage aufs Neue. In dem Buch werden ganz bewusst unterschiedliche Textarten verwendet: Tagebuchaufzeichnungen, Berichte, Gedichte, Reflexionen, um ein möglichst lebendiges Bild der Erfahrungen und Zeitläufte zu vermitteln. Es verbindet Naturbeschreibungen und Geschichte mit ganz persönlichen Beobachtungen: so stehen neben scheinbar idyllischen Episoden und Anekdoten vom Alltag auf den Inseln zum Beispiel Berichte über Begegnungen auf der internationalen Sommerschule der philosophischen Praxis-Gruppe in Korcula, oder Erzählungen vom Besuch bei Freunden in Dubrovnik kurz nach der Bombardierung dieser Stadt und während des Balkankrieges nebenan. Der 'rote Faden' des Textes wird nur teilweise vom chronologischen Ablauf ihrer Inselaufenthalte bestimmt und verbindet sich inhaltlich mit der Entwicklung ihrer persönlichen Wahrnehmung in dieser Zeit. Zum Beispiel stehen die Entdeckungsreise und die Initiation der Ethnologiestudentin nicht zufällig am Anfang; Betrachtungen des Kulturwandels am Ende des Buches.

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Seitenzahl: 251

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Dieses Buch ist Vesna Radman,

ihrer großen Familie und

allen Freunden auf den Inseln zugeeignet.

In Liebe und Dankbarkeit.

Herzlich Renate

In memoriam Horst von Gizycki

Inhalt

Einleitung

Entdeckungsreisen – Sčédro

Pavos Insel – Initiation

Hvar – die frühen Jahre

Kleingriechenland und die Höhlenmenschen

Laterna Magica – oder die Begegnung mit dem Zeitgeist

Weltenbaum im Franziskanerkloster

Maslinica auf Šolta

„Prager Sommer“ 1968

Dorfgeschichten

Schiffe, Boote und ein Kahn

Die schönen und merkwürdigen Tage zwischen Palmižan und Orebič

Korčula – Sommerschule

Korčula und die Praxisgruppe

Korčula und die Deutschen

Dubrovnik: Krieg und Frieden

Reise zu Freunden: aus dem Tagebuch 1993 und 1994

Fragmente des Schreckens

Ein Hauch von Casablanca

Tauben und Tornados

Pharos – die Insel Hvar im Wandel

Lebenskreise

Neues Ferienland Kroatien - Wiedersehen mit Dalmatien 2003–2008

Die Autorin, Südseeforscherin und Lyrikerin Renate von Gizycki wuchs in Gießen, Berlin und Goslar auf. Nach dem Abitur 1947 hielt sie sich zwei Jahre in England auf und kehrte 1950 nach Deutschland zurück. Nach verschiedenen Tätigkeiten und Auslandsaufenthalten nahm sie 1959 ein Studium der Ethnologie, Soziologie und Kulturanthropologie, Philosophie und Geschichte an der Universität Göttingen auf. 1970 promovierte sie mit einer Dissertation über die Rolle des Poeten in der polynesischen Gesellschaft (Haku mele), die 1971 veröffentlicht wurde.

Es folgten Forschungsaufenthalte und Reisen in den USA, in Vietnam und im Pazifik: u. a. Hawaii, Tonga, Fidschi, Samoa, Neuseeland und Papua Neuguinea. Sie engagierte sich für die Verbreitung der Literatur der Südsee in Deutschland durch Herausgabe und Übersetzungen polynesischer Poeten und Schriftsteller, sowie durch Vorträge und Lesungen.

Neben ihrer Lehrtätigkeit am Göttinger Institut für Völkerkunde wirkte sie als freie Mitarbeiterin und Autorin beim Westdeutschen Rundfunk. Sie veröffentlichte Beiträge in Publikationen wie den Frankfurter Heften, in Anthropos – Internationale Zeitschrift für Völker- und Sprachenkunde, Wien (1906), sowie Lyrik in ‚Alternative‘ (Berlin); ‚Kürbiskern‘ (München) oder L‘80‘ (Berlin).

Im Fischer Taschenbuchverlag erschienen „Nachbarn in der Südsee – Reiseberichte über Inseln im Pazifik“ (1986); Begegnung mit Vietnam – Geschichte einer Reise“ (1987) und „Wo der Tag beginnt, enden die Träume – Begegnungen in der Südsee, Ethnologische und Literarische Entdeckungsreisen“ (1998).

Renate von Gizycki lebt in Kassel.

Sie ist verheiratet mit Horst von Gizycki (1930-2009), Professor für Psychologie der Kunst an der Universität Kassel.

Einleitung

Man steigt nicht wieder in den gleichen Fluss. Veränderungen um uns herum sind überall spürbar; beständig geblieben aber ist unsere Liebe zu Dalmatien – ein halbes Jahrhundert lang.

In Cavtat, der Citta vecchia, dieser alten Stadt, auf einer halben Insel, am südlichsten Rande Dalmatiens gelegen, verbringen wir nun seit ein paar Jahren unsere Ferien. Und wir blicken zurück.

Unser altes Jugoslawien gibt es nicht mehr. Das neue Ferienland Kroatien will noch erobert werden. Dalmatien aber, mit seinen vielen Inseln, hat uns lebenslänglich eingefangen. Als Studenten kamen wir in dieses Land und entdeckten eine neue Welt. Wir begegneten Menschen, deren Lebensart uns anfangs fremd war, dann faszinierte, und die uns gastfreundlich bei sich aufnahmen. Wir haben Freunde gewonnen; und wir sind mit einigen von ihnen bis heute verbunden geblieben.

Jeden Sommer – mit wenigen Ausnahmen – haben wir seit unserer ersten Erkundung auf diesen Inseln verbracht; wir haben miterlebt, wie sich das Land um uns herum verändert, entwickelt, selbst zerstört und wieder besonnen hat. Aufzeichnungen aus meinem Tagebuch berichten davon.

Es begann mit Titos Versuch, Jugoslawien nach dem Ende des zweiten Weltkriegs als ein eigenständiges Land der Dritten Welt aus dem Kalten Krieg herauszuhalten; es sollte ein Modell sein für die Unabhängigkeit kleiner Völker in aller Welt. Mit der Arbeiterselbstverwaltung in den Betrieben sollte eine neue Form der sozialistischen Gesellschaft entstehen. Wir waren beeindruckt. Die Öffnung des Landes für den westlichen Tourismus in den sechziger Jahren brachte dann Veränderungen mit sich, die besonders an den Küsten des Landes eine zwiespältige Entwicklung in Gang setzten. Wir begriffen allmählich, wie schwierig es für viele Inselbewohner wurde, einen eigenen Weg in die große Welt zu finden. Für kurze oder auch längere Zeit gingen viele von ihnen als Gastarbeiter nach Deutschland, manche jungen Leute mit einem Stipendium zum Studium in das westliche Ausland oder – wie unser Freund Miro – auch in die USA. Sehnsucht nach der Inselheimat immer im Gepäck.

Jetzt wohnen wir in einem großen kroatischen Hotel. Vorbei die Studentenjahre, in denen wir in privaten Quartieren die Gäste einer Familie waren, vorbei die Zeit unserer Übernachtungen im Boot oder in kleinen improvisierten Unterkünften. Geschichten und Anekdoten in diesem Buch erzählen von Erfahrungen und Begegnungen in jenen Jahren, Erfahrungen mit der Schönheit der Insellandsschaft, der Gastfreundlichkeit der Menschen, aber auch dem Schrecken der Zerstörungen in Dubrovnik. Sie geben nicht zuletzt Zeugnis von einer lebenslangen Freundschaft mit Miro und seiner Familie

Oft haben Freunde uns gefragt, warum wir jedes Jahr wieder auf die gleiche Insel gereist sind, immer wieder nach Dalmatien.

Es ist nicht schwer, eine Antwort zu geben: die Schönheit der Landschaft, das Meer, das wunderbare Klima; im Laufe der Zeit kamen neue Freunde dort dazu. Das Inseldasein wurde uns vertraut. Wir fühlten uns wohl und drangen immer tiefer ein in die Besonderheiten unserer Lieblingsbuchten, Orte und Inseln; uns gefiel die Lebensart der Menschen; natürlich gab es auch manche Enttäuschung – es war wie in einer alten Ehe, auch die „Gewohnheiten des Herzens“ spielten sicher eine Rolle dabei.

Wenn ich heute, nach meiner Reise um die Welt und nach Forschungsaufenthalten auf den Inseln der Südsee, in meinen Tagebüchern blättere, dann fällt mir auf, wie viel ich in den letzten drei, vier Jahrzehnten über meine Zeit in Dalmatien geschrieben habe.

Und ich wundere mich im Rückblick, wie sehr es mir offenbar wichtig war Beobachtungen und Begegnungen für mich festzuhalten, mich der Erfahrungen zu vergewissern, die mich erfreut und beeindruckt hatten. Es waren ja ganz persönliche Aufzeichnungen, keine Notizen für Forschungsberichte. Die Lust am Schreiben blieb offenbar auch nach einem Tag in Sonne und Wasser oder unterwegs mit dem Boot lebendig. Später, mehr und mehr heimisch geworden in der Region und im Austausch mit unseren Freunden, entwickelte sich dann, ganz selbstverständlich, eine Anteilnahme an den Problemen unserer Gastgeber.

Als Ethnologin war mein Blick natürlich nicht unbeeinflusst von meinen Studien am Göttinger Völkerkunde Institut, und aus heutiger Sicht ist mir klar, wie wichtig meine dalmatinischen Inselaufenthalte für meine späteren Forschungsreisen im Pazifik waren: als erste Orientierung und Begegnung mit einer fremden Kultur.

Meine allererste Bootsreise – so schrieb ich in meinem Buch über Tonga1 – führte mich damals auf eine kaum dem Namen nach bekannte Insel in der Adria, die weder an irgendeine Schiffsverbindung, noch an Elektrizität oder gar Telefon angeschlossen war. Ein Transistorradio, Mehl, Salz, Petroleum für die Lampen und ein starkes Boot mit Dieselmotor, sehr viel mehr brauchte man dort nicht, um im 20. Jahrhundert zu überleben. Alles andere konnte die Fischer- und Bauernfamilie selbst erwirtschaften, und es gab nicht nur Fisch und Tomaten, sondern auch Honig und Wein. In den drei Wochen meines Aufenthalts in Sčédro habe ich meine wahre Initiation in eine fremde Welt erlebt, die in dieser Intensität unwiederholbar war.

Je länger und häufiger wir beide – Horst, mein Mann, und ich – uns in Dalmatien aufhielten, um so weniger konnten wir uns abschließen von den sozialen und politischen Verhältnissen im Lande. Wir nahmen Teil an kulturellen Tagungen und an der philosophischen Sommerschule von Korčula.

Zu Beginn der neunziger Jahre, aber auch schon früher, zeichnete sich dann die Katastrophe ab, die der Zerfall Jugoslawiens schließlich auch für Dalmatien bedeuten würde, eine Küstenregion, die uns immer weltoffen und friedliebend begegnet ist. Unser Besuch in Dubrovnik, ein Freundschaftsbesuch kurz nach der Bombardierung der Stadt, hat unsere Liebe zu dieser Region kritisch erneuert und vertieft.

Meine Aufzeichnungen und Erinnerungen an Dalmatien sind auch eine Aufforderung an alle, die mit diesem Lande als Freunde, Besucher oder Reisende verbunden waren, ihre eigenen Erinnerungen wieder aufleben zu lassen, sie nicht durch das schreckliche Kriegsgeschehen auf dem Balkan zu verdrängen; sie sind von daher nicht nur persönlich zu verstehen.

Der Name „Dalmatia“ bezieht sich auf die gesamte adriatische Küstenregion und die vorgelagerten Inseln; er wird zum ersten Mal im 1. Jahrhundert v. Chr. genannt, ersetzt dann immer häufiger den älteren Namen „Illyricum“ und wird auf den bekanntesten kriegerischen Stamm jener Zeit, die „Dalmaten“ zurückgeführt.

Die Geschichte und Kultur Dalmatiens, die mit den Steinzeithöhlen in Hvar beginnt, über griechische Kolonien, römische, byzantinische und venezianische Herrschaft und kulturelle Beeinflussung bis zum kroatischen Königtum im Mittelalter reicht, mit historisch so bedeutenden Städten wie das im Diokletianpalast gegründete Split oder die freie Republik Dubrovnik, ist in vielen historischen Studien bearbeitet und beschrieben worden. Die Wirren der neueren Geschichte füllen Bände; sie sind nicht Gegenstand meines Buchs, wohl aber im Hintergrund anwesend2.

Dalmatien und die Südsee

Noch vor meiner ersten Reise nach Hawai’i 1975, noch ehe ich 1977 zu meinem ersten Forschungsaufenthalt in Tonga, im Südpazifik, aufgebrochen war, habe ich mir die Südsee an manchen Tagen nach dem Muster unserer Erfahrungen auf den dalmatinischen Inseln vorgestellt. Aus Beschreibungen, aus Illustrationen, alten Kupferstichen in Büchern, schließlich aus Filmen hatten sich in meiner Phantasie Bilder entwickelt, die sich hier immer wieder durch Anschauung belebten: die Sonnenuntergänge zwischen dunklen Inselsilhouetten, die Palmen am Hafen, die Bootsfahrten auf einem stillen Meer bestärkten mich in meinem Wunsch, die in der Literatur beschriebenen See- und Inselwelten selbst aufzusuchen.

Ich weiß nicht mehr, ob es am Anfang diese Sehnsucht war, die mich die Südsee, oder wie es heute richtiger heißt: Ozeanien, als regionalen Schwerpunkt meiner ethnologischen Studien wählen ließ. Oder ob es, andersherum, die polynesischen Dichter waren, die mein Interesse an diesen Inseln weckten; (vielleicht gleicht dies der Frage nach dem berühmten Ei und der Henne). Sicher bin ich mir aber, dass ich schon bei meiner ersten Entdeckungsreise nach Sčédro diese für mich so wichtige Beziehung zwischen den antipodischen Welten empfunden habe.

In meinen beiden Büchern über meine Forschungsreisen in die Südsee finden sich immer wieder Bezüge auf meine dalmatinischen Beobachtungen und Erfahrungen. So schrieb ich zum Beispiel im Januar 1978 in mein Tagebuch über Neiafu, Vava’u in Tonga – mit Blick auf den Port of Refuge:

„Abendspaziergang am Hafen, sehen, ob das Paradies irgendeinen Hintereingang hat. Oder stehen dort nicht schon wieder die Mormonen auf Wache, mit Schlips und Kragen und strengen Gesichtern? Ihre drahtumzäunten sauberen Basketballplätze, der grüne Rasen auf ihren Sitzen des Herrn, wirkliche Herrensitze, vergleichsweise, in diesem armen, reichen Land. Im Abendsonnenschein eines warmen Sommertags mitten im Winter leuchten die Palmen und Pflanzungen lichtgrün.

Ich sitze im Schatten eines Mangobaums und schaue auf den berühmten Südseehafen, der mich allerdings doch – mit Respekt – an den Hafen von Hvar denken lässt, wie er abends, vom Berg aus gesehen im Meer liegt, umgeben von der kleinen weißen Stadt und mit seinen schwarzen Teufelsinseln – verwandt und doch so anders; irgend etwas fehlt mir hier. Sind es die Plätze, Gassen, steinernen Stufen meiner dalmatinischen Lieblingsinsel? Dass man immer wieder in der Erinnerung Vergleiche zieht – jetzt bin ich doch in der Südsee.“

Wie habe ich nun, umgekehrt, nach meinen Forschungsaufenthalten im Pazifik und nach der Reise um die Welt 1979 Dalmatien erlebt? Habe ich neue Entdeckungen gemacht? Unterschiede und Gemeinsamkeiten gefunden?

Die Unterschiede waren mir wohl zum ersten Mal bewusst geworden, als ich in Vava’u die venezianische Architektur der kleinen Stadt vermisste. Die urbane Lebendigkeit der Piazza. Die Vertrautheit mit der Kultur des Mittelmeers, die dann allerdings wieder in der eindrucksvollen katholischen Kirche der kleinen Hafenstadt in der Südsee in Erinnerung gerufen wurde. Für die üppige exotische Vegetation mit immer blühenden Büschen und mit ihren Kokospalmen habe ich in Dalmatien wiederum nur wenige Entsprechungen gefunden. Die Natur macht es den Menschen hier nicht so leicht, ihre Gärten zu bebauen; die Erde ist steinig und hart. Aber der natürliche Zauber der Südseeinsel wird wettgemacht durch das Wissen um die alten Traditionen der dalmatinischen Küste. So bin ich hin- und hergerissen in meiner Liebe zu beiden Insellandschaften.

Das Haus

Als wir auf unserer ersten Reise langsam mit dem Schiff auf den Hafen von Hvar zusteuerten, näherte sich uns die alte Stadt: die Palmen am Kai wuchsen vor unseren Augen, die Festung, Mauern, Gassen, Häuser rund um die Kathedrale formierten sich zum Traumbild: Inbegriff einer südlichen Stadt am Meer; vom Bug aus beobachteten wir wie sie sich in die umgebenden Buchten und Pinienhaine ausdehnte und entdeckten schließlich auf einer Landzunge das Haus.

Unser Haus! – so beschloss es Horst noch an Bord des Schiffes. Das war im August 1961.

Dann die Enttäuschung: natürlich war ein solcher Ort schon total besetzt. Die Italiener mit ihren großen Familien hatten hier Gewohnheitsrechte. In Hotels und Zimmern nicht ein Bett frei! Wir waren zwar jung, als Studenten nicht anspruchsvoll, aber ich war noch immer nicht gesund genug, um im Freien zu schlafen. So gingen wir, Horst und ich, von Haus zu Haus. Immerhin, wir waren verwegen genug, auf der Suche nach einem Bett, wenigstens für die Kranke, dort zu beginnen, wo wir vom Schiff aus das Haus unserer Träume gesichtet hatten. Und das Glück hatte, so schien es, doch gerade auf uns gewartet! Es hat einen Namen – „Vila Aranjos“. Und es hat Geschichte. Es wurde von reichen Bürgern noch zu kakanischen Zeiten erbaut und zeugt vom Geschmack und Status des Bauherrn. Das Haus am Meer ist aus hellem Kalkstein solide gebaut, sechzig Stufen führen zur Mole; es liegt im Schatten alter Pinien; seine grünen Jalousien und gemeißelten Balkone erlauben es seinen Bewohnern sich nach eigenen Wünschen mit der Sonne zu verständigen. Es ist nie zu heiß in den hohen Räumen; und im Winter wurden sie sowieso nicht gebraucht. Es war eben die Sommerresidenz reicher Bürger aus Zagreb.

Als Tito an die Macht kam machte er kurzen Prozess: Besitzungen von der Art dieser Villa wurden umstandslos enteignet und zu Kinder- und Ferienheimen umgewandelt; einige wurden in Wohnungen unterteilt und verdienten Partisanen zugewiesen. Andere kamen rasch den neuen Herren zugute. Die Partei übernahm in allen Lebensbereichen, also auch hier, die Regie. Wer immer an diesem Küstenstrich an der Macht war, hatte ein Auge auf diese herrschaftlichen Feriensitze oder begann sogleich, sich Grundstücke für solche Villen zu organisieren. Die ältesten Zeugnisse dafür, Reste wunderschöner farbiger Mosaiken, finden wir auf den vorgelagerten Teufelsinseln, wo sich bereits die Funktionäre des römischen Kaisers Diokletian ihre Villen errichtet hatten. Tito folgte diesem Modell. Seine Villa, umgeben von einem großen ummauerten Garten, liegt an einer einsamen Bucht mit gemauertem Kai.

Unsere Gastgeber, eine Fischer- und Bauernfamilie aus Jelsa, bewohnten das Erdgeschoss und die Kellerräume dieses Hauses. Nach Kriegsende fand die junge Familie, Nikola, Vesna und die beiden Jungen, Miro und Zdravko, hier endlich eine Bleibe. Es gab nur Wasser aus der Zisterne und aus dem Meer, aber immerhin Strom. Die Wohn- und die Sommerküche, Terrasse und Garten waren der Mittelpunkt des bescheidenen Lebens der jungen Familie; es orientierte sich in allem eher am dalmatinischen Dorf als am bürgerlichen Status seiner enteigneten Erbauer. Die Wohnungsnot jener Jahre zwang die Menschen – wie bei uns nach dem Krieg – zusammenzurücken; im Obergeschoss wurde noch eine andere Familie untergebracht.

Mit dem Beginn des Tourismus und nachdem sich der Alltag auf der Insel allmählich zu normalisieren begann, war die Versuchung groß, das bescheidene Einkommen als Fischer, Lehrer, kleiner Beamter oder Weinbauer durch die Vermietung von Gästezimmern aufzubessern. In den sechziger Jahren hatte wohl schon beinahe jede Familie „ihren Gast“, oft einen Stammgast aus Deutschland oder Italien. Die eigenen Schlafräume wurden dafür hergerichtet und als „Private Zimmer“ angeboten. Auch „unsere Familie“ war unter die „Gastgeber“ gegangen, wobei es meist die Frauen waren, die die Initiative dazu ergriffen; oft dauerte es eine Weile, bis sich der Hausherr damit abgefunden hatte – so auch bei uns. Und es war ja wohl auch für einen ehemaligen Tito-Partisan gewöhnungsbedürftig, nun ausgerechnet Deutsche in seinem Heim zu bewirten.

In den ersten Jahren wurde das Haus für uns zur zweiten Heimat und zum Stützpunkt für unsere Entdeckungsreisen zu anderen dalmatinischen Inseln; dort trafen wir überall auf Freunde und Verwandte „unserer Familie“, und es entstand eine Art dalmatinisches Clan-Netzwerk. Mit kleinen Bootsfahrten auf die gegenüberliegenden Inselchen, die Pakleni otoci, erprobten wir unsere Seetüchtigkeit. Als Stadtkinder und Landratten waren wir natürlich hoch motiviert, uns gegenüber unseren neuen Freunden nicht durch allzu ängstliche Vorsorge bloßzustellen; unsere Entdeckerfreude verführte uns anfangs daher so manches Mal zu Exkursionen, über die unsere Familie nur den Kopf schütteln konnte.

So geschah es zum Beispiel, dass wir bei einer Ausfahrt Wind und Strömung derart unterschätzt hatten, dass unser kleines Boot mit dem Drei-PS-Evinrude Motor schon beinahe wieder rückwärts fuhr, und wir es in einer abgelegenen ruhigen Bucht bis zum nächsten Morgen verankern mussten, um mit einem langen Fußmarsch über den Inselberg unseren Heimathafen wieder sicher zu erreichen.

Mit dem Fischen erging es uns nicht anders; die ersten Exkursionen mit unsrem Freund Miro zeigten uns, dass es beim Fischen nicht mit Harpune oder Angel getan sei. Seine Kenntnisse und sein Können, sein jagdgerechter Umgang mit den großen Fischen, belehrten uns, dass wir es besser ihm überlassen sollten, die Abendmahlzeit für die Familie zu erbeuten. Zu meiner Erleichterung und zu meiner Freude, wie ich heute gerne bekenne. Wir schwammen gewissermaßen im Kielstrom der Flossen unseres Freundes, und erlebten eine nie vorher gesehene Flora und Fauna am sandigen Grund des Meeres und in den Nischen der Felsen, wobei uns manches Mal der Unterschied zwischen Tier und Pflanze verborgen blieb: was ist denn nun eine Seegurke, eine Wasseranemone, eine Steckmuschel?

Zehn Jahre später glaubten wir ausreichend mit dem Leben auf diesen Inseln nahe Hvar vertraut zu sein, um uns auf größere Bootsfahrten zu wagen. Wir überließen unser kleines Dreimeterboot mit Außenbordmotor dem Haus und fanden heraus, dass es auf der Nachbarinsel Korčula eine traditionsreiche Bootswerft gab, die genau den Typ Boot produzierte, der für diese Küstenregion ideal geeignet ist: auf Pump erwarben wir unser Wanderboot in Vela Luka, ein Sechsmeterboot mit Dieselmotor (Volvo-Penta) und Segelausrüstung.

Die dafür nötige Lizenz, also das „Kapitänspatent“, mussten wir allerdings bei der Kapitanija in Dubrovnik erwerben, und so führte uns die allererste Fahrt mit diesem neuen Schiff dorthin, lediglich ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben der Werft. Unsere sichere Ankunft nach einer manchmal recht abenteuerlichen Fahrt entlang der dalmatinischen Küste im Hafen von Gruž bei Dubrovnik wurde dann ganz selbstverständlich als praktischer Teil der Prüfung anerkannt. Horst ist jetzt sogar mit diesem Patent befugt, „18 Personen (osoba) in einem Boot“ zu befördern. Was die Kenntnis der Winde anbelangte, so hatten wir ja inzwischen genug einschlägige Erfahrungen gesammelt.

Split – Diokletianpalast

Das Theaterhafte der Architektur fasziniert mich immer wieder, mitten in den Ruinen des Diokletianpalastes, auf roten oder blauen Plastikstühlen sitzend, kann man die merkwürdigsten Auftritte beobachten: einen bärtigen Piraten, einen jungen Mann mit grauen Stoppeln auf fahlen Wangen, Wiedergänger, Gruftaffen, Grabentstiegene. Die Selbstinszenierung der Einzelgänger: eine junge Frau, schwarzhaarig, schwarzäugig, schwarzgeschürzt bis zum schönen Knie, eine lustige Witwe, der die tausendfach von Schritten polierten Steinstufen des Palastes zu Füßen liegen; dazu die unermüdlich besichtigenden verschwitzten Touristen, die den Chor abgeben ...

Maria, im dottergelben Gewand, nicht mehr ganz jung, eine vollbusige Mittvierzigerin, eine Callas zwischen den Tempelruinen. Sie kauert nieder zwischen den gestürzten Säulen, den Marmorstümpfen im Innenhof des Diokletianpalastes: „Ich kann sie euch alles erklären“; deklamiert sie, deutet auf eine Gruppe aus Stein und Holz, die an die Giebelwand gelehnt ist, gekreuzigte Männer. Barabas unter ihnen!? Dreieinigkeit?

Die anderen, zerlumpte Alte und eingeschüchterte Kinder, die sich an ihre Mutter drängen, ängstlich, sehen zu ihr hin. Die Sängerin erhebt sich, breitet ihre Arme aus, steht da, weich fließend, dottergelb und mit klagender Stimme bekennt sie, dass sie nicht wisse, was sie von der Erlösung gehört habe, aber sie habe davon gehört. Und in einem lang anhaltenden Rezitativ beschwört sie alle, ihr doch zu glauben! „Wir wissen so wenig, erzähl uns doch mehr darüber! Wir knien hier schon lange und beten und wissen nicht zu wem!“

Säulen, makellos kannelierte Marmorsäulen mit üppigen Kapitellen, auf denen jedes Dach hätte ruhen können, standen dabei und stützten die blaue Luft ...

Kathedrale, Kirche, Tempel, Theater – wir begegnen fast zwei Jahrtausenden an diesem Ort. Die kaiserlichen Gemächer an der Wasserfront haben sich in eine quirlige Stadt verwandelt; das Volk hatte einst in ihnen Zuflucht gefunden, als die Awaren und Slawen Anfang des 7. Jahrhunderts bis zur adriatischen Küste vordrangen und 614 das römische Salona, sowie andere Städte an der Küste zerstörten. Die Bewohner flüchteten in die Berge und auf die Inseln, aus Salona aber vor allem in den benachbarten, befestigten Kaiserpalast. Noch im kroatischen Mittelalter, ja bis heute, haben sich die Spuren römischer Kultur erhalten. In der Entwicklung der Stadt Split finden wir das typische Muster dalmatinischer Geschichte: die gegenseitige Durchdringung verschiedener ethnischer und kultureller Einflüsse, die in Verbindung mit der begünstigten Lage am Mittelmeer den weltoffenen Charakter dieser Region prägen.

Split, wo sich der Städter heute mitten im Diokletianpalast zu Hause fühlt: so jedenfalls erscheint es dem Besucher, der sich durch die engen, schattigen Gassen der Altstadt seinen Weg bahnt, vorbei an den Buch- oder Fleischläden, Bäckereien und Cafés, auf der Suche nach der nächsten Sehenswürdigkeit oder dem besten Fischrestaurant.

Oder dem Fischmarkt, der beides vereint.

Tomislav, ein einarmiger Riese, der alle um Hauptes Länge überragt, und der als Leiter für den Fischmarkt verantwortlich ist, begrüßt uns als Freunde unseres Freundes Miro. Er ist der älteste Bruder der Mutter, also sein Onkel, und das bedeutet, dass er sich ganz selbstverständlich, auch mitten im Trubel, Zeit für uns nimmt. Er erklärt uns, wie so ein Markt funktioniert: Im Sozialismus, für den er als Partisan gekämpft hat, nämlich – nicht anders als überall am Mittelmeer – nach den Gesetzen des Fischfangs.

Der Geruch, nein, der Gestank ist überwältigend. Die Halle ein zwiespältiger Anblick. Der Reichtum des Meeres, frühmorgens schon angelandet, liegt ausgebreitet auf Eis und glänzt auf den Tischen aus Stein: wunderschöne fremde Geschöpfe, die großen Thunfischen gleichen; der feuerrote Drachenkopf, bläuliche Tintenfische, Fische, die uns vertraut sind; und natürlich Makrelen, Meeräschen, Barben, Sardinen ...

Viele haben wir schon beim Tauchen unter Wasser gesehen, schnell und lebendig, andere wiederum genüsslich verspeist oder auch im Freundeskreis rituell zerlegt genossen. (So widersprüchlich sind unsere Empfindungen nicht nur an diesem Ort.)

Rückblick: Als wir 1961 zum ersten Mal als Studenten nach Split kamen, ich weiß nicht mehr ob wir 20 oder 30 Stunden mit der Bahn unterwegs waren, wussten wir nicht, wohin uns diese Reise noch führen sollte. Der Zug hielt am frühen Morgen auf offenen Gleisen, ohne erkennbaren Bahnhof, nahe dem Hafen. Es war noch nicht sehr heiß, und ich war froh, wieder auf festem Boden zu stehen. Horst hatte alle Mühe, mich auf den Beinen zu halten und schleppte die Kranke in ein naheliegendes Café, das aber noch nicht geöffnet hatte.

Auf einem schwarzweiß gekachelten kühlen Boden liegend, erinnere ich mich nur, dass er verzweifelt versuchte, etwas Trinkbares, ein Glas Wasser zu besorgen. Auf irgend eine Weise sind wir dann doch noch am gleichen Vormittag an Bord eines Schiffes gekommen, das Richtung Süden fahren sollte. Ich erinnere mich, wie ich am Heck des Schiffes, an der Reeling, mehr hängend als stehend, wieder zu schauen begann: die kahlen, feindseligen Berge blieben zurück, das große Meer öffnete seine Arme, eine leichte Brise weitete meine Brust. Allmählich kam mir zum Bewusstsein, wo wir uns befanden.

Die Fahrt mit der Eisenbahn zwischen München und dem Tauerntunnel war für mich zu einer Höllenfahrt geworden. Beim Anblick der in der Abendsonne leuchtend roten Tauern überkam mich plötzlich eine Wahnvorstellung, eine schreckliche Vision: wie rohe, rote Haufen aus Fleisch erschienen mir die Berge. Und die metallisch sirrenden Geräusche der alten Waggons wollten nicht aufhören, dröhnten als Dauerton in meinen Ohren und mündeten in einem Panikanfall. Der Zug war nicht anzuhalten, die Berge nicht auszulöschen; ich lag bei zugezogenen Gardinen auf dem Boden des Abteils und weiß nicht mehr, wie ich die Stunden bis Split überstehen konnte.

Was war geschehen? Es muss eine regelrechte toxische Psychose gewesen sein. Wie wir uns hinterher klarmachten. Nach einer schmerzhaften Zahngeschichte, die als Trigeminusneuralgie fehldiagnostiziert und falsch mit Drogen behandelt worden war, könnte es sich auch um einen Medikamentenschock gehandelt haben. Aber ehe ich dann auf der Insel einen Arzt befragen konnte war der Spuk vorbei: in der frischen Seeluft und mit dem Abstand vom Festland und kamen die Lebensgeister zurück, und so empfand ich bei meiner Ankunft auf der Insel Hvar: dies ist meine Rettungsinsel!

Rettungsinsel

Aus dem Tagebuch – September 1961 – erste Eindrücke: Kirchenglocken, Transistormusik, Motorengeräusche der Boote; nicht einmal die vier Berge im Rücken oder der Tomatenkarton im spiegelglatten, glasklaren Wasser können diesem Gefühl etwas anhaben: Die Erde hat mich wieder.

Nach dieser Reise durch Abgrund und Unterwelt, von Dämonen gejagt bis an den Rand des Wahnsinns: ich will diesen schrecklichen Tonfall der Berge, diesen Schock vor dem Tauern-Tunnel nicht noch einmal beschwören, nicht alle Untiefen nachzeichnen, nachdem ich wieder Grund unter den Füßen spüre, warmen steinigen Grund, nachdem ich mich wieder am Leben freuen kann. (Ich muss mir gut zureden, hier etwas aufzuschreiben, etwas zu lesen, habe in den letzten Tagen ein bisschen in Cocteau geblättert, kreuz und quer, ohne System. Ob ich je wieder schreiben kann ...? Mir fehlt die Schreibmaschine.)

Nachrichten vom Tag – Aus allen Lautsprechern hört man Reportagen, aufgeregt, unverständlich, stolz im Ton. Im Hintergrund manchmal ein paar englische Laute. Nerus Begrüßung?! Große Politik und Weltgeschichte. Wir für ein paar Wochen auf dem Abstellgleis. Es heißt, wir hätten heute den 2. September. Beginn der Konferenz in Belgrad. Heute morgen war ich doch ein bisschen unruhig, dachte, es sei vielleicht Krieg ausgebrochen. Berlin!?

Aber hier ist Frieden, Ruhe – man hat nicht das Gefühl, auf einem Vulkan zu leben.

Viel aktueller: Zwischen Leuchtturm und Küste wurde heute Nacht ein Hai gesichtet – so erzählt Miro.

Entdeckungsfahrt – die Wellenschatten auf dem sonnigen Meeresgrund, Muschelfauna, Pilzgewächse, graues Wassergras, das sich leise in der Strömung wiegt. Der tote Oktopus bläht sich langsam auf; weißer Schaum, Schleim. Seesterne, Fische. Schleierfische – Geschöpfe aus Tausend-und-eine-Nacht. Oder wie von Klee gemalt, unwirklich; ich will versuchen, sie neu entstehen zu lassen. Heute sind alle diese Bilder noch zu selbstherrlich, entziehen sich dem Wort! Unterwasserwelt: Reich und Gefängnis der kleinen Seejungfrau. Wie sehr muss ihr – wenn sie die jungen dalmatinischen Fischer beobachtete – das Meer hier an dieser Küste als Gefängnis vorgekommen sein. (Ich musste an Ingeborg Bachmanns Undine denken.)

Beim Abendessen erzählt uns eine ältere Dame aus Zagreb was sie von den Dalmatinern hält. Viel gepriesen und geschmäht: ihre Schönheit, ihre Lässigkeit, Faulheit, Unzuverlässigkeit, und Würde. „Jedes Zagreber Mädchen hat ihre Dalmatiner Liebe, die es nie vergisst.“ Als Ehemänner aber müsse man vor ihnen warnen, seien sie unmöglich. Oder aber – selten – einmalig! Die Frauen jedoch müssten zu hart arbeiten, seien früh verbraucht.

Ich sehe sie abends, wenn sie auf dem Markt Wasser aus dem alten venezianischen Brunnen pumpen und die schweren Eimer und Krüge auf dem Kopf tragen; oftmals ohne ihre Hände zu Hilfe zu nehmen; sie steigen hoch aufgerichtet die schmalen steilen Gassen hinauf.

Ich sehe sie am Berg in den kleinen steinigen Terrassenfeldern arbeiten; abends kommen sie zurück auf staubigen, schwer mit Reisig, Flaschen und Körben beladenen Maultieren über die harten gewundenen, kaum erkennbaren Bergpfade.

Oder in schwerfälligen Fischerkähnen zusammen mit ihren Männern. Am Hafen laden sie aus: Säcke, Schüsseln, Bottiche, Krüge, Bündel – ohne Ende. Die Männer hantieren mit Seilen und Segeln, Netzen, Haken und Schnüren, Anker und Masten, Ruder und Reusen, die seitlich am Boot befestigt sind, im Wasser hängen, mit Fischen und Ködern; und plötzlich holen sie aus einer Luke einen Hummer, eine Languste mit zitternden Antennen – und werfen sie über Bord: zu klein!

Der Traum eines dalmatinischen Fischers: einen großen Zubatac fangen. Beim Fischen können sie alles vergessen, Weib und Kind: Fische, Fische, Fische – so erzählt es uns Miro. Und er lädt uns ein, gemeinsam mit seiner Familie am Wochenende zum Fischen zu fahren.

So beginnen wir, uns mit Fischen und Meer anzufreunden – und natürlich mit den Fischern …

Sčédro

1 Wo der Tag beginnt, enden die Träume – Begegnungen in der Südsee. Ethnologische und literarische Entdeckungsreisen, Fischer-Taschenbuch, Frankfurt 1998

2 Eine noch immer brauchbare und fundierte Einführung zu diesem Thema findet sich in dem „Reiseführer Dalmatien“ von Dmitar CuliĆ, das 1987 in Zagreb vom Verlag Niro „Privredni Vjesnik“ herausgegeben wurde.

Entdeckungsreisen – Sčédro

Erkundung (1962)

Wir wussten nicht, dass es diese Insel gibt, hatten ihren Namen nie gehört; nun schlug uns Miro eine Reise dorthin vor, am Tag nach meinem Geburtstag.

Am Abend zuvor: Anfrage bei der Forstverwaltung. Der Ingenieur sagte Ja. Miro sucht im ganzen Ort den ersten Schiffsmann, in jedem Restaurant – es heißt, er spielt gern Karten – und findet ihn schließlich in seinem Bett. Gespräch mit Ljubo: er ist einverstanden, dass wir mitkommen. In verschiedenen Inselbuchten sollen Fässer und Tonnen mit Pinienharz abgeholt werden; es soll früh losgehen, schon vor fünf mit einem kleinen Segelfrachter (der aber meist nur mit Motor läuft), zwei Mann Besatzung und wir drei.

Aufbruch

Fliegende Fische in der Morgensonne vor unserem Bug – wer von dieser Fahrt erzählt, der hat selber manchmal das Gefühl, dass es Schiffer- oder Fischerlatein wird, so unwirklich klingt das alles: junger Bambus zwischen den Felsen am Ufer, die steil, an manchen Stellen über 700 Meter hoch sich zu Bergen auftürmen, zum Sveti Nikola; feurig rote Granatäpfel in den Bäumen; Gärten wie von Klee ausgedacht in den Tälern und Mulden des gewaltigen Bergmassivs, das sich über die ganze Insel erstreckt, bizarr in den Formen, eingegrenzt von Steinwällen und Mäuerchen, trockenem Gestrüpp; Kreisformen, Ovale, Vielecke, Labyrinthe, in denen der Wein reift, der Lavendel blüht, die gelbgrünen Feigen in den schattenspendenden, breitbuschigen Bäumen leuchten; Oliven, verdorrte Tomatenstauden, vereinzelte Palmen dazwischen: Eine paradiesische Landschaft, zeitlos, oft menschenleer.

Die Pinienwälder, frisch und grün nach dem Gewitterregen, sind eine Überraschung: ein Berghang erinnert plötzlich an den Harz, aber dann grenzt er unvermittelt ans Meer, in dem er sich nicht spiegeln kann, weil die Brandung an den flachen Steinen aufschäumt und ein breites weißes Band ihn trennt von der glatten seidenen Blaufläche des Wassers.