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Im Frühjahr 1931 taucht Frida Grünfeld zum ersten, aber keineswegs letzten Mal in einer Polizeiakte auf. Sie ist slowakische Jüdin, Prostituierte, und man verdächtigt sie staatsfeindlicher Umtriebe. Außerdem ist die junge Frau unverheiratet schwanger und muss ihr Kind eine Woche nach der Geburt zur Adoption freigeben. Von da an verliert sich ihre Spur. Ihr Sohn Berthold gelangt später nach Norwegen und wird dort zu einem renommierten Psychiater. Was mit Frida geschehen ist, hat er nie erfahren - bis seine Tochter sich auf die Suche nach ihrer Großmutter macht. Durch ihre Recherchen in europäischen Archiven erfährt sie, dass sich das Netz um Frida immer enger zugezogen hat. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen und die Tschechoslowakei besetzen, ist Fridas Schicksal besiegelt. Ihr Leidensweg, auch als Zwangsarbeiterin beim Bau des Frankfurter Flughafens, endet in Ravensbrück.Fridas berührende Geschichte ist ein außergewöhnliches Denkmal für vergessene Opfer in der NS-Zeit - sie handelt von der Sehnsucht nach Zugehörigkeit, von Ausgestoßensein und Verlust.
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Seitenzahl: 357
Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhalt
[Cover]
Titel
Vorwort
Frida kommt zur Welt
Das Dorf Lelesz
Eine neue Demokratie
Die Spionageaffäre
Die Schwangerschaft
Die Niederkunft
Umzüge
Schwarze Trauerränder
Das Ende der Tschechoslowakei
Der Hinauswurf
Zurück in Bratislava
In der Mikwe
Die Matratze
Der Neujahrstag
Der Platz der Hlinka-Garde
Der Prozess
Uschgorod
Trondheim
Ungarns Ende
Auschwitz
Sklavin
Der letzte Kriegswinter
Mittwerda
Der Frieden
Die Hochzeitsreise
Die Listen
Nachwort
Spuren und Nebenspuren
Danksagung
Die Fortsetzung der Geschichte
Stammbaum der Familie Grünfeld
Karten
Abbildungsnachweis
Quellen
Archive
Literatur
Autor:innenporträt
Übersetzer:innenporträt
Kurzbeschreibung
Impressum
Vorwort
Im Frühjahr 1931 tauchte meine Großmutter Frida zum ersten Mal in den Akten der Polizei auf. Der Anlass war ein als geheim eingestufter Bericht des Geheimdienstes der Stadt Košice über Spionageaktivitäten in der Region. Der Bericht wurde unterzeichnet, gestempelt, kopiert und an die Polizeipräsidien der zentralen Städte des Landes verschickt: Prag, Bratislava, Brno (Brünn), Opava und Uschgorod. Außerdem wurde er dem Verteidigungsministerium, dem Hauptquartier der Armee und der staatlichen Militärpolizei zugestellt. Der Geheimdienst nahm die Angelegenheit offensichtlich ernst.
Der Bericht aus Košice sollte sich nur als eines von vielen Dokumenten erweisen, in denen es um Frida Grünfeld ging. Als ich begann, dem Leben und Schicksal meiner Großmutter nachzuspüren, fand ich Spuren und Brocken von Geschichten in Archiven der gesamten damaligen Tschechoslowakei. Zu diesem Zeitpunkt war mein Vater Berthold, Fridas Sohn, bereits zehn Jahre tot. Das meiste, was ich heute über Frida weiß, hat er niemals erfahren – zum Beispiel, dass er 1931 tatsächlich an dem polizeilichen Verhör teilgenommen hat. Allerdings lag er als kleiner Embryo in Fridas Gebärmutter, direkt unter ihrem klopfenden Herzen. Und Frida wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was in ihrem Körper vor sich ging und welche Herausforderungen sie erwarteten.
Solange ich mich erinnern kann, habe ich mich gefragt, wer sie wohl war. Kindliche Neugierde und Fragen, wie meine Großmutter ausgesehen hat, ob ich ihr ähnlich sehe, wer wir sind und woher wir stammen, führten im frühen Erwachsenenalter zu dem Wunsch, mehr über Frida zu erfahren. Ich wollte die fragmentarischen Erinnerungen meines Vaters an sie in einen verständlichen Zusammenhang bringen. Die äußerst geringen Bruchstücke, an die er sich erinnerte und die er bereit war, mit mir zu teilen, ließen auf unglückliche und verhängnisvolle Umstände schließen. Er wusste nur, in welchem Land er geboren war, dass Frida ihm den Namen Berthold gegeben hatte und er bei Pflegeeltern aufgewachsen war. Er wusste auch, dass er Jude war. Das war alles.
Nach und nach fand ich für meine persönliche Motivation künstlerische Ausdrucksformen. Die Geschichte meines Vaters war der Mittelpunkt von drei Filmen und einem Buch, allerdings ohne dass ich Frida dadurch nähergekommen wäre.
Die Vermutung, dass ich nicht tief genug in den Archiven gegraben hatte, wurde nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zur Gewissheit. Mit den Jahren wurde es einfacher, die Archive in den ehemaligen Ostblockstaaten aufzusuchen, und die Archive waren zunehmend in der Lage, den Besuchern mehr von ihren Materialien zur Verfügung zu stellen. Zug um Zug wurden die Sammlungen digitalisiert und im Internet zugänglich, sodass ich auch dort weiterforschen konnte.
Die Suche nach Frida hat ihre eigene Chronologie. Allerdings entsprach die Reihenfolge meiner Fundstücke nicht dem Ablauf ihres Lebens, sodass es bisweilen verwirrend war, sie chronologisch einzuordnen. Manchmal geriet ich, offen gesagt, auch auf Irrwege, aber je mehr ich herausfand, desto näher kam sie mir. Denn die Suche führte zu Resultaten. Ein Puzzleteil nach dem anderen konnte eingefügt werden, und ich war immer versessener darauf, das gesamte Bild zu sehen. Es wurde zur Obsession. Das Rätsel meiner Großmutter Frida musste gelöst werden. Sie zu verstehen hieß auch – und das wurde mir sehr schnell bewusst –, mich selbst und die Privilegien zu verstehen, die ich genoss. Ich begriff, wie wenig dazugehört, um alles zu verlieren.
Aber weshalb hatte die Polizei ein derartiges Interesse an meiner Großmutter gehabt? Was hatte sie getan, und was geschah mit ihr nach dem Verhör in Košice? Wie sehr wird das Leben eines Menschen von äußeren Umständen geformt, und warum hatte sie ihr Kind verlassen? Mehr als einmal habe ich gedacht, dass Fridas Geschichte vielleicht unerzählt bleiben sollte. Dass mein Vater recht hatte, als er mir die wenigen Erinnerungen, die er an seine Kindheit in Bratislava hatte, nur ungern erzählen wollte. Vielleicht sollte Frida ganz einfach in Frieden ruhen? Aber in der dramatischen Geschichte Zentraleuropas, deren Teil Frida und Berthold waren, muss es doch auch Positives geben? Bei allen Schwierigkeiten und Problemen muss es Hoffnung gegeben haben, und zeitweise bestimmt etwas Gelächter und Freude. Ich suchte nach irgendetwas, einem Lebenszeichen, einer Dokumentation, vielleicht nur einer Fotografie, die mir zeigen konnte, dass die Geschichte auch eine gute Seite hatte. Und während die Suche ihrem Ende zuging, gab es einen seltsamen Fund, der mich davon überzeugte, dass ich Fridas Segen habe, wenn ich erzähle, was ich heute weiß.
Frida kommt zur Welt
Das slowakische Dorf Lelesz war nicht sonderlich groß, von ihrem Nest auf dem Turm des Klosters konnten die Störche das gesamte Dorf übersehen. Unterhalb des Klosterhügels standen schmale, gemauerte Häuser in Reih und Glied. Alle mit einem Obst- und Gemüsegarten, alle mit einem Brunnen und einem Lattenzaun. Zwischen den Häusern verliefen schmale Schotterwege, und mitten durchs Dorf zog sich eine Allee aus Akazienbäumen, an der die Kirche und die Synagoge standen. Von oben betrachtet, war es unmöglich zu sagen, ob in einem Haus Christen oder Juden wohnten. Die Häuser der Roma hingegen waren leicht zu erkennen. Sie lebten am Rand des Dorfes, an der Grenze zu den sich weit erstreckenden Äckern, die sich jeden Sommer in ein schimmerndes Meer gelber Sonnenblumen verwandelten.
Lelesz, 1917.
Die Bevölkerung von Lelesz war stolz auf ihre Störche. Nicht alle Dörfer in der Gegend konnten die prächtigen Vögel willkommen heißen, wenn sie nach ihrem Winteraufenthalt in Afrika zurückkehrten. Doch ein Dorf ohne Storchennest war im Grunde genommen kein richtiges Dorf. Ein gewisser Segen schien auf der Anwesenheit der Störche zu liegen. Sie versprachen Nachwuchs und ein friedliches Zusammenleben, denn mit den Störchen kamen das Frühjahr und der Sommer, und dank ihnen landeten die kleinen Menschenkinder sicher, wenn sie durch die Schornsteine fielen – so wie Frida am Donnerstag, 3. September 1908.
Frida kam als Kind der frommen jüdischen Familie Grünfeld zur Welt. Ihre Mutter Hani hatte bereits acht Kinder geboren und wusste, was sie erwartete, doch sie war inzwischen beinahe vierzig Jahre alt und ihr Körper allmählich erschöpft. Ständige Kopf- und Gliederschmerzen quälten sie seit längerer Zeit. Glücklicherweise war die Hebamme Anna Reskó zur Stelle und half ihr, wie sie es auch bei einigen von Hanis früheren Geburten getan hatte. Anna Reskó kam aus einer christlichen Familie im Ort, in der die Frauen seit Generationen als Hebammen tätig waren. Normalerweise trat man in die Fußspuren des Vaters oder der Mutter. So war Fridas Vater Móric [deutsch: Moritz] Schuster wie sein Vater.
Móric Grünfeld war bei Fridas Geburt wahrscheinlich nicht dabei gewesen. Es war bei den Männern nicht üblich. Stattdessen hielt er sich vermutlich in der Werkstatt auf, um sich die Zeit zu vertreiben, oder er war in die Synagoge gegangen, um eines seiner täglichen drei Gebete zu sprechen. In diesem Fall wird er Gott gebeten haben, das Kind gesund zur Welt kommen und einen Jungen werden zu lassen. Ein Mädchen konnte niemals einen Jungen in einer Kultur ersetzen, in der der Mann jeden Morgen Gott dankte, dass er nicht als Frau geboren worden war. Zudem hatten Hani und Móric im Jahr 1900 ihre beiden kleinen Söhne Henrich und Dávid Mór verloren, die lediglich drei und anderthalb Jahre alt wurden. Kleine Kinder waren anfällig für Epidemien, die damals immer wieder ausbrachen.
Würde es ein Junge werden, sollte das Kind an seinem achten Lebenstag Leopold Weisz präsentiert werden. Weisz war nicht nur für eines der beiden Wirtshäuser des Dorfes verantwortlich, er war auch der lokale Mohel – der Beschneider – und hatte die Brit Mila bei allen Söhnen von Hani und Móric durchgeführt.
Ein immer wiederkehrendes Gesprächsthema unter den Einwohnern von Lelesz war zu dieser Zeit der anhaltende Sprachkonflikt zwischen den Bürgern, deren Muttersprache Ungarisch war, und denen, die Slowakisch sprachen. Da das Dorf viele hundert Jahre ein Teil der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie gewesen war, wurden in Lelesz mehrere Sprachen gesprochen. Bei der Volkszählung 1910 gaben 99,7 Prozent der Bewohner Ungarisch als ihre Muttersprache an, aber in den Straßen und Wirtshäusern hörte man auch Slowakisch, Deutsch, Ruthenisch und Jiddisch. Der Sprachkonflikt schwelte seit Generationen, hatte sich aber 1907 nach dem berüchtigten Massaker von Černová verschärft.
Unstimmigkeiten über die Einweihung einer neuen Kirche hatten in Černová zu Tumulten geführt. Die örtliche Bevölkerung, die eine selbstständige Slowakei forderte, verlangte, dass der junge nationalistische Priester Andrej Hlinka, der selbst aus Černová stammte, die Einweihungszeremonie vollziehen sollte. Aber Hlinka war bei seinem ungarischen Bischof Sándor Párvy in Ungnade gefallen. Nachdem Hlinka proslowakische Agitation betrieben hatte, war er als Priester suspendiert und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Als die einheimische Bevölkerung verlangte, man solle mit der Einweihung der Kirche warten, bis Hlinka sich wieder auf freiem Fuß befand, griff der Bischof ein. Zwei Ungarisch sprechende Priester wurden geschickt, um die Einweihung der Kirche vorzunehmen – eine Provokation, die dazu führte, dass die königlich ungarische Gendarmerie fünfzehn Menschen erschoss und viele weitere verletzt wurden.
Das Ereignis erregte nationales und internationales Aufsehen. Viele Akteure, die die Selbstständigkeit forderten und für die Rechte von Minderheiten kämpften, versuchten, aus dem Massaker ideologisches Kapital zu schlagen. Andrej Hlinka gelang es sogar, eine Reduzierung seiner Gefängnisstrafe zu erreichen, er genoss die Sympathie seiner Mitmenschen.
In dieser politisch-gesellschaftlichen Situation wurde Frida in den letzten Atemzügen der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie geboren. Mehrere hundert Jahre der zentralen Steuerung aus Wien und Budapest wurden von wachsenden lokalen Kräften herausgefordert. Aber noch lag Frida geborgen in ihrer Wiege und wurde von Mutter und Vater, drei älteren Schwestern und zwei großen Brüdern geschaukelt – der älteste war beinahe zwanzig Jahre älter als sie. Fridas Eltern hätten durchaus ihre Großeltern und der älteste Bruder Salomon ihr Vater sein können. In den armen, kinderreichen Familien war so etwas normal. Mehrere Generationen lebten unter einem Dach, die älteren Geschwister mussten sich um die jüngeren kümmern und einen Teil der Aufgaben der Eltern übernehmen. Die knappen finanziellen Mittel und die beengten Wohnverhältnisse ließen die Aussicht auf ein anderes Leben kaum zu. Viele junge Menschen entschlossen sich daher zur Emigration.
Als Frida zwei Jahre alt war, verließ die ältere Schwester Mari die Familie und wanderte 1910 zusammen mit Szerén Herschkovics, einem Mädchen aus der Nachbarschaft, nach Amerika aus. Mari war siebzehn, Szerén sechzehn Jahre alt. Von Lelesz ging die Reise nach Antwerpen, dort gingen die jungen Frauen an Bord der MS Finland. Am Montag, den 25. Juli 1910 erreichten sie Ellis Island in New York. Wohlbehalten angekommen, konnten sie bei Hanis älterem Bruder, Onkel David Schwartz im Haus Nummer 575 am Broadway in Brooklyn wohnen.
Vier Jahre später, als Frida sechs Jahre alt war, wanderte auch ihr älterer Bruder Jozef aus. Als Neunzehnjähriger ging er in Bremen an Bord der George Washington. Er verließ sein Heimatland rechtzeitig und vermied so, als Soldat zum Ersten Weltkrieg eingezogen zu werden.
Als ihre ältere Schwester Mari die Familie verließ, war Frida nicht alt genug, um zu verstehen, was es hieß, wenn jemand aufbrach und nicht wiederkam. Nun begriff sie es. Sie hörte die Geschichten, wie Jozef zusammen mit Hunderten anderer Europäer, viele von ihnen arme Juden, an Bord eines Schiffes ging, das sie über den Atlantik zu einer neuen und offenen Zukunft in Amerika brachte. Es war dasselbe Meer, das zwei Jahre zuvor beim meistdiskutierten Schiffsuntergang dieser Zeit beinahe eintausendfünfhundert Menschenleben gefordert hatte. Die Titanic war der teuerste Luxusdampfer der damaligen Zeit. Angeblich war das Schiff unsinkbar, doch bereits auf seiner Jungfernfahrt 1912 kollidierte es mit einem Eisberg und sank wie ein Stein in das nachtschwarze Meer. Das Ereignis führte weltweit zu großen Schlagzeilen auf den Titelseiten der Zeitungen und jagte all denen, die davon träumten, in die USA auszuwandern, einen gehörigen Schrecken ein. Fridas sechs Jahre ältere Schwester Regina wäre ihrer Schwester Mari gern gefolgt und wollte sich mit ihr in New York treffen, nach dem Titanic-Unglück verwarf sie jedoch den Gedanken an eine Atlantiküberquerung.
Amerika spielte in der Geschichte der Familie Grünfeld eine wichtige Rolle. Nicht nur die beiden ältesten Kinder waren emigriert und hatten sich bei Onkel David in Brooklyn einquartiert. Auch die Eltern Hani und Móric Grünfeld hatten sich zwanzig Jahre zuvor an der Lower East Side niedergelassen, als sie erst ein Kind hatten, den erstgeborenen Sohn Salomon. Aus Gründen, die wir nicht kennen, entschieden sich Hani und Móric drei Jahren später, wieder nach Europa zurückzukehren. Vielleicht war das Leben in der neuen Welt zu hart, vielleicht vermissten sie auch ihre Heimat oder mussten aus irgendeinem anderen Grund zurück.
Hani und Móric Grünfeld waren nicht die Einzigen, die zurückkehrten. Dreißig Prozent aller Emigranten in die USA entschieden sich damals, nach wenigen Jahren zurückzukehren. Der amerikanische Traum ging bei Weitem nicht für alle in Erfüllung. Viele erlebten, dass sie nicht geschaffen waren für ein von Uhren, Vorgesetzten und gewerkschaftlichen Regeln gesteuertes Leben. Es gelang ihnen einfach nicht, sich in der modernen Welt zurechtzufinden. Allerding war die Heimkehr teuer. Die meisten hatten zunächst gespart, um nach Amerika zu kommen, nun mussten sie erneut sparen, um die Heimreise zu finanzieren. So etwas tat man nicht mehrmals. Wenn man nach Hause zurückging, dann für immer.
Onkel David hingegen war geblieben. Bereits 1884 hatte er sich als Sechzehnjähriger an der Lower East Side niedergelassen, einem Viertel voller Juden. Schon bald hatte er Kate geheiratet, die ebenfalls aus dem ungarischen Teil der Doppelmonarchie emigriert war. Mit der Eröffnung eines Zigarrengeschäfts ermöglichte David sich, seiner Frau und ihren beiden Kindern Louis und Annie ein gutes Leben.
Es mag mehrere Gründe gegeben haben, dass sich David seinerzeit für die Emigration entschied. Armut und begrenzter Zugang zu Ausbildungsmöglichkeiten könnten dazu beigetragen haben. Die Drohung, zwangsweise in die kaiserliche Armee eingezogen zu werden, war ein anderer Grund. Vielleicht wollte er einem dominanten Vater, möglicherweise aber auch nur der Vorhersehbarkeit, der Langeweile und den engen Verhältnissen in Lelesz entfliehen.
In den 1950er Jahren, als mein Vater Berthold Mitte zwanzig war, träumte auch er von einer Reise nach Amerika. Dort gab es die exzellenten Universitäten, dort wurden sämtliche Erfindungen und Entdeckungen von Bedeutung gemacht. Nach dem Krieg lebten dort die Helden, außerdem waren viele Juden in die USA geflohen. Doch Berthold war bereits zu oft umgezogen, ihm gefiel der Gedanke an einen weiteren Aufbruch nicht. Hätte er gewusst, dass er Verwandte in den USA hatte, wäre die Angelegenheit möglicherweise anders ausgegangen, aber er kannte sie nicht. Überhaupt wusste er nur sehr wenig über die Familie Grünfeld, über Frida und seine eigene Herkunft.
Aus diesem Grund nahm Berthold 1957 im Alter von fünfundzwanzig Jahren Kontakt zum Einwohnermeldeamt von Bratislava auf. Die Stadt, die jahrhundertelang der Zentralregierung in Wien und Budapest unterstand, hieß auf Deutsch Pressburg und auf Ungarisch Pozsony. Berthold bat um einen Nachweis über die Identität seiner Eltern. Er selbst hatte keine Kenntnis, wie sie hießen oder woher sie kamen. Er wusste lediglich, dass die Familie jüdisch war – dies ließ sich aus der Tatsache ableiten, dass er direkt nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 als Kind nach Norwegen verschickt und später in einem jüdischen Kinderheim in Oslo untergebracht worden war.
Berthold studierte Medizin und hatte nur wenig Geld. Freunde aus dem jüdischen Milieu rieten ihm, vom deutschen Staat Entschädigung für den Verlust seiner Eltern und seiner Kindheit zu fordern. In der jüdischen Gemeinde von Oslo lernte er mehrere Gemeindemitglieder kennen, die eine ähnliche Vergangenheit hatten – heimatlose Flüchtlinge aus Zentraleuropa. Wo lässt man sich nieder, wenn man alles und alle verloren hat? Einige blieben in Norwegen, andere reisten weiter in die USA, nach Israel oder Südamerika. Alle brauchten Hilfe, genau wie Berthold.
Der Rechtsanwalt Alex H. Koritz, dessen Kanzlei in der Tollbodgaten 4 im Zentrum von Oslo lag, hatte Erfahrung mit derartigen Fällen. Als Erstes musste versucht werden, eine Antwort auf die Frage zu finden, wer Berthold eigentlich war. Die westdeutsche Bürokratie wies jeden Antrag ab, solange die Identität und das Schicksal der Eltern nicht ermittelt waren. Dass Berthold nie Kontakt zu seinen Eltern hatte, spielte dabei keine Rolle, erklärten die Behörden. Da er wusste, dass er aus Bratislava nach Norwegen gekommen war, schrieb er einen Brief an das dortige Einwohnermeldeamt. Ende 1957 bekam er Antwort. In dem Brief mit dem Betreff Rodný list – Geburtsurkunde – hieß es über die Mutter: Matka – Mutter: Friderika Grünfeldová. Das war alles. In der Rubrik »Vater« stand nichts. Das Feld war leer.
Dies war der Beginn eines umfassenden Schriftwechsels mit den deutschen Behörden. Der Antrag auf Entschädigung wurde mehrfach aufgrund mangelnder Beweise über das Schicksal der Eltern während des Krieges und danach abgewiesen. Die Ablehnungen führten zu Verärgerung im jüdischen Milieu von Oslo. Wie sollten sie erklären, dass sie komplett ausgeplündert worden waren und viele von ihnen ihr Leben verloren hatten? Wie sollten sie beweisen, dass man ihre Nächsten in den Gaskammern ermordet hatte und wer von ihnen als Erstes umgekommen war – eine Frage, die Einfluss auf die Erbfolge haben könnte. Hätten die Deutschen nicht selbst eine Dokumentation ihrer Verbrechen vorlegen sollen? Die Beweislast wurde auf den Kopf gestellt. Die Opfer mussten ihre Verluste selbst dokumentieren.
Rechtsanwalt Koritz gab nicht nach. Zwölf Jahre half er Berthold, Berufung gegen die Ablehnungen der deutschen Behörden einzulegen. Berthold konnte den Tod seiner Eltern nicht beweisen, aber es war naheliegend anzunehmen, dass sie bei der umfassenden Ermordung der Juden umgekommen waren, die mehr als sechs Millionen Leben von Kindern, Frauen und Männern gekostet hatte. Im Juni 1969 wurde Berthold endlich eine Entschädigung bewilligt. Da hatte er inzwischen sein Studium abgeschlossen und meine Mutter Gunhild geheiratet. Sie bekamen drei Kinder. Als Entschädigung für seine verlorene Kindheit und Zukunft erhielt er mit siebenunddreißig Jahren 14815,45 norwegische Kronen, genug, um sich einen nagelneuen glänzenden roten VW Käfer für sich und seine Familie zu kaufen. Ein Auto der besten Marke, ironischerweise in der Hochzeit von Nazi-Deutschland entwickelt.
Thomas, Gunhild mit Leo im Arm, Nina und Berthold, 1969.
Der Kampf gegen die deutsche Bürokratie war für Berthold eine Belastung gewesen. Es hatte nicht nur lange gedauert, es hatte auch alte, schmerzhafte Erinnerungen an eine turbulente und dramatische Kindheit geweckt. Berthold hatte auf eine Antwort gehofft, wer seine Eltern gewesen waren und woher sie kamen, aber er hatte nur den Vornamen seiner Mutter gefunden. Für eine ganze Kindheit war es nicht viel, aber es war immerhin etwas. Als ich geboren wurde, gab er mir den zweiten Vornamen Frederikke.
Als die Entschädigungsangelegenheit überstanden war und er Genugtuung bekommen hatte, beschloss mein Vater, einen Strich unter die Vergangenheit zu ziehen. Er hatte getan, was er konnte. Nun war es genug. Außerdem hatte er bei den vagen Kindheitserinnerungen aus der Zeit vor der Ausreise aus der Tschechoslowakei das Gefühl, dass er das Ganze besser ruhen lassen sollte. Mit der jungen Ehefrau an seiner Seite und drei Kindern auf dem Rücksitz fuhr Berthold den Käfer auf den frisch asphaltierten Straßen der sechziger Jahre spazieren. Der Krieg war ein für alle Mal vorbei, zumindest für ihn.
Das Interesse an Geschichte verschwand trotzdem nicht. Wenn er nicht im Zusammenhang mit seinem Lehrauftrag an der Universität von Oslo medizinische Fachliteratur las, vertiefte er sich in Biographien und historische Werke über Europa und die großen Weltkriege, über die Großmächte und deren Anführer und das Schicksal der Juden. In diesem Universum suchte er – bewusst oder unbewusst – nach seiner eigenen Geschichte.
Das Dorf Lelesz
Die Familie Grünfeld war eine von vierzig jüdischen Familien in Lelesz. Insgesamt lebten rund zweihundert Juden im Ort, genug, um eine religiöse Gemeinde zu bilden. Wie die meisten anderen Juden war Fridas Familie traditionell orthodox. Der Sabbat, die Feiertage und die Regeln für koscheres Essen wurden eingehalten. Sie arbeiteten hart und bemühten sich um ein einträgliches Auskommen mit ihren nichtjüdischen Nachbarn. Denn gerade das Fehlen einer friedlichen Koexistenz hatte ja dazu geführt, dass die Vorfahren der Juden von Lelesz ein paar hundert Jahre zuvor vor den Verfolgungen und Pogromen im ehemaligen Groß-Polen und dem zaristischen Russland geflohen waren.
Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte Lelesz zum ungarischen Teil der Doppelmonarchie und wurde am Ende mit »z« geschrieben. Die Juden nannten die Region Oberland, ein deutsch-jiddischer Begriff, der zwei Dinge verriet: Sie sahen diesen Teil der Slowakei als den oberen Teil von Ungarn an, und sie sprachen im Alltag weder Ungarisch noch Slowakisch. Auf der Straße und beim Spielen mit den Nachbarskindern sprach Frida Ungarisch, aber innerhalb der eigenen vier Wände redete sie Jiddisch, eine Mischung aus Deutsch und Alt-Hebräisch. Zu Mutter und Vater sage sie Mamele und Tate. Sie selbst wurde Fridele genannt, kleine Frida.
Von den zweitausend Einwohnern in Lelesz waren fast fünfundachtzig Prozent römisch-katholischen Glaubens und zehn Prozent Juden. Die übrigen Dorfbewohner waren Protestanten und bekannten sich zu verschiedenen Zweigen der lutherischen oder calvinistischen Lehre. Das Dorf war, mit anderen Worten, vielfältig und vollkommen egalitär. Es gab nur wenige Vermögende, allerdings auch nicht viele wirklich Arme. Für den Reichtum war das Kloster verantwortlich. Am ärmsten waren die Roma, die mit ihren Hühnern und Schweinen in einfachen Hütten mit Lehmböden lebten. Die fast dreihundert Roma wurden bei der Volkszählung, die Anfang des 20. Jahrhunderts durchgeführt wurde, nicht mitgezählt. Sie gehörten nicht zum offiziellen Lelesz. Dennoch waren sie weithin für drei Dinge bekannt: Backsteine, Körbe und Musik. Als das mächtige Kloster im Mittelalter erweitert wurde, übernahmen die Roma die Produktion sämtlicher Backsteine. Im Volksmund hieß es, dank der Arbeit der Roma hätte das Kloster den Verwüstungen durch die Türken im 17. Jahrhundert getrotzt, sodass die wertvollen byzantinischen Fresken noch immer unangetastet innerhalb der Klostermauern hingen.
Um die Backsteine zu transportieren, benötigte man solide Körbe. Ihre Produktion war die Aufgabe der Roma-Frauen. Sie saßen auf der Erde und flochten Körbe aus festen Maisblättern von den Äckern des Klosters. Um die Körbe widerstandsfähiger werden zu lassen, wurden sie mit Sonnenblumenöl getränkt. Dadurch glänzten sie wie die Sonne, die hinter dem Horizont verschwand. Nach und nach wurden die Körbe auch außerhalb von Lelesz nachgefragt, aber aufgrund von mangelnden Lese- und Schreibkenntnissen waren viele Roma nicht in der Lage, Handel zu treiben. Daher entwickelte sich ein überwiegend von Juden betriebener Handel. Die Juden kauften Backsteine und Körbe von den Roma und verkauften sie weiter. Die Roma bekamen Geld, mit dem sie andere Waren einkaufen konnten.
Die jüdische Religionsausübung in Lelesz war traditionell, aber in keiner Weise ultraorthodox, wie man es aus der Erweckungsbewegung der Chassiden kannte. Für den sektiererischen Chassidismus, der sich im 18. Jahrhundert im Baltikum, Polen und in den Gebieten weiter östlich ausgebreitet hatte, waren die Juden in Lelesz kaum empfänglich. In den einige Kilometer entfernten transkarpatischen Städten Uschgorod und Berehovo gab es orthodoxe jüdische Männer mit Schläfenlocken (Pejes) in zahlreichen religiösen Lehrinstitutionen, den sogenannten Jeschiwa, wo sie den Talmud studierten. Bekleidet mit Schtreimeln, großen, runden Pelzmützen, deren Vorbild die Mützen der polnischen Kosacken des 18. Jahrhunderts waren, und langen Kaftanen mit einem Gürtel (Gartel), der die Trennung zwischen dem reinen und dem unreinen Teil des Körpers markierte, saßen sie tagein, tagaus da und schockelten über den heiligen Schriften. Schaukelnd vollzog sich die ewige Auslegung der Texte. Durch ihre Diskussionen wurden sie belesene Rabbiner und Interpreten der Gesetze und Vorschriften, die ihren Glaubensgenossen gute Ratschläge geben konnten, allerdings fanden sich unter ihnen kaum gute Handwerker.
So wie die Juden in Lelesz nur wenig Respekt vor dem Chassidismus hatten, distanzierten sie sich auch von der Neologie, einer Reformbewegung, die aus dem modernen reformierten Judentum entstand, das sich in den westlichen Teilen des großungarischen Reichs entwickelt hatte. Parallel zur industriellen und technologischen Entwicklung, die sich im 19. Jahrhundert beschleunigte, gab es viele Juden, die sich dieser modernen Strömung anschlossen. In der Hoffnung auf einen höheren Lebensstandard, Gleichberechtigung und bessere Chancen zogen sie in die Städte und änderten ihre religiöse Praxis. Die Synagogen, die zu dieser Zeit entstanden, waren häufig groß und nach dem gleichen Muster gebaut wie christliche Kirchen, mit Bänken an den Seiten, Mittelgang und einem hohen Kirchenschiff. Bis dahin waren die Synagogen meist klein gewesen, häufig diskret hinter einem anderen Gebäude oder in einem Hinterhof versteckt, um keine Aufmerksamkeit oder Zorn zu erregen. Die Neologie hatte jedoch das erklärte Ziel, der gesellschaftlichen Mehrheit zu zeigen, dass die Stadtjuden anpassungsfähig waren.
Kaiser Franz Joseph I. hatte nach seiner Thronbesteigung 1848 eine Reihe von Reformen verfügt, die die Rechte der Juden im österreichisch-ungarischen Kaisertum stärkten. Sie konnten nun nicht nur in den Handelsstand eintreten, sondern bekamen auch Zugang zu den Universitäten, auf denen sie akademische Staatsexamen ablegen konnten. Zusätzlich bot ihnen das Militär Karriere- und Beförderungsmöglichkeiten. Es heißt, Franz Joseph I. hätte als junger Regent einmal eine Militärparade abgenommen. Als er einen gewöhnlichen Rekruten sah, an dessen Brust eine Reihe frisch geputzter Orden hing, soll er sich erkundigt haben: »Warum ist dieser Mann nicht Offizier?« »Er heißt Abraham Schwarzer, ein Jude«, erwiderte der Kommandant. »Im österreichischen Heer gibt es keine Juden, nur Soldaten. Diejenigen, die es verdient haben, werden befördert. Geben Sie dem Mann einen Offizierssäbel«, soll Franz Joseph angeordnet haben.
Als der Kaiser mit achtzehn Jahren den Thron bestieg, lebten in Wien rund zweitausend Juden. Vierzig Jahre später hatten einhunderttausend neue jüdische Einwohner Unterdrückung und Armut in den Steppen der Ukraine und den Dörfern Transkarpatiens hinter sich gelassen und waren nach Wien gezogen. Die Juden in Lelesz jedoch blieben. Natürlich gab es den einen oder anderen, der in die Stadt zog oder nach Amerika auswanderte, dafür zogen jedoch andere nach Lelesz und hielten den Anteil der jüdischen Dorfbewohner bei konstant zehn Prozent. Damit waren sie in der Lage, einen Minjan zu bilden, eine Versammlung von mindestens zehn mündigen Männern, die notwendig ist, um einen Gottesdienst abzuhalten. Ein umherreisender Schochet, ein jüdischer Schächter, sorgte jede Woche vor dem Sabbat dafür, dass die Speisen gesegnet wurden. Die Juden hatten ihr eigenes Gotteshaus und eine Schule für die Kinder. Mit dem alten, ehrwürdigen Kloster, das für Arbeitsplätze sorgte, fruchtbaren Äckern, durch die sich die Einwohner weitgehend selbst versorgten, und einem Bevölkerungsanteil von Roma, die zum Tanz aufspielten, ließ es sich in Lelesz angenehm leben. Christliche und jüdische Kinder gingen in die öffentliche Schule und spielten zusammen in ihren Gärten. Zweimal im Jahr wurde ein Fest veranstaltet: Ein Erntedankfest im Herbst und ein Silvesterfest, um sich gegenseitig ein fruchtbares und friedliches neues Jahr zu wünschen. Katholiken, Juden und Protestanten feierten Seite an Seite. Hier schien ewiger Frieden zu herrschen, bis zum Herbst des Jahres 1914, als Frida in die Schule kam.
Ein fünfjähriger Schulbesuch war obligatorisch für alle, Mädchen wie Jungen; Frida sollte lesen und schreiben lernen. Doch es waren turbulente Zeiten. Am 28. Juni 1914 wurde Franz Ferdinand, der Kronprinz und Erzherzog von Österreich-Ungarn, bei einem Attentat in Sarajevo erschossen. Einen Monat später begann der Erste Weltkrieg. Im Laufe der kommenden vier Jahre wurden mehr als siebzig Millionen Soldaten mobilisiert. Fridas älterer Bruder Jozef war drei Wochen vor Kriegsausbruch in den USA angekommen und entging der Rekrutierung, doch der älteste Bruder Salomon, wurde 1916 zum 65. Ungarischen Infanterieregiment eingezogen. Nach zwei Jahren in den Schützengräben hatte er sich eine Lungenkrankheit zugezogen und war zur Behandlung in ein Krankenhaus nach Ungarn geschickt worden. Im Frühjahr 1918 wurde er als geheilt entlassen und kam am 11. Juni nach Hause, nach Lelesz. Er war dreißig Jahre alt, kriegsversehrt und unverheiratet. Auf dem Heiratsmarkt galt er als alter Mann. Seine Zukunftsaussichten waren düster.
Ein halbes Jahr nach Salomons Entlassung, am Montag, dem 11. November 1918, 11:00 Uhr, herrschte endlich Frieden. Zehn Millionen Soldaten und sieben Millionen Zivilisten waren getötet worden. In allen Familien von Lelesz gab es Opfer. Die friedliche Landschaft mit ihren weiten Maisäckern hatte ihre Unschuld verloren. Die Sonnenblumen hatten Soldatenstiefel und die Hufe der Kavallerieregimenter niedergetrampelt, im Matsch lagen die verwesenden Leichen junger Männer. Die mächtige Habsburger Doppelmonarchie war nur noch eine Legende, und Österreich und Ungarns Landgebiete auf einen Bruchteil reduziert. Durch die neuen Grenzziehungen gehörte Lelesz nun zu einem ganz neuen Staat, mit neuen Gesetzen und einer neuen Sprache. Die Welt von gestern war verschwunden, und die neue Welt gehörte Frida.
Eine neue Demokratie
»Verehrter Herr Präsident, erlauben Sie mir, meine tiefste Dankbarkeit auszudrücken für die Anerkennung unseres Heeres, unseres Nationalrats und unserer Nation«, schrieb Tomáš Garrigue Masaryk am 7. September 1918 in einem Brief an den Präsidenten der USA Woodrow Wilson.
Masaryk war der progressive Politiker, der bereits zweimal zuvor in den Reichsrat, das österreichische Parlament, gewählt worden war und seit Beginn des Ersten Weltkriegs unermüdlich dafür gekämpft hatte, die Kräfte in Böhmen, Mähren und der Slowakei zu bündeln, um eine gemeinsame Union zu bilden. Nur wenige verstanden so gut wie er, wie entscheidend es war, internationale Unterstützung für politische Projekte zu bekommen. Als der Erste Weltkrieg in seine Schlussphase eintrat, hatte Masaryk sechs Monate in den USA verbracht. Dort trieb er die Idee eines Staates voran, der auf einer slawischen Union basierte. In Pittsburgh hatte er im Frühjahr 1918 die Unionsdeklaration durchgesetzt, in der zum ersten Mal der Begriff Tschecho-Slowakei (mit Bindestrich) verwendet wurde. Nach drei Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten erklärte Masaryk die Selbstständigkeit der Tschecho-Slowakei – von amerikanischem Boden aus.
Ein Jahr später, 1919, wurden die Bedingungen für die Gründung der Tschecho-Slowakei im Vertrag von Saint-Germain festgelegt. Beschlossen wurde, dass Böhmen, Mähren und das österreichische Schlesien Teil dieses neuen zentraleuropäischen Landes werden sollten. Der Versailler Vertrag regelte, dass Deutschland das Sudentenland abtreten musste. Ein weiteres Jahr später wurde der Vertrag von Trianon ratifiziert, mit dem Resultat, dass Ungarn siebzig Prozent seines Territoriums verlor und die Slowakei und Ruthenien formal in die Tschecho-Slowakei eingegliedert wurden. Masaryk wurde der erste Präsident des Landes und nach und nach auch der große Landesvater.
Tomáš Garrigue Masaryk.
Die Gründung des neuen Landes war zunächst eine gute Nachricht für Frida und die Familie Grünfeld, führte es doch zu gleichen Rechten für alle, zur Unabhängigkeit der Religion und einem Nationalgefühl. Die neue Konstitution gab den Frauen das Wahlrecht, und alle, die innerhalb der Landesgrenzen lebten, konnten die Staatsbürgerschaft beantragen. Die Bedingung war, dass man sich loyal gegenüber der neuen Nation zeigte und die offizielle Sprache des Landes lernte, Tschechisch. In Lelesz wurde das ungarische »z« am Ende des Namens gestrichen. Fridas Heimatort hieß nun Leles.
In den meisten Schulen war Ungarisch die Unterrichtssprache gewesen. Nun wurden die Lehrer durch zugereiste Lehrer ersetzt, die stattdessen auf Tschechisch unterrichteten. Viele kamen direkt aus der damals sogenannten Tschechei und nicht aus der Slowakei. Die Slowakei hatte einfach nicht genügend Personal mit den notwendigen Kompetenzen, um die nächste Generation zu unterrichten oder eine Staatsverwaltung aufzubauen. Dadurch wurden die meisten führenden Positionen innerhalb der Verwaltung, der Polizei und der Lehre mit Tschechen besetzt.
Der Bevölkerung von Leles wird viele Veränderungen in der Gesellschaft vermutlich kaum bemerkt haben. Der geographische und kulturelle Abstand zwischen der bäuerlichen Gesellschaft von Leles und dem Industrie- und Machtzentrum in Prag hätte nicht größer sein können. Während junge Mädchen in Prag in ärmellosen Kleidern und Rocksäumen, die am Knie endeten, auf Straßenbahnen sprangen, hatten Frida und ihre Gleichaltrigen in ihrem Leben kaum jemals eine Straßenbahn gesehen. Sie trugen langärmlige Blusen und lange Röcke, stramm geflochtene Zöpfe und Kopftuch. Auf dem Weg zur Schule begegneten sie Bekannten zu Fuß oder mit Pferd und Wagen, denen sie auf Ungarisch einen guten Morgen wünschten, jó reggelt.
Die Schulbank drückte Frida mit christlichen und jüdischen Kindern. Die Kinder der Roma wurden nicht unterrichtet. Den meisten Kontakt hatte Frida dennoch mit Kindern aus jüdischen Familien. Neben einem der vielen Kinder des Pferdezüchters Samu Klein zu sitzen, war von großem Vorteil, denn niemand hatte so gute Äpfel wie sie.
Die Familie Klein wohnte gegenüber der Synagoge. Dort hatten sie einen riesigen Apfelhain, in dem Frida und die anderen Kinder nach Einbruch der Dunkelheit Äpfel stahlen. Hier schlachtete der umherreisende Schochet am Donnerstag die Hühner, bevor das Geflügel mit Zwiebeln und Bohnen zu einem Tscholent gekocht wurde, in einem Kessel, der mit einer Schicht Lehm abgedeckt und in einen Ofen im Freien gestellt wurde, wo der Eintopf bis zum Mittagessen am Sabbat garte. Auf der anderen Seite der Straße von Familie Klein lebte der Manufakturinhaber Jozef Schwartz, der Waren des täglichen Bedarfs verkaufte. In dem Laden neben seinem Haus verkaufte er alles, von Kräutern, Tee und eingelegten Gurken bis zu Büchern, Nähgarn und die von den Roma-Frauen geflochtenen Körbe. In der Parallelstraße wohnte die Näherin Frau Schlanger mit ihrer Familie. Ihre Nähte und Stiche sahen gut aus und hielten. Die meisten jüdischen jungen Mädchen, die Näherin werden sollten, gingen bei ihr in die Lehre, darunter Fridas große Schwester Regina. Das Schneiderhandwerk hingegen war den Männern vorbehalten. Ohnehin war, wie überall in der Gesellschaft, die Verteilung der Geschlechterrollen streng reglementiert.
Auch in der Schule waren Jungen und Mädchen getrennt. Die jüdischen Jungen gingen außerdem in die Religionsschule Cheder. Jeden Morgen um sechs Uhr, vor Beginn der offiziellen Volksschule, wurde ihnen das hebräische Alphabet mit dem Gebetsbuch Siddur und dem Talmud beigebracht. Wenn der normale Schulbetrieb vorbei war, kamen sie zurück zum Nachmittagsunterricht. Auch an diesem Unterricht nahmen Frida und die anderen Mädchen nicht teil, aber sie spionierten den Jungen durch die Fenster der jüdischen Schule nach.
Im Klassenraum saß Frida nur mit anderen Mädchen. Der Lehrer war allerdings ein Mann. Einmal kam Fridas ältere Schwester Regina aus der Schule und beklagte sich bei ihrer Mutter über das Benehmen des Lehrers. Hani wurde böse. Am folgenden Tag tauchte sie in der Schule auf, unterbrach den Unterricht und erklärte dem Lehrer in Anwesenheit der Kinder, welche Verfehlungen er ihrer Ansicht nach begangen hatte. Um so aufzutreten, musste man entweder sehr mutig oder ausgesprochen wütend sein. Hani war vermutlich beides. Auch Regina bekam das Temperament ihrer Mutter zu spüren, als sie sich in einen jungen Mann verliebte, der Hani nicht gefiel. Mórics Meinung war von geringer Bedeutung. Immer wieder kam es zu lautstarken Auseinandersetzungen und Streitigkeiten zwischen Hani und Regina, denn Regina hatte das Temperament ihrer Mutter geerbt.
Sich zu seiner Liebe zu bekennen, wie es Regina tat, war nicht leicht in einer Gesellschaft, in der noch immer die Eltern den Ehepartner ihrer Kinder aussuchten, und die Frauen ihre Köpfe rasierten und eine Perücke trugen, den Scheitel, wenn sie verheiratet waren. Schließlich musste Regina einsehen, dass die Schlacht verloren war. Hani setzte ihren Willen durch, Regina brach mit dem jungen Mann. Reginas Respekt und Liebe hatte ihre Mutter damit allerdings verloren. Aus Rache weigerte sie sich zu heiraten, bis sie im Alter von dreiundzwanzig Jahren – ihre Zeitgenossen hielten sie für eine attraktive Frau – einsah, dass das Leben als unverheiratete Frau ihre Chancen und Möglichkeiten doch sehr einschränkte. Regina war daher einverstanden, den fünf Jahre älteren Bäcker Jozef Chaim Heller zu heiraten. Hani hatte ihn ausgesucht. Regina liebte ihn nicht, aber die Ehe ermöglichte es ihr auszuziehen, fort von der Mutter und Leles.
Zunächst zogen Regina und ihr Ehemann in ein Nachbardorf, aber in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre emigrierten sie und ihre beiden kleinen Kinder, Margite und Thomas Harry, nach Antwerpen. Höchstwahrscheinlich wollten sie in die USA, denn zu diesem Zeitpunkt war auch der kriegsversehrte Bruder Salomon bereits nach Amerika ausgewandert, aber Reginas große Angst vor dem Meer hinderte sie an der Überfahrt.
Nachdem Regina und Salomon ausgezogen waren, lebten nur Frida, die zwei Jahre ältere Schwester Helen und der zwei Jahre jüngere Bruder Herman noch bei ihren Eltern. Während Helen Bücher verschlang und Herman Lehrling in der väterlichen Werkstatt wurde, hatte Frida andere Interessen. Sie hatte Hanis Temperament und Reginas Veranlagung geerbt, sich zu verlieben – und in einer Zeit, in der Frömmigkeit und Ehrenkultur eine so zentrale Rolle spielten, waren Konflikte damit vorprogrammiert. In allen kleinen Dörfern wurde geklatscht, wer sich anständig oder angeblich anstößig benahm. Alle hatten ihre Rebellen und schwarzen Schafe, zur allgemeinen Verärgerung oder Belustigung. Nicht selten kamen die Gerüchte schneller auf, als die eigentliche Tat vollzogen wurde. Am anfälligsten waren junge, hübsche Frauen wie Frida. Ein junger Mann blieb davon in aller Regel verschont, wenn er nicht gerade stahl oder tötete. Er war trotz allem ein junger Mann. Jungen Frauen gegenüber wurde jedoch kaum Toleranz entgegengebracht, wenn sie gegebene Normen und Regeln verletzten. In den meisten Dörfern und jüdischen Schteteln gab es ein Mädchen, das sich einen Fehltritt erlaubt hatte, zu laut redete, zu viel sang oder zu wild tanzte. Und war sie erst einmal aufgefallen, wussten alle, dass sie schon bald wieder auffällig werden würde. Es war nur eine Frage der Zeit. Ein Fehltritt und das Schicksal eines jungen Mädchens war besiegelt. Mehr war nicht nötig. Damit hatte sie bereits die Familienehre besudelt.
Entehrt fiel die Schuldige in Ungnade. Die zerstörerische Kraft der Schande ließ sich nur aufwiegen, wenn man die Spiegel im Haus abdeckte, wie es jüdischer Brauch bei einem Todesfall in der Familie ist, und der Vater oder ein Bruder das Totengebet Kaddisch für sie las. Und wurde sie erst einmal für tot erklärt, musste sie auch das Dorf verlassen.
Anfang der 1970er Jahre, als ich zur Schule kam, habe ich wohl angefangen, Fragen zu stellen.
»Alle haben eine Großmutter und einen Großvater. Wo sind unsere?«, wollte ich von meinem Vater wissen. Berthold war darauf nicht vorbereitet. Er hatte den Krieg hinter sich gelassen. »Ich weiß es nicht. Fort«, erwiderte er kurzangebunden.
»Wie hießen sie, wo wohnten sie, was hatten sie für Berufe?« Ich quengelte. Die Antworten waren ausweichend und passten nicht zusammen. An einem Tag war sein Vater Journalist oder Amtsrichter, am nächsten Wachtmeister. Eine Weile hieß er Peter, dann Jan, dann hatte er keinen Namen mehr. Die Mutter hieß Friderika. Das wusste er. Das stand in der rekonstruierten Geburtsurkunde aus dem Archiv in Bratislava, das in seiner linken Schreibtischschublade lag, zusammen mit seinem Militär-Soldbuch, den Familienpässen und den übrigen Geburtsurkunden – sowie einem Haufen alter Schwarz-Weiß-Fotografien. Wenn er nicht zu Hause war, habe ich mich oft in sein Arbeitszimmer geschlichen und in seinen Sachen geblättert. Vielleicht gab es ja etwas, das er verheimlichen wollte, oder etwas, dessen Bedeutung er selbst nicht verstand.
»Was hat sie getan?«, wollte ich wissen. »Sie war sicher Hausfrau wie alle anderen«, antwortete er abweisend.
Die Fragen quälten meinen Vater, also hörte ich damit auf. Er hatte ohnehin keine Antworten für mich. Stattdessen begann ich mit Tagträumen. Ich stellte mir Szenen in Schwarz-Weiß vor, in denen meine Großeltern bei der dreißigjährigen Suche nach ihrem Sohn plötzlich an einem öffentlichen Ort auftauchen, an dem ich mich zufällig auch befand. Oft in einer Post. Sie waren ängstlich und beherrschten unsere Sprache nicht. In dieser Fantasiewelt kam ich ihnen zu Hilfe.
Die Tagträume waren an dieser Stelle aber noch nicht zu Ende. Als Herrin über Zeit und Raum ließ ich die Ereignisse am Tag vor dem Geburtstag meines Vaters stattfinden. Das Geschenk, das er bekommen sollte, lag für mich auf der Hand. Ich wollte einen alten Garderobenschrank aus braunem Holz kaufen, mit zwei Türen und Messingbeschlägen, um darin die alten Eltern zu verstecken. Nachdem ich ihn morgens mit Brötchen und Kakao geweckt hatte, würde er mein Geschenk öffnen.
An dieser Stelle endete der Tagtraum immer. Ich konnte mich nie entscheiden, wie er reagieren sollte.
Die Spionageaffäre
Es gibt keinen Hinweis, der uns mit Sicherheit mitteilen könnte, wo Frida sich befand oder was sie tat, nachdem sie Leles verlassen hatte, um dann im Frühjahr 1931 im Alter von zweiundzwanzig Jahren in den Akten der Polizei aufzutauchen. Für eine junge, alleinstehende und hübsche Frau hätte es nahegelegen, sich eine Arbeit als Haushaltshilfe oder Kindermädchen zu suchen. Das hätte ihr Kost und Logis gesichert. Verkäuferin, Kellnerin oder Industriearbeit wären auch mögliche Alternativen gewesen, doch dann hätte sie selbst für Unterkunft und Verpflegung sorgen müssen. Frida könnte durchaus all diesen Tätigkeiten nachgegangen sein, bei diversen Anlässe gab sie dies den Behörden gegenüber auch an, aber wegen dieser Art von Beschäftigungen stellte die Polizei sie kaum unter Beobachtung.
Drei Monate nachdem Fridas Name in dem als geheim gestempelten Spionagebericht des Geheimdienstes in Košice erwähnt wird, wurde sie am Mittwoch, den 24. Juni 1931 zum Verhör auf das Polizeipräsidium in Bratislava gebracht, nachdem die Polizei eine Reihe von Hausdurchsuchungen durchgeführt hatte. In dem Bericht, der als Kopie auch an den Geheimdienst in Košice geschickt wurde, hieß es, Frida halte sich derzeit in der Floriánska ulica12 in Bratislava auf. Während des Verhörs wurde Frida aufgefordert, etwas über einen gewissen Herrn Michal Neischl zu erzählen. Aus den Formulierungen des Berichts lässt sich herauslesen, dass sie der Polizei nur ungern die Informationen mitteilen wollte, die man von ihr erwartete, und sich auf eine kokette Weise dümmer stellte, als sie war. Auf die Frage, ob sie Herrn Neischl kenne, antwortete sie, er sei ihr vollkommen unbekannt. Sie konnte sich überhaupt nicht erklären, wie es dazu kam, dass ihr Name in seinen Notizen auftauchte. Nachdem sie eine Weile nachgedacht hatte, räumte Frida ein, es könnte sich möglicherweise um einen ihrer Klienten handeln, wie sie es nannte, aber sie blieb hartnäckig dabei, dass sie niemals irgendeinem ihrer Klienten ihren richtigen Namen mitgeteilt hätte. Auf die Frage, warum nicht, antwortete Frida, das sei doch wohl einleuchtend.
Die Polizei muss verstanden haben, was sie meinte. Aber, fügte sie hinzu, als ein potenzieller Klient sei es denkbar, dass Michal Neischl ihren Namen möglicherweise auf einem der Briefe gelesen hatte, die normalerweise auf ihrem Nachttisch lagen – und dass er, aus welchen Gründen auch immer, sich ihren Namen notiert und die Polizei daher ihren Namen nun in seinen Unterlagen gefunden hätte. Das sei doch durchaus vorstellbar, oder?
Frida wurde für nicht sonderlich glaubwürdig gehalten. Auf die Frage, wo sie eigentlich wohne, gab sie an, sie würde häufig umziehen, und tatsächlich hätte sie sich im Herbst 1930 in der Stadt Trnava und davor in Nitra aufgehalten.
Womit beschäftigte sich meine Großmutter? Aus welchem Grund zog sie ständig um, und warum hatten ihre Klienten Zugang zu ihrem Nachttisch? Arbeitete sie als Masseuse oder umherreisende Wahrsagerin, die die Zukunft ihrer Klienten aus deren Augen und Händen las? War sie tatsächlich eine Spionin?
Weiter unten in dem Bericht kommt die Wahrheit an den Tag. Frida gab zu, an allen angegebenen Orten als Prostituierte gearbeitet zu haben. Die Polizei war von diesem Geständnis nicht sonderlich schockiert. Fridas Art und Weise zu antworten und ihr Verhalten untermauerten mit anderen Worten ihren Verdacht. Die Polizei schlussfolgerte, dass Michal Neischl Frida vermutlich als Freier besucht und bei dieser Gelegenheit ihren Namen notiert hatte. Vielleicht wollte er nur sichergehen, sie wiedertreffen zu können? Das Verhör wurde beendet, der Bericht unterschrieben.
