Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Vorwort von Bundesrat Johann Schneider-Ammann, Nachwort von alt Bundesrat Samuel Schmid In jedem Auto dieser Welt stecken bis zu 200 Komponenten der Schweizer Firma Feintool. Gegründet hat das Unternehmen Fritz Bösch (* 1934). Dieser wollte eigentlich Radprofi werden, nach zwei Unfällen musste er aber seine Sportkarriere beenden. Sein Unternehmen führte Bösch, ganz Patron alter Schule, nach eigenen Massstäben. Und machte daraus ein weltumspannendes Imperium. Im Januar 2015 erscheint seine Biografie.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Trudi von Fellenberg-Bitzi
Fritz Bösch
Der Feintool-Gründer
Verlag Neue Zürcher Zeitung
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2015 Fritz Bösch und Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich
Der Text des E-Books folgt der gedruckten 1. Auflage 2015 (ISBN 978-3-03810-013-3)
Lektorat: Regula Walser, Zürich
Titelgestaltung: Katarina Lang, Zürich
Lithografie: Fred Braune, Bern
Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten.
Eine Vervielfältigung dieses Werks oder von Teilen dieses Werks ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.
ISBN E-Book 978-3-03810-053-9
www.nzz-libro.ch
Inhalt
Vorwort
Bundesrat Johann N. Schneider-Ammann
Prolog
Einleitung
Von den Anfängen
Kindheit in Zürich-Affoltern
Lehre als Werkzeugmacher
Erfolg in Radsport und Beruf
Hügi & Bösch
Unternehmenspartnerschaft
Feintool-Jahre
Strategie, Leidenschaft und Durchhaltevermögen
Marktaufbau Westeuropa
Aufbau Feintool USA
Japan
Homebase mit sportlichem Flair
Stammhaus mit Werkzeugbau
Fribosa
Bestehen, Wachsen, Entwickeln
Kooperationen
Der private Fritz Bösch
Aufbruch nach der Krise
Fachmessen
American Feintool
20Jahre Feintool
Auszeichnung
Meetings all over the world
Feintool International Holding AG
Feintool Japan entwickelt sich
Stabile Wirtschaftslage
Gedanken über Going-public
UdSSR
Baltec
Joint Venture Jena
Fritz Bösch setzt auf seine Tochter
China
Theorie für die Praxis
In den 1990er-Jahren auf Kurs
Das Börsenjahr
Aufbruch und Neuorientierung
Ernüchterung und rote Zahlen
Geschenktes Leben
Ehrenbürger von Lyss
Rücktritt als Verwaltungsratspräsident
Von der Finanz- zur Wirtschaftskrise
Familie Bösch verkauft ihre Aktien
Bigla, Sport und Stiftung Fritz Bösch
Bigla
Radsport
Bigla Cycling Team
Stade de Suisse und Young Boys
Stiftung Fritz Bösch
«Entrepreneur Lebenswerk»
Laudatio
alt Bundesrat Samuel Schmid
Epilog
Anhang
Meilensteine der Feintool-Geschichte
Dank
Textnachweis
Bildnachweis
Personenregister
Mutiges Vorbild
Fritz Bösch ist das, was man getrost als Selfmademan bezeichnen kann. In 50Jahren harter Arbeit hat er die Feintool aufgebaut. Nicht allein natürlich! Aber rückblickend darf man sagen, dass er ein mutiger Unternehmer war, der das Risiko nicht scheute und immer neue Herausforderungen anpackte. Und er war für Generationen ein Vorbild, das mit Überzeugungen, Schaffenskraft und manchmal auch der nötigen Portion Glück ein international tätiges und erfolgreiches Unternehmen etablierte. Er hat damit nicht nur sich ein Denkmal gesetzt, sondern auch dem Standort Schweiz und unserem Land viel Ehre gebracht, indem er weltweit Arbeitsplätze schaffte und Spitzentechnologie exportierte.
Schon anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Feintool 2009 hatte ich – damals noch als Unternehmer und Swissmem-Präsident – festgehalten, dass Fritz Bösch sich durch seinen unerschütterlichen Glauben an die Gestaltbarkeit durch Technik und Technologie, strategische Weitsicht für die Zukunft der Märkte und ein überzeugendes, gesundes unternehmerisches Selbstbewusstsein auszeichnete. Dabei zählte für ihn nicht kurzfristige Gewinnmaximierung, sondern Verantwortungsethik, Nachhaltigkeit und Langzeitausrichtung. Ein Patron, wie es heute nur noch wenige gibt. Danke Fritz!
Johann N.Schneider-Ammann
Bundesrat
Prolog
«Wie? In diesem kurzen, eiligen, von einem ungeduldigen Dröhnen begleiteten Leben eine Treppe hinunterlaufen? Das ist unmöglich. Die Dir zugemessene Zeit ist so kurz, dass Du, wenn du eine Sekunde verlierst, schon Dein ganzes Leben verloren hast, denn es ist nicht länger; es ist immer nur so lang wie die Zeit, die Du verlierst. Hast Du also einen Weg begonnen, setze ihn fort, unter allen Umständen, Du kannst nur gewinnen, Du läufst keine Gefahr, vielleicht wirst Du am Ende abstürzen, hättest Du aber schon nach den ersten Schritten Dich zurückgewendet und wärest die Treppe hinuntergelaufen, wärest Du gleich am Anfang abgestürzt und nicht vielleicht sondern ganz gewiss. Findest Du also nichts hier auf den Gängen, öffne die Türen, findest Du nichts hinter diesen Türen, gibt es neue Stockwerke, findest Du oben nichts, es ist keine Not, schwinge Dich neue Treppen hinauf, solange Du nicht zu steigen aufhörst, hören die Stufen nicht auf, unter Deinen steigenden Füssen, wachsen sie aufwärts.»
Franz Kafka
Einleitung
Haben Sie sich je Gedanken über das Innenleben Ihres Autos gemacht? Nein? Ich auch nicht. Hauptsache, er fährt, der Wagen.
Wenn Sie dieses Buch lesen, dann sollten Sie wissen, dass weltweit jedes Auto ausgestattet ist mit 50 bis 200Komponenten, die mit Feintool-Technologie oder von Feintool selbst produziert wurden. Dies vor allem in Sicherheits- und Komfortsystemen wie Sitzverstellungen, Sicherheitsgurten, Airbags, Brems-/ABS-Systemen, Getrieben, Kupplungen und Klimaanlagen, deren Stückzahlen laufend steigen.
Fritz Bösch konnte nach seiner letzten Bilanzmedienkonferenz in Zürich, im Dezember 2008, den Journalisten mit einem Lächeln erklären: «Die Automobilindustrie ist unser wichtigster Umsatzträger und stirbt nicht. Im Gegenteil: Wenn man Wachstum und Entwicklung in Asien beobachtet, weiss man, dass diese Branche Zukunft hat.»
Die weltweite Automobilindustrie wird weiterwachsen, und zwar um rund 3,5Prozent pro Jahr. Studien haben ergeben, dass bis 2020 mit 107Millionen verkauften Fahrzeugen pro Jahr – heute sind es 81Millionen – gerechnet werden kann. Vor allem in China werden so viele Autos produziert und gekauft wie sonst nirgendwo auf der Welt.
Und noch etwas: 2015 tritt die EU-6-Norm in Kraft. Mit ihr werden die Emissionsgrenzwerte für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor erneut erhöht. Bis 2025 wird eine weitere Grenzwerterhöhung von 30Prozent vorgeschlagen. Für die Automobilhersteller würde dies eine Reduktion von 3Liter Treibstoff pro Auto bedeuten. Was die Europäische Union vorgibt, das wird sich in allen Regionen mit wichtigen Automobilmärkten wiederholen; in Japan ebenso wie in China oder den USA. Viele Länder reagieren mit staatlichen Regelungen, um den CO2-Ausstoss zu reduzieren. Diese Entwicklung bedeutet für Feintool neue Aufträge. Während in den frühen 1960er-Jahren Büro- und Nähmaschinenfabriken beliefert wurden, gilt heute die Automobilbranche als Hauptabnehmer des Feinschneidverfahrens, welches das Unternehmen entwickelt. Mit der Technik des Feinschneidens erhält man in einem einzigen Arbeitsgang genaueste Fertigteile, die über die ganze Materialdicke sauber durchgeschnitten sind und nicht nachbearbeitet werden müssen wie beim Normalstanzen.
Der gelernte Werkzeugmacher, Visionär und Feintool-Gründer Fritz Bösch formulierte bereits 1964 sein Ziel und erklärte seiner damaligen Belegschaft in Lyss: «Wir wollen Weltmarktleader im Feinschneiden werden.»
Woran er als Jungunternehmer aus Überzeugung glaubte und was er mit Engagement verkündete, sollte sich Jahre später bewahrheiten. Er hat der Technik des Feinschneidens zum Durchbruch verholfen. Eine Tellerwäscher-Karriere in der Schweiz!
Viel Arbeit, Fleiss, Durchhaltevermögen und Zeit hat der Vollblutunternehmer Bösch in seine Lebensaufgabe investiert. Diese forderte nicht nur von ihm, sondern auch von seiner Familie immer wieder grossen Verzicht und eine nie ermüdende Bereitschaft, für die Firma zu leben.
Es ist Fritz Bösch, der sagt: «Man kann nur etwas erreichen, wenn man klare Ziele hat und diese – trotz Widrigkeiten – umzusetzen vermag.»
Was ihn bei seiner Arbeit, bei Verhandlungen und Reisen ins Ausland immer wieder unterstützte, war die Umsetzung seiner persönlichen Philosophie der fünf «Gs»: Gesundheit, Geduld, Gelassenheit, Geld und Glück. Solche Worte und deren Umsetzung erfordern Einsatz.
Geduld und Gelassenheit wollen geübt sein. Gesundheit und Beweglichkeit werden durch regelmässigen Sport gefördert, das weiss Fritz Bösch seit seinen Jugendjahren. «Beim Sport lernt man kämpfen. Durchhalten. Aushalten. Und verlieren», sagt der ehemalige Radsportler, der 1956 die Meisterschaft von Zürich, die «Züri-Metzgete», gewann. Dass er all diese Eigenschaften im täglichen Kampf um Bestehen und Weiterkommen brauchte, versteht sich von selbst.
Wer sein Leben derart diszipliniert angeht, hat gute Chancen, das gesetzte Ziel auch zu erreichen. Und Erfolg bringt bekanntlich Geld. Das bedeutete für Fritz Bösch, dass er das Trauma seiner Kindheit, nämlich Geldknappheit, definitiv hinter sich lassen konnte. Und Glück ist ein Geschenk, das man weder kaufen noch sonst erwerben kann: Glück eben.
Trotz Erfolg ist Fritz Bösch bescheiden geblieben. Ein Mann, der sich lieber im Hintergrund hält und die Bühne anderen überlässt. «Bei mir stand nie ‹das schnelle Geld› im Mittelpunkt, sondern immer der mittel- oder langfristige Erfolg. Meiner Meinung nach wird heute häufig vergessen, dass Geld allein gar keinen Sinn stiftet.»
Der Werkzeugmacher aus Zürich-Affoltern hat mit seiner Feintool Schweizer Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Er ist kein Akademiker. Hat das Handwerk von der Pike auf gelernt. Weiss, dass Unternehmer und Manager zwei völlig verschiedene Berufe sind. Persönliche Kundenpflege, Begleitung und Betreuung vor Ort, Wertschätzung seiner Mitarbeitenden und Vertrauen in die Menschen, das lebte er in seinem Berufsalltag. Fritz Bösch, Patron der alten Schule, der seine Berufung zu seinem Beruf machte: stets mit sportlicher Vitalität und einer klaren Vision, was werden soll, kann und muss. Ein Leben für das eigene Unternehmen. Deshalb ist diese Biografie vor allem die Geschichte seiner Feintool.
Im August 1998 gab Fritz Bösch sein Amt als Delegierter des Verwaltungsrates ab und konzentrierte sich – bis zur Generalversammlung im Januar 2009 – auf seine Funktion als Verwaltungsratspräsident. «Nur dank guten und engagierten Mitarbeitenden konnte Feintool zum Technologieführer werden», sagte er damals. Feierlich wurde er zum Ehrenpräsidenten erkoren.
Fritz Bösch hat immer gesagt: «Wenn es Feintool gut geht, dann geht es mir auch gut.» Und der Firma geht es heute – nach turbulenten Zeiten – wieder gut. 2011 verkauften Fritz Bösch und seine Familie ihre Aktien. Michael Pieper übernahm Feintool. Die Aktion wurde in Wirtschaftsmedien und Industriekreisen kontrovers besprochen.
Im Mai 2012 gründete der Patron die Stiftung Fritz Bösch, mit dem Hinweis, er wolle dem Leben etwas zurückgeben. Zwei Jahre später, am 11.Januar 2014, feierte der Feintool-Gründer im Berner «Kornhauskeller» seinen 80. Geburtstag. Kunden, Vertreter, Freunde, Sportkollegen und Wegbegleiter aus aller Welt – vor allem aber aus der Region Lyss – reisten an, um einen Mann zu feiern, der stets forderte, förderte und honorierte.
Bereits vor Jahren ist die Idee für eine Biografie entstanden. Doch erst als mehr Ruhe einkehrte, kam die Zeit, in der Fritz Bösch seinen Erinnerungen Raum geben konnte: zwischen dem Golfspiel, das er heute noch regelmässig pflegt, und seinen Besuchen im Stade de Suisse in Bern, wo er leidenschaftlich gern guten Fussball verfolgt.
80Lebensjahre beinhalten Mut zur Lücke. Das Leben von Fritz Bösch, seine Vielseitigkeit, seine Engagements in aller Welt, seine Lebensfreude, Arbeitslust, Arbeitswut und Sportbegeisterung wären Stoff für mehrere Bücher. Es besteht daher nicht der Anspruch, mit dieser Biografie allen und allem gerecht zu werden, sondern ausgewählte Abschnitte zu beleuchten. Das Buch ist auch als Dank an jene gedacht, die an der Seite von Fritz Bösch mitgearbeitet, gekämpft und gerungen haben, Leidenschaft für das Unternehmen lebten und somit partizipieren, was aus Feintool geworden ist und Bestand hat.
Das Vertrauen, das mir Fritz Bösch entgegenbrachte, indem er mir seine Lebensgeschichte und damit die Geschichte seiner Feintool anvertraute, hat mich beeindruckt. Mir bleibt, ihm, seiner Familie und all jenen zu danken, die es mir ermöglichten, dass diese Biografie realisiert werden konnte.
Cham und Grüningen, Dezember 2014
Trudi von Fellenberg-Bitzi
Von den Anfängen
An einem Sonntag drei Stunden radeln, das tut gut. Gibt Durst. Und Hunger. Die Männer schwitzen. Steigen von ihren Velos und stellen diese an einen Baum.
Die beiden Werkzeugmacher Fritz Bösch und Wilfried Hügi sitzen im Spätsommer 1958 am Stammtisch der «Krone» in Zürich-Affoltern. Essen einen Wurstsalat. Trinken ein Bier. Alte Arbeitskollegen, die zusammen bei Precisa arbeiteten und durchs Radfahren freundschaftlich miteinander verbunden sind.
Fritz Bösch wischt sich den Schweiss von der Stirn und sagt: «Wilfried, es ist besser, selbstständig zu sein, als für eine Firma zu arbeiten, in der niemand versteht, um was es eigentlich geht. Ich habe in Italien darüber nachgedacht und bin entschlossen, den Schritt zu wagen. Ich will eine Presse und ein Werkzeug entwickeln, die ein Metallband mit zusätzlichen Kräften einspannen und während des Schneidens so festhalten, dass die Trennflächen des Bauteiles danach glatt und fein sind. Da braucht es kein Feilen und Schaben mehr. Ein einziger Arbeitsgang genügt. Feinschneiden eben.»
Wilfried Hügi bleibt der Bissen im Hals stecken. Er nimmt einen grossen Schluck Bier und sagt: «Das interessiert mich.» Noch ein Bier. Und ein Handschlag. Der Deal ist gemacht. Sie wollen den Schritt wagen. Irmgard Bösch findet kurz darauf in einer Zeitung ein Inserat: «Kleine Werkstatt in Biberist zu vermieten.»
Am 1.April 1959 beginnen die zwei Zürcher in ihrem «Budeli» in Biberist unter dem Namen Hügi&Bösch mit der Arbeit. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten wird aus dem Budeli eine Bude und aus dieser später die Feintool.
Kindheit in Zürich-Affoltern
Geboren wurde Fritz Bösch am 11.Januar 1934 als zweites Kind von Olga Bösch-Fischer und Ludwig Bösch, damals wohnhaft an der Wehntalerstrasse 321 in Zürich-Affoltern. Die Mutter war gebürtige Appenzellerin aus Speicher. Der Vater stammte aus Hirschensprung bei Rüthi im Rheintal. Er arbeitete in Zürich als Zimmermann. Die Mutter war Hausfrau und gebar drei Söhne: Ludwig 1928, Fritz 1934 und Hans 1937.
Fritz war ein aufgeweckter Junge, der bereits im Vorschulalter allein mit dem Zug ins Rheintal nach Hirschensprung zu den Grosseltern in die Ferien reiste. An diese Zeit erinnert er sich gerne. Dort habe er Ziegen gehütet. Und wenn es regnete, Schnecken gesammelt: «Für 100Weinbergschnecken gab es 45Rappen», erzählt er. Zusammen mit der Grossmutter sei er jeweils aufs Feld gegangen. «Von Hand haben wir den Acker umgestochen und Mais gepflanzt. Zum Frühstück gabs Ribel mit Apfelmus. Und manchmal gab es den auch am Mittag und am Abend.»
In jener Zeit war Ribel vor allem eine Mahlzeit der armen Leute. Während der 1930er-Jahre, als die Weltwirtschaft am Boden lag, kam diese Speise – im Milchwasser gequollenes Maismehl, das mit etwas Fett in der Pfanne geröstet und zu Knöllchen gerieben wird – bis zu dreimal pro Tag auf den Tisch. «Wenn man nichts anderes kennt, vermisst man nichts», meint Fritz Bösch heute.
Da er intelligent und im Kindergarten weit fortgeschritten war, schickte man Fritz – im Januar geboren – ein Jahr früher in die Schule. Von Ostern bis zum Herbst machte er sich barfuss auf den Schulweg. Nur am Sonntag durfte er Schuhe tragen und sich für die Kirche ordentlich anziehen. Die Familie war arm, hatte kaum Geld und wurde mehrmals betrieben. Der Vater verdiente als Zimmermann zu wenig, und die Mutter musste Geld dazuverdienen. Sie arbeitete als Zeitungsverträgerin. Am späten Vormittag wurde sie jeweils von Fritz abgelöst, damit sie zu Hause für die Familie kochen konnte. Fritz begann früh, Geld zu verdienen, und half mit, das Familieneinkommen zu verbessern. «Am Morgen vor der Schule sammelte ich Pferdemist. Dieser diente im grossen Garten als Dünger», erinnert er sich.
Die Böschs, die bescheiden in einem Dreifamilienhaus wohnten, pflanzten in ihrem Garten viel Gemüse an, vor allem Stangenbohnen. Dadurch waren sie mehr oder weniger Selbstversorger. Fleisch gab es praktisch nie. Da nicht nur bei den Grosseltern, sondern auch zu Hause viel Ribel gegessen wurde, konnte man die Brotmarken, die es damals – während der Kriegsjahre – gab, gegen Schokolademarken eintauschen. «Mutter und ich waren Schleckmäuler und liebten Schokolade über alles.»
Das Geld, das trotz Zusatzeinkommen nirgends hinreichte, wurde zum Dauerthema, welches das Familienleben strapazierte: «Bei uns kam jeden Monat der Betreibungsbeamte vorbei.» Fritz hat das ganze Prozedere mitbekommen und nie vergessen.
1944 erkrankte Mutter Bösch an Tuberkulose, musste nach Arosa zur Kur. Fritz war es fortan, der kochte, den Haushalt führte und auch das Treppenhaus reinigte. Das zollten ihm der eher jähzornige Vater mit Respekt und die Mutter mit Dank. Grössere Ansprüche habe man damals keine gehabt. Fritz, der immerhin ein Instrument besass, eine Klarinette, spielte von 1945 bis 1951 bei der Knabenmusik der Stadt Zürich. Musik half ihm, über die Probleme, die sich zu Hause häuften, hinwegzukommen. Er erinnert sich ungern an jene Zeit: «Ich habe mir geschworen, dass ich nie so leben will. Der ständige Mangel an Geld war Motor, es anders zu machen. So arbeitete ich als Laufbursche, verkaufte Weihnachts- und Neujahrskarten, wusch in einem Ausflugsrestaurant das Geschirr ab und sparte den kleinen Verdienst. Bereits mit zwölf Jahren habe ich meine Kleider selber gekauft. Das Geld aber, das ich nicht brauchte, habe ich immer meiner Mutter gegeben.»
«Ich habe mir geschworen, dass ich nie so leben will. Der ständige Mangel an Geld war Motor, es anders zu machen.»
Seine eher schwache Konstitution führte dazu, dass er als Junge zu jener Zeit oft erkältet war und deswegen den Schwimmunterricht nicht besuchen durfte. Zart besaitet und doch zäh im Durchhalten. Wie es wirklich war und was sich zu Hause bei den Böschs abspielte, bemerkte niemand; auch nicht sein bester Schulfreund Oskar Greil. Dieser ist rund 100Meter von Fritz entfernt aufgewachsen und erinnert sich: «Wir haben viel gemeinsam unternommen. Zusammen gingen wir ins Schulhaus Riedenhalden. Im Sommer ohne Schuhe, im Winter auf den Skiern. Und wir schlenderten oft durch den Hürstwald. Dort entdeckten wir einen alten Fuchsbau, den wir während einiger Jahre ausbauten.
In Neu-Affoltern, einem Arbeiterquartier, wohnten Familien, deren Väter bei der Maschinenfabrik Oerlikon arbeiteten. Auch meine Mutter musste jeden Franken umdrehen, bevor sie ihn ausgeben konnte. Das war einfach so zu jener Zeit. Da Fritz im Januar 1934 geboren war und ich Ende 1932, trennten uns jahrgangmässig zwei Jahre. Trotzdem gingen wir beide mit dem 1933er-Jahrgang in die erste Klasse. Ich war der Ältere und vielleicht etwas reifer. Jedenfalls hörte Fritz auf mich. Natürlich hatte ich keine Ahnung von den Familienverhältnissen, denn ich war wenig bei den Böschs zu Hause und kannte die Eltern praktisch nicht. Erst viel später habe ich erfahren, dass die Mutter von Fritz oft krank und daher abwesend war und er viel im Haushalt helfen musste.»
Sie seien begeistert Rad gefahren, wobei Fritz immer schneller gewesen und davongeflitzt sei: «Radeln wurde zu unserer Hauptbeschäftigung, über die wir in jeder freien Minute diskutierten. Nach der Primarschule haben wir uns aus den Augen verloren. Weil das Quartier Affoltern damals keine eigene Sekundarschule besass, mussten wir nach Oerlikon ins Schulhaus Liguster, wo wir in verschiedene Klassen aufgeteilt wurden. Durch diese Trennung hatten wir unterschiedliche Stundenpläne und konnten dadurch den Schulweg nicht mehr gemeinsam gehen.»
Lehre als Werkzeugmacher
Nach der Sekundarschule arbeitete Fritz für ein Jahr als «Brotverträger» in Renens bei Lausanne. «Da habe ich 40Franken pro Monat verdient und Französisch gelernt. Nebenbei bin ich viel Rad gefahren. Als ich aus dem Welschland zurückkam, brauchte ich eine Lehrstelle. Niemand kümmerte sich darum, daher musste ich selber aktiv werden. Aber wie? Und wo?»
Fritz hatte keine Ahnung, welchen Beruf er wählen sollte, und verdiente sein Geld mit Gelegenheitsarbeiten. Da bot ihm der Chef jener Drogerie, bei der er als Laufbursche tätig war, eine Lehrstelle als Drogist an. «Die waren anscheinend zufrieden mit mir.» Doch er lehnte das Angebot ab. Radfahren, das ging ihm durch den Kopf. Immer wieder.
Um noch mehr Geld zu verdienen, arbeitete er zusätzlich als Hilfsarbeiter bei der Armaturenfabrik Nyfenegger in Oerlikon. Eines Tages habe ihn der Betriebsmeister gefragt, ob er nicht Werkzeugmacher werden wolle, das sei ein guter Beruf. Metall bearbeiten. Fräsen. Drehen. Formen. Umformen. Weil Fritz sich für Technik interessierte, sagte er zu. «Als ich mich entschied, kannte ich weder das Berufsbild noch wusste ich, was diese Arbeit mir in Zukunft bieten würde. Damals gab es keine Vorbereitung fürs Berufsleben. Dass der Betriebsmeister sagte, es sei ein guter Beruf, musste reichen. Nach nur einem Jahr wurde dieser jedoch entlassen.»
Niemand interessierte sich für die Anliegen des Lehrlings. Das bedeutete, dass er einerseits – wie schon oft in seinem noch jungen Leben – auf sich selber gestellt, anderseits nicht zu sehr beaufsichtigt war. Nach Arbeitsschluss setzte Fritz sich auf sein Rad und fuhr täglich drei bis vier Stunden durch die Gegend. Das Geld für sein erstes Rennrad verdiente er sich selbst. Das Rad war nicht neu, diente aber dem Sporterlebnis, das Fritz aus tiefstem Herzen genoss. Während der Winterzeit montierte er sich eine Taschenlampe am Kopf, um sehen zu können, wo die Radwege – in den Quartieren Affoltern, Oerlikon, Seebach bis nach Regensdorf und ins Limmattal – entlangführten. Oft begleitete ihn sein jüngerer Bruder Hans.
Obwohl er als Lehrling im Geschäft keine Betreuung hatte und sich alles selber erarbeiten musste, bestand Fritz die Abschlussprüfung und arbeitete von da an als ausgebildeter Werkzeugmacher. Heute gibt es den Beruf in dieser Form nicht mehr. Seit 1997 existiert in der Schweiz die offizielle Berufsbezeichnung Polymechaniker. Darin sind mehrere technische Berufe wie Mechaniker, Feinmechaniker, Werkzeugmacher und Maschinenmechaniker zusammengefasst.
Unmittelbar nach der Lehre wechselte Fritz Bösch den Arbeitgeber und ging zu Precisa, einer 1935 gegründeten Firma in Zürich-Oerlikon, welche die Feinschneidtechnologie anwandte und zwar für hochpräzise Stanzteile, die für spezielle Rechenmaschinen benötigt wurden.
Bei Precisa arbeitete ein ehemaliger Mitarbeiter der Fritz Schiess AG, Willy Müller, der sich im Feinschneiden auskannte. Der Gründer jener Firma, Fritz Schiess aus Lichtensteig, hatte bereits vor Jahren das Feinstanzverfahren erfunden. Seine Firma hatte eine besondere Stanztechnik zur Herstellung hochpräziser Teile entwickelt und dieses Herstellungsverfahren im April 1922 patentieren lassen, die Industrie aber weiterhin lediglich mit Feinstanzteilen beliefert.
Willy Müller machte bei Precisa eine spezielle, sozusagen geschlossene Gruppe von Mitarbeitern mit der bis zu jenem Zeitpunkt geheim gehaltenen Technologie des Feinschneidens vertraut. Fritz Bösch, Wilfried Hügi und Othmar Wicker gehörten zu dieser Crew. Fritz erkannte schnell die Möglichkeiten und die vielversprechende Zukunft dieses Verfahrens.
Erfolg in Radsport und Beruf
Während seiner Zeit bei Precisa verzeichnete Fritz Bösch als erfolgreichster Junior im Schweizer Radrennsport zahlreiche Siege. 1956 war er als Elite-Amateur – mit dem «Racing Club Zürich-Seebach»– Schweizer Mannschaftsmeister über 100Kilometer. «Ein Junior ist noch kein Profi», meint er heute, «aber ich hatte Energie, wollte etwas machen und konnte die erforderliche Disziplin aufbringen, besser zu sein als die anderen. Das hat mich motiviert. Und gab mir grosse Zufriedenheit. Mit 18Jahren gewann ich alle Juniorenrennen, wie zum Beispiel die ‹Züri-Metzgete› und das ‹Waid-Quer›. Für mich war absolut klar, dass meine Zukunft dem Profiradsport gehört und ich mit den grössten Fahrern der Welt würde mithalten können. Ich trainierte härter und noch härter – der damalige Erfolg gab mir recht. Ich stellte mir vor, wie Ferdy Kübler, Fritz Schär, Hugo Koblet oder die Gebrüder Weilenmann (Gottfried, Göpf und Leo) zu werden. Das waren meine Vorbilder.»
In jener Zeit begegnete er Irmgard Kaufmann aus Kaiserstuhl. Die gelernte Verkäuferin arbeitete im damaligen Konsumverein, heute Coop. Irmgard Bösch erinnert sich: «Er kam jeden Tag und kaufte Spinat. Der hübsche junge Mann ist mir aufgefallen.» Aber warum hat Fritz jeden Tag Spinat gekauft? Keineswegs verlegen antwortet er: «Man sagte uns, dass Sportler viel Spinat essen müssen, und zwar wegen des hohen Eisengehalts. So habe ich eben jeden Tag Spinat gegessen.»
Wie lebten zwei junge Leute Anfang der 1950er-Jahre ihre Beziehung? Irmgard Bösch: «Wir waren beide schüchtern. Gingen nicht viel in den Ausgang. Erstens hatten wir kein Geld und zweitens fanden an den Wochenenden die Radrennen statt. Da schwang man an einem Freitag- oder Samstagabend kein Tanzbein.» Sie sei oft mit dem Rad zu den Rennen gefahren. «Da stand ich jeweils am Strassenrand und rief: Hopp Fritz! Hopp Fritz!»
Auch Irmgard wohnte in Zürich an der Wehntalerstrasse. Bald ging sie bei der Familie Bösch ein und aus und unterstützte die Mutter im Haushalt. «Wir hatten es gut. Die Eltern und die Brüder akzeptierten mich. Manchmal besuchte uns Jean-Rodolphe Christen, der spätere Korpskommandant. Er war ein guter Freund von Fritz und kochte leidenschaftlich gern.»
