Fritz Reuters Briefe an seine Braut - Johannes Proelß - E-Book

Fritz Reuters Briefe an seine Braut E-Book

Johannes Proelß

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Beschreibung

In "Fritz Reuters Briefe an seine Braut" entfaltet Johannes Proelß ein eindringliches Bild von der emotionalen und kulturellen Landschaft des 19. Jahrhunderts. Durch die authentischen Briefe des berühmten Dichters Fritz Reuter vermittelt das Buch nicht nur intime Einblicke in seine persönliche Gefühlswelt, sondern reflektiert zugleich gesellschaftliche sowie historische Kontexte der norddeutschen Sprache und Literatur. Proelß trägt mit einer präzisen und zugleich poetischen Prosa zur Erschließung der literarischen Dimension dieser Korrespondenz bei, wodurch die Leser tief in Reuters Gedankenwelt und seine Ansichten über Liebe und Gesellschaft eintauchen können. Johannes Proelß, ein ausgewiesener Kenner der norddeutschen Literatur, bringt seine langjährige Forschungserfahrung und seine Liebe zur Sprache in dieses Werk ein. Seine Beschäftigung mit Fritz Reuter, einem der bedeutendsten Vertreter der niederdeutschen Literatur, ist nicht nur akademischer Natur, sondern auch eine persönliche Reise in dieWelt der Menschen des 19. Jahrhunderts. Proelß gelingt es, die historischen und sozialen Hintergründe Reuters lebendig werden zu lassen und somit die Bedeutung der Briefe im Kontext seiner Zeit zu verdeutlichen. Für jeden Leser, der sich für die Vielschichtigkeit menschlicher Beziehungen und die Ausdruckskraft der Sprache interessiert, stellt dieses Buch eine wertvolle Bereicherung dar. Die liebevoll überlieferten Briefe laden dazu ein, mit Reuter zu träumen, zu fühlen und die Resilienz des menschlichen Herzens zu erfassen. Proelß' gelungene Edition ist eine Hommage an die Kraft der Worte und eine Aufforderung zur Auseinandersetzung mit der Literatur unserer Vorfahren. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Johannes Proelß

Fritz Reuters Briefe an seine Braut

Bereicherte Ausgabe. Intime Einblicke in Fritz Reuters emotionale Welt und literarische Praxis des 19. Jahrhunderts
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Gideon Finch
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2024
EAN 8596547848745

Inhaltsverzeichnis

Fritz Reuters Briefe an seine Braut
Unvergessliche Zitate

Fritz Reuters Briefe an seine Braut

Hauptinhaltsverzeichnis
Cover
Titelblatt
Text

Fritz Reuters Briefe an seine Braut[1q].

Inhaltsverzeichnis
Nach den Originalen im Nachlaß der Witwe.
Erläutert von Johannes Proelß.

Als Fritz Reuter in der schönen stillen Villa bei Eisenach, die er sich 1863 vom Ertrag seiner Werke am Fuße der Wartburg erbaut hatte, gemeinsam mit seiner geliebten Frau die schwer errungene Muße seines Lebensabends genoß, überraschte ihn eines Tages ein prächtiges Geschenk von der Hand ihm unbekannter Verehrerinnen. Es war ein besonders reich und kunstvoll gestickter Teppich mit Emblemen, die auf die Dichtkunst Bezug hatten. Bei aller Freude, die der Dichter über die liebenswürdige Gabe empfand, konnte sich sein Humor doch nicht versagen, in seinem Dankschreiben die kostbare Stickerei als „gar zu schön für ihn“ zu bezeichnen; „die Damen jedoch,“ fügte er hinzu, „sind vollständig entschuldigt, weil dieselben meine etwas derbe, plattdeutsche Person nicht kennen und sich in mir etwa einen amaranthnen Oskar von Redwitz oder einen veilchenblauen Novalis gedacht haben.“

Die „etwas derbe plattdeutsche Person“, die als des Dichters Abbild in den selbstbiographischen Romanen „Ut mine Festungstid“ und „Ut mine Stromtid“, vom heiteren Glanze seines Humors verklärt, unsterblich weiterlebt, hat denn auch wahrlich nicht das mindeste mit der Figur eines romantisch gestimmten modernen Minnesängers gemein! Und die Forscher, welche wie Adolf Wilbrandt Reuters thatsächlichem Lebensgang hingebend gefolgt sind und uns sein Charakterbild nach der Wirklichkeit gezeichnet haben, konnten uns nur bestätigen, wie sehr dies poetische Abbild dem persönlichen Wesen des Dichters entsprach. Tiefeingewurzelt in dem heimatlichen Boden des mecklenburgischen Plattlands, dessen Volkstum er uns ohne Schminke und Firnis in all seiner herben Frische und derben Fröhlichkeit geschildert hat, war und blieb allezeit auch sein Wesen. Und wie er seinen Inspektor Bräsig, seinen Karl Hawermann, wenn’s die Gelegenheit fordert, vor uns hintreten läßt mit den Spuren der Feldarbeit an den hohen Stulpstiefeln, gleichviel, ob’s Erntezeit oder Zeit fürs Mistfahren ist –, wie er seine mecklenburgischen Bauern, Küster und Stadtphilister daherreden läßt, wie ihnen der plattdeutsche Schnabel gewachsen ist, so war’s dem Stavenhagener Bürgermeisterssohn auch für seine Person ein Bedürfnis, sich in Reden und Thun als echtes mecklenburgisches Landkind zu geben und auch die Regungen des tieferen Gefühls gern hinter Scherz und Ironie zu verbergen.

Aber freilich, wie Reuters urkräftiger Humor die launige Darstellung menschlicher Beschränktheit und Thorheit stets mit dem freundlichen Sonnenlicht warmherziger Menschenliebe durchleuchtet hat, so hatte all sein Schauen und Schaffen ein gar liebreiches Herz zum Urquell. Die „Treuherzigkeit“, wie er sie aus sich heraus so vielen seiner komischen Gestalten verliehen, war die Grundeigenschaft seines echt naiven Gemütes, und wo er in seinen Werken die Liebe von Herz zu Herzen zu schildern unternahm, ob in ihrer ersten noch kindlichen Regung, wie in der Liening- und Miening-Idylle, oder im Ausbruch heftiger Leidenschaft, wie in „Kein Hüsung“, ob als festgegründetes Eheglück, wie an dem Gürlitzer Pastorspaar, da offenbarte er einen tiefen, keuschen Respekt vor der Heiligkeit ihres Waltens. Was er selbst als Liebender erlebte, hat er – so gern er sonst sein Erleben zum Vorbild seines Dichtens machte – zwar nirgends direkt erzählt, aber der Duft reinster Auffassung überhaucht die Kapitel, die in seinen Dichtungen von treuer Herzensneigung und ehrlicher Liebeswerbung handeln. Auch die scherzhafte Erzählung „Woans ich tau ’ne Fru kamm“ giebt kein direktes Bild von seiner eigenen Verlobung, aber im Preise der Ehe, wie sie, klingt auch die erste seiner größeren Dichtungen, die „Reis’ nach Belligen“, aus, in der es am Schluß heißt:

„Mit den uns’ Herrgott meint dat tru, Den giwwt hei eine gaude Fru!“

So konnte denn auch das anziehende Bild von der Ehe des Dichters nicht überraschen, als nach seinem Tode Freunde von ihm sein häusliches Glück zum Gegenstand öffentlicher Schilderung machten. Dies geschah zum erstenmal und sogleich nach der besten Quelle durch den Romanschriftsteller Friedrich Friedrich, der sich, dem Beispiel des Reuterschen Ehepaars folgend, anfangs der siebziger Jahre in Eisenach angesiedelt und mit jenem seitdem in freundnachbarlichem Verkehr gestanden hatte. Sein Aufsatz „Fritz Reuters Louising“, der, durch eine Niederschrift von dieser selbst ergänzt, im Jahrgang 1874 der „Gartenlaube“ erschien, ist für alle späteren Biographen Reuters eine wichtige Quelle geworden. Er schrieb denselben, wie schon Frau Reuters Mitarbeit beweist, welche sich auf ihres Gatten litterarische Anfänge bezog, in Uebereinstimmung mit dieser, die in ihrer schlichten Art dabei gewiß nicht auf Anerkennung und Lob ihrer eigenen Verdienste ausging, dagegen überzeugt war, daß zur vollen Wertschätzung und richtigen Beurteilung gerade ihres Mannes diese Ergänzung nicht fehlen dürfe. Es gewährte da einen besonderen Reiz, zu erfahren, wie Reuter, der erst im 43. Lebensjahr, dem zweiten seiner Ehe, dazu kam, sein erstes Buch, die „Läuschen un Rimels“, herauszugeben, überhaupt erst in der Umfriedung seiner Ehe das Zutrauen zu seinem Talente gefunden hatte, um öffentlich als Dichter aufzutreten. Und als dann später dem Biographen Reuters, Adolf Wilbrandt, es durch das Vertrauen von Frau Luise Reuter gestattet war, den Schleier diskret zu lüften, der bis dahin die langwierigen inneren Kämpfe, die dem Ehebunde vorausgegangen waren, verhüllt hatte, da war dieser Einblick um so ergreifender, als man sich die Vorgeschichte des letzteren nicht idyllisch genug hatte ausmalen können. Wohl war diese Werbe- und Wartezeit von sechs Jahren den sozialen und lokalen Verhältnissen nach, unter denen sie sich abspann, idyllisch genug, idyllisch wie die von fruchtbarem Acker- und Wiesenland umrahmten Rittergüter, Landstädtchen und Landpfarreien, welche in „Ut mine Stromtid“ den Schauplatz bilden, und wie die benachbarten Güter Demzin und Rittermannshagen gelegen sind, auf denen der schon in den Dreißigen stehende Oekonomievolontär Fritz Reuter und die um zehn Jahre jüngere Pastorstochter Luise Kunze sich kennenlernten. Aber sie war überschattet von den tragischen Nachwirkungen, welche die lange Gefängnis- und Festungshaft, mit der er sein patriotisches Schwärmen als Burschenschafter zu büßen gehabt, über das ganze Leben dieses grundedlen Mannes, namentlich aber über das dieser schweren Leidenszeit folgende Jahrzehnt, gebracht hat.

Nun ist auch vor zwei Jahren Reuters Frau ins Jenseits hinübergeschlummert, sie, die seine Muse zwar nicht in dem Sinne war, daß sie selbst und die Liebe zu ihr den Gegenstand seiner Poesie gebildet hätten, aber doch insofern, daß sie die Retterin und Hüterin des goldnen Schatzes wurde, der in Fritz Reuter bis zu seiner Ehe so gut wie ungehoben schlummerte und den er erst unter dem Segen derselben umzumünzen lernte in die poetischen Gaben seines schöpferischen Humors.

Aus ihrem Nachlaß treten jetzt die Briefe, die er in jener Prüfungszeit an sein „Louising“ geschrieben, in der „Gartenlaube“ zum erstenmal, soweit sie vorliegen, vollständig ans Licht; in demselben Blatte, das vor 22 Jahren zuerst der Nation bekannt gab, was diese edle deutsche Dichtersfrau ihrem Manne gewesen ist. Und wer nun diese Liebesbriefe Reuters, von denen bisher durch Wilbrandt nur einige wenige teilweis veröffentlicht wurden, im Zusammenhange liest, der wird mit Erstaunen und gewiß auch inniger Sympathie erkennen, wie zart und glühend seine „etwas derbe plattdeutsche Person“ in der Zeit, da er mit heißer Inbrunst um Liebe warb, seine Gefühle zu äußern wußte.

Er wird mit uns fühlen, wie der urwüchsige, kernhafte Poet, der in unserer Litteratur als der größte Humorist des Jahrhunderts dasteht, die heilige Glut der Liebe noch inniger empfunden hat als so mancher andere Dichter, der nach Minnesängerart seine Leier zeitlebens zum Preise der Liebe gerührt hat. Und nicht ohne ein leises Lächeln wird er daneben wahrnehmen, wie die spätere „derbe plattdeutsche“ Art des Dichters seinen damaligen Antrieben doch nicht entsprach, sondern diese letzteren, wie die dem ersten unserer Briefe eingeflochtene Parabel und andere Gedichte an seine Braut, die erst kürzlich veröffentlicht wurden, beweisen, fein hochdeutsch bethätigte – wenn auch nicht gerade in „amaranthener“ oder „veilchenblauer“ Farbenstimmung.

Drei Werke sind im letzten Jahre hervorgetreten, welche über die Jahre Reuters, aus denen seine Briefe an die Braut stammen, nähere Auskunft geben und daher zur Erläuterung derselben wertvolles Material bieten. Es sind die Bände: „Aus Fritz Reuters jungen und alten Tagen“ von Karl Theodor Gaedertz, der sich schon durch seine „Reuter-Reliquien“ und „Reuter-Studien“ ähnliche Verdienste erwarb, „Fritz Reuter in seinem Leben und Schaffen“ von A. Römer und „Wahrheit und Dichtung in Fritz Reuters Werken“ von Gustav Raatz. Alle drei Bücher sind mit Porträts und Ansichten geschmückt, die uns den Dichter, seine Angehörigen und Freunde und seine mecklenburgische Heimat vergegenwärtigen, zum Teil nach Originalen von Reuters Hand. Es soll unsere Aufgabe sein, auf Grund dieser Feststellungen den Inhalt der Briefe an seine Braut dem Verständnis der Leser noch näher zu bringen.

Die tragischen Nachwirkungen seiner „Festungszeit“, welche dem Dichter die Gründung eines eigenen Herdes so schwer machten, wurden ebensosehr von der Unsicherheit seiner Existenz wie von dem Leiden verursacht, das er als Folge des ungesunden Lebens in Gefängniszellen und Festungskasematten ins bürgerliche Leben mit hinüber genommen hatte. Durch die langjährige Haft, die das juristische Studium des Burschenschafters unterbrach, war er demselben entfremdet worden, und es bedurfte wiederum vieler Jahre, bis er zur Erkenntnis seines eigentlichen Berufs kam und es wagen konnte, auf diesen seine Existenz zu gründen. Erschwert aber wurde ihm der Gewinn bürgerlicher Selbständigkeit weiter durch die traurige Krankheit, die ihm sein gesunder Studentendurst und das Bedürfnis nach schlafbringenden Getränken im Gefängnis zugezogen hatte, wo die unzureichende Kost und der Mangel an Bewegung seine einst so kräftige Konstitution von Jahr zu Jahr mehr untergruben – jene Neurose des Magens, die, wie Wilbrandt in seiner Reuter-Biographie des näheren auseinandergesetzt hat, den von ihr Befallenen zu periodisch wiederkehrenden Excessen im Trinken zwingt, welche die Naturheilkraft als befreiende Krisen fordert und gegen die der moralische Wille nicht anzukämpfen vermag. Und doch hielt Fritz Reuter selbst, hielt sein Vater und dann auch für längere Zeit das geliebte Mädchen diese häßlichen Anfälle einer Krankheit für Ausschreitungen moralischer Schwäche!

Wie der Dichter wiederholt hervorgehoben hat, bietet sein Buch „Ut mine Festungstid“ ein vom Humor sehr verklärtes Bild des furchtbaren Elends, das er sieben Jahre lang – erst im letzten, auf Dömitz, fand er bessere Behandlung – hinter Kerkergittern hatte ertragen müssen. Als ein blühender kraftstrotzender Jüngling voller Lebenslust und von heiterster Sinnesart war er von den Häschern der damaligen preußischen Polizeijustiz mitten aus dem freien frischen Studentenleben und dem des Zieles sicheren Bildungsgang als Jurist herausgerissen worden; gebrochen an Leib und Seele verließ er – ein Dreißigjähriger – im Herbst 1840 die letzte seiner Gefängnisstationen, um in das väterliche Haus zurückzukehren. – „Sieben verlorene Jahre![2q]“ – Der Gedanke verbitterte ihm unsäglich die Freude an der endlich gewonnenen Freiheit und die Frage: „Was nun?[3q]“ legte sich gleich Bleigewichten auf des Heimkehrenden Seele. Beim Zurückerinnern an seine Gefängnisleiden konnte sein Humor in den späteren Jahren voll glücklichem Lebensbehagen „Feigen von den Disteln pflücken“; an jene Tage der Rückkehr ins Leben gedenkend, läßt er im Schlusse seines „Festungs“-Buchs die Verzweiflung zum Wort: er erzählt, wie die Frage, was nun aus ihm werden solle, sich zwischen ihn und seinen Vater gedrängt, wie sie ihm das Leben vergällt habe – lange Jahre hindurch. „Ick grep hir hen, ick grep dor hen, nicks wull mi glücken … ick was sihr unglücklich, vel unglücklicher as up der Festung!“