Fundstücke - Gernoth von Rudenstein - E-Book

Fundstücke E-Book

Gernoth von Rudenstein

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Beschreibung

Sie sind das Pop-Phänomen, auf das sich alle einigen können: Seit über 20 Jahren liefert die Hit Company den Soundtrack für alle Generationen. Doch die Anfänge der Band waren alles andere als glamourös. Oft drohte das Lebensprojekt Hit Company zu scheitern. Mit enormer Detailkenntnis zeichnet Gernot von Rudenstein die frühen Jahre der Hit Company nach. Von den Anfängen als Beta und der Wolf über Wolfgangs Wendy-Heft-Abhängigkeit bis zu den ersten Erfolgen in der Partyszene Mallorcas: Von Rudenstein gibt einen überaus ehrlichen und offenen Einblick in das bewegte Musikerleben der Band. Mit zahlreichen bislang unveröffentlichten Fotos ist die offizielle Biografie Fundstücke ein Muss für alle Fans!

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Seitenzahl: 299

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für Kim

→ VORWORT

2018

Gernoth von Rudenstein

Als mich der Marburger Verleger Axel van Olf während einer Open Air-Literaturveranstaltung in Bad Harzburg fragte, ob ich mir vorstellen könne, eine Biografie über die Hit Company zu schreiben, reagierte ich zunächst mit einer Mischung aus Verwunderung und Neugier. Ich war verwundert, weil ich bis dahin noch keine Erfahrung mit dem Schreiben von Biografien gesammelt hatte und lediglich auf zwei bis dahin mäßig verkaufte Romane, einige Ratgeberbücher und eine Adels-Kolumne in der Drienburger Allgemeinen zurückblicken konnte und neugierig, weil ich – als bekennender Schlagerfan und Deutschrock-Liebhaber – den Werdegang der wohl vielversprechendsten deutschen Band schon seit ihrer Gründung im Jahr 1986 verfolgt hatte.

Mit Peter und Bernd, die beide in meiner Eifeler Nachbarschaft groß geworden sind, verbindet mich bis heute eine tiefe Freundschaft. Ich kenne ihre Familie noch aus den gemeinsamen Tagen im Sandkasten, war sogar einmal mit ihnen im Kroatienurlaub und weiß um all ihre kleineren und größeren Macken. Auch Wolle, Kurt, Werner, Uli, Volker und Domenico kenne ich über meine beiden Jugendfreunde mittlerweile sehr gut und habe sie im Laufe der Jahre als warmherzige Freunde schätzen gelernt.

Nach unzähligen Gläsern Bockbier und van Olfs Versprechen, mir bei der Gestaltung der Biografie freie Hand lassen zu wollen, erbat ich mir einige Tage Bedenkzeit. Er gab mir eine Woche. Am darauffolgenden Sonntag sollte ich ihn zum Frühstück im Erfurter Hotel Ambassador treffen.

Es begann die bis dahin wohl schwierigste Woche in meinem Leben. Zu viele ungelöste Fragen und Probleme beschäftigten mich. Ich fand, Aufschieben, Verdrängen und Vergessen seien drei gute Methoden, um die Woche irgendwie zu bewältigen. Doch der in meiner Studentenzeit zur höchsten Vollendung gebrachte prokrastinische Müßiggang wollte sich nicht einstellen. Bewusst versuchte ich an diese Zeit anzuknüpfen, verbrachte drei Tage und eine halbe Nacht vor einem Radio, aus dem laute Jazz-Musik quoll, und schüttete sauren Rotwein in mich und über mein muffiges Hemd. Doch ich konnte mich nicht entspannen, konnte meine Sorgen und Befürchtungen nicht zur Seite schieben, konnte weder eins werden mit der Musik noch mit dem gelbstichigen Bardolino, der in meiner Kehle wie der Sud eines ganzen Glases Gewürzgurken brannte. Mir ließ die alles entscheidende und in jeder Zelle meines Körpers wuchernde Frage, welche Rolle ich als Biograf meiner Freunde einnehmen sollte, keine Ruhe.

Jeder Biograf hat mit der schwierigen Balance von Nähe und Distanz zu kämpfen. Einerseits ist die Nähe zum Künstler elementar für eine lebendige und fundierte Biografie, andererseits muss immer auch eine klare Linie professioneller Distanz gezogen werden, um sabbernden Gefälligkeitsjournalismus zu vermeiden. Durch meine Freundschaft mit der Hit Company schien mir ebenjener Vorwurf bereits vor dem Schreiben im Raum zu stehen. Gleichzeitig lag mir viel an der Fortsetzung dieser Freundschaft; eine Freundschaft, deren Tiefe mit unermesslich wohl noch zu gering ausgelotet wäre. Weder wollte ich auf Distanz zu meinen Freunden gehen, sie mit unangenehmen Fragen quälen und Schlamm aus der Vergangenheit ans Tageslicht befördern, der sie seelisch möglicherweise schwer belasten würde (man denke hier nur an die schrecklichen Tage von Wolfgangs Wendy-Abhängigkeit), noch wollte ich die Rolle des Hofschreibers im literarischen Zirkus übernehmen. Zu viele Biografen, auch solche, die zuvor bereits sehr gelungene literarische Werke abgeliefert hatten oder bei hochangesehenen Qualitätszeitungen beschäftigt waren, sind schon vor mir in genau diese Falle getappt. Die plötzliche Nähe zum schon seit der Jugend bewunderten Star, eine verschwiegene Erbschaft oder eine heimliche Liaison mit der Mutter des biografischen Objektes – es gibt unzählige und sogar noch profanere Gründe als pure Freundschaft, die einen Biografen verleiten können, sämtliche journalistische Sorgfaltsregeln über Bord zu werfen. Erinnert sei hier nur an die völlig misslungene Cowboyman-Biografie von H.D. Scheckel. 1

Scheckel, mit der damals unvorstellbaren Gage von 120.000 US-Dollar ruhiggestellt und außerdem ein enger Freund von Cowboymans Vater T.D. Burnessy, ergeht sich in seitenlangen Beschreibungen alltäglicher Belanglosigkeiten und fühlt sich bemüßigt, jedes nur ansatzweise lustig wirkende Bonmot von Cowboyman zu erzählen. So gerät die Biografie in einen Taumel tausend wohlgemeinter Freundschaftsdienste und erschöpft sich leider darin, eine einzige persönliche Liebesbekundung zu sein. Von Kritik natürlich keine Spur.

Erst Werner brachte mich bei einer Aftershow-Party am Samstagabend vor dem Treffen mit van Olf zu einem anderen Blick auf die vor mir liegende Aufgabe. Er machte mir klar, dass niemand aus der Band eine Liebeserklärung oder eine Aneinanderreihung schlecht nacherzählter schlechter Witze erwarten würde. Sie würden mich weiter als Freund schätzen, auch wenn ich Unangenehmes berichten würde, da die Idee zur Biografie schließlich nicht im Management, sondern innerhalb der Band selber entstanden sei: Einzig aus dem Wunsch, alles festzuhalten, alles noch einmal erleben zu können – und zwar mit allen Höhen und Tiefen.

Der Sonntag kam näher und mit ihm die Entscheidung, ob ich das Projekt angehen solle oder nicht. Trotz Werners Aufmunterung wurde ich in der Nacht von meinen Sorgen um die Biografie gequält. Wie sollte ich mich nur entscheiden? Aus jeder Zimmerecke blickten mich die zu Fratzen verzerrten Gesichter der Hit Company an. Dachte ich, sie würden freundlich lachen und ging ich dann mit offen Armen auf sie zu, so zuckten sie mit einer spöttischen Ablehnung zurück, die die Tränen in meinen schlafverschmierten Augen gefrieren ließ. Ich sah die Biografie, ziegelsteingroß, in enormen Stapeln in den Buchläden liegen und babylonisch in den künstlich bestrahlten Himmel wachsen, hörte meine letzten Worte aus leeren Konzerthallen zurückhallen, las schaurige Abgesänge über die Hit Company im Feuilleton meiner Lieblingszeitung, wollte mit ihnen reden, es ihnen erklären – was überhaupt? – sie in den Arm nehmen und die Zeit zurückdrehen, dann erwachte ich schweißgebadet neben meiner Frau, die nur kurz aufzuckte und sagte: »Liebling, du weißt doch, gemeinsam schaffen wir alles. Lass mich jetzt schlafen!«

Ich erinnerte mich an Werners warme Worte und sah auf einmal, dass die Biografie der Hit Company für mich nicht Qual bedeuten sollte, sondern Freude! Freude darüber, einer potentiell einflussreichen Band der Zeitgeschichte ein Denkmal setzen zu dürfen und der Vergangenheit meiner Freunde minutiös nachspüren zu können, aber auch – und das ist mir hier wichtig – kritisch nachfragen zu dürfen.

Daher habe ich während des Schreibens versucht, wie ein Bildhauer vorzugehen, der sich dem Grundstein als zärtlicher Geliebter nähert, ihn aus allen erdenklichen Perspektiven betrachtet und vermisst und der dann die zarten Lebenslinien und Geheimnisse mit dem feinen Hammer freilegt; ein Bildhauer, der aber auch nicht davor zurückschreckt, mit dem größeren Hammer eine Ecke abzuschlagen, um zum Kern vorzudringen. Beim Schreiben der Biografie habe ich mir eine gewisse literarische Freiheit genommen, denn ich war nicht bei allen Gesprächen und Ereignissen im Leben der Hit Company anwesend. Außerdem bin ich fest davon überzeugt, dass die Kunst genau dann das Wahre freizulegen vermag, wenn sie die Realität bearbeitet und der ersten, täglich erlebbaren und dadurch abziehbaren, durch Erinnerung und Alltag überlagerten Realität eine zweite, beständige und reflektierte Realität zur Seite stellt.

Fundstücke soll daher keine klassische Biografie sein, auch wenn über weite Teile der Vergangenheit nur berichtet wird, sondern auch ein Lebensroman, in dem einzelne Ereignisse von mir nachempfunden und inszeniert werden – immer aber im Dienste einer tieferen Realität, oder, um es mit dem französischen Existenzialisten Goynard zu sagen, »immer im Dienste des Menschen«. 2

Manche Kapitel erscheinen daher mehr als Bericht, andere wie eine Kurzgeschichte, wieder andere gleichen einer wissenschaftlichen Arbeit. Diese Zwitterform aus Biografie und Roman verlangt notwendigerweise sowohl absolute Faktentreue als auch eine gewisse Bearbeitung der Wirklichkeit, die sich jedoch immer im Rahmen des Möglichen und des Überlieferten bewegen muss. Bewusst habe ich eine episodische Darstellung gewählt, spiegelt sie doch die Brüche im Leben der Band am besten wider.

So ist Fundstücke letztlich eine Biografie geworden, die sich unterschiedlicher literarischer Stil- und Gestaltungsmittel bedient, darüber hinaus aber zu fast 100 % auf Fakten, Tagebüchern, Briefen, Emails, Tondokumenten, wissenschaftlichen Arbeiten und unzähligen Gesprächen beruht – ein in Buchform gedruckter Spagat zwischen literarischer Unterhaltung und wissenschaftlichem Nachspüren der Vergangenheit.

Viel Spaß beim Schmökern.

Ihr Gernoth von Rudenstein

Gernoth von Rudensteln, geboren 1965, ist einer der profiliertesten deutschen Society-Reporter und ein bekannter Gastrokritiker. Um seine investigativen Recherchen nicht zu gefährden, tritt GvR, wie er in der Branche genannt wird, in der Öffentlichkeit nur inkognito auf. Er ist weltweit für zahlreiche Magazine und Zeitungen im Einsatz, u.a. für das New Yorker NY-Top-Magazin und die angesehene britische Wochenzeitung The weekly Week.

Neben seiner journalistischen Tätigkeit verfasst GvR Romane, Kochbücher und Ratgeberliteratur. Bislang sind von ihm die Romane Der Fluss, derin den Bergen entsprang und ins Meer floss (2006 verfilmt von Toka Ninunnen) sowie Die Frau, die sich aufmachte, ein Glas Erdbeermarmelade zu kaufen, und für immer weg blieb veröffentlicht worden.

Seine Ratgeber Wenn nicht ich, wer dann? 100 Wege zum eigenen Ich. und Warum wir sind, wie wir gehen. 10 Regeln für gutes Gehen. wurden mittlerweile in mehr als 34 Sprachen übersetzt und stehen seit Jahren an der Spitze der internationalen Sachbuch-Bestsellerlisten.

GvR ist Herausgeber des jährlich erscheinenden Gastro-Kalenders Hmmm... So schmeckt die BRD.

Mit Fundstücke legt GvR jetzt die erste von ihm verantwortete Biografie vor.

1Scheckel, H.D. 1993): WikiWiki-WildWild-West. The Return of Cowboyman. Arizona.

2Goyard, René Maria Paul (1917): Vaporisateur. Metz.

→ INHALT

VORWORT

2018

EIN MORGEN IN GRAU-BUNT

1986 [KPT.1]

PETER

1986 [KPT.2]

PETERCHENS HEIMFAHRT

1986 [KPT.3]

DER DRITTE MANN

1987 [KPT.4]

SÜDOSTEUROPA

1988 [KPT.5]

UMBRÜCHE

1989 [KPT.6]

ZEIT . ZUKUNFT . LEBEN

1990 [KPT.7]

MS-SCHAUMBURG ZUR LIPPE

1991 [KPT.8]

KAPITÄNSDINNER

1991 [KPT.9]

KURT

1991 [KPT.10]

DER KOFFER

1991 [KPT.11]

NICHTS.

1992 [KPT.12]

FAST NICHTS.

1993-94 [KPT.13]

BILDARCHIV

DIE SUCHT

1994 [KPT.14]

BAD BRÜCKENAU

1994-95 [KPT.15]

DIE WIEDERGEBURT

1995 [KPT.16]

FREUND, FÖRDERER, FLÖTENLEGENDE

1996 [KPT.17]

WERNER

1997 [KPT.18]

ULRICH

1997 [KPT.19]

DIE ERFINDUNG

1998 [KPT.20]

IM STUDIO

1998 [KPT.21]

DIE HALBSEIDENE WELT

1998 [KPT.20]

MALLORCA

1999 [KPT.23]

DAS ALBUM

1999 [KPT.24]

ENDE EINER LANGEN REISE

2000 [KPT.25]

LITERATURANGABEN

→ KAPITEL 1

EIN MORGEN IN GRAU-BUNT

1986

Mit bleichen Augen blinzelte Bernd in das schwere Morgengrau, wälzte sich unruhig durch sein kleines Bett, stieß sich den Kopf, schlummerte weiter, schwitzte, wachte genervt auf, ging ins Bad, legte sich wieder hin, schlief aber nicht mehr ein. Er schob sich aus dem Bett und angelte hinter dem Schrank nach dem scheppernden Wecker, den er dort am Abend zuvor sorgfältig versteckt hatte. Hinter den regenverschmierten Fenstern langweilte sich die Straße zwischen leblosen Mietshäusern. Bernd bemitleidete sich selbst und das konnte er gut, denn er war ein Meister des Selbstmitleids. Es war Sonntag, und wo zum Teufel war diese Sonne?

Er stellte das Radio an. Eine Schnulzenband sang Mist zu einem müden Vier-Viertel-Beat. Das Gnurzen und Schluckern der Kaffemaschine klang in seinen Ohren mehr nach Musik als der Auswurf aus dem Radio. Stundenlang konnte er mit einer Ouvertüre von Bach verbringen, doch die sich ständig wiederholenden Tonfolgen der Radiosongs, die, laut Titel und Interpret, angeblich der Feder unterschiedlichster Urheber entstammten, sich aber letztlich so ähnlich waren wie eineiige Zwillinge, machten ihn wütend. Es müsse doch eine Band geben, die der durchkitschten Hörerschaft die Möglichkeit bieten könne, das Wahre, Reine und Vielseitige in der Musik wiederzuentdecken, dachte er und erschrak vor dem leeren Widerhall seiner Worte. Was sollte er, ein einfacher Vorarbeiter einer Schraubenfabrik aus dem letzten Winkel der Eifel, schon daran ändern? Noch dazu an so einem trostlosen Tag. Missmutig kippte er den letzten Rest des nach aufgeweichter Pappe schmeckenden Kaffees in den Toilettenabfluss. Natürlich riefen ihn die Schraubenfertigungsmaschine und sein grimmiger Vorarbeiter Horst Mangoldt auch an diesem Sonntag zur Arbeit. »Beeeerndt! Beeerndt! Wo du denn bleiben tust?«, hallte es in seinem Kopf wie in einer leeren Tiefgarage. Er schlüpfte in seine abgewetzte Wrangler und die schweren Arbeitsschuhe und warf sich in seinen Wollpulli. Auf dem Pullover prangte ein silberner Streif aus falschen Swarovski-Kristallen. Bernd hatte die Plastikklunker als Hommage an irgendeine 70er-Jahre-Band, deren Namen er nicht mehr erinnerte, eigenhändig auf den Pullover gestickt.

Sorgfältig schloss er die Tür hinter sich ab und seine Träume ein. Es roch nach Kohl und gedünsteten Zwiebeln. Schnuppernd tastete er sich durch den Hausflur, bis er bemerkte, dass der Pelz auf seiner Zunge für die Gerüche verantwortlich war. Sollte er noch einmal hoch in die Wohnung und seine Zähne putzen?

Am Büdchen an der Ecke kaufte er Zigaretten und eine Packung Hubba Bubba. Grün. Noch immer schwang die morgendliche Radiomusik in seinen Ohren vor und zurück. Warum bedienten die Texte nur noch kitschige Allgemeinplätze und abgedroschene Klischees, die mit der Realität nichts gemein hatten? I wanna hear your heartbeat – natürlich, das wollte er auch, doch hatte es eben auch nicht viel mit seiner Realität zu tun. Er sehnte sich nach Liedern, die das Leben schreibt! Warum nicht einfach über das Leben der rundlichen Kioskfrau singen, die ihren massigen Körper Tag für Tag hinter den schmalen Bedienschlitz presst, um mit konstanter Freundlichkeit Zeitungen, Zigaretten und Bierflaschen auszuhändigen? Warum wurden ihr keine musikalischen Blumen vor dem mit allerlei Eiswimpeln und Zigarettenplakaten tapezierten Verschlag niedergelegt? Warum immer nur pathetischer Kitsch, falsch verstandene Liebe und herzloser Herzschmerz? 3

Der Gedanke trieb ihn weit aus seinem ursprünglichen Lebensumfeld hinaus. Aber irgendwo dort, das spürte er, lag vielleicht der Schlüssel zu einem zufriedenerem Leben. Er verwarf den Gedanken genauso schnell, wie er gekommen war.

Wie jeden Morgen spuckten die Fernseher im Schaufenster von Radio Gumpertz ihre frisch angerührte mediale Suppe aus. Aus einer kleinen Box an der Decke klang dumpf Musik. Noch immer etwas verschlafen blieb Bernd vor dem Schaufenster stehen und überlegte, wann er sich endlich eine neue Stereo-Anlage kaufen konnte. Er rechnete lange. Dann wusste er, dass es bei seinem Lohn eher Jahre als Monate dauern würde.

Plötzlich überstrich ihn ein seltsames Gefühl, wie Wind, nur anders. Das Radiogeschäft schrie förmlich nach seiner Aufmerksamkeit, doch war Aufmerksamkeit leider nie seine Stärke. Eine unsichtbare Faust packte und schüttelte ihn. Sie zwang ihn, dem Geheimnis nachzuspüren, das mehr Brummen, denn Summen, denn irgendetwas Handfestes war. Der unsichtbare Schatz schien greifbar nah, doch gleichzeitig unendlich fern. Etwas hatte von ihm Besitz ergriffen und wollte ihn nicht mehr gehen lassen. Schlagartig wurde ihm bewusst: Während der ganzen Zeit, in der er vor den Schaufenstern von Radio Gumpertz eine neue Stereoanlage herbeigesehnt hatte, war die Musik, die aus der Box über dem Eingang erklang, das Eigentliche, das ihn an diesem Ort gehalten hatte. Sie war imposant und aufregend, nicht so verbraucht und abgedroschen wie der sonstige Einheitsbrei, den das Radio seinen braven Hörern auch an diesem Morgen wieder zum Löffeln verabreicht hatte. Noch Minuten nachdem sich der Song so unvermittelt in Bernds sperrangelweit geöffnetes Herz ergossen hatte, stand er still und starr wie ein See zur Weihnachtszeit.

Zu seinem Glück und zu seinem Verhängnis war dieser Sonntag ein verkaufsoffener. Bernd sprang durch die Tür, über der jetzt schon wieder der übliche Hitparadenmist plärrte. Mit drei großen Schritten war er beim Verkaufstresen, den sein Kumpel Uli gerade mit frischer Ware bestückte. Völlig aufgewühlt fragte er nach dem Namen des Liedes.

Uli zwiebelte an seiner Zigarette, verschluckte einige Begrüßungsworte und reichte ihm eine in schlichtem blau gehaltene Platte. Bernd warf 20 Mark auf den Tisch. Ohne auf das Wechselgeld zu warten, lief er nach Hause und verbrachte den Tag auf Repeat.

Der nassgraue Morgen behielt zwar auf den ersten Blick irgendwie Recht, denn Bernd wurde wegen abermaliger Verspätung fristlos entlassen, doch durch den Trübsinn des Tages blitzte eine neue Zeit, vielleicht sogar ein neues Leben, in jedem Fall aber Zukunft. Diese Musik war imstande, seinem Leben eine neue Wendung zu geben und wieder und wieder sang er überglücklich den Refrain mit:

Ich liebe dich...Ich liebe dich...ohoh...

3 »Heute wieder Zigaretten gekauft. Nette Kioskfrau. Ein Minnesänger sollte sie mal besingen oder Heinz Rudolf Kunze oder jemand anderes.« Tagebuch BT(10. 09. 1986)

→ KAPITEL 2

PETER

1986

Rückblende, Februar 1970: Bernds Geburt war eine problemlose. Für die Mutter, weil Bernd bei der Geburt nur so rausflutschte, für den Vater, weil er in seiner Stammkneipe am Tresen hockte und knobelte, und für Bernd, weil die Eltern vom neuerlichen Erguss des Lebens so begeistert waren, dass sie ihn wie einen Schoßhund verhätschelten.

Bernd wurde von vorne bis hinten und morgens bis abends mit Liebe übergossen und Geschenken überhäuft. Da die Eltern bekennende Fernost-Fans waren, schenkten sie Bernd vor allem knallbuntes Plastikspielzeug, das sich schon bei minimaler Berührung mit der Sonne toll transformierte und herrlich roch. Obwohl die Jugend für Bernd daher mit einem andauernden Juckreiz einherging, genoss er die Aufmerksamkeit der Eltern und fühlte sich dabei ziemlich gut.

An seinen großen Bruder Peter, der von den Eltern kaum mehr beachtet wurde, dachte Bernd nicht, denn Selbstbezüglichkeit und leichter Autismus waren schon in jungen Jahren markante Merkmale seines Charakters.

Für Peter war die Geburt seines kleinen Bruders also ganz und gar nicht problemlos. Man könnte (Nein: muss) im Gegenteil sogar sagen, dass Peters Probleme jetzt erst existent wurden, Dornbüschen gleich, auf kargem Boden wuchernd. Von Neid zerfressen tat Peter alles, um Bernds Kindheit so ungemütlich wie möglich zu gestalten (Was die Sache noch schlimmer machte, denn wenn die überaus liberalen Eltern eines nicht ausstehen konnten, dann Kinder, die andere Kinder ärgerten). Regelmäßig band er Bernd beim Spielen die Schnürsenkel zu. Doch noch schlimmer war: In der 5. Klasse verhinderte er auf eine ziemlich miese Tour, dass Bernd mit Monika Saibling zusammenkam, obwohl Monika und Bernd bis über beide Ohren ineinander verliebt waren. Damals ging Monika in die Parallelklasse, heute tourt sie als offizielles Verse-mosselen-uit-Zeeland-Modell durch Deutschland. Eine Frau mit Klasse. Damals wie heute.

Immer wieder versuchte Peter durch exorbitante Leistungen die Liebe der Eltern zu entfachen. Er steigerte sich solange in einzelne Tätigkeiten hinein, bis er sie perfekt beherrschte. Dann hoffte er, seine Eltern würden irgendwie auf ihn aufmerksam werden und ihn loben oder wenigstens einmal anerkennend nicken. Hatte er zum Beispiel gesehen, wie die Mutter, die sich ebenfalls über Wochen hinter einzelnen Aufgaben verstecken konnte (wohl eine Folge ihrer autoritären Erziehung), monatelang Socken oder Hosen gestrickt hatte, so übte er so lange, bis er genau so gut stricken konnte. Als er seiner Mutter nach Monaten intensiven Übens seine neue Fähigkeit an einem besonders schweren Objekt demonstrieren wollte (er hatte mit mühevoller und peinlichst genauer Detailversessenheit einen Cutaway aus Mohair-Garn gestrickt), interessierte die sich aber schon für etwas völlig Anderes, denn seine Mutter konnte zwar lange, aber nicht ewig bei einer Sache verweilen. So lief Peter der Aufmerksamkeit seiner Mutter stets hinterher und konnte bald einiges sehr gut (Stricken, Obst einkochen, Yoga, Wassergymnastik), das Meiste jedoch sehr schlecht.

Ganz besonders schlecht stand es um seine Sozialkompetenz. Sein manischer Hang zur Perfektion raubte ihm die Zeit, die andere Kinder gemeinsam auf dem Sportplatz verbrachten. Auch durch das dauernde Hänseln seines allgemein sehr beliebten Bruders machte er sich nicht gerade Freunde. Wenn man ehrlich ist, war sein einziger Freund eine selbstgestrickte Handpuppe, mit der er vor dem Schlafengehen detaillierte Fachgespräche über die Technik der Wassergymnastik führte. Im Oktober 1983 feierte Peter seinen sechzehnten Geburtstag. Seine Eltern schenkten ihm einen Physikbaukasten von Fischertechnik, obwohl er sich einen Wortbaukasten von Duden gewünscht hatte. Worte interessierten ihn nämlich irgendwie. Von Physik verstand er hingegen nur so viel, dass er nichts verstand.

Nach Kaffee & Kuchen teilten ihm seine Eltern mit, dass sie den nächsten Sommerurlaub ohne die Kinder auf Djerba verbringen wollten. Er sei nun alt genug, auf sich und für eine gewissen Zeit auch auf seinen kleinen Bruder aufzupassen. Peter war fassungslos. Nun nahmen ihm die Eltern auch noch die einzige Zeit im Jahr, in der er überhaupt ein wenig Aufmerksamkeit von ihnen erheischen konnte (meist auf der Fahrt in den Urlaub – oder vom Urlaub zurück - da er reisekrank war und oft ins Auto kotzte). Wutschnaubend drückte er seinen Cremeberliner auf dem Teller aus und stürmte aus der Küche. Nicht, dass er unbedingt mit seinen Eltern in den ewig gleichen Sauerland-Urlaub gewollt hätte, aber er wollte sich gegen seine Eltern und seine Kindheit auflehnen: Er wollte ein Revoluzzer sein oder Dennis Hopper oder wenigstens Peter Bond.

Noch in der selben Nacht schnappte er sich sein Moped – Typ: Star – und verließ das Elternhaus. Im Gepäck eine Angel, zwei große Schinken, eine Teichplane (2x3 Meter), zwei Unterhosen, drei Paar ungleiche Socken, einen alten Blazer der Mutter, seine Lieblingshose, an deren Saum aufgestickte Flammen züngelten und drei alte Schlangenledermäntel, die er irgendwann einmal auf dem Dachboden gefunden hatte. 4 Zwei Tage später fanden die Eltern den Abschiedsbrief neben der Briefmarkensammlung des Vaters:

»Verehrter Herr Vater, liebe Mutter, das wahrs. Ich kann nicht mehr. Schaut mir nicht sorgenvol hinterher, denn ich werde eine neue Heimat finden und möchte eure Gesichter nicht im Kummer zurüklassen. Denkt nicht an mich, ich werde auch nicht an euch denken. Peter«5

Ein Ziel hatte er nicht, er wollte einfach nur weg. Zwei Monate irrte er durch NRW. Meistens entlang von Ruhr, Rhein und Emscher. Er ernährte sich hauptsächlich von Schinken und Fisch, den er mit seiner Zusammensteckangel fing. Überhaupt aß er alles, was ihm die Natur auf seiner Odyssee so reichlich darbot: Äpfel, Kastanien, Spargel, Joghurt, Erdbeeren, Blumenkohl, Müsli und Honig. Vieles davon kaufte er in Supermärkten, durch die er oft stundenlang schlenderte, um den Geruch von frisch gebohnertem Bodenbelag und die Farbenpracht des Sortiments auf sich wirken zu lassen. Nachts schlief er unter seiner Plane. Wenn er arg fror, rauchte er viel, um den Körper von innen zu wärmen. Alkohol trank er selten, denn er hatte in der Fahrschule gelernt, dass man alkoholisiert kein Moped fahren sollte.

In Hamm/Westfalen war die Unterwäsche aufgetragen. Über den Kleinanzeigenaushang bei Edeka fand er eine Anstellung als Diener bei dem altehrwürdigen Hammer Industriellen Wolf Heinrich Erzgruber, der mit Stahl und Kohle zu einem recht ansehnlichen Vermögen gekommen war.

Peter war glücklich. Er liebte das verwinkelte Anwesen mit seinem weitläufigen Garten. Vor allem das tennisplatzgroße Goldfischbassin hatte es ihm angetan. Oft verlor er sich nach getaner Arbeit in den Reflektionen des sich auf dem Rücken der Fische brechenden Lichtes. Der Hausherr selber behandelte ihn mit großer Sympathie. Er zeigte Nachsicht, wenn Peter wieder einmal vergaß, den Rasensprenger korrekt auszurichten, Verständnis, wenn Peter das Essen versalzte und bot Orientierung, wenn Peter sich im Garten verlief. Gleichzeitig hielt er Peter aber auf professioneller Distanz, denn er spürte aufgrund seiner ziemlich großen Lebenserfahrung und seiner angelesenen Weisheit, dass Peter in ihm einen Vaterersatz suchte.

Tatsächlich wurde Peter immer aufdringlicher. Unübersehbar war, dass er eine Familie suchte, Geborgenheit, Liebe. Peter war zwar nicht so unangenehm aufdringlich, wie manche exotische Früchte riechen, aber Erzgruber merkte, dass er Peter vor sich selber schützen musste. Außerdem wollte er seine Ruhe haben.

Er liebe ihn, wie er seine gebundene Goethe-Gesamtausgabe von Bertelsmann liebe, aber er könne und wolle kein Vater sein, denn er habe sein Leben bereits der Montanindustrie und der Literatur gewidmet, hatte Erzgruber an einem dieser für solche Aussagen wie gemacht wirkenden Abende zu Peter gesagt (Der Himmel war dunkelgrau, es regnete Bindfäden, ein Sturm zog auf, mächtige Blitze umtosten das Gutshaus, etc.). Seine Hand hatte dabei sachte auf Peters Schulter gelegen.

Am nächsten Morgen stand Peter vor der Pforte des erzgruberschen Herrenhauses. In der linken Hand hielt er seinen Beutel mit der Wechselwäsche, in der rechten ein Bündel Bücher, das Erzgruber ihm zum Abschied in die Hand gedrückt hatte. 6 Peters Herz klopfte. Dann begann es Bindfäden zu regnen (Natürlich!). Der Himmel schwärzte sich und ein Sturm zog auf. Am Horizont zuckten mächtige Blitze. Peter betrachtete das Wetterspektakel eingehend. Er dachte an die Schlacht um Verdun, dann an den Klimawandel, schließlich an Nikola Tesla, von dem Erzgruber so oft erzählt hatte. Dann stieg er auf sein Moped und fuhr los.

Die Reise führte ihn diesmal in die Gegend von Herne. Es waren Tage der Trauer und der Langeweile. Seine einzige und damit zugleich größte Freude war die abgegriffene Mundharmonika, deren Spiel ihm Erzgruber beigebracht hatte.

In einer dieser Nächte, die zum Nachdenken gemacht sind (dunkel, still, einsam, windumtost), dachte Peter nach. Er dachte an sich und seine Mundharmonika. Ein Bild entfaltete sich in seinem Kopf: Peter stand auf einer riesengroßen, absolut überdimensioniert beleuchteten Bühne und spielte Mundharmonika, vor ihm abertausende Menschen, die ihm zujubelten. Manche trugen sogar Fan-Shirts von ihm. Das Bild war mächtig, sehr mächtig. Und es erregte ihn. Peter beschloss, einmal etwas Verrücktes zu tun: Er wollte mit seiner Mundharmonika auftreten, sich beweisen, dass er mehr konnte, als mit dem Moped durch die Gegend zu kurven und dabei gut auszusehen.

Zwei Tage später fragte Peter in Anni's Sterneck, einer schummriggemütlichen Unterklassenbar direkt am Herner Hbf, ob er dort auftreten dürfe. Er durfte.

Der Abend, der sein Leben verändern sollte, begann um 20 Uhr. An der Bar drängelten sich die Stammgäste, um, ungerührt von der Musik, ihr tägliches Quantum Labsal zu sich zu nehmen. Peter spielte und spielte, ein Rausch, der alles hinwegfegte. Plötzlich spürte er die Enge des Geburtskanals, seinen Widerstand gegen das Licht am Ende des Tunnels, hörte die Stimme des Vaters, die Befehle der Hebamme, das Keuchen der Mutter; er sträubte sich, wollte nicht, zog sich zusammen, strebte zurück, rutschte vor, stand quer, bog sich, strampelte, spannte noch einmal alle Muskeln an und konzentrierte die Kräfte in seinen kleinen Händen, um sich irgendwo festzuhalten, rutschte aber immer wieder ab und flutschte dann hinaus in das kalte Neonlicht, wo er in ein grobes Handtuch geschlungen und der erschöpften Mutter in die Arme gelegt wurde. Mutter! Nähe! Sie schlief. Er spürte Ignoranz und Missachtung hinter ihren geschlossen Lidern. Der Vater war verschwunden, wohl zur Arbeit. Um ihn herum nur sterile Kacheln und grelles Neonlicht, das seine empfindlichen Augen blendete.

Peter zuckte auf. Im Zigarettenrauch, der, wie ein sich langsam lüftender Schleier, zur Zimmerdecke aufstieg, brachen sich die warmen Strahlen der Lichtorgel und berührten ihn taktweise. Grün. Gelb. Rot. Grüngelbrot. Grün. Gelb. Rot. Grüngelbrot. Grün. Gelb. Rot. Grüngelbrot.

Der Tresen hatte sich geleert und Anni wischte den Dreck der Nacht mit einem schmutzigen Lappen beiseite. Peter strahlte. Er war sehr glücklich, denn er spürte, dass er möglicherweise einen Weg gefunden hatte, der ihn aus dem tiefen Tal der Tränen führen konnte, in das er – es war ihm deutlich wie nie zuvor – schon mit der Geburt gefallen war. Aus sich selbst hatte er das Spiel der Mundharmonika erlernt und nicht aus verzweifelter Liebe zu seiner unerreichbaren Mutter. Seine Flucht hatte plötzlich ein Ziel – nein, er war nicht mehr auf der Flucht, er war angekommen und hatte das Lebenselixier gefunden, das er solange versucht hatte zu brauen: Die Musik! 7

Regelmäßig arbeitete Peter nun in Annis Sterneck als Türsteher und in unregelmäßigen Abständen bespielte er die kleine Bühne. Oft wurde er von betrunkenen und lautstark grölenden Gästen oder von Wandermusikern, die für einen Teller Suppe oder ein Bier ihr Instereoment schwangen, begleitet.

Vor allem mit Werner Fialek, einem Multiinstereomentalisten und Kunstkenner aus dem Böhmerwald, verstand er sich prächtig. Werner zog mit seinem Handkarren, auf dem sich allerlei Trödel, Melonen, alte Schallplatten und Instereomente stapelten, seit 1984 durch Europa. Er hatte einen hervorragenden Anschlag und konnte auf seiner Gitarre eine Unmenge tschechischer Schlager improvisieren. Peter beneidete Werner um den unbedingten Freiheitswillen und den exquisiten Kunstgeschmack. Selten blieb Werner länger als zwei Tage an einem Ort, denn er war ständig auf der Suche nach neuen Kulturevents. Ein um das andere Mal entführte er Peter in die Museen der Umgebung und in die Geheimnisse der Kunstgeschichte. Für Peter blieben die Geheimnisse zwar durchaus Geheimnisse, aber er genoss die kurzen Stunden mit dem gut aussehenden Werner, denn dieser zog die Blicke der hippen Kulturgirls auf sich und ließ so auch ein wenig Glanz auf Peter fallen. Doch Werner blieb nie lange genug, dass sich eine tiefere Freundschaft zwischen den beiden hätte entwickeln können. Kaum war Werner da, war er schon wieder weg und hinterließ nicht viel mehr als einen Kreis aus Zigarettenasche um seinen Lieblingsplatz an der Theke.

Peter lebte sich immer besser in seinem neuen Leben ein. Ihm war sogar lokaler Ruhm beschieden: Die Stammgäste lauschten, mal mehr und mal weniger, Hauptsache, das Bier strömte, der Schnaps brannte und die Zigaretten qualmten. Ab und an verirrten sich auch einige Unbekannte in Annis gemütliche Zuflucht. Vor allem an Samstagen füllte sich der Schuppen beachtlich – obwohl samstags keine Live-Musik lief und allein das Radio angestrengt mit dem vielstimmigen Gebrabbel und dem Klirren der Gläser konkurrierte.

Samstags sei noch nie Live-Musik gewesen, hatte Anni geantwortet, als Peter sich einmal recht direkt für samstägliche Auftritte angebiedert hatte. Da kämen die Leute nur zum Saufen. Er, Peter, werde daher vor der Tür benötigt. Aufpassen sei nämlich das halbe Leben, die andere Hälfte bestünde aus Ordnung halten.

Während Damen und Herren vornehmlich älteren Semesters schon von Samstagmorgen an ihre Rente in Korn und Kirsch ertränkten und die Dosenmusik four-on-the-floor stampfte, fror Peter also vor der Tür. Das Leben war trotzdem gut. Bald verband ihn ein enges Verhältnis mit Anni. Sie war so etwas wie seine Mutter, aber auch seine Geliebte. Allerdings mehr Mutter als Geliebte. In einem Buch eines bedeutenden griechischen Popliteraten, das er von Erzgruber bekommen hatte, hatte Peter von dieser Art Liebe gelesen und auch noch mehr erfahren, wovon er eigentlich nichts hatte wissen wollen.

Bald dachte Peter nicht mehr an sein altes Leben, sondern nur noch an Anni und sich. Die Musik und die Arbeit im Club erfüllten ihn. Immer öfter trug er nun gewagte mehrfarbige Jackets, silbernabgefasste Brillen, enge Hosen und große Hüte, unter denen seine dünnen Locken hervorquollen. Er wurde zu Peter Blues und nahm mit einigen Musikern vom Musikverein Herne e.V. sowie einigen weiteren Gastmusikern unter dem Namen Peter Blues Blues Band Blues die Platte Peter Blues spielt Blues. auf. 8 Die Platte mit vierzehn Bluesvariationen eines einzigen Themas verkaufte sich lokal recht gut. Es reichte zu einigen Auftritten in der näheren Umgebung und einem Eintrag ins goldene Buch der Stadt Herne, weil die Band beim Stadtfest 1985 im Bierpavillon geholfen hatte.

Alles hätte also den gewohnten Gang schnell verflossener Jahre gehen können. Die Zukunft schimmerte zart-grau vor dem rußverhangenen Himmel von Herne. Anni und Peter dachten sogar schon an eine Hochzeit, doch während die ersten Vorbereitungen liefen, geschah das große Unglück. Am 11. September 1986 verselbstständigten sich übereinander gelagerte Fässer im großen Bierkeller und begruben Anni unter sich. Als Peter sie fand, kam jede Hilfe zu spät. Anni war bereits tot. Mit einer Flasche Schnaps in der Hand lag sie da. Blau. Der Vorhang senkt sich, Schatten ziehen auf. Asche zu Asche. Staub zu Staub.

Peter erledigte alle Formalitäten, verkaufte das Sterneck und weinte einige Tage heftig. Es floss Alkohol. An einem dunkelgrauen und stürmischen November-Regenmorgen, den ein x-beliebiger Hollywoodregisseur sich genau so für eine dieser schicksalsträchtigen Entscheidungsszenen gegen Endes eines x-beliebigen Hollywoodstreifens vorgestellt hätte, verließ er die Stadt, die ihn so qualvoll an seine Anni erinnerte.

Er zog seinen alten Mantel an, schwang sich aufs Moped und fuhr erneut los – ein einsamer arktischer Reiter auf dem Weg ins endliche Nichts. Erst auf der Fahrt merkte Peter, wie er Richtung Heimat fuhr. Einer

Kompassnadel gleich strebte er einem riesenhaften Magneten entgegen. Die ganze Fahrt über lief sein Leben (und das Leben anderer Menschen, teilweise auch solcher, die er gar nicht kannte) wie ein Film vor seinen Augen ab. Schnell, bruchstückhaft, verschwommen. Manchmal schob sich ein Zahlencode zwischen die Bilder, von dem er nicht wusste, was er bedeutete. Dann wieder erschienen psychedelische Blumenvariationen und grell-gemusterte Phantasietiere. So oder so ähnlich muss sich wohl auch die Sekunde zwischen Leben und Tod anfühlen: Irgendwie komisch.

Völlig verschwitzt stoppte Peter an einem Rastplatz. Schon wieder war er auf der Flucht. Wovor? Entweder, dachte er, stelle ich mich meinem Lebensschicksal oder ich werde mein ganzes Leben auf der Flucht sein. Schnell legte er eine Pro/Contra-Liste an (eine Entscheidungsmethode, die er von Erzgruber gelernt hatte) und beschloss nach kurzem Abwägen, seinem Leben mit aufgestelltem Visier zu begegnen: Ein Peter Blues duckt sich nicht! Peter wusste, was er konnte und was nicht, was er mochte, was er hasste, was Freude war und Trauer, Schnaps und Bier, Leben und Tod, aber er wusste nicht genau (noch nicht!), wo sein Platz im Leben war. Er hoffte, sich wenigstens mit seiner Vergangenheit vollständig aussöhnen zu können. Nicht mit seinen Eltern, dafür war es zu spät, aber vielleicht mit seinem Bruder. Er schwang sich auf sein Moped und fuhr los.

Es begann zu regnen.

4 Friedrich Glöckner weist in seiner wegweisenden Monographie über deutsche Textilbarone auf die Jacken-Manufaktur L. Thelen & Gbr. hin, die um die Jahrhundertwende Arbeitsjacken und Freizeitkleidung fertigte. Tatsächlich gehörte das mittelständische Unternehmen zum ehemaligen Familienbesitz der Thelens. Bei den von Peter mit auf die Reise genommenen Mänteln, deren Nachbildungen heute der Nummer-Eins-Hit Company-Merchandisingverkaufsschlager sind, kann es sich also durchaus um alte Lagerbestände der Firma handeln, die der Großvater Ludovig Thelen noch bis Ende der 70er Jahre leitete, bevor er sie an die Warenhauskette Pebbelstone verkaufte. Glöckner, Friedrich (1983): Aufstieg und Fall – Textilbarone in Deutschland. München.

5Briefe PT(11.10.1983)

6 Die Bücher hatten einen großen Einfluss auf Peter, er wurde eine richtige Bücherratte. Folgende Bücher befanden sich im Bündel: Jorid Karl Huysmanns »Gegen den Strich«, Paul Scheerbarts »Immer mutig!«, Goethes »Wilhelm Meisters Wanderjahre 2«, die Poetik des Aristoteles, »Nicolai Klims unterirdische Reise« von Ludvig Holberg, Willy Steputats »Reimelexikon«, Piatons »Symposion«, Machiavellis »Der Fürst«, Homers »Illias« und Erich Kästners: »Emil und die Detektive«.

7 Peter beschreibt das Geburts- und Wiedergeburtserlebnis recht plastisch in einem Interview mit der niederländischen Zeitung »De Graaf« in der Ausgabe vom 12.05.1994 und Jahre später in der angesehenen »Houston Medical Review« (Ausgabe 276, März 2004).

8 Zur Stammgruppe gehörten damals der spätere Weltklasse-Gitarrist Rudi Pitschowek, der in den 90er-Jahren erfolgreiche WDR-Hörspieldramaturg Olaf Siebenbürgen (Bass) und der seit 2009 als Manager bei den Sportfreunden Herne arbeitende Jürgen Aygün (Schlagzeug).

→ KAPITEL 3

PETERCHENS HEIMFAHRT

1986

Der Motor stotterte und erstarb. Peter schob das Moped an den Straßenrand und verfluchte das Preiskartell der Ölmultis, wegen dem er nicht vollgetankt hatte. Er nestelte eine Stadtkarte aus seiner rechten Schlangenledermanteltasche. Bei diesem Sauwetter wollte er keinesfalls einen Umweg in Kauf nehmen. Mit dem Finger zeichnete Peter den Weg auf der Karte bis zu der Wohnung seines Bruders nach. Er hoffte, dass sein Bruder noch in der Ursulastraße wohnen würde – zu lange hatte er nichts mehr von ihm gehört. Ein Schmerz, wie von einem durch die Hand gerissenen groben Tau, durchzuckte Peters Herz. Pathetisch griff er an seine rechte Brust. Dann sah er, dass er in einer Pfütze stand. Er ärgerte sich, denn er fürchtete Fußpilz.

Es war schon spät, als er an der Adresse ankam. Kein schönes Haus. 15 Etagen. Kasernenartig. Abweisend. Mit dem Feuerzeug leuchtete er die Klingelschilder ab:

Müller, Schmidt, Schneider, Fischer, Weber, Meyer, Wagner, Becker, Schulz, Hoffmann, Schäfer, Koch, Bauer, Richter, Klein, Wolf, Schröder, Neumann, Schwarz, Zimmermann, Braun, Krüger, Hofmann, Hartmann, Lange, Schmitt, Werner, Schmitz, Krause, Meier, Lehmann, Schmid, Schulze, Maier, Köhler, Hermann, König, Walter, Mayer, Huber, Kaiser, Fuchs, Peters, Lang, Scholz, Möller, Weiß, Jung, Hahn, Schubert, Vogel, Friedrich, Keller, Günther, Frank, Berger, Winkler, Roth, Beck, Lorenz, Baumann, Franke, Albrecht, Schuster, Simon, Ludwig, Böhm, Winter, Kraus, Martin, Schumacher, Krämer, Vogt, Stein, Jäger, Otto, Sommer, Groß, Seidel, Heinrich, Brandt, Haas, Schreiber, Graf, Schulte, Dietrich, Ziegler, Kuhn, Kühn, Pohl, Engel, Horn, Busch, Bergmann, Thomas, Voigt, Sauer, Arnold, Wolff, Pfeiffer.

Nirgendwo hatte er Thelen gelesen. Peter war enttäuscht. Von dem glühend heißen Feuerzeug war sein Daumen ganz schwarz. Es stank ein bisschen nach verkokeltem Fleisch.

Ritsch. Ratsch. Noch einmal entzündete er das Feuerzeug und hielt es im Schutz seiner Hand vor die Klingelschilder:

Müller, Schmidt, Schneider, Fischer, Weber, Meyer, Wagner, Becker, Schulz, Hoffmann, Schäfer, Koch, Bauer, Richter, Klein, Wolf, Schröder, Neumann, Schwarz, Zimmermann, Braun, Krüger, Hofmann, Hartmann, Lange, Schmitt, Werner, Schmitz, Krause, Meier, Lehmann, Schmid, Schulze, Maier, Köhler, Hermann, König, Walter, Mayer, Huber, Kaiser, Fuchs, Peters, Lang, Scholz, Möller, Weiß, Jung, Hahn, Schubert, Vogel, Friedrich, Keller, Günther, Frank, Berger, Winkler, Roth, Beck, Lorenz, Baumann, Franke, Albrecht, Schuster, Simon, Ludwig, Böhm, Winter, Kraus, Martin, Schumacher, Krämer, Vogt, THELEN.