Funkers Notizen - Helmut Schönleber - E-Book

Funkers Notizen E-Book

Helmut Schönleber

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Mit offenem Herzen für die melancholische Schönheit der baltischen Landschaft erlebte er die Schrecken des Zweiten Weltkriegs: Erinnerungen und Tagebuch-Auszüge eines Kriegsberichters für die Feldzeitung und Funkers der 61. Infanterie-Division im Krieg Deutschlands gegen die Sowjetunion. Erlebnisse im Baltikum, vor Leningrad und auf der Flucht vor der Roten Armee, bis zum Entkommen aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 485

Veröffentlichungsjahr: 2018

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Funkers Notizen

Titelseite1941 05.06.1941- 16.06.1941 Hofgeismar 16.06.1941- 29.07.1941 Kassel 29.07.1941- 29.08.1941 Hofgeismar 29.08.1941- 10.09.1941 Weimar bis Lihula 10.09.1941- 22.10.1941 Lihula bis Laugu 22.10.1941- 09.11.1941 Laugu bis Reval 09.11.1941- 02.12.1941 Reval bis Selowo 02.12.1941- 23.12.1941 Tichwin bis Wolchow 1942 23.12.1941- 25.01.1942 Botanowka 25.01.1942- 16.06.1942 Botanowka 16.06.1942- 01.07.1942 Tschudowo 01.07.1942- 04.08.1942 Botanowka 04.08.1942- 15.08.1942 Ljuban 15.08.1942- 07.09.1942 Tschudowo 07.09.1942- 28.09.1942 Grusino, Botanowka 28.09.1942- 18.10.1942 Tuschin Ostrow 18.10.1942- 29.10.1942 Tschudskoj Bor 29.10.1942- 03.11.1942 Tschudskoj Bor bis Koblenz 03.11.1942- 23.11.1942 Koblenz, Winkel 23.11.1942- 26.11.1942 Winkel bis Tschudskoj Bor 26.11.1942- 16.12.1942 Tschudskoj Bor 1943 16.12.1942- 14.01.1943 Tscheremnaja Gora 14.01.1943- 19.01.1943 Mga, P 5 19.01.1943- 13.02.1943 Mga, Sumpfweg 13.02.1943- 25.02.1943 Lipowik 25.02.1943- 04.03.1943 Kirischi 04.03.1943- 13.03.1943 Irsa 13.03.1943- 31.03.1943 Kirischi, “Blaue Kiste“ 31.03.1943- 24.04.1943 Kirischi 24.04.1943- 17.06.1943 Kirischi, Schulhöhe 17.06.1943- 11.07.1943 Posolka 11.07.1943- 11.09.1943 Wesenberg 11.09.1943- 14.09.1943 Wesenberg bis Winkel 14.09.1943- 05.10.1943 Winkel, Koblenz 05.10.1943- 11.10.1943 Winkel bis Tetkingrund 11.10.1943- 20.10.1943 Mga, Tetkingrund 20.10.1943- 14.12.1943 Mga, Gleisdreieck 14.12.1943- 22.12.1943 Meshno, Siwerskaja 1944 22.12.1943- 10.01.1944 Tetkingrund 10.01.1944- 30.01.1944 Djatlizy bis Narva 30.01.1944- 18.02.1944 Narva bis Kuremäe 18.02.1944- 26.02.1944 Kuremäe 26.02.1944- 03.04.1944 Aljuka 03.04.1944- 25.04.1944 Jamaküla, Kinderheim 25.04.1944- 07.05.1944 Jamaküla bis Winkel 07.05.1944- 04.06.1944 Winkel bis Puhkova 04.06.1944- 09.07.1944 Puhkova, Uussaari 09.07.1944- 18.07.1944 Jamaküla bis Tartaki 18.07.1944- 23.08.1944 Tartaki bis Kirpes 23.08.1944- 13.09.1944 Schönberg bis Kalnanini 13.09.1944- 05.10.1944 Kalnanii bis Eikazi 05.10.1944- 20.10.1944 Abranti bis Drapeli 20.10.1944- 02.11.1944 Drapeli bis Grünhof 02.11.1944- 17.11.1944 Grünhof 17.11.1944- 21.12.1944 Trakehnen, Roßbachkanal 1945 21.12.1944- 04.01.1945 Trakehnen, Rollbahn 04.01.1945- 16.01.1945 Tapiau 16.01.1945- 17.02.1945 Riedhof bis Milchbude 17.02.1945- 25.03.1945 Milchbude bis Rosenberg 25.03.1945- 20.04.1945 Rosenberg bis Winkel Impressum

Helmut Schönleber Funkers Notizen 1941 - 1945

Aufzeichnungen von Erzählungen und Auszüge aus den Tagebüchern meines Vaters Hans Schönleber

1941

05.06.1941- 16.06.1941 Hofgeismar

Als einer von mehreren hundert jungen Männern aus Frankfurt und Umgebung, die am 5. Juni morgens im Hof der Gutleut-Kaserne in Frankfurt zu einem Rekrutentransport zusammengestellt wurden, gelangte ich am gleichen Tag in mehrstündiger Eisenbahnfahrt nach Hofgeismar. Vom Bahnhof marschierten wir geschlossen zur Manteuffel-Funkerkaserne, einem weitläufigen alten Gebäudekomplex, wo wir militärisch ausgebildet werden sollten. Bei der sofort vorgenommenen Einteilung kam ich zur 3. Kompanie (Funkkompanie) und wurde der Stube 60 zugewiesen, die am äußersten Ende des Hauptgebäudes im Obergeschoß lag. Die Gesamteinheit, zu deren Bereich außer der Funkerkaserne noch eine weitere Mannschaftsunterkunft in Hofgeismar gehörte, war die Nachrichten-Ersatz-Abteilung 9.

Die Ausbildung, an der ich zunächst zehn Tage lang teilnahm, erstreckte sich auf Exerzieren, Geländedienst, Schießübungen, allgemein-militärischen Unterricht, vor allem aber auf Funkdienst, hinter dem die übrige Ausbildung zurücktrat. Wir wurden stubenweise in die Grundlagen der Telegrafie (Morse-Alphabet) eingeführt und nahmen bald darauf an den ersten Funkübungen von Stube zu Stube und im Kasernenhof teil.

Im Hören und Geben (Tasten) machte ich gute Fortschritte. Auch die Ausbildung auf dem Exerzierplatz und im Gelände bereitete mir nur wenig Mühe, da der Dienst, verglichen mit meinen Erfahrungen im Reichs-Arbeitsdienst, in durchaus gemessenen Formen vonstatten ging.

Unsere Ausbilder waren Unteroffizier Staderberg, ein angenehmer Korporalschaftsführer mit urwüchsigen Redensarten, der kurz darauf durch den jüngeren und lebhafteren, doch ebenfalls erträglichen Unteroffizier Wilke abgelöst wurde; ferner Oberfunker Graf, ein etwas dienstälterer Soldat, der mit uns in Stube 60 wohnte und von uns laut Vorschrift als “Herr Oberfunker” angeredet werden mußte; weiterhin mehrere Wachtmeister und Offiziere. Von fast allen Vorgesetzten wurden wir verhältnismäßig anständig behandelt.

Unsere Korporalschaftsstube war mit zweistöckigen eisernen Betten, Spinden (zu je zwei Mann ein Spind), einem Tisch und Hockern ausgestattet. Ich hatte das untere Bett an der Fensterseite bezogen. Mehrmals wurden wir bei Nacht durch Fliegeralarm aufgeweckt. Wir mußten uns dann im Dunkeln ankleiden und den Luftschutzkeller aufsuchen, der in einem entfernten Teil der Kaserne lag. Bomben fielen nicht.

Etwa nach sieben Tagen Ausbildung befiel mich während des Dienstes eine krankhafte Müdigkeit mit fiebrigen Erscheinungen, die mehrere Tage anhielt. Ich meldete mich jedoch nicht krank, weil ich möglichst schnell eine erfolgreiche Ausbildung hinter mich bringen wollte, um dann den “Ersatzhaufen” verlassen zu können. Am 15. Juni (Sonntag) fühlte ich mich wohler, doch zeigten sich jetzt scharlachartige Ausschläge am Körper. Nachmittags nahm ich noch die zum ersten Mal gebotene Möglichkeit wahr, im Ausgehanzug die Kaserne zu verlassen, und sah am Abend zusammen mit einigen Kameraden im Kino den Film “Die schwedische Nachtigall”. Am Morgen des 16. Juni begab ich mich dann zum Abteilungsarzt. Es wurde einwandfrei Scharlach festgestellt. Ich durfte nicht mehr zu meiner Stube zurückkehren und wurde noch am gleichen Tag in einem Dienstauto nach Kassel zum Lazarett überführt.

16.06.1941- 29.07.1941 Kassel

Im Reservelazarett IV, das sich im Gebäude der Kunstakademie am Rand der Karls-Aue bei Kassel befand, verbrachte ich die nächsten sechs Wochen. Die Krankheit bereitete mir keinerlei Beschwerden. Abgesehen von einem Katarrh, den man durch Inhalation von Kamillendampf behandelte, und einem Furunkel an der Nase, den der Arzt aufschnitt, fühlte ich mich völlig gesund. Ich mußte jedoch wie jeder Scharlachkranke 42 Tage lang zur Quarantäne in der Infektionsabteilung des Lazaretts verbleiben. Währenddessen wechselte ich dreimal das Zimmer.

Meine Umgebung bestand aus ebenso beschwerdefreien Scharlachkranken, die hier ihre vorgeschriebenen 42 Tage absaßen. Sie stammten aus den Wehrmacht- und SS-Kasernen in Kassel und Umgebung. Auch einige Funker aus Hofgeismar waren unter ihnen.

Sobald es der Arzt erlaubte, stand ich täglich auf und übernahm mehrmals freiwillig den Stubendienst, um beweglich zu bleiben. Später hielt ich mich des öfteren im Lazarettgarten auf. Da überwiegend trübes Wetter herrschte, blieb ich dort meist allein und genoß den Anblick des dunklen Sommerwaldes der Karls-Aue, von dem das Lazarettgelände durch einen hohen Zaun abgetrennt war.

Am 22. und am 23. Juli besuchte mich mein Vater, der aus Koblenz, wo er als Offizier Dienst leistete, nach Kassel gekommen war. Ich verbrachte an beiden Tagen mehrere Stunden mit ihm im Garten. Am 29. Juli wurde ich entlassen und kehrte mit der Eisenbahn in Begleitung anderer entlassener Lazarettinsassen nach Hofgeismar zurück.

29.07.1941- 29.08.1941 Hofgeismar

Ich zog wieder in Stube 60 ein. Die Korporalschaft war vier Wochen lang isoliert gewesen, hatte währenddessen nur Funkausbildung in der Stube von Graf erhalten und war in den letzten zwei Wochen wieder voll ausgebildet worden. Ich machte die fortgeschrittene Ausbildung ohne Schwierigkeiten mit. Ich wurde zunächst in die fünfte (schwächste) Hörklasse eingeteilt - während meiner Abwesenheit war man zur Hörausbildung in Klassen entsprechend der individuellen Qualität übergegangen -, konnte aber schon nach wenigen Tagen in die vierte Hörklasse aufrücken. Im Geländedienst fiel ich durch meine präzise Geländebeschreibung, beim Schießen durch meine überdurchschnittlichen Schießergebnisse auf. Am 3. August (Sonntag) machte ich nachmittags eine Wanderung zum Galgenberg, einer Erhebung westlich von Hofgeismar, wohin wir einige Tage vorher beim Dienst marschiert waren.

Am 4. August traten in verschiedenen Stuben neue Scharlachfälle auf. Auch in Stube 60 wurde ein Funker krank und kam nach Kassel. Unsere Stube wurde (ebenso wie die andern betroffenen) isoliert. Dreieinhalb Wochen lang war unser Verkehr mit der übrigen Kaserne unterbunden. Die Insassen der Stube 61, die nur durch unsere Stube betreten werden konnte, teilten unser Schicksal. Unsere Tür wurde von außen verschlossen und nur geöffnet, wenn man uns das Essen hereinreichte. Außer Hör- und Tastübungen, die uns von außen befohlen und von Graf geleitet wurden, hatten wir keinen Dienst und waren uns selbst überlassen.

An den Funkübungen nahm ich mit Eifer teil. Ich vervollkommnete mich und brachte es bis zur Aufhebung der dreieinhalbwöchigen Quarantäne auf 70 Zeichen je Minute im Hören. Als die Isolierung am 28. August abgebrochen wurde, atmete ich erleichtert auf.

Noch am gleichen Tag wurde aus den Funkern und Fernsprechern der Abteilung eine Marscheinheit zusammengestellt, der zu meiner großen Freude auch ich zugeteilt wurde. Die Kürze meiner Ausbildung von nur 16 Tagen bekümmerte mich nicht. Am Abend gaben wir unsere Kasernenausrüstung ab und empfingen dafür nagelneue Feldausrüstung, die alles umfaßte, von der Unterwäsche bis zu Gewehr, Stahlhelm und Gasmaske. Nur Stiefel gab man uns nicht. Wir mußten uns mit halbhohen Schnürschuhen und Segeltuchgamaschen begnügen, die wir schon bei der Ausbildung getragen hatten.

Am 29. August wurde unsere Marscheinheit mit der Eisenbahn nach Weimar überführt, wo ein Feld-Ersatz-Bataillon für die Ostfront gebildet werden sollte.

29.08.1941- 10.09.1941 Weimar bis Lihula

Wir wurden in einem neuen, modern eingerichteten Kasernengebäude untergebracht, das auf einer Höhe außerhalb Weimars lag. Wir blieben dann uns selbst überlassen. Es war offensichtlich, daß dieser Aufenthalt nur Tage dauern konnte. Am Sonntag, dem 31. August, machte ich einen Gang durch die Stadt, in der gegenwärtig gewaltige Bauten der NSDAP errichtet wurden.

Am Montag wurden wir zu einem starken Marsch-Bataillon vereinigt, das zum größten Teil aus Nachrichtenleuten, weiterhin aus Pionieren und Reitern bestand. Wir marschierten zum Bahnhof, wurden in einen Güterzug verladen und traten dann eine neuntägige Fahrt in den Osten an. In jedem Güterwagen waren etwa 40 Mann untergebracht, die auf Stroh lagen. Der Dienstälteste - in meinem Wagen ein Pionier-Obergefreiter - hatte die Aufsicht. Bei den wenigen Aufenthalten, die meistens längere Zeit dauerten, empfingen wir an der auf einem offenen Rungenwagen stehenden Feldküche das Essen. Ich erlebte diese interessante und abwechslungsreiche Fahrt durch Landschaften, die mir unbekannt waren, mit offenen Augen. Tagsüber und bis in die Nacht hinein stand ich an der geöffneten Schiebetür; schauend, beobachtend, genießend. Die andern spielten oder schliefen derweilen, mit nur wenigen Ausnahmen.

Am ersten Tag kamen wir bis Berlin, das in großem Bogen umfahren wurde. Am Dienstag durchquerten wir die Neumark und das flache Netze-Gebiet und erreichten abends Schneidemühl, dessen Güterbahnhof nichts Sehenswertes bot. Während der Nacht ging die Fahrt weiter, und am Mittwoch sahen wir die vielgenannten Kulturbauten in Westpreußen; die Weichselbrüche bei Dirschau und die Marienburg.

Die Fahrt durch das flache Ostpreußen am Donnerstag, dem 4. September, bei sonniger Witterung war etwas Ungewohntes und sehr Reizvolles für mich. In Insterburg, wo wir einen längeren Aufenthalt hatten, ging ich mit Erlaubnis des Transportleiters in die Stadt, um mir eine neue Brille für die am Vortag zerbrochene zu besorgen. Dabei konnte ich mich zum ersten Mal in einer ostpreußischen Stadt mit ihrer weiträumigen Anlage umsehen. Bei der Abfahrt an einer späteren ostpreußischen Station befand ich mich auf dem offenen Küchenwagen und konnte nicht mehr zu meinem Wagen zurückkehren. So fuhr ich eine beträchtliche Strecke auf diesem Wagen und genoß die nach keiner Seite behinderte Aussicht. Hier befand ich mich auch noch, als wir gegen Abend die deutsche Reichsgrenze passierten.

Auf sowjetisch-litauischem Gebiet waren nur wenige Kampfspuren sichtbar. Nur einige zurückgelassene Güterwagen mit dem Hoheitszeichen der Sowjet-Eisenbahnen erinnerten an die bisherigen Machtverhältnisse. Am Abend erreichten wir bei Mondschein Kowno (Kaunas), die frühere Hauptstadt Litauens, und passierten in der Nacht die jetzige Hauptstadt Wilna (Vilnius).

Am nächsten Tag (5. September) durchfuhren wir bei sonnenlosem Himmel das nordöstliche Litauen, und einen kleinen Zipfel Lettlands. Beide Länder erschienen mir recht unfreundlich und farblos, was aber zum Teil am Wetter liegen mochte. Bemerkenswert war der Siedlungscharakter: nur sehr wenige, geschlossene Ortschaften, aber viele einzelne Gehöfte; weniger Acker- als Weideland. Gegen Abend erreichten wir Dünaburg (Daugavpils), wo wir in Wagen der sowjetischen Eisenbahn umgeladen wurden. Bis Dünaburg war die Bahnstrecke schon auf deutsche Spurweite umgebaut worden; weiter nordwärts bestand noch osteuropäische Spur. Am 6. September fuhren wir durch das östliche Lettland.

Mein Eindruck vom Vortag wiederholte sich hier. An einigen Stationen boten uns Bauern billige Eier zum Kauf an. Mittags hatten wir Aufenthalt in Rositten (Rezekne), wo wir die Bahnhofswirtschaft aufsuchten, abends in Abrene (Jaunlatgale), wo wir bei Dunkelheit durch die Straßen dieses typisch lettischen Städtchens streiften und auch einen Blick durch das Fenster in die orthodoxe Kirche warfen, in der gerade ein Gottesdienst stattfand. Nach der Abfahrt schaute ich noch eine Weile ins Land, konnte aber wegen der Dunkelheit die Stelle unseres Grenzüberganges von Lettland nach Rußland nicht erkennen.

Am 7. September beobachtete ich aufmerksam das russische Gebiet, das unser Zug durchfuhr. Wir befanden uns jetzt auf altem sowjetischem Territorium, während die baltischen Länder erst vor Jahresfrist in die Sowjetunion eingegliedert worden waren. Wir sahen kaum Menschen, nur wenige Dörfer, die abseits der Bahnlinie lagen. Längs der Strecke zogen sich Tannenhecken oder Zäune dahin, die im Winter Schutz gegen Schneeverwehungen bieten sollten. Das Land erschien mir noch eintöniger als Litauen und Lettland. Die Stationen, an denen wir Aufenthalte hatten, Ostrow, Tscherskaja und Tscherjocha, wiesen einfache, aber massive Gebäude auf. Am Abend erreichten wir den großen Bahnhof Pleskau (Pskow). Hier wurde das Marsch-Bataillon aufgelöst. Wir standen zur Neueinteilung längere Zeit zwischen den Zügen. Mit einem Teil unseres bisherigen Marschbataillons wurde ich einem Güterzug zum Weitertransport zugewiesen, in dem wir die Nacht verbrachten.

Unser Zug fuhr am Morgen des 8. September über Gdow nach Slanzy, wo die Bahnstrecke aufhörte. Auf Lastautos wurden wir auf einer von vielen Wehrmachtfahrzeugen befahrenen Straße weiterbefördert, passierten die Grenze Estlands und erreichten am Abend Narva, wo wir abermals in Gruppen aufgeteilt und in einem Saal einquartiert wurden. Das kleine Kommando, zu dem ich gehörte, fuhr am 9. September in einem Mannschaftsauto westwärts durch Estland. Die offene Rückwand des Fahrzeugs gestattete nur einen bescheidenen Blick auf die Straße nach hinten. In Wesenberg (Rakvere) hatten wir am Flugplatz Aufenthalt zum Tanken.

Bei unserer Einfahrt in die Hauptstadt Reval (Tallinn) hob sich die türmereiche Stadt malerisch gegen den von der untergehenden Sonne vergoldeten Abendhimmel ab - ein besonders reizvoller Blick. In Reval hatten wir einigen Aufenthalt und fuhren dann weiter südwärts bis Haimre. Hier erfolgte bei einem höheren Stab die letzte Aufteilung meiner Gruppe. Wir übernachteten in einem von Truppen belegten Haus und setzten am andern Morgen zu zehn Mann unsere Fahrt in einem kleinen geschlossenen Kastenwagen südwestwärts fort. Wir ließen die rückseitige Tür offen stehen und konnten so die Landschaft ein wenig beobachten. Das estnische Land mit seinen tiefen Wäldern, den gepflegten Feldern und bunten Dörfern sprach mich stärker als Lettland oder Rußland an. Ich fühlte mich an Deutschland erinnert, wenngleich Estland durchaus eigene Züge hatte. Mittags kamen wir in Lihula an, wo wir von der Nachrichten-Abteilung 161 übernommen wurden.

10.09.1941- 22.10.1941 Lihula bis Laugu

Als Angehöriger der 2. Kompanie (Funkkompanie) der Nachrichten-Abteilung 161 machte ich in den folgenden sechs Wochen die Besetzung der baltischen Inseln durch die Wehrmacht mit. Die Abteilung bestand zum größten Teil aus Ostpreußen; sie gehörte der 61. ostpreußischen Infanterie-Division an. Hier herrschte ein unangenehm militärischer Ton.

Das erkannte ich schon beim Empfang der Neuankömmlinge durch den “Spieß” der 2. Kompanie, Hauptwachtmeister Züttrik. Wir neuen Funker wurden zunächst in der Scheune eines Gehöftes untergebracht, in dem auch die Funktionäre der Kompanie wohnten. Am nächsten Tag prüfte man unsere Kenntnisse im Hören und Geben. Anscheinend schnitten wir nicht sehr gut ab, denn wir wurden danach meist mit Geringschätzung behandelt. Schon in der zweiten Nacht befahl uns Züttrik zum Wachestehen.

Am 12. September mittags wurden wir auf die Funktrupps verteilt. Ich kam zum 1. Klein-a, der aus Unteroffizier Geiger, etwa vier Funkern und zwei Kraftfahrern bestand. Er war mit einem Funkwagen (umgebautem kleinem Kastenwagen), einem Personenauto, 5-Watt-Sender und Empfangsgerät ausgerüstet. Noch am gleichen Tag machte die Kompanie einen Stellungswechsel zum Gut Massu, etwa sieben Kilometer landeinwärts von der Ostsee gelegen. Ich fuhr dabei im Personenauto des 1. Klein-a mit. Wir blieben vier Tage lang beim Gut Massu.

Am 14. September begann der deutsche Angriff mit Sturmbooten auf die von der Roten Armee verteidigte Insel Moon (Muhu). Dabei unterhielt der 1. Klein-a Funkverkehr zwischen dem Divisionsstab, der auf Gut Massu lag, und einer der angreifenden Einheiten. Am ersten Angriffstag sah ich zum ersten Mal ein sowjetisches Flugzeug: eine kleine Jagdmaschine, die langsam über uns hinwegflog.

Ich wurde beim 1. Klein-a von Anfang an als überflüssiger Ballast behandelt. Meine Fertigkeit im feldmäßigen Funkwesen war immerhin sehr beschränkt. Wenn ich auch in der Kaserne gute Ergebnisse im Hören erzielt hatte, so kam es doch jetzt nicht auf das Hören allein an. Zudem schien man bei der Nachrichten-Abteilung 161 auf das militärische Auftreten eines Soldaten größeres Gewicht als auf seine Fertigkeit im Funken zu legen.

Ein strammer Soldat nach Kommißverständnis war ich nicht. Der Truppführer und die Funker im 1. Klein-a halfen mir auch nicht, den Mangel zu überwinden, sondern überließen mir die nebensächlichen und unangenehmen Aufgaben wie Stullenschmieren, Geschirrspülen oder Wachestehen. Ans Funkgerät kam ich überhaupt nicht.

Der Divisionsstab und die Funkzentrale, der wir angehörten, legten am 16. September mit allen Fahrzeugen die Reststrecke bis zur Seestadt Virtsu zurück und setzten auf Doppelpontonfähren mit eingebauten Flugzeugmotoren - sogenannten Siebelfähren - über den fast zehn Kilometer breiten Sund nach Kuivastu auf Moon über. Dies war meine erste Fahrt über See.

Von Kuivastu ging es ohne längeren Aufenthalt noch ein paar Kilometer landeinwärts bis Padaste, wo wir zwei Tage lang verblieben. Ich nächtigte meist im Personenauto des Funktrupps, während die andern entweder im Freien schliefen oder in das Wohnhaus gingen, in dem die Funkzentrale eingerichtet worden war. Inzwischen kämpften sich die Infanterie-Regimenter der Division auf Moon weiter vor, überschritten den Damm, der Moon mit der größeren Insel Ösel (Saaremaa) verband, und bildeten auf Ösel einen Brückenkopf. Abends, wenn ich vor dem Haus der Funkzentrale Wache stand, konnte ich im Westen deutlich den Geschützdonner der Schlacht vernehmen.

Die Funkzentrale folgte den Regimentern am 18. September nach. Wir durchquerten Moon, fuhren über den Damm und blieben dann zwei Tage lang in Orissaare, einem Städtchen auf Ösel, am Sund etwas nördlich des Damms gelegen. Hier wurde ich erstmals zum Dienst am Funkgerät eingeteilt, weil die anderen Funker übermüdet waren. Während meiner zweistündigen Funkwache wurde ein längerer Funkspruch durchgegeben, den ich fehlerlos aufnahm. Doch nachdem die anderen ausgeschlafen hatten, wurde ich wieder zum Faktotum. Unsere Verpflegung war während des ganzen Einsatzes ausgezeichnet. In Orissaare empfingen wir auch Schnaps.

Weiter ging unsere Fahrt durch Ösel westwärts. Ich fuhr stets im Personenwagen und genoß in vollen Zügen das herrliche Bild dieser in ganzer herbstlicher Farbenpracht stehenden Landschaft mit den weiten braunen Mooren und den lieblich im Sonnenschein glitzernden Birkenwäldchen. Am 20. September kamen wir bis Lööne, wo ich erstmals mit den Funkern des Trupps in einem aus Zeltbahnen zusammengesetzten Zelt übernachtete, und am 21. September (Sonntag) erreichten wir nach längerer Fahrt quer durch den südlichen Teil der Insel die soeben erst eroberte Hauptstadt Arensburg (Kuressaare). Hier verblieb der Divisionsstab 19 Tage lang, während die Infanterie die langgestreckte Halbinsel Sôrve eroberte, die von der Roten Armee erbittert verteidigt wurde.

Die Fahrzeuge der Funkzentrale zog man in eine Anlage, die sich im Halbkreis um die an der See gelegene Burg erstreckte. Zum Schlafen hatten wir auch hier nur das Zelt, in dem es jetzt nachts recht kalt war. Da ich vom Trupp immer noch nicht als vollwertiger Kamerad behandelt wurde, wanderte ich in meiner freien Zeit, die hier reichlich vorhanden war, mehrfach allein zur Burg und durch die Stadt.

Die Burg war ein einfacher, wuchtiger quadratischer Bau aus grauem Naturstein, in der Zeit der deutschen Ordensherrschaft errichtet. Als ich zum ersten Mal dort war, wurde ich Zeuge, wie deutsche Soldaten das im obersten Stockwerk liegende Museum, das von einer SS-Dienststelle sichergestellt und versiegelt worden war, aufbrachen und plünderten. Im Schloßhof wurde über mehrere Tage hinweg eine größere Anzahl von Leichen ausgegraben. Es handelte sich dabei angeblich um estnische Nationalisten, die gegen die Sowjets gekämpft hatten und von diesen kurz vor ihrem Abzug getötet worden waren. Deutsche Soldaten und Einheimische verfolgten die Ausgrabungsarbeiten. Ich war vom Anblick der schon halb verwesten Leichen sehr ergriffen. Im übrigen streifte ich viel auf den weitläufigen, mit wildem Buschwerk bewachsenen Burgwällen umher, die einen weiten Blick auf Stadt und See boten. An einem Abend wanderte ich auf eine halbinselartige Mohle hinaus und bestieg ein dort stehendes verlassenes Bootshaus.

Ein besonderer Anziehungspunkt, für mich war ein Gebäude an der Anlage, in dem sich vorher irgendeine Kommandostelle der Roten Flotte befunden hatte. Die Wehrmacht schien sich erst wenig dafür interessiert zu haben. Hier lagerte in zahlreichen Schränken eine beträchtliche Menge an Schrifttum, zum überwiegenden Teil in russischer Sprache gedruckt. Da ich das Bedürfnis hatte, Genaueres über unsern Gegner in diesem Feldzug zu wissen, befaßte ich mich eingehend mit diesen Büchern. Meine Kenntnis der russischen Schrift gestattete mir, wenigstens die Titel zu entziffern.

Besonders erfreut war ich, als ich neben politischer und militärischer Literatur einen Stapel von Atlanten mit dem Titel “Geografitscheskij Atlas” fand, die hauptsächlich Karten von allen Teilen der Sowjetunion enthielten. Ich nahm zwei Exemplare mit und studierte in den folgenden Tagen den Atlas gründlich. Ferner erregte ein illustriertes Buch in englischer Sprache, betitelt “The Soviet Worker”, meine Aufmerksamkeit. Hier hatte ich die Möglichkeit, mit Hilfe meiner Schulkenntnisse in Englisch Einzelheiten über die sozialen Verhältnisse in der Sowjetunion zu erfahren. Auch dieses Buch nahm ich mit. Ein Exemplar des Atlasses wollte ich nach Hause schicken, doch wurde mein Päckchen wegen des ungewöhnlichen Formats von der Kompanieschreibstube zurückgewiesen. Einige kleinere Päckchen mit russischen Büchern, die ich ebenfalls wegschickte, wurden nicht beanstandet. Das englische Buch behielt ich bei mir, um es zu lesen.

Der 1. Klein-a begann, ein leerstehendes Haus als Unterkunft herzurichten. Wir reinigten zwei Zimmer, dichteten Fenster und Türen ab, trugen Möbel herbei und sahen unter unseren Händen ein gemütliches Quartier entstehen. Dabei fand ich erstmals etwas kameradschaftlichen Kontakt zu den anderen Funkern des Trupps. Doch am 30. September, kurz bevor die neue Unterkunft bezogen werden sollte, gab mir Truppführer Geiger bekannt, daß ich laut Kompaniebefehl mit sofortiger Wirkung zum 3. Klein-a versetzt worden sei.

Der 3. Klein-a, bei dem ich mich alsbald einfand, wurde von Unteroffizier Schittenhelm, einem untersetzten Westfalen, geführt. In der personellen Zusammensetzung und in der Ausrüstung glich der Trupp dem 1. Klein-a. Der Funkwagen war ein Opel-Lastauto mit Plane, in das ein Tisch für die Funkgeräte und zwei lange kastenartige Bänke fest eingebaut waren. Der Trupp hatte noch keine feste Unterkunft. Wir schliefen in den beiden Fahrzeugen.

Ich wollte nun das Buch über den sowjetischen Arbeiter nach Hause senden. Vorsichtshalber legte ich einen Zettel mit der Aufschrift “Feindpropaganda” in das Buch, verpackte es und brachte es am Vormittag des 1. Oktober zur Schreibstube. Als ich mittags nach dem Wachestehen zum Trupp zurückkehrte, sagte man mir, ich hätte mich bei der Schreibstube zu melden. Ich ging zu dem Haus, in dessen Hof der Schreibstubenwagen abgestellt war. Der Kompanieschreiber Obergefreiter Hopf stellte mir aufdringliche Fragen, die sich auf mein Päckchen bezogen, sagte aber nicht klar, um was es sich handelte. Ich antwortete wortkarg, so daß er das Verhör abbrach und mich zum Hauptwachtmeister schickte. Diesen traf ich aber in seinem Quartier nicht an und kehrte zum Trupp zurück.

Hier hatte sich inzwischen Hopf eingefunden und tuschelte mit Schittenhelm. Nun erfuhr ich endlich, um was es sich handelte: mein Päckchen war geöffnet worden, und mir wurde vorgeworfen, mit der Inbesitznahme und dem versuchten Versand des Buches gegen Dienstvorschriften verstoßen zu haben. Schittenhelm pöbelte mich lautstark an und machte mir minutenlang Vorhaltungen. Am Abend mußte ich mich dann bei Züttrik melden. Der Hauptwachtmeister war ein “Aktiver” aus Masuren, der ein primitives Deutsch sprach. Er wußte mir nur Beschimpfungen entgegenzuschleudern und befahl mir, mich am andern Morgen beim Kompaniechef zu melden.

Im Bewußtsein meines Rechts suchte ich am 2. Oktober morgens die Unterkunft des Kompaniechefs auf. Oberleutnant Fitzeck war ein elegant gekleideter Offizier mit weichen Gesichtszügen, ein romanischer Typ. Er fragte mich, was ich von Beruf sei, und ich erwiderte, ich sei bei der Presse. Deshalb also hätte ich das Buch wegschicken wollen, meinte er verständnisvoll; dies sei aber verboten, auch mit einem Hinweis auf Feindpropaganda; er nehme an, daß ich in Unkenntnis gehandelt hätte; das Buch werde er verbrennen, und damit sei die Angelegenheit erledigt. Ich war entlassen. Der Kompaniechef ließ mich also unbehelligt. Der Hauptwachtmeister jedoch, bei dem ich mich nach diesem Gespräch nochmals melden mußte, diktierte mir drei Tage Strafwache zu.

Truppführer Schittenhelm bereitete sich nun ein besonderes Vergnügen, indem er mich in den folgenden Tagen nach allen Regeln der Schleiferkunst schikanierte. Er befaßte sich fast ausschließlich mit mir, gab ständig neue Befehle und erteilte aufdringliche Belehrungen. Kaum eine Minute ließ er aus, ohne mich seine Macht spüren zu lassen. Unterbrechungen gab es nur durch das jeweils zweistündige Postenstehen. Ich führte die Befehle des Unteroffiziers wörtlich aus, ließ aber meinen Widerwillen und meine Verachtung deutlich erkennen, denn der Unteroffizier sollte spüren, daß ich mich im Recht wußte, und daß es ihm nicht gelingen würde, mich zu einem gefügigen Untergebenen zu machen. Tatsächlich sagte er am 4. Oktober unvermittelt, nun solle alles vergessen sein. Ich gab ihm keine Antwort. Von da an ließ er mich in Frieden.

In den ersten Tagen des Oktober 1941 fiel der erste Schnee. Da das Schlafen im Wagen nun kaum noch erträglich war, suchte sich der 3. Klein-a eine feste Nachtunterkunft. Wir zogen dann jeden Abend zu dem Haus, das eine Strecke stadteinwärts lag, und kehrten morgens zum Fahrzeug in der Anlage zurück.

Nach dem Abschluß der Kämpfe auf Sôrve zogen Divisionsstab und Funkzentrale am 10. Oktober quer durch Ösel zum Nordrand der Insel. Die Funkkompanie bezog in dem Dörfchen Paestevälja Quartier. Je einem oder zwei Trupps wurde ein Haus zugewiesen. Es war inzwischen Winter geworden, und eine dünne Schneeschicht bedeckte den Boden. Am 12. Oktober führte die Division im Zusammenwirken mit Marine und Sturmbootpionieren einen erfolgreichen Angriff auf die nördliche Insel Dagö (Hiiumaa).

Schittenhelm schien einzusehen, daß er mit seinem plumpen Anbiederungsversuch am 4. Oktober noch keine Lösung der Spannungen erzielt hatte. Eines Abends kam er - wir hatten Schnaps empfangen, und er war schon halb betrunken - auf mein Verhältnis zu ihm und zum Trupp zu sprechen. Er machte den Versuch, die Fremdheit zwischen mir und dem Trupp auf meine Schuld zurückzuführen, und warf mir Überheblichkeit und Unkameradschaftlichkeit vor. Ich widersprach ihm und wies nach, daß er selbst mich durch sein Verhalten aus der Gemeinschaft des Trupps ausgesondert hatte. Mit vielen Worten führte Schittenhelm dann eine theatralische Versöhnung - Handschlag und Übergang zum “Du” - herbei, die aber nur eine äußerliche sein konnte.

Am 16. Oktober mußte ich zusammen mit einem Küchenfunktionär und einigen Funkern Verpflegung nach Dagö bringen, wo Teile der Kompanie eingesetzt waren. Ein offenes Geländeauto mit den Essenkanistern holte uns ab und brachte uns bis zur Übersetzstelle an der Triigi-Bucht. Auf einer Fähre ließen wir uns übersetzen. An der Anlegestelle Sôru auf Dagö lieferten wir den wartenden Funkern die Kanister ab und kehrten mit der gleichen Fähre zurück.

Am 20. Oktober wurde abermals ein Mann aus meinem Trupp für diesen Dienst gesucht. Ich meldete mich freiwillig, weil ich froh war, wenn mir die Gegenwart des Truppführers auch nur für Stunden erspart blieb. Wir fuhren wiederum im Kübelwagen, dann mit der Motorfähre. In Sôru mußten wir lange auf die abholenden Funker warten. Inzwischen wurde es Abend. Die Fähre, die wir zur Rückfahrt benutzten, verlor in Dunkelheit und Nebel die Richtung, obwohl die Entfernung zwischen Dagö und Ösel nur etwa zehn Kilometer betrug. Nach ergebnislosem Hin- und Herfahren warf die Besatzung Anker. Ich fiel infolge der herrschenden Finsternis in eine Ladeluke und verletzte mich am Kopf. Im Raum der Besatzung wurde ich notdürftig verbunden. Als es tagte (21. Oktober), legten wir die Reststrecke zurück. Beim Küchentroß der Kompanie, der in Leisi lag, ließ ich mich richtig verbinden und kehrte dann zum Trupp nach Paestevälja zurück.

Die Eroberung von Dagö war nun abgeschlossen. Am 22. Oktober sollte der 3. Klein-a mit nur einem Fahrzeug einer Artillerie-Abteilung unterstellt werden. Ich wurde zum 2. Klein-a kommandiert, während der 3. Klein-a mit dem Funkwagen abfuhr. Nach einigen Stunden kehrte aber der Trupp zurück, und ich wurde wieder aufgenommen. Wir fuhren dann mit bei den Fahrzeugen nach Laugu, einem Dorf in Küstennähe, am Nordrand von Ösel, wo eine Abteilung des Artillerie-Regiments 161 ihren Standort hatte.

22.10.1941- 09.11.1941 Laugu bis Reval

Für die Dauer der Rückführung der 61. Infanterie-Division von den Inseln auf das Festland - etwa zweieinhalb Wochen - blieb der 3. Klein-a bei der Artillerie. Nacheinander waren wir den Stäben verschiedener Artillerie-Abteilungen zugeteilt und unterhielten Funkverbindung zwischen Artillerie und Divisionsstab. Unser Leben war in dieser Zeit freier als vorher. Wir standen nicht mehr unter Aufsicht der Funkkompanie. Die Einheiten, denen wir unterstellt waren, behandelten uns als Divisions-Funktrupp recht zuvorkommend.

Diese Veränderung der Verhältnisse wirkte sich auch zu meinen Gunsten aus. Schittenhelm belästigte mich nicht. Ich hatte den Eindruck, als wolle er durch betont kameradschaftliches Verhalten seine Gemeinheiten wieder gutmachen oder in mir den Glauben erwecken, als ob nicht er, sondern die Kompanie an dem Zerwürfnis schuld gewesen sei. Ich wurde nun auch beim Funken verwandt, zunächst als Schlüßler, dann als Funker.

Drei Tage blieben wir in Laugu. Der Trupp baute die Funkstelle in einem kleinen, abseits stehenden Haus auf, wo wir auch wohnten. Als ich am 23. Oktober bei warmer Herbstsonne zusammen mit Klaus Weinmann vor unserm Quartier auf Wache stand, kamen wir erstmals miteinander ins Gespräch. Weinmann war Gefreiter und mit seinen knapp 19 Jahren der jüngste Truppangehörige. Er stammte aus dem Ruhrgebiet und war Abiturient. Ich betrachtete ihn gefühlsmäßig als denjenigen, der am ehesten einer Sympathie wert wäre. Er war ruhig und kameradschaftlich, bei Vorgesetzten und Gleichgestellten geachtet und geschätzt. Unsere Wache, die erste Gelegenheit zu ungestörtem Gespräch, nahm Weinmann wahr, um mir ungefragt zu versichern, daß er Schittenhelms Verhalten mir gegenüber in keiner Weise billigte.

Die Artillerie-Abteilung setzte sich am 25. Oktober in Bewegung. Zur gleichen Zeit fuhren wir - unabhängig von der Abteilung - mit unseren beiden Fahrzeugen in östlicher Richtung ab. In dem hinten offenen Funkwagen sitzend, genoß ich lange den ungewöhnlich schönen Abendhimmel, den die untergehende Sonne vergoldete. Wir passierten den Damm und erreichten bei Nacht den Ort Tamse auf Moon. In einem von Soldaten belegten Haus fanden wir Unterkunft. Am 26. Oktober fuhren wir weiter nach Kuivastu und wurden auf einer der zahlreichen Doppelpontonfähren nach Virtsu übergesetzt. Auf dem Festland fuhren wir noch etwa 35 Kilometer bis Kirbla. Wir übernachteten in einem Haus. Am Abend und in der Nacht fiel Schnee. Am 27. Oktober erreichten wir Kiltsi, wenige Kilometer südlich von Haapsalu gelegen.

In Kiltsi blieben wir neun Tage. Wir wurden mit der Funkstelle im Obergeschoß eines ehemaligen Schloßgutes, etwas abseits vom Dorf, einquartiert. Hier lag auch der Stab der Artillerie-Abteilung. Früher hatte das Gebäude offenbar Rotarmisten als Unterkunft gedient, deren zurückgelassene Eisenbetten wir benutzten. Ich wurde hier regelmäßig zum Dienst am Funkgerät eingeteilt. Hierbei übernahm ich mit Vorliebe die ruhigen Nachtstunden. Mit Genehmigung des Truppführers gingen wir nacheinander an verschiedenen Tagen in kleinen Gruppen nach Haapsalu.

Ich machte diesen Ausflug am 29. Oktober mit Weinmann und Greger. Wir marschierten etwa eineinhalb Stunden auf der Landstraße, bis wir die mittelgroße Stadt erreichten. Nach einem Gang durch die Straßen wanderten wir zu den weitläufigen Molen hinaus und stiegen dann zu der höher gelegenen Burgruine empor. Wir besuchten noch zwei Gaststätten, in denen es Kaffee und leichtes Gebäck gab. Bei Dunkelheit marschierten wir auf der Landstraße nach Kiltsi zurück.

Am 5. November wurden wir durch Funkspruch zu einer andern Abteilung des Artillerie-Regiments befohlen, die in Ridala stationiert war. Wir legten die nicht sehr weite Strecke durch tiefverschneites Land zurück. In Ridala bezogen wir in der Abenddämmerung das Pfarrhaus, wo wir die nächsten drei Tage verbrachten. Das Haus war von seinen Bewohnern verlassen, aber noch vollständig eingerichtet. Sitz- und Liegemöbel waren vorhanden, ferner eine reichhaltige Bibliothek, ein Grammophon nebst Schallplatten sowie ein Flügel. Wegen der draußen herrschenden Kälte hielten wir uns meist lesend oder schreibend im warmen Zimmer auf. In diesen Tagen kam ich den Truppangehörigen erneut näher. Weinmann redete mich als Erster beim Vornamen an.

Die Kompanie, die inzwischen in Reval eingetroffen war, berief uns am 8. November durch Funkspruch zurück. Ohne Eile bauten wir die Funkstelle ab und traten die Fahrt durch das winterliche Estland an. Um die Rückkehr zur Kompanie wenigstens noch um eine Nacht hinauszuzögern, machte Schittenhelm am späten Abend in Nômme, unmittelbar südlich Reval gelegen, Halt. Hier hatte der Trupp anläßlich der Eroberung Revals eine mehrtägige Ruhepause verlebt. Wir kehrten in dem gleichen Haus ein, das dem Trupp damals als Quartier gedient hatte. Soviel ich in der Dunkelheit erkennen konnte, war Nômme eine reizvolle Villenstadt mit vielen Bäumen, die jetzt dicke Schneepolster trugen. Am 9. November früh fuhren wir nach Reval und fanden uns bei der Kompanie ein.

09.11.1941- 02.12.1941 Reval bis Selowo

Ich blieb von nun an noch etwas über drei Wochen bei der Funkkompanie. Während der gleichen Zeit wurde die 61. Infanterie-Division etappenweise von Estland nach Rußland verlegt.

Unser Aufenthalt in Reval dauerte knapp fünf Tage. Die Kompanie war in einer Schule Ecke Aiavilja- und Karu-tänav untergebracht. Je zwei Trupps wohnten in einem Schulsaal. Am 9. November (Sonntag) machte ich mit Klaus Weinmann nachmittags einen Gang in die Stadt. Wir stiegen zum Domberg empor und besichtigten die berühmte Alexander-Newskij-Kathedrale, streiften dann durch mehrere Straßen, aßen in einem Gasthaus und sahen abends im Kino den deutschen Film “Mutterliebe”. Die Zivilpersonen, denen wir in der belebten Stadt begegneten, waren im allgemeinen nicht schlecht gekleidet. Vom nächsten Tag an wurden wir unter ziemlich straffer Kontrolle gehalten.

Am Mittag des 10. November wurde ich für 24 Stunden zur Wache kommandiert. Das nächtliche Postenstehen war infolge der bitteren Kälte trotz Filzstiefeln und Übermantel beschwerlich. Am 11. November abends wohnte ich einer Aufführung der Oper “Traviata” von Verdi in estnischer Sprache im Estonia-Theater bei. Vom 12. zum 13. November hatte ich abermals Wachdienst. Zur bevorstehenden Fahrt nach Osten mußten wir an einem bitterkalten Vormittag die Fahrzeuge im Freien und das Gerät im Haus gründlich reinigen. Am 13. November ging ich nachmittags nochmals mit Klaus in die Stadt. In einem kleinen Antiquariat kauften wir einige billige Bücher; ich nahm eine russische Grammatik mit. Wir aßen im Gasthaus und kehrten ins Quartier zurück. In der Nacht begann eine lange Fahrt ostwärts, auf der wir, obwohl jeder von uns vorher einen Übermantel empfangen hatte, ständig froren. Über Wesenberg kamen wir am Nachmittag des 14. November nach Narva.

In einem Arbeitervorort, der auf der Uferhöhe rechts der Narva lag, bezog die Kompanie Quartier. Die Häuser muteten hier schon russisch an. Zusammen mit andern Trupps wurden wir in einem größeren Arbeiterwohnhaus untergebracht. Hier blieben wir sieben Tage. Wegen der beträchtlichen Entfernung zur Stadt und der großen Kälte ging kaum jemand von uns nach Narva. Ich war nur am 16. November unterwegs; ich stieg zunächst zum Narva-Ufer hinab, wo sich die gewaltigen Krönholm-Textilfabriken erstreckten und die im Frost erstarrten Fälle der gestauten Narva einen seltsam-reizvollen Anblick boten; längs der Narva gelangte ich in die Stadt, sah mir die russische Burg Iwangorod auf dem rechten, die deutsche Hermannsfeste auf dem linken Ufer an und kehrte dann frierend zur Unterkunft zurück. Wiederum wurde ich zur Wache eingeteilt.

Als am 20. November bei einem Kompanieappell vor dem Offizierswohnhaus Freiwillige für eine Schikompanie gesucht wurden, die innerhalb der Abteilung als leicht bewegliche Einsatztruppe aufgestellt werden sollte, meldete ich mich sofort. Obwohl ich mich vor dem Einsatz im Kampf fürchtete, überwog meine Abneigung gegen die Kompanie. Auch Klaus meldete sich. Nachdem wir am 20. November aus Zeltbahnen Strohsäcke gefertigt und diese mit Stroh gefüllt hatten, wurde unsere Fahrt nach Osten in der Nacht zum 21. November fortgesetzt.

Stunde um Stunde fuhren wir durch das winterliche Rußland. Ein trostlos trüber Himmel verstärkte den Eindruck der Eintönigkeit. Wegen des starken Frostes hatten wir die Plane des Funkwagens geschlossen. Wenn wir zuweilen einen Blick hinauswarfen, so sahen wir das endlose Band der befahrenen Straße mit ihrer glatten Schneedecke, graue Streifen des öden Waldes abseits der Straße und die farblosen Holzhäuser des einen oder andern Dorfes. Und wieder die weißen Flächen der Felder, der blaugraue leblose Wald. Wir durchfuhren Gatschina (Krasnogwardeisk) und erreichten in der Abenddämmerung ein kleines Dorf etwas seitwärts der großen Straße, das Boltschewa genannt wurde. Der Trupp bezog ein verlassenes Holzhaus. Wir machten in der ungemütlichen und verwahrlosten Stube Feuer und legten uns zum Schlaf. Am 22. November fuhren wir weiter und benutzten jetzt die große Rollbahn, die von Leningrad nach Moskau führte. Gegen Abend gelangten wir nach Babino.

Fünf Tage lang lagen wir zusammen mit mehreren Trupps auf engem Raum in der ehemaligen Kirche von Babino, die bisher offenbar als Versammlungssaal benutzt worden war. Babino war ein auseinandergezogenes Dorf zwischen Baumgruppen an der Rollbahn und abseits von dieser. Es wirkte trostlos wie alles in diesem schneeverhüllten Land bei diesem trüb-grauen Himmel. Der klirrende Frost bewog uns, die Tage im Haus zu verbringen. Mit Klaus führte ich viele Gespräche. Wir galten jetzt im Trupp als unzertrennlich. Ich befaßte mich mit meiner russischen Grammatik und studierte den Sowjetatlas. Von einer russischen Bäuerin ließen wir uns die Wäsche waschen. Auch hier mußte ich Wache stehen.

Am Morgen des 27. November begann wieder das Fahren. Kilometer um Kilometer der schnurgeraden Straße flog dahin. Niemals änderte sich das Bild der tristen Winterlandschaft. Hier gab es unabsehbare düstere Nadelwälder, die nie bis dicht an die Straße herantraten, da zu beiden Seiten ein Streifen von mehreren hundert Metern Breite zur Sicherheit gegen Feuer gerodet war. Hier und da ein Dorf – ein paar rohe Holzhäuser ohne Leben. Einheimische Menschen sahen wir überhaupt nicht. In Tschudowo bogen wir nach links auf eine andere Rollbahn ab und folgten dieser während des ganzen Tages in östlicher oder nordöstlicher Richtung.

Am späten Abend ging unserm Funkwagen auf freier Strecke das Benzin aus. Nachdem wir mehrere Stunden lang, vor Kälte zitternd, gewartet hatten, brachte der Personenwagen von irgendwoher einen Kanister Benzin, so daß wir die Fahrt bis zum nächsten Dorf fortsetzen konnten. Es hieß Nitschnewo oder ähnlich. Wir bezogen ein Haus, heizten den Ofen und schliefen auf dem blanken Fußboden, nur in unsere Decken gehüllt. Am 28. November morgens fuhren wir weiter und erreichten nachmittags auf einem Seitenweg das Dörfchen Selowo, südwestlich von Tichwin. Hier sollte der Divisions-Gefechtsstand errichtet werden.

Wir sahen uns inmitten weniger primitiver Holzhäuser, hinter denen sich eine unabsehbare weiße Fläche mit eingestreutem Wald erstreckte. Nach der Fahrt, die immerhin eine gewisse Abwechslung gebracht hatte, bedrückte uns die Schwere und Eintönigkeit der Landschaft um Selowo besonders stark. Noch am gleichen Tag begannen wir mit den Ausschachtungsarbeiten zum Bau eines Bunkers. In einem der russischen Häuser übernachteten wir.

Am Abend des 29. November wurde plötzlich Alarm gegeben. Die Russen seien durchgebrochen, hieß es. Die Funktrupps wurden nach verschiedenen Seiten zum Sichern vorgeschickt. Der 3. Klein-a bezog eine kleine Anhöhe, wo wir in einem winzigen Erdloch in der Wand eines Hohlwegs unterkrochen. Gegen Mitternacht wurde der Alarm aufgehoben. Ich ging dann mit Klaus in ein größeres Haus, wo wir unter fremden Soldaten auf einer mit Stroh bedeckten Pritsche Platz zum Schlafen fanden.

Am 30. November wurde der Bunkerbau fortgesetzt. Da die Beschaffung von Holz aus dem Wald zu langwierig gewesen wäre, begannen die Trupps kurzerhand, aus den vorhandenen Ställen und Scheunen Stämme herauszusägen, ohne das Klagen der russischen Bäuerinnen zu beachten. Am Abend wurde mir durch einen Obergefreiten, der seit drei Wochen als Funker zum Trupp gehörte, mitgeteilt, ich sei laut Kompaniebefehl mit sofortiger Wirkung als Tornisterfunker zum Infanterie-Regiment 162 kommandiert, das bei Tichwin im Kampf stand.

Abgesehen von der Ungewißheit um mein weiteres Ergehen bedeutete diese unerwartete Kommandierung auch meinen Abschied von Klaus Weinmann nach so wenigen Tagen unserer guten kameradschaftlichen Beziehung. Ich sagte ihm, wir hätten Freunde werden können, wenn es nicht zu dieser Trennung gekommen wäre. Er meinte, das könnten wir trotzdem, und schlug vor, wir sollten in Briefverbindung bleiben. Dies versprachen wir einander.

02.12.1941- 23.12.1941 Tichwin bis Wolchow

Am Morgen des 2. Dezember brachte ein Nachschub-Lastauto mich und einen Funker namens Schaller, der ebenfalls zur Infanterie kommandiert worden war, nach Tichwin. Auf der schnellen Fahrt über ungefähr 15 Kilometer Rollbahn hörten wir im Wald, der beiderseits bis an die Straße heranreichte, die ersten Artilleriegranaten einschlagen.

In den folgenden drei Wochen nahm ich als Angehöriger des Infanterieregiments 162 an den Kämpfen um Tichwin und am Rückzug auf die Wolchow-Linie teil. Tichwin war der nordöstlichste Punkt eines schmalen Stoßkeils, den deutsche Verbände während der letzten zwei Monate gegen wachsenden Widerstand der sowjetischen Truppen von Tschudowo aus über den Wolchow mehr als hundert Kilometer weit vorgetrieben hatten. Ihr Ziel war die Vereinigung mit den von Norden her vorstoßenden Finnen und damit die vollständige Einschließung Leningrads gewesen. Doch die Rote Armee hatte, gefördert durch den im letzten Monat hereingebrochenen ungewöhnlich kalten Winter, den finnischen Angriff am Swir, den deutschen an der Tichwinka zum Stehen gebracht und führte Gegenangriffe. Bei dieser Frontlage waren die ausgebluteten Verbände an der Spitze des Stoßkeils durch die 61. Infanterie-Division abgelöst worden. Das Infanterie-Regiment 162 hatte die Stellungen am nordöstlichen Stadtrand von Tichwin besetzt.

Das Lastauto setzte uns beim Regimentsstab ab, der in den Kellern eines massiven Wohnhauses mitten in Tichwin untergebracht war. Im Nachrichten-Keller meldeten wir uns bei Leutnant Wegener, dem Führer des Nachrichtenzugs, einem schlaksigen Menschen mit dem Gesicht und der dünnen Stimme eines Stubenhockers. Der Nachrichtenzug hatte vor wenigen Tagen beim Einzug in Tichwin durch Artillerie-Volltreffer mehrere Funker und Fernsprecher verloren. Deshalb wurden Schaller und ich sowie noch einige andere Soldaten der Nachrichten-Abteilung, die schon vor uns eingetroffen waren, jetzt beim Regiment eingesetzt.

Wegener wies mich dem Gefreiten von Schebel zu, einem jungen Baltendeutschen, mit dem zusammen ich einen Dora-Funktrupp bilden und unverzüglich beim I. Bataillon eingesetzt werden sollte. Nachdem wir an der Feldküche des Regimentsstabs das Mittagessen eingenommen hatten, ging Wegener mit Schebel, mir und Schaller frontwärts. Schebel und ich trugen ein zweiteiliges Dora-Tornisterfunkgerät auf dem Rücken. Ich hatte außerdem meine Packtasche bei mir und selbstverständlich das Gewehr.

Die alte russische Stadt lag unter Artilleriebeschuß. Viele der festen Holzhäuser wiesen Einschläge auf. Als wir die breite Holzbrücke über die Tichwinka passierten, erlebte ich zum ersten Mal den echten Krieg: Mitten auf der Brücke wurden wir von einem Feuerüberfall der sowjetischen Artillerie überrascht. Mehrere Granaten schlugen vor und neben mir ein. Ich war maßlos erschrocken und blickte mich verzweifelt nach einer Deckungsmöglichkeit um. Während die andern schon das jenseitige Ufer erreicht hatten und in einem Haus Deckung nahmen, hastete ich noch japsend mit dem 20 Kilogramm schweren Funktornister über die Brücke hinterher. Verwundet wurde niemand.

In der Nähe des Stadtrands kamen wir zu einem steinernen Gebäudekomplex, dem früheren Kloster, das am Eingang ein Schild mit der russischen Aufschrift „Detskij Dom” (Kinderheim) und auf dem Turm eine sowjetische Rotkreuzflagge trug. Im Hauptgebäude befand sich der Stab des I. Bataillons, dem ich und von Schebel für vier Tage als Regiments-Funktrupp zugeteilt waren. Schaller wurde direkt zur Nachrichtenstaffel des Bataillons kommandiert, die ebenfalls Verluste erlitten hatte. Für unsere Funkstelle erhielten wir eine kleine Kammer und wohnten im übrigen bei der Nachrichtenstaffel. Sooft die Fernsprechleitung zum Regiment durch Beschuß gestört war, mußten wir Funkverbindung aufnehmen. Sonst blieben wir uns selbst überlassen. Obwohl das Kloster dauernd unter Beschuß von schwerer Artillerie lag, fühlten wir uns hinter den dicken Mauern des Erdgeschosses ziemlich sicher. Am zweiten Tag ging ich in einer Zeit schwächeren Beschusses durch die Stadt zum Regiment und holte unsere Verpflegung ab.

Am Abend des 6. Dezember erhielten wir Anweisung, uns mit dem Funkgerät zur Feuerstellung der schweren Infanteriegeschütze (SIG) zu begeben. Wir brachen sofort auf und gelangten durch mehrere Straßen zwischen brennenden Häusern hindurch zum Stadtrand, wo die Mannschaft des SIG-Zuges in einem Bunker wohnte. Die 15-Zentimeter-Geschütze standen unmittelbar vor dem Bunker. Im Innern bauten wir die Funkstelle auf und übermittelten dann zwei Tage lang Feuerkommandos des Vorgeschobenen Beobachters, bei dem ein Funktrupp des 1. Bataillons eingesetzt war. Der Artilleriebeschuß auf Tichwin nahm ständig zu. Bei Nacht leuchtete der Himmel rot von den vielen Bränden in der Stadt. Es hieß, unsere Lage sei sehr ernst.

In der Nacht zum 8. Dezember, kurz nach Mitternacht, unterrichtete uns der Geschützzugführer, Leutnant Steinmüller, der soeben von einer Besprechung beim Regiment zurückgekehrt war, von dem Plan der Führung, die Stadt in Eile zu räumen, da sie nicht länger gehalten werden könne. Von Schebel und ich gingen mit Gerät, Gepäck und Waffen durch die brennende nächtliche Stadt zum Regiment.

Wir bestiegen das hochbeladene Lastauto des Nachrichtenzuges, das uns erwartet hatte, und fuhren sofort ab. Diesen englischen Lastwagen hatte der Nachrichtenzug in Frankreich requiriert und seitdem mitgeführt; er wurde von dem Funker Scheske gesteuert. Das Gros des Nachrichtenzuges war schon abmarschiert. Während sowjetische Granaten über uns hinwegheulten, raste das Fahrzeug nach Südwesten aus Tichwin. In einem Bunkerlager im Wald an der Rollbahn trafen wir wieder auf den Nachrichtenzug. Hier verbrachten wir im geheizten Bunker den Rest der Nacht, die in dieser geographischen Breite - etwa 59 Grad 40 Minuten Nord - erst gegen neun Uhr in die Morgendämmerung überging. Unsere Stimmung war gedrückt. Es wurde schon von Einschließung gesprochen. Am Himmel zeigten sich russische Schlachtflugzeuge.

Am Vormittag mußten von Schebel und ich erneut zum Einsatz. Wir wurden als Funktrupp zum Pionier-Bataillon 18 entsandt, das zeitweilig dem Regiment unterstellt war und einen Angriff rechts von Tichwin zur Entlastung des Rückzuges aus der Stadt führen sollte. Mit einem Geländewagen fuhren wir zunächst eine Strecke in Richtung Tichwin und gelangten dann mit einem angehaltenen Beiwagenmotorrad über einen tief eingeschneiten südostwärts führenden Seitenweg zum Gefechtsstand des Pionier-Bataillons in einem Wald-Bunkerlager. Wir zogen mit der Funkstelle in den Sanitätsbunker ein.

Kurz darauf begann der Angriff. Das Bataillon kam nur eine kleine Strecke vorwärts und blieb dann im vernichtenden Abwehrfeuer der Russen liegen. Die Zahl der Verwundeten, die sich in unserm Bunker ansammelten, wurde immer größer. Sie waren verwahrlost und stumpfsinnig. Sehr betroffen erkannte ich jetzt, wie der Krieg an der Front wirklich aussah. Am Abend wurden von Schebel und ich zurückberufen. Wir stapften keuchend durch den tiefen Schnee zum Bunkerlager des Regimentsstabes.

Dann begann der große Rückzug, der in zwei Etappen insgesamt 14 Tage dauerte. Wir schlossen uns dem abmarschierenden Nachrichtenzug an. Nach einigen Stunden Weges machten wir hinter einer Feuerstellung der schweren Artillerie Halt und suchten, jeder auf eigene Faust, nach Unterkunft. Ich schlief zusammen mit Wegener, einigen Funkern und dem Fernsprechfeldwebel Aumann in einem kleinen Erdbunker.

Am Morgen des 9. Dezember ging es weiter. Nach einer kurzen Strecke bogen wir von der Rollbahn nach Süden ab. Es wurde uns jetzt bekannt, daß sowjetische Truppen sich anschickten, uns im Westen den Rückzugsweg zu verlegen, und durch einen Angriff von Norden her bereits die Rollbahn erreicht und überschritten hatten. So blieb uns nur übrig, einen großen Bogen über einsame Waldwege südlich der Rollbahn zu schlagen, um der Gefangenschaft zu entgehen. Zwei Tage lang bewegten wir uns in beschwerlichem Marsch durch abgelegene Gebiete, in denen es kaum Dörfer gab. Mehrmals blieb das Lastauto im Schnee stecken. Am Abend des 9. Dezember kamen wir in das Dörfchen Schiwenez und übernachteten in einem Russenhaus. In dieser Nacht sah ich zum ersten Mal ein schwaches Nordlicht.

Am 10. Dezember marschierten wir Stunde um Stunde über schneebedeckte Felder und durch schwere, dunkle Fichtenwälder. Nachmittags stießen wir auf Teile der Funkkompanie. Der große Funkwagen des 3. Klein-a war vom schmalen Weg abgerutscht und umgefallen. In dem Dörfchen Klinez verbrachten wir die Nacht, wiederum in einem Bauernhaus schlafend.

Am 11. Dezember früh hörte ich in einem Funkwagen der Funkkompanie, der vor unserm Haus stand, Rundfunknachrichten, vor allem über die japanischen Erfolge im kürzlich begonnenen Pazifikkrieg gegen die USA, während die Wehrmacht offenbar an der gesamten Ostfront einer sowjetischen Gegenoffensive ausgesetzt war. Nun mußte auch der LKW des Nachrichtenzuges wegen Benzinmangels zurückbleiben. Wegener ließ zwei kleine Pferde russischer Einwohner und zwei Holzschlitten requirieren und unser Gerät und Gepäck aufladen. Doch die Pferde waren dieser Last nicht gewachsen. Unter ständigem Antreiben schleppten sie die Schlitten mühsam bis fast an die Rollbahn, die wir mittags erreichten.

Unsere Umgehungsbewegung war damit beendet. Nach längerem Warten gelang es Wegener in der Abenddämmerung, zwei Lastautos anzuhalten. Wir hängten die Schlitten an die beiden Autos, stiegen selbst auf und fuhren ab. In später Nacht machten wir in dem Dorf Ruguj Halt. Es ergab sich, daß einer der beiden Schlitten unterwegs abgerissen war. Wir betraten ein Haus und zwängten uns zwischen die eng Schlafenden, ohne ihres Protestes zu achten.

In der Meinung, meine Packtasche mit dem Sowjetatlas habe sich auf dem verlorenen Schlitten befunden, erbot ich mich am 12. Dezember morgens, den Schlitten zu suchen. Kurz darauf sah ich jedoch, daß die Tasche auf dem andern Schlitten gewesen und unversehrt war. Dennoch ging ich mit einem Fernsprecher auf die Suche, nachdem ich meine Tasche dem Fahrer eines vorüberkommenden Wagens der Funkkompanie anvertraut hatte. Wir fuhren die gestrige Strecke zurück, indem wir uns von frontwärts fahrenden Autos mitnehmen ließen.

Kurz vor der Stelle, an der wir gestern auf die Rollbahn gestoßen waren, fanden wir den Schlitten. Er war ausgeplündert. Auch meine Decken mit dem erst dieser Tage aus der Heimat eingetroffenen Reisenecessaire fehlten. Als wir den Rückweg antraten, um dem Nachrichtenzug zu folgen, verlor ich meinen Begleiter, als dieser auf einen vorüberfahrenden Lastwagen aufsprang. Ich ließ mich dann von einem Beiwagenkraftrad mitnehmen. Während der kalten Fahrt spürte ich, wie mir der Frost in die Zehen zog. In Ruguj übernachtete ich nochmals in unserm Quartier der vorigen Nacht, in dem es jetzt mehr Platz gab, da die Masse der nach Westen strömenden Soldaten schon durchgezogen war.

Am 13. Dezember traf ich morgens hinter Ruguj auf den Personenwagen des 3. Klein-a. Er hatte Motorschaden. Der Fahrer, der allein war, erbot sich, mich mitzunehmen, und ich blieb bei ihm. Ich hatte keine Eile, zum Nachrichtenzug zurückzukehren. Trotz der bitteren Kälte, die ich seit der gestrigen Motorradfahrt vor allem in den Zehen spürte, zog ich meine zeitweilige Selbständigkeit der Kontrolle bei der Truppe vor. Nach längeren vergeblichen Bemühungen gelang es mittags, den Wagen wieder in Gang zu setzen.

Am Nachmittag gerieten wir in einen kilometerlangen Strom von Kraftfahrzeugen, die sich am Eingang eines Dorfes auf der Rollbahn gestaut hatten und nur schrittweise vorwärts kamen. Wir übernachteten in einem größeren Haus in Kukuj. Am 14. Dezember setzte ich meinen Weg zu Fuß fort. Einem an der Rollbahn stehenden Schild folgend, ging ich in das etwas abseits der Straße liegende Dorf, Chotizy, wo sich die Funkkompanie befand. Ich übernachtete beim 3. Klein-a. Am 15. Dezember marschierte ich, nachdem ich den Standort des Nachrichtenzuges erfahren hatte, knapp zehn Kilometer ostwärts bis zu dem Dorf Lug und traf wieder auf den Nachrichtenzug, der sich schon seit drei Tagen hier befand.

Ich blieb vier Tage lang mit dem Regimentsstab in Lug. In diesem Raum sollte eine Auffangstellung geschaffen werden. Der Nachrichtenzug und die andern Stabseinheiten, die vorerst in Häusern untergebracht waren, begannen mit dem Bau von Bunkern außerhalb des Dorfes. Ich brauchte nicht mitzuarbeiten, da ich mir während des Rückmarsches einen Frostschaden am rechten Fuß zugezogen hatte. Aus dem gleichen Grund wurde ich nicht zum Funkeinsatz bei einem Bataillon verwandt, sondern besetzte zusammen mit Unteroffizier Scheyer, einem intellektuellen Westfalen, die Funkstelle beim Regiment. Ich mußte nur einmal vormittags mit einem Pferdeschlitten, den ich selbst fuhr, ein neues Funkgerät von der Funkzentrale in Chotizy abholen.

Die zweite Etappe des Rückzugs begann am 19. Dezember, bevor die Bunker auch nur halb fertig waren. Wegen meines Frostschadens, der mich beim Gehen behinderte, wurde ich als Beifahrer zum Funkfahrzeug des Nachrichtenzugs eingeteilt, das sich bisher beim Troß befunden hatte und jetzt den Nachrichtenzug begleitete. Es war ein aus zwei Protzen bestehendes und doppelt bespanntes Heeresfahrzeug mit zahlreichen Kästen für die Funkgeräte. Ein gleichartiges Fahrzeug war auch für das Fernsprechgerät vorhanden.

Gleich zu Beginn der Fahrt ereignete sich ein gefährlicher Unfall. Der Weg führte einen steilen Abhang hinunter, über eine kleine Brücke und jenseits wieder empor. Der Fahrer, neben dem ich auf der Vorderprotze saß, hielt die Pferde mit den Zügeln zurück. Plötzlich gab es, als die Räder über eine tiefe Furche hinweggingen, einen so heftigen Ruck, daß wir beide von der Protze herunter nach vorn zwischen die Pferde geschleudert wurden, wo wir im Zaumzeug hängen blieben. Die Pferde, jeglicher Führung ledig geworden, verfielen in immer schnellere Gangart, so daß das Fahrzeug schließlich mit höchster Geschwindigkeit den Abhang hinabraste. Ich hing dicht über dem Erdboden zwischen dem linken Rad der Protze und den ausgreifenden Hufen des linken Pferdes. Nach einer Weile, die mir endlos erschien, verlangsamte sich die Abfahrt, und nach einer kleinen Brücke, die einen zugefrorenen Bach überspannte, kam das Fahrzeug zum Stehen. Nach kurzem Aufenthalt wurde der Marsch fortgesetzt.

Den größten Teil der Strecke legte ich auf dem Fahrzeug zurück. Ich mußte jetzt auf der Hinterprotze sitzen, um diese bei ähnlichen Zwischenfällen rechtzeitig abbremsen zu können. Nur hier und da ging ich ein Stück, wenn meine Füße zu Eisklumpen geworden waren, stieg aber wegen meiner Fußbeschwerden bald wieder auf. Meine Hände waren, von mir unbemerkt, bei der Fahrt nach dem Sturz über den Boden geschleift und aufgerissen worden. Sie schwollen jetzt dick an. Am Abend kamen wir in das Dorf Wassilkowa und fanden in einem von der Feldgendarmerie belegten Haus notdürftige Schlafplätze.

Am 20. Dezember ging es wieder viele Stunden lang durch das einförmige winterliche Land, auf das ein beklemmend trüber Himmel drückte. In dem Dorf Krug übernachteten wir. Am 21. Dezember brachten wir in den wenigen Tagesstunden die letzten 15 Kilometer bis zum Wolchow hinter uns. In der Ortschaft Grusino fanden wir unser Nachtquartier in einem noch von Russen bewohnten Haus. Erschöpft warf ich mich auf ein Bett und schlief sofort ein. Als ich am andern Morgen erwachte, juckte es mich am ganzen Körper: ich hatte mir die ersten Läuse geholt. Am 22. Dezember überquerten wir den Wolchow auf der Holzbrücke von Grusino und zogen noch weitere sechs Kilometer westwärts bis zu dem Einzelgehöft Pulina, wo der vorläufige Regiments-Gefechtsstand errichtet wurde.

Am Morgen des 23. Dezember gab mir Leutnant Wegener bekannt, daß ich ab sofort zur Nachrichtenstaffel des I. Bataillons kommandiert sei. Ich packte meine Sachen, meldete mich ab und brach auf.

1942

23.12.1941- 25.01.1942 Botanowka

Der Weg zum I. Bataillon führte auf der Rollbahn in Richtung Grusino bis etwa zwei Kilometer vor dem Wolchow, dann nach rechts auf einer festen Straße noch eineinhalb Kilometer weit bis zu dem Dorf Krasnofarfornyj, das nach der deutschen Besetzung wieder den früheren (vorsowjetischen) Namen Botanowka erhalten hatte.

In Botanowka blieb ich zunächst knapp fünf Wochen als Funker beim Stab des I. Bataillons. Das Dorf lag am südlichen Ende einer nach Osten gerichteten Ausbuchtung des Wolchow, deren Basis etwa zweieinhalb Kilometer betrug, und an deren Scheitel sich auf dem rechten Wolchow-Ufer der Hügel von Grusino erhob. Die gesamte Umgebung der Flußschleife war waldlos; erst zwei bis drei Kilometer weiter westlich begann der ausgedehnte Wolchow-Wald, der sich fast zehn Kilometer tief bis Tschudowo erstreckte, jedoch südlich von Botanowka bis an den Wolchow reichte. Die neue Verteidigungslinie, die nach der Niederlage bei Tichwin aufgebaut wurde, folgte im allgemeinen dem Wolchow, wobei aber die Grusino-Höhe in deutscher Hand blieb.

Die Stellungen des I. Bataillons lagen am linken Wolchow-Ufer zwischen Grusino und dem Waldrand südlich von Botanowka. Der Abschnitt des II. Bataillons erstreckte sich an der gleichen Flußseite von Grusino nordwärts; in Grusino selbst war das III. Bataillon eingesetzt. Den Kern von Botanowka bildete eine mächtige Porzellanfabrik von rund 200 Metern Länge, die an der Kreuzung der Verbindungsstraße zur Rollbahn mit einem annähernd parallel zum Wolchow laufenden Fahrweg lag. In einem der großen Holzhäuser an diesem Fahrweg - etwa 300 Meter südwestlich der Kreuzung - fand ich bei meiner Ankunft die Nachrichtenstaffel des I. Bataillons.

Ich meldete mich bei dem glattgesichtigen jungen Staffelführer, Unteroffizier Lacher, der mich sogleich dem Vermittlungstrupp zuteilte, obwohl ich im Fernsprechwesen nicht ausgebildet war. Der Vermittlungstruppführer, ein älterer ostpreußischer Obergefreiter, unterwies mich in der Bedienung des Klappenschranks. Eine Stunde später vermochte ich leidlich und ohne Hilfe abzufragen, zu verbinden, zu trennen und Leitungsprobe zu machen.

Noch am gleichen Tag zog die Staffel in ein nahes zweistöckiges Backsteingebäude um, das zu einem Sägewerk gehörte. Es war weniger als 200 Meter vom Wolchow-Ufer entfernt und durch eine Reihe größerer Holzhäuser (Arbeiterwohnungen) gegen Feindsicht gedeckt. Es diente künftig dem gesamten Bataillonsstab als Unterkunft. In beiden Geschossen lagen zu beiden Seiten der langen dunklen Gänge Kleinstwohnungen, die aus einem oder zwei Wohnräumen und einem als Küche eingerichteten Vorraum bestanden. Die Staffel erhielt zwei solcher “Appartements” im Obergeschoß. Ein drittes wurde als Geräteraum und Fernsprechzentrale benutzt; die Vermittlung kam in die winzig kleine Küche.

Ich gehörte während dieser fünf Wochen ständig dem Vermittlungstrupp an und verbrachte täglich mehrere Stunden in dem engen Vermittlungsraum, der kein Tageslicht hatte und zur Hälfte durch den gemauerten Herd, zur andern durch Tisch, Stuhl und einen kleinen Zwischenraum ausgefüllt wurde. Ich beherrschte bald die Handhabung der beiden Klappenschränke vollkommen. Alle Einheiten hatten im Fernsprechverkehr Decknamen. Bei jedem Anruf mußte ich mich mit “Vermittlung Blumenkohl” melden. Es gab etwa fünf Haus- und zehn Fernanschlüsse.

Am Abend des 24. Dezember feierte die Nachrichtenstaffel im Raum der Funker Weihnachten. Es hatte Sonderzuteilungen an Alkohol und Gebäck gegeben. Auch ein geschmückter Baum war vorhanden. Zu Beginn der Feier erschien der Bataillonskommandeur, Major Schneider, und hielt eine kurze Ansprache. Er war Ritterkreuzträger und der berühmteste Kommandeur der ganzen Division. Auf Ersuchen des Staffelführers saß ich während der mehrstündigen Feier der Nachrichtenleute an der Vermittlung. Ich hatte diese Aufgabe gern übernommen, weil ich dort am ehesten Ruhe zum Nachdenken finden konnte.

Die letzten Tage des Jahres verliefen ruhig. Ich lebte mit den Fernsprechern der Staffel dahin, ohne ganz zu ihnen zu gehören, und beteiligte mich an den notwendigen Arbeiten. Ich half, bei Nacht vom Wolchow aus einem ins Eis geschlagenen Loch Wasser zu holen, bei Tag in den zahlreichen kleinen Schuppen ringsum Brennholz zu sammeln. Wie die andern alle suchte auch ich mir täglich die Läuse aus der Unterwäsche. Alle Stabseinheiten wurden zu den Ausschachtungsarbeiten für einen Bunker eingesetzt, der an der dem Feind abgekehrten Seite des Hauses gebaut werden sollte. Ich blieb davon wegen meiner Fuß- und Handbeschwerden verschont. Jeden Tag fand ich mich zur Behandlung meines Frostschadens, der erst jetzt richtig zum Ausbruch kam, in der Krankenstube im Erdgeschoß ein.

Der Feind griff in unserm Abschnitt, der wegen des weiten Schußfeldes gut zu verteidigen war, nicht an. Botanowka lag zwar unter mäßigem Artilleriefeuer, doch schlugen in unmittelbarer Nähe unserer Unterkunft keine Geschosse ein. Zwischen Weihnachten und Neujahr wurde eine Kompanie des Bataillons aus der Front gezogen, um bei Lesno, zehn Kilometer nördlich von Grusino, zur Abriegelung eines Brückenkopfes eingesetzt zu werden, den die Russen auf dem linken Wolchow-Ufer gebildet hatten. Einige Fernsprecher begleiteten die Kompanie. Der Bunkerbau wurde eingestellt. Im übrigen berührte uns das Ereignis kaum.

Am 31. Dezember machte ich nachts wiederum Vermittlungsdienst, damit die Bataillonsfernsprecher und -funker vollzählig Neujahr feiern konnten. Beim Dienst am Klappenschrank las ich Bücher aus der Bibliothekskiste des Bataillonsstabes, die angesichts der ruhigen Frontlage vom Troß herangebracht worden war.

Im Alltag des Vermittlungsdienstes während der nächsten dreieinhalb Wochen gewöhnte ich mich an das Leben der Staffel. Meine Obliegenheiten versah ich zufriedenstellend und kam mit den Kameraden gut aus.

Südlich von uns, zwischen Tschudowo und Nowgorod, stürzte unter heftigen Angriffen der Roten Armee, die am 13. Januar begannen, die Wolchow-Front stellenweise ein. Der Feind bildete, über das Eis des Flusses vorstoßend, Brückenköpfe auf dem linken Ufer, vermochte sogar an einer Stelle die deutsche Linie zu durchbrechen und drang mit seinen gut ausgerüsteten Schibataillonen in das fast unverteidigte Hinterland unserer Front ein. Uns berührte dieses Ereignis aber nur wenig, da unser Abschnitt nicht im Bereich des feindlichen Angriffs lag.

Mein Fuß wurde weiterhin mit Ichthyolsalbe behandelt. Die Ruhe des Stabslebens förderte den Heilungsvorgang. Die anfangs ziemlich tiefe eiternde Wunde schloß sich rasch, so daß ich nun auch gelegentlich zum Essenholen eingeteilt wurde. Wir mußten das Essen aus der Fabrik, wo die Feldküche stand, in Kanistern zum Stab bringen. Auf ein Schreiben an die Funkkompanie mit der Bitte um Übersendung meiner Packtasche wurde mir fernmündlich vom Schirrmeister mitgeteilt, die Packtasche sei nicht mehr auffindbar und als verloren zu betrachten.

Als Nachfolger von Schaller, der seit meiner Kommandierung zur Nachrichtenstaffel bisher dem Regiments-Funktrupp beim Bataillon angehört hatte und jetzt zur Strafe für eine Unterschlagung von Verpflegungsschokolade zu einer der Schützenkompanien versetzt worden war, wurde ich am 25. Januar auf Anweisung Wegeners zum Regiments-Funktrupp zurückberufen, der in einem großen Obergeschoßraum des Stabsgebäudes wohnte.

25.01.1942- 16.06.1942 Botanowka

Im Kreis der Regimentsfunker und -fernsprecher verlebte ich etwas mehr als zwanzig Wochen in Botanowka. Es war eine meist ruhige Zeit.

Rund fünf Wochen wohnte ich mit den drei andern Regiments-Nachrichtenleuten im Stabsgebäude. Meine Kameraden waren die beiden Fernsprecher Unteroffizier Happ, ein westfälischer Arbeiter, und Gefreiter Richter, ein baltendeutscher Techniker; ferner Oberfunker Strack, der Funktruppführer, ein aus Rheydt stammender junger Kaufmann, der wie ich von der Funkkompanie zur Infanterie kommandiert worden war, sowie ein weiterer Fernsprecher namens Leuthäuser, der kurz darauf zum Regiment zurückberufen wurde.

Wir schliefen auf Sprungfedermatratzen, die die Kameraden schon vorher aus den Häusern des Dorfes herbeigeholt hatten. Im übrigen war das Zimmer, dessen breites Fenster nach Nordwesten ging, mit einem Tisch und einigen Hockern und Stühlen eingerichtet. Später bauten wir an Stelle des vorhandenen primitiven Ofens einen andern ein, den die Fernsprecher aus einer Benzintonne fertigten. Auch ein Radioapparat war vorhanden; allerdings mußten wir ihn wenig später auf Regimentsbefehl an die Staffel abgeben, von der wir dafür einen Lautsprecheranschluß erhielten.

Mein Dienst bestand zunächst aus gelegentlichem Probefunkverkehr mit dem Regiment, den ich gemeinsam mit Strack aufzunehmen hatte. Außerdem wurde ich jetzt, da ich keinen Vermittlungsdienst mehr versah, zum Wachestehen eingeteilt. Meine Bitte, auch weiterhin Vermittlungsdienst tun zu dürfen, wurde von Lacher abgelehnt. Im Durchschnitt jede zweite Nacht mußte ich mit einem der Bataillons-Nachrichtenleute oder einem Melder für zwei Stunden vor dem Stabsgebäude auf Posten ziehen. Diese Wachen waren infolge der bitteren Kälte recht strapaziös. In den letzten Januartagen traten die tiefsten Temperaturen dieses Winters auf; das Thermometer sank bis auf -48 Grad C. Durch dicke Filzstiefel wurde uns jedoch das Wachestehen etwas erleichtert.

Anfang Februar 1942 erfolgte ein mehrtägiger sowjetischer Angriff auf den Brückenkopf Grusino. Das III. Bataillon wurde an einigen Stellen bis an den Fuß des Hügels zurückgedrängt, doch blieb dieser selbst fest in deutschem Besitz. Wir wurden von den Kampfhandlungen nur insofern berührt, als die Fernsprecher mehrmals die Fernsprechleitung zwischen Botanowka und Grusino, wenn sie durch Artillerieeinschläge zerrissen war, zu entstören hatten.

Auf Anordnung Wegeners wurde ich nunmehr von Happ in den Handfertigkeiten eines Fernsprechers, besonders im Schlagen eines Schneiderknotens zur Verbindung zweier Kabelenden, unterwiesen, um nötigenfalls die Störungssucher unterstützen und entlasten zu können. An einem Abend ging ich auch mit Happ zur Störungssuche. Wir verließen Botanowka nordostwärts, traten auf die weite Schneefläche, die den ganzen Wolchowbogen ausfüllte, und stapften durch den knietiefen Schnee der Fernsprechleitung entlang. Kurz vor einem halbwegs zwischen Botanowka und Grusino am Wolchow liegenden ehemaligen Krankenhausgebäude, das jetzt einen Schützenzug beherbergte und im Fernsprechverkehr “Alkazar” genannt wurde, fanden wir die Störung, knoteten das Kabel zusammen, und kehrten nach Botanowka zurück.

Von Wegener wurde mir am 12. Februar fernmündlich mitgeteilt, daß ich nunmehr endgültig von der Funkkompanie zum Infanterie-Regiment 162 versetzt worden sei. Ohne Enttäuschung, ja sogar mit einer gewissen Befriedigung nahm ich die Nachricht zur Kenntnis. Ich traute mir jetzt durchaus zu, mit den Aufgaben eines Infanteriefunkers fertig zu werden. Mein Dienstgrad war nun nicht mehr “Funker”, sondern “Schütze”.

Noch am gleichen Tag holte ich mir beim Schneider des Bataillonsstabs ein Paar Schulterklappen mit weißer Paspelierung, mit denen ich die gelbgeränderten Schulterklappen der Nachrichtentruppe vertauschte. Am 13. Februar vormittags stand ich zum ersten Mal in meinem Leben auf Schiern. Zwei Paar Schier, die aus der in Deutschland durchgeführten Schi- und Winterbekleidungs-Sammlung stammten, waren unserm Trupp für die Störungssuche zugeteilt worden. Wir probierten sie am rückwärtigen Rand von Botanowka aus. Ich benutzte die Schier von da an wiederholt und konnte mich bald einigermaßen auf ihnen fortbewegen. In diesen Tagen mußte ich auf Wegeners Anweisung einen Lebenslauf niederschreiben.

Inzwischen hatten die Sowjets ihren Einbruchsraum zwischen Tschudowo und Nowgorod erheblich nach Westen ausgeweitet. Durch die kilometerbreite Frontlücke zogen ständig neue Verbände der Roten Armee in den Sack. Nachdem der Feind ein Gebiet von etwa 40 Kilometern Weite westlich des Wolchow überflutet hatte, dann aber von deutschen Alarmeinheiten zeitweilig zum Stehen gebracht worden war, traten die Rotarmisten in der zweiten Hälfte des Februar 1942 aus dem Sack zu einem kräftigen Angriff nach Norden an. Sie kamen dicht an das Städtchen Ljuban heran, das an der Rollbahn Leningrad-Tschudowo, unserer Versorgungsstraße, lag, und beschossen es vom 23. Februar ab mit Artillerie. Gleichzeitig führte der Feind von Nordosten her aus dem Raum südlich von Pogostje einen Ergänzungsangriff in Richtung auf Ljuban. Sein Ziel war offensichtlich die Vereinigung beider Angriffskeile und damit die Einkesselung fast aller am Wolchow stehenden deutschen Streitkräfte.

Da unser Frontabschnitt nach wie vor ruhig war, nahmen wir diese Ereignisse, von denen wir über die Trosse Nachricht erhielten, noch nicht allzu ernst. Als jedoch unsere Verpflegung immer knapper wurde, weil der sowjetische Vorstoß in unser Hinterland den gesamten Nachschub unserer Armee in Verwirrung gebracht hatte, erkannten wir, in welch bedrohlicher Lage wir schwebten. Wir begannen jetzt, die Häuser von Botanowka nach Lebensmitteln abzusuchen. Fast überall fanden wir in den Kellern gefrorene Kartoffeln, die wir kochten und brieten. Unsere recht schmale Fettration benutzten wir meistens zum Brotrösten.

Seit einiger Zeit wurde Botanowka jede Nacht von einem einzelnen sowjetischen Flugzeug bombardiert, das von den deutschen Soldaten „Eiserner Gustav” genannt wurde. Obwohl es nicht viel Schaden anrichtete, sollten die im Obergeschoß unseres Hauses liegenden Zimmer geräumt werden. Staffel und Regiments-Nachrichtenleute zogen in ein benachbartes Ziegelsteingebäude um, in dem früher vermutlich Sägewerks-Arbeiter gewohnt hatten. Der Regimentstrupp richtete sich einen ziemlich verwahrlosten Raum im Erdgeschoß dieses Hauses her.