Furcht und Elend des Dritten Reiches - Bertolt Brecht - E-Book

Furcht und Elend des Dritten Reiches E-Book

Bertolt Brecht

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Beschreibung

Der ursprüngliche Titel Deutschland - ein Greuelmärchen zeigt, in welche Tradition Brecht dieses Stück eingereiht wissen wollte Er sah die Verhältnisse im »Reich« mit dem scharfen Blick der Emigranten und beschrieb sie mit knapper, realistischer Genauigkeit. Die vierundzwanzig Szenen des Stücks zeichnen das Bild des Faschismus und der ihn konstituierenden Mentalität.

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Seitenzahl: 135

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Bertolt Brecht

Furcht und Elend des Dritten Reiches

Suhrkamp

DIE DEUTSCHE HEERSCHAU

Als wir im fünften Jahre hörten, jener

Der von sich sagt, Gott habe ihn gesandt

Sei jetzt fertig zu seinem Krieg, geschmiedet

Sei Tank, Geschütz und Schlachtschiff, und es stünden

In seinen Hangars Flugzeuge von solcher Anzahl

Daß sie, erhebend sich auf seinen Wink

Den Himmel verdunkeln würden, da beschlossen wir

Uns umzusehn, was für ein Volk, bestehend aus was für Menschen

In welchem Zustand, mit was für Gedanken

Er unter seine Fahne rufen wird. Wir hielten Heerschau.

Dort kommen sie herunter:

Ein bleicher, kunterbunter

Haufe. Und hoch voran

Ein Kreuz auf blutroten Flaggen

Das hat einen großen Haken

Für den armen Mann.

Und die, die nicht marschieren

Kriechen auf allen vieren

In seinen großen Krieg.

Man hört nicht Stöhnen noch Klagen

Man hört nicht Murren noch Fragen

Vor lauter Militärmusik.

Sie kommen mit Weibern und Kindern

Entronnen aus fünf Wintern

Sie sehen nicht fünfe mehr.

Sie schleppen die Kranken und Alten

Und lassen uns Heerschau halten

Über sein ganzes Heer.

1 VOLKSGEMEINSCHAFT

Dort kommen SS-Offiziere

Von seiner Rede und seinem Biere

Sind sie müd und voll.

Sie wünschen, daß das Volk ein mächtiges

Gefürchtetes, andächtiges

Und folgsames Volk sein soll.

Nacht des 30. Januar 1933. Zwei SS-Offiziere torkeln die Straße herunter.

DER ERSTE Nu sind wir oben. Imposant, der Fackelzug! Jestern noch pleite, heut schon in die Reichskanzlei. Jestern Pleitejeier, heute Reichsadler.

Sie lassen ihr Wasser.

DER ZWEITE Und nu kommt die Volksjemeinschaft. Ick erwarte mir een seelischen Uffschwung des deutschen Volkes in allerjrößten Maßstab.

DER ERSTE Erst muß noch der deutsche Mensch rausjekitzelt werden aus det Untermenschen jesindel. Was is ’n det überhaupt für ’ne Jejend? Keene Beflaggung.

DER ZWEITE Wir ham uns verloofen.

DER ERSTE Eklije Landschaft.

DER ZWEITE Vabrecherviertel.

DER ERSTE Meenste, det ist jefährlich hier?

DER ZWEITE Een anständijer Volksjenosse wohnt nicht in so ’ne Baracke.

DER ERSTE Is ooch nirjends Licht!

DER ZWEITE Die sind nich zu Hause.

DER ERSTE Die Brüder sind. Meenste, die bekieken sich den Anbruch vont Dritte Reich aus de Nähe? Jehn wa mit Rückendeckung.

Sie setzen sich schwankend wieder in Bewegung, der erste hinter dem zweiten.

DER ERSTE Is det nich die Jejend, wo der Kanal langjeht?

DER ZWEITE Weeß ick nich.

DER ERSTE Da ham wir an de Ecke so ’n Marxistennest ausjehoben. Hinterher ham se jesagt, et war ’n katholscher Lehrlingsverein. Allet Lüje! Keen einzijer hatte ’n Kragen um.

DER ZWEITE Meenste, er schafft die Volksjemeinschaft?

DER ERSTE Er schafft allet!

Er bleibt wie erstarrt stehen und lauscht. Ein Fenster ist wo geöffnet worden.

DER ZWEITE Was is det?

Er entsichert seinen Dienstrevolver. Ein alter Mann beugt sich im Nachthemd aus dem Fenster, und man hört ihn leise »Emma, bist du’s?« rufen.

DER ZWEITE Det sind se!

Er fährt wie ein Rasender herum und fängt an, nach allen Richtungen zu schießen.

DER ERSTEbrüllt: Hilfe!

Hinter einem Fenster gegenüber dem geöffneten, in dem immer noch der alte Mann steht, wird der furchtbare Aufschrei eines Getroffenen hörbar.

2 DER VERRAT

Dort kommen Verräter, sie haben

Dem Nachbarn die Grube gegraben

Sie wissen, daß man sie kennt.

Vielleicht: die Straße vergißt nicht?

Sie schlafen schlecht: noch ist nicht

Aller Tage End.

Breslau, 1933. Kleinbürgerwohnung. Eine Frau und ein Mann stehen an der Tür und horchen. Sie sind sehr blaß.

DIE FRAU Jetzt sind sie drunten.

DER MANN Noch nicht.

DIE FRAU Sie haben das Geländer zerbrochen. Er war schon bewußtlos, wie sie ihn aus der Wohnung geschleppt haben.

DER MANN Ich habe doch nur gesagt, daß das Radio mit den Auslandssendungen nicht von hier kam.

DIE FRAU Du hast doch nicht nur das gesagt.

DER MANN Ich habe nichts sonst gesagt.

DIE FRAU Schau mich nicht so an. Wenn du nichts sonst gesagt hast, dann hast du eben nichts sonst gesagt.

DER MANN Das meine ich auch.

DIE FRAU Warum gehst du nicht hin auf die Wache und sagst aus, daß sie keinen Besuch hatten am Samstag.

Pause.

DER MANN Ich geh nicht auf die Wache. Das sind Tiere, wie sie mit ihm umgegangen sind.

DIE FRAU Es geschieht ihm recht. Warum mischt er sich in die Politik.

DER MANN Aber sie hätten ihm nicht die Jacke zu zerreißen brauchen. So dick hat es unsereiner nicht.

DIE FRAU Auf die Jacke kommt es doch nicht an.

DER MANN Sie hätten sie ihm nicht zerreißen brauchen.

3 DAS KREIDEKREUZ

Es kommen die SA-Leute

Sie spüren wie eine Meute

Hinter ihren Brüdern her.

Sie legen sie den fetten Bonzen zu Füßen

Und heben die Hände und grüßen.

Die Hände sind blutig und leer.

Berlin, 1933. Eine Herrschaftsküche. Der SA-Mann, die Köchin, das Dienstmädchen, der Chauffeur.

DAS DIENSTMÄDCHEN Hast du wirklich nur eine halbe Stunde Zeit?

DER SA-MANN Nachtübung!

DIE KÖCHIN Was übt ihr denn da immer?

DER SA-MANN Das ist Dienstgeheimnis!

DIE KÖCHIN Ist es eine Razzia?

DER SA-MANN Ja, das möchten Sie wissen! Aber von mir erfährt keiner was. Aus dem Brunnen fischen Sie nichts raus.

DAS DIENSTMÄDCHEN Und du mußt noch raus bis Reinickendorf?

DER SA-MANN Reinickendorf oder Rummelsburg, und vielleicht ist es auch Lichterfelde, wie?

DAS DIENSTMÄDCHENetwas verwirrt: Willst du nicht etwas essen, bevor du losgehst?

DER SA-MANN Eh ich mich nötigen lasse: immer ran mit der Gulaschkanone!

Die Köchin bringt ein Tablett.

DER SA-MANN Ja, ausgeplaudert wird nicht! Immer den Gegner überraschen! Immer von einer Seite kommen, wo er kein Wölkchen sieht. Sehen Sie sich mal den Führer an, wenn der einen Coup vorbereitet! Undurchdringlich! Da wissen Sie gar nichts vorher. Vielleicht weiß er es selber nicht mal vorher. Und dann kommt’s schlagartig. Die tollsten Sachen. Das ist es, was uns so gefürchtet macht. Er hat sich die Serviette umgebunden. Messer und Gabel erhoben, erkundigt er sich: Kann die Herrschaft nicht hereingeschneit kommen, Anna? Daß ich dann dasitze, das Maul voll Remouladensoße. Sagt übertrieben, wie mit vollem Mund: Heil Hitler!

DAS DIENSTMÄDCHEN Nein, da klingeln sie zuerst nach dem Wagen an, nicht, Herr Francke?

DER CHAUFFEUR Wie beliebt? Ja, jawohl!

Der SA-Mann beginnt beruhigt, sich mit dem Tablett zu beschäftigen.

DAS DIENSTMÄDCHENneben ihm sitzend: Bist du nicht müde?

DER SA-MANN Kolossal.

DAS DIENSTMÄDCHEN Aber Freitag hast du doch frei?

DER SA-MANNnickt: Wenn nichts dazwischenkommt.

DAS DIENSTMÄDCHEN Du, die Reparatur von der Uhr hat vier Mark fünfzig gekostet.

DER SA-MANN Unverschämt.

DAS DIENSTMÄDCHEN Die ganze Uhr hat nur zwölf Mark gekostet.

DER SA-MANN Ist der Ladenschwengel von der Drogerie immer noch zudringlich?

DAS DIENSTMÄDCHEN Ach Gott.

DER SA-MANN Du brauchst es mir nur zu sagen.

DAS DIENSTMÄDCHEN Ich sage dir doch alles. Hast du die neuen Stiefel an?

DER SA-MANNlustlos: Ja. Warum?

DAS DIENSTMÄDCHEN Minna, haben Sie die neuen Stiefel von Theo schon gesehen?

DIE KÖCHIN Nein.

DAS DIENSTMÄDCHEN Zeig doch mal, Theo! Die kriegen sie jetzt.

Der SA-Mann, kauend, streckt sein Bein zur Besichtigung aus.

DAS DIENSTMÄDCHEN Schön, nicht?

Der SA-Mann schaut suchend herum.

DIE KÖCHIN Fehlt was?

DER SA-MANN Bißchen trocken.

DAS DIENSTMÄDCHEN Willst du Bier haben? Ich hol dir. Sie läuft hinaus.

DIE KÖCHIN Die würde sich ja die Beine aus dem Leib rennen für Sie, Herr Theo!

DER SA-MANN Ja, so was muß klappen bei mir. Schlagartig.

DIE KÖCHIN Ihr Männer könnt euch viel zuviel erlauben.

DER SA-MANN Das Weib will das. Da die Köchin einen schweren Kessel aufnimmt: Was rackern Sie sich denn da ab? Lassen Sie mal, das ist meine Sache. Er schleppt ihr den Kessel.

DIE KÖCHIN Das ist gut von Ihnen. Sie finden auch jedesmal was, was Sie mir abnehmen können. So gefällig ist nicht jeder. Mit einem Blick auf den Chauffeur.

DER SA-MANN Quatschen Sie keine Opern. Das tun wir gerne.

Es klopft am Kücheneingang.

DIE KÖCHIN Das ist mein Bruder. Der bringt die Radiolampe.

Sie läßt ihren Bruder, einen Arbeiter, ein.

DIE KÖCHIN Mein Bruder.

DER SA-MANN UND DER CHAUFFEUR Heil Hitler!

Der Arbeiter murmelt etwas, was zur Not »Heil Hitler« geheißen haben kann.

DIE KÖCHIN Hast du die Lampe?

DER ARBEITER Ja.

DIE KÖCHIN Willst du sie gleich einschrauben?

Die beiden gehen hinaus.

DER SA-MANN Was ist denn das für einer?

DER CHAUFFEUR Arbeitslos.

DER SA-MANN Kommt der öfter?

DER CHAUFFEURzuckt die Achseln: Ich bin ja selten da.

DER SA-MANN Na, die Dicke ist ja treu wie Gold im nationalen Sinne.

DER CHAUFFEUR Absolut.

DER SA-MANN Aber deswegen kann der Bruder immer noch ganz was anderes sein.

DER CHAUFFEUR Haben Sie da einen bestimmten Verdacht?

DER SA-MANN Ich? Nein. Nie! Ich hab nie Verdacht. Wissen Sie, Verdacht, das ist schon gradsogut wie Gewißheit. Und dann setzt es auch schon was.

DER CHAUFFEURmurmelt: Schlagartig.

DER SA-MANN So ist es. Zurückgelehnt, ein Auge geschlossen: Haben Sie verstanden, was der dahermurmelte? Er macht den Gruß des Arbeiters nach. Kann »Heil Hitler« geheißen haben. Muß nicht. Die Brüder hab ich schon gern. Er lacht schallend. Die Köchin und der Arbeiter kommen zurück. Sie stellt ihm etwas zum Essen hin.

DIE KÖCHIN Mein Bruder ist so geschickt mit dem Radio. Dabei macht er sich gar nichts draus, Radio zu hören. Wenn ich Zeit hätte, würde ich immer andrehen. Zum Arbeiter: Und Zeit hast du doch im Überfluß, Franz.

DER SA-MANN Tatsächlich? Sie haben ein Radio und drehen das Ding nicht an?

DER ARBEITER Mal Musik.

DIE KÖCHIN Dabei hat er sich rein aus nichts den feinsten Apparat zusammengebastelt.

DER SA-MANN Wieviel Röhren haben Sie denn?

DER ARBEITERihn herausfordernd anstarrend: Vier.

DER SA-MANN Na, die Geschmäcker sind eben verschieden.

Zum Chauffeur: Nicht?

DER CHAUFFEUR Wie beliebt? Ja, natürlich.

Das Dienstmädchen kommt mit dem Bier.

DAS DIENSTMÄDCHEN Eisgekühlt!

DER SA-MANNlegt freundlich seine Hand auf die ihre: Mädchen, du bist ja ganz außer Puste. So hättest du nicht laufen müssen, ich hätte doch auch warten können.

Sie schenkt ihm aus der Flasche ein.

DAS DIENSTMÄDCHEN Macht nichts. Gibt dem Arbeiter die Hand. Haben Sie die Lampe gebracht? Aber setzen Sie sich doch ein bißchen. Sie sind doch wieder den ganzen Weg reingelaufen. Zum SA-Mann: Er wohnt in Moabit.

DER SA-MANN Wo ist denn mein Bier? Da hat mir einer mein Bier weggetrunken! Zum Chauffeur: Haben Sie mir mein Bier weggetrunken?

DER CHAUFFEUR Nein, sicher nicht! Wie kommen Sie darauf? Ist Ihr Bier weg?

DAS DIENSTMÄDCHEN Aber ich hab dir doch eingegossen?

DER SA-MANNzur Köchin: Sie haben ja mein Bier weggesoffen!

Er lacht schallend. Na, beruhigt euch mal. Kleiner Trick aus dem Sturmlokal! Bier wegtrinken, ohne daß es einer sieht oder hört. Zum Arbeiter: Wollten Sie was sagen?

DER ARBEITER Alter Trick.

DER SA-MANN Vielleicht machen Sie’s mal nach! Er schenkt ihm aus der Flasche ein.

DER ARBEITER Schön. Also hier habe ich das Bier – er hebt das Glas hoch –, und jetzt kommt der Trick. Er trinkt ganz ruhig und genußvoll das Bier.

DIE KÖCHIN Aber das sieht man doch!

DER ARBEITERsich den Mund abwischend: So? Da ist es, scheint’s, mißglückt.

Der Chauffeur lacht laut.

DER SA-MANN Finden Sie das so komisch?

DER ARBEITER Sie können es doch auch nicht anders gemacht haben? Wie haben Sie es denn gemacht?

DER SA-MANN Wie soll ich Ihnen das zeigen, wo Sie mir das Bier weggesoffen haben?

DER ARBEITER Ja, das ist richtig. Ohne Bier können Sie den Trick nicht machen. Können Sie keinen andern Trick? Ihr könnt doch mehr als einen Trick.

DER SA-MANN Wer »ihr«?

DER ARBEITER Ich meine, ihr jungen Leute.

DER SA-MANN So.

DAS DIENSTMÄDCHEN Aber das war doch nur ein Spaß von Herrn Lincke, Theo!

DER ARBEITERhält es für besser, einzulenken: Das werden Sie doch nicht übelnehmen!

DIE KÖCHIN Ich hole Ihnen noch ein Bier.

DER SA-MANN Ist nicht nötig. Runterspülen hab ich können.

DIE KÖCHIN Der Herr Theo versteht ja einen Scherz.

DER SA-MANNzum Arbeiter: Warum setzen Sie sich nicht? Wir fressen niemanden.

Der Arbeiter setzt sich.

DER SA-MANN Leben und leben lassen. Und mal ein Scherz. Warum nicht? Scharf sind wir nur in puncto Gesinnung.

DIE KÖCHIN Das müßt ihr auch.

DER ARBEITER Wie ist denn die Gesinnung jetzt so?

DER SA-MANN Die Gesinnung ist gut. Sind Sie anderer Ansicht?

DER ARBEITER Nein. Ich meine nur, es sagt einem ja keiner, was er denkt.

DER SA-MANN Sagt einem keiner? Wieso? Mir sagen sie es.

DER ARBEITER Tatsächlich?

DER SA-MANN Kommen werden sie natürlich nicht, um es einem zu erzählen, was sie denken. Geht man eben hin.

DER ARBEITER Wohin?

DER SA-MANN Na, sagen wir, auf die Stempelstellen. Vormittags sind wir da an den Stempelstellen.

DER ARBEITER Da meckert ja mitunter noch einer, das ist richtig.

DER SA-MANN Eben.

DER ARBEITER So können Sie aber auch nur einmal einen rausfischen, dann kennt man Sie doch. Und dann schweigen sie schon wieder.

DER SA-MANN Wieso kennt man mich dann? Soll ich Ihnen zeigen, wie man mich nicht kennt? Sie interessieren sich doch für Tricks. Einen kann ich Ihnen ja ruhig zeigen, weil wir viele haben. Und ich sage immer, wenn sie merken, was wir alles auf dem Kasten haben und daß sie unter keinen wie immer gearteten Umständen durchkommen, geben sie es vielleicht doch auf.

DAS DIENSTMÄDCHEN Ja, Theo, erzähl, wie ihr’s macht!

DER SA-MANN Also angenommen, wir sind auf der Stempelstelle Münzstraße. Sagen wir – auf den Arbeiter blickend –, Sie stehen vor mir in der Reihe. Aber vorher muß ich noch einige kleinere Vorbereitungen treffen. Er geht hinaus.

DER ARBEITERblinzelt dem Chauffeur zu: Na, jetzt wollen wir mal sehen, wie sie es machen.

DIE KÖCHIN Alle Marxisten werden noch ausfindig gemacht werden, weil man nicht dulden kann, daß sie alles zersetzen.

DER ARBEITER Aha.

Der SA-Mann kommt zurück.

DER SA-MANN Ich bin natürlich in Zivilkluft. Zum Arbeiter: Also fangen Sie mal an zu meckern.

DER ARBEITER Über was?

DER SA-MANN Na, haben Sie sich man nicht so. Etwas habt ihr doch immer.

DER ARBEITER Ich? Nein.

DER SA-MANN Sie sind ja ein ganz Abgebrühter. Sie können doch nicht behaupten, daß alles tipptopp ist!

DER ARBEITER Wieso nicht?

DER SA-MANN Also so geht’s nicht. Wenn Sie nicht mitmachen, dann geht’s nicht.

DER ARBEITER Also gut. Dann will ich mir mal das Maul verbrennen. Rumstehen lassen sie einen hier, als ob unsere Zeit gar nichts wäre. Zwei Stunden hab ich dabei schon von Rummelsburg herein.

DER SA-MANN Das ist doch nichts. Rummelsburg ist doch im Dritten Reich nicht weiter von der Münze weg als in der Weimarer Bonzenrepublik. Gehen Sie doch mal ins Zeug!

DIE KÖCHIN Das ist doch bloß Theater, Franz, wir wissen doch, das, was du hier machst, das ist gar nicht deine Meinung.

DAS DIENSTMÄDCHEN Sie stellen doch bloß sozusagen einen Meckerer dar! Da können Sie sich auf Theo ganz verlassen, daß er das nicht falsch aufnimmt. Er will doch bloß was zeigen.

DER ARBEITER Gut. Dann sage ich: die ganze SA, so schön wie sie ist, kann mich am Arsch lecken. Ich bin für die Marxisten und für die Juden.

DIE KÖCHIN Aber Franz!

DAS DIENSTMÄDCHEN Das geht doch nicht, Herr Lincke!

DER SA-MANNlachend: Mensch! Da lasse ich Sie doch einfach vom nächsten Schupo verhaften! Haben Sie denn nicht für ’nen Groschen Phantasie? Sie müssen doch was sagen, was Sie eventuell noch umdrehen können, etwas, was man wirklich zu hören kriegen kann.

DER ARBEITER Ja, da müssen Sie schon so freundlich sein und mich provozieren.

DER SA-MANN Das zieht doch schon lange nicht mehr. Da könnte ich sagen: unser Führer ist der größte Mensch, der je über den Erdboden gewandelt ist, größer als Jesus Christus und Napoleon zusammengenommen, da sagen sie doch höchstens: das schon. Da geh ich lieber auf die andere Tour und sage: mit dem Maul sind sie groß. Alles Propaganda. Da sind sie Meister drin. Kennt ihr den Witz mit Goebbels und den zwei Läusen? Nein? Also zwei Läuse machen eine Wette, wer zuerst von einem Mundwinkel zum andern kommt. Da soll die gewonnen haben, die hinten um den Kopf rumlief. Das soll kürzer sein.

DER CHAUFFEUR Ach so.

Alle lachen.

DER SA-MANNzum Arbeiter: Na, jetzt riskieren Sie aber auch mal eine Lippe.

DER ARBEITER Auf so was kann ich doch noch nicht losquatschen. Wegen dem Witz könnten Sie doch immer noch ein Spitzel sein.

DAS DIENSTMÄDCHEN Das ist richtig, Theo.

DER SA-MANN Ihr seid richtige Scheißkerle! Was ich mich da schon geärgert habe! Keiner traut sich, einen Ton von sich zu geben.

DER ARBEITER