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Paul Rudolf "Rolf" Kauka (1917-2000), der Comic-Pionier und selbsternannte deutsche Walt Disney, gilt nach wie vor als erfolgreichster Produzent dieses Genres in Deutschland. Kauka erschuf über 80 Comic-Figuren, allen voran die legendären Fuchszwillinge Fix und Foxi. Auch berühmte ausländische Serien wie "Asterix", "Tim und Struppi", "Die Schlümpfe" oder "Lucky Luke" führte er in Deutschland zum Erfolg. Kauka war Selfmade-Millionär, überzeugter Patriot und Kalter Krieger, eine ebenso schillernde wie kontroverse Persönlichkeit, die Abschnitte des eigenen Lebens erfolgreich schönte oder verschwieg. Bodo Hechelhammers Biografie, entstanden in enger Zusammenarbeit mit der Familie Kauka, erforscht alle Facetten im Leben des "Fürsten der Füchse" und überrascht mit bisher unbekannten Details.
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Seitenzahl: 491
Veröffentlichungsjahr: 2022
Für den bittersüßen Vogel Jugend
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© 2022 Langen Müller Verlag GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Sabine Schröder
Umschlagmotiv: Getty Images
Innenlayout und Satz: Sibylle Schug, München
E-Book-Konvertierung: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten
ISBN 978-3-7844-8431-0
www.langenmueller.de
Inhalt
grußwort
Vorwort
Kriegswelt (1917–1945)
Sächsische Heimatskizzen
Ein ausgezeichneter Soldat
Flakfeuerfarben
Verlagswelt (1945–1957)
Zeilenumbruch
Verlagsscharaden
Eulenspiegels Füchse
Werbung in eigener Sache
Bilderbuchwelt (1957–1969)
Tausendsassa
Münchhausens Abenteuer
Circe lockt Odysseus
Lupos Alesia
Kaukasische Wendekreise
Filmwelt (1969–1982)
Szenen keiner Ehe
Millionen und Moiren
Der verlagslose Verleger
Die alexandrinische Zeitrechnung
Flucht vor deutscher Kälte
Neue Welt (1982–2000)
Fremde Heimat
Das Phantom der Füchse
Büchsenlicht
Das letzte Halali
Wachgehaltene Erinnerung
Epilog
Dank
Quellen- und Literaturverzeichnis
Anmerkungen
Personenregister
Grusswort
Es ist tröstlich zu erfahren, dass auch herausragende Menschen nicht »vollkommen« sind. Mit Rolf Kauka war ich 25 Jahre überaus glücklich verheiratet. Er war eine außergewöhnliche, bunt-schillernde Persönlichkeit, und all die schillernden Farben waren echt! Darauf kommt es letztendlich an – solchen Menschen kann man vertrauen und etwas zutrauen. Sie sind rar und ihre unvergänglichen Footprints können uns inspirieren. Es muss schwer gewesen sein, diese vielschichtige Biografie einfühlsam zu erzählen, zumal man sich nicht persönlich kannte. Dennoch kam der Autor der Person Rolf Kauka überraschend nahe – und ich glaube, gegen Ende fing er an, Rolf Kauka zu verstehen. Ich brauchte dafür 25 aufregende, atemlose Jahre – und manchmal war ich fix & foxi. Viel Freude an der Lektüre – daran hätte Rolf Kauka seinen Spaß!
New York, im Juni 2021
Alexandra Kauka
Vorwort
Mach anderen Freude,dann hast du Deinen Spaß.Rolf Kauka
»Als ich begann, Comics zu machen, haben mich viele für verrückt erklärt«, erinnerte sich Rolf Kauka rückblickend an seine Anfänge. Mit diesen Worten wollte er Mitte der Siebzigerjahre ein autobiografisches Buch beginnen, stellte es jedoch nie fertig. Jahr für Jahr glaubte er daran, auch im fortgeschrittenen Alter, noch lange nicht am Ende seiner Schaffensphase angelangt zu sein. Den richtigen Zeitpunkt für abschließende Memoiren sah er daher nie gekommen. Seine Lebensgeschichte schrieb er nicht auf, obwohl ihm lukrative Angebote vorlagen. Aber auch nach seinem Tod im September 2000 befasste sich so gut wie niemand mit seinem dreiundachtzigjährigen Leben oder beschäftigte sich, wenn überhaupt, mit den Entwicklungen seines Comic-Verlags.
Dabei war Rolf Kauka der große deutsche Comic-Pionier der Nachkriegszeit. Nach wie vor gilt er als deren erfolgreichster Produzent in Deutschland und wurde schon zu Lebzeiten mit dem amerikanischen Comic-Giganten Walt Disney verglichen. Er selbst, obwohl nach 1987 US-Bürger, sah sich mit seinen Dichtungen und Bildergeschichten jedoch immer in der deutschen Tradition von Wilhelm Busch.
Seine Geschichten begann Kauka ab den Fünfzigerjahren zu verlegen. Am Ende seiner Schaffenszeit gehörten über 80 Comic-Charaktere zur Kauka-Familie, darunter so bekannte Figuren und Zeitschriftentitel wie Fix und Foxi und Bussi Bär. Aber es gab noch weitere Publikationen wie Lupo modern oder Primo, und Rolf Kauka zeigte in den Sechzigerjahren ein sicheres Gespür darin, als Erster das Potential franko-belgischer Zeichner für den deutschen Markt zu erkennen. Er war derjenige, der Asterix und Obelix, Spirou und Fantasio oder die Schlümpfe über seine Hefte deutschen Lesern näherbrachte. Allerdings deutschte er nicht nur deren Namen ein, sondern formulierte gleich auch den Text im Duktus des Kalten Krieges nationalistisch um. So sorgte er auch für einen ersten handfesten Comic-Skandal in Deutschland und sah sich medialen Vorwürfen ausgesetzt, revanchistische Gedanken zu verbreiten.
Ungeachtet dessen prägte Rolf Kauka ganze Generationen von Kindern und Jugendlichen. Weltweit wurden über 750 Millionen seiner Hefte verkauft. Mitte der Sechzigerjahre hatte Fix und Foxi eine wöchentliche Auflage von über 400 000 und war zeitweise die größte deutsche Jugendzeitschrift. Mitte der Siebziger verkaufte der clevere Geschäftsmann seinen Verlag für Millionen und wanderte einige Jahre später in die USA aus. Wie weit verbreitet und einflussreich seine Comics waren, kann man daran ablesen, dass es ihm gelang, in die deutsche Umgangssprache einzugehen. Im Duden steht als Synonym für »völlig erschöpft« eben auch »fix und foxi«.
So erklärt es sich auch, dass im Karlsruher Zoo 1970 Katzenbären auf den Namen der beiden Füchse hörten. Oder dass diese Comicfiguren in Debatten des Bundestages aufgegriffen wurden, etwa als am 3. Februar 1971 die Politik von Bundeskanzler Willy Brandt von der Opposition mit den »Abenteuern von Fix und Foxi« verglichen wurde. Jeder im Deutschen Bundestag wusste mit dieser amüsanten Anspielung etwas anzufangen, denn die beiden Füchse gehörten längst schon zur allgemeinen deutschen Sprachkultur. Fix und Foxi zählen zum deutschen Kulturgut.[1]
Doch während Walt Disney, der bereits 1966 verstorbene Erfinder von Micky Maus und Donald Duck, heute noch zu den bekanntesten Amerikanern zählt, ist Rolf Kauka in Deutschland in Vergessenheit geraten. Weder Schulen, öffentliche Plätze oder Straßen sind nach ihm benannt. Symptomatisch wurde im Mai 2007 in Kaukas früherer bayerischer Heimatgemeinde Grünwald sogar ein Antrag auf Straßenbenennung abgelehnt. Allein ein Kindergarten nennt sich dort Fix und Foxi.[2]
Aber um sich an eine Person erinnern zu können, muss man über sie auch etwas wissen. Und das ist bei Kauka nicht ganz so einfach. Große Teile seines Lebens waren und sind unbekannt. Über seine Zeit im Dritten Reich und im Zweiten Weltkrieg wusste man nichts – und wenig Konkretes darüber, wie er nach dem Verkauf seines Verlages und dem Umzug in die USA gelebt hat. Zwar tauchten über Rolf Kauka bereits zu seinen Lebzeiten immer wieder Berichte in Münchner Boulevardzeitungen auf, etwa über seine Ehefrauen oder seinen Pferderennstall, aber die meisten Lebensbereiche blieben gänzlich ausgespart. Niemand drang tiefer in das Dunkel seines Privatlebens ein oder leuchtete seine Persönlichkeit aus. Im Schatten seiner farbenfrohen Comics blieb er selbst erstaunlich nebulös. Über Kontinuitäten und Brüche, über Wegmarken seines Lebens, Personen, die ihn geprägt und Themen, die ihn beschäftigt haben, über sein persönliches Erfahrungsgepäck und seine politische Gesinnung, über all das ist kaum etwas bekannt.
Kauka hat es selbst so gewollt. Ganz bewusst pflegte und polierte er stattdessen das öffentliche Image des verständnisvollen Onkel Rolf, der die Kinder und Jugendlichen in seinen Heften persönlich mit »Liebe Freunde« ansprach, hohe moralische Ansprüche an sich und seine Leserschaft stellte und am liebsten die deutschen Kinder nach seinen Idealen umerzogen hätte. Aber genügte er selbst seinen Anforderungen jenseits der Öffentlichkeit?
So drängt sich die Frage auf: Wer war eigentlich Rolf Kauka, und wie ist seine Persönlichkeit zu fassen? Welcher Charakter verbarg sich hinter dem des genialen Verlegers, der Vorschulhefte mit goldfarbenen Bärchen und pädagogischem Anspruch entwickelte und zugleich in seinen Comics politische Botschaften platzierte? Was trieb diesen Selfmade-Millionär an, der viermal heiratete und fünffacher Vater war, für den Familie und Loyalität Grundpfeiler seines Gesellschaftsverständnisses darstellten, der aber selbst immer wieder mit seinen Ehefrauen und Kindern brach? Wer war der mehr als zutiefst überzeugte deutsche Patriot und Kalte Krieger, der am Ende seines Lebens in die USA auswanderte und amerikanischer Staatsbürger wurde?
Biografische Annäherungen an Rolf Kauka fanden bislang über seine Verlegertätigkeit statt. Ein erstes Porträt über den Kauka-Verlag erschien 1972 in der Zeitschrift Panel. Hartmut Becker und Andreas C. Knigge verfassten 1980 in Comixene eine auf den Verlag fokussierte Rolf-Kauka-Story. Zwischen 2000 und 2007 veröffentlichte Peter Wiechmann, der frühere Redaktionsdirektor des Kauka-Verlags, subjektive und anekdotenhafte Verlagserzählungen auf Grundlage von Materialien früherer Kauka-Mitarbeiter. Neben einem Kauka-Dossier in der Fachzeitschrift Reddition 2012 wurden die besten Beschreibungen von Kaukas verlegerischem Leben anlässlich von Fix-und-Foxi-Ausstellungen verfasst, 2018 durch Linda Schmitz und weitaus umfangreicher durch Roland Mietz zwei Jahre zuvor. Doch hierbei stand Rolf Kauka nie selbst im Vordergrund. Informationen über ihn waren nur oberflächlich.[3]
Zeichnet man ein Leben nach, stellt sich immer die Frage, aus welchen Quellen die Biografie gespeist wird. Im Fall Rolf Kauka erwies sich das als durchaus komplex. Es konnte nicht auf einen umfangreichen Nachlass zurückgegriffen werden, auch wenn ein eigenes Kauka-Archiv in Wien existiert. Doch dieses beinhaltet die Zeichnungen und Originale der Comics und nicht etwa persönliche Briefwechsel, Kalendereinträge oder Materialien Rolf Kaukas. Einblicke in seine private Lebenswelt wurden durch einzeln verstreute autobiografische Notizen, Briefwechsel und Fotos ermöglicht, beispielsweise durch sein Album aus den ersten Kriegsjahren. Die Fragmente seiner in den Siebzigern angefangenen Autobiografie gelten als verschollen.
Ein wesentlicher Schlüssel für die hier nun vorliegende Lebensbeschreibung waren deshalb die zahlreichen Aussagen und Interviews von Rolf Kaukas Weggefährten, die ihn aus unterschiedlichen Lebensphasen und Perspektiven persönlich gekannt haben. Hierbei ist vor allem seine Familie zu erwähnen, zuerst seine Witwe Alexandra Kauka, seine Töchter Irene Kauka, Mascha Pohl-Kauka und Gabriele Ghislanzoni, aber auch seine Schwester Brunhilde Wagner (†). Gleichermaßen wichtig waren die Erzählungen und Einschätzungen langjähriger Mitarbeiter, besonders die von Peter Wiechmann (†), aber ebenso anderer Redakteure, Zeichner, Freunde und Bekannter. Ihre Sicht auf und ihr Urteil über Rolf Kauka wichen mitunter stark voneinander ab. Angehörige seiner dritten Ehefrau, der Gräfin von Stillfried und Rattonitz, fanden sehr deutliche Worte über ihn. Seine zweite Ehefrau Gisela und deren gemeinsame Tochter Alexandra wollten mit mir trotz mehrfacher Bemühungen nicht über Rolf Kauka sprechen. Ebenso wie eine seiner früheren Freundinnen. Zu schmerzhaft waren nach wie vor die Erinnerungen. Rolf Kauka hat ohne Frage polarisiert.
Mein eigenes Interesse an Rolf Kaukas Leben wurde vor einigen Jahren geweckt. Fix und Foxi kannte ich zwar seit meiner frühesten Kindheit, aber erst ein Zufall brachte mich auf die Idee, mich mit seiner Biografie näher zu beschäftigen. Bei Recherchen zum 2014 erschienenen Buch Geheimobjekt Pullach tauschte ich mich mit Rosemie Wessel aus. So erfuhr ich durch eine beiläufige Information, dass ihr verstorbener Mann Gerhard Wessel, der langjährige Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), sehr eng mit Rolf Kauka befreundet war. Auch die Bild-Zeitung wurde auf dieses spezielle Kapitel Jahre später aufmerksam. Sie spekulierte in einem Artikel vom Mai 2020 »War der Fix und Foxi-Erfinder ein Agent?« und strengte eine Klage am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig gegen den BND an, um Einsicht in Dokumente über Rolf Kaukas Leben und Arbeit zu erhalten. Der Ausgang des Verfahrens ist offen, da dieses nach einem Beschluss des zuständigen Senats von Anfang 2021 ausgesetzt wurde.[4]
Meine 2018 begonnene puzzleartige Recherche, die ich privat als Historiker durchführte, nach Rolf Kaukas Spuren in Archiven und Bibliotheken, vor allem die Spurensuche durch Gespräche mit seiner Familie und ehemaligen Mitarbeitern, hat fast drei Jahre in Anspruch genommen.[5] Es zeichneten sich schnell Konturen eines schillernden, kontroversen und nicht einfach zu greifenden Charakters ab, mit Widersprüchen und Brüchen, tief verborgen hinter der kunterbunten Kinderwelt derjenigen Comics, die ihn bekannt und wohlhabend gemacht haben. Rolf Kaukas eigenes Leben war jedoch weit entfernt von einer heilen Kinderwelt. Er lebte ein Leben in so vielen unterschiedlichen Welten, das es lohnt, erzählt zu werden.[6]
Berlin, im Oktober 2021
Bodo V. Hechelhammer
Anmerkungen
[1] Vgl. 8/Bildarchiv Schlesinger 1979, StdA Karlsruhe; A19/139/6/21; Protokoll Deutscher Bundestag, 96. Sitzung, 3.2.1971, S. 5344, in: www.bundestag.de, aufgerufen, 16.3.2019; »Bussibären lügen nicht«, in: Die Welt, 16.9.2000; Henne: Reichtum, S. 241.
[2] Vgl. Niederschrift über die öffentliche Sitzung des Gemeinderates Grünwald, 20.11.2007, S. 11 f.
[3] Vgl. Gerlach: Medium; S. 1079 f.; Reddition; Kronthaler: Kauka, in: Die Sprechblase 234 (2016, S. 36; Mietz: Biografie, S. 12-125; Schmitz: Fix, S. 13-48; Zeitzeugenaussage Ingeborg Magdić, 8.11.2018.
[4] War der »Fix und Foxi«-Erfinder ein Agent?, in: Bild.online, 27.5.2020; Beschluss BVerwG 6 A 9.19, 13.1.2021, www.bvwerg.de, aufgerufen 1. Oktober 2021; Hechelhammer/Meinl: Geheimobjekt
[5] Im BND-Archiv durften hierbei ausschließlich offen zugängliche Quellen genutzt werden.
[6] Vgl. Hechelhammer/Meinl: Geheimobjekt.
Kriegswelt 1917–1945
»Gebt Raum, ihr Völker, unserm Schritt …«. Erste Seite aus Rolf Kaukas Kriegsalbum, ohne Datum
© Sammlung Alexandra Kauka
Sächsische Heimatskizzen
Als Rolf Kauka geboren wurde, wütete seit fast drei Jahren der Erste Weltkrieg. Der Wettiner Friedrich August III. regierte im dreizehnten Jahr als sächsischer König, aber mit Kriegsende breitete sich im November 1918 die Revolution auch im Freistaat aus. Unruhen erfassten das bald untergehende deutsche Kaiserreich. Neben Kaiser Wilhelm II. musste auch der sächsische König am 13. November abdanken, die alte Staatsordnung fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Deutschland rang um Neuorientierung. Nach der kurzen Episode der Weimarer Republik marschierte das nationalsozialistische Deutsche Reich geradewegs in den Abgrund des Zweiten Weltkriegs – eine Zeit, die Rolf Kauka durch ihre traumatischen Kriegswelten in seinen ersten Lebensjahren geprägt hat.[7]
Am Ostermontag, 9. April 1917, um neunzehn Uhr, erblickte Paul Rudolf Kauka in der elterlichen Wohnung im sächsischen Markranstädt das Licht der Welt. Während sein Rufname sich erst in den Fünfzigerjahren zu Rolf verkürzte, nannten seine Freunde ihn früh einfach »Rudo«. Sein erster Taufname verwies auf seinen Vater, den er sehr verehrte: Alexander Paul Kauka, am 16. Juli 1892 im sächsischen Serbitz geboren, arbeitete als Hufschmied und Wagenbauer und wohnte in Quesitz, zwei Kilometer westlich von Markranstädt. Ein Ort, so klein, dass er noch nicht einmal Straßennamen führte. Noch 1926 zählte er gerade einmal 460 Einwohner, darunter Pauls Eltern und einige seiner Brüder.[8]
Die Familie Kauka lebte erst seit einer Generation in Sachsen. Ihre Vorfahren, die in den baltischen Raum zogen, lassen sich unter dem Namen Kaukova im 17. Jahrhundert in Westfinnland finden. Ende des 17. Jahrhunderts wurde Tavo Kaukova, ein Schmied und Rolf Kaukas Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater, im Herzogtum Kurland und Semgallen im Baltikum geboren. Dessen Sohn Elias zog Mitte des 18. Jahrhunderts auf das Gut Neuhof ins schlesische Groß Wartenberg (poln. Syców), das seit 1742 zum Königreich Preußen zählte. Kaukova deutschte seinen Namen in Kauka um. In Schlesien wurde 1752 Elias’ Sohn Michael Kauka geboren, der wiederum nach Schildberg (poln. Kazanów) verzog. Hier kam Franz Kauka 1779 zur Welt; sein 1828 geborener Sohn Simon war Zimmermann. Simons Sohn, der wiederum Franz Kauka hieß, wurde 1865 in Polnisch Wartenberg, südwestlich von Schildberg, geboren. Er war Rolfs Großvater. Franz arbeitete als Landarbeiter und Brunnenbauer und wurde nach einem schweren Unfall Schuster. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zog er schließlich mit seiner Familie von Schlesien nach Sachsen.
Franz Kauka und seine Ehefrau Marianne, eine geborene Fuhrmann, hatten ein Familie von zehn Kindern, die alle im städtischen Umland von Leipzig zur Welt kamen und später in der Umgebung der Messestadt einem Handwerksberuf nachgingen. Das vierte Kind war Paul – Rolfs Kaukas Vater.[9]
Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, stellte auch die sächsische Armee schlagkräftige Truppen auf. In den vier Kriegsjahren ergriffen rund 750 000 sächsische Männer die Waffen. Paul Kauka wurde Soldat eines Infanterie-Regiments, ebenso vier seiner Brüder. Die ganze Familie Kauka erfüllte entsprechend der vorherrschenden politischen Überzeugung ihre nationale Pflicht, zog mit lautem Hurra und voller Überzeugung auf einen schnellen Sieg in den Krieg. Die sächsischen Truppen kamen an zahlreichen Brennpunkten zum Einsatz, vorwiegend an der Westfront.
Auch Paul Kauka kämpfte in verschiedenen Schlachten im Westen mit, bis er im Sommer 1916 in Frankreich schwer verwundet wurde. Sein linkes Bein musste ab dem Oberschenkel amputiert werden, er trug von nun an eine Beinprothese. Er kam in ein Militärlazarett ins hessische Darmstadt. Dort lernte er die drei Jahre ältere, 1889 geborene Krankenpflegerin Margarethe Schneider aus dem oberhessischen Wetterfeld kennen. Der Lazarettaufenthalt als Schicksalsort war ein Muster, das sich 18 Jahre später im Zweiten Weltkrieg bei seinem Sohn Rolf wiederholen sollte. Paul und Margarethe hielten auch nach seiner Entlassung und Rückkehr in seine sächsische Heimat Kontakt.[10]
Nicht grundlos schrieben sie sich Briefe, denn Mitte Juli war es zwischen beiden zu einer intimen Beziehung mit Folgen gekommen. Margarethe war mit Rolf schwanger. So heirateten Paul und Margarethe am 2. Dezember 1916 standesamtlich in Markranstädt, damit ihr Kind ehelich zur Welt kommen konnte. Paul Kauka war ein stattlicher Mann, konnte aber als Kriegsinvalide nicht mehr in seinem alten Beruf arbeiten und musste sein Geld bei der Thüringer Eisenbahn als Schrankenwärter an der Nordstraße verdienen. Gleich nach der Heirat bezog Paul Kauka deshalb mit seiner Frau eine Wohnung in der Albertstraße 40 in Markranstädt, in der dann Rolf Kauka zur Welt kam.[11]
Paul Rudolf Kauka, April 1917
© Sammlung Alexandra Kauka
Rolfs Heimatstadt Markranstädt war eine Kleinstadt im Südwesten Leipzigs. Sie fand bereits im 12. Jahrhundert urkundlich Erwähnung und lag an einer alten Handelsstraße, die sich bis nach Frankfurt am Main zog. Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Stadt durch die Industrialisierung einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, weshalb sich die Bevölkerungszahl von 1875 bis 1910 verdreifachte. Die Gemeinde zählte 1920 rund 8400 Einwohner, verteilt auf 500 Häuser. Hauptarbeitgeber waren die Kürschner-Betriebe, die Markranstädter Automobilfabrik (MAF) sowie das Brauhaus am Promenadenring. In der Kleinstadt gab es zudem ein Amtsgericht, ein Elektrizitäts- und Wasserwerk und ein kleines Krankenhaus. Doch in den Zwanzigerjahren brach durch die ökonomischen Krisen auch in der sächsischen Kleinstadt die Wirtschaft ein. So war es zwar eine überschaubare Welt, in der Rolf seine Kindheit verbrachte, aber auch eine voller Zukunftsängste und Sehnsucht nach Orientierung und Stabilität.[12]
Rolfs Vater war wie so viele Veteranen und Invaliden durch den Krieg und den Verlust seines Beines stark traumatisiert. Er zeigte sich streng und unnahbar und neigte zu Stimmungsschwankungen, die auch sein Sohn mitunter zu spüren bekam. Aber er stemmte sich gegen sein Schicksal, bewies großen Erfindergeist und gab nicht auf, was Rolf an ihm bewunderte. Seine Mutter Margarethe war hingegen schöngeistig veranlagt, sie las viele Bücher, malte und liebte die Musik, weshalb Rolf Geige spielen lernen musste.
Er selbst erzählte später nie viel über seine Kindheit, hüllte lieber den Mantel des Schweigens darüber. Von seinen frühen Lebensjahren sind deshalb nur Episoden rekonstruierbar. Verbürgt ist, dass er zwei Wochen nach seiner Geburt in der Sankt Laurentiuskirche in Markranstädt getauft wurde. Obwohl sein Vater Paul römisch-katholisch war, wurde er im evangelischen Glauben seiner Mutter getauft. Paul Kauka konvertierte später selbst. Zur Taufe seines Sohnes kam zahlreich Verwandtschaft aus Sachsen und Hessen. Rolf erhielt vier Taufpaten, jeweils zwei Verwandte von jeder Elternseite, die wirtschaftlich besser als seine Eltern gestellt waren. Von väterlicher Seite waren es seine Großmutter Marianne sowie sein Onkel Ignatz aus Sachsen, von der hessischen Linie seiner Mutter übernahmen seine Tante Margarete Schneider aus Wetterfeld sowie sein Onkel, der Kaufmann Heinrich Schneider aus Frankfurt am Main, die Patenschaft.[13]
Volksschule Markranstädt, Klassenfoto. Rolf, mit Hosenträgern, sitzt mit skeptischem Blick rechts neben seinem Klassenlehrer, 1923
© Sammlung Monika Klemps
Als er Ostern 1923 schulpflichtig wurde, zogen seine Eltern von der Albertstraße in eine größere Wohnung in die Bismarckstraße (heute Heidestraße) 8. Es war ein notwendiger Wohnungswechsel, wuchs doch die Familie Kauka weiter. Am 13. Juni 1923 wurde Rolfs Schwester Margarete Ingeborg geboren, Inge genannt. Für die nächsten vier Jahre besuchte Rolf Kauka dann die Markranstädter Volksschule in der Parkstraße 9. Sein Klassenlehrer war Hermann Eissner. Mädchen und Jungen wurden entsprechend der Zeit damals getrennt unterrichtet.
Rolf freundete sich vor allem mit dem gleichaltrigen Mitschüler Georg Mitreiter an, der direkt neben ihm in der Bismarckstraße 4 wohnte. Es war eine Verbindung, die mit Unterbrechungen bis in die Neunzigerjahre Bestand haben sollte. Rolf und Georg erlebten gemeinsam den Schulalltag, unternahmen mit ihren 28 Klassenkameraden Schulausflüge, wie etwa 1924 nach Bad Dürrenberg. Mit Sicherheit gingen beide auch zum Schwimmen, nachdem das Stadtbad an der Weststraße Mitte Juni 1926 eröffnet worden war. Und Rolf wird auch an dem seit 1846 alljährlich stattfindenden Kinderfest teilgenommen haben. Jeweils eine Woche vor den großen Sommerferien ziehen hierbei bis heute die verkleideten Schulkinder im festlichen Kinderumzug mit Festwagen durch die Stadt.[14]
Rolf steht gerne im Vordergrund (ganz links). Klassenfoto bei einem Schulausflug mit der Friedrich-List-Realschule in Leipzig, 1927
© Sammlung Monika Klemps
Zum Beginn des fünften Schuljahrs wechselte Rolf Kauka die Lehranstalt. Zusammen mit seinem Freund Georg Mitreiter besuchte er ab Ostern 1927 die Friedrich-List-Realschule in der Nordstraße 37 in Leipzig. Ihr Klassenlehrer war dort Dr. Bernhard Zill. Die zwölf Kilometer Entfernung von Markranstädt bis in die Messestadt fuhren sie täglich gemeinsam mit dem Zug. Leipzig war eine der größten Städte des Reiches, zählte zu dieser Zeit rund 700 000 Einwohner und bot Rolf Kauka vollkommen neue Möglichkeiten.
Mit Freunden unterwegs in der Natur, Mitte der Zwanzigerjahre
© Sammlung Alexandra Kauka
Rolf Kauka als selbstbewusster Zehnjähriger, Markranstädt, ca. 1927. Rechts mit seinem Schulfreund Georg Mitreiter beim gemeinsamen Musizieren, ca. 1931
© Sammlung Alexandra Kauka
Er will in Leipzig zusammen mit seinem Schulfreund Georg zeitweise sogar im berühmten Thomanerchor gesungen haben. Allerdings ist er in den Chorannalen nicht als ordentliches Mitglied verzeichnet. Jedoch behauptete er später, dass er bei den Thomanern an den üblichen Sprachübungen teilgenommen habe. Kaukas Motto ist hier zu greifen: Was ist die Realität schon gegen eine gute Geschichte.
Gut dokumentiert ist seine ausgeprägte Musikalität. Er spielte zusammen mit Georg Geige und zudem gut Klavier. Kauka spielte später fast alles, von Gitarre über Mundharmonika und Horn bis zum Schlagzeug. Paul, sein Vater, förderte das Musizieren des Sohnes ganz im Sinn der Mutter. Er erwarb für ihn einen Blüthner-Flügel, der bei Kaukas in der guten Stube stand. Mehr als zur Musik fühlte sich Rolf Kauka aber zu Pferden hingezogen. Früh lernte er das Reiten im nahen Quesitz, wo sein Großvater Franz und seine Onkel lebten und Pferde hielten. Dort konnte er sich einfach ein Pferd nehmen, wann immer er Lust dazu hatte, und entwickelte sich so zu einem leidenschaftlichen Reiter, der später eigene Rennpferde und Traber besitzen und züchten sollte.[15]
Fünf Jahre nach der ersten Tochter erhielt die Familie Kauka letztmalig Zuwachs. Am 10. Dezember 1929 wurde Rolfs zwölf Jahre jüngere Schwester Paula Brunhilde geboren. Paul Kauka pflanzte für seine drei Kinder aus guter Tradition jeweils einen eigenen Baum. So wuchs für Rolf Kauka symbolisch ein Birnbaum, für Inge ein Apfelbaum und für Brunhilde ein Kirschbaum im Garten des Hauses.[16]
Als Schüler der Friedrich-List-Schule nahm Rolf zwar gerne an sämtlichen sportlichen Aktivitäten und Ausflügen teil, zum Beispiel am 16. Juli 1929 an den Reichsjugendspielen in Leipzig, die unter der Patronage des Reichspräsidenten standen. Seine schulischen Leistungen aber waren nicht überragend. Überhaupt besuchte er ohne übergroße Begeisterung die Schule, sein Selbstbewusstsein litt aber nicht. Betrachtet man ihn auf frühen Fotografien, wie er etwa vor dem elterlichen Haus posiert oder beim Klassenausflug in der Gruppe abgelichtet wird, sieht man einen selbstbewussten Jungen. Der Hintergrund war auch damals schon nicht Rolf Kaukas Platz; man findet ihn auf diesen Fotos oft in der ersten Reihe oder im Zentrum.[17]
Dennoch unterschied sich der Zwölfjährige nicht sonderlich von den Jugendlichen seiner Generation, suchte Halt und Orientierung in den aufkommenden Jugendorganisationen dieser Zeit. Gerade in den Zwanzigern gab es zahlreiche Jugendgruppen und deren Organisationen, ob bündisch, politisch oder konfessionell orientiert. Rolf wählte zunächst den Verein Christlicher Pfadfinder (CP) in Markranstädt, in den er 1929 eintrat. Diesen Schritt unternahm er zur gleichen Zeit, als er auch den Konfirmationsunterricht seiner sächsischen Heimatgemeinde zu besuchen begann. Am Palmsonntag 1931 wurde der dreizehnjährige Rolf in der Sankt Laurentiuskirche in Markranstädt konfirmiert. Sein Konfirmationsspruch lautete: »Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen«. (Römer 1,16).[18]
Das Jahr 1931 markierte für Kauka in schulischer Hinsicht einen Einschnitt. Er brach die Schule ab. Im Jahr zuvor waren weitere Schulzweige der Friedrich-List-Schule angegliedert worden, die jetzt zu einem städtischen Reformrealgymnasium mit Realschule, Aufbauschule und Oberschule wurde. Allerdings profitierte Rolf nicht von der neuen pädagogischen Ausrichtung. In der Obertertia, der neunten Klasse, war Schluss, so ist es in seinen späteren militärischen Dokumenten angegeben. Da die neunte Jahrgangsstufe regulär noch bis 1932 dauerte, wird er ohne mittlere Reife abgegangen sein.
Im feinen Anzug als Lehrling der Drogerie Borst in Markranstädt. Vermutlich zum Abschluss seiner Ausbildung 1934
© Sammlung Alexandra Kauka
Möglicherweise scheiterte die Fortsetzung der Schule aufgrund finanzieller Nöte auch am Schulgeld. Schließlich griff die Wirtschaftskrise weiter um sich. Die Arbeitslosigkeit steuerte auf ihren Höchststand zu, und bei sich gleichzeitig verteuernder Lebenshaltung wurden die Löhne niedriger. Belegt ist, dass Rolf mit vierzehn Jahren einen Lehrberuf ergriff. Er fing am 1. Juni 1931 seine Lehre als Drogist in der Markranstädter Fachdrogerie von Herrmann Curt Borst in der Leipziger Straße 25/27 an. Geschäftsführer war dort der Drogist Arthur Kremsier, der Schwiegersohn Borsts. Da Paul Kauka und Arthur Kremsier befreundet waren, konnte er seinen Sohn ohne Probleme unterbringen.
Ein Zeugnis aus Rolfs letztem Ausbildungsjahr ist erhalten geblieben. Auffallend dabei ist, dass er in den Fächern wie Buchführung, Chemie und Fotografie durchgehend die Note 2 hatte, in Betragen, Fleiß und Ordnungsliebe aber eine 1. Er war diszipliniert, pünktlich und genau, was er in seinem späteren Beruf gut gebrauchen konnte.[19]
Geprägt durch Elternhaus, Schule und Ausbildung wuchs Rolf Kauka in einem geistigen Umfeld auf, in dem der Versailler Friedensvertrag als demütigendes Diktat verstanden wurde. Unbefangen und selbstverständlich sprachen alle weiterhin nur vom Reich. Die Sehnsucht nach einem wiedererstarkenden Deutschland gehörte zum festen Kanon politischer Überzeugung. Und sie wuchs an und verfärbte sich braun. Als am 30. Januar 1933 die Machtergreifung Hitlers erfolgte und er Reichskanzler wurde, gewann die nationalsozialistische Bewegung auch in Markranstädt schnell an Zuspruch. Die Mitgliederanzahl der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (NSDAP) stieg im Januar 1933 von zuvor 75 auf 500 signifikant an. Bei den Reichstagwahlen am 5. März 1933 errang die NSDAP in Markranstädt zwar »nur« 25,9 % und lag deutlich hinter der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) mit 43,8 % zurück.
Frühe Zeichnungen von Rolf Kauka. Hitlerjungen bei Sportübungen, 1934
© Sammlung Alexandra Kauka
Doch die Familie Kauka war Teil der NS-Bewegung geworden und begann sich sowohl in der Partei als auch in deren Organisationen zu engagieren. Der einundvierzigjährige Weltkriegsveteran Paul Kauka wurde NSDAP-Mitglied. Während im Geleit der SA der Festzug zum Nationalfeiertag des deutschen Volkes unter dem Motto »Das Neue klingt, das Alte klappert« durch die Straßen Markranstädts marschierte, trat er am 1. Mai 1933 der Partei bei. Bald sollte er als Vorsitzender der parteizugehörigen Wohlfahrtsorganisation für die Schwerkriegsbeschädigten und Frontsoldaten des Ersten Weltkriegs, die Nationalsozialistische Kriegsopferfürsorge (NSKOV), wirken. Für die NSDAP war er bis zum Kriegsende als Ratsherr in der Gemeinde kommunalpolitisch aktiv. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Paul Kauka in den Akten als »fanatischer Nazi« bezeichnet. Nur aufgrund seiner Parteibeziehungen konnte sich Rolfs Vater mit seinem Eisenbahnergehalt und seiner Kriegsopferrente den Kauf eines Hauses überhaupt leisten. Die Familie Kauka profitierte vom nationalsozialistischen System und dessen Fürsorge. Neben Paul Kauka trat auch eine weitere Bezugsperson Rolfs, nämlich Arthur Kremsier, sein Chef und Ausbilder in der Drogerie, in die NSDAP ein.[20]
Rolf Kauka in schwarzer Uniform bei einem Aufmarsch der Hitlerjugend, Markranstädt, 1. Mai 1935
© Sammlung Alexandra Kauka
Im Monat zuvor, am Samstag, dem 1. April 1933, hatte die neue NS-Regierung im ganzen Reich jüdische Geschäfte besetzt und abgeriegelt. Auch in Markranstädt wütete der sogenannte Judenboykott gegen Mitglieder der jüdischen Gemeinde, etwa gegen das Warenhaus der Familie Bruno und Rose Mielziner. Am 10. Mai kam es zur öffentlichen Bücherverbrennung der Werke verfemter Autoren.
In dieser sich ideologisch aufheizenden Stimmung schloss sich auch Rolf Kauka der NS-Bewegung an. Am 1. Februar, dem Tag der Auflösung des Reichstages durch Reichspräsident Hindenburg und zwei Monate vor seinem 16. Geburtstag, wechselte er noch vor der offiziellen Auflösung der christlichen Pfadfinder zur Hitlerjugend (HJ). Formal gehörte er ab jetzt zum Bann 16 (Sachsen), Gebiet 24/107. Rolf Kauka wurde auf Führer und Vaterland verpflichtet. Hier wurde im Sinne der NS-Ideologie die Jugend durch gemeinsame Aktivitäten wie Märsche, Exerzieren und Schießausbildungen indoktriniert. Mehrmals die Woche hatte Kauka am Dienst teilzunehmen. Noch heute existieren seine Zeichnungen aus dem Jahr 1934, die Hitlerjungen im Sportdress mit Rautenzeichen auf der Brust beim sportlichen Wettkampf im Staffellauf und Weitsprung sowie bei Lagerspielen zeigen.[21]
Für viele Jungen bedeuteten der Dienst und die Übernahme von Aufgaben eher eine Pflicht, für andere, wie etwa den jungen Rolf Kauka, war es Anerkennung und Anreiz zum weiteren Aufstieg. Rolf war kein einfacher Mitläufer, sondern wie so viele seiner Gleichaltrigen von den NS-Jugendorganisationen begeistert. Glühend begeistert. Seine Leistungen und sein Engagement in der HJ müssen entsprechend gewesen sein, er wäre sonst nicht in eine Führungsposition gelangt, durch die er nun selbst Kinder und Jugendliche zu führen hatte. Rolf war, wie dokumentiert ist, zwei Jahre später Jungzugführer und zuständig für die Zehn- bis Vierzehnjährigen, die innerhalb der NS-Organisation als Deutsches Jungvolk (DJ) organisiert waren. Damit unterstanden ihm drei bis vier Jungscharen in Markranstädt, bestehend aus jeweils rund zehn Jugendlichen. Als Zeichen dafür trug er an seinem Braunhemd die grün-weiß geflochtene Kordel, die von der Schulterklappe seiner dunklen Uniformjacke bis zur Tasche ging. Das war von weitem zu sehen, und jeder Pimpf musste ihn grüßen.
Kauka tauchte so immer weiter in die NS-Ideologie ein. Am 1. Mai 1935 marschierte er beim Aufmarsch der örtlichen Hitlerjugend durch Markranstädt und Quesitz nicht nur begeistert mit, sondern führte sie stolz auf einem Pferd reitend an. Auch wird er in den Sommern dieser Jahre stets auf Großfahrt mitgegangen sein, wenn es ins Riesengebirge und in den Böhmerwald ging. Während seiner HJ-Zugehörigkeit legte er unter anderem erfolgreich den Freischwimmer und die Prüfung für das Fahren eines Leichtkraftrades ab.
Die Jahre in der Hitlerjugend markierten für Kauka eine charakterlich prägende Episode. Seiner vierten Frau Alexandra gestand er später ohne erkennbare Reue, dass die HJ ihm vor allem »Power« vermittelt hätte. Nicht Kraft durch Freude, sondern die Freude an der Macht entdeckte Kauka. Er romantisierte auch in späteren Jahren die eigene HJ-Zeit, ohne erkennbare Distanz zur Nazi-Jugendorganisation und ihrem absoluten Erziehungsanspruch gegenüber der Jugend einzunehmen. Eine kritische Vergangenheitsbewältigung sah anders aus. Hier agierte Kauka wie so viele Deutsche. Formal gehörte er der NS-Organisation bis 1939 an, bis er Berufsoffizier werden sollte. Er entwickelte ein immer stärkeres Selbstbewusstsein. Dazu passt, so erzählte es Rolf Kauka selbst, dass er als Sechszehnjähriger gegenüber seinem Vater ein klares Zeichen setzte. Als er von Paul Kauka wieder einmal eine Ohrfeige erhielt, warnte er seinen Vater deutlich: »Schlag mich nie mehr, denn ab jetzt schlag ich zurück«.[22]
Neben der HJ wurde Rolf Kauka nachweislich in einer weiteren NS-Organisation Mitglied. Als Zwanzigjähriger trat er 1937 dem Reichsbund Deutsche Jägerschaft (RDJ) bei, dem er bis zu dessen Auflösung 1945 angehörte. Die Mitgliedschaft entsprach einer seiner weiteren späteren großen Leidenschaften: Kauka war begeistert vom Jagdsport. Überliefert ist, dass an der Mauer hinter seinem Elternhaus stets eine Zielscheibe hing, auf die er ausdauernd schoss. Noch beim Verkauf des Elternhauses Jahrzehnte später wurden von ihm versteckte Munitionsreste unter dem Dach entdeckt.[23]
Im Jahr 1934 endete Rolf Kaukas Lehrzeit. Am 24. Februar legte er beim Deutschen Drogisten-Verband in Leipzig seine Drogisten-Gehilfen-Prüfung mit der Note gut ab. Nach Ende seiner dreieinhalbjährigen Lehrzeit arbeitete Rolf nun als Gehilfe weiter in der Drogerie Borst, die »Drogen, Chemikalien, Spezialitäten, Farben und Fotomaterialien« im Sortiment hatte. Kurz darauf zog Paul Kauka mit seiner vierköpfigen Familie erneut um, und zwar von der Bismarckstraße 8 in die Nummer 3, wo sie ein dreistöckiges Haus bezogen. Kaukas bewohnten die große Wohnung in der ersten Etage, während das Erdgeschoss dauerhaft untervermietet wurde, ebenso wie später einzelne Zimmer in der oberen Wohnung. Dort hatte Rolf Kauka, auch nachdem er ausgezogen war, immer ein Bett im elterlichen Haus.
Er arbeitete insgesamt fünf Jahre in der Fachdrogerie Borst, leistete gute Arbeit, die auch Anerkennung fand. Doch am 21. März 1936, wenige Wochen vor seinem achtzehnten Geburtstag, verließ er das Geschäft plötzlich auf eigenen Wunsch. Der Geschäftsführer Kremsier zeigte sich überrascht, ließ seinen jungen Mitarbeiter nur ungern ziehen, da er »stets ehrlich, fleißig und pünktlich war« und man mit ihm gut arbeiten konnte.[24]
Ein Grund, warum Kaukas Chef das Ausscheiden bedauerte, war dessen besonderes »Händchen«. Zu Rolfs Aufgaben hatte neben den Arbeiten im Verkauf und Lager auch die wöchentliche Dekoration des Schaufensters gehört. Dem hatte er sich mit viel Engagement gewidmet und dabei auch sein zeichnerisches Talent geschult. Kleinere Bildergeschichten und Zeichnungen über das Angebot der Drogerie wurden schon bald regelrechte Blickfänge, die jeden Donnerstag aufs Neue Schaulustige anzogen. Arthur Kremsier, der Geschäftsführer der Drogerie, hob diese Eigenschaft explizit in Kaukas Abschlusszeugnis hervor. Damit war ohne Frage Rolfs kreatives Talent angesprochen. Mehr noch wird es aber um sein außergewöhnliches Verkaufsgespür gegangen sein. Rolf Kauka konnte Dinge vorteilhaft präsentieren und sehr überzeugend an den Mann oder die Frau bringen. Eine Eigenschaft, die ihn später auch als Comic-Verleger auszeichnete.[25]
Warum Rolf Kauka seinen sicheren Arbeitsplatz aufgab, wurde nicht mitgeteilt. Nur, dass er sich von nun an neuen Aufgaben verstärkt widmen wollte, um dort, wie es sein früherer Chef formulierte, seine Kenntnisse besser verwerten und weiter ausbauen zu können. Kaukas älteste Tochter Mascha erinnert sich, dass ihr Vater einmal erzählt habe, nach seiner Tätigkeit in der Drogerie auf eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt (NAPOLA) gegangen zu sein. Ihr Vater sei schließlich »ein überzeugter Nationalsozialist« gewesen.
Doch diese Information ist falsch. Rolf Kauka hatte seiner Tochter einen braunen Bären aufgebunden. Offenbar stellte es für ihn kein Problem dar, sich für eine gute Geschichte fälschlicherweise der schulischen Führerelite zuordnen zu lassen. Er hätte nicht nur einen Auswahlprozess durchlaufen müssen, eine Prüfungswoche zum Test intellektueller und körperlicher Leistungen inklusive. Vor allem aber hätte er diese elitäre Ausbildungsstation in seinen weiteren Lebensläufen der Dreißiger- und Vierzigerjahre vermerkt. In seiner überlieferten Personalakte des Luftwaffen-Personalamts findet sich dazu jedoch keinerlei Eintrag. Seiner vierten Frau erzählte er stattdessen, er hätte auch für einen Architekten gearbeitet, was weder örtlich noch zeitlich einzuordnen ist.
Dennoch gibt es konkrete Hinweise und Belege, die seine Verortung nach 1936 zulassen. Rolf Kauka hatte damals bereits seinen bevorstehenden Militärdienst vor Augen. Im Jahr zuvor war am 16. März 1935 die allgemeine Wehrpflicht im Deutschen Reich eingeführt worden. Mit dem Erlass über die Erfassung und Musterung vom 24. Februar 1937 des Kriegs- und des Innenministers mussten, beginnend mit dem 2. April 1937, alle wehrpflichtigen Deutschen des Jahrgangs 1917 durch die polizeilichen Meldebehörden erfasst und im Sommer gemustert werden. Auch Rolf Kauka gehörte dazu. Er wurde bei der für ihn zuständigen Meldebehörde erfasst, die sich im April 1937 in Naumburg an der Saale befand. Die Wehrnummer seiner Wehrstammkarte (Naumburg/Saale 17/2/7/1) verweist dabei auf die polizeiliche Meldebehörde 2. Aus weiteren Angaben seines Wehrstammbuchs geht eindeutig hervor, dass er am 1. April 1937 nach Weißenfels in die Kleine Burgstraße 1 gezogen war bzw. diese Meldeadresse angegeben hatte, nachdem er zuvor aus Bitterfeld gekommen war.
Rolf Kaukas Karikatur für das Weißenfelser Tageblatt, 1936
© Sammlung Alexandra Kauka
Unter der Adresse in Weißenfels befand sich 1937 aber die Geschäftsstelle der Mitteldeutsche National-Zeitung (MNZ), einer nationalsozialistischen Tageszeitung. Diese war, mit entsprechenden Regionalablegern, das amtliche Verkündungsorgan sämtlicher Gliederungen der NSDAP und der entsprechenden Behörden im Gau Halle-Merseburg. 1934 war die MNZ auch in Weißenfels installiert worden, eine Regionalausgabe erschien in Bitterfeld. So spricht vieles dafür, dass Rolf Kauka Mitte 1936 seine Heimatstadt verließ, um in Bitterfeld und Weißenfels für Tageszeitungen der NSDAP als Texter und Zeichner zu arbeiten. Beleg findet dies in seiner frühen Karikatur über Violette Strümpfe für das Weißenfelser Tageblatt von 1936, die er mit »RK« signierte.[26]
Dazu passt, dass Kauka als Wehrmachtsangehöriger in einem Lebenslauf für die Zeit vor 1938 als Beruf Presse-Zeichner angab. Belegt ist, dass er Geschichten sowie Texte und Illustrationen an lokale Zeitungen verkauft haben muss: an die Leipziger Neuesten Nachrichten (LNN) und vor allem das Weißenfelser Tageblatt. Bereits als Teenager soll er sich sein Taschengeld mit dem Verkauf von Geschichten aufgebessert haben. Der Kontakt zum Verlag war dabei stets nur schriftlich erfolgt, da man nicht wissen durfte, wie jung er eigentlich noch war. Nun veröffentlichte er Texte und Illustrationen, beispielsweise die Weinlesegeschichte Vom Herbsten. Weitere drei Geschichten mit seinen Zeichnungen für das Tageblatt aus dem Jahr 1937 sind erhalten geblieben; er hat sie mit dem Pseudonym »Alexander«, inspiriert durch den zweiten Vornamen seines Vaters, vor allem aber mit »Rudo Kauka« signiert.
Geschichte und Zeichnung über den Zwiebelmarkt in Weißenfels, Weißenfelser Tageblatt, 1937
© Sammlung Alexandra Kauka
1937 nahm er auch an einer Sonntagsveranstaltung des Winterhilfswerks (WHW) zugunsten der Infanterie teil, besuchte den dienstäglichen Weißenfelser Zwiebelmarkt oder den dortigen Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz, um darüber kleine Geschichten mit einem Cartoon zu verfassen. Beides waren national-konservative Zeitungen, welche die nationalsozialistische Politik immer stärker unterstützten. Das Tageblatt veröffentlichte sogar durchgängig antisemitische Beiträge. Kauka arbeitete für Nazi-Zeitungen, schrieb und zeichnete im Geist der nationalsozialistischen Bewegung. Wie intensiv Rolf Kauka für die NS-Presse gearbeitet hat, lässt sich schwer sagen. Allerdings musste er sich schon bald beruflich umorientieren, denn am 6. Juli 1937 wurde er in Naumburg auf dem Wehrbezirkskommando gemustert. Der knapp 1,80 Meter große und 80 Kilogramm schwere Zwanzigjährige wurde tauglich für den Dienst in der Wehrmacht befunden. Rolf hatte eine klare Vorstellung von der Waffengattung und wünschte der Flak-Artillerie zugewiesen zu werden, die organisatorisch zur Luftwaffe zählte. Er wurde Soldat.[27]
Ein ausgezeichneter Soldat
Der zweijährigen Wehrdienstzeit war eine sechsmonatige Arbeitsdienstpflicht für Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 25 vorgelagert. Rolf Kauka erhielt als Zwanzigjähriger am 22. Februar 1938 seine Einberufung zum Reichsarbeitsdienst (RAD) und hatte sich am Montag, den 4. April 1938, zum RAD zu melden. Als Arbeitsmann (Nummer 13/144/432) gehörte er der RAD-Einheit 13/144 im sächsischen Falkenberg an der Elster an, die sich seit November des vorherigen Jahres in einer Barackenunterkunft in der Uebigauer Straße befand. Kauka wurde beim Arbeitsdienst, der zugleich eine vormilitärische Ausbildung war, feierlich auf Adolf Hitler vereidigt. Die dienstverpflichteten jungen Männer wurden bei verschiedenen Baumaßnahmen der Umgebung eingesetzt, wie etwa der regelmäßigen Grundräumung des Neugrabens. Rolfs »Ehrendienst am deutschen Volke«, wie es offiziell hieß, sollte am 25. Oktober 1938 enden. Sein Führungsverhalten während seiner Dienstzeit wurde mit sehr gut beurteilt.[28]
Auch während der Zeit in Falkenberg blieb Rolf kreativ und bereicherte eine zum Abschied erstellte RAD-Zeitschrift mit seinen kleinen Zeichnungen und ironischen Texten; alle signiert mit »Rudo Kauka«. Seine Stubenkameraden waren neben einem Paul, dem Hornspieler, auch der pferdebegeisterte Karl-Heinz, der als sein bester Freund bezeichnet wurde. Rolf wurde treffend als kreativer und selbstbewusster Kopf charakterisiert und mit dem interessanten Hinweis beschrieben, dass er sogar eine »Verlobte«, also eine Liebelei, aus dem Nachbardorf hätte: Rudo ist talentierter Zeichner und Dichter und außerdem glücklich »verlobt« mit Hildegard aus Wiederau. Seinem großen Maul ist keiner gewachsen und die erst recht nicht, die am meisten annehmen, sie wären es. Er wickelt sie alle ein, zumal wenn er Urlaub haben will.[29]
Da Wiederau direkt an Falkenberg grenzt, wird Rolf seine Freundin Hildegard wohl während seiner Zeit als Arbeitsmann kennengelernt haben. Es ist gut vorstellbar, dass er sie tatsächlich gleich als seine Verlobte verstanden hat, denn das ist ein bei ihm wiederkehrendes Motiv. Kauka verkündete Heiratsabsichten immer schnell. Nachdem seine Arbeitszeit beendet war, kehrte er für wenige Wochen zu seinen Eltern nach Markranstädt zurück. Danach begann seine zweijährige Wehrpflicht.
Am 30. November 1938 wurde er Soldat der Flak-Artillerie. Als Kanonier (Kan) wurde er der 13. Batterie der III. (Abteilung)/Flak-Regiment 33, einer so genannten schwer motorisierten (sw. mot.) Einheit zugeordnet. Diese unterstand dem Luftverteidigungskommando (LG-Kdo.) 3. Sein Regiment war im Rahmen einer größeren Aufstellungswelle der Artillerie erst wenige Tage zuvor am 15. November in Halle an der Saale mit drei Abteilungen unter dem Kommando von Oberstleutnant Otto-Wilhelm von Renz aufgestellt worden. Am 10. Dezember 1938 wurde Rolf Kauka erneut auf Adolf Hitler vereidigt, nun als Wehrmachtssoldat. Nach Ende seiner mehrmonatigen Grundausbildung wechselte er am 1. Mai 1939 innerhalb seines Truppenteils, er wurde zur I. / Flak-Regiment 33 versetzt, einer gemischt motorisierten (gem. mot.) Einheit. Sein Kommandeur und Abteilungschef war Oberstleutnant Karl Halberstadt. Zeitgleich mit der Versetzung erfolgte seine Beförderung zum Fahnenjunker-Anwärter, denn Rolf Kauka schlug die Offizierslaufbahn ein.[30]
In der Regel war die Offizierslaufbahn ohne entsprechenden höheren Schulabschluss nicht möglich, und Kauka hatte die Schule abgebrochen. Er konnte den Weg aber als sogenannter Kriegs-Offizier (KrO) beschreiten, also als ein Wehrmachtsoffizier, der unter erleichterten Bedingungen aus den Mannschaftsrängen hervorkommend sich über seine Leistungen auszeichnete. Kaukas Regimentskommandeur schlug ihn zum Offizier vor. Doch mit dem Beginn seiner Offizierslaufbahn tauchten Ungereimtheiten in seinem Lebenslauf auf, etwa in seinen Papieren zur Beförderung zum Leutnant im September 1940. Plötzlich wollte Rolf zwischen 1931 und 1934 die II. Bürgerschule in Leipzig besucht, dort sogar die Obersekundareife abgelegt haben. Sowohl seine Ausbildung als auch sein Prüfungstermin zum Drogisten wurden umgedeutet.
Nach Kriegsende sollte gerade seine Wehrmachtszeit in weiten Teilen nebulös bleiben, wobei vor allem das spezielle Personalerfassungswesen der Luftwaffe dafür verantwortlich war. Der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Hermann Göring, hatte angeordnet, dass in den Truppenlisten lediglich die Ausgaben der Erkennungsmarken registriert, nicht jedoch weitere Personalveränderungen vermerkt wurden.[31]
Rolf Kaukas Einheit setzte sich aus fünf Batterien zusammen, wobei vier Geschütze eine Batterie ergaben, kommandiert von jeweils einem Batteriechef. Als gemischt motorisierte Einheit verfügte sie sowohl über eine schwere 8,8-cm-Flak wie auch über mittlere bzw. leichte 2- bzw. 3,7-cm-Geschütze. Jedes einzelne Geschütz wurde von einem Geschützführer und neun bzw. sechs Soldaten bedient. Rolf Kauka wurde als Kanonier an der Flak ausgebildet. Um auch die schweren Sonderfahrzeuge fahren zu können, erwarb er am 18. Juli 1939 die Wehrmachts-Kraftfahrer-Führerscheine (WKF) 2 und 3.
Nachdem er seine Grundausbildung beendet hatte, nahm er in seinem ersten Soldatenjahr mit seiner Einheit an der Sommer- und Herbstübung teil, welche bereits als Mobilmachung getarnt der Kriegsvorbereitung dienten. Im Frühjahr bzw. Sommer 1939 kam es in der Luftwaffe zu Umorganisationen, die auch Rolf Kauka betrafen, denn sein Regiment übernahm als Flak-Gruppe Halle-Leuna ab August 1939 die Objektverteidigung des industriellen Zentrums um Halle und Leipzig.[32]
Am 1. September 1939 überfiel die Wehrmacht Polen, der Zweite Weltkrieg begann. Rolf Kaukas Regiment nahm innerhalb der 8. Armee am Polenfeldzug teil. Die I. / Flak-Regiment 33 schützte zu Beginn des Angriffs Groß Wartenberg, also genau den Ort, in dem Kaukas Großvater gelebt hatte. Rolf kämpfte aktiv an den entscheidenden Kämpfen an der Warthe mit, war an der Entscheidungsschlacht an der Bzura vom 9. bis 19. September beteiligt. Es sollten für ihn viele Kampfeinsätze im Verlauf der nächsten fünfeinhalb Jahre folgen. Während des Krieges trug Rolf immer einen besonderen Glücksbringer bei sich, eine Buddha-Figur aus Elfenbein. Er hatte sie von einem Weltkriegs-Veteran aus Markranstädt erhalten, um dessen Pferde er sich kümmerte. Dieser Glücksbuddha bedeute ihm sehr viel, er behielt ihn sein ganzes Leben.[33]
Rolf Kauka hat, wie so viele Deutsche zu Kriegsbeginn, diesen als Abenteuerausflug missverstanden. Selbigen bizarren Eindruck vermittelt sein Kriegsalbum mit Fotos, Zeichnungen und Kommentaren im braunen Duktus. Es ist ein entlarvendes Zeugnis seiner damaligen Weltanschauung. So sieht man Kauka, wie er mit fest entschlossenem Blick in vorderster Reihe des Sonderkraftfahrzeugs (Sd. Kfz) sitzt. Locker wurden beim Stellungsbau in Görnau (pol. Zgierz) oder beim Baden in der Warthe (pol. Warta) Erinnerungsfotos geschossen. Aber auch polnische Flüchtlinge und zivile Gefangene wurden von ihm fotografiert und verächtlich kommentiert, denn sie »wollten Berlin erobern«. Der indoktrinierte Überlegenheitsirrglaube quoll auch bei Kauka aus jeder Pore.
Es dauerte nicht lange, bis er mit seinen Kameraden an seiner Flak, der Acht-Achter, einen Strich anmalen konnte. Sorgfältig dokumentierte Rolf Kauka den ersten Fliegerabschuss seines Geschützes, es war eine polnische Lublin R-13. Der Krieg war erst wenige Tage alt. Der abgeschossene polnische Beobachter wurde noch wie ein seltenes Ereignis auf Bild festgehalten und ehrenvoll bestattet. Doch die Toten sollten bald keine Ausnahme mehr sein. Am 18. September floh die polnische Regierung. Auch wenn die letzten polnischen Truppen erst am 6. Oktober 1939 kapitulierten, wurde der deutsche Angriff als »Feldzug der 18 Tage« bezeichnet, so auch in Kaukas Kriegsalbum.[34]
Der Polenfeldzug war zwar schnell beendet, das Sterben aber fing erst an. Der Tod wurde zum ständigen Begleiter Kaukas. Zwei Tage nach dem Angriff auf Polen hatten Frankreich und Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg erklärt. Daraufhin war das Britische Expeditionskorps (BEF) nach Nordfrankreich übergesetzt. Französische Truppen rückten einige Kilometer auf deutsches Gebiet vor, wurden nach der polnischen Niederlage bis Mitte Oktober jedoch wieder an die Maginot-Linie zurückgeführt. Da sich beide Seiten in den folgenden Monaten meist auf militärische Aufklärung beschränkten, wurde diese Phase als Sitzkrieg bezeichnet. Die Zeit wurde zum Zusammenführen alter und neuer Einheiten sowie zum Stellungsausbau und zur Gefechtsausbildung genutzt. Die im Osten freigewordenen motorisierten Einheiten wurden an die Westfront überführt.
Auch Rolf Kauka war mit seiner Flak-Einheit an den Oberrhein verlegt worden, wo er im Abschnitt Schwarzwald bis zum 28. Oktober 1939 eingesetzt war. Konkret bezog er Stellung in Laufen bei Sulzburg, wenige Kilometer rechts des Rheins, gegenüber Mühlhausen gelegen. Sein Alltag bestand darin, Gräben auszuheben und seine Flakstellung auszubauen.[35]
Rolfs Einsatz im Hochschwarzwald fiel äußerst kurz aus, da er sich an der Ostsee melden musste. Der zweiundzwanzigjährige Rolf war seit Anfang Mai Fahnenjunker-Anwärter und absolvierte jetzt seine für die Offiziersausbildung notwendigen Lehrgänge. Am 21. September 1939 wurde er zum 2. Kriegsoffizier-Nachwuchslehrgang an die Artillerieschule I. nach Rerik, auf der Halbinsel Wustrow / Ostsee gelegen, abkommandiert und mit Wirkung zum 1. Oktober 1939 zum Fahnenjunker (Gefreiten) befördert. Sein mehrmonatiger Lehrgang in Mecklenburg, bei dem er vor allem das Gefechtsschießen auf Luftziele einübte, begann am 3. Dezember 1939 und dauerte bis zum 15. Februar 1940.[36]
Nachdem Kauka zwei Monate an der norddeutschen Küste ausgebildet worden war, kehrte er zur I. / Flak-Regiment 33 nach Laufen an die Westfront zurück. Seine Offizierskarriere entwickelte sich wie von ihm erhofft. Bereits am 17. Februar erfolgte seine Beförderung zum Fahnenjunker. Gleichzeitig wurde er in den 6. Offiziers-Ergänzungsjahrgang der Luftwaffe eingereiht. Als Fahnenjunker (Unteroffizier) wurde er am 4. März seiner neuen Einheit, der 3. Batterie der I. / Flak-Regiment 33 zugewiesen und schon einen Monat darauf zum Fähnrich ernannt. Kauka bezog nun Quartier bei einer mehrköpfigen Familie und lauschte dort dem Lied von den Fremdenlegionären, gesungen von den vier Töchtern des Hauses. Doch die Ruhe im westlichen Operationsgebiet sollte für Kauka nur bis zum 9. Mai 1940 andauern.[37]
Am 10. Mai 1940 begann der Westfeldzug der Wehrmacht mit dem Fall Gelb, dem Überfall auf Luxemburg, die Niederlande und Belgien. Kaukas Flak-Regiment marschierte als Schutz vor Luftangriffen und zur Panzerabwehr mit der 7. Panzer-Division. Diese stand unter dem Kommando von Generalmajor Erwin Rommel und wurde schon bald aufgrund ihres schnellen Auftauchens aus dem Nichts Gespensterdivision genannt. Zusammen mit Rommels ersten Panzertruppen durchbrach auch Kaukas Regiment am frühen Morgen die belgische Sperrzone bei Tondorf in der Eifel und bewegte sich in Richtung St. Vith.
Sie eilten durch die Ardennen, und Kauka war vom schnellen Vormarsch der Wehrmacht begeistert. Als seine Batterie am 11. Mai eine britische Fairey Battle I der 88. Staffel der Royal Air Force (RAF) abschoss, hielt er voller Stolz das Wrack als Erinnerungsfoto fest. Doch am 13. Mai stieß seine Division beim Erzwingen des Maas-Übergangs am Westufer bei Dinant erstmals auf ernsthaften Widerstand. Hier hatte sich französische Infanterie und Artillerie verschanzt, und es kam zu heftigen Panzerangriffen. Immer wieder versuchten französische Morane und englische Spitfire mit ihren Angriffen das Vordringen der deutschen Truppen aufzuhalten.
Rolf Kauka war mit Leib und Seele Soldat, hochmotiviert, brannte darauf, sich im Kampf auszuzeichnen. Notfalls beschoss er englische Jagdflugzeuge ohne Zögern weiter mit seiner Maschinenpistole. Dabei traf er durch einen Glücksschuss einmal den Piloten, woraufhin das Flugzeug am Boden zerschellte. Kaukas ungewöhnlicher Abschusserfolg fand im Tagesbefehl Erwähnung, er erhielt dafür am 1. Juni 1940 das Eiserne Kreuz II. Klasse (EK II). Aufgrund des Abschussdatums wurde die Zahl 13 Rolfs Glückszahl. Rolf Kauka definierte Glück im Krieg doch sehr eigen.[38]
Weiter ging der Eilmarsch über Onhaye in der Provinz Namur nach Morville und Froidchapelle. In der Nacht zum 17. Mai wurden die starken französischen Grenzbefestigungen westlich von Sivry in Richtung Avesnens durchstoßen. Rolf Kauka dokumentierte seinen Weg von Avesnens nach Landrecies, das am 17. Mai von Rommel erreicht wurde, durchgehend mit Fotos und kommentierte siegessicher. In den folgenden Tagen galt es für ihn, Brückenköpfe über die Sambre zu sichern und immer wieder starke Panzerverbände im Erdkampf abzuwehren. Ab dem 18. Mai war seine Einheit am »Durchbruch zum Meer« beteiligt, zur Sicherung der Nordflanke der Durchbruchsgruppe und zur Bildung der Abwehrfront an der Somme. Im Zuge der Kämpfe schoss Kauka mit seiner Batterie am 19. Mai erneut ein Flugzeug ab, eine französische Loire-Nieuport LN.40.
Vom 21. Mai bis zum 4. Juni 1940 nahm er an den sogenannten »Schlachten in Flandern und Artois« teil. Rommel setzte hierbei die ihm unterstellte schwere Flak ein, um den alliierten Angriffen mit ihren schweren Panzern zu entgegnen, was mit den leichter bestückten deutschen Panzern nicht möglich war. Als es am 22. Mai südlich und westlich um Arras zu heftigen Kämpfen kam, zerschoss Kaukas Batterie bei Mont-Saint-Éloi zahlreiche Panzer, bezog auf der Loretto-Höhe Stellung und bekämpfte französische Panzerverbände bei Cambrai.
Häufig zeichnete sich gerade Kauka bei Kampfhandlungen aus. So bekämpfte er zwischen dem 21. und 23. Mai 1940 mit seinem schweren 8,8-cm-Flak-Geschütz drei britische Panzer und war am Abschuss von weiteren zwei Flugzeugen beteiligt. Kauka nahm an der »Schlacht um Dünkirchen« teil. Immer weiter ging es für Rolf entlang zerstörter Brücken über La Bassée in Richtung Küste, wo Brückenköpfe für den Kanalübergang eingerichtet und gesichert wurden. Bis zum Ende des Monats kam es erneut zu heftigen Abwehrkämpfen vor Lille, bevor die Kräfte gesammelt wurden, um sich auf den Angriff über die Somme vorzubereiten.[39]
Während Rolf Kauka seine Offizierskarriere fest im Blick hatte und an der Westfront kämpfte, heiratete am 4. Juni 1940 seine achtzehnjährige Schwester Inge, die als Kontoristin in Leipzig arbeitete, den sieben Jahre älteren Feldwebel der Reserve Hermann Weingart standesamtlich in Markranstädt. Rolf konnte der Hochzeit nicht beiwohnen. Die Ehe der beiden hielt gerade einmal ein Jahr. Am 11. Juli 1941 wurde sie bereits wieder geschieden, und Ingeborg sollte am 5. Dezember 1941 ihren Familiennamen Kauka wieder annehmen.[40]
Nachdem die Niederlande und Belgien besetzt und damit der Fall Gelb abgeschlossen war, begann die Wehrmacht mit dem Vorstoß nach Südfrankreich die zweite Phase der Westoffensive (Fall Rot). Rolf Kauka nahm jetzt an der »Schlacht um Frankreich« teil und kämpfte knapp drei Wochen auf französischem Boden. Die I. / Flak-Regiment 33 hatte zunächst den Auftrag, den Übergang über die Seine und den Weitermarsch zu unterstützen; das geschah neben der Luftabwehr durch Eingreifen in den Erdkampf und durch Panzerabwehr. Hierbei agierte Kaukas Einheit im Verbund mit der motorisierten 2. Infanterie-Division.[41]
Am 5. Juni 1940 begann der Vormarsch der deutschen Truppen auf die französische Verteidigungslinie entlang von Aisne und Somme. In den folgenden Tagen legte die 7. Panzer-Division unter Erwin Rommel große Strecken pro Tag zurück: am 16. Mai rund 20 Kilometer Luftlinie bis zur Linie Hescampe-Agnieres-Eplessier, am 17. Mai rund 33 Kilometer über Fenquières bis zur Höhe Menerval. Am 19. Mai befand sie sich zwischen Sigy und Normanville. Dann erfolgte der Überraschungsangriff über die Steinbrücken von Tourville und Elbeuf, um bei schnellster Fahrt bis zum 10. Juni 60 Kilometer zum Meer bei Veulettes vorzustoßen. Am 11. Juni gelang der Vorstoß zur Küste, wo es Rommel gelang, den alliierten Kräften den Fluchtweg zu den Häfen Fecamp und St. Valery en Caux abzuschneiden. Tausende Soldaten des britischen Expeditionskorps (BEF) und Teile der französischen Armee wurden eingekesselt.
Nach der bekannten Evakuierung durch die Operation Dynamo in Dünkirchen zuvor, wurden nun auch weiteren alliierte Soldaten evakuiert. Die Rettungsaktion lief zwischen dem 10. und 11. Juni ab, 2137 britische und 1184 französische eingeschlossene Soldaten konnten dabei von der Marine über den Seeweg nach England gebracht werden. Das 8,8-cm-Flak-Geschütz von Rolf Kauka war zu diesem Zeitpunkt auf den Kreidefelsen der Steilküste in Stellung gegangen, und es war Kauka als Geschützführer, der einen der britischen Zerstörer, welche die Evakuierungsaktion schützen sollten, aus fünf Kilometer Entfernung in Brand schoss. Hierbei wird es sich um die HMS Ambuscade gehandelt haben, die durch einen Flaktreffer von der Küste aus schwer beschädigt wurde, jedoch weiterhin manövrierfähig blieb.
Schnappschuss. Im Kasernenhof auf einem Krad in Marennes im besetzten Frankreich, Juni 1940
© Sammlung Alexandra Kauka
Schlechte Sicht verhinderte die Rettung weiterer Soldaten, wobei sich am 12. Juni zwei Drittel der traditionsreichen schottischen Highland-Division ergeben mussten. Kauka, als sein eigener Kriegsberichterstatter, hielt interessiert gefangene Schotten im Kilt im Bild fest, so wie er zuvor die französischen Kolonialsoldaten aus Westafrika fotografiert hatte. Am 13. Juni erfolgte schließlich der Vorstoß auf Le Havre.[42]
Angesichts der anrückenden deutschen Truppen verließ die französische Regierung Paris und setzte sich über Tours nach Bordeaux ab. Tausende Einwohner flüchteten aus der Metropole. Nach Verhandlungen zogen Wehrmachtsverbände am 14. Juni 1940 kampflos in Paris ein. Zwei Tage später marschierte auch Rolf Kauka gemeinsam mit der 7. Panzerdivision auf die Seine zu. Die Flak-Einheiten sollten weiterhin den Vormarsch unterstützen. Aber die militärische Lage war für die französische Regierung aussichtslos, weshalb sie am 17. Juni mit Verhandlungen um einen Waffenstillstand begann.
Die französischen Truppen befanden sich auf dem Rückzug. Die Wehrmacht setzte nach – und Rolf Kauka war mit dabei. Am 17. Juni wurden französische Einheiten südlich der Seine auf der Höhe von Cherbourg auf über 250 Kilometern verfolgt, über Sees bis nach Le Fosses. An den beiden folgenden Tagen erfolgte der Angriff auf die Festung Cherbourg, bis diese kapitulierte.
Danach galt es, versprengte französische Einheiten aufzusammeln. Kauka machte hierbei Fotos von französischer Artillerie, die sie bei Fougeres überholten. Am 21. Juni verlegte man die 7. Panzerdivision mit einer Marschleistung von 280 Kilometer am Tag in den Raum um Rennes. Rolf Kauka befand sich mit seiner I. / Flak-Regiment 33 in Kergloff in der westlichen Bretagne. Am 22. Juni 1940 schloss Frankreich mit dem Deutschen Reich im Wald von Compiègne einen Waffenstillstand, Paris und das Land wurde in der Folge von deutschen Truppen zu 60 Prozent besetzt und geteilt. Im unbesetzten Teil bildete sich das eng mit Deutschland kooperierende Vichy-Regime unter Staatschef Philippe Pétain. Die deutschen Truppen fühlten sich unbesiegbar, ein Gefühl, das auf Rolf Kauka überging.
Am 24. Juni 1940 schied die I. / Flak-Regiment 33 aus den Verbänden aus, die dem Heer beim Feldzug zugeeilt waren. Bei der Verabschiedung des Regiments wurde darauf hingewiesen, dass dieses während des Frankreicheinsatzes allein 20 Flugzeuge und 22 Panzer zerschossen hatte. Rolf Kauka hatte daran seinen blutigen Anteil geleistet. Nach Beendigung der Kämpfe verblieb der Großteil des deutschen Heeres zunächst als Besatzungstruppe in Frankreich. Nach zwei Ruhetagen verlegte Kauka sein Regiment im Verbund mit der 7. Panzerdivision rund 340 Kilometer in den Raum um Saintes und Niort. Konkret kam er mit seinem Flak-Regiment südlich der Hafenstadt La Rochelle an, wo eine französische Kaserne des 101. und 103. Bataillons in der Ortschaft Marennes übergeben und besetzt wurde.
Begeistert fotografierte und kommentierte Kauka die deutsche Überlegenheit, dass »sechs Flaksoldaten 50 französische Offiziere und 800 Mannschaften bewachen« würden. Im Überschwang des Sieges fuhr Kauka mit einem französischen Motorrad einige Runden im Kasernenhof und posierte dabei für Schnappschüsse.
Rolf Kauka blieb noch bis Juli 1940 als Teil der deutschen Besatzungsmacht in Frankreich. Wie viele vom Sieg berauschte deutsche Soldaten fühlte auch er sich, wie er notierte, wie »Gott in Frankreich«. So zeigen ihn Aufnahmen seines Fotoalbums zusammen mit seinen französischen Bekannt- oder Liebschaften Madeleine und Therese in Beauvois, nahe Boulogne-sur-Mer und dokumentieren seine weitere »Fahrt durch die besetzten Gebiete«: von der Schwebefähre von Rochefort, dem Viadukt und der Brücke in Dinan, dem Ort der Waffenstillstandunterzeichnung von Compiègne, Versailles, Paris mit dem Eifelturm und Brüssel. Dass nun in Frankreich die schreckliche Zeit der Deportationen, der rassistischen Verfolgungen und Ermordungen begann, darüber legte Rolf Kauka kein Poesiealbum an. Die Gräueltaten der deutschen Truppen fanden in seiner subjektiven Wahrnehmung keinen Erinnerungsort.[43]
Rolf Kauka hatte sich mehrfach als Soldat im Kampf bewährt. Für seine erfolgreichen Abschüsse wurde er mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse (EK I) ausgezeichnet, verliehen am 19. Juli durch Major Joachim Stelzer, dem Kommandeur der I. / Flak-Regiment 33. Es sollten nicht die letzte Tapferkeitsehrungen im Krieg für ihn gewesen sein. Kaukas älteste Tochter erinnert sich daran, dass ihr Vater insgesamt »mehr als zwei Handvoll Orden« verliehen bekam und diese nach Kriegsende auch stolz mit nach Hause brachte. An ein einziges kritisches Wort des Vaters über den von Deutschland vom Zaun gebrochenen Krieg erinnert sie sich hingegen nicht.
Tatsächlich bewahrte er all seine Orden, inklusive seines Paradeschwertes, wie einen geheimen Schatz aus einer untergegangenen Zeit das ganze Leben lang auf. Erst im hohen Alter bat er seine vierte Frau darum, diese Kriegsdevotionalien nach seinem Ableben unverzüglich zu vernichten. Ob darin ein sehr spätes Schuldbewusstsein zu deuten ist, ob er ahnte, dass die Nachwelt sie nicht zu schätzen wissen würde, oder ob einfach niemand seine Auszeichnungen versilbern sollte, ist schwer zu sagen.
Erhalten geblieben ist hingegen sein mit eigenen kleinen Zeichnungen versehenes Fotoalbum, das er während des Polen- und Frankreichfeldzugs angelegt hatte und welches er ganz im Geiste seiner nationalsozialistischen Gesinnung mit dem Gedicht »Die letzten Goten« von Felix Dahn einleitete: »Gebt Raum, Ihr Völker, unserm Schritt / wir sind die letzten Goten / wir tragen keine Krone mit / wir tragen einen Toten.« Der Hochschullehrer und Schriftsteller Dahn war ein Bestseller-Autor zur NS-Zeit, ein Lieblingsautor von Heinrich Himmler, der eine vermeintlich rassistische und kulturelle Überlegenheit der Germanen gegenüber anderen Völkern behauptete.[44]
Rolfs Kriegstaten sprachen sich bis zur Heimatgemeinde herum und wurden propagandistisch genutzt. Seinem Vater Paul Kauka wurde am 4. September 1940 von der Markranstädter Geschäftsstelle der NSDAP zu den Leistungen seines Sohnes gratuliert. Die Familie war mächtig stolz auf ihren Sohn, den hochdekorierten Soldaten. Und auch er dürfte vor Stolz geplatzt sein. Alle erwarteten von ihm eine große Offizierskarriere. Auf den zerstörerischen Krieg konnte Kauka seine Karriere aufbauen.
Das EK I wurde Rolf Kauka schon nicht mehr auf französischem Boden verliehen, da seine Flak-Einheit zum Schutz von wichtigen Industrie- und Rüstungsanlagen im Ruhrgebiet ins Reichsgebiet zum Luftverteidigungskommando 4 in Düsseldorf versetzt worden war. Er gehörte zum Flak-Regiment 64 der Flakgruppe-Duisburg, die ihre Stellungen im Duisburger Stadtwald bei Mühlheim an der Ruhr hatte. Mühlheim war seit dem 13. Mai 1940 Feindeinflügen ausgesetzt.[45]
Kaukas Einsatz und Überzeugung als Soldat und Nationalsozialist sollten sich für ihn bezahlt machen. Aufgrund seiner militärischen Leistungen wurde Oberfähnrich Kauka am 7. September 1940 von seinem Abteilungskommandeur zur Beförderung zum Leutnant vorgeschlagen. In der Begründung lobte ihn sein Vorgesetzter: »Kauka ist ein Mensch von anständigem Charakter und aufgeschlossenem frischen Wesen. Er ist zielbewusst mit stark ausgeprägtem Selbstbewusstsein, ohne unkameradschaftlich zu sein. Er zeigt Dienstfreude und Passion für den Soldatenberuf. Sein Auftreten ist bestimmt und energisch. Er bejaht den nationalsozialistischen Staat und kann nationalsozialistisches Gedankengut seinen Untergebenen übermitteln. Körperlich ist er eine große Erscheinung. Sportlich gut durchgebildet. Geistig sehr gut veranlagt. Er ist frisch, beweglich und vielseitig interessiert. Als Vorgesetzter zeigt er straffe Haltung, ist klar und wirkt überzeugend. Er versteht es gut, seine Kenntnisse den Untergebenen weiterzugeben. Als Untergebener ist er aufgeschlossen und taktvoll. Seine gesellschaftlichen Formen sind gut. Zurzeit als Mess-Truppführer eingesetzt, ist er als Mess-Offizier vorgesehen. Im Einsatz gegen Frankreich hat Kauka sich durch Tapferkeit bewährt. Er wurde mit dem E.K. I und II ausgezeichnet. Obwohl keineswegs anspruchslos, versteht er hauszuhalten und in geordneten Verhältnissen zu leben. Kauka ist zur Beförderung zum Leutnant gut geeignet«.[46]
Als frischgebackener Leutnant mit Eisernem Kreuz, September 1940
© Sammlung Alexandra Kauka
Diesem positiven Urteil schloss sich am 12. September auch der Kommandeur der Flak-Gruppe Duisburg, Generalmajor Georg von Kutzleben, sowie zwei Tage darauf der Kommandeur des Luftverteidigungskommandos IV. an. Otto-Wilhelm von Renz war Kaukas erster Regiments-Kommandeur gewesen, konnte sich gut an ihn erinnern und hob besonders seine Kampfbewährungen hervor. Rolf Kauka wurde zum Leutnant befördert und versetzt. Wichtig war von Vorgesetztenseite, stets auf Rolfs nationalsozialistische Gesinnung hinzuweisen.[47]
Ab dem 24. September 1940 nahm Leutnant Kauka seinen Dienst bei der 2. Batterie der Reserve-Flak-Abteilung 404 (o) auf, die sich bei Düsseldorf befand. Seine Einheit gehörte zur 4. Flak-Division im Luftgau VI., welche erst zu Monatsbeginn gebildet worden war.[48]
