Fussnoten - Heinrich Rauber - E-Book

Fussnoten E-Book

Heinrich Rauber

0,0

Beschreibung

Kurzgeschichten aus China über das alltägliche Leben.

Das E-Book Fussnoten wird angeboten von Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
China, Beobachtungen, Kurzgeschichten, Alltagsleben, Hainan

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für meinen ersten Sprachaufenthalt in China wählte ich Peking. Bald suchte ich einen Ort, an dem die Umwelt weniger belastet und das Leben gemächlicher war. So fand ich über das Internet nach Haikou. Mehr als zehn Mal war ich für meine mehrmonatigen Besuche dort.

Es war immer ein kleines Abenteuer, in der Schule Mitschüler aus der ganzen Welt anzutreffen. Ich habe gern täglich drei Stunden dazu gelernt. Aufgaben habe ich, wie früher, wenig gemacht, oder gar keine, denn in China, sagte ich, sei das für Personen über siebzig verboten.

Die folgenden Begebenheiten sind wahr. Ich habe sie in einem kleinen gelben Ringheft damals eingetragen. Dieses liegt hier im Schrank.

Und ihnen, die meine Abwesenheiten klaglos ertragen haben und nur selten Verwunderung zeigten, dass ich halblaut vor mich hinlas, widme ich dieses Buch, geordnet nach Alphabet und Alter:

Hanna, Philip, Sabine.

Januar 2023.

Inhalt

Lynn kauft eine Wohnung

Bettler

Hundekälte

Bibelstunde

Johnny und die Eismaschine

Strafe muss sein

Im Restaurant

Vom christlichen Glauben

Im Privatrestaurant

Geburtstag

Fischrezept

True Love

Schaumwein

Hilfe

Feldhuhn

Gespenst

Geldwechsel

Fusion Food

Im Baurecht

„Wet Market“

Spitalbesuch

Nummernschild

Studentenleben

Heiraten

Mitbestimmung

Neu eingezogen

Aktenkundig

Esperanto Hotelo

Geschichte

Tony

Stromunterbrechung

Fünf-Finger-Berg

Mahlers Erste

Auf dem Lande

Bei den Soongs, auf dem Lande

Tempel I

Tempel II

Festlichkeiten

„Die Welt der Suzie Wong“

Vom Fotografieren

Blickwinkel

TV-Karriere

Weiteres aus dem Park

Lynn kauft eine Wohnung

Lynn lernte ich vor einigen Jahren kennen. Er unterrichtete Englisch an der Schule, an der ich mich für Chinesisch eingeschrieben hatte. Zugegeben, er sah etwas verwittert aus, trug eine Art Militärmütze mit einem Abzeichen, das ich erst später als Totenkopf identifizierte. Zudem sah er auf einem Auge wegen einer Verletzung fast nichts, sodass es schien, als sei er darauf blind. Seine Stimme klang laut und grob, aber seine Schüler, meist Zehn- bis Zwölfjährige, schienen davon nicht eingeschüchtert zu sein. Eigentlich war er ein freundlicher, manchmal etwas schüchterner Mann, auch wenn er es offenbar darauf angelegt hatte, als Raubein zu erscheinen. Es wurde gemunkelt, er sei als Söldner in Afrika unterwegs gewesen. Ein Gerücht, das er mit gelegentlichen Nebenbemerkungen mit neuer Nahrung versorgte. Ob wahr oder nicht, niemand wusste es wirklich. Er liebte es auch, in seine Sprache veraltete Wörter und Wendungen einfliessen zu lassen, und fügte dem etwas ironisch hinzu: „As Shakespeare might have said.“

Von ihm selbst wusste ich, dass er lange Jahre in Nordchina gelebt und eine Chinesin geheiratet hatte. Aus der gescheiterten Ehe war ein Sohn hervorgegangen, dem er seit vielen Jahren nicht mehr begegnet war. Er besass eine geräumige Wohnung, die er mit drei Hunden und einer Freundin teilte. Diese drängte ihn zur Heirat und auch zum Kauf einer neuen, grösseren Wohnung.

Während seine Freundin und zukünftige Frau sich um die richtige Ausfertigung des Kaufvertrags kümmerte, begab sich Lynn zur Bank wegen einer neuen Hypothek, was keine Schwierigkeiten machte. Die dafür zuständige Bankangestellte stimmte dem Projekt zu und zeigte sich überhaupt sehr interessiert am Abschluss des Geschäfts. Auch der Wohnungsmakler liess keine Zeit verstreichen. Mit allen nötigen Papieren ausgerüstet, ging Lynn zu einem chinesischen Freund, der sich in solchen Dingen auskannte und ihn beraten sollte.

„Er rief mich dann an, ich solle vorbeikommen“, sagte Lynn und nahm einen Schluck vom braunen, nach Medizin riechenden Likör, den er in einer abgewetzten Ledertasche mit sich führte. „Mein Freund las die Verträge durch, dann nochmals von vorne und meinte, sie seien korrekt. Nur etwas passe nicht ganz zusammen: Im ersten Vertrag sichere die Bank mir die Hypothek zu und im zweiten Vertrag kaufe ich eine Wohnung für meine zukünftige Frau.“

„Aber mein Name steht auch drin“, erwiderte Lynn.

„Das stimmt, aber der Vertrag ist so formuliert, dass du zwar erwähnt wirst, aber nicht als Eigentümer.“

Lynn schwieg eine Weile. „Da war mir klar, dass ich über den Tisch gezogen werden sollte und fragte meinen Freund, ob das wirklich so sei.“

Lynn lächelte und schwieg.

Ich verstand. Es war dem Freund unangenehm, Lynn dies offen zu sagen und ihn blosszustellen.

„Mein Freund begleitete mich vor die Türe hinaus.“

Zum Abschied meinte er: „Die Hypothek brauchst du gewiss nicht mehr?“

Nachdem seine Freundin nach heftigem Streit ausgezogen war, ging Lynn zurück zur Bank und erklärte, warum er die Wohnung und damit die Hilfe der Bank nicht mehr benötige. Die Bankbeamtin zeigte viel Verständnis für seine Lage und riet ihm, sich das nochmals zu überlegen. Immerhin könnte er die Wohnung ja vermieten. Alles sei ja schon fixfertig und in ein paar Tagen könne sich vieles ändern.

An einem der folgenden Abende meldete sich eine Besucherin an seiner Wohnungstüre: Es war die Frau von der Bank.

„Ach“, sagte sie, „Sie sind jetzt ganz allein in dieser Wohnung, und das ist nicht gut für Sie. Ich will gerne meine Zeit mit Ihnen verbringen. Dann sehen wir, was mit der neuen Wohnung geschehen soll.“

„Und so“, sagte Lynn mit einem schmalen Lächeln, „lebt sie noch immer bei mir. Die neue und grössere Wohnung habe ich aber nie gekauft.“

Bettler

Ich traf mich etwa alle zwei Wochen mit Li Dan im nicht weit entfernten Starbucks Café. Dass es gerade Starbucks war, hing damit zusammen, dass es in der Umgebung noch gar keine anderen Cafés gab. Sie hatte mich gefragt, ob wir hin und wieder gemeinsam ein englisches Buch – oder doch ein Buch auf Englisch – lesen könnten. Eine Stunde oder so.

Sie war eine angenehme und interessante Bekannte, von der ich immer wieder neue Aspekte der Gesellschaft, in die ich geraten war, kennenlernte.

Li war eine erfolgreiche Architektin in der Geschäftsleitung einer grossen Architekturfirma. Sie war geschieden und hatte ein dreijähriges Mädchen, das tagsüber von ihren Eltern gehütet wurde. Li hatte sich von ihrem Mann getrennt, weil er einen Jungen wollte, was in China noch von grosser Bedeutung ist. „Ohne einen Sohn gehe ich weg“, drohte er.

„Woher weisst du, dass das zweite Kind ein Junge sein wird?“

Er schwieg, und da sie kein zweites Kind wollte – es war in der Zeit der Einkindpolitik – und befürchtete, dann eine hohe Busse zahlen zu müssen oder gar den Arbeitsplatz zu verlieren, blieb es bei einem Kind. So ging er. Sie schien darüber nicht allzu unglücklich zu sein.

Ich ging also zur Buchhandlung, in der es im vierten Stock English Literature gab. Die Auswahl war nicht sehr gross. Schulbücher aller Stufen, einige Biografien, Conan Doyle, Dickens, Jules Verne, Sartre, Beauvoir, schliesslich noch einige Bände unterhaltsamer Art. Ich fand einen Band amüsanter und belehrender Geschichten, die sich für unsere Lesestunden eigneten.

Nun sassen wir also um fünf im Starbucks. Noch war es ruhig und nur ein paar Gäste verweilten schweigend vor ihrem Laptop. Unsere Lektüre ging so: In New York verkaufte an einem kalten Wintertag eine arme junge Frau Blumen. Ein kleiner Angestellter kaufte eine, eine betagte, die schon bessere Tage gesehen hatte. Dann kam der freundliche Professor, der ihr sogar einige Cents mehr gab. Schliesslich blieb nur eine Blume übrig und da erschien der reiche, fein herausgeputzte junge Mann. Er empfahl ihr, statt welke Blumen zu verkaufen, eine einträglichere Einkommensquelle zu suchen, und, auch wenn seine Taschen von Dollars überquollen, ging er einfach weiter. Dabei dunkelte es schon, und das arme Mädchen fror arg in seinem dünnen, schäbigen Kleidchen. Wir kennen das.

Nun wissen wir natürlich, was wir von Solchem zu halten haben. Was aber meint Li Dan dazu, die sich übrigens vorbildlich um ihre Eltern kümmert? Wäre es nicht anständig gewesen, der Reiche hätte die letzte Blume gekauft? Sah er nicht, wie kaputt das Kleid der Frau war, wie kalt es war und bemerkte er nicht, dass es dunkel wurde?

„Nein“, sagte Li Dan, ohne überlegen zu müssen, „völlig falsch!“

„Ja, warum denn? Das wäre eine gute Tat gewesen, und Geld hat er ja mehr als genug.“

Mein Gegenüber schüttelte den Kopf vor lauter Unverstand.

„Weisst du denn nicht, dass die schäbige Kleidung zur Ausstattung der Bettler gehört? Wahrscheinlich hielt sie immer nur eine Blume in der Hand und behauptete, das sei die letzte. Das machen die so. Oft tragen sie ein Kind mit sich herum. Das sind ganz abgebrühte Leute.“ Sie betrachtete mich mitleidig.

Auch ich bin auf der Strasse schon angebettelt worden und fast immer war es ein junges Paar, das sagte, es sei ohne Geld von da oder dort hierher verschlagen worden.

Li Dan sah mich überrascht an: „Das sind organisierte Banden. Weisst du das wirklich nicht?“

„Aber die Regierung sagt doch …“, warf ich ein.

Sie winkte ab und griff nach ihrem Cappuccino: „Diese Banden kümmern sich doch nicht um die Regierung.“

Hundekälte

Eigentlich hiess Yuri anders. Da niemand, sagte er, seinen Namen richtig aussprechen konnte, hatte er sich diesen zugelegt. Er war schon lange im Pensionsalter, reiste viel, auch hier in China, und war oft auf einfache, unbequeme und abenteuerliche Weise mit Bus und manchmal gar über längere Strecken zu Fuss unterwegs. Ausserdem war er ein begabter Zeichner und Maler. Damals versuchte er gerade, seine Bilder zu einem horrenden Preis an ein Hotel zu verkaufen, das sich nach westlichem Geschmack aufrüsten wollte.

Als wir einmal zusammensassen, fragte er mich, ob ich mit dabei wäre, einer Schule für arme Kinder Bücher zu schenken. Wer wollte nicht Gutes tun? Es ging dabei um Bücher für den Englischunterricht, die wir der Schule spenden würden. „Ausserdem“, sagte er, „würden wir einen ganzen Morgen lang in den verschiedenen Klassen Englisch unterrichten. Um es klar zu sagen: Englisch muss unterrichtet werden, das gehört einfach dazu. Auch im bescheidensten aller Kindergärten muss jemand sein, der diese Sprache lehrt oder spricht oder versteht oder alles gleichzeitig.“

Ungenau erinnere ich mich, aber jemand muss uns mit dem Auto abgeholt haben. Wir fuhren etwa vierzig Minuten quer durch die Stadt und befanden uns schliesslich dort, wo die letzte kleine Industriezone in die Natur überging. Und da stand die Schule: Auf drei Seiten reihten sich ebenerdige Schulzimmer um einen grosszügigen Hof. Es war ein trockener, recht kalter Morgen. Das Thermometer zeigte zwölf oder dreizehn Grad an.

Eine Lehrerin, die Englisch unterrichtete, begrüsste uns und stellte uns anderen Kollegen und auch dem Schuldirektor vor, dessen Bauch sich so weit vorwölbte, dass er die Hand nur seitwärts reichen konnte. Sie hatte mit Yuri abgemacht, dass wir den Stapel Bücher mitbringen, den wir am Vortag in einer Buchhandlung ausgesucht hatten. Es waren Bilderbücher und Comics, die sich für Anfänger eigneten. Die Bilder waren ganz nach amerikanischer Art und Lebenswelt gezeichnet, und ich fragte mich im Stillen, was die Augen dieser Schüler aus den Bildern herauslesen würden.

Die Türen und Fenster der Klassenzimmer waren offen, drinnen standen Sitzbänke vor langen Pulten. Dort warteten in jedem Zimmer je etwa zehn Schüler auf uns. Yuri und ich gingen jeder in ein Schulzimmer und begannen aus den Büchern vorzulesen, die wir zuvor unter den Schülern verteilt hatten. Wir lasen den Text Satz für Satz. Vor und nach jedem Satz mussten die Schüler diesen laut nachsprechen. So funktioniert Schule in China: Wiederholen, was der Lehrer vorgesprochen hat, und dies so lange, bis es sitzt.

Nach einer halben Stunde war Pause und wir wechselten die Klasse.

Irgendwann erschien der Direktor, dem wir zuvor schon begegnet waren, setzte sich auf die hinterste Bank und hörte fünf Minuten zu. Er trug einen dunkelgrauen Anzug, was mit der Kleidung der anderen Lehrer deutlich kontrastierte. Gegen Mittag gesellte er sich wieder zu uns, und die Englischlehrerin liess uns wissen, dass wir vom Direktor zum Mittagessen eingeladen waren.

Wir fuhren an verstreuten kleinen Häusern vorbei ein paar Minuten zum Restaurant, wofür man in eine weitere Naturstrasse einbiegen musste. Wir gelangten unter einem Tor hindurch, auf dem ich das Zeichen für „Restaurant“ lesen konnte. Schon waren wir da.

Wir gingen hinein, wurden in unseren Gastraum begleitet und setzten uns um den grossen runden Tisch herum, dessen inneren Teil man praktischerweise drehen konnte, sodass sich alle von den vielen aufgetragenen Speisen bedienen konnten. Man muss wissen, dass für eine Gruppe Gäste in Restaurants stets ein separater Raum erwartet wird. Man sitzt also nicht mit allen anderen Leuten zusammen im selben Raum.

Regel: Der Einladende bestellt. Der Direktor nahm Platz, zündete sich eine Zigarette an und begann der Serviererin die Bestellung zu diktieren, ohne übrigens die Zigarette aus dem Mund zu nehmen. Den Rauch stiess er zwischen den Lippen hinaus und schliesslich fiel auch die Asche hinunter auf seinen weit ausladenden Bauch. Als er fertig war, wiederholte die Serviererin Gericht um Gericht, dann lehnte er sich zufrieden zurück und bedeutete, man könne uns jetzt einen Drink servieren.

Nun begann ich langsam zu frösteln. Ich betrachtete die offenen Fenster, wusste aber, dass es keine Heizung gab. Jetzt kam in grossen Gläsern der Drink, der halb aus Red Bull und halb aus dem chinesischen Baijiu gemischt war, der bis zu 75 % Alkohol enthält. Als schliesslich die Gerichte aufgetragen wurden, stieg langsam Wärme in mir auf. Auf dem Tisch standen unter anderem auch zwei grosse Töpfe mit Fleisch. Ich erinnerte mich wieder, was auf den Tafeln neben dem Tor angeschrieben war: „Spezialität. Beef. Hund.“ Mein Blick wanderte von einem Topf zum andern und zurück. Dasselbe? Oder? „Welches ist das Beef?“, fragte ich vorsichtig meine Tischnachbarin.

Sie deutete auf einen der zwei Töpfe. Beide sahen gleich aus. Auch der Inhalt. Als Gäste wurden wir zuerst bedient. Was tun? Ablehnen war unmöglich, aber essen? Zum Glück hatten Red Bull und Baijiu ihre Wirkung voll entfaltet: Ich nickte beifällig, erhob mein Glas zum Direktor hin, schrie „gan bei!“ (Prost!) und schluckte entschlossen von beiden Hauptgerichten hinunter. Beide schmeckten gleich. Der Unterschied steckt im Kopf, aber der Schnaps macht alle gleich.

Bibelstunde

Die Einladung kam etwas unerwartet. Ich hatte Laila vor dem Sekretariat angetroffen, als sie sich für einen Sprachkurs interessierte. Ich sagte ihr, das Büro öffne aber erst in zehn Minuten.

„Sie selbst geben auch Englisch?“, fragte sie, während wir in der Schullobby warteten.

„Nein“, sagte ich und bemerkte, dass ich selbst hier zur Schule gehe. Das mochte sie nicht so recht glauben. Diplomatisch meinte sie, ich sehe nicht wie ein Schüler aus. Sie hielt mich für einen Englischlehrer, wo ich doch in Wirklichkeit ein Chinesisch-Schüler war. Das fand sie lustig und wir plauderten weiter, bis die Sekretärin erschien und sie ins Büro bat.

„Geben Sie mir Ihre Telefonnummer?“, fragte sie.

Das ist normal, wenn man sich etwas kennt. Würde man antworten, man habe kein Telefon bei sich, käme man schnell in Verdacht zu lügen oder einfach nicht zu wollen. Das wäre ein Gesichtsverlust für beide: Man versagt einen kleinen Gefallen und ist damit entweder unfreundlich oder sonst zurückgeblieben.

Wir begegneten uns ein paar Tage später auf dem Schulhof wieder. Ihr Englisch war gut, und so musste ich mich nicht mit meinen Sprachkenntnissen herummühen. Wir beschlossen darauf, in ein paar Tagen zusammen essen zu gehen.

Ja, es ist sehr gut, wenn noch eine Kollegin mitkommt. Bis dahin hatte sie mich mit dem förmlichen „nin“ für Sie angesprochen, aber jetzt wechselte sie auf das übliche „ni“, was wie im Englischen Sie und Du bedeuten kann.

Wir trafen uns im Pizza Hut – damals das einzige derartige Lokal in unserem Stadtteil, und es hatte zudem den Vorteil, recht ruhig zu sein. Ihre Freundin arbeitete in einer Weinhandlung, was ungewöhnlich war, denn es gab noch nicht viele davon. Das sollte sich in folgenden Jahren stark ändern. Ich versprach, bald in ihrem Geschäft vorbeizuschauen, habe es aber leider nie getan. Von Laila erfuhr ich jetzt, dass ihr Fachgebiet Bauchemie war (wenn ich das richtig begriffen hatte). Zum Schluss fragte sie mich, ob ich an einem der kommenden Sonntage zu einem Treffen bei einer Berufskollegin mitkommen wolle. Sie füllten Teigtaschen, die gemeinsam gekocht werden und was immer ein kleiner sozialer Anlass ist. Ich sagte, die von mir gefertigten erreichten leider nie durchschnittliche Güte. Das spiele wirklich keine Rolle, ermutigte sie mich.

Am folgenden Sonntag wartete ich unten auf der Strasse auf Laila, die pünktlich vorfuhr. Ich hatte erwartet, sie werde in einem Taxi kommen und mich mitnehmen. So war ich erstaunt, dass sie einen eigenen Wagen fuhr, eine bekannte amerikanische Marke. Ich wollte wissen, warum sie denn nicht einen chinesischen fuhr.

„Der ist auch hier gemacht. Er gehört dem Geschäft.“

Wir fuhren durch ein ausgedehntes Neubaugebiet mit Wohnungen für höhere Ansprüche. Die Häuser hätten in der Schweiz stehen können. Schliesslich stellte sie den Wagen auf einen Parkplatz. Wir gingen den kurzen Weg zum Wohnblock und fuhren mit dem Lift in die oberste Etage. Ihre Chefin, auch eine Bauingenieurin, öffnete die Türe und hiess uns eintreten. Sie führte uns in die Küche, wo drei weitere Frauen daran waren, die Teigtaschen zu füllen. Ich half mit und sie kicherten, als sie mein Erzeugnis sahen: halb so schnell, dafür unansehnlich.

Nach dem Essen sassen wir in einem grossen, unchinesisch möblierten Wohnzimmer. Die Sessel waren von europäischem Design und nicht die riesigen, ausladenden, wie man sie so oft in China antrifft. Die Frauen redeten und ich versuchte, etwas zu verstehen, aber eigentlich wusste ich nicht, worum es ging. Schliesslich nahm Laila ein dickes Buch vom Tisch und fragte, ob ich etwas vorlesen würde. Verwundert schlug ich es auf und siehe da, es war eine zweisprachige Bibel. Etwas verzagt blätterte ich im Buch. Was? Vorlesen?

„Nun beginne einfach ganz am Anfang“, sagte Laila.

Wunschgemäss las ich die Schöpfungsgeschichte und die Vertreibung aus dem Paradies vor und alle hörten aufmerksam zu. Darauf sollte ich den Text erklären, was ich tat, so gut ich konnte. Sie wollten meine Meinung dazu wissen. Ich sagte, es sei keine gute Idee gewesen, den Apfelbaum demonstrativ zur Schau zu stellen und dazu noch zu verlangen, die schöne Frucht nicht zu essen.

Nachdem meine Zuhörerinnen sich artig bedankt und mehrmals Tee in die kleinen Tassen nachgefüllt hatten, falteten sie die Hände und begannen - unerwartet – zu beten. Als sie ihr Gebet beendet hatten, fragte ich, wofür denn.

„Ach“, sagte Laila, ,,wir haben gebetet, damit Gott uns bald eine andere Regierung schickt.“

Johnny und die Eismaschine