Future Sex - Emily Witt - E-Book
SONDERANGEBOT

Future Sex E-Book

Emily Witt

0,0
12,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 12,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Emily Witts Prognose für die weibliche Sexualität lautet: selbstbewusst, frei und unerschrocken. Mit einem wachen Blick, großer Begeisterungsfähigkeit und einer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe erforscht die New Yorker Journalistin die neuen Formen weiblicher Sexualität, von Tinder über Feminist Porn bis hin zur Orgasmic Meditation.
Emily Witt ist Mitte dreißig, Single und lebt in Brooklyn. Die ideale Voraussetzung für ein bewegtes Liebes- und Sexleben. Könnte man meinen. Doch eigentlich hat auch Witt trotz all der schillernden Angebote ein ganz bestimmtes Ziel im Visier: Ehemann, Kinder und ein Eigenheim. Um die Möglichkeitswelt jenseits der tradierten Ideale zu erkunden, entschließt sich die Journalistin zu einer Reise nach San Francisco, der Hochburg der freien Liebe und der digitalen wie libidinösen Zukunft. Sie durchstreift die Sphären des Internetdatings, feiert auf einer Hochzeit von Polyamoristen, spricht mit der Königin eines feministischen Kinky-Porn-Unternehmens, sie sondiert und überschreitet ihre eigenen Grenzen bei dem legendären Exzessfestival »Burning Man« und begibt sich ins Zentrum der »Orgasmic Meditation«. Am Ende ihrer Reise steht eine überraschende Erkenntnis.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 303

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Ungezwungen, neugierig und sexuell aufgeschlossen – so beschreibt die in Brooklyn lebende Journalistin Emily Witt ihren Freundeskreis. Und lange Zeit auch sich selbst. Bis Witt feststellte, dass auch sie trotz all der schillernden Angebote ein ganz bestimmtes Ziel im Visier hat: eine eigene Familie und den Mann fürs Leben. Um die Möglichkeiten jenseits dieser tradierten Ideale zu erkunden, entschließt sie sich zu einer Reise nach San Francisco, der Hochburg der freien Liebe und der digitalen wie libidinösen Zukunft. Sie durchstreift die Sphären des Internet-Datings, feiert auf einer Hochzeit von Polyamoristen, spricht mit der Gründerin eines feministischen Kink-Porn-Unternehmens, sie sondiert und überschreitet ihre eigenen Grenzen bei dem legendären Exzessfestival Burning Man und begibt sich ins Zentrum der Orgasmic Meditation.

Mit einem wachen Blick, großer Begeisterungsfähigkeit und einer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe erforscht die New Yorker Journalistin Emily Witt die neuen Formen weiblicher Sexualität. Und kommt zu einer Einsicht, mit der sie selbst am wenigsten gerechnet hätte.

»Es ist etwas Joan-Didion-haftes in Future Sex, in Witts fantastischem Schreibstil und in ihrer skeptisch-aufgeweckten Haltung.« Vogue

Emily Witt ist Journalistin und Schriftstellerin und lebt in New York. Sie studierte u. ‌a. an der Columbia University und in Cambridge. Witt schreibt für n+1, The New Yorker, The New York Times, GQ und The London Review of Books. Future Sex ist ihr erstes Buch und hat in den USA und Großbritannien für Furore gesorgt.

Hannes Meyer lebt und arbeitet als freier Übersetzer in Wuppertal. Er übersetzte u. ‌a. Bücher von Phil Klay, Callan Wink und Dana Spiotta.

Emily Witt

Future Sex

Wie wir heute liebenEin Selbstversuch

Aus dem Englischen vonHannes Meyer

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem TitelFuture Sex. A New Kind of Free Lovebei Farrar, Straus & Giroux, New York.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2017

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs 4767.

© Suhrkamp Verlag Berlin 2017

Copyright © 2016 by Emily Witt

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg

eISBN 978-3-518-75138-1

www.suhrkamp.de

FUTURE SEX

INHALT

Erwartungen

Online-Dating

Orgasmische Meditation

Internetpornografie

Live-Webcams

Polyamorie

Burning Man

Für meine Eltern,

Leonard und Diana Witt

ERWARTUNGEN

Ich war Single, hetero und weiblich. Als ich 2011 dreißig wurde, stellte ich mir immer noch vor, mein Sexleben würde irgendwann eine Endstation erreichen wie die Monorail-Bahn in Disney World das Epcot Center. Ich würde aussteigen, einem anderen Menschen gegenüberstehen, und wir würden in unserer neuen Dauersituation verbleiben: in der Zukunft.

Ich war kein Single aus Überzeugung, aber Liebe ist selten und meistens unerwidert. Ohne Liebe sah ich keinen Grund, mich langfristig an einen bestimmten Ort zu binden. Liebe legte fest, wie Menschen sich im Raum arrangierten. Weil sie Personen dauerhafte Vereinbarungen bescherte, nahm meine Umgebung sie als absolutes, messianisches Endzeitereignis wahr. Meine Freunde wussten mit religiöser Bestimmtheit, dass auch für mich die Liebe kommen würde, als wäre das Universum sie jedem Einzelnen von uns schuldig und als gäbe es vor ihr kein Entrinnen.

Ich hatte durchaus meine Erfahrungen mit der Liebe gemacht, aber deshalb wusste ich auch, dass ich weder die Macht besaß, sie zu entfachen, noch die, sie auf Dauer zu erhalten. Trotzdem beharrte ich auf meiner Vorstellung der Zukunft, die ich als Standardprogramm meiner Sexualität sah, als Schicksal, nicht als Wahlmöglichkeit. Auch wenn meine tatsächlichen Erfahrungen eher stürmisch verliefen, trug ich wie ein unantastbares Juwel das kristallklare Bild eines Zielorts im Kopf. Allerdings wusste ich, dass nicht jeder an diesem Ziel ankam, und als ich älter wurde, machte ich mir Sorgen, dass auch ich es nicht tun würde.

Ein, zwei Jahre vergingen mit einem Freund, dann wieder ein, zwei ohne. Zwischendurch schlief ich manchmal mit Bekannten. Im Laufe der Zeit hatten auch viele andere aus meinem Freundeskreis miteinander geschlafen. Affären fingen so schnell an, wie sie wieder aufhörten, oder sie implodierten unter Tränen oder vorübergehender Unzurechnungsfähigkeit, verliefen im Großen und Ganzen aber friedlich. Wir waren Seelen in der Schwebe, die sich wie vertrocknete Blätter im Wind aneinanderhäuften und nach Endzeittrompeten und Hochzeitsglocken lauschten.

Die Sprache, mit der wir diese Beziehungen beschrieben, diente nicht der eindeutigen Definition. Sie zeichneten sich dadurch aus, dass wir in einer Beziehung waren und doch allein blieben, aber niemand wusste so recht, wie diese Art der Verbindung zu bezeichnen war. »Rummachen« hörte sich an, als fehlte unseren Begegnungen jegliche Feierlichkeit und Würde. »Einen Liebhaber haben« war altmodisch, und außerdem waren wir einfach mit denen befreundet, mit denen wir schliefen, wenn auch nicht »nur befreundet«. Meistens nannten wir es schlicht »Dating«, worunter vom One-Night-Stand bis zur mehrjährigen Beziehung alles fallen konnte. Wer datete, war Single, wenn er oder sie nicht gerade jemanden datete. Auch »Single« hatte jede Präzision verloren: Es konnte »unverheiratet« heißen wie auf der Steuererklärung, aber auch Unverheiratete waren manchmal nicht Single, sondern »in einer Beziehung«; für diese vorübergehende Verpflichtung hatten wir kein Wort parat. Freund, Freundin oder Partner bedeutete Verbindlichkeit und Zielgerichtetheit und traf deshalb nur in bestimmten Fällen zu. Ein Bekannter von mir sprach von seiner »Nicht-Ex«, mit der er ein Jahr lang eine »Nichtbeziehung« geführt hatte.

Unsere Beziehungen hatten sich verändert, aber nicht unsere Bezeichnungen dafür. Wir sprachen darüber, als wäre alles wie früher, merkten aber, dass die Worte nicht passten. Viele von uns sehnten sich nach einem Arrangement, das wir benennen konnten, als wäre es dann automatisch nicht nur vertrauter, sondern auch besser. Manche von uns versuchten es mit Neologismen, aber die meisten vermieden sie. Wir waren zufällig und ungeplant in dieser Situation gelandet. Keiner aus meinem Bekanntenkreis sprach von einem »bewussten Lebensstil«. Niemand bezeichnete das Singledasein in New York mit sporadischen Sexbeziehungen als »sexuelle Identität«. Ich stellte mir meine Lage als Zwischenzustand vor, der enden würde, wenn die Liebe eintraf.

Im Jahr meines dreißigsten Geburtstags endete eine Beziehung. Ich war todtraurig, aber meine Traurigkeit langweilte alle, mich eingeschlossen. Da ich so eine Niedergeschlagenheit schon mal durchgemacht hatte, ging ich davon aus, ich könnte sie bald wieder abschütteln. Ich hatte Internetdates, verspürte aber kaum sexuelles Verlangen nach Fremden. Stattdessen traf ich auf einer Party oder in der U-Bahn Freunde, Männer an die ich schon mal gedacht hatte. Im Herbst und Winter schlief ich mit drei Typen und küsste noch ein, zwei andere. Die Zahlen erschienen mir maßvoll und vernünftig. Ich hatte die Männer alle schon eine Weile gekannt.

In unmittelbarer Nähe zu anderen Menschen war ich glücklicher, aber manchmal brachte so ein Nichtfreund ein düsteres Echo mit sich, das in meinem Handy weiterlebte. Eine Sehnsucht ohne jegliche Hoffnung auf Erfüllung, ohne Sehnsuchtsobjekt. Ich starrte blinkende Auslassungspunkte auf Bildschirmen an. Ich unterzog Social-Media-Fotos forensischen Analysen. Ich gab mich unbeschwert durch Ausrufezeichen, ausgeschriebene Lacher und Emoticons. Ich zögerte meine Antworten künstlich hinaus. Ich gab mich beschäftigt und hatte deine Nachricht wirklich gerade erst gesehen, ehrlich! Es nervte mich, dass mein Handy mich seinen Klischees unterwarf. Mein Ziel waren Gelassenheit und gute Laune. Ich ging auf alle Weihnachtspartys.

Die Illusion, ich sei mit meinen Umständen zufrieden, hielt vom Herbst bis ins neue Jahr. Als im März die knöcherigen Bäume tauten, rief mich ein Mann an und riet mir, mich auf eine Geschlechtskrankheit testen zu lassen. Wir hatten gut einen Monat vorher miteinander geschlafen, ein paar Tage vor dem Valentinstag. Ich war in einer Bar in der Nähe seiner Wohnung gewesen. Ich hatte ihn angerufen, und er war vorbeigekommen. Durch leere Straßen waren wir zu ihm gegangen. Ich war nicht über Nacht geblieben und hatte seitdem nicht mehr mit ihm gesprochen.

Er habe gemerkt, dass etwas nicht so ganz stimme, und sich testen lassen, erklärte er. Die Laborergebnisse seien noch nicht da, aber der Arzt vermute Chlamydien. Zu der Zeit, als wir miteinander geschlafen hatten, hatte er etwas mit einer anderen Frau, die an der Westküste wohnte. Er sei am Valentinstag zu ihr geflogen, und sie sei stinkwütend auf ihn. Sie werfe ihm vor, sie betrogen zu haben, und er fühle sich wie ein Drecksack, der mit einer Geschlechtskrankheit gestraft worden sei. Er habe Joan Didions Essay »Über Selbstachtung« gelesen. Ich lachte – das war ihr schlechtester Essay –, aber er meinte es ernst. Ich sagte das Einzige, was mir einfiel: Er sei kein schlechter Mensch, wir beide seien keine schlechten Menschen. Die eine Nacht sei endlich und unkompliziert gewesen. Wir sollten ihr nicht solche Aufmerksamkeit schenken. Als wir aufgelegt hatten, legte ich mich aufs Sofa und starrte die weißen Wände meiner Wohnung an. Ich musste bald umziehen.

Ich dachte, mit dem Anruf hätte sich die Sache erledigt, aber dann bekam ich eine vorwurfsvolle E-Mail von einer Freundin der anderen Frau. »Ich bin wirklich überrascht von dir«, stand dort. »Du wusstest, dass er ein paar Tage später verabredet war, hast dich davon aber nicht stören lassen.« Das stimmte. Es hatte mich nicht gestört. Dass er »etwas mit einer anderen hatte«, hatte ich als Garant dafür genommen, dass unser Treffen begrenzt war, nicht als moralische Prüfung. »Ich würde dir raten, mal im ungeschönten, erwachsenen Tageslicht darüber nachzudenken, was du getan hast«, schrieb mein Gegenüber und hielt mich weiterhin dazu an, »nicht mehr den theatralischen Kick zu suchen« und »schonungslos die wirklichen, menschlichen Konsequenzen meiner Handlungen in der Realität zu überdenken.«

Am nächsten Tag saß ich im vollgestopften Wartezimmer eines öffentlichen Gesundheitszentrums in Brooklyn und lauschte einer Ärztin, die ihrem unfreiwilligen, verschlafenen Publikum einen Vortrag hielt, wie man richtig ein Kondom überzieht. Wir warteten darauf, dass unsere Nummer aufgerufen wurde. In diesem ungeschönten, erwachsenen Tageslicht dachte ich darüber nach, was ich getan hatte. Das Nähebedürfnis eines Singles ist nicht zu unterschätzen. Um mich herum saßen meine unvollkommenen Mit-New-Yorker, die wohl zum großen Teil auch hier waren, weil sie gegen Regeln des gesunden Menschenverstandes verstoßen hatten. Aber ich ging davon aus, dass die meisten von ihnen zumindest wussten, wie man ein Kondom benutzt.

Die Ärztin reagierte gelassen auf gelegentliches Gejohle aus der Runde. Die Frage einer jungen Frau, ob sich ein Femidom auch »im Arsch« anwenden lasse, verneinte sie freundlich. Während wir nach ihrem Vortrag weiter warteten, liefen auf Bildschirmen an der Wand Gesundheitsaufklärungsvideos in Endlosschleife. Sie stammten aus den Neunzigern und dramatisierten den ungeregelten Lebenswandel von Leuten wie mir, bloß dass diese alle vorsintflutliche Jeans trugen, was das Ganze nicht besser machte. Sie legten die Stirn in Falten, als sie Diagnosen akzeptierten, Affären eingestanden und mit riesigen Schnurlostelefonen Beichtanrufe tätigten. Männer schleppten einander in Fernsehstudiobars ab, während ein, zwei Komparsen sich im Hintergrund über Whiskygläsern unterhielten und Pseudo-Partymusik dudelte wie in einem Porno, in dem es nie zum Sex kam. Später sinnierten sie in Reality-TV-Beichtinterviews über ihre Erlebnisse. Von unseren Stühlen aus, die alle in dieselbe Richtung zeigten, wohnten wir den geschilderten Konsequenzen bei, während wir auf unsere Abstriche und Blutabnahmen warteten. (Einer der Männer aus der Schwulenbar hatte eine Freundin zu Hause … und Tripper. Wir sahen zu, wie er ihr gestand, dass er mit Männern schlief und Tripper hatte.) Die Videos predigten nicht dauerhafte, exklusive Beziehungen als Grundbedingungen des Erwachsenendaseins, sondern einfach nur Ehrlichkeit. Sie machten keine Vorwürfe. Das New York City Government hatte eine technokratische Sicht auf Sexualität.

Die Regierung der Vereinigten Staaten hatte da ganz andere Vorstellungen. Nach dem Anruf hatte ich bei Google nach Chlamydien gesucht und war auf der Website der Centers for Disease Control and Prevention gelandet. Die Regierung empfahl als sichersten Schutz vor Chlamydien, »von Vaginal-, Anal- sowie Oralverkehr abzusehen oder eine langfristige, beiderseits monogame Beziehung mit einem Partner zu führen, der mit negativem Befund auf Chlamydien getestet wurde«. Das war eine Fantasie, die sich jeder Interpretation versagte, zwei Klippen ohne Brücke. Neben der Abstinenzempfehlung wurde auch etwas realistischer an die Verwendung von Kondomen erinnert. Normalerweise nehme ich ein Kondom, aber diesmal hatte ich es nicht getan, also nahm ich jetzt Antibiotika. Als einige Tage nach meinem Besuch des Brooklyner Gesundheitszentrums die Laborergebnisse kamen, stellte sich heraus, dass ich keine Chlamydien hatte. Keiner von uns.

Wie die Regierung der Vereinigten Staaten wollte ich nichts mehr als »eine langfristige, beiderseits monogame Beziehung mit einem Partner, der mit negativem Befund auf Chlamydien getestet wurde«. Das wollte ich schon seit langem, aber so war es nicht gekommen. Wer wusste schon, ob es jemals so kommen würde? Fürs Erste war ich ein Mensch in der realen Welt, der sexuelle Beziehungen hatte, die ich nicht beschreiben konnte und die meinen Moralidealen widersprachen. Langsam machte ich mir Sorgen: War das meine Zukunft?

An einem Montag im April 2012 stand ich im JFK Airport in der Boarding-Schlange eines Flugs nach San Francisco. Vor mir stand ein silberköpfiger Westküstengeschäftsmann. Seine Haut hatte den gepeelten, polierten Schimmer der extrem Gesunden; seine Brille war aus Weltraumpolymer; er trug dunkle Jeans und diese Schuhe aus recyceltem Ethylenvinylacetat, die angeblich nie stinken. Sein Fleecemantel war von besonderer Schwere und Qualität und hatte eine geschmeidige, pillingfreie Oberschicht. Er wirkte wie die Art Mann, die sich als Minimalist bezeichnet und einem erklärt, dass sie grundsätzlich nur außerordentliche Verarbeitung in exquisitem Design kaufe. Dafür hatte der Silberfuchs nur eine billige Laptoptasche mit Netzfächern und Schnallen und einem GOOGLE-Schriftzug. Der Mann vor ihm trug ein Google-Doodle-T-Shirt mit den Gesichtern von Ernie und Bert anstelle der Os. Und vor ihm hatte einer einen Google-Rucksack.

Bis zu meiner Abreise aus San Francisco ließ mich das Logo nicht mehr in Frieden. Es war auf Brusttaschen gestickt, mit Skylines amerikanischer Großstädte illustriert, auf Edelstahl-Wasserflaschen gedruckt, auf Fleecejacken, auf Baseballcaps, aber nicht auf die Privatbusse, die die Mitarbeiter raus zum Campus nach Mountain View fuhren, wo sie getrocknete Goji-Beeren aus dem Snackroom aßen, in priesterlichen Google-Kutten umherschritten, mit Google-Wimpeln und Google-Mitren, sich per Google Maps orientierten, Fremde googelten und mit Freunden Google-chatteten wie ich mit meinen, hundertmal am Tag, weshalb das allgegenwärtige Logo etwas Monopolistisch-Verhöhnendes hatte.

An meinem ersten Tag in der Stadt saß ich in einem sonnendurchfluteten Café im Mission District und las eine Druckausgabe des San Francisco Chronicle, die anachronistisch auf der Theke gelegen hatte. Die erste Seite berichtete von einem Amoklauf an einem unakkreditierten christlichen College an der East Bay und weiter unten von einer Razzia der US-Regierungsbehörden gegen medizinisches Marihuana. Ich hörte, wie jemand von seinem Mittagessen im Googleplex erzählte. »Quinoa-Cranberry-Pilaf«, notierte ich. Und dann »Coregasm«. Das war nämlich das nächste Gesprächsthema: Frauen, die beim Yoga spontane Orgasmen hatten. Die Barista erklärte, wie wunderbar sie es finde, dass dieses Phänomen endlich angesprochen werde, schließlich erlebten viele Frauen gelegentlich einen Coregasm und hätten Angst, darüber zu reden. Die Tage seien jetzt vorbei.

Die Menschen San Franciscos waren einst berühmt für ihre Ablehnung von Deodorant und übertriebener Enthaarung. Wenn ich dort an schwulen Bauarbeitern und Vibratorfachläden vorbeispazierte, fiel mir ein, dass hier Harvey Milk gewählt (und ermordet) worden war, dass hier die Saunen aus dem Boden geschossen (und wieder geschlossen worden) waren. Aber hauptsächlich fiel mir eigentlich nur auf, dass die Menschen San Franciscos anscheinend alle mit Cremes und botanischen Salben überzogen waren, mit Salzen gepeelt und mit ätherischen Ölen beduftet, die sie in den Aromatherapie-Läden an der Valencia Street gekauft hatten. Wenn die Luft nicht gerade nach Rohabwässern stank, roch sie nach Bienenwachs, Lavendel und Verbenen, und im Mission District glitzerten die Bürgersteige in der Sonne. Das Essen war exquisit. Es gab einen Laden in Hayes Valley, der Flüssigstickstoffeis nach Wunschvorgabe zubereitete. Ich sah zu, wie mein Eis unter pneumatischem Zischen in einer Dampfwolke in die Existenz gepresst wurde. Und während dieses Wunders lief die Welt um mich herum einfach weiter: Mütter mit Google-Thermokaffeebechern standen geduldig Schlange und tauschten sich über Stillberaterinnen aus. Online hatten die Leute ihre Angst vor Sünde umgelenkt von den Coregasms zum Kampf gegen Zucker und Mehl. »Unbehandelter Biohonig, lokales Ghee und Hirse-Chia-Brot zähmen meine Glutenlust«, verkündete ein ehemaliger Kommilitone von mir in den sozialen Medien. »Gott sei Dank gibt's Urgetreide!«

Abends ging ich alleine spazieren, hörte die spanischen Predigten aus Kirchen in ehemaligen Ladenlokalen und das elektronische Brummen des BART-Train unter mir. Die Stadt war eine Traumwelt aus schimmernden Bildschirmen, Analogfetischismus, Sexshops und Kernobst. In Bussen und an Straßenecken bekam ich verwirrte Vorträge Paranoider zu hören, die uralte Verschwörungstheorien mit moderner Technik zusammenführten. Ich sah die Verschwörungen schon fast selbst. Wenn ich die Bürgersteige im Mission District entlangging, fiel mir auf, wie sehr ihr Glanz meinem Glitzer-Rougepuder in seinem Kompaktdöschen ähnelte. »Der Bürgersteig sieht ja aus wie Super Orgasm«, dachte ich, denn so hieß mein Farbton. Mein Make-up mischte fröhlich in der zeitgenössischen Sexualpolitik mit: FOR HIM & HER verkündete der Aufkleber hinten auf meiner parabenfreien Grundierung, als würden wir alle ein Leben führen voller Spontaneität und Abenteuer statt Konformität und Mühsal. Ich lief zum Golden Gate Park, wo riesige Raubvögel hungrig auf glänzende Dackel hinunterspähten. Die Radfahrer zogen in Schwärmen von Google-Trikots vorüber.

Die Idee der freien Liebe hatte in Amerika eine lange Tradition der Kommunenexperimente, wildäugigen Propheten und eingesperrten Ketzer. Früher einmal hatte freie Liebe Sex ohne Fortpflanzung bedeutet; Sex vor der Ehe; die vollständige Vermeidung der Ehe. Sie bedeutete die sexuelle Freiheit von Frauen und Homosexuellen und die Freiheit der Liebe über ethnische, religiöse und Geschlechtergrenzen hinweg. Im zwanzigsten Jahrhundert glaubten postfreudianische Idealisten, die freie Liebe würde zu einer neuen Politik führen, sogar das Ende aller Kriege herbeiführen, und wenn ich den Begriff »freie Liebe« hörte, musste ich an 1967 denken, an die jungen Leute, die hier im Park Acid Rock gehört hatten.

In der Science-Fiction war die freie Liebe die Zukunft gewesen. Das neue Jahrtausend hatte die Erforschung des Weltraums versprochen, todsichere Verhütung, Cyborg-Prostituierte und uneingeschränkte Sexualität. Dann war die Zukunft mit vielen neuen Freiheiten gekommen, die freie Liebe als Ideal aber außer Mode geraten. Wir hatten die Freiheit zum Coregasm, die Vorstellungen der Hippies aber waren naiv gewesen; Science-Fiction war keine Realität geworden. Die Verbreitung der Sexualität außerhalb der Ehe hatte neue Argumente für traditionelle Kontrollmechanismen mit sich gebracht; Argumente wie HIV, die zeitlich begrenzte Fruchtbarkeit und die Verletzlichkeit unserer Gefühle. Auch wenn ich die Freiheit als Zwischenzustand hinnahm, plante ich für mein monogames Schicksal. Meine Überzeugung von dessen Richtigkeit war wie der Wiederaufbau eines bizarren Nationaldenkmals, das von einer Bombe zerstört worden war. Dass es vertraut wirkte, fiel mir auf, aber nicht, dass es fehl am Platz war oder dass eine andere Art von Freiheit gekommen war: ein blinkender Cursor im leeren Raum.

Googles freundlich fade Oberfläche gab den Worten ihren Segen, die durch das Sieb glitten. Bei Google sind alle Worte gleich, wie auch alle Möglichkeiten, sein Leben zu leben. Google ließ die Grenze zwischen normal und abnormal verschwimmen. Die Antworten, die seine Algorithmen produzierten, versprachen jedem Nutzer die Gegenwart von Gleichgesinnten: Niemand musste mit seinen absonderlichen Begierden allein bleiben; es gab überhaupt keine absonderlichen Begierden. Die letzte vorherrschende sexuelle Erwartung war die, dass die Liebe uns zu dem Leben führen würde, das wir leben wollten.

Aber was, wenn die Liebe uns im Stich ließ? Die sexuelle Freiheit hatte sich jetzt auf Menschen ausgeweitet, die die alten Institutionen gar nicht hatten abschütteln wollen, außer vielleicht, um sich mit Freunden solidarisch zu zeigen, die es tatsächlich wollten. Ich hatte so eine Vielfalt an Möglichkeiten für mich selbst nicht gesucht, und als ich auf einmal die totale sexuelle Freiheit hatte, war ich unglücklich.

Ich hatte mich in diesem Frühling zu einer Reise nach San Francisco entschlossen, weil meine Wünsche und meine Realität sich auf Nimmerwiedersehen voneinander entfernt hatten. Ich wollte mir eine andere Zukunft vorstellen, die mit der Freiheit meiner Gegenwart übereinkam, und San Francisco war der Ort, an dem ich diese Zukunft entdecken würde, oder wenigstens die Stadt, die Amerika denen zugedacht hatte, die noch an die freie Liebe glaubten. Sie wollten die Familie aus der sexuellen Grundkonstellation von zwei Menschen befreien. Sie glaubten an Gesinnungsgemeinschaften, die die monogam-heterosexuelle Tradition erfolgreich aufmischen konnten. Sie gaben ihren Entscheidungen Namen, und sie sahen ihr Handeln als soziale Bewegung. Neue Technologie war für sie eine Chance zur Umgestaltung der Gesellschaft inklusive deren Vorstellungen von Sexualität. Ich sah in der Zielorientiertheit der Menschen San Franciscos den Unterschied zwischen meinem Pessimismus und ihrem Optimismus. Wenn es einen betrübt, dass das Leben nicht den eigenen Vorstellungen entspricht, kann es einen aufheitern, die eigenen Vorstellungen einfach in den Wind zu schießen.

Ich hätte diese Gemeinschaften auch in New York oder so gut wie jeder anderen amerikanischen Großstadt finden können. Ich wäre nicht die Erste, die Kalifornien als Vorwand nimmt. Ich benutzte die Westküste und den Journalismus als Alibis und nahm meine Optionen unter die Lupe. Schließlich erreichte ich einen Punkt, an dem mir die Vorstellung Angst einjagte, ich hätte nicht alle meine Möglichkeiten ausgelotet. Aber wäre in meinen frühen Dreißigern doch einfach die Zukunft gekommen, die ich mir immer ausgemalt hatte, hätte ich meine Recherchen abgebrochen. Ich hätte mich in das Projekt Ehefrauendasein, Monogamie und Kinderaufzucht gestürzt und meine Erfolge zum allgemeinen Beifallklatschen in den sozialen Medien hochgeladen. Ganz am Anfang meiner Erforschung der Möglichkeiten freier Liebe erwartete ich noch mehr oder weniger, das Schicksal würde mich auf halber Strecke abholen, ich würde mitten in all dieser Ungewissheit die richtige Abfahrt finden, die mich zurück zu all den gewohnten Erwartungen und bekannten Namen führen würde.

Das war fürchterlich unaufrichtig von mir. »Aber was ist deine persönliche Reise?«, fragten die Freidenker mich immer wieder, worüber ich später mit meinen Freunden Witze machte.

ONLINE-DATING

Normalerweise setze ich mich nicht gern alleine in Bars, aber ich war nun schon eine Woche in San Francisco, und in meiner Wohnung gab es keine Stühle, nur ein Bett und ein Sofa. Meine Freunde hier waren alle verheiratet oder arbeiteten abends. An einem Dienstag aß ich im Stehen am Küchentresen Linsensuppe zum Abendessen. Danach setzte ich mich im Wohnzimmer unter der flachen Deckenleuchte aufs Sofa und aktualisierte auf meinem Laptop die verschiedenen Social-Media-Feeds. Das war doch kein Leben. Ein Mann würde alleine in eine Bar gehen, sagte ich mir. Also ging ich alleine in eine Bar.

Ich setzte mich auf einen Hocker in der Mitte der Bar, bestellte ein Bier und aktualisierte die Feeds auf meinem Handy. Ich wartete ab, dass etwas passierte. Auf mehreren Monitoren lief ein Basketballspiel. Die Bar hatte Sitznischen aus rotem Kunstleder, Weihnachtslichterketten und eine Barkeeperin. In einer Ecke knutschte ein lesbisches Pärchen. Am anderen Ende, näher bei mir, saß ein Mann mit Brille in meinem Alter und schaute das Spiel. Als einziger Mann und einzige Frau, die alleine dort waren, sahen wir einander an. Dann tat ich so, als würde ich mir auf einem Monitor in der anderen Ecke das Spiel ansehen. Er drehte mir den Rücken zu und schaute weiter auf den Bildschirm über den Billardtischen, wo die Spieler gerade einen gelungenen Stoß feierten.

Ich wartete ab, ob ich angesprochen wurde. Ein paar Hocker weiter brachen zwei Männer in Gelächter aus. Einer kam rüber und zeigte mir, worüber sie sich so freuten. Er gab mir sein Handy mit einem geöffneten Facebook-Post. Ich las und lächelte höflich. Der Mann setzte sich wieder an seinen Platz. Ich trank mein Bier.

Ich erlaubte mir einen Anflug von Sehnsucht nach meinem Wohnzimmer mit dem Sofa. Darauf lag eine Wolldecke mit navajo-inspiriertem Webmuster. Im Kamin stand ein Gusseisengasofen. Ich hatte an den Drehknöpfen und am Gas herumgespielt, ihn aber nicht anbekommen. Nachts war das Zimmer leichenkalt und ebenso blass. Einen Fernseher gab es nicht.

Ich wandte mich wieder meinem Handy zu und öffnete OkCupid, den kostenlosen Online-Dating-Service. Ich aktualisierte die Seite, die anzeigte, ob in der Gegend noch andere allein in Bars saßen. Die Funktion hieß OkCupid Locals. Eine OkCupid-Locals-Einladung musste mit den Worten »Lass uns« anfangen:

Lass uns einen Joint rauchen und abhängen ☺

Lass uns uns zum Brunch, Lunch oder auf ein Bier treffen oder zu irgendeinem anderen Samstagsspaß.

Lass uns nach Koyaanisqatsi im Castro ein Bier trinken gehen.

Lass uns uns gegenseitig durchkitzeln.

Lass uns einen Keks essen gehen.

Lass uns Freunde sein und irgendwas erkunden.

Ich schickte nie ein eigenes OkCupid-Chatsignal, sondern reagierte nur auf andere. An dem Abend scrollte ich durch, bis ich einen gutaussehenden Mann fand, der die harmlose Einladung »Lass uns etwas trinken gehen« gepostet hatte. Ich sah mir sein Profil an. Er war Brasilianer. Ich kann Portugiesisch. Er war Drummer. »Tattoos sind ein wichtiger Teil des Lebens meiner Freunde und meiner Familie«, hatte er geschrieben.

Ich reagierte auf das Chatsignal und ging mit diesem Fremden etwas trinken. Wir küssten uns, gingen zu ihm, er zeigte mir seine Sammlung besonderer Hanfpflanzen, und wir unterhielten uns über Brasilien. Dann ging ich nach Hause und sprach nie wieder mit ihm.

Mein erstes Online-Date hatte ich im November 2011, kurz nachdem ich mir mein erstes Smartphone gekauft hatte. Tinder gab es noch nicht, und meine New Yorker Freunde waren bei OkCupid, also meldete ich mich auch dort an. Bei Match registrierte ich mich auch, aber OkCupid gefiel mir besser, vor allem weil ich dort auf unersättliches, überwältigendes Interesse bei den Männern stieß. Die breitbekieferten Banker, die über Match herrschten, mit ihren Bildern vom Tauchurlaub auf Bali und dem Skiurlaub in Aspen, beachteten mich so wenig, dass ich richtig Selbstmitleid bekam. Der Tiefpunkt war gekommen, als ich einem Mann digital zuzwinkerte, dessen Profil verkündete »Ich habe ein Kinngrübchen« und Fotos zeigte von ihm beim Rugby und oben ohne auf einem Hochseeangelboot mit einem Mahi Mahi von der Größe eines Dreirads in den Händen. Er antwortete nicht.

Bei OkCupid meldete ich mich unter dem Namen »viewfromspace« an. Im »Über mich«-Feld meines Profils schrieb ich: »Ich liebe Naturdokus und Kuchen.« Alle Fragen nach einem Interesse an unverbindlichem Sex verneinte ich. Ich suchte einen festen Freund. Außerdem war ich immer noch nicht über meinen Ex hinweg und wollte ihn vergessen. Das Problem hatten viele Nutzer des Portals. Alle zählten fröhlich ihre Lieblingsfilme auf und hofften das Beste, aber unter der heiteren Oberfläche brodelte es düster. Selbst hinter jedem noch so unverfänglichen Profil lauerten Unmengen an Frust und Reue. Ich las noch einmal Rot und Schwarz, um mich daran zu erinnern, dass auf ein gebrochenes Herz nun mal nicht immer gleich sonnige Gelassenheit folgte. Andererseits gefiel mir, dass die Leute auf den Datingseiten einander ganz offen und unmissverständlich anbaggerten. Dabei zeigte sich natürlich ein Spektrum der Subtilität vom einfachen »Du bist süß« bis zum eher unheimlichen »Hi, kommst du vorbei? Dann rauchen wir einen, und ich mach im Wohnzimmer Nacktfotos von dir«.

Meiner Erfahrung nach ordneten die Algorithmen mich in Sachen soziale Klasse und Bildungsstand etwa genauso ein wie die Leute, mit denen ich auf Dates ging, konnten ansonsten aber kaum vorhersagen, wer mir gefallen würde. Außerdem zog ich beim Online- wie beim klassischen Dating überproportional viele Vegetarier an. Dabei bin ich selbst keine Vegetarierin.

Ich ging auf ein Date mit einem Komponisten, der mich zu einem John-Cage-Konzert an der Juilliard School mitnahm. Hinterher suchten wir an der Fifty-seventh Street nach der Büste von Béla Bartók. Wir fanden sie nicht, aber mein Date erzählte mir, dass Bartók dort an Leukämie gestorben sei. Wir unterhielten uns über das College und die Lyrik von Wallace Stevens. Wir mochten beide die Romane von Thomas Pynchon. All das hatten wir gemeinsam, aber ich wünschte mich anderswohin. Während wir in einem Irish Pub in Midtown saßen, fielen mir spontan fünf bis zehn andere Leute ein, mit denen ich gerade lieber ein Bier getrunken hätte. Aber ich suchte nun mal einen Freund, und keiner der vielen Männer, die ich schon kannte, kam infrage.

Auf unserem zweiten Date gingen wir im East Village Ramen essen. Ich beendete den Abend frühzeitig und jammerte beim Gehen, was für ein langer Tag es gewesen sei. Als Nächstes lud er mich zu einem Konzert an der Columbia University mit anschließendem Essen bei ihm zu Hause ein. Ich willigte ein, sagte aber in letzter Sekunde mit vorgeschobener Krankheit ab und erklärte ihm, dass ich für unsere Dates keine Zukunft sähe.

Ich hatte ihn verletzt. Meine Absage, schrieb er, habe ihn »Stunden an Einkaufen, Putzen und Kochen gekostet, die er so kurz vor einer Deadline eigentlich gar nicht übrig hatte …« An Punktuation setzte er fast überhaupt nur pynchoneske Ellipsen ein. Ich entschuldigte mich und antwortete danach nicht mehr. In den folgenden Monaten schrieb er mir immer wieder lange E-Mails mit Updates über sein Leben, auf die ich nicht reagierte, bis es mir irgendwann vorkam, als würde er seine Traurigkeit in ein schwarzes Loch werfen, wo ich sie in meine eigene Traurigkeit absorbierte.

Ich hatte ein Date mit einem Tischler. Wir trafen uns in einem Coffeeshop. Es war ein sonniger Nachmittag Ende Februar, aber während wir dort saßen, fing es ein bisschen an zu schneien, und die Flocken glänzten in der Sonne. Unser Tisch war an einem Tiefparterre-Fenster knapp unterhalb der Augenhöhe zweier Chihuahuas, die draußen an einer Bank angebunden waren. Obwohl sie maßgeschneiderte Jäckchen anhatten, zitterten sie fürchterlich. Sie schauten zu uns runter und kauten auf ihren Leinen. Der Tischler brachte mir einen Kaffee und trank selbst Tee aus einem Pintglas.

Er zeigte mir Fotos von Möbeln, die er gebaut hatte. Er hatte schwielige Hände und war groß. Er war attraktiv, aber seine blauen Augen wanderten ruhelos durch den Raum, und er wirkte gelangweilt. Wir fanden heraus, dass wir beide im gleichen Krankenhaus auf die Welt gekommen waren, dem Allentown Hospital in Allentown, Pennsylvania, aber ich war sieben Monate älter. In einer anderen Zeit, als die Ehe von Religion, Familie und dem Dorf bestimmt wurde, hätten wir wohl schon mehrere Kinder gehabt. Stattdessen waren meine Eltern mit mir in eine ganz andere Ecke des Landes gezogen, als ich drei war, er war bis ins Erwachsenenalter in Allentown geblieben, und jetzt lebten wir beide in Bedford-Stuyvesant, Brooklyn, und waren dreißig. Er sah sich als Rebell und liebte sein Handwerk nur so sehr, wie er seinen alten Bürojob gehasst hatte. Als er seinen Tee ausgetrunken hatte, ging er zur Toilette, kam zurück und zog wortlos seinen Mantel an. Ich stand auf und tat es ihm gleich. Wir stiegen die Treppe hoch und gingen raus in den Februarwind. Wir verabschiedeten uns.

Ich hatte ein Date mit einem Mann, der sich als Friseur herausstellte. »Ein Gruß und eine Verbeugung, Ms. Space«, hatte er geschrieben. Er kam zu spät zu unserer Verabredung in Alphabet City, nachdem er in letzter Sekunde noch zwei unangemeldete Kunden angenommen hatte, die sich für ihre eigenen Dates hatten föhnen lassen wollen. Links und rechts am Hals hatte er je zwei gekreuzte Krummsäbel tätowiert. Ich fragte ihn, was sie bedeuteten. Nichts, sagte er. Sie seien Fehler gewesen. Er schob sich die Ärmel hoch und zeigte mir weitere Fehler. Als Jugendlicher in Dallas habe er sich von Freunden als Versuchskaninchen benutzen lassen. Aber bloß weil er die Tattoos als Fehler bezeichne, bereue er sie noch lange nicht. Durch sie zeige ihm nur sein sechzehnjähriges Ich den Mittelfinger. »Du meinst vielleicht, du hast dich verändert«, sage es ihm, »aber leck mich, ich bin immer noch hier!«

Nichts an den ausgefeilten Selbstdarstellungen in den OkCupid-Profilen machte mir jemals begreiflich, was ich innerhalb von Sekunden herausfand, nachdem ich jemanden live getroffen hatte: dass ich nie mit jemandem schlafen wollte, den ich online kennengelernt hatte. Im normalen Leben war unverbindlicher Sex recht unkompliziert. Ich lernte bei einer Party jemanden kennen. Einer von uns lud den anderen zu einem Date ein. Nachdem wir uns dann ein-, zweimal getroffen hatten, schliefen wir miteinander, selbst wenn wir wussten, dass wir nicht ernsthaft verliebt waren und die Beziehung »nirgendwo hinführen würde«. Manchmal übersprangen wir das mit dem Dating auch. Ich erklärte es mir so, dass meine Keuschheit bei OkCupid daran lag, dass ich Online-Dating als »Projekt« betrachtete, das ich mit einer »Ernsthaftigkeit« angehen musste, die meinem normalen Sozialleben fehlte. Ich hatte eine Vorstellung von »Ansprüchen«, die erfüllt sein mussten, bevor für mich Sex infrage kam. Aber wenn ich mich mit diesen Männern traf, die meine »Ansprüche« eigentlich größtenteils übertrafen, regte sich in meinem Körper nichts. Meiner Meinung nach war in der Regel beiden klar, dass wir zwar Sex hätten haben können, dass es aber eher aus Resignation und Pflichtgefühl statt aus echter Lust passiert wäre. Wenn Online-Dating mir das Gefühl gab, ich nähme mein Leben selbst in die Hand, hätte mich Sex mit Menschen, die ich eigentlich nicht begehrte, nur an die Vergeblichkeit des Versuchs erinnert, mir eine Beziehung herbeizuzaubern. Ich fühlte mich wirklich besser, wenn beim Sex eine gewisse Energie zwischen mir und einem anderen Menschen entstand, aber mir ein Gefühl einzureden, das nicht da war, war deprimierender, als allein nach Hause zu gehen.

Ich verstand allmählich, dass der Körper keine zweitrangige Angelegenheit war. Der Kopf kannte nur wenige Wahrheiten, die der Körper verschwieg. Beim Zusammentreffen zweier Körper blieb nichts Bedeutendes lange verborgen. Die Kommunikation vor einem Date zeichnete nur selten ein vollständiges Bild vom Humor oder der Verschlossenheit eines Mannes, seiner Beklommenheit oder seines Charmes. Bis die Körper ins Spiel kamen, war jede Verführung nur vorläufig. Irgendwann schrieb ich ausschließlich Leuten mit sehr knappen Profilen, bis ich die Profile überhaupt nur noch überflog, um mich zu versichern, dass jemand bei OkCupid Locals einigermaßen die Rechtschreibung beherrschte und nicht unbedingt ein Rechtsradikaler war.

Trotzdem vermied ich in meinem Profil jede Erwähnung von Sex und machte einen Bogen um Männer, die gleich beim ersten Kontakt allzu offen sexuell wurden. Und so fühlte sich Online-Dating für mich etwa an, als stünde ich in einem Raum voller Leute, die sich Restaurants empfahlen, ohne auch nur ein Wort über das Essen zu verlieren. Nein, es war noch schlimmer. Es war ein Raum voller Ausgehungerter, die sich übers Wetter unterhielten. Wenn mir jemand eine Wassermelone anbot, wies ich ihn ab, weil er keinen Regenschirm dabeihatte. Die Möglichkeit, das Thema Sex auszublenden, war struktureller Bestandteil der beliebtesten Datingseiten. Sie waren so angelegt worden, weil Frauen sie sonst nicht genutzt hätten.

Der Mann, der allgemein für das Online-Dating in seiner heutigen Form verantwortlich gemacht wird, ist Gary Kremen aus Illinois. 1992 war Kremen ein neunundzwanzigjähriger Informatiker und einer der vielen Absolventen der Stanford Business School, die in der San Francisco Bay Area ein Softwareunternehmen gegründet hatten. Nach einer Kindheit als moppeliger jüdischer Außenseiter in Skokie hatte Kremen sich zwei Lebensziele gesetzt: Er wollte heiraten und Geld verdienen. Für Ersteres hatte er viele Dates. Bald rief er gewohnheitsmäßig kostenpflichtige Telefonnummern an, und zwar nicht die Telefonsexhotlines, sondern die, die in der Zeitung zwischen den Partnersuchanzeigen standen. Damals kostete es in der Regel zwei Dollar pro Minute, wenn man auf den Anrufbeantworter einer Zeitung eine Antwort auf eine Anzeige sprechen wollte. Dabei hatte Kremen seine Telefonrechnung empfindlich in die Höhe getrieben. Laut Eigenaussage war er damals »ein ziemlicher Loser«. An einem Nachmittag kam Kremen bei der Arbeit in seiner Softwarefirma eine Idee: Was wäre, wenn er eine Datenbank mit allen Single-Frauen auf der Welt hätte?

Kremen und vier männliche Partner gründeten die Electric Classifieds Inc., eine Firma, die die Kontaktanzeigen der Zeitungen im Internet nachbilden sollte. Sie richteten sich in einem Keller in South Park, einem Stadtteil von San Francisco, ein Büro ein und registrierten einen Domainnamen: Match.com.

»ROMANTIK – LIEBE – SEX – EHE UND BEZIEHUNGEN« lautete die Überschrift eines frühen Geschäftsplans, den Electric Classifieds potentiellen Investoren vorlegte. »Amerikanische Unternehmen wissen schon lange, dass die Leute einem die Türen einrennen, wenn man ihnen eine würdevolle, effiziente Dienstleistung anbietet, um diese grundlegenden menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen.« Auf Wunsch seiner Investoren entfernte Kremen schließlich das Wort »Sex« von der Liste der Bedürfnisse.

Viele der Kernfunktionen der meisten Online-Dating-Seiten werden in diesem frühen Dokument umrissen. Die Mitglieder füllten einen Fragebogen aus, welche Art von Beziehung sie suchten – »Ehepartner, feste Beziehung, Golfpartner oder Reisebegleiter«. Nutzer luden Fotos hoch: »Der Kunde kann sich bei vielfältigen Lieblingsaktivitäten und in wechselnder Kleidung zeigen, um dem Betrachter ein klareres Bild von seiner Persönlichkeit und seinen äußerlichen Charakteristika zu vermitteln.« Der Geschäftsplan zitierte eine Marktprognose, laut der im Jahr 2000 fünfzig Prozent der erwachsenen Bevölkerung Single sein würden. 2008 waren dann 48 Prozent der erwachsenen Amerikaner unverheiratet, verglichen mit 28 Prozent im Jahr 1960.