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Die Ausnahmeschauspielerin Stefanie Reinsperger mag schwierige Themen und forscht in ihren eigenen Abgründen nach Gefühlen – ihr Lieblingsgefühl ist die Wut. Die Wut gehört endlich rehabilitiert und an die Öffentlichkeit. „Es reicht mit Diskriminierung und Übergriffen auf mich und meinen Körper, der angeblich nicht schön genug ist!“ Das Buch ist wie die Reinsperger: körperlich kraftvoll, mutig und kompromisslos, es ist ein turbulentes Spiel aus Szenen, kurzen persönlichen Texten, ein Spiel von Tempo und Rhythmus. Und am Ende haben wir uns nicht nur mit der Wut versöhnt, sondern haben Stefanie Reinsperger, ihre Haltung und ihre Arbeit gesehen, wie wir sie vorher ganz sicher noch nicht gekannt habenDie Ausnahmeschauspielerin Stefanie Reinsperger mag schwierige Themen und forscht in ihren eigenen Abgründen nach Gefühlen – ihr Lieblingsgefühl ist die Wut. Die Wut gehört endlich rehabilitiert und an die Öffentlichkeit. „Es reicht mit Diskriminierung und Übergriffen auf mich und meinen Körper, der angeblich nicht schön genug ist!“ Das Buch ist wie die Reinsperger: körperlich kraftvoll, mutig und kompromisslos, es ist ein turbulentes Spiel aus Szenen, kurzen persönlichen Texten, ein Spiel von Tempo und Rhythmus. Und am Ende haben wir uns nicht nur mit der Wut versöhnt, sondern haben Stefanie Reinsperger, ihre Haltung und ihre Arbeit gesehen, wie wir sie vorher ganz sicher noch nicht gekannt haben.
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Seitenzahl: 140
Veröffentlichungsjahr: 2022
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GANZSCHÖNWÜTEND
STEFANIE REINSPERGER
Mit Fotografien von Sven Serkis
Für meine Schwester Jasmin
Cover
Titel
Impressum
VORWORT
FEBRUAR 2021 – EINE WUCHT
INS BLAUE GEBRÜLLT
GARDEROBEN-HORROR
WUT-ABC
AUSWÜTEN
ZWEI DRUCKKOCHTÖPFE TREFFEN SICH
DIE LIEGEWIESE – AUGUST 2020
ZWEI DRUCKKOCHTÖPFE TREFFEN SICH MAL WIEDER
ES WAR EINMAL IM JUNI 2020 – ODER: IN ZEITEN WIE DIESEN
OSTERSPAZIERGANG
SARAH EVERARD
EIN DRUCKKOCHTOPF MACHT DEM ANDEREN DRUCKKOCHTOPF EIN KOMPLIMENT
WOVON ICH REDE, WENN ICH MANDALAS MALE
ZWEI DRUCKKOCHTÖPFE TREFFEN SICH WIEDER NACH SEHR, SEHR, SEHR LANGER ZEIT
WUTKÖRPER
Im Sommer 2020 hat mein wunderbarer Kollege und Freund Manuel Rubey zu mir gesagt: Steffi, du solltest ein Buch schreiben. Ich glaube, du hättest wirklich viel zu sagen!
Das fand ich schön.
Dann fand ich es beängstigend.
Ein Buch?
Ich?
Zeilen.
Von mir?
Oh …
Puh.
Muss ich mir überlegen.
Kann ich das?
Hilfe!
Möchte ich das?
Angst!
Muss das sein?
Nervös!
Worüber?
Wut!
Echt jetzt?
Wut?
Ja!
Muss sein!
Wut!
Wütend!
Wüten!
Wut!
Warum?
Wut!
Für wen?
Alle!
Auf was hinauf?
Das Leben!
Heute ist der 21. September 2020 und ich schreibe das erste Mal meine Gefühle auf, die in dieses mein Buch sollen. Dieser Gedanke „mein Buch“ lässt mich jetzt im Moment noch sehr viele Gefühle gleichzeitig empfinden. Allen voran Respekt, Angst, Neugierde, Nervosität, Energie.
Respekt vor allem, weil ich, wie beim Spielen auch, das Ziel habe, etwas in Menschen zu verändern, Gedankengänge anzustoßen, Leute teilhaben zu lassen an meinem Innenleben.
Ich möchte ehrlich sein, ehrlich zu mir, aber natürlich ehrlich zu euch. Aber wie jede Rolle, jeder Charakter und jede Geschichte ist auch dieses Buch ein Schutzmantel, ein Tarnvorhang, den ich vor mich herschiebe, um euch reinschauen zu lassen. Es klingt unlogisch, ich weiß – aber ich konnte noch nie so gut mit Logik. Emotionale Logik ja, Gefühle und Emotionen sind für mich so klar, so nachvollziehbar, so echt, so unabdingbar notwendig, um in einen Austausch zu kommen. Das ist ja das Tolle an uns Menschen, wie viel wir fühlen können.
Ich find das toll.
Deshalb spiel ich ja so gerne. So unglaublich gerne. Deshalb bin ich so gerne auf der Bühne und/oder vor einer Kamera. Spielen ist alles für mich. Da darf und muss alles sein.
Wenn ich spiele, dann rase ich. Dann bin ich eine Wahnsinnige.
Wenn ich spiele, bin ich voll mit Leidenschaft. Dann möchte ich über die Bühne toben und all meine Grenzen ausloten und neu setzen. Ich bin eine sehr körperliche Spielerin. Ich liebe es, meinen Körper als Instrument, als Werkzeug zu benutzen und zur Verfügung zu stellen. Körper im Raum, die sich zueinander verhalten, ins Verhältnis setzen und deren Aktionen etwas beim anderen bewirken – das ist für mich Theater und Spiel. Und ich habe lang gebraucht, diesen meinen Körper, meinen Wutkörper nicht nur zu akzeptieren und anzunehmen, sondern vor allem zu lieben. Mit allem, was ich habe.
Ich will spielen.
Voller Raserei, voll Furor, Leidenschaft, Wahnsinn, Wut und Wucht.
Lange hab ich mich auf der Bühne und in meinen Rollen wohler gefühlt als im Leben. Manchmal ist das auch immer noch so. Aber je älter ich werde, je mehr ich zu mir finde und zu mir stehe, desto lieber bin ich auch in dieser wunderschönen, verrückten, anstrengenden Welt mit diesen liebevollen, starken Menschen.
Aber das war und ist ein langer Weg, ein harter Kampf.
Ich will euch hier gar nicht erzählen, wie schwer alles war. Ich will euch auch nicht erzählen, wie toll alles ist. Aber ich würd echt gern ein paar Dinge loswerden. Endlich mal ein paar Sachen sagen und beim Schreiben mir selbst darüber klar werden, was da eigentlich alles passiert ist. Was ich immer wieder sehe, erlebe, spüre und verarbeite. Weil ich möchte, dass es anders wird. Weil ich überzeugt bin, dass es besser sein kann. Und weil ich mir wünsche, dass wir daran alle zusammen arbeiten!
Ich möchte, dass ihr lacht!
Dass ihr weint, dass ihr euch gestattet, wütend zu werden, dass ihr rast ob der Ungerechtigkeiten, die passieren, dass ihr euch nicht schämt für eure Empfindungen, dass ihr eure Tränen nicht versteckt, und ich hoffe, ihr spürt, dass ihr nicht allein seid.
Wir hängen da gemeinsam drin. In diesem wunderschönen, verrückten, anstrengenden Leben mit diesen liebevollen, starken Menschen.
Und das kann so schön sein!
Dieses wunderschöne, verrückte, anstrengende Leben.
Ich schreib das hier für mich, für euch, für dich und dich und, ja, für dich auch. Für alle Menschen, die sich außen vor gefühlt haben, die geglaubt haben, sie passen nicht rein, die jeden Tag aufstehen und weiterkämpfen, die jegliche Kommentare und Anfeindungen aushalten, die sich immer wieder anhören müssen, zu laut, zu viel, zu schwer, zu anstrengend zu sein, und trotzdem weitermachen. Noch lauter! Noch mehr! Noch fordernder! Ich schreib das auch für alle, die immer schon dabei waren, die Strahlenden, die immer in der vordersten Reihe ganz laut waren, die ganz Kleinen, die Ängstlichen, die Scheuen, die Zurückhaltenden.
Nichts von dem, was ich schreibe und erlebt habe, ist neu.
Das kann mir keiner erzählen. All das passiert jeden Tag jemandem in dieser unserer Gesellschaft.
Und das macht mich wütend! Und ich möchte mir das nicht mehr gefallen lassen. Wir werden uns das nicht mehr gefallen lassen! Ja?
Das hier ist ein Buch über Wut. Eine Hommage an Wut. An die Kraft und Brillanz der weiblichen Wut. Ein Appell, aufzuhören, diese Wucht zu unterdrücken. Ein Aufruf, das alles rauszulassen, sich nicht zu schämen dieses Gefühl zu empfinden. Sondern es zu genießen. Lernen, damit zu leben und umzugehen.
Es ist der Versuch, dieser Wut mit einem Strahlen im Gesicht Hallo zu sagen und sie aufzunehmen, zu empfangen und ihr einen Platz zu geben.
Diese Texte sind ein Versuch.
Ein ehrlich gemeinter Versuch.
Wie jede Theaterprobe, eigentlich auch jede Vorstellung ein ehrlich gemeinter Versuch sind, sich dem Innenleben zu nähern und es umzustülpen und rauszulassen. Ein Versuch, sich dieser wunderschönen, verrückten, anstrengenden Welt zu nähern. Ein Versuch, sich dieser Wut zu nähern.
Sonst hab ich ja immer Texte von anderen, großartigen Autor*innen, deren Wörter ich zum Leben erwecken darf. Und jetzt probiere ich das mal selbst.
Ich möchte euch von erlebten Situationen erzählen. Von einer großen, blonden Frau mit Dutt, die nicht immer so mutig und stark war. Von zwei Druckkochtöpfen, die immer wieder aufeinandertreffen, miteinander sprechen, aneinander vorbei wüten und trotz viel Schmerz auch wieder zueinanderfinden.
Ich möchte an eure Empathie appellieren.
Und an eure Liebe.
Weil für die bin ich immer, und so was von.
Die Liebe!
Die Liebe zu euch, zu eurem Gegenüber, und die Liebe zu dieser wunderschönen, verrückten, anstrengenden Welt mit ihren vielen liebevollen, starken Menschen.
Wir sind ja nur einmal da. Das ist definitiv.
Lasst uns doch aus dieser Zeit das Beste machen.
Gemeinsam!
Ich wünsch euch eine gute Reise durch diese Zeilen.
Ich wünsch uns Selbstvertrauen, ganz viel Humor, Leidenschaft, eine gesunde Portion Wahnsinn und vor allem Liebe.
Oder wie ich gern sage: Lübe!
Und ich danke allen Menschen, die ich bis jetzt auf meinem Lebensweg treffen durfte. Allen Menschen, die mich gestärkt haben, zu denen ich aufschaue, die meine Welt besser gemacht, aber die mich gefordert und gefördert haben. Die mir das Gefühl gegeben haben, nicht ganz so allein und hilflos zu sein. Alle Menschen, die mich mutiger gemacht haben, die mich wütender gemacht haben.
Und ich danke natürlich allen, die jetzt diese Reise durch meine Gedanken mit mir gehen werden.
FEBRUAR 2021 –
Heute wird der erste „Tatort“ mit mir als Kommissarin ausgestrahlt. Meine Figur heißt Rosa Herzog. Und meine größte Angst, mit meinen schlimmsten Befürchtungen, ist die, dass es so viele Kommentare und Postings zu meiner Figur geben wird. Nein, und ich meine nicht, zu dem Charakter, den ich spielen werde, sondern zu meiner äußeren Erscheinung.
Ich bekomme tatsächlich schon seit einer Woche Panikattacken vor diesem Sendetermin. Statt dass ich mich freue; statt dass ich stolz bin auf die geleistete Arbeit, verbrauche ich meine gesamte Energie dafür jetzt schon, einen emotionalen Schutzwall aufzuziehen, um die vielen Hater abprallen zu lassen. Versteht mich nicht falsch, Kritik ist natürlich erwünscht und wichtig – aber niveauvoll und fair. Und das scheint nicht immer vereinbar zu sein.
Vielleicht täusche ich mich auch und dieser Sturm wird nicht ausgelöst, aber meine fast traumatische Erfahrung in einem kleinen österreichischen Bundesland namens Salzburg hat mich damals so geprägt, dass ich dem Braten nicht mehr trauen kann.
Trotzdem merke ich, dass mit mir bereits eine Veränderung passiert ist. Früher hat es mich wahnsinnig gemacht, nur auf meinen Körper und mein Aussehen reduziert zu werden.
Aussagen wie „Steffi, bist eh so viel, du musst dann gar nicht mehr machen. Das ist halt dein Vorteil“ haben mich richtig verletzt. Weil ich weiß, wie verdammt scheiße viel ich gearbeitet hab und immer noch arbeite, um dabei zu sein, um gut genug zu sein, um besser zu sein und die Rollen und Angebote zu bekommen, die mich interessieren. Ich bin nicht einfach „nur da“, ich mach da schon was dafür, ich mache sogar sehr viel dafür.
Weitergehend zu diesem Überbegriff, der gerne mit mir assoziiert wird „du bist so eine Wucht“, eine „wuchtige Erscheinung“, bis hin zu dem Triggerbegriff „dick“.
Und vor ein paar Jahren, wenn ich das gehört habe, wenn es über mich gesagt wurde, über mich geschrieben wurde oder zu mir gesagt wurde, dann passierte ein Ausnahmezustand bei mir, eine Ladehemmung, ein Nicht-mehr-vor-oder-zurück-Können, eine Schockstarre. Das war jedes Mal so derartig verletzend, dass es mich in kilometerweite Abgründe meiner selbst katapultiert hat.
Aber warum?
Nun ja, es ist leider so, dass dieses Wort „dick“ von uns als Gesellschaft rein negativ konturiert ist. Es bedeutet nicht schön genug, faul, sogar träge, zu langsam, zu wenig dünn, zu viel, nicht passend, außerhalb der Norm, nicht gesund. Und diese Begrifflichkeit hat zu lange Macht bekommen, uns auszuknocken. Mich macht nicht mehr wütend, dass mich Menschen „dick“ nennen, mich macht wütend, dass wir immer noch und nur die negativen Dinge mit diesem Wort assoziieren.
Können wir das Wort „dick“ bitte endlich rehabilitieren.
Es gibt doch sehr wohl schon im Sprachbereich auch Möglichkeiten, das Wort als etwas Tolles zu sehen.
Es gibt viele Menschen, die dicke Bücher großartig finden. Eine dicke Scheibe Käse, eine dicke Wolldecke, ein dickes Konto, ein dicker Kuss – scheint auch immer auf positive Reaktionen zu stoßen.
Dick ist ungesund, faul und vor allem hässlich.
Dicke Frauen sind, wenn, dann lustig.
Hört auf damit, Menschen ungefragt Kommentare und sogar Beleidigungen ihrem Äußeren gegenüber entgegenzuschleudern. Lasst die selbst gewählten Ärzt*innen dieser Menschen über deren Gesundheitszustand entscheiden. Ich möchte keine Filme mehr sehen, wo mir suggeriert wird, dass die Hauptrolle schon „fett“ ist, weil sie Kleidergröße 40 hat.
Es ärgert mich immer noch, Drehbücher geschickt zu bekommen, wo bei der Rolle, die mir angeboten wird, zu 90 Prozent in Klammern steht: (pummelig, wuchtig, untersetzt).
Lasst diese Beschreibungen beziehungsweise Zuschreibungen.
Hört einfach auf damit! Niemand braucht das.
Und zwar weder in die eine noch in die andere Richtung. Es ist total nachvollziehbar, dass Regisseur*innen Bilder im Kopf haben, wie ihre Charaktere aussehen sollen, aber lasst doch diese Beschreibungen am Blatt Papier, das den Spieler*innen zum Casting geschickt wird, weg. Lasst uns doch mit unserem Können überzeugen und nicht mit unserem Aussehen. Wenn das dann auch noch dazu passt, ist ja alles gut. Aber wir sind doch mehr als unsere Körper! So viel mehr.
Aber da wären wir schon beim nächsten Thema, nämlich, dass „dicke Vorbilder“ fehlen. Und ich möchte diesen Begriff „dick“ deshalb bewusst so häufig und oft verwenden, weil ich es auch selbst als therapeutische Maßnahme begreifen will, genau diesen Begriff zu rehabilitieren.
Ich sehe die Kommentare schon vor mir, nachdem der „Tatort“ ausgestrahlt sein wird, „die ist doch viel zu dick, um zu …“ Das hat mich früher so verletzt, so erniedrigt, zu lesen, und ich möchte diesen Menschen, die so denken, diese Macht nicht mehr geben, ich möchte ihnen die Möglichkeit nehmen, mich so zu verletzen, ihnen das Recht entziehen, das zu tun. Und ein Weg für mich ist, dieses Wort „dick“ mit positiven Gedanken zu besetzen.
Das ist verdammt viel Arbeit, weil wir das ja von klein auf schon sehr anders mitbekommen haben. Die dicken Mädchen bleiben allein, die dicken Mädchen haben nur schöne Freundinnen, die sich dann hinter ihrem Rücken lustig machen, dicke Mädchen sind witzig, eventuell auch gescheit, weil der liebe Gott ihnen ja die Schönheit abgesprochen hat und irgendwas wiedergutmachen wollte, dicke Frauen sind zum Pferdestehlen, dicke Frauen sind nicht sexy, sondern haben hauptsächlich männliche Attribute, dicke Frauen dürfen keinen Bikini oder zu kurze Röcke tragen, weil die Gesellschaft das nicht sehen will. Für dicke Frauen in Filmen reicht es oft nur für die Rolle der besten Freundin, auf deren Kosten ein Witz nach dem anderen abgefeuert wird, oder für eine Komödie, in der die dicke Frau es am Ende schafft, endlich so viel abzunehmen, dass sie doch noch einen Mann findet.
Und das macht mich so sauer, weil ich endlich möchte, dass sich diese Sichtweisen ändern. Aber ich habe nun die letzten Jahre gemerkt, dass auch ich mich ändern und meine Sicht verändern muss. Damit meine ich nicht, dass ich denken soll, ich bin nicht dünn, sondern, dass ich anfangen muss zu sagen: Ich bin toll, so wie ich bin.
Aber wenn du schon von klein auf, im Kindergarten, auf der Straße, in der Schule, von der Turnlehrerin immer wieder hörst, du passt nicht rein. Dick sein ist keine Entscheidung, das ist eine körperliche Beschaffenheit. Und dicke Menschen können sehr, sehr sportlich sein, können die tollste Kondition haben und sind vor allem WUNDERSCHÖN. Aber dicke Menschen sind auch nach wie vor unterrepräsentiert in der Medienlandschaft, in Filmen, in der Öffentlichkeit. Die meisten Menschen verbinden mit Dicksein nur eine Schwäche und einen Zustand, den es unbedingt zu ändern und leider auch oft sogar anzufeinden gilt. Das ist unmöglich!
Ich habe längst aufgehört zu zählen, wie oft ich in der U-Bahn schon von unbekannten Menschen – einfach nur im Vorbeigehen, einfach so – als „fette Sau“ beschimpft wurde.
Da kann es innerhalb der gesellschaftlichen Bubble so viele Body-Positivity-Bewegungen geben, wie es möchte, aber es ist nun so, dass sehr viele dünne Menschen dieses Thema auch für sich beanspruchen. Wer kennt es nicht, die Freundin, die wesentlich schlanker und viel mehr den gesellschaftlichen anerkannten Körper hat und dir als dickere Frau erklärt, wie unzufrieden sie mit sich ist und wie viele Speckrollen sie hat.
Das ist als Freundin schwer bis gar nicht zu ertragen. Was selbstverständlich nicht heißt, dass sich ebenfalls dünne oder körperlich der Norm mehr entsprechende Frauen nicht auch oft unglücklich in ihren Körpern fühlen!
Aber ich muss es in dieser Deutlichkeit sagen, ihr kennt das nicht, wie es ist, in einem Laden nicht ein Kleidungsstück in deiner Größe zu finden. Ihr wisst nicht, wie es ist, die Shoppingbegleitung zu sein, die mit hundert Tüten für die Freundin vor der Garderobe steht, während die Verkäuferin zu einem sagt: „Für Sie haben wir hier aber definitiv nichts.“ Ihr wisst nicht, wie das ist, sich zu überlegen, Essen auf die Hand zu kaufen und das auf der Straße zu essen, weil Angst besteht, beschimpft zu werden, ihr wisst nicht, wie es ist, Probenkostüme zu bekommen und die Einzige zu sein, der nichts passt, weil der Fundus nur Größe 32 hergibt. Das alles wisst ihr nicht.
Dass sich jeder Mensch auch unwohl in seinem Körper fühlt und Makel sieht, die für andere nicht ersichtlich sind, ist ja klar. Dieses Empfinden möchte ich selbstverständlich auch niemandem absprechen. Damit diese Bewegung stärker ins Rollen kommen kann, muss sie auch von Menschen getragen werden, die diese Problematik wirklich erleben und tagtäglich damit konfrontiert sind.
Die schlimmste Erfahrung diesbezüglich war für mich Salzburg. Anscheinend haben es viele Menschen als einen irrsinnigen Angriff empfunden, dass ich diese Rolle angenommen habe, als Frau, die für viele Menschen nicht schön genug war, um diese Figur zu spielen. Wie konnte ich mir das nur anmaßen? Ja, ich spreche von der Buhlschaft im „Jedermann“.
Ich habe lange mit mir gerungen, darüber zu schreiben oder zu sprechen. Aber wenn es etwas gibt, das ich bereue und mir vorwerfe, dann, dass ich darüber damals nicht gesprochen habe. Das hätte ich tun sollen.
Aber ich war zu eingeschüchtert, zu angegriffen und vor allem hat etwas ganz tief in meinem Inneren diesen Menschen das Recht gegeben, mich an mir zweifeln zu lassen. Und das möchte ich nicht mehr tun und vor allem möchte ich nicht, dass das jemand noch einmal erleben muss.
„Schön, du siehst so normal aus.“
