Gebieter des Sturms - Thea Harrison - E-Book

Gebieter des Sturms E-Book

Thea Harrison

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Beschreibung

Der Wyr-Krieger Tiago Black Eagle gebietet über die Stürme und ist einer der Mächtigsten seines Volkes. Er soll die hübsche Thistle Periwinkle beschützen, die Erbin des Thrones der Dunklen Fae, nachdem ein Attentat auf ihr Leben verübt wurde. Ihre ätherische Schönheit weckt schon bald ungeahnte Gefühle in dem abgebrühten Krieger Tiago.

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THEA HARRISON

GEBIETER DES STURMS

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Cornelia Röser

Königin, die:

1. die Frau oder Witwe eines Königs

2. eine Monarchin

3. eine Frau von außergewöhnlicher Stellung,

Macht oder Attraktivität, z.B. die Gewinnerin

einer Misswahl (eine Schönheitskönigin)

Königin, die:

1. eine majeåstätische Nervensäge

Niniane Lorelle,

Königin der Dunklen Fae

1

Man ignorierte es nicht, wenn einen der Lord der Wyr per Gebrüll zu sich bestellte, denn in der Regel kündete das von einer mittleren Katastrophe. Man ignorierte es vor allem dann nicht, wenn man einer seiner Wächter war.

Tiago verließ das Starbucks im Erdgeschoss des Cuelebre Towers und joggte durch das nördliche Treppenhaus in den neunundsiebzigsten Stock. Natürlich hätte er den Aufzug nehmen können, doch er fühlte sich eingesperrt und rastlos. Er hätte auch den Coffeeshop durch den Straßenausgang verlassen, sich in seine Wyr-Gestalt verwandeln und auf das Dach des Towers fliegen können, um dann zwei Stockwerke nach unten zu laufen, aber er wollte das Brennen des Aufstiegs in Muskeln und Lunge spüren. Zu sehr nagte der Frust an ihm.

Er mochte moderne Städte nicht und zählte die Minuten, bis er New York hinter sich lassen konnte. Ein regnerischer, feuchter Frühling war schwülen dreißig Grad gewichen, ohne sich mit angenehmen Frühsommertemperaturen aufzuhalten. Der Juni glich eher einem August. Abgase, Bauschutt und Abfälle, Restaurantgerüche, Reinigungschemikalien und all die anderen Ausdünstungen der modernen Menschheit brutzelten in der Luft. Die Gerüche brannten in seiner Kehle und machten ihn reizbar. Er fühlte sich fehl am Platze.

Er gehörte zu jenen uralten Wyr-Wesen, die aufgrund ihrer immensen Lebenserwartung als unsterblich galten. Die Alten unter ihnen waren entweder in dem Schöpfungsfeuer entstanden, aus dem das Sonnensystem hervorgegangen war, oder schon vor so langer Zeit zur Welt gekommen, dass ihre Herkunft sogar ihnen selbst ein Mysterium war. Jahrtausendelang hatten sie in ihren Tiergestalten gelebt, doch als sich die neue Spezies, der Mensch, zu verbreiten begann, lernten die alten Wyr, ihre Gestalt zu verwandeln, um sich unbemerkt unter ihr zu bewegen.

Die Zivilisation war eine Tanzveranstaltung, und zu diesem Ball kamen die uralten Wyr zu spät. Sie legten Masken an und schlüpften mit lautloser, raubtierhafter Anmut in den Ballsaal. Mit scharfen Augen, die in den tiefen Schatten hinter ihren aufgesetzten Fassaden glitzerten, beobachteten sie alles und prägten es sich ein. Sie lernten die Drehungen und den Rhythmus der Tänze ebenso wie die gesellschaftlichen Konventionen, lernten, wann sie sich verbeugen und ihre Lippen auf einen Handrücken drücken mussten und wie man lächelte und Guten Abend, Bitte und Danke und Ja, ich möchte mehr Zucker in meinen Tee sagte.

Die ganze Zeit über registrierten sie den flatternden Puls am Halsansatz der Tänzer, den Schweißgeruch und die beschleunigte Atmung. Sie registrierten diese Dinge, weil sie noch wussten, dass sie Tiere waren, die eine Rolle spielten. Als sie die Sprache lernten, war urwüchsig das erste Wort, das sie verstanden, denn genau das waren sie. Trotz ihrer lächelnden menschlichen Masken waren sie wilde Kreaturen, die ihr Leben mit Zähnen und Klauen zu verteidigen wussten. Sie hatten nicht vergessen, wie der Blutschwall aus einer Halsschlagader strömte, wenn sie ihrer Beute das Leben aus dem Leib rissen.

Die Uralten behielten ihre Verkleidungen und gewöhnten sich an sie, einige mit mehr Charme, Geschick und Vergnügen als andere. Aber sie alle trugen in ihrem Inneren diese unbändige Wildheit und das Bedürfnis, die geheimen, nicht kultivierten magischen Orte dieser Welt zu durchstreifen.

Als die Erde entstand, warfen Zeit und Raum Falten, in denen sich Dimensionsnischen von Anderland bildeten. Dort sammelte sich Magie an, die Zeit lief anders, moderne Technik funktionierte nicht, und die Sonne spendete ein anderes Licht. In den Anderländern und ihrer näheren Umgebung ließen sich viele Angehörige der sogenannten Alten Völker nieder: die Wyr und die Elfen, die Hellen und die Dunklen Fae, die Dämonen und die Nachtwesen, menschliche Hexen und alle möglichen monströsen Kreaturen.

Von Zeit zu Zeit verspürten jene uralten Wyr, die sich der menschlichen Zivilisation angepasst hatten, den Drang, sich aus den modernen Groß- und Kleinstädten zurückzuziehen. Sie wollten ihre menschliche Fassade abwerfen, ein Bad im archaisch silbrigen Sonnenlicht nehmen und sich selbst vergessen, während sie durch die Lüfte flogen oder in das magiegetränkte Grün der ältesten, unberührten Wälder eintauchten. Zwischen diesen Uralten und den jüngeren Wyr gab es einen fundamentalen Unterschied. Die Jüngeren waren in die Zivilisation hineingeboren worden. Sie kamen bereits gezähmt auf dem Ball an.

Tiago war nicht zahm. Er war sogar wilder als die meisten anderen der uralten Wyr. Er brauchte vollen Körpereinsatz, musste sich großen Herausforderungen stellen und sich frei bewegen können. Es war nicht klug, ihn zu lange in der Stadt festzuhalten.

Zweieinhalb Wochen waren vergangen, seit Rune ihn aus Südamerika zurückbeordert hatte, weil Dragos Cuelebre, der Lord des Wyr-Reichs, verschwunden war. Als Tiago gerade in den Staaten ankam, tauchte Dragos mit einer seltsamen Frau wieder auf. Die beiden erzählten eine Geschichte von Diebstahl, Entführung, Magie und Mord.

Seit Tiagos Rückkehr und Dragos’ Wiederauftauchen war eine Menge passiert. Einiges davon war lustig gewesen, zum Beispiel, Dragos’ neue Gefährtin aufzuspüren, als sie – schon wieder – entführt worden war, oder mit von der Partie zu sein, als Dragos endlich seinen Erzfeind Urien, den König der Dunklen Fae, besiegte.

Vergeltung, heiß serviert. Das war eine Party ganz nach Tiagos Geschmack.

Seitdem hatte es für ihn nur noch Aufräumarbeiten und unproduktive Beschäftigungen gegeben. Sichergehen, dass alle Goblins tot waren, die etwas mit der Sache zu tun gehabt hatten. Erledigt. Alle Dunklen Fae aufspüren, die zu Urien gehört hatten, und sie abschlachten. Erledigt. Eier schaukeln und schlafen gehen. Erledigt.

Er erreichte die Tür, auf der in einem Kreis die Nummer 79 aufgemalt war, und stieß sie kräftig auf. Mit großen Schritten lief er über den mit Marmor ausgelegten Flur.

Cuelebre Enterprises war ein multinationales Unternehmen, das eine unanständige Menge Geld einbrachte. Die Firmenangestellten und Mitarbeiter der Wyr-Regierung wurden ausnehmend gut bezahlt. Die Spesenkonten der Wyr-Wächter deckten Kleidung (die gewalttätige Seite des Wächterlebens machte das zu einer beträchtlichen Vergünstigung), Reisen, Nahrung und Waffen ab. Was brauchte ein Kerl mehr? Hin und wieder unterzog Tiago seinen stetig steigenden Kontostand einer gründlichen Prüfung, um sicherzugehen, dass die ganzen Zahlen auch stimmten, doch meistens ignorierte er ihn.

Er erinnerte sich an den Bau des Cuelebre Towers. Die Erfindung der Neutronenbombe, die Katastrophe im Kernkraftwerk Three Mile Island, der Terroranschlag auf die Olympischen Spiele in München und der Bau des Cuelebre Towers waren die wichtigsten Ereignisse der 1970er-Jahre gewesen.

Oh ja, er hatte gut daran getan, sich von diesem Projekt fernzuhalten. Ihm hatte es völlig ausgereicht, um die Welt zu reisen und in Südafrika einen angestaubten kleinen Zauberer zu jagen, zu entmachten und zu töten. Dieser Zauberer hatte eine eigene Armee aufgestellt und eine Schwäche für die Macht entwickelt, die er mit den heiligen Riten von Menschen und Wyr erlangen konnte. Als Tiago nach New York zurückgekehrt war – und er hatte Wert darauf gelegt, sich dabei angemessen Zeit zu lassen –, hatte Cuelebre Tower aus dem Boden aufgeragt und die Skyline der Stadt für immer verändert.

Die Außenfläche des Turms war glatt und glänzend, in ihr spiegelte sich der wechselhafte Himmel, während das Innenleben mit der Extravaganz goldgeäderter türkischer Marmorböden, schimmernder Milchglasleuchten und polierter Messingbeschläge gestaltet war, an strategischen Stellen gekrönt von unschätzbar wertvollen Kunstwerken und Skulpturen. Der gesamte Wolkenkratzer verkündete den Wohlstand und die Macht des Wyr-Lords Dragos Cuelebre.

Diese Errungenschaft hatte nicht nur architektonische oder ökonomische Bedeutung. Sie war mehr als nur ein politisches Statement gegenüber den anderen Alten Völkern. Das Jahr des Tower-Baus war als ein Wunder kollektiver Zusammenarbeit, persönlicher Dominanz und gnadenloser Herrschaft in die jüngere Folklore der Wyr eingegangen. So, wie er die widerspenstigen, explosiven Wyr vor all den Jahrhunderten unter seine Herrschaft gebracht hatte, knüppelte Dragos sie nun in die Moderne und zwang sie zur Fügsamkeit.

Zwar verpassten sich einige der Wyr während der besonders stressigen Zeiten des Tower-Baus und des anschließenden Einzugs von Firmen- und Regierungsbüros eine blutige Nase, doch niemand wagte es, einen Mord zu begehen. Tiago hatte den Wolkenkratzer in der letzten Phase der Einrichtung besichtigt. Alle Wyr waren in ihre jeweiligen Ecken geschickt worden, um ihr zerzaustes Fell oder ihre Federn zu glätten, buchstäbliche und metaphorische Wunden zu lecken, ihre Büros einzurichten und Akten auszupacken. Heute sprach ausnahmslos jeder, der am Bau des Towers beteiligt gewesen war, mit Stolz von jener Zeit – und zwar ohne einen Hauch von Ironie.

Tiago erreichte den Konferenzraum. Es war ein großer Sitzungssaal für Führungskräfte, ausgestattet mit allen Schikanen: schwarze Ledersessel, ein großer, polierter Eichentisch, eine hochmoderne Telefonanlage für Konferenzgespräche sowie mysteriöse Gerätschaften aus schwarzem Metall, bei denen es sich, wie man Tiago erklärt hatte, um Designerkaffeemaschinen für Cappuccino und Espresso handelte. Er erinnerte sich nicht mehr daran, wie man sie bediente. Sobald er kapiert hatte, dass es keine neumodischen Waffen waren, in deren Benutzung die Wächter ausgebildet werden sollten, war ihm das Interesse an dem Gespräch abhandengekommen.

Dragos und alle anderen Wyr-Wächter waren bereits im Konferenzraum. Beinahe wäre Tiago zusammengezuckt, als er sah, dass Dragos’ neue Gefährtin Pia ebenfalls anwesend war. Sie war einfach aus dem Nichts aufgetaucht und spielte jetzt ganz plötzlich eine wesentliche Rolle in Dragos’ Entscheidungsfindung.

Wenn sich Wyr paarten, taten sie es fürs Leben. Es war ein seltenes Ereignis, insbesondere in Anbetracht ihrer außergewöhnlich langen Lebensspannen, und wenn es geschah, war es unwiderruflich. Die Veränderung würde also von Dauer sein. Dragos’ Paarung hatte das Reich der Wyr erschüttert – und ohne Zweifel auch alle anderen Reiche. Die Veränderung gefiel Tiago nicht, aber genauso wie der Rest der Welt würde er sie hinnehmen und sich daran gewöhnen müssen. Dragos, ein gewaltiger, dunkelhaariger Mann mit goldenen Drachenaugen, schritt an einem Ende des Raums auf und ab.

»Wurde auch Zeit«, fuhr ihn der Lord der Wyr an.

Tiago stellte sich in seine übliche Ecke, wo er während der Besprechungen der Wächter die Wand stützte. »Jetzt bin ich doch hier, oder nicht?«

Mit seinen scharfen Ohren hörte er, wie Dragos’ Gefährtin Pia dem Greifen Graydon neben sich zuflüsterte: »Bist du sicher, dass er stubenrein ist?«

Tiago beschloss, sie zu ignorieren, und sah sich erst mal die anderen Personen im Raum näher an. Es waren die üblichen Verdächtigen – bis auf einen. Die vier Greifen, Bayne, Constantine, Graydon und Dragos’ erster Wächter Rune hatten allesamt rötlich-goldbraunes Haar, sonnengebräunte Haut und viele Muskeln. Sie wahrten den Frieden im Wyr-Reich. Die Harpyie Aryal, zuständig für Ermittlungen, saß mit verschränkten Armen und übereinandergeschlagenen Beinen da und wippte mit dem Fuß. Das Mädchen konnte mit dem Begriff Stillsitzen einfach nichts anfangen. Der Gargoyle Grym, Sicherheitschef von Cuelebre Enterprises, saß wie üblich neben Aryal und hatte einen Teil seiner Aufmerksamkeit auf die Harpyie gerichtet. Meistens, wenn sich Aryal mit ihrem ungestümen Temperament in Schwierigkeiten brachte, war Grym zur Stelle, um ihr den Hintern zu retten.

Tiago machte ein mürrisches Gesicht, als ihm bewusst wurde, welche Person nicht dabei war und niemals wieder dabei sein würde. Die Fee Tricks, die bisher die PR-Abteilung von Cuelebre Enterprises geleitet hatte, war lange Zeit ein wesentlicher Bestandteil dieser Gruppe gewesen. Komisch, dass das Fehlen einer einzigen niedlichen, kleinen Fee ein so großes Loch in einem Raum hinterlassen konnte.

Und dann war da noch seine Wenigkeit. Zwar kannten die amerikanischen Indianerstämme ihn in seiner Wyr-Gestalt als gigantischer Donnervogel, doch die meisten bekamen ihn nur in seiner menschlichen Gestalt zu sehen: als eins dreiundneunzig großen, zweihundertfünfzig Pfund schweren Mann. Um seine gewaltigen Oberarmmuskeln wanden sich Stacheldraht-Tattoos, und in das kurze schwarze Haar waren strudelförmige Muster rasiert. Sein Gesicht sah aus, als wäre es mit einem Beil gehauen worden, und er dachte nicht oft daran, zu lächeln. Wenn er es doch tat, schien es in den meisten Fällen ein Grund zur Besorgnis zu sein.

Das zentrale Prinzip seines Lebens sah folgendermaßen aus: Solange er sich dem Kriegsgeschäft widmete, verliefen seine Tage in der Regel überraschend harmonisch. Das hatte einen einfachen Grund. Die Leute neigten dazu, ihm nicht zu widersprechen.

Seit einigen Hundert Jahren war er der Anführer von Dragos’ privater Armee, die gerade größtenteils von einem abgeblasenen Gefecht in Südamerika zurückkehrte. Er hätte mit seinen Soldaten unterwegs sein und sich auf die nächsten Aufträge vorbereiten sollen, anstatt hier in New York auf seinen Händen zu sitzen und sich die Eier zu schaukeln. Scheiße!

Als er den Unmut im Raum schließlich bemerkte, verengte Tiago die Augen. Von allen gingen betrübte Schwingungen aus. Er fragte: »Was ist los?«

Am Ende des Zimmers wendete Dragos und drehte eine weitere Runde. »Tricks ist verschwunden. An ihr Handy geht sie auch nicht.«

Tiago löste sich von der Wand und stützte die Hände in die Hüften. »Sie ist erst seit vier Tagen weg. Was ist passiert?«

Dragos drehte sich zu dem riesigen Flachbildschirm auf der anderen Seite des Raums um und deutete mit einer Fernbedienung darauf. »Ein paar Leute haben das hier bereits gesehen.«

Tiago drehte sich um. Auf dem Flachbildschirm erwachten die MSNBC-Morgennachrichten zum Leben. Der Lauftext am unteren Bildschirmrand zeigte an, dass sie von diesem Morgen stammten. Die Aufzeichnung war erst ein paar Stunden alt.

Eine Reporterin blickte ernst in die Kamera. »Es ist eine Geschichte, wie sie direkt einem Märchen entsprungen sein könnte, so unwirklich klingt sie. Sie hat unsere Fantasie beflügelt, wie Marilyn Monroe einst Herzen auf der ganzen Welt beflügelt hat. Thistle Periwinkle war viele Jahre lang Amerikas Liebling und eine der berühmtesten öffentlichen Personen der Alten Völker. Seit den frühen 1970er-Jahren war sie PR-Sprecherin für Cuelebre Enterprises. Bei Paparazzi und Publikum gleichermaßen beliebt, zierte sie die Titelseiten internationaler Magazine, trat regelmäßig im Fernsehen auf und war einmal in Jonny Carsons Tonight Show zu Gast …«

Tiagos Brauen zogen sich finster zusammen, als Fotos und Filmausschnitte von Tricks gezeigt wurden, während die Reporterin sprach. Die Bilder stammten aus verschiedenen Quellen, und im Laufe der Jahre veränderten sich die Outfits der zierlichen Fee. In diesen wenigen Minuten erfuhr er mehr über sie als in all den Jahren zuvor.

In einem Filmausschnitt trug sie die Haare in einer Mary-Tyler-Moore-Welle. In einem anderen, in dem sie in die Kamera winkte, war ihr dunkles Haar à la Monroe toupiert und aufgetürmt. Im dritten Ausschnitt, aus den 1960ern, trug sie lange Zöpfe, Plateauschuhe und ein gebatiktes Minikleid. Die Zöpfe ließen deutlich ihre zierlichen, spitz zulaufenden Ohren und die langen dunkelgrauen Fae-Augen erkennen, die größer waren als die der meisten Menschen. Er sah ein kantiges Gesicht mit hohen Wangenknochen, einer Stupsnase und vollen Lippen, auf denen meistens ein Lächeln strahlte.

Diese Sache lief in keine gute Richtung. Sein Magen zog sich zusammen. »Warum reden sie in der Vergangenheitsform von ihr?«, wollte er wissen.

Ein paar der anderen Wächter, die sich mit angespannten Mienen auf den Bildschirm konzentrierten, brachten ihn mit einem Schhh! zum Schweigen. Sein Blick wurde noch finsterer, doch er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Aufzeichnung. Nun wurde wieder die Reporterin gezeigt. Sie sagte: »Dann, erst vor wenigen Tagen, wurde Amerika von der Nachricht erschüttert, Urien Lorelle, König der Dunklen Fae, sei bei einem außergewöhnlichen Reitunfall ums Leben gekommen …«

»Außergewöhnlicher Reitunfall«, schnaubte Graydon. »Genau. Er ist mit einem Drachen zusammengestoßen, der ihn in Stücke gerissen hat. Ups!«

Diesmal war Tiago mit von der Partie, als die anderen den Greifen mit einem Schhh! zum Schweigen brachten. Dieser Nachrichtenausschnitt fing gerade an, interessant zu werden.

»… und es wurde enthüllt, dass Thistle Periwinkle in Wahrheit Niniane Lorelle war, die lange verschollene Tochter des verschiedenen Königs Rhian und seiner Königin Shaylee. Niniane Lorelle war lange Zeit für tot gehalten worden, doch sowohl DNS-Tests als auch magische Untersuchungen hatten Thistle Periwinkles Thronanspruch bestätigt. Sie war tatsächlich die Erbin des Throns der Dunklen Fae.« Die Reporterin legte eine dramatische Pause ein. »Nach einer kurzen Unterbrechung zeigen wir Ihnen das bereits berüchtigte Videomaterial, das ein Passant in der vergangenen Nacht mit seinem Handy aufgezeichnet hat. Der Film zeigt einen Vorfall, nach dem drei Dunkle Fae tot sind und von der Thronerbin jede Spur fehlt.

Das Video wurde gestern Abend bei YouTube eingestellt und verbreitet sich sehr schnell. Es erobert das Internet im Sturm und stellt die Polizei von Chicago sowie die Behörden der Fae vor ernsthafte Fragen.

Was ist vergangene Nacht in dieser dunklen Gasse in Chicago wirklich passiert? Ist Niniane Lorelle für den Tod der Dunklen Fae verantwortlich? Wo ist die Thronerbin der Dunklen Fae? Bleiben Sie dran!«

Als Toilettenpapierwerbung den Bildschirm ausfüllte, beherrschte geballte Wut den Raum. »Scheiße«, sagte Dragos, den Blick auf die Fernbedienung gerichtet. »Eine Sekunde.«

Er schaltete auf Schnellvorlauf.

Rune sagte: »Sie hatte recht mit dem, was sie vor ihrem Aufbruch sagte. Wir müssen anfangen, anders über sie zu denken. Wir sollten sie von jetzt an Niniane nennen.«

»Sie muss solche Angst haben«, sagte Pia.

Zweihundert Jahre lang hatte Urien Lorelle mit eiserner Faust über die Gesellschaft der Dunklen Fae geherrscht und sich dabei größtenteils vom Rest der Welt abgeschottet. Tricks – oder Niniane, wie auch immer – war allein losgezogen, um die Vertreter ihrer Regierung zu treffen – Personen, deren Loyalitäten und Motive ihr unbekannt waren.

Tiago schüttelte den Kopf, in ihm brodelte Wut. Mit Gewalt brachte er sie unter Kontrolle, bevor sie ihm entwischen konnte. »Ich habe es euch gesagt, jemand von uns hätte sie begleiten sollen.«

»Es ist sinnlos, diesen alten Streit wieder aufzuwärmen«, sagte Dragos, der ihm einen wütenden Blick zuwarf. »Tr… Niniane und ich haben gemeinsam beschlossen, dass niemand aus dem Reich der Wyr sie begleiten sollte. Andernfalls hätte es so ausgesehen, als würden sich die Wyr in den Machtkampf im Reich der Dunklen Fae einmischen.«

Es gab sieben Reiche der Alten Völker; sie überlagerten die geografische Aufteilung des US-amerikanischen Festlands. Das Wyr-Reich, über das Dragos seit Jahrhunderten herrschte, hatte seinen Sitz in New York, und das Machtzentrum der Elfen lag in Charleston, South Carolina.

Der Reichsmittelpunkt der Dunklen Fae befand sich in Chicago, während die Hellen Fae ihren in Los Angeles hatten. Abgesehen von der geografischen Entfernung und ihren politischen Differenzen unterschieden sich die Dunklen und die Hellen Fae auch durch ihre Farbgebung und die Manifestation ihrer Macht. Die Hellen Fae waren ein blondes, charismatisches Volk mit blauen beziehungsweise grünen Augen, und sie hatten eine Abneigung gegen Eisen. Die Dunklen Fae waren schwarzhaarig, hatten blasse Haut und graue Augen und oft eine Begabung für Metallurgie.

Die Nachtwesen, zu denen alle Arten von Vampyren gehören, herrschten über die Bucht von San Francisco und den Pazifischen Nordwesten, und die menschlichen Hexen, die aufgrund ihrer magischen Kräfte zu den Alten Völkern gezählt wurden, saßen in Louisville. Unter den Dämonen gab es, ähnlich wie bei den Wyr und den Nachtwesen, verschiedene Arten, darunter Goblins und Dschinns. Sie hatten ihren Stammsitz in Houston.

Dragos und die Fee hatten gute Gründe für ihre Entscheidung gehabt. Jedes der Alten Völker wachte eifersüchtig über sein Territorium und das momentane Gleichgewicht der Mächte. Sie würden gewaltsam Einspruch erheben, wenn ein Reich versuchte, die Kontrolle über ein anderes zu übernehmen.

Wie auch immer.

»Das war damals, jetzt ist jetzt«, sagte Tiago.

Dragos nickte und atmete mit einem kräftigen Seufzer aus. »Richtig.«

Tiago rieb sich den Hinterkopf. Unbekannte Empfindungen wirbelten in ihm durcheinander. Niniane hatte fliehen können, als ihr Onkel Urien den Thron der Dunklen Fae in einem blutigen Putsch an sich gerissen und ihre Familie ausgerottet hatte. Sie war direkt zu Dragos gelaufen, hatte um Asyl gebeten und gehörte nun seit fast zweihundert Jahren zum engsten Kreis der Wyr.

Trotz alledem kannte Tiago sie kaum. Die meiste Zeit war er mit Dragos’ Armee unterwegs und in weit entfernte Konflikte verwickelt gewesen. Bei seinen seltenen Besuchen in New York war er ihr in all den Jahren vielleicht zwanzigmal begegnet, meistens in Besprechungen wie dieser. Direkt mit ihr gesprochen hatte er vielleicht ein Dutzend Mal.

Und doch war sie eine von ihnen. Er hatte sich an ihr ansteckendes Grinsen ebenso gewöhnt wie an den sexy Schwung ihres niedlichen kleinen Hinterns, wenn sie mit der Kamera oder echten Lebewesen flirtete. Zorn entbrannte in seinem Inneren, wenn er sich vorstellte, jemand könnte ihr etwas zuleide tun. Sie war so klein und zierlich, gerade mal eins fünfzig groß, und wog mit allem Drum und Dran vielleicht fünfzig Kilo. Und jetzt war sie verschwunden.

Seine Hände ballten sich zu Fäusten.

Dragos drückte grunzend eine Taste. »Da.«

Wie alle anderen blickte Tiago erneut auf den Flachbildschirm.

Die Reporterin erschien wieder im Bild und ließ weiteres Nachrichtengeschwätz vom Stapel. Scheißblabla. Noch mehr sexy Videomaterial von Niniane, die in die Kamera winkte und ihr eine Kusshand zuwarf. Verdammt, ihr Mund war wie für den Playboy-Kanal geschaffen. Gewaltsam rang er den Gedanken nieder und konzentrierte sich wieder auf die wichtigen Dinge.

Niniane war in Begleitung einer Eskorte, bestehend aus irgendeinem Großcousin und mehreren Wachleuten, in Chicago angekommen. Sie hatte eine Besprechung mit einer kleinen Delegation gehabt, die von Kanzler Aubrey Riordan, einem der mächtigsten Regierungsköpfe der Dunklen Fae, geleitet wurde. In einer Penthousesuite im Regent sollte sie mit dieser Delegation ihre Reise ins Anderland der Dunklen Fae vorbereiten, wo ihre Krönung stattfinden sollte. Den Berichten zufolge hatte sie das Hotel am gestrigen Abend mit ihrem Cousin und einer kleinen Eskorte verlassen.

Der übliche Schwarm Paparazzi hatte sich an ihre Fersen geheftet. Nach einer rasanten Verfolgungsjagd hatten die Dunklen Fae sie abgehängt. Was in den folgenden Stunden geschehen war, war unbekannt.

Tiago knirschte mit den Zähnen, während er wütend auf den Bildschirm starrte. Komm verdammt noch mal endlich auf den Punkt!

Und da war er – der verdammte Punkt erstreckte sich über einen 56-Zoll-Plasmabildschirm und allem Anschein nach das gesamte Internet. 1 750 000 Aufrufe um halb zwei Uhr morgens, Tendenz steigend.

Das grobkörnige, schlecht aufgenommene Bildmaterial zeigte eine schmutzige Gasse, wie es sie überall gab, in jeder Stadt der Welt. Das Bild ruckelte. Wer auch immer dieses Video aufgezeichnet hatte, er hätte es beim besten Willen nicht schlechter machen können.

Dennoch war es unverkennbar Niniane in ihrem roten, rückenfreien Kleid, das ihre kompakte, sanduhrförmige Figur betonte. Zwei der Dunklen Fae lagen bereits am Boden. Mit dem dritten war sie in einen Kampf verwickelt.

Der Dunkle Fae traf sie hart in die Rippen. Knurrend entwich Tiagos Atem aus seiner Lunge, als hätte er selbst den Schlag eingesteckt. Das Arschloch mit dem Handy filmte einfach weiter und tat nichts, um ihr zu helfen? Das Bild verwackelte. Scheiße!

Dann wurde es wieder klar. Der letzte Dunkle Fae war am Boden.

Keuchend und zerzaust stand Niniane über ihrem Angreifer, eine Hand auf ihre Seite gepresst. Sie trat auf den leblosen Körper ein. »Ich hasse meine Familie!«, schrie sie. »Ich hasse meine Familie! Ich hasse meine Familie!«

Die nächste Einstellung zeigte wieder die MSNBC-Reporterin, doch Tiago hatte mehr als genug gesehen. Er drehte sich auf dem Absatz zu Dragos um und knurrte: »Beurlaubung.«

Dragos sah ihn an, kein Stück weniger zornig als Tiago selbst. »Gewährt.«

Rune folgte ihm hinaus in den Flur. Als die Tür ins Schloss fiel, wandte sich Tiago zu dem Greifen um.

Alle unsterblichen Wächter trugen eine Art Hochofen aus Energie in sich, der die Luft um sie herum zum Kochen brachte. Dragos’ erster Wächter war so groß wie Tiago, allerdings nicht ganz so massig. Rune war der attraktivste der vier Greifen. Er sah aus wie ein griechischer Gott, der sich als Grateful-Dead-Fan verkleidet hatte. Er trug ein Jerry-Garcia-T-Shirt, das über seiner Brust und dem Bizeps spannte, verwaschene, an den Knien zerrissene Jeans und Stahlkappenstiefel, deren Sohlen auf mehr als einem Wyr-Hintern ihre Spuren hinterlassen hatten. Seine feinporige Haut war von der Sonne gebräunt, und Lachfältchen umgaben seine Augen, die denen eines Löwen glichen. Kameras und Frauen schienen seine ebenmäßigen Züge und sein verwegenes weißes Lächeln gleichermaßen zu lieben, ebenso wie die sonnengebleichte goldbraune Mähne, die ihm bis auf die breiten Schultern fiel und Funken von blassem Gold, Kastanie und poliertem Kupfer in sich barg.

Tiago betrachtete den anderen Wächter mit dem abschätzenden Blick eines Kriegers, der niemals wirklich zur Ruhe kam. Er hatte Rune viele Male in Greifengestalt kämpfen sehen. Als Greif war Rune so groß wie ein SUV und hatte den starken, muskulösen Körper eines Löwen. In beiden Gestalten legte er katzenhafte Gewandtheit an den Tag und strahlte eine Aura gelassener Trägheit aus, die, wenn er provoziert wurde, von einer Sekunde auf die andere in einen brüllenden Angriff umschlagen konnte. In seiner Menschengestalt hatte Rune die schlanken, festen Muskeln eines Schwertkämpfers. Er besaß sowohl Kraft als auch Schnelligkeit, während Tiago beim Kämpfen manchmal breitbeinig dastand, beide Füße fest in den Boden gestemmt, und in der einen Hand eine Streitaxt und in der anderen einen Kriegshammer schwang. Er war dafür bekannt, dass er seine Feinde in Stücke hackte oder sie einfach mit Kraft und unerbittlicher Ausdauer in Grund und Boden stampfte. Im Laufe der Jahrhunderte hatte man ihn als vieles bezeichnet. Subtil hatte nie dazu gehört.

Tiago sagte: »Sprich mit Riehl oder Jamar, sie sollen mich vertreten, bis …«

»T-Bird«, sagte Rune, »mach dir keine Sorgen um die Soldaten. Ich kümmere mich darum, Mann. Ich rufe Tucker in Chicago an, damit bei deiner Ankunft ein Transportmittel und die nötige Ausstattung für dich bereitstehen.«

»Danke!« Tiago warf Rune einen grimmigen Blick zu, den der Greif erwiderte.

Keiner von ihnen sprach aus, was beide dachten. Es konnte unzählige Gründe geben, warum sie seit dem Vorfall nichts von der Fee gehört hatten, und die wenigsten davon waren gut.

»Tricks geht es gut«, sagte Tiago. Das wäre jedenfalls besser so, denn ansonsten würde jemand mächtig dafür büßen müssen.

»Niniane«, sagte Rune.

Ungeduldig zuckte er die Achseln. »Wie auch immer.«

Rune klopfte Tiago auf die Schulter. »Also, finde sie und sorge dafür, dass es ihr weiterhin gut geht!«

»Das werde ich, verlass dich drauf!«

Tiago joggte die Stufen zum Dach des Turms hinauf. Er hob sein Gesicht dem strahlenden Sonnenball entgegen. Mit einem Gefühl unaussprechlicher Erleichterung ließ er seine menschliche Gestalt und die Fesseln der Stadt von sich abfallen und schwang sich in die Luft. Dröhnend schlugen seine gewaltigen Flügel auf und ab, während er in die Höhe stieg, und ein Donnerschlag zerriss den Himmel.

Er wurde eins mit dem ältesten, wahrhaftigsten Teil seiner Seele.

Sein genaues Alter kannte er nicht, aber er erinnerte sich daran, hoch über den Great Plains geflogen zu sein, über riesigen Bisonherden, die das Land kilometerweit bedeckten. Früher war der Bison seine Lieblingsbeute gewesen. Stets hatte er sich aus großer Höhe auf ihn hinabgestürzt, ein mörderischer Götze, der über die auserwählte Bestie herfiel und ihr Rückgrat zerschmetterte. Der Rest der Bisonherde stob in Panik davon und ließ ihn unter einem kolossalen türkisfarbenen Himmelsbassin in friedlicher Einsamkeit zum Fressen zurück, während der Wind Wellen durch das endlose Meer aus Präriegras zog.

Viele Indianerstämme kannten ihn als den Gebieter über Blitz und Donner, der leicht zu erzürnen war und Krieg mit sich brachte, doch in Wahrheit war er nur Gast auf der Erde. Er brach zu einem tagelang andauernden Flug auf und verfiel in einen zwanghaften Fluchttrieb, während er unter dem flimmernden Schatten seiner gigantischen, ausgebreiteten Flügel Ozeane und Kontinente vorüberziehen sah.

Als seine Neugier ihn schließlich zur Landung trieb, nahm er zum ersten Mal eine andere Gestalt an, um in einem Land voll goldener Wüstentempel und prunkvoller Königsgräber, umgeben von Totenstädten, unter den Menschen zu wandeln. Die Menschen siedelten sich an einem leuchtend grünen, fruchtbaren Streifen Land an, der dem gewundenen Lauf eines Flusses folgte, wie sich die Falten eines Seidenkleids an die Rundungen einer üppigen Frau schmiegen.

In der Zeit des Alten Reichs Ägyptens mischte er sich kurz unter ein kleines, intelligentes Volk, das in den Pyramidentexten über ihn schrieb. Die Menschen beteten seine geflügelte Gestalt an und nannten ihn den Gott des Windes. Sie sagten, er bringe den Atem des Lebens mit sich.

Das Volk von Ägypten bot ihm alles, was sich ein menschliches Wesen wünschen konnte, aber er war kein Mensch. Sie wollten ihn mit Gaben aus Gold, mit den Ketten der Anbetung, mit Sex und Macht an sich binden, aber er wollte sich nicht anketten oder festhalten lassen. Erst als die große geflügelte Schlange Cuelebre ihn einfing, ihn zu Boden drückte und mit geduldiger Schmeichelei und listigem Intellekt von ihrer Vision einer vereinten Wyr-Nation erzählte, erklärte er sich bereit zuzuhören.

Die ältesten Wyr stellten für Cuelebre eine eindrucksvolle Herausforderung dar. Er konnte sie nicht mit dem Knüppel unter seine Herrschaft zwingen und dann darauf hoffen, ihnen später in hohen Regierungspositionen vertrauen zu können. Deshalb musste er sie mit Überzeugungskraft auf seine Seite bringen und sie fragen, ob sie gemeinsam mit ihm eine Wyr-Nation erschaffen wollten. Cuelebre redete auf Tiago ein, bis dieser einsah, dass Wachstum für die Menschen und die Alten Völker gleichermaßen unausweichlich war. Der Tanz der Zivilisationen hatte zu einem unaufhaltsamen Walzer um die ganze Welt angesetzt.

Tiago musste zu diesem Walzer tanzen. Wenn sich die Welt veränderte, musste auch er sich verändern, sonst würde er bedeutungslos werden. Und er wollte bei der Neugestaltung der Welt weder degradiert noch ausrangiert werden.

Aus diesem Grund hatte er vor langer Zeit zugestimmt, in einer manchmal zänkischen, gemeinschaftlichen Partnerschaft mitzuarbeiten. Er musste sich eingestehen, dass er dadurch nichts von sich selbst eingebüßt, sondern etwas dazugewonnen hatte und seine Fähigkeiten zum größten gegenseitigen Nutzen einsetzte.

Er war ein Kriegsherr. Für die antiken Völker war er der Gott des Sturms und der Blitze gewesen, ein Prinz des Himmels.

Er war Wyr.

2

Motel 6 war gar nicht so übel. Es war sogar auf polyesterartige Weise süß.

Natürlich war es nicht das Regent oder das Renaissance oder das Ritz-Carlton. Aber der Rezeptionist war gelassen und desinteressiert, die Preise waren erschwinglich, und was am wichtigsten war: Es gab Raucherzimmer. Volltreffer.

Einerseits gab es weder Zimmerservice noch diese niedlichen kleinen Schnapsfläschchen in einem Minikühlschrank. Andererseits gab es auch keine Attentate und keine ausstehende Krönung. Hm! Niniane fragte sich, ob die Zimmer auch jahresweise vermietet wurden.

Sie hinkte in ihr Zimmer, zog ihre neue Sonnenbrille ein Stück nach unten und wagte über den Rand hinweg einen langen, vorsichtigen Blick auf die Szenerie. Die warme Nachmittagssonne grillte den Asphalt auf dem Motel-Parkplatz, und ein böiger Wind verwirbelte Schmutz und Abgase zu einer Giftsuppe. Das Motel lag an einer Autobahnabfahrt, in der Nähe gab es einige Fast-Food-Restaurants, Tankstellen und eine Walgreen-Drogerie. Der Verkehrslärm dröhnte konstant im Hintergrund, doch er sollte nicht zu sehr stören, wenn sie die Tür erst einmal geschlossen hatte.

In der unmittelbaren Umgebung des Hotels konnte sie nichts Ungewöhnliches hören oder sehen, und ihre Augen und Ohren waren, ebenso wie ihre Empfindsamkeit für Magie, übermenschlich scharf. Sie beabsichtigte keine gründlichere Untersuchung. Ein visueller Check von der Tür aus musste reichen.

Nachdem sie die Tür geschlossen und die Sicherheitskette vorgelegt hatte, streifte sie als Erstes ihre Schuhe mit den zehn Zentimeter hohen Absätzen ab. Oh, danke, Gott der Füße! Sie legte ihre Sonnenbrille auf den Fernseher. Das Doppelzimmer war beige gestrichen oder tapeziert. Die hellen Tagesdecken auf den Betten waren in einem durchdringenden Orange gemustert. Es gab ein Fenster hinter kurzen, schweren Vorhängen, die über einem langen, schmalen Klimagerät an der Wand hingen, sowie einen einfachen Tisch und einen Stuhl, die an die Wand geschoben waren. Sie ließ ihre Einkaufstüten auf das nächstbeste Bett fallen, hinkte zur Klimaanlage hinüber und drehte sie voll auf.

Seit Dragos ihren Onkel Urien getötet hatte, war ihr Leben beim Teufel. Oh, Urien hatte sterben müssen, keine Frage. Sie war , dass er tot war. Sie wünschte nur, es wäre erst ein paar Jahrzehnte später dazu gekommen. Und diese Sache, dass sie die nächste Königin der Dunklen Fae werden sollte? Sie war einfach nicht in der Stimmung.

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