Die Augen der Medusa - Thea Harrison - E-Book

Die Augen der Medusa E-Book

Thea Harrison

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3,99 €

Beschreibung

Ein Muss für alle Fans der Elder-Races-Serie der Erfolgsautorin Thea Harrison: Als Gerichtsmedizinerin kennt sich die Medusa Seremela Telemar mit den Gefahren, die da draußen lauern, bestens aus. Daher ist ihre Sorge groß, als ihre Nichte plötzlich fortläuft - nach Devil’s Gate, einer wilden und gesetzlosen Stadt, die im Zuge des modernen Goldrauschs entstanden ist. Seremela setzt alles daran, das rebellische Mädchen zu finden, bevor ein Unglück geschieht. Hilfe erhält sie dabei von dem Vampyr Duncan Turner, der schon lange ein Auge auf die schöne Medusa geworfen hat ... Diese Kurzgeschichte ist außerdem zusammen mit "Das Herz des Wolfes", "Die Stimme der Jägerin" und "Die Verlockung der Assassine" in der Anthologie "Berührung der Dunkelheit" erschienen.

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Seitenzahl: 142

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

1 - Opfer

2 - Gesetz

3 - Der Tanz

4 - Tod

5 - Die Tiefen

6 - Liebe

7 - Herd

Die Autorin

Die Romane von Thea Harrison bei LYX

Impressum

Titel

THEA HARRISON

DIE AUGEN DER MEDUSA

Ins Deutsche übertragen

von Cornelia Röser

Zu diesem Buch

Als Gerichtsmedizinerin kennt sich die Medusa Seremela Telemar mit den Gefahren, die da draußen lauern, bestens aus. Daher ist ihre Sorge groß, als ihre Nichte plötzlich fortläuft – nach Devil’s Gate, einer wilden und gesetzlosen Stadt, die im Zuge des modernen Goldrauschs entstanden ist. Seremela setzt alles daran, das rebellische Mädchen zu finden, bevor ein Unglück geschieht. Hilfe erhält sie dabei von dem Vampyr Duncan Turner, der schon lange ein Auge auf die schöne Medusa geworfen hat …

1

Opfer

Seremela Telemar lehnte in der Balkontür ihres Hochhausapartments und blickte aufs Meer hinaus. Tropische Feuchtigkeit strich über ihre Haut. Gleich nachdem sie nach Hause gekommen war, hatte sie die Tür zum Balkon geöffnet und ihre Arbeitskleidung gegen eine kurze Jeans und ein Tank-Top getauscht.

Das Wetter in Miami war wie Bluesmusik. Es erinnerte sie an die Stimme der Sängerin Nina Simone – dunkel und heißblütig mit einer Spur Bitterkeit und überraschenden Brüchen. Gewaltige und mürrische Wolkenberge brodelten über dem aufgewühlten Wasser und verdeckten die Sonne, während schwerer Regen herabfiel. Fehlte nur noch ein schwermütiger Mann im Bogart-Anzug, der in einem verlassenen Hotel am Klavier saß und die Finger über die elfenbeinfarbenen Tasten gleiten ließ.

Eine ihrer Kopfschlangen strich über Seremelas Schulter und hob den Kopf, um sie neugierig mit ihren Juwelenaugen anzusehen. Mit der schmalen Zunge kostete das Tier die sturmschwere Luft. Seremela stupste es sanft an den Kiefer, woraufhin es näher heranglitt und seine winzige Wange an ihre schmiegte. In anderer Stimmung hätte sie darüber gelächelt, nicht aber an diesem Morgen.

Würde sie es wirklich schon wieder tun?

Ja.

Ja, das würde sie.

Sie seufzte, dann schaltete sie ihr Handy ein, drückte die Schnellwahltaste und hielt sich das Gerät ans Ohr. Am anderen Ende meldete sich eine nervöse Stimme. »Serrie?«

»Ja«, sagte sie zu ihrer Schwester Camilla. »Ich werde sie abholen.«

»Oh, den Göttern sei Dank«, sagte Camilla inbrünstig.

»Es sind wohl nicht die Götter, bei denen du dich bedanken solltest«, gab Seremela zurück.

»Natürlich nicht!«, rief Camilla. »Danke, Serrie! Du weißt, wie viel mir das bedeutet. Ich habe überhaupt keinen Einfluss mehr auf Vetta – nie hört sie auf mich, wenn ich etwas sage, und ich weiß genau, was passiert, wenn ich selbst versuche, sie nach Hause zu holen. Dann ist am Ende wieder alles meine Schuld, und wir streiten stundenlang – und Vetta wird es so öffentlich wie möglich abziehen, nur um mich zu demütigen, weil sie weiß, wie sehr ich öffentliche Streitereien hasse …«

»Camilla.« Seremelas Ton war so scharf, dass er ihrer Schwester das Wort abschnitt. Als die andere Frau verstummt war, sagte Seremela: »Du musst mir jetzt gut zuhören.«

»Natürlich. Alles, was du willst«, sagte Camilla eilig.

»Das ist das letzte Mal, dass ich alles stehen und liegen lassen kann, um deine Probleme zu lösen und deine Fehler auszubügeln.«

Camillas Ton wurde vorsichtiger. »Wie meinst du das, das letzte Mal?«

»Ich kann nicht immer mein eigenes Leben in die Warteschleife stellen, wenn bei dir irgendetwas schiefläuft oder du einen Streit mit Vetta hast, den ihr nicht selbst beilegen könnt. Gerade habe ich einen neuen, sehr anspruchsvollen Job angenommen. Meine Arbeitgeber sind wunderbare Leute, und sie sind wirklich nett zu mir, aber manche Sachen kann ich einfach nicht von ihnen erwarten. Und dazu gehört auch unbefristeter Urlaub von jetzt auf gleich.«

Camillas Stimme wurde kalt. »Sie ist deine Nichte. Ich dachte, es wäre dir wichtig, was aus ihr wird.«

Seremela unterdrückte ihre Wut. Jetzt kam die Schuldgefühl-Nummer, aber das war immer so, wenn Seremela nicht tat, was Camilla wollte, oder nicht sagte, was sie hören wollte. Bei allen alten Völkern waren Kinder eine Seltenheit, und seit Camilla es geschafft hatte, Vetta zur Welt zu bringen, hatte sie einen etwas verzerrten Blick darauf, was ihr die Welt dafür schuldig war, dass sie dieses kostbare Wunder vollbracht hatte.

»Natürlich liebe ich euch beide«, sagte Seremela. »Und mir ist wichtig, was aus euch wird. Deshalb habe ich ja zugestimmt. Aber sie ist deine Tochter, und ich muss dir darin recht geben, dass sie dir entglitten ist. Du musst einen Weg finden, die Dinge selbst mit ihr zu klären. Du brauchst eine Therapie, Camilla. Nicht nur für dich, sondern auch für Vetta.«

»Ich muss jetzt los«, sagte Camilla.

Seremela verdrehte die Augen. »Na klar.« Ihre Worte kamen zu spät, an ihrem Ohr erklang bereits das Freizeichen. Camilla hatte einfach aufgelegt.

Sie widerstand dem Drang, ihr iPhone wegzuschleudern, und rief stattdessen noch einmal ihre beruflichen E-Mails ab. Immer noch keine Antwort von ihren neuen Arbeitgebern Carling und Rune.

Allerdings hatte sie den beiden auch vorhin erst geschrieben, als sie ins Büro gegangen war, um ihren Schreibtisch für die Beurlaubung vorzubereiten. Bedaure zutiefst, familiärer Notfall, Auszeit von der Arbeit, melde mich bald, blablabla. Im Laufe der Jahre hatte sie schon so viele dieser Schreiben verfasst, dass sie sie im Schlaf aufsetzen konnte.

Wie oft hatte sie sich schon auf dem Altar von Camillas Bedürftigkeit geopfert? Sie atmete hörbar aus. Zu oft, um es zu zählen.

Wenn sie von Camilla erwartete, Verantwortung für sich und ihr Leben zu übernehmen, musste Seremela das Gleiche tun. In all den Jahren hatte sie Camillas Verhalten unterstützt. Jetzt war es an der Zeit, dass sie ihre Energie darauf konzentrierte, sich selbst ein neues Leben aufzubauen.

Schließlich war genau das der Sinn ihres Umzugs nach Miami gewesen: einen neuen Job anzunehmen und sich medizinischen Forschungen zu widmen, die sie wirklich interessierten. Sich ein neues Leben aufzubauen, neue Chancen zu nutzen, ihren Horizont zu erweitern. Es war noch nicht zu spät, um aus ihrem behüteten akademischen Schneckenhaus auszubrechen.

Die kleine giftige Stimme ihres Widersachers flüsterte: Bisher hast du doch nur im Seminarraum und im Labor Selbstvertrauen entwickelt. Wenn du nicht gerade einen Vortrag über eine obduzierte Leiche hältst, verwandelst du dich in eine unbeholfene Idiotin. Schon seit Jahren – Jahrzehnten sogar – hat dich niemand mehr um ein Date gebeten, und du findest so gut wie nie neue Freunde. Du wirst niemals eigene Kinder haben und bist in deinen Gewohnheiten festgefahren. Du beginnst dein neues Leben mit deinem alten Ich. All deine alten Probleme und Schwächen sind mit dir umgezogen, wie willst du also wirklich etwas verändern?

Müde rieb sie sich die Stirn. Medusen glaubten, dass jede Medusa mit einem Tropfen Gift in ihrer Seele geboren wurde. Aus diesem Gift entstand ihr innerer Widersacher, die dunkle Stimme, die ihr Zweifel und Ängste einflüsterte. Die Stärke einer Medusa bemaß sich daran, wie gut sie sich gegen diesen Widersacher zur Wehr setzen konnte. Seremela bemühte sich, die negative Stimme zu überwinden, aber ihr Widersacher hatte eine Menge Munition gegen sie in der Hand.

Sie zwang sich, ihre Konzentration auf die Aufgabe zu lenken, die vor ihr lag. Es hatte keinen Sinn, sie vor sich herzuschieben, indem sie so tat, als würde sie auf Antwort von ihren Chefs warten. Wenn es um familiäre Notfälle ging, waren viele Arbeitgeber äußerst verständnisvoll – jedenfalls beim ersten Mal. Und Carling und Rune waren viel besser als die meisten anderen Arbeitgeber. Sie hatten keine Mühen gescheut, Seremela zu zeigen, wie wichtig sie ihnen war.

Seufzend warf sie ihr Handy auf den Couchtisch und fing an, ihr Handgepäck zu packen. Wenn sie Vetta fand, würde sie dem Mädchen den Hals umdrehen, ehrlich. Dann hätte sie Ruhe vor allen Folgen künftiger Auseinandersetzungen und Streitigkeiten. Es würde Camilla nicht von ihrer Hilfsbedürftigkeit kurieren und Seremela auch kein Leben außerhalb der Arbeit verschaffen, aber das war in Ordnung – es würde ihr die nötige Luft verschaffen, sich um den Rest zu kümmern. Jede Menge herrlicher frischer Luft.

Es klopfte an ihrer Apartmenttür. Vor Überraschung schlossen sich ihre Nickhäute, und sie verharrte – BHs in der einen Hand, Slips in der anderen. Sie ließ die duftige bunte Unterwäsche in ihren Koffer fallen, eilte zur Tür und blickte durch den Spion.

Vor der Tür stand ein dunkelhaariger Mann, der aussah, als wäre er gerade einer Ausgabe des GQ-Magazins entsprungen. Er stand in lockerer Haltung da, beide Hände in den Taschen seines handgenähten Leinen-Sommeranzugs, die Jacke aufgeknöpft. Die teure Linienführung seiner maßgeschneiderten Kleidung betonte seinen schlanken, wohlgeformten Körper. Seidig fiel ihm das dunkle Haar in einem stufigen Messerschnitt in die Stirn, als wäre er gerade mit den Fingern hindurchgefahren. Seine Augen waren so dunkel wie seine Haare und funkelten vor Intelligenz. Im Kontrast dazu hatte seine Haut die helle Elfenbeinfärbung eines Mannes, der nie das Sonnenlicht sah. Denn wenn er es täte, würde er sich in einer lodernden Flamme in nichts auflösen.

Duncan Turner, international berühmter Anwalt und jüngster Zögling eines der mächtigsten Vampyre der Welt, stand vor ihrer Tür? Mitten am Vormittag?

Nachdem ihre Nickhäute einmal losgelegt hatten, hörten sie nicht wieder auf. Sie öffneten sich. Schnappten wieder zu. Wieder auf. Wieder zu. Es war die Medusen-Variante eines nervösen Schluckaufs.

Sie warf den Kopf zurück und rieb sich hastig die Augen, damit das aufhörte. Als sie wieder etwas sehen konnte, stellte sie fest, dass einige ihrer Schlangen versuchten, durch den Spion zu spähen, und sich dabei gegenseitig aus dem Weg schoben.

Hektisch raffte sie die Schlangen zusammen, doch sie glitten ihr immer wieder aus den Händen und versuchten, zum Spion zu gelangen. Dates konnte sie sich abschminken. Und deshalb spiele ich auch nicht Poker, dachte sie. Ich habe einfach zu viele verräterische Anzeichen, und sie sind alle so verdammt eigensinnig.

Wieder klopfte Duncan an die Tür. Das Geräusch ließ sie zusammenfahren. »Seremela?«, rief er. »Bist du zu Hause?«

Sogar durch die Tür ließ sein volltönender Bariton ihr einen Schauer über die Haut rieseln. Von ihrer Aufregung angesteckt ringelten sich die Schlangen wild durcheinander.

Hört auf damit, Himmeldonnerwetter, schalt sie telepathisch. Laut sagte sie: »Ja, ich … ich bin zu Hause! Einen Moment. Ich bin gleich da.«

Jetzt versuchten alle Schlangen durch die Tür zu spähen. Sie wussten, dass Duncan da draußen war. Und sie mochten Duncan. Sehr sogar.

»Beruhigt euch jetzt, verdammt!«, zischte sie.

Wie üblich ignorierten die Schlangen sie. Einige ältere Medusen waren berühmt für ihre Kontrolle über ihre Kopfschlangen, und alles, was sie taten oder sagten, war eine anmutige Symphonie koordinierter Bewegungen.

Auf Seremela traf das nicht zu. Oh nein. Ihre Schlangen hörten nie auf ein Wort, das sie sagte, und die Hoffnung, die Tiere jemals wirklich zu kontrollieren, hatte sie längst aufgegeben. Sie waren wie ein Rudel schlecht erzogener Pudel.

»Seremela?«, fragte Duncan.

Er klang … vielschichtig. Aber andererseits klang er immer vielschichtig, die Töne und Nuancen seiner Stimme überlagerten einander wie bei einem guten alten Wein. Er war ein Meister der Zwischentöne und einer der intelligentesten juristischen Köpfe der Welt und … und sie bewunderte ihn so sehr, dass sie sich völlig verkrampfte.

Und dabei war es nicht gerade hilfreich, dass er eine faszinierend schöne Stimme hatte – wie der Schauspieler Alan Rickman oder Liam Neeson. Inzwischen trat Duncan nur noch selten vor Gericht auf, aber wenn er es tat, reisten Anwälte, Richter und andere Juristen aus Reichen in der ganzen Welt an, nur um ihn reden zu hören.

Im Augenblick klang er halb belustigt, halb besorgt.

»Es ist alles in Ordnung«, rief sie hinaus, eine Hand flach an die Tür gelegt. Was eine ziemlich dumme Äußerung war, besonders in Anbetracht ihres familiären Notfalls. Am liebsten wäre sie wieder ins Bett gekrochen und hätte sich die Decke über den Kopf gezogen. Über alle Köpfe. »Du hast mich nur überrascht. Warte kurz.«

»Lass dir Zeit«, sagte er.

Seine Stimme. Bei allen Göttern, wahrscheinlich könnte er sie zum Orgasmus bringen, indem er einfach nur redete.

Dieser Gedanke half ihr nicht gerade, eine gefasste Haltung anzunehmen oder die aufgeregten kleinen Kopfmonster zu beruhigen. Sie warf die Hände in die Luft, sauste durch ihr Apartment und wieder zurück ins Schlafzimmer, wo sie sich einen Schal schnappte und ihn vom Hinterkopf aus mit schnellen, geübten Bewegungen um ihre Schlangen wickelte.

Die normale Lebenserwartung einer Medusa betrug vierhundertfünfzig bis fünfhundert Jahre, und je älter sie wurden, desto länger und giftiger wurden ihre Schlangen. Bei Babys und kleinen Kindern waren die Tiere so groß wie ihre Finger, und ihr Biss war so lästig wie ein Moskitostich, während die Schlangen von alten Medusen oft zwanzig, dreißig Zentimeter über den Boden schleiften. Ein einziger Biss einer Schlange von einer Älteren konnte einen ausgewachsenen Menschen schwer krank machen, und mehrere Bisse bedeuteten für Angehörige vieler Völker fast immer den sicheren Tod.

Seremela war in den späten mittleren Jahren, fast dreihundertachtzig Jahre alt, und ihre Schlangen reichten ihr bis über die Hüften. Bisher hatte sie sich noch nie so stark bedroht oder verängstigt gefühlt, dass sie ihre Schlangen veranlasst hätte, jemanden zu beißen.

Sie zog die wuselnde Masse über ihre Schulter nach vorne und arbeitete sich schnell bis nach unten durch.

Die Schlangen wollten sich nicht in den Schal wickeln lassen – es war, als wollte man Kinder zum Mittagsschlaf hinlegen – und wurden dabei immer aufgewühlter, bis Seremela sie endlich alle wohlig eingepackt hatte und wieder über ihre Schulter schob. Sobald die Schlangen an einem warmen, dunklen Ort verstaut waren, kamen sie zur Ruhe, und als Seremela aus dem Schlafzimmer trat, spürte sie, dass sie eingeschlafen waren.

Sie atmete tief durch und beeilte sich, die Tür zu öffnen. Duncan, der sich während der Wartezeit im Korridor umgesehen hatte, drehte sich schnell zu Seremela um. Mit dunklen, klugen Augen sah er sie eine Weile an, und die offene Besorgnis in seinem Blick ließ ihr die Wärme in die Wangen steigen.

Sie öffnete die Tür ein Stück weiter, weniger aus Gastfreundlichkeit, als um einen Grund zu haben, vor seiner durchdringenden, allzu aufmerksamen Betrachtung zurückzuweichen. Aber immerhin brachte sie es fertig, »Komm doch bitte rein« zu sagen.

»Danke.« Die Hände noch immer in den Taschen, schlenderte Duncan in ihr Apartment.

Bei seinem Anblick bekam sie einen trockenen Mund. In mancherlei Hinsicht sah er so normal aus. Mit etwa einem Meter achtundsiebzig war er nur wenige Zentimeter größer als Seremela, und sie war nicht gerade riesig. Er hatte einen eleganten, kompakten Körperbau, und in seinen Bewegungen lag etwas Einzigartiges, nicht Greifbares, eine messerscharfe, leise Intelligenz, die seinen ganzen Körper durchströmte.

Alle Vampyre besaßen diese fließende, unmenschliche Anmut, aber nicht alle hatten eine solche Wirkung auf Seremela. Sie zog den Kopf ein und schloss die Tür. Als sie sich zu ihm umdrehte, sah sie, dass er sie wieder eingehend musterte. Das machte sie noch unsicherer, und ihr wurde nur allzu deutlich bewusst, wie viel nackte Haut ihre Shorts und der dünne Stoff ihres knappen roten Tank-Tops enthüllten. Ihre Zehennägel waren in einem leuchtenden, gewagten Limettengrün lackiert. Sie blickte an ihren nackten Beinen hinab und dann wieder zu Duncan.

Hätte sie doch nur ihre Arbeitskleidung an und einen Tisch mit einem aufgeschnittenen Leichnam zwischen ihnen. Dann hätte sie gewusst, was sie sagen und wie sie sich verhalten sollte.

Aber irgendwo musste sie schließlich anfangen. »Ich hatte keinen Besuch erwartet«, sagte sie.

»Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass ich unangekündigt vorbeigekommen bin«, sagte er.

Wie ein unsichtbares Streicheln glitt seine Stimme über ihre Haut. Ein Schauer überlief sie, als ihr die Bilder aus ihrem regnerischen Tagtraum von vorhin wieder in den Sinn kamen: Duncan, im Bogart-Anzug, lässt seine langen, geschickten Finger über die Tasten eines Klaviers gleiten, er hält den dunklen Schopf gesenkt und hat einen melancholischen Ausdruck im Gesicht. Dann betritt sie das Zimmer. Voll stürmischer Freude sieht er zu ihr auf – und sein Blick sagt ihr, dass es außer ihnen beiden niemanden auf der Welt gibt …

Mit einem heftigen Aufprall kehrte die Realität zurück. Gnah. Wo waren sie stehen geblieben? Oh, er hatte etwas gesagt. Das hieß wohl, dass sie jetzt an der Reihe war, richtig? Oh Mann, wo waren die Leichen, wenn man sie am dringendsten brauchte? Sie suchte nach einer passenden Antwort. »Nein, natürlich nicht.«

Sein Blick war an ihrem Kopf hängen geblieben, mit einem kleinen, ernsten Lächeln sah er sie an. »Schade, dass die kleinen Schlingel heute versteckt sind.«

Angenehm berührt fasste sie sich mit unsicheren Fingern an den Hinterkopf. Die meisten fürchteten sich vor den Schlangen einer Medusa oder fühlten sich von ihnen abgestoßen, weshalb viele Medusen im Laufe der Geschichte verfolgt und umgebracht worden waren. Das berühmteste Beispiel für den Mord an einer Medusa stammte aus dem alten Griechenland: Damals hatte Perseus eine Frau geköpft, die angeblich so hässlich gewesen war, dass ihr Anblick Menschen in Stein verwandeln konnte.

Aber Duncan war nicht wie die meisten. Er schien ihre Schlangen zu mögen und hatte mit nachsichtiger Erheiterung reagiert, als sie auf Carlings und Runes Maskenball zur Wintersonnenwende mit ihm geflirtet hatten.

Ihre Schlangen hatten überhaupt kein Problem mit gesellschaftlichen Anlässen – nicht, dass sie sich dabei jemals angemessen verhalten würden.