Das Versprechen des Blutes - Thea Harrison - E-Book

Das Versprechen des Blutes E-Book

Thea Harrison

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Beschreibung

Trotz ihrer Schwangerschaft begibt sich Pia Giovanni, die Lebensgefährtin des Wyr Dragos, auf eine weite Reise, um mit den Elfen zu verhandeln. Doch als die Gespräche zu scheitern drohen, geraten nicht nur Pia und ihre Liebe zu Dragos in große Gefahr, sondern auch das Volk der Wyr selbst.

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THEA HARRISON

Das Versprechen des Blutes

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Cornelia Röser

Zu diesem Buch

Vor kurzem haben sich die Wyr Pia und der Drachengestaltwandler Dragos als Seelengefährten gefunden. Jetzt ist Pia schwanger – und befindet sich auf einer brisanten Mission: Da Dragos das Grenzabkommen mit dem Elfenreich gebrochen hat, ist Pia nun unterwegs, um diese Angelegenheit aus der Welt zu schaffen und die Beziehungen zwischen den Wyr und den Elfen ins Reine zu bringen. Dragos trennt sich allerdings nur sehr widerwillig von seiner Geliebten, weiß er doch, dass Pia sich in die Hände seiner Erzfeinde begibt! Und der Anführer der Wyr soll Recht behalten: Kaum im Anderland angekommen, bemerkt Pia, dass seltsame Dinge vor sich gehen. Sie spürt eine dunkle magische Energie, doch als die Wyr der Sache auf den Grund gehen will, tappt sie in eine Falle. Dragos, der seine Gefährtin nicht mehr erreichen kann, ahnt Schlimmes und macht sich unverzüglich auf den Weg, um Pia zu retten. Doch es scheint zu spät: Ein mächtiger Feind erhebt sich, der nicht nur Pia und ihr ungeborenes Kind bedroht, sondern die ganze Welt ins Unglück stürzen könnte …

1

Obwohl sie es grässlich fand, so melodramatisch zu sein, war es doch die Wahrheit: Dragos und New York hinter sich zu lassen, fiel Pia so schwer wie kaum etwas zuvor.

Gab es etwas noch Grässlicheres? Oh ja. Es war ihre eigene Idee gewesen, zu gehen. Sie hatte dafür gekämpft – laut, lang und stimmgewaltig.

Und das Allergrässlichste war: Sie konnte nicht mal so tun, als würde sie alle Probleme hinter sich lassen. Das tat sie nämlich nicht. Die Probleme begleiteten sie in einem hübsch abgestimmten Reiseset, weil sie natürlich mit einem Haufen Irrer unterwegs sein musste.

Gerade erst hatte sie sich an den einen Haufen Irrer, die Wyr-Wächter, gewöhnt. Nicht alle mochten sie, aber die meisten hatten sie akzeptiert, mehr oder weniger. Sie bildete sich sogar ein, dass ein paar von ihnen sie wirklich gern hatten, und das beruhte auf Gegenseitigkeit – auch wenn sie in Pias Augen allesamt hochoffiziell verrückt waren. Allerdings war sie sich ziemlich sicher, dass die anderen das Gleiche über sie dachten.

Jetzt musste sie sich mit einem völlig neuen Haufen auseinandersetzen. Alle waren sie frisch und energiegeladen, wohingegen Pia einfach nur verdammt müde und so zickig war, dass sie den Leuten grundlos den Kopf abreißen wollte.

Das würde ihr bestimmt ein paar Pluspunkte einbringen.

Drei Irre fuhren zusammen mit ihr in einem schwarzen Cadillac Escalade. Drei weitere folgten ihnen in einem anderen, ebenfalls schwarzen Escalade. Illegalerweise hatten die beiden SUVs sogar das gleiche Nummernschild und waren auch sonst in jeder Hinsicht praktisch identisch – für den Fall, dass sich die Gruppe aufteilen, und der eine SUV als Lockvogel herhalten musste. Der andere wäre derjenige, in dem Pia gerade innerlich angespannt saß.

In dem Escalade hinter ihnen saßen Miguel, Hugh und Andrea. Miguel hatte nussbraune Haut und dunkle Haare, einen strammen Körper mit schlanken Muskeln und scharfe Augen, die unablässig durch die Umgebung schweiften. Hugh war knochig und eher unauffällig. Er hatte große Hände, einen leicht surrenden schottischen Akzent und eine schläfrige Art, die Pia ihm nicht eine Sekunde lang abkaufte – wenn er nämlich wirklich so schläfrig und langsam wäre, würde er sie nicht begleiten.

Andrea sah aus der Entfernung ziemlich genau so aus wie Pia, was beabsichtigt war. Sie hatte die gleiche eins achtundsiebzig große, langbeinige Statur und die gleichen dichten blonden Haare, die ihr über die Schultern fielen und sich zu einem Pferdeschwanz hochbinden ließen. Andreas Haare waren sorgsam aufgehellt worden, damit sie Pias Blondton entsprachen.

Aus der Nähe hätte man sie nicht verwechseln können. Andrea sah gut fünf Jahre älter aus als die fünfundzwanzigjährige Pia – allerdings war es bei einem Wyr manchmal schwierig, das Alter zu schätzen, und Andrea hätte ebenso gut dreißig Jahre älter sein können. Pias Gesicht war herzförmiger, und Andreas Augen waren nicht mitternachtsblau, sondern grün. Trotzdem beschlich Pia jedes Mal ein unheimliches Gefühl, wenn sie Andrea aus der Ferne sah. Es war, als würde sie ihre eigene Doppelgängerin beobachten.

Die drei Irren in Pias Cadillac waren James, Johnny und Eva. James war der Größte der Gruppe und ziemlich attraktiv. Sein dunkles Haar fiel ihm in die blauen Augen, und die kräftige Nase und Kieferpartie sahen im Profil großartig aus. Daneben wirkte Johnny mit seinen feinen Gesichtszügen und dem hellbraunen Haar so jungenhaft, dass er geradezu unschuldig aussah – noch ein Eindruck, von dem Pia wusste, dass er falsch sein musste.

Dann war da Eva, Alphatier und Kommandantin dieses speziellen Rudels lebensgefährlicher Bekloppter. Eva hatte den amazonenhaft stattlichen Venus-Williams-Stil perfektioniert, ihr gestählter Körper maß eins zweiundachtzig, und über den starken Muskeln spannte sich ebenholzfarbene Haut. Sie hatte schwarze Augen und einen harten Blick, mit dem sie Pia bei ihrer ersten Begegnung so gründlich auseinandergenommen hatte, dass Pia nicht ganz sicher war, ob sie danach alle Teile wiedergefunden und richtig zusammengesetzt hatte.

Die meisten von Pias Begleitern gehörten irgendwie zu den Hunde-Wyr – Wölfe, Promenadenmischungen oder Doggen –, aber es war auch ein geflügelter Wyr unter ihnen, der sie aus der Luft unterstützen würde, falls es nötig sein sollte. Hugh war einer der seltenen, hochgeschätzten Gargoyles des Reichs.

Sie alle stammten aus der Wyr-Version einer Sondereinsatztruppe, der begabtesten und explosivsten Einheit der Armee. In jedem Konflikt waren sie die Ersten, sie waren die Vorhut, die Ranger, die an Orte geschickt wurden, die für normale Soldaten zu gefährlich waren. Sie waren diejenigen, die in den dunklen Ecken patrouillierten und hinter die feindlichen Linien schlüpften, um ihre Gegner von hinten anzugreifen. Noch gefährlicher waren unter den Wyr nur Dragos’ Wächter und natürlich Dragos selbst.

Sie waren nicht gut darin, sich zu fügen. Sie trugen nie Uniform, salutierten nicht und machten sich nicht die Mühe, mit ihrer Meinung zu irgendetwas hinter dem Berg zu halten. Und dass sie von Pia und dem Babysitterauftrag, mit dem sie geschlagen waren, nicht besonders viel hielten, war offensichtlich. Was bedeutete, dass sie alle miteinander eine beschissene Fahrt vor sich hatten, wenn sich nicht etwas änderte.

Die Arme vor der Brust verschränkt, saß Pia auf der Rückbank hinter dem Fahrersitz und sah die schmutzig-weiße Winterlandschaft vorüberziehen. Sie konnte spüren, dass Dragos über ihnen flog, obwohl sie nicht telepathisch miteinander sprachen. Es war alles schon vor einiger Zeit gesagt, gebrüllt und diskutiert worden. Nachdem er den beiden Wagen etwa vierzig Minuten lang gefolgt war, flog er einen Bogen und machte sich auf den Rückflug nach New York.

Pia rutschte rastlos in ihrem Sitz hin und her. Ihr Kopf dröhnte. Aus der Stereoanlage rappte 2Pac »Ballad of a Dead Soulja«. Neben ihr lümmelte sich Johnny in Kampfhose und T-Shirt in seinem Sitz. Er trug die hellbraunen Haare zu einem unordentlichen Zopf zusammengebunden und war in ein Videospiel vertieft.

Eva fuhr, und James gab den Beifahrer, zwischen seinen Stiefeln klemmte ein Gewehr – ein spätes SCAR-Modell (was, wie man Pia gesagt hatte, für Special Operation Forces (SOF) Combat Assault Rifle stand) –, ein Gefechtssturmgewehr für Sondereinsatztruppen. Evas krauses schwarzes Haar war kurzgeschoren, was ihre elegante Schädelform betonte. Als Pia in den Rückspiegel sah, begegnete sie der Spiegelung von Evas herablassendem Blick. Pias bereits stark strapazierte Geduld gab es auf, die Oberhand behalten zu wollen. Sie machte sich davon und nahm Pias bessere Hälfte mit sich.

Sie sagte: »Ich will jetzt Kenny G hören. Oder vielleicht Michael Bolton.«

Johnny hob den Kopf. James wandte sich zu ihr um.

»Du willst mich wohl verarschen«, sagte Eva. Sie wandte sich an James. »Sag mir, dass sie mich verarschen will.«

Pia kam sich kindisch, kleinlich und rachsüchtig vor. Aus der melodramatischen Tussi war eine Zweijährige geworden, und dieses Kleinkind legte gerade einen Trotzanfall hin. Zu James sagte sie: »Schalt um.«

»Die Frau will, dass umgeschaltet wird«, sagte James ausdruckslos. Er hieb auf die Tasten ein. Easy-Listening-Musik schallte durch den Wagen.

»Schöne Scheiße«, murrte Eva. »Wir werden den Rest dieses gottverdammten Tages in einem Fahrstuhl feststecken.«

Auch Pia hasste Fahrstuhlmusik. Lächelnd lehnte sie sich in ihrem Sitz zurück. Jetzt fühlten sich die anderen genauso mies wie sie.

Der Morgen schleppte sich dahin, während sie Meile um Meile hinter sich ließen und die Stadtlandschaft immer dieselbe blieb. Langweilige Fabrikgebäude aus Backstein, schwarze Eisenbahnschienen, die sich durch schmutzigen Schnee zogen, reihenweise Häuser und hin und wieder ein Einkaufszentrum. Niemand sprach ein Wort, jedenfalls nicht laut. Reibungslos fädelten sich die beiden Cadillacs durch den Autobahnverkehr. Um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, blieben sie nicht die ganze Zeit direkt hintereinander, aber doch immer in Sichtweite.

Während Pia die vorbeiziehende Landschaft betrachtete, kam sie nicht umhin, an das letzte Mal zurückzudenken, als sie diese Strecke gefahren war. Vor sieben Monaten. Jene erste Fahrt war fast das genaue Gegenteil von dieser hier gewesen.

Im vergangenen Mai war sie auf der Flucht gewesen, verängstigt, erschöpft und allein, während um sie herum alles in voller Blüte gestanden hatte. Jetzt hatte sie einen Gefährten, war schwanger – schützend legte sie die Hand auf ihren leicht gewölbten Bauch – und von den besten, wenn auch säuerlichen, Wyr-Bodyguards umgeben, während es draußen saukalt war, weil der Winter New York mit scharfen weißen Zähnen am Schlafittchen gepackt hatte.

Im Gegensatz dazu würde ihr der Januar in Charleston mit Tageshöchsttemperaturen von fünfzehn und Tiefstwerten von drei bis vier Grad angenehm mild vorkommen. Worauf sich Pia am meisten freute, war, dass an der Küste South Carolinas kein Schnee lag. Ende Dezember war New York von einem der schlimmsten Schneestürme seit Beginn der Wetteraufzeichnungen heimgesucht worden, und es würde noch Monate dauern, bis die Schneeberge wieder geschmolzen waren.

Nach neunzig Minuten Fahrt wurde Pia unruhig. »Wir müssen anhalten.«

Wieder sah Eva sie im Rückspiegel an. »Müssen wir das?«, fragte sie mit Babystimme. »Wo würde Madame denn gern anhalten?«

James hob den Kopf und sagte: »Evie.«

»Was?«, fuhr Eva ihn an. »Wir sind gerade mal auf der Straße, und unsere Prinzessin will schon eine Pause machen. Und wo wir schon dabei sind, warum fahren wir, anstatt zu fliegen? Wir könnten in ein paar Stunden da sein, statt einen ganzen verflixten Tag zu brauchen.«

»Es geht dich einen Scheiß an, warum wir fahren, statt zu fliegen«, sagte Pia eisig. »Und der Prinzessin hier ist es scheißegal, wo wir anhalten, solange wir es innerhalb der nächsten zehn Minuten tun. Verstanden?«

»Klar, Puppengesicht«, sagte Eva. »Alles, was Madame wünscht.«

Während Eva den Blinker setzte und von der Überholspur direkt auf die Ausfahrt hinüberzog, beobachtete Pia die andere Frau im Spiegel und dachte: Dir werde ich noch in den Arsch treten müssen, bevor der Tag vorbei ist, was?

Oh ja, bisher schien es sich zu einer fantastischen Reise zu entwickeln.

Und dabei waren sie in diplomatischer Mission unterwegs.

Auch der andere Cadillac wechselte die Spur und folgte ihrem SUV, beide Fahrzeuge nahmen die nächste Abfahrt. Für ihren Stopp standen ihnen zwei Tankstellen, ein McDonald’s, ein Denny’s Diner und ein Quik Mart zur Auswahl. Eva lenkte den Wagen auf den McDonald’s-Parkplatz und stellte ihn ab. Pia stieg aus und ging auf das Restaurant zu. Die übrigen sechs scharten sich so beiläufig um sie, dass es wie zufällig aussah. Die Irren bewegten sich geschmeidig, das musste Pia ihnen lassen.

Mit einem immer dringender werdenden Bedürfnis suchte sie sich in Begleitung von Eva und Andrea den Weg zu den Toiletten. Bisher war ihre Schwangerschaft im siebten Monat noch nicht allzu auffällig – was sie ziemlich kirre machte, wenn sie zu lange darüber nachdachte –, und mit strategischer Kleidung konnte sie es ganz verstecken. Aber Peanut, der Gute, fing an, einen gewissen Einfluss auf ihre Blase auszuüben. Das würde noch viel schlimmer werden, bevor es besser wurde.

Die Damentoilette war einigermaßen sauber und leer. Pia drängte sich an den beiden anderen Frauen vorbei, schlug die Kabinentür zu und genoss die paar Minuten. Wahrscheinlich waren es die einzigen, die sie an diesem Tag für sich haben würde.

Ablehnung und Feindseligkeit waren zwei der Probleme, die ihr gefolgt waren. In den letzten sieben Monaten hatte Pia es noch nicht geschafft, wirklich von den Wyr akzeptiert zu werden.

Von einigen Wächtern, ja. Alle Greifen hatten sie herzlich aufgenommen, und Graydon war einer ihrer besten Freunde geworden. Die Greifen wussten auch, was für eine Art Wyr sie war und warum sie und Dragos das geheim hielten.

Sie waren die Einzigen, die es wussten. Nicht einmal die beiden anderen Wächter waren eingeweiht. Dem Gargoyllewächter Grym schien das nichts auszumachen, allerdings war es schwierig zu erkennen, was er dachte, da er nicht viel sagte. Und mit der Harpyienwächterin Aryal hatte sie eine Art Waffenstillstand geschlossen. Ein paar Mal pro Woche ging sie mit der Harpyie für einen Trainingskampf auf die Matte, auch wenn sie kein Vertrauensverhältnis hatten und keinen privaten Kontakt pflegten.

Die gespannte Erwartung, mit der die anderen Wyr die Anfangstage von Pias und Dragos’ Paarung verfolgt hatten, war zunächst in Verwirrung umgeschlagen und schließlich in Argwohn, als die Gerüchte anfingen:

Sie war zu hochnäsig, um jemandem zu verraten, was für eine Wyr sie war.

Nein, sie war ein Flüchtling aus einem anderen Reich. Dragos war nämlich nicht der Einzige, den sie bestohlen hatte.

Oder sie scherte sich nicht darum, jemandem zu verraten, was für eine Wyr sie war, weil sie unsozial war und sich nichts daraus machte, ob sie Freunde fand oder einem der Rudel, Herden oder Rotten angehörte.

Für Wyr war es schwierig, sich für jemanden zu erwärmen, der etwas so Grundsätzliches wie sein Wesen vor allen anderen verbarg. Das zu wissen und die Gründe zu verstehen, half Pia nicht viel weiter. Die unterschwellige Ablehnung und subtile Ausgrenzung waren trotzdem beschissen.

Mehr als ein halbes Jahr später fühlte sich Pia noch immer wie ein unsicherer Gast in dem Haus, das ihr neues Zuhause sein sollte. An echten Freunden hatte sie nur Graydon, der über alles Bescheid wusste, die neue Königin der Dunklen Fae, Niniane, mit der sie in ständigem Kontakt stand, und ein paar Leute aus ihrem ehemaligen Job als Kellnerin im Elfie’s.

Quentin, der Besitzer der Bar, brauchte nicht all ihre Geheimnisse zu kennen, und sie nicht alle seine. Und natürlich war da noch Preston, der Säufer, der zur Hälfte Troll war, sich selbst gern als einen Zweieinhalb-Meter-Brocken aus flammender Liebe beschrieb und wirklich durch und durch ein lieber Kerl war. Preston machte sich nichts daraus, ob jemand dunkle Geheimnisse hatte. Wenn man bereit war, ein Dutzend Portionen Kartoffelecken mit Käse, Speck, Sour Cream und Schnittlauch mit ihm zu teilen, Bier zu trinken und dabei die NBA-Playoffs im Fernsehen anzuschauen, war man für ihn in Ordnung.

Aber Graydon hatte immer mehr zu tun, und die Briefe von Niniane, so faszinierend und wundervoll sie auch waren, reichten nicht aus, um Pias soziale Bedürfnisse zu befriedigen. Und Pia konnte sich nicht rund um die Uhr im Elfie’s verstecken, sondern nur ein paar Mal pro Woche vorbeikommen.

Von ihrer Warte aus gab es nur zwei Gründe, für die es sich lohnte, im Cuelebre Tower zu leben. Einer davon war Peanut – und sie musste unbedingt aufhören, ihn so zu nennen. Der kleine Fötus war nämlich schon so schlau, dass er inzwischen bestimmt glaubte, er hieße wirklich Peanut.

Der andere war Dragos, der primitiv, mächtig, herrschsüchtig, berechnend, manipulativ, teuflisch klug und taktlos war, und den sie von ganzem Herzen liebte. Dragos, der so viele Probleme schuf, wie er löste, und der ihre Liebe leidenschaftlich erwiderte, so sehr, dass er eine Paarung mit ihr eingegangen war. Ihre Leben waren untrennbar miteinander verbunden, und nun mussten sie zusammenarbeiten.

Das bedeutete, dass sie herausfinden mussten, wie sie auch außerhalb des Schlafzimmers Partner sein konnten. (Denn diesen Teil, da war Pia verdammt sicher, hatten sie schon beim ersten Sex festgenagelt.) Und es bedeutete auch, dass sie sich darüber einig werden mussten, worauf sie hinarbeiteten. Auch wenn es Monate gedauert hatte, bis sie zu dieser Einigung gekommen waren, und es sich manchmal angefühlt hatte wie Zähneziehen. Große Zähne. Drachenzähne.

Das Wyr-Reich und Dragos selbst standen vor zu vielen Herausforderungen gleichzeitig, als dass er sich auch nur mit einer davon effektiv befassen konnte. Im vergangenen Mai hatte Dragos auf seiner Jagd nach Pia einige Verträge mit den Elfen gebrochen, und diese Verträge waren noch nicht wieder im Reinen. Die Grenzstreitigkeiten mit dem Elfenreich dauerten an, dazu kam ein laufendes Handelsembargo, das einige New Yorker Unternehmen in den Ruin getrieben und einige weitere ernstlich beschädigt hatte. Dragos’ internationaler Konzern Cuelebre Enterprises hatte einigen Unternehmen, die dadurch in Schieflage geraten waren, aus der Klemme geholfen und langfristige Geschäftsdarlehen zu niedrigen Zinsen vergeben, um weiteren Firmen zu helfen. Doch das waren nur provisorische Lösungen, die nichts an dem Kernproblem änderten.

In der Zwischenzeit hatte Dragos’ Konzern ebenso wie der Rest der Welt schwer mit den Folgen der globalen Rezession zu kämpfen. Durch Risikostreuung, gepaart mit aggressiven Ökonomisierungen und Einschränkungen, war der Konzern verschlankt worden und lief nun stabil. Doch dafür waren härtere Arbeit und kopflastigere Ressourcen erforderlich gewesen, und das zu einem Zeitpunkt, als Dragos es sich kaum hatte leisten können, diese Energie aufzubringen.

Dann war da das Problem, dass er bedenklich unterbesetzt war. Vergangenen Sommer hatte Dragos in dichter Folge zwei seiner sieben Wächter verloren, zuerst seinen Kriegsherrn-wächter Tiago Black Eagle, der sich mit der neuen Königin der Dunklen Fae, Niniane Lorelle, gepaart hatte. Und anschließend seinen ersten Wächter, Rune Ainissesthai, der eine Paarung mit der Vampyrzauberin Carling Severan eingegangen war. Dragos und Rune waren im Bösen auseinandergegangen, und noch immer weigerte sich Dragos, darüber zu reden. Als vorübergehende Notlösung hatte er zwei Wyr zu Wächtern befördert, doch nun musste er sich der Aufgabe widmen, neue Wächter einzustellen.

Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, hing da noch dieses amorphe, mega-abgefahrene Etwas am Horizont, diese fremde Stimme, die Dragos bei einer Spontanprophezeiung von Grace Andreas, dem Orakel von Louisville, gehört hatte. Das Orakel und seine Familie waren inzwischen nach Miami gezogen, wo Pia und Dragos es für eine weitere Konsultation aufgesucht hatten. Leider hatte Grace der ursprünglichen Vision nicht viel hinzuzufügen gehabt, da sich Prophezeiungen, wie sie sagte, nicht wiederholten.

Aber Grace hatte ihnen einen Hinweis gegeben: »Die Person oder die magische Energie, die hinter der Stimme aus der Vision steckt, ist entweder bereits ein Teil Ihres Lebens oder wird es bald werden«, hatte sie erklärt. »Lassen Sie sich von diesem Wissen nicht schwächen. Es hat keinen Sinn, es verhindern zu wollen, denn das könnte sogar bewirken, dass es früher mit Ihnen in Kontakt tritt, als es sonst der Fall gewesen wäre. Berufen Sie sich auf Ihre Stärken und leben Sie Ihr Leben in Alarmbereitschaft. Sie haben Glück. Sie wurden gewarnt. Die meisten werden das nicht.«

An all diese Dinge dachte Pia, als sie aus der Toilettenkabine trat und sich die Hände wusch. Dazu kam der zusätzliche Stressfaktor, dass sie gerade ihren Gefährten verlassen hatte. Eva und ihre Feindseligkeit konnte sie bei all den Herausforderungen, denen sie sich zu stellen hatte, wirklich nicht gebrauchen.

Die Irren waren eine gut ausgebildete Einheit. Es musste eine klar definierte interne Rangordnung geben, die Pia noch nicht ganz durchschaute, und die durch die Rudelinstinkte der fünf Hunde-Wyr noch verstärkt wurde. Sie alle waren vermutlich äußerst eigensinnig, und jeder bildete sich seine eigene Meinung über Pia, aber keiner würde sich gegen das Alphatier wenden. Einige würden sich zweifellos daran orientieren, wie sich die Beziehung zwischen Eva und Pia entwickelte. Im Moment war Pia nur ein nervtötender, ungeliebter Außenseiter, für den sie die Bodyguards zu spielen hatten. Sie musste das Blatt wenden und eine andere Arbeitsbeziehung zu ihnen aufbauen, bevor sich Evas mangelnder Respekt zu fest verwurzelte.

Auch die beiden anderen Frauen hatten die Gelegenheit genutzt, auf die Toilette zu gehen, erst Andrea, dann Eva. Eine von beiden blieb jeweils draußen, um die Tür zu sichern.

Geflissentlich trocknete sich Pia die Hände ab und drehte sich dann zu Andrea um, die an der Tür stand. Pia sah der anderen Frau in die Augen und sagte: »Geh raus.«

Andreas blonde Augenbrauen hoben sich. Sie sah zu der geschlossenen Toilettenkabine, die sich in diesem Moment öffnete. Eva kam heraus, ihre Bewegungen waren geschmeidig wie schimmerndes schwarzes Öl.

»Falsche Antwort«, sagte Pia zu Andrea.

Eva ruckte mit dem Kinn. »Geh schon.«

Ohne ein Wort zu sagen, öffnete Andrea die Tür und ging rückwärts hinaus.

Pia verriegelte die Tür von innen. In der stillen Toilette klang das Klick überlaut. Natürlich würde es niemanden abhalten, der wirklich entschlossen war, hereinzukommen, aber es war eine große symbolische Hürde – und das Geräusch würde den scharfen, lauschenden Ohren der Wyr mitteilen, dass sie sich aus dem, was als Nächstes passierte, herauszuhalten hatte.

Pia drehte sich um, lehnte sich mit dem Rücken an die Tür und begegnete Evas sarkastischem Blick. »Ich habe kurz daran gedacht, dir einfach in den Arsch zu treten, aber das hätten wir draußen austragen müssen, und mir ist nicht danach, nass und schmutzig zu werden. Außerdem bist du es nicht wert.«

Belustigung huschte über Evas kühne Züge, und ihre schwarzen Augen funkelten. »Du täuschst dich erbärmlich, wenn du glaubst, es mit mir aufnehmen zu können, Prinzessin.«

Pia lächelte nicht, ihr Blick blieb ruhig. »Ich kann es mit den Greifen aufnehmen«, sagte sie.

Evas Miene gefror.

»In den letzten sieben Monaten habe ich fast täglich mit Aryal trainiert. Bei der Harpyie ist es eher fifty-fifty, weil sie sich nicht zurückhält. Sie scheißt drauf, dass ich eine Frau und Dragos’ Gefährtin bin. Wenn überhaupt, schlägt sie deshalb noch fester zu, weil sie mich nicht sonderlich mag. Also sag du es mir, Eva. Kann ich es mit dir aufnehmen?«

Okay, ein Teil davon war Bluff. Die andere Frau war ausgebildete Soldatin und kannte sich auf eine Art mit Schlachten, Kampftaktik und Waffentechnik aus, wie Pia es nie tun würde. Pia war ziemlich sicher, dass Eva bei einem Guerillakampf in freier Wildbahn den Waldboden mit ihr aufwischen würde, wenn sie nicht vor der Konfrontation davonlaufen konnte. Aber sie waren nicht in freier Wildbahn, und Pia hatte keinen Zweifel daran, dass sie es auf einer Trainingsmatte oder einem McDonald’s-Parkplatz mit Eva aufnehmen konnte. Und diese Sicherheit legte sie in ihren Blick.

»Du hast zwei Möglichkeiten«, sagte Pia. »Entweder, du änderst deine Einstellung ab sofort komplett, ohne Wenn und Aber, oder du kannst mir die Wagenschlüssel geben und dich auf den Rückweg nach New York machen. Ich werde mir diesen Mist von dir nämlich nicht bieten lassen. Das lenkt mich von dem ab, worüber ich nachdenken muss, und außerdem ist es unprofessionell – von uns beiden. Wir müssen keine Freundinnen werden. Wir müssen uns nicht mögen. Glaub mir, daran bin ich inzwischen ziemlich gewöhnt. Aber wenn du dich zum Bleiben entscheidest, dann wirst du dich damit abfinden müssen, dass du bei allem, was keine Kampfsituation ist, nicht das Alphatier in dieser Gruppe bist. Das bin nämlich ich. Wenn uns ein Kampf bevorsteht, bist du eindeutig die Expertin, das ist eine andere Geschichte. Aber bis es so weit ist, tust du, was ich sage.«

Pia konnte den Krieg zwischen Wut und Instinkt in Eva beobachten. Die Frau war dominant und führte ein Leben voller Gewalt. Ihr Wyr-Anteil musste viel dichter an der Oberfläche sein, als es bei anderen der Fall war. Es würde ihr schwerfallen, ihren Alphastatus kampflos aufzugeben, noch dazu zugunsten eines Pflanzenfressers, der nicht zum Rudel gehörte. Wären sie beide nur Tiere, hätte Eva versucht, Pia zum Mittagessen zu erlegen.

Natürlich waren Wyr mehr als nur ihre Tierwesen, aber manche Dinge setzten sich dennoch durch – subtil oder weniger subtil. Raubtier-Wyr legten friedlicheren Pflanzenfressern gegenüber oft eine herablassende Haltung an den Tag. Normalerweise war diese Dynamik nichts weiter als ein gesellschaftliches Ärgernis, doch hier machte es die angespannte Lage noch schlimmer.

Aber Pia wollte nicht in Evas Haut stecken, falls diese beschließen sollte, nach New York zurückzukehren. Das war zweifellos der ausschlaggebende Faktor für Evas Antwort, verbunden mit der Tatsache, dass sie niemals ihre Einheit verlassen würde. Ausdruckslos sagte Eva: »Verstanden. Auf dieser Fahrt bist du das Alphatier. Sind wir fertig?«

Pia stieß säuerlich mit der Zunge gegen ihre Unterlippe, als ihr Evas konkrete Formulierung auffiel. »Nein«, sagte sie. »Ich bin noch nicht fertig.« Zugunsten derer, die draußen an der Tür lauschten – und Pia konnte sich ausrechnen, dass das inzwischen alle Irren sein mussten –, hob sie leicht die Stimme. »Ich habe keinen Zweifel daran, dass ihr alle lieber in New York geblieben wärt, um euch die Spiele in dieser Woche anzusehen und zu erfahren, wer es auf die Wächterposten schafft. Und ich verstehe, dass ihr verärgert seid, aber ihr müsst eure Einstellung zu dieser Aufgabe ändern. Anscheinend ist euch nicht klar, wie wichtig diese Reise ist und welche Ehre euch dadurch zuteilwird.«

»Wir wissen, dass du was Besonderes bist, Dragos’ Gefährtin und so«, sagte Eva.

»Nein, Schwachkopf«, schnauzte Pia. Vielleicht würde sie letztendlich doch mit Eva auf den Parkplatz gehen müssen, um ihr in den Arsch zu treten – egal, was sie sagte, Pia war sich nicht sicher, ob Eva ihren Alphastatus wirklich kampflos aufgeben könnte, selbst wenn sie es ehrlich versuchte. »Wir sind hier weder auf einer Vergnügungsfahrt, noch auf einer Einkaufstour, und ich fahre nicht nur auf eine Tasse Tee und ein paar Kekse zu Beluviel, um dann mit ihr shoppen zu gehen. Wir werden versuchen, eines der größten Probleme zu lösen, die das Wyr-Reich derzeit hat: Verträge ins Reine bringen und unsere Beziehungen zum Elfenreich verbessern. Das ist etwas, das Dragos nicht selbst tun kann, weil er es war, der die Verträge überhaupt erst gebrochen hat – die Elfen haben mit Krieg gedroht, falls er ihr Reich noch einmal ohne Erlaubnis betritt. Außerdem muss er sich um die Sache mit den Wächtern kümmern, und dafür muss er in New York bleiben, um die Spiele zu leiten.«

Sie konnte genau erkennen, wann Eva ihr höhnisches Grinsen lange genug unterbrach, um wirklich nachdenken zu können, und dann vollzog sich die Veränderung. Plötzlich war ihre Reise in den Süden kein lästiger Babysitterjob für eine unbeliebte Gefährtin mehr – sie war viel mehr geworden.

Etwas leiser fuhr Pia fort: »Das Ergebnis unserer Reise ist für viele Leute von Bedeutung, Eva. Ich werde keinen Fehlschlag riskieren, weil ihr Idioten euren Sarkasmus nicht beherrschen könnt oder keine Befehle von einer Zivilistin annehmt, die nicht zu eurem Rudel gehört. Mir ist klar, dass es bei euren üblichen Einsätzen mehr ums Draufhalten und Losballern geht. Wenn ihr dieser Aufgabe nicht gewachsen seid, sagt es. Wir drehen sofort um und fahren nach Hause, und ich fange mit einer neuen Crew, die damit klarkommt, noch mal von vorn an.«

»Okay«, sagte Eva nach einem Augenblick, und ihre starre Haltung entspannte sich etwas. »Man hat mir gesagt, dass du dich mit Beluviel treffen würdest und vielleicht auch mit dem Hohen Lord, aber abgesehen vom Ziel unseres Einsatzes – dich zu begleiten und für deine Sicherheit zu sorgen – haben wir keine näheren Informationen bekommen.«

»Tja, ich bin was Besonderes, Dragos’ Gefährtin und so«, sagte Pia trocken.

Eva schnaubte, ein beinahe lautloses Ausatmen, das fast amüsiert klang.

»Und übrigens, wir fliegen nicht, weil Dragos meinte, dass unsere Überlebenschancen am Boden besser wären. Bei Flugzeugabstürzen gibt es in der Regel viele Todesopfer.« Darüber hinaus besaß nur einer aus ihrer Gruppe eine Wyr-Gestalt mit Flügeln, was Dragos offenbar ziemlich zu schaffen machte. Er konnte sich nicht vorstellen, durch den Himmel zu fliegen, ohne im Notfall aussteigen und selbst weiterfliegen zu können. »Nicht, dass ich vorhätte«, fügte sie hinzu, »dir in Zukunft jede kleine Entscheidung zu erklären.«

»Gut«, sagte Eva mit einem finsteren Blick, ganz offensichtlich gefiel ihr dieser Ton gar nicht. Dann veränderte sich ihr Ausdruck. »Aber eine Sache möchte ich dich noch fragen.«

Pia musterte die Frau. Mit Kooperation würde sie Eva leichter zu ihrer Verbündeten machen als ohne. Vielleicht würde dieser Putsch doch noch unblutig abgehen. Auch wenn sie einander nie mögen würden, konnte es Pia nur nützen, wenn sie vor ihrer Ankunft in South Carolina zu einem partnerschaftlichen Umgang fanden. Also sagte sie: »Schieß los.«

Eva musterte Pia mit ihren schwarzen Augen von oben bis unten und schnalzte mit der Zunge. Schließlich hob sie den Blick wieder und sah Pia in die Augen. »Bist du schwanger?«

Pia hob die Augenbrauen. Sie hatte nicht mitbekommen, dass die Leute auch darüber schon tratschten. »Erkennst du es nicht an meinem Geruch?«

»Du hast einen eigenartigen Geruch«, sagte Eva. »Keiner von uns hat so etwas schon mal gerochen, und wir wissen nicht, was wir damit anfangen sollen.«

Pia verzog das Gesicht zu einer schiefen Grimasse. Also schön. Sie winkte Eva zu sich heran. »Komm her.«

Die Augen neugierig zusammengezogen, kam Eva auf sie zu. Pia griff nach ihrer Hand, und Eva ließ es geschehen. Pia legte die flache Hand der anderen Frau auf ihren leicht gewölbten Bauch und wartete. Sie sah, wie sich Staunen und Verwunderung auf Evas Gesicht ausbreiteten.

Der Dämpfungszauber, mit dem Pia die natürliche Leuchtkraft ihrer Haut tarnte, schien auch Peanuts Gegenwart vor anderen zu verbergen, jedenfalls aus der Entfernung. Wenn jemand Pia wirklich berührte, verfiel diese Tarnung. Zwar war Peanut für seine achtundzwanzig Wochen noch sehr klein, doch das gedämpfte Brausen der magischen Energie in ihrem Bauch war auch für Nichtmediziner unverkennbar.

Vor Staunen wurden Evas Augen groß und rund. »Heilige Scheiße«, flüsterte sie.

Pia rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Augen. Ja. Das konnte man wohl sagen. Heilige Scheiße.

»Ich bin verwirrt«, sagte Eva stirnrunzelnd. »Es wirkt nicht sehr groß, aber es hat einen tierischen Wumms.«

»Ich bin etwa in der achtundzwanzigsten Woche«, teilte Pia ihr mit. Sie konnte sehen, wie Eva rechnete.

Evas Stirnrunzeln vertiefte sich. »Sollte es dann nicht größer sein?«

»Das weiß niemand«, sagte Pia mit einem müden Seufzen. »Die Ärztin sagt, er sei gesund, und das ist die Hauptsache. Aufgrund seiner aktuellen Entwicklung schätzt sie die Dauer der Schwangerschaft auf 730 bis 750 Tage.« Wieder sah sie der anderen Frau beim Rechnen zu.

Eva erbleichte. »Du wirst zwei Jahre lang schwanger sein.«

»Scheint so«, brachte Pia zwischen den Zähnen hervor. »Wusstest du, dass Elefanten eine Tragezeit von zweiundzwanzig Monaten haben? Offenbar sind Drachenbabys noch komplexer. Und bevor du jetzt auf die Idee kommst zu fragen: Nein, ich werde kein Ei legen, in dem er den Rest der Zeit außerhalb meines Körpers heranwächst. Nein, so viel Glück habe ich nicht. Dieses Baby wird eine Lebendgeburt.«

Irgendwie.

Mit kaum verhohlenem Entsetzen sah Eva sie an. »Wird er keine … Krallen haben? Und ich meine keine winzigen Welpenkrallen.«

»Das bereitet uns ein wenig Sorge«, sagte Pia grimmig. »Und er hat noch keine Anzeichen seiner menschlichen Gestalt gezeigt.« Manche Wyr-Babys wurden in ihrer Tiergestalt geboren, andere als Menschen. Wieder andere verwandelten sich noch im Mutterleib, wenn sie eine andere Gestalt hatten als ihre Mutter. Das allerdings kam seltener vor. »Die Ärztin will einen Kaiserschnitt veranlassen.«

»Verstehe.« Eva nahm die Hand weg und trat zurück.

Sie hatten das Baby aufgeweckt. Pia spürte, wie sich eine unsichtbare Gegenwart um ihren Hals und ihre Schultern legte, strahlende, kämpferische, liebevolle Unschuld. Es war eine Wachversion dessen, was sie in letzter Zeit so oft träumte: wie Peanut seinen anmutigen zarten, weißen Leib um sie schlang, die langen, durchscheinenden Flügel eng an den Körper gelegt. Niemand sonst konnte es spüren, wenn er das tat, nicht einmal Dragos. Mit einem leichten, geheimen Lächeln legte sie die Hand an ihren Halsansatz.

»Schätze, wir sollten dich jetzt nach Charleston bringen«, sagte Eva. »Du hast einen Job zu erledigen.«

»Schätze, das sollten wir wohl.«

»Nur eins will ich noch wissen«, sagte Eva.

Pia drehte sich um und entriegelte die Toilettentür. »Und was?«

Eva legte die Hand an die Tür und hielt sie zu, während sie Pia eindringlich in die Augen sah. »Sag mir, dass wir jetzt wieder einen anderen Radiosender hören können.«

Pia unterdrückte ein Kichern. »Ja, bitte. Steigen wir aus dem Fahrstuhl aus.«

Eva zog die Tür auf. Die fünf anderen Verrückten hingen mit nachdenklichen Blicken im Flur herum, in ihren Armen stapelten sich Tüten mit Essen und Getränken. Johnny verputzte bereits ein Sandwich.

Dass sie es geschafft hatte, die Situation mit Eva zu entspannen, bedeutete eine Hürde weniger. Jetzt wollte Pia nur noch in dem angemieteten Haus ankommen und sich ein wenig eingewöhnen. Das Treffen mit den Elfen würde erst am nächsten Tag stattfinden.

Sie konnte den Einbruch der Nacht kaum erwarten und hoffte, dass sie nicht zu aufgeregt sein würde, um einzuschlafen. Das würde nämlich alles ernsthaft versauen.

2

Nachdem er Pias Mini-Kavalkade ein Stück begleitet hatte, flog Dragos in die Stadt zurück.

Er vermisste sie schon jetzt entsetzlich. Die Sehnsucht war so groß, dass sie in seiner Brust schmerzte. Jeder Flügelschlag, der ihn weiter von ihr forttrug, kam ihm so furchtbar falsch vor. Seit sie im vergangenen Mai zusammengekommen waren und sich gepaart hatten, waren sie nicht mehr voneinander getrennt gewesen.

Wyr konnten Trennungen von ihren Gefährten überleben, manchmal, wenn es sein musste, sogar jahrelang, aber es war immer eine große Entbehrung. Schon ein halbes Dutzend Male hätte er sie fast zurückgerufen. Nur der Gedanke an ihre gemeinsame Mission brachte ihn zum Schweigen, auch wenn er die Zähne so fest zusammenbeißen musste, dass seine gewaltigen Kiefer schmerzten.

Als er Manhattan erreicht hatte, stürzte er sich durch die kalte Luft in die Tiefe, um auf einem großen, abgesperrten Teil des Parkplatzes am zu landen. Nachdem er die Gestalt gewechselt hatte, legte er den Verhüllungszauber ab und schritt auf den Haupteingang des riesigen, runden zu.

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