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Die vorliegende Autobiographie einer heute über achtzigjährigen Autorin lässt aus den Erinnerungen eines Kleinkinds die Welt des ländlichen Nordostpreußens (heute russischer Oblast Kaliningrad) zu Beginn des 2. Weltkriegs erstehen. Die weiteren Schilderungen reflektieren, wie die Fluchterlebnisse als Kleinkind in die kulturelle Ausgestaltung der persönlichen Entwicklung bis zum Abitur hineinwirkten. Eine Besonderheit ist, dass in das Buch das fünfzigseitige Originalmanuskript eines Fluchtberichts der Mutter der Autorin eingefügt wurde, die diese dreißig Jahre nach Kriegsende niedergeschrieben hatte. Obwohl die Abfassung der Berichte von Mutter und Tochter fünfzig Jahre auseinander liegen, lassen sich die Beschreibungen als sinnvolle Erlebnis-Verschränkungen verstehen. Prägende Stationen des Lebenswegs der Autorin nach dem Ende des 2.Weltkriegs waren die frühe Sowjetisch Besetzte Zone (SBZ) noch vor der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), das Aufwachsen in einer Diasporagemeinde im katholischen Münsterland sowie eine fördernde Gymnasialschulzeit.
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Meinen Enkeln Hannah, Elena, Friedemann und Lowis
Vorwort
1. Hof und Heirat
2. Frühe Spiele und Tanten
3. Vorgeschichte des Vaters
4. Vorgeschichte der Mutter
5. Der Fluchtbericht meiner Mutter Johanna Paris
Flucht aus dem Kreis Insterburg 1945 Bericht von Johanna Paris Wiesbaden 1975
6. Eigene Kindheitserinnerungen an unsere Flucht
7. Miesterhorst in der Altmark
8. Das Schicksal der Hasenfelder Verwandtschaft
9. Die großen Cousinen
10. Anfänge im Münsterland
11. Gemeindeleben in Billerbeck
12. Die Heriburgschule
13. Die Affäre
14. Abiturzeit
15. Choreografie der Lebenden und der Toten
Quellen und Nachschlagewerke
Als ich im Jahre 1963 heiratete, gab es auf dem Standesamt im Münsterland eine Verwunderung, weil ich keine Geburtsurkunde vorweisen konnte. Wir hatten auf dem Fluchtweg aus Ostpreußen alle Dokumente eingebüßt. Der münsterländische Standesbeamte, dem das nicht geheuer war, bestellte meinen Vater ein, der dann eidesstattlich versichern musste, dass ich seine ehelich geborene Tochter sei. Trotzdem hielt der korrekte Standesbeamte schriftlich fest: „Geburt: nicht nachgewiesen“.
Seit ich mir vorgenommen habe, Lebenserinnerungen aufzuschreiben, weiß ich, wie der Titel heißen würde:
„Geburt nicht nachgewiesen“
„Du kannst doch nicht damit anfangen, dass du als offizieller Eintrag überhaupt nicht existierst“, kriege ich zu hören, als ich meine Kindheitserinnerungen ohne eine Einführung verfasst habe.
Deshalb möchte ich hier einige Besonderheiten meiner Aufzeichnungen nachtragen: Es handelt sich um die Flucht- und Nachkriegseindrücke eines kleinen Mädchens aus Nordostpreußen (heute: russischer Oblast Kaliningrad), das am Ende des zweiten Weltkriegs noch nicht vier Jahre alt war. Ich möchte schildern, wie meine Entwicklung durch das Vertriebenenschicksal gefärbt wurde. Mein Erlebnisbericht endet mit dem Abitur, da die Prägungen als Flüchtlingskind nach dem Ende der Schulzeit äußerlich nicht mehr so leicht ins Auge fielen. Hinzu kommt eine besondere Vergangenheitslastigkeit, da ich als Einzelkind zwischen relativ alten Familienangehörigen aufgewachsen bin und sich mir viel von deren Lebensgefühl vermittelt hat.
In die Schilderung meiner Kindheitserinnerungen habe ich das Manuskript des Fluchtberichts meiner Mutter aufgenommen. Das Manuskript meiner Mutter bekam ich erst nach ihrem Tod zu Gesicht, als ich bereits mehr als vierzig Jahre alt war. Diesem Bericht meiner Mutter einen Rahmen zu geben, war ein erklärtes Anliegen meiner Aufzeichnungen.
Kürzlich ist mir bei der Beerdigung eines zehn Jahre älteren Cousins aufgefallen, dass in der Trauerrede Kriegsfolgen und Entwurzelungstrauma nicht angesprochen wurden, vermutlich weil sie von der nächsten und übernächsten Generation zu weit weg waren und emotional nicht mehr erfasst werden konnten. Ein Grund mehr, meinen Kindern und Enkeln etwas von der Herkunftsgeschichte ihrer Großeltern nahe zu bringen. Vielleicht ahnen sie sogar, dass Spuren dieses Erlebnishintergrundes auch noch in ihr Leben hineinwirken.
Für die Gestaltung meines Buches danke ich meiner Tochter Katja Werthmann – Kirscht und meinem Schwiegersohn Holger Kirscht.
Die Ehe meiner Eltern Otto und Johanna Paris fußte auf einer vermittelten Heirat.
Mein Vater – schon dreiundvierzig Jahre alt – so behütet wie dominiert von zwei unverheirateten älteren Schwestern und seiner hochbetagten, verwitweten Mutter, hatte wenig Lust, dem Frauenregiment zu Hause noch eine weitere Figur hinzuzufügen.
Meine Mutter Johanna, geborene Abernetty, eine Bauerntochter von neunundzwanzig Jahren, litt unter dem Handicap einer Kinderlähmung, die sie als Zweijährige durchgemacht hatte und rechnete sich als dritte von vier Bauerntöchtern keine besonderen Heiratschancen aus.
Hof Paris in Georgental, 1934
Mein Vater hat als alter Mann gerne – halbernst – gespottet, dass Hitlers „Erbhofgesetz“ für seinen Entschluss, doch noch eine eigene Familie zu gründen, ausschlaggebend gewesen sei; denn die weitere Verwandtschaft begann sich bereits begehrlich auszumalen, wie sie die drei unverheirateten Geschwister Paris in Georgental beerben könnte. Ein Cousin meines Vaters veröffentlichte in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts in einer westfälischen Zeitschrift sogar ein selbstgemaltes Aquarell, das – etwas prahlerisch – „Erbhof Paris“ übertitelt war. Er hatte wohl kaum im Sinn, im tausend Kilometer weit entfernten Ostpreußen etwas zu erben, sondern wollte sich wahrscheinlich mit dem ideologisch angesagten Nazi-Vokabular „Erbhof“ nur etwas schmücken.
In dem sieben Kilometer entfernten Insterburg gab es ein Kolonialwarengeschäft mit dem schönen hugenottischen Namen Fornaçon, und Madame Fornaçon hatte sich seit einiger Zeit Gedanken gemacht, wie sie eine der drei unverheirateten Töchter Abernetty mit dem Junggesellen Otto Paris bekanntmachen könnte.
In der Familie Abernetty wurde daraufhin aufgeregt diskutiert, welche der drei Schwestern in Frage käme: die jüngste, Dorothea, nicht – die war erst zwanzig Jahre alt – die zweitälteste, Erna, damals einunddreißig Jahre alt, besser auch nicht; denn sie würde mit ihrer etwas überdrehten Art vielleicht keinen guten Eindruck machen. Blieb Johanna, neunundzwanzig Jahre, die als begabt und sympathisch galt.
Meine Eltern trafen sich bei Madame Fornaçon und prüften, ob sie zueinander passen würden. Meine Mutter sagte später, sie hätte sofort Zuneigung gespürt, weil sie sah, dass mein Vater ein guter Mensch war, und meinem Vater sieht man auf den Verlobungsfotos zu Pfingsten 1939 an, dass er sich verliebt hatte.
In der Verlobungszeit machte das Paar Antrittsbesuche bei der Verwandtschaft, Sonntagsausflüge mit der Kutsche, aber meine Mutter ärgerte sich, weil meistens zu viele Neugierige um sie herum waren – „und wir wären doch so gerne mehr allein gewesen!“ Den Ärger sieht man ihr auf den Fotos gelegentlich an, wenn sie entweder gekünstelt lächelt, sich unvermittelt zur Seite wendet oder ihr sonst wie anzumerken ist, dass sie nur der Fotoaufnahme zuliebe posiert, es ihr aber unangenehm ist, sich so ausstellen zu sollen.
Die für den Sommer 1939 geplante Hochzeit musste aufgeschoben werden, weil mein Vater im September 1939 zum Polenfeldzug eingezogen wurde – als einziger Bauer aus seinem Dorf, wie er sagte, obwohl er auf dem Hof als einziger Mann unentbehrlich war. Es gibt ein Foto von ihm in Uniform hoch zu Pferd. Mein Vater vermutete nachträglich, es könnte Schikane im Spiel gewesen sein, ausgerechnet ihn, den dreiundvierzigjährigen Veteran des ersten Weltkriegs in den Polenfeldzug zu schicken, möglicherweise weil er nicht in der Partei war? Wie im ersten Weltkrieg diente mein Vater als einfacher Infanterist.
Bei der standesamtlichen Trauung im November 1939 bekam das Paar Hitlers „Mein Kampf“ überreicht. Meine Mutter wehrte schnell ab „das haben wir schon“! Darauf der Beamte salbungsvoll: „Dann hat eben jeder seine Bibel“. Bei der kirchlichen Trauung im November 1939 war schlechtes Wetter, und deshalb gibt es keine Fotos. Aber ein Foto vom Traualtar in Trempen wurde gerahmt aufbewahrt. Kolportiert wurde ein etwas doppelbödiges Kompliment einer Verwandten, die in einer der letzten Kirchenbänke Platz gefunden hatte und darüber beleidigt war: „Ihr wart ein schönes Paar – von hinten!“
In den eineinhalb Jahren bis zu meiner Geburt im Jahre 1941 spielte sich das Zusammenleben zwischen meinen Eltern auf dem Hof in Georgental gut ein, und mein Vater erlebte mit Befriedigung, dass seine junge Frau den Bevormundungsversuchen der beiden Schwägerinnen standhalten konnte, obwohl es den beiden siebzehn und zwanzig Jahre älteren Frauen schwerfiel, angestammte Bestimmungsrechte abzutreten. Die Macht der 1856 geborenen Schwiegermutter hatte ohnehin begonnen nachzulassen, weil sie allmählich geistig abbaute und von ihren Töchtern mehr und mehr abgeschirmt wurde.
Der klein gehaltene Bruder Otto, dem nicht viel zugetraut wurde („Hannchen, Hannchen, du musst mitfahren, wenn Otto Holz verkaufen will“ – „das muss ich nicht,“ reagierte meine Mutter) entfaltete sich selbstbestimmter und machte Umbaupläne für den Hof.
Als meine Mutter nach Georgental kam, erfasste sie sofort, dass die ganze „Wirtschaft“ etwas stehen geblieben war. Nach dem Tode des Vaters meines Vaters gleich zu Beginn des ersten Weltkriegs 1914 hatte es keinen richtigen Aufschwung mehr gegeben, weil mein Vater mit achtzehn Jahren zum Kriegsdienst eingezogen worden war und erst 1918 mit zweiundzwanzig Jahren wieder nach Ostpreußen zurückkehrte. Die drei Frauen hatten ihre Aufgabe darin gesehen, „alles zusammenzuhalten“, versiert in allen bäuerlichen und häuslichen Verrichtungen, jedoch ohne Zukunftsperspektive. Der Verlust des Vaters wie auch, dass bereits ausersehene Heiratskandidaten der beiden Töchter Anna und Emma „im Feld“ geblieben waren, wird zu einem gedämpften Lebensgefühl beigetragen haben. Als mein Vater nach Ende des ersten Weltkriegs wieder nach Hause kam, geriet er in eine festgefahrene Situation, in der es wenig Entfaltungsspielraum für ihn gab. Er rettete sich in romantische Ideen wegzugehen, Ingenieur zu werden und Erfindungen zu machen. Er zog sich in seine handwerkliche Geschicklichkeit zurück, baute sich eine Feldschmiede, auf die er sehr stolz war.
Meiner Mutter fehlte auf dem Hof, auf den sie geheiratet hatte, etwas von dem Bauernethos, das sie von zu Hause mitbekommen hatte. Von ihrem eigenen Vater wurden die vier Töchter, wenn sie lachten und Unsinn machten, streng angehalten: „Kinder, wir sind zum Arbeiten geboren und nicht zum Spielen“ – auf Platt: „Kinderkes, wii sön tom Oarbide jeboare – on nich tom Späle!“ Das entstammte einer protestantisch-calvinistischen Haltung, die noch über preußisches Pflichtgefühl hinausging, wonach nur das schwere Leben eine Verheißung hatte. Als ich als kleines Mädchen die Standesfolge „Kaiser – König – Edelmann – Bürger – Bauer – Bettelmann“ auswendig lernte, sagte ich sie immer falsch auf „BAUER – Bürger – Bettelmann…“, denn der Bauer stand für mich höher als der Bürger, der nichts besaß und auch nicht schwer arbeiten musste.
Unser Hof war ein klassischer Vierseitenhof. Dem Wohnhaus stand die Scheune gegenüber, links davon die Viehställe und rechts davon die Pferdeställe. Hinter dem Wohnhaus lag der eingezäunte Garten. Hof und Garten machten zusammen ein Hektar aus (= 10 000 qm). Die Hofstelle war ein sogenannter „Abbau“. Ursprünglich hatte das Gehöft im dem dreieinhalb km entfernten Straßendorf Georgental gelegen. Aber um die entfernt liegenden Äcker und Wiesen besser erreichen zu können, siedelten sich immer mehr Bauern mitten in ihren Feldern an. Unser Hof muss zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Nähe der Padrojer Forst gebaut worden sein. Auch alle unsere Nachbarn waren Einzelgehöfte: Puddig, Wallat, Kuprat, Feuersänger, Gutzeit, Thoms. Manche Namen gingen auf Salzburger Protestanten zurück, die ab Anfang des 18. Jahrhunderts in Ostpreußen „nach der großen Pest“ (1709/1710) zur „Repeuplisierung“ des Landes von dem noch jungen Königreich Preußen angeworben worden waren. Doch schon im 17. Jahrhundert hatten Tatareneinfälle (1656) und schwedische Überfälle (1679) die Bevölkerung sehr ausgedünnt.
Neben den protestantischen Salzburgern wurden nach der großen Pest Siedler aus Litauen wie aus Deutschland angeworben. Es gab auch alteingesessene Bauern. Mein Vater hat amüsiert erzählt, wie der alte Puddig – sein Nachbar – nicht einsehen mochte, dass es nach preußischem Wahlrecht nur noch eine Stimme pro Person gab und nicht drei. Im Gemeinderat habe der alte Puddig immer dazwischengerufen: „Ek sii Kölmsch“ und wollte sich auf altes Kulm-Magdeburger Recht berufen. In der Tat waren die Puddigs als erbfreie Bauern aus pruzzischer Zeit nach Kulm-Magdeburger Recht seit dem 16. Jahrhundert im Kirchspiel Georgenburg ansässig gewesen. Mein Vater hat auch erzählt, dass seine Mutter, die 1856 geboren war, noch etwas Litauisch verstehen konnte.
Weil der Name „Paris“ so französisch klang, hielt sich in der Verwandtschaft lange das Gerücht einer Hugenottenherkunft. Aber ein entfernter Verwandter, Volkhard Paris, den ich um etliche Ecken als meinen Neffen verstehen kann und mit dem ich im Zuge von Familienforschungen bekannt geworden bin, weist eine Herkunftslinie der Familie Paris im Brandenburgischen nach. Volkhard Paris versucht, in seinem Buch, „die konkreten Lebensumstände“ seines „Vorfahren Jochim Paris (1604 – 1670) nachzuvollziehen“ (Volkhard Paris, „Der Kossät von Kantow“, Klaus Becker Verlag, Potsdam, 2022) und schreibt: „Die ersten Namensträger ‚Paris‘ wanderten im 12. Jahrhundert im Gefolge von Albrecht I (dem ersten Markgrafen von Brandenburg, auch ‚Albrecht der Bär‘ genannt) im Zug seiner Ostkolonisation in die Mark Brandenburg ein. Es waren vor allem holländische und friesische Siedler, die das Land nach Vertreibung und Unterdrückung der slawischen Ureinwohner eindeichten und unter den Pflug nahmen. Im 15. Jahrhundert besiedelten diese Eindringlinge Dörfer der Altmark und der benachbarten Prignitz, wurden Bauern, darunter die ersten Pariser“ (S.13 a.a.O.). Zwar lässt sich keine direkte Herkunftslinie meiner Vorfahren bis zu der Ahnenreihe der „Paris“ im Brandenburgischen feststellen, aber Volkhards Befunde sprechen deutlich gegen eine Vorgeschichte als Hugenotten. Als ältester Vorfahr der väterlichen Verwandtschaftsreihe ist mein 1795 geborener Ur-Ur-Großvater Carl Christian beurkundet, dessen Name „Parieß“ geschrieben wird. Möglicherweise kam dessen Vater – wie so viele andere – nach der großen Pest aus anderen Teilen von Brandenburg-Preußen in die Provinz Ostpreußen. Eine Hugenottenabkunft ist dagegen viel besser in meiner mütterlichen Familie nachzuweisen.
Nach dem Blick in die Ahnentafel zurück zur geographischen Ortung: Die Kreisstadt Insterburg lag in ein einem Winkel, der durch den Zusammenfluss mehrerer Flüsse zustande kam. Aus nordöstlicher Richtung stieß das breite Instertal bei Insterburg auf den Pregel, und der Landschaftscharakter eines Urstromtales setzte sich pregelabwärts nach Westen fort. Die Straßendörfer am Fluss lagen nicht direkt am Wasser, sondern wirkten etwas erhöht wie auf einem flachen Tellerrand liegend. Insterburg gegenüber auf der nördlichen Pregelseite steht in der Einmündung der Angerapp in den Pregel die im 14. Jahrhundert erbaute Georgenburg, heute im russischen „Oblast Kaliningrad“ die als einzige aus der Zeit des deutschen Ritterordens noch erhalten ist – halbzerfallen zwar, aber immerhin.
Das Straßendorf Georgental, das früher Leipeningken hieß, lag etwa 4 km westlich der Georgenburg am nördlichen Pregelufer auf ca. 40 Höhenmetern. Es hat mich immer mit Befriedigung erfüllt, dass die Umbenennung in „Georgental“ bereits 1928 erfolgte und nicht erst in der Nazizeit, als viele alte litauische Ortsnamen eingedeutscht wurden. In Leipeningken, das seit dem 15. Jahrhundert erwähnt wird, manchmal als „Leype “ oder „Leypega“, steckt die litauische Bezeichnung „liepa“ für Linde. Zu „Georgental“ wurde das Dorf im Zuge der Neuordnung der Güter, Vorwerke und Dörfer, die der Georgenburg benachbart waren bzw. zu ihr gehört hatten.
Zu unserem Hof bog man in der Dorfmitte rechtwinklig nach Norden hangaufwärts ab. Unser Hof war nach dreieinhalb Kilometern der vom Dorf am weitesten entfernte „Abbau“. Die Nachbarhöfe lagen wegen der Senkung des Geländes zum Pregel hin etwas tiefer als wir, so dass ich in meiner Kleinkindheit wahrscheinlich kein anderes Gehöft als unser eigenes wahrgenommen habe.
Für alle diese Gehöfte bildete die „Padrojer Forst“ östlich den Waldessaum. In dem großen Waldgebiet der Padrojer Forst, die insgesamt 6.755 ha umfasste (1Hektar=10.000qm), lagen sieben Förstereien: Leipeningken, Myrtenhof, Werxnen, Kamputschen, Mohlen, Hirschberg und Grünberg. Der Hof meines Vaters lag besonders nah am Wald, so dass im Forsthaus Leipeningken unser nächster Nachbar wohnte. Für mich ist der Blick zum Wald über unsere Weiden hinweg die zuverlässigste Landschaftserinnerung, die ich habe.
Dieser Wald hatte seinen Ursprung in den sogenannten „Graudenwäldern“, die bis in die Ordenszeit hinein als undurchdringliche „große Wildnis“ galten. Das Gebiet nördlich von Insterburg bis zur Memel hin wurde in alter Zeit „Nadrauen“ genannt. Darin steckte die die alte litauische Bezeichnung „nadruviai“ – „wo es fließt“ – zur Bezeichnung sumpfiger Urwälder. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts, nachdem die Provinz Nadrauen vom deutschen Ordensstaat eingenommen war, siedelte hier eine pruzzisch-litauische Mischbevölkerung, die mehr und mehr zurückgedrängt wurde.
In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist einmal ein Elch aus dem Wald auf meinen Vater zugetrottet („Na? Wo kommst du denn her?“ fragte ihn mein Vater). Etwa 130 Kilometer von der samländischen Bernsteinküste entfernt hat mein Vater einst ein Bröckchen Bernstein aus dem Acker gepflügt, das ich heute in meiner Schmuckschatulle aufbewahre.
Größe und Wert des elterlichen Hofes kann ich aus der Überlassungsurkunde erschließen, mit der meine Großmutter Antonie Paris, geborene Nolde, 1932 ihrem Sohn Otto Paris den Hof überschreibt. Für meine Tanten Anna, geboren am 5. Januar 1890, und Emma, geboren am 23. September 1893, sind darin in Goldmark deren Erbanteile festgelegt. Laut Eintrag der Gemeinde Georgental bestand das „Gut Antonie Paris“ im Jahre 1932 aus 34 Hektar, davon 19 Hektar Ackerland, 5,5 Hektar Wiesen, 8.5 Hektar Weiden, 1 Hofstelle, 8 Pferde, 20 Rinder, davon 8 Kühe, 5 Schweine. Mein Vater liebte besonders seine 18 Morgen Wiesen am Pregel.
Zu unserem Hof gehörten auch Instleute, die nahe beim Dorf in kleinen sogenannten Insthäusern wohnten. Das waren Landarbeiter zumeist mit Familie, die hauptsächlich mit Naturalien entlohnt wurden und deren Frauen nach Bedarf, also hauptsächlich zur Erntezeit, mithalfen. Meine Mutter hat mir einmal erzählt, dass sie sich schämte, weil diese Insthäuser nicht einmal festen Fußboden hatten, sondern nur gestampften Lehm.
Unser Wohnhaus war einstöckig, sechzehn Meter lang. Wenn man vom Hof durch die Eingangstür mitten in der Langseite des Hauses hereinkam, stand man in einer fast quadratischen Diele, die nur durch die Oberlichter in der Haustür Licht bekam. Hier wurden Mäntel, die sog. Überzieher, und Stiefel ausgezogen, und ich erinnere mich, dass hier stets mehrere Paare Filzstiefel standen, unverzichtbar bei starkem Frost in trockenem Schnee, die mir wegen ihrer Klobigkeit und Wucht unheimlich waren. Ich konnte sie kaum hochheben.
Aus der Diele ging es geradeaus in die Küche, rechts in die Wohnung der Tanten – zugleich Altenteil der Großmutter – links in unser Wohnzimmer, wohinter das Schlafzimmer lag. Vom Wohnzimmer führte eine zweite Tür in das sog. Esszimmer, das seine Fenster in der Längswand zum Garten hatte und nur sonntags oder bei Festlichkeiten benutzt wurde.
Das Haus hatte keine Elektrizität. Für manche seiner technischen Geräte benutzte mein Vater Akkus, und ich sehe ihn noch am Wohnzimmertisch Spulen wickeln. Bei Dunkelheit wurden Petroleumlampen angezündet. Im Wohnzimmer wie im Esszimmer gab es große Kachelöfen. Unser Wohnhaus war nicht unterkellert. Stattdessen gab es zwischen Haus und Viehställen ein festgemauertes Kellerhaus aus großen Feldsteinen. In der Tiefe dieses Kellerhauses wurden Eisblöcke eingelagert, die im Winter aus unserem Teich neben der Scheune gesägt worden waren. Ich habe mir erzählen lassen, dass diese Eisblöcke den Sommer über nicht schmolzen und das auf Rosten und Regalen darüber eingelagerte Obst und Gemüse frisch hielten. Bei Bombenalarm nutzten wir dieses Kellerhaus als Bunker. Aus der Kellertür lugend habe ich einmal ein tieffliegendes Flugzeug gesehen, das mir so groß vorkam, dass es genau über unseren gesamten Hof passte. „Das war der Fieseler Storch“ sagte mein Vater. Unter „Storch“ konnte ich mir sehr wohl etwas vorstellen, aber ich wusste natürlich nicht, dass es um ein Leichtflugzeug für etwa vier bis sechs Personen ging, welches zum Starten und Landen nur eine sehr kurze Strecke benötigte, weswegen es z. B. bei Kriegsende auf Straßen in Berlin landen konnte.
Unsere Felder hatten überwiegend schweren Boden und mussten durch Drainagen entwässert werden. Das Wort „Drainage“ hat mich als Kleinkind fasziniert, und ich sehe meinen Vater noch über Skizzen gebeugt planen, wo solche Drainagerohre erneuert werden müssten. Im Haus gab es kein fließendes Wasser, stattdessen einen Brunnen und eine Pumpe auf dem Hof zwischen Kellerhaus und Wohnhaus. Ich erinnere mich an mein Entzücken, meine Hände in blaue Wasserseen zu tauchen, wenn in riesigen Bottichen vor dem Brunnen „Wäsche gebläut“ wurde.
Skizze von Hof und Garten in Georgental, ca. ein Hektar (nicht maßstabsgetreu)
Aber zurück zu der Zeit vor meiner Geburt. Meine Mutter muss ein knappes Jahr nach der Heirat schwanger geworden sein. In diesem Jahr hatte sich der Zustand der altersschwachen Großmutter verschlechtert. Sie irrte im Haus herum, und meine Tanten passten auf, dass sie nicht etwa nachts meine Mutter überfallartig erschreckte. Am zweiten Juni 1941 wurde sie fünfundachtzig Jahre alt, und auf dem üblichen Familienfoto zu diesem Anlass, das wie immer in dem schön blühenden Juni-Garten gemacht wurde, sieht sie im Kreis ihrer alten Geschwister Nolde, ihrer Kinder und anderer Gäste sehr hinfällig aus. Fraglich ist, ob sie überhaupt noch erfasst hat, dass sie bald auf ihrem Georgentaler Hof ein Enkelkind bekommen würde. Sie starb Mitte Juni 1941, kurz bevor Hitler Russland den Krieg erklärte.
Meine Mutter hat sich über diese Kriegserklärung so erschrocken, dass sie mich als Frühgeburt bekam, „mindestens drei Wochen zu früh“, wie sie selbst es einschätzte. Ich war ein kleines Baby, dem die allererste Säuglingskleidung viel zu groß war. Meine Mutter hatte Schwierigkeiten, mich zu stillen, weil sie – wie sie sagte – eingezogene Brustwarzen hatte. Ihre eigene Mutter musste anreisen, und sie, die Vielerfahrene entschied: „Das Kind bekommt sie Flasche!“ Aber von Geburt an hatte ich einen kräftigen schwarzen Schopf, in den meine Mutter sofort eine rote Schleife einbinden konnte.
Warum aber hat meine Mutter sich bei Hitlers Kriegserklärung so erschrocken? Ihr ist sofort die Angst in die Glieder gefahren, dass es genauso kommen könnte wie 1914 zu Beginn des ersten Weltkriegs („August 1914“ sensu Solschenizyn), als ihre Familie vor den Russen fliehen musste. Und so ist es dann ja auch gekommen: meine Mutter musste als vierjähriges Kind vor dem Russeneinfall in Ostpreußen flüchten und ich als noch nicht Vierjährige 1945 ebenfalls.
Die Tatsache meiner Geburt wird von einer Episode begleitet, in die ein ahnungsvolles „Gehen-Müssen“, ein Abschiednehmen, auf eine merkwürdige Weise hineinspielt: als die Wehen meiner Mutter begannen, lief eine der Tanten schnell zum Telefon in das nicht weit entfernte Forsthaus, um die Hebamme zu rufen. Für den zehnjährigen Förstersohn Klaus Schrage ist unvergesslich, wie diese Tante sozusagen flügelschlagend anrauschte und verkündete, „wir bekommen ein Kind“ – für ihn gefüllt mit der prophetischen Voraussage einer Trennung, und er fasste das mit halbem Vorwurf an mich so zusammen: „Du kamst – und ich musste gehen!“ Denn in diesem Sommer 1941 wurde er in ein weitentferntes Internat nach Rastenburg geschickt, und damit fingen für ihn Vertreibung aus einem unwiederbringlichen Kindheitsparadies und Heimatlosigkeit an.
Trotz Kriegsausbruch mit Russland hatte mein Vater Umbaupläne für Haus und Hof und ließ eine große Scheune bauen, die als beispielhaft modern und zweckmäßig galt. Es gefiel ihm, wenn die Zimmerleute seine kleine Tochter herumschwenkten und ihm schmeichelten: „Die Erbin von ganz Georgental!“ Neuanschaffungen wurden in dieser Zeit von Erwachsenen, die an einem guten Kriegsausgang zweifelten, manchmal gallig kommentiert: „Die Russen werden sich freuen!“ Dies Schwanken zwischen Furcht und Hoffnung lässt sich auch aus einem Vorgang ablesen, er uns im Sommer 1944 betraf: Zu uns kamen bereits Flüchtlinge aus Litauen, die sich vorgenommen hatten, nach London auszureisen. Obwohl klar war, dass sie nicht lange bei uns bleiben würden, ließ mein Vater auf der 26 Meter langen Scheune von Zimmerleuten einen Giebel als Wohnung mit zwei Kammern ausbauen, weil wir im Haus keinen Platz für eine weitere Familie gehabt hätten. Ich bin gerne zu der Familie Matlascheitis hineingeklettert, weil es bei ihnen so schön nach frischem Holz roch. Aber dieser Ausbau war eine völlig übertriebene Geste meines Vaters angesichts der Tatsache, dass ein halbes Jahr später sowieso alles dahin war.
Mein Vater ließ es sich auch nicht nehmen, auf dem Giebel der neuen Scheune das Storchennest zu erneuern. Ich sehe ihn noch, ein strohumwundenes Wagenrad auf seinen Schultern hochwuchten, während ich Angst hatte, dass er von der Leiter fallen könnte. Aus dem Spätsommer 1944 erinnere ich noch eine andere Szene: Wie mein Vater mit dem letzten Fuder Getreide stolz und schwungvoll in den Hof einbog, mich zur Krönung der Ernte hoch auf dem schwankenden Wagen. Und wie ich dem Stolz meines Vaters zuliebe mir verbat, da oben Angst zu haben. Erst als ich in das erschreckte Gesicht meiner Mutter unten sah, merkte ich, dass ich mich nicht zu schämen brauchte, weil mir etwas bange geworden war.
Aus welcher Stimmung heraus mögen die kriegsbedrohten und kriegserfahrenen Eltern damals gehandelt haben? Schicksalstrotz gemäß Luthers Überzeugung: „Und wenn gleich morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute noch hingehen und mein Apfelbäumchen pflanzen“?
Oder haben sie gezielt Pessimismus als apotropäische Zauberformel angewandt ähnlich einem Ritual bei der Papstkrönung, wo zeremoniell ein kostbares Herrschaftssymbol auf einem Samtkissen vorangetragen wird, begleitet von der Formel „sic transit gloria mundi“ – „die Russen werden sich freuen“?
Oder haben sie reuevoll, eilig, lebenshungrig und schuldbewusst etwas von dem nachholen wollen, was sie bisher versäumten? Mindestens mein Vater hatte bei seiner späten Familiengründung ein halbes Leben schon hinter sich.
Oder war es das Bedürfnis, etwas zu eigenen Bedingungen würdig abzuschließen, bevor es ihnen genommen wurde? Ähnlich wie die Frauen in Tschingis Aitmatows Roman „Dshamilja“ ihre Häuser anstreichen und schmücken, bevor diese durch einen Stausee geflutet wurden?
Seit den 1920er Jahren fanden sich auf unserem Hof Sommergäste ein, insbesondere die Verwandten aus dem „Reich“, die dorthin geheiratet hatten oder deren Kinder. Die Gäste, die länger blieben, teilten ihren Aufenthalt zwischen den Familien Paris in Georgental und den Noldes in Berziupchen auf. Gerne kam auch eine Cousine aus Königsberg, eine Lehrerin, Hildchen Steinbacher, Tochter des Patenonkels meines Vaters. Zwei Cousins meines Vaters, Willi und Otto Paris aus Insterburg, fanden sich zu Sonntagsausflügen häufiger ein, traditionell jedoch immer zum Geburtstag meiner Großmutter im Juni. Willi Paris, der Drogist geworden war, haben wir viele Familienfotos zu verdanken, von denen regelmäßig Abzüge zu Verwandten nach Bad Nauheim, nach Düsseldorf-Kaiserswerth, nach Bielefeld und nach Münster geschickt wurden. Viele von diesen Fotos haben bei den Adressaten Krieg und Bombardierung überdauert, bis sie schließlich auf mich, das an Familiengeschichten interessierte Einzelkind, zurückgefallen sind.
Auf den Fotos aus der großen Schneeballlaube am Ende unseres Gartens sieht man die Schwestern Paris im Laufe der Jahrzehnte etwas verblühen und meinen Vater zwischen ihnen in Positur, wenn er auch den steifen Stehkragen mittlerweile abgelegt hat. Auf den Gruppenbildern haben die Herren häufig große Maiglöckchensträuße aus dem nahen Wald in den Händen. Die Damen schmückten sich bei Familientreffen im Sommer gerne mit dicken Dahlienblüten, die sie sich an ihre Kleiderausschnitte hefteten.
Regelmäßig kamen die Diakonissen Minna Nolde und Meta Paris zu uns, die eine Kaiserswerther Schwester, die andere eine „Sarepta“-Schwester aus Bielefeld. Tante Minna (geb. 1875) war die jüngste Schwester meiner Großmutter, Tante Meta ihre 30 Jahre jüngere Nichte, Schwester jenes Max Paris, von dem das Aquarell unseres Hofes aus den 1930er Jahren stammt. Tante Minna war heiter-verspielt und erlebte ihren Diakonissenstand als Privileg. Sie schaffte es, in den Kriegsjahren zwischen 1942 und 1944 von ihrem Mutterhaus in Kaiserswerth zur Pflege ihres ältesten Bruders Hermann Nolde in Ostpreußen freigestellt zu werden. Das bedeutete für sie ein Nachhausekommen als alte Schwester, nachdem sie 1903 als Achtundzwanzigjährige in das Kaiserswerther Mutterhaus eingetreten war. Aus dem Fundus ihrer Briefschaften und ihrer Andenkensammlung können bis heute Erinnerungen aus der Vorkriegszeit erweckt werden, ein großer Schatz. Erst vor kurzem habe ich ein winziges Sträußchen gepresster Nelken und Schleierkraut gefunden mit einer Banderole, auf der steht: „von meiner lb. Großnichte Annelorchen“. Ist das zu glauben? Hat Minna diese zwei getrockneten Nelkenstängelchen ab dem Sommer 1944 tatsächlich aufbewahrt? Tante Minna konnte sich empören: „Was? Du willst mir kein Küsschen geben? Dann stehl’ ich mir eins!“ Was ich eklig fand. Tante Meta kritisierte dann: „So etwas gehört sich nicht für eine Schwester!“ Tante Meta achtete sehr auf die Würde ihres Standes, und auf ihrer Brosche stand: „Mein Lohn ist, dass ich darf“ – gemeint war „dienen darf“. Aus ihrem späteren Leben weiß ich, dass sie im Krankenhaus Borgholzhausen praktisch durchgehend Dienst tat, Tag und Nacht. Ihr Taschengeld als Diakonisse betrug bis in die 1950er-1960er Jahre achtzig DM im Quartal, aber sie entbehrte nichts, lebte außerhalb normaler Alltagsbedürfnisse. Ich könnte mir vorstellen, dass die Erlebnisse in ihrer großen und unglücksbehafteten Herkunftsfamilie früh ein Motiv für die Wahl des Diakonissenberufs geworden sind. Als alte Diakonisse sagte sie jedenfalls mit Nachdruck, dass sie „schon immer Schwester“ werden wollte.
Das weiß getüpfelte Häubchen der Kaiserswerther Diakonissen ähnelte einer Pusteblume, und deshalb brachte Tante Emmchen mir bei, Grüße zu Tante Minna bis nach Kaiserswerth zu pusten, was ich innig tat. Tante Minna schrieb an ihre „geliebten Patenkinder“ gefühlvolle Briefe. Meisten lagen noch fromme Sinnsprüche auf Buchzeichen dabei oder Bibelzitate in Kunstschrift auf Pergament oder auf Seide gestickte Arabesken. Noch heute biegt sich bei uns die von Tante Minna geerbte Bibel unter diesen Andenken.
In den Jahren ab 1942 hatten wir im Rahmen des „Reichsarbeitsdienstes“ eine sogenannte „Arbeitsmaid“ im Haus. Ostpreußen, als bäuerliches „Grenzland im Osten“ durch die „Blut- und Boden“-Ideologie der Nazis besonders favorisiert, war für solche Landjahreinsätze beliebt. Zu uns kam eine etwa zwanzigjährige Nichte der Insterburger Verwandten: Alice Hollmann. Alice hat mein weibliches Schönheitsideal geprägt, dunkelhaarig mit dunklen Augen – ganz gegen den Zeitgeist mehr ein Schneewittchen als blondes blauäugiges Germanenideal. Einmal wickelte sie mit mir Geschenkbänder auf, die dann in einer leeren, wattierten Pralinenschachtel verwahrt wurden. Ich war ehrfürchtig vor so viel Schönheit, einmal wegen der glänzenden Satinbänder wie auch darüber, dass die verehrte Alice sich mit mir beschäftigte. Fünf Jahrzehnte später bin ich Alice bei der Beerdigung meines Vetters Willi Paris in Trier ein einziges Mal wiederbegegnet. Auf einer Kirchenbank in St. Florin flüsterte eine schöne alte Dame mir erwartungsvoll gespannt zu: „Sind Sie vielleicht Frau Annelorchen?“ Ich war berührt, weil der alte Zauber wieder griff. Alice hatte Stil, aber es umgab sie eine stille Verschlossenheit. Sie deutete an, dass der Krieg ihr Schlimmes angetan hätte und dass sie darüber nicht sprechen wolle.
In den Kriegsjahren hatte Alice bei uns das Glück, in der jüngsten Schwester meiner Mutter eine fast Gleichaltrige zu finden. Dorothea Abernetty (Dorle genannt), 1918 geboren, verliebte sich auf der Verlobung meiner Eltern in den Besitzer des Nachbarhofs Albrecht Vollmer, den sie 1940 heiratete. Vollmers Hof war auch ein Einzelgehöft, gehörte aber nicht zu Georgental, sondern zu dem Nachbardorf Groß Schunkern. Den beiden Schwestern Johanna und Dorothea ist es sicher sehr willkommen gewesen – zwanzig km von ihrem Heimatort entfernt – sich auf zwei Nachbarhöfen verheiratet wiederzufinden. Und auf der Flucht ab Januar 1945 bildeten die beiden Schwestern dann einen gemeinsamen Treck aus vier Wagen.
Um zu Vollmers Hof zu kommen, musste man in nördlicher Richtung zuerst über eine leicht hügelige Wiese und dann über einen kleinen Bach, die Zwione, hinweg steigen. Vollmers waren keine gebürtigen Ostpreußen, sondern stammten aus Niedersachsen und hatten den Hof nach dem ersten Weltkrieg 1917 gekauft. Oma Vollmer galt als sehr resolute Frau, und über Opa Vollmer wurde respektvoll gesagt, dass er gut mit Zahlen umgehen konnte und die Gemeindekasse führte. Oma Vollmer hatte sich – vielleicht bewusst? – mit den Landessitten überidentifiziert und kochte altertümliche litauische Gerichte, die es sonst nirgendwo gab. Bei ihr gab es z.B. „Kisseel“, einen grauen ungesüßten Roggenschrotpudding, der gestürzt wurde und dann erst recht nach grauem Glibber aussah. Daraus wurden wie aus einer Torte Keile herausgeschnitten, die jeder auf seinem Teller mit saurer Sahne oder Milch übergoss. Vor Einladungen bei Oma Vollmer schärfte meine Mutter mir ein: „Du benimmst dich anständig und zeigst nicht, dass dir das nicht schmeckt!“
Mein nur ein knappes Jahr jüngerer Cousin Martin, am 10. Mai 1942 geboren, hätte in meiner Kleinkindeinsamkeit unter lauter Erwachsenen eigentlich der passende Spielgefährte sein können, aber ich konnte damals mit ihm nichts anfangen. Einerseits beneidete ich ihn, der von seinem Vater vergöttert wurde, um die vielen teuren Spielsachen, andererseits sah ich auf ihn herunter, weil er damit noch nicht zurechtkam. Von seinem Vater, einem begeisterten Jäger und Soldaten, bekam er mit zwei Jahren ein „Schießgewehr“ wie auch ein schlankes, perfekt aufgezäumtes Schaukelpferd, für das seine Beine noch viel zu kurz waren. Martin war weinerlich und ängstlich und wurde von seiner Großmutter und meinen alten Tanten geschulmeistert. Einmal hatte er es unbemerkt bis an den Rand unseres Teiches geschafft, an dem er dann versonnen stand – und das war wirklich gefährlich. Die Tanten nutzten den Vorfall lediglich, um herauszustreichen, wie viel „vernünftiger“ ich doch wäre. Martin und ich sind erst auf der Flucht und in der unmittelbaren Nachkriegszeit als Notgemeinschaft besser zusammengewachsen. Für Martin war ich die große Ersatzschwester, zu der er aufblickte und die er zugleich fürchtete. Viele Jahre hat er mir nach seinem Geburtstag im Mai regelmäßig geschrieben: „Endlich beginnt wieder die schöne Zeit, wo ich genauso alt bin wie du!“ Diese schöne Zeit dauerte jeweils nur zwei Monate. Als erwachsener Mann hatte Martin viele Freundinnen, ließ sich aber von keiner bindend einfangen. Als ich mit schlechtem Gewissen halberschrocken wieder einmal moralisierte: „Aber Martin, das kann doch nicht daran liegen, dass ich dich immer so unterdrückt habe?“ war die gedehnte Antwort: „Och! Ich freu mich schon auf die nächste…“. Martin ist Ingenieur geworden, danach als Zeitsoldat Offizier, dann Berufsschullehrer. Obwohl er damit den Idealen seines Vaters ziemlich nahegekommen ist, hat ihn die lange vaterlose Zeit, als dieser in russischer Kriegsgefangenschaft war und Martin mit seiner Mutter allein war, am stärksten geprägt.
Annelore, zwei Jahre alt, füttert Geflügel vor dem Kellerhaus, 1943
Andere Spielgefährten als Martin gab es kaum. Die Schwester des Förstersohnes Klaus, Röschen, war acht Jahre älter und die beiden Nachbarinnen Gerda und Elfriede Puddig waren ebenfalls zehn Jahre und mehr älter als ich. Im Übrigen kamen alle drei nur zu Besuch, um aus meinen langen Haaren neue Frisuren zu machen. Das ziepte, und ich versteckte mich dann lieber gleich unter dem Wohnzimmertisch.
Eins meiner frühen Lieblingsspielzeuge war der Ankersteinbaukasten meines Vaters. Besonders liebte ich das Geräusch, das die zusammenklickernden Steine machten. Möglicherweise hatte mein Vater als Kind diesen Steinbaukasten bekommen, denn um 1900 – als mein Vater vier Jahre alt war – wurde dieser Steinbaukasten entworfen und kam zum ersten Mal auf den Markt. Nach dem Mauerfall im Jahre 1989 entdeckte ich, dass die Herstellung der Ankerbaukästen aus Rudolstadt wieder neu aufgelegt worden war, und ich habe mir begeistert gleich mehrere davon gekauft.
Bis zu meinem vierten Lebensjahr hatte ich schon Andersens Märchen mit den Illustrationen von Ruth Koser-Michaels vorgelesen bekommen. Das muss tatsächlich so gewesen sein, denn in der unmittelbaren Nachkriegszeit besaßen wir überhaupt keine Kinderbücher mehr. Das niedliche Däumelinchen, das auf einem Seerosenblatt schlief, konnte ich nicht oft genug betrachten. Wenn ich müde wurde, zitierte meine Mutter: „Schatzkind mein Engelchen, fall’ nicht vom Stängelchen, geh’ zu Bett mein Kind!“
Meine Mutter muss mir auch plattdeutsche Lieder vorgesungen haben; denn woher sonst sollte ich es sonst kennen, dieses Wiegenschaukellied:
„Schusche, schusche – schusche – Pikatz de jeiht muhse – Schudel, de jeiht Hoaskes joaje – wart min Kindke schloape joane – schusche – schusche – Schuschke – joa mi nich enne Kruschke – kömmt de jroote Scheperknecht – nämmt di alle Kruschkes wech – schusche – schusche – Dschannke – dä Kiwitt on de Kroanke – Kiwitt wer e fixer Foajel – beet dem Kroanke en ‘nem Zoajel – schusche – schusche – …? – Joa wi na de jroote Stadt – keep för ons kleen Kindke wat. Ei wat war wi bringe? Rode Schoh’ met Ringe – rode Schoh’ met Jold beschloaje – dat wart ons kleen Kindke droaje …“
In dem Lied geht es um eine Katze auf Mäusejagd, einen kleinen Hund – „Schudel“ – der Hasen jagt, um das kleine Kind, das dann schlafen gehen wird, um die Warnung, nur ja keine Birnen zu stehlen, weil sonst der große Schäfersknecht kommt, der alle Birnen wieder wegnimmt. Ein Kiebitz kommt vor, der ein so schneller Vogel ist, dass er den Kranich in den Schwanz beißen kann, und schließlich geht es um einen Ausflug in die große Stadt, wo man für das kleine Kind etwas kaufen wird. Und was werden wir mitbringen? Rote Schuhe mit Ringen, rote Schuhe mit Gold beschlagen, die wird unser kleines Kind dann tragen …
Einmal hatte ich, wie ich fand, eine gute Idee, wie ich meinem Vater einen Streich spielen könnte: Bevor er zum zweiten Frühstück von draußen hereinkam, hatte ich einen Knopf unten in seine Kaffeetasse geworfen und fand das sehr schlau von mir. Mein Vater trank, verschluckte sich – na ja, das sollte er ja auch, sich richtig verschlucken – griff aber noch mitten im Keuchen nach mir und verdrosch mich. Ich war starr vor Staunen: Woher konnte er wissen? Aber ich war auch ein kleines bisschen enttäuscht, denn im Stillen hätte ich erwartet, dass mein Vater mich für meine schlaue Idee bewundert.
Am liebsten spielte ich mit Tante Emmchen, die selbst so gerne Kind geblieben wäre. Sie hat mir einmal erzählt, dass sie bitterlich schluchzte, als sie zu ihrer Konfirmation 1908 ihr erstes langes Kleid anziehen sollte. Mit ihr legte ich bunte Mosaike aus Blütenblättern, machte „Rührei mit Spinat“ aus gelbem Löwenzahn und seinen Blättern, flocht Blumenkränzchen, bekam Himbeeren auf alle Fingerspitzen gesteckt oder Puppenkleider genäht. Tante Emmchen konnte sich aber auch über meine kindlichen Großtaten belustigen, und das war manchmal nicht so nett: wenn ich stolz die Kuhherde vom Waldrand mit einem einzigen Strohhalm bewaffnet zum Melken heimholte, stand sie am Weidenzaun und lachte und lachte. Am meisten habe ich Tante Emmchen geplagt mit der Bitte: „Tante Emmchen, was war früher?“ Und sie fing dann sofort an, von Kaisers Zeiten und ihrem „Prinzesschen“, der jüngsten Tochter des letzten deutschen Kaisers zu schwärmen. Als ich größer war, habe ich gespottet: „Weißt du eigentlich, dass dein Prinzesschen raucht wie ein Schlot?“ Sie – ungläubig – „Aber nein! Das würde unser Prinzesschen niemals tun!“
Wenn ich morgens aus dem Schlafzimmerfenster im Giebel in den Garten sah, leuchtete mir ein großes, rotes, kreisrundes Salvienbeet entgegen, und nicht weit davon entfernt konnte ich an einem Beet weißer Madonnenlilien entlanglaufen, die größer waren als ich. Diese ganze Gartenseligkeit war Tante Emmchens Werk. Tante Emmchen experimentierte aber auch hexenküchenmäßig mit allerlei Knollen, Samen und Tees, was von meiner vernünftigen Mutter nicht immer gutgeheißen wurde.
Es gibt eine Erinnerung, wie Tante Emmchen mich mit einer gewissen Beflissenheit und Geheimnistuerei zu den Johannis– und Stachelbeersträuchern am Gartenrand mitnahm, während sie zwischen den Sträuchern Porzellankisten vergrub. Verstecke anzulegen – das gefiel mir. Aber den Sinn davon habe ich erst später verstanden: Ich sollte mich – womöglich als einzige Überlebende? – an die Orte erinnern, wo unsere Schätze vergraben waren.
