Geburt und Wiedergeburt - Friedrich Hurter - E-Book

Geburt und Wiedergeburt E-Book

Friedrich Hurter

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Friedrich Emanuel von Hurter war ein schweizerisch-österreichischer Historiker. Dies ist seine Autobiografie.

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Seitenzahl: 1937

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Geburt und Wiedergeburt

Erinnerungen aus meinem Leben und Blicke auf die Kirche

Friedrich Hurter

Inhalt:

Friedrich Emanuel von Hurter – Lexikalische Biorafie

Geburt und Wiedergeburt

Vorrede zur ersten Auflage.

Vorrede zur zweiten Auflage.

Erster Band

Zweiter Band

Geburt und Wiedergeburt , F. Hurter

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

ISBN:9783849628444

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Friedrich Emanuel von Hurter – Lexikalische Biorafie

Einer meiner Freunde in Paris machte einst die geistreiche Bemerkung: Gott habe dem heiligen Petrus das Netz übergeben, die Angel aber sich vorbehalten. Und wirklich geht die ewige Gnade, während Jener der Kirche Stämme und Völker gewinnt, dem Einzelnen oft durch weite Strecken der Lebensbahn langem Zeitverlaufs nach, und wirft die Angel aus, ob das Fischlein möge gewonnen, zu Denen, welche der große Menschenfischer gezogen hat, hinzugefügt werden. Es ist dieß dieselbe Obsorge, deren Wahrnehmung wegen der Herr der Kirche selbst sich den guten Hirten nennt, der auch dem einzelnen Schaf, in wie weiter Ferne von der Heerde in der Irre es wandle, nachgeht und, wenn er es gefunden, dasselbe nicht bloß zu sich, ruft, sondern auf den eigenen Schultern zurückträgt.

Der Wege sind zahllose, der Mittel mancherlei, der Erfolge verschiedene. Simon und Andreas rief der Herr selbst, Nathanael suchte ihn auf, Nikodemus kam in der Nacht zu ihm, Saulus ward auf dem Wege nach Damaskus ergriffen; aber auch an Solchen fehlt es nicht, welche sagen: die Rede ist hart, wer mag sie hören?

Es ist vielleicht mehr als Einer, der von sich bekennen müßte: der mit Angel, der mit der freundlich lockenden Stimme ist mir nachgegangen, ich habe seiner nicht geachtet, ich bin meiner Wege gezogen; es sind Winke erfolgt, aber, was um mich her, war mächtiger, war bewältigender; ich habe es darauf ankommen lassen, daß er mit lauter und immer lauterer Stimme rufe: Siehe, ich stehe vor der Thüre! Zuletzt ist er eingegangen durch dieselbe, wie dort bei den Jüngern, ohne Geräusch, ohne sie zu brechen; er hat den, lange dem eigenen Willen Folgenden ergriffen, daß es nun auch von dessen Augen fiel wie Schuppen.

Ich darf wohl von mir mit Recht sagen: ich habe nichts gesucht, sondern bin gesucht worden; ich habe die verschiedenartig auf mich einwirkenden Verhältnisse nicht ausgewählt, sondern sie sind mir entgegentreten; ich habe wohl rufen gehört, aber ich fand mich zu behaglich auf meinem Sitz und meinte, nicht zu widerreden, möge genügen; ich habe nicht selbst dem Anklopfenden die Thüre aufgemacht, er ist am Ende kraft seines Willens und seiner Macht durch dieselbe hineingetreten.

Die Mahnung zu Kreuzeszeichen (S. 102) in der Jugend ist so wenig aus Reflexion oder in weiterer, denn auf den nächstliegenden Zweck zielender Absicht hervorgegangen, als in den Knabenjahren der, nicht blos auf Befriedigung der Schaulust sich beschränkende Eindruck der Fronleichnams-Procession (S. 105f.) durch der Menschen Rede oder Einwirken hervorgerufen wurde. Wer da weiß, wie auf Universiitäten das Zusammentreffen mit Andern und das nachherige Anschliessen an sie oft von den allergeringfügigsten Kleinigkeiten abhängt, den wird schwerlich die Behauptung anwandeln, ich hätte mit Absicht Freunde und Bekannte gesucht, die auf meine Ueberzeugungen denjenigen Einfluß übten, den ich ihnen verdanke; da wohl in diesen Verhältnissen das Wort eher lauten wüßte: wer sucht, der findet nicht. Daß ich hierauf in ein Kloster kam, war ebensowenig Vorsatz und Wahl, als es in meiner Macht stand, unter behaglichem Hinfliessen der Zeit gegen die Eindrücke des kirchlichen Lebens mich abzusperren. Bestimmter Wille lag einzig darin, niemals je dem Rationalismus Theil an mir zu gestatten; doch auch jener vorzugsweise durch die Eindrücke der Jugend geweckt, durch spätere Umgebung gekräftigt. Daß ich auf Innocenz den Dritten stieß – ich darf wohl dieses etwas trivialen Ausdruckes mich bedienen – geschah abermals weder aus Ueberlegung noch in Berechnung, sondern durch das, was Sprachgebrauch Zufall nennen zu dürfen meint. Da dieser Papst mich nicht abstieß, wofür durch den bisherigen Lebenslauf gesorgt war, mußte er mich anziehen; denn reichbegabte, entschieden auftretende Männer, thatenreiche, inhaltsschwere Zeitfristen können nur Klötze theilnahmslos in der Mitte stehen lassen. Welcherlei Einfluß eine solche, mit steigender innerer Befriedigung übernommene Beschäftigung freyer Wahl haben mußte und auch hatte, wird in diesen Blättern an mehreren Stellen berührt. Unbemerkbar änderte sich darob die Richtung: bisanhin hatten die Verümständen ihre anziehende und abstossende Kraft ohne Entgegenwirken an mir geübt; fortan galt es als Aufgabe, die höchste Anforderung der Stellung in ihrem weitesten Umfange zu erkennen, und dem bestmöglichsten Entsprechen dieser Anforderung die Verümständungen dienstbar zu machen.

In dem Allem lag eine langsam und stätig fortschreitende Zubereitung von ferne her, die aber sicher Mittel ohne Zweck, Keim ohne Entwicklung, Anlage ohne Ausführung würde geblieben seyn, wäre nicht später das Anklopfen, wäre nicht das laute Rufen, zuletzt ernstes Mahnen erfolgt. Um Mittel, Keim und Anlage zu bilden, hiezu war allerdings mein Mitwirken erforderlich: Zweck Entwicklung und Ausführung dagegen wurden herbeigeführt ohne, selbst gegen meinen Willen. Als hierauf nach langen Jahren (wie denn unter den eingetretenen Reibungen selbst hierüber von Woche zu Woche heller das Licht sich verbreitete) der Wendepunct eines in ehrenhafter Thätigkeit, vielartiger Wirksamkeit und freudiger Verwendung für Andere geführten Lebens (dessen aller Anfangs ungeahnet) von dem Jahrestag der leiblichen Geburt ausgieng; wie hiemit an eben das, was gegen dreissig Jahre die heitersten, ruhigsten und harmlosesten Stunden bereitet, Sturm und Wetter, gleich als von wolkenlos scheinendem Horizont urplötzlich, hervorgebrochen, sich knüpfte, und der äussere Friede in bittern Hader verwandelt, vorübergehend der innere getrübt ward; wie über den Schlägen durch jene Hand, die da verwundet und heilet, die Gedanken, oder doch die Regungen der Herzen nach auseinandergehenden Richtungen offenbar wurden: zur eisesstarren Kälte (wenn nicht noch Schlimmerem!) diejenigen, zu denen die mannigfaltigste Wechselbeziehung seit drei Jahrzehende geträumt worden, zu der erquikendsten Theilnahme diejenigen, bei denen zu Weckung des reinsten Dankgefühls das bloße freundliche Wort genügte; wie endlich Wille und Kraft auch zu demjenigen verliehen wurde, was insgemein den Menschen am schwersten fällt und in ihr Wesen am zähesten verwachsen ist – zur Darangabe zeitlicher Vortheile; wie dieses Alles, in kurze Zeitfrist zusammengedrängt, sich folgte, und nimmermehr das Anklopfen sich mißkennen ließ, sollte da geschehen, was zu Meriba, was zu Massa in der Wüste? Sie waren gelöst die Bande, sie waren gehoben die Hindernisse, es war der Freiheit zurückgegeben der Wille; sollte das Herz sich verstocken, sollte der Friede gesucht werden in dem Ausschlagen wider den Stachel?

Es war doch erst ein Rufen, es war doch erst ein Anklopfen. Aber für den drinnen Weilenden galt es nun nicht mehr, sitzen zu bleiben. Nicht, daß er alsbald sich erhoben hätte, um die Thüre zu öffnen; aber das Geräusche, in welchem sonst die Stimme verklungen, war jetzt zerronnen; es forderte der innere Sinn auf, zu forschen, wer angeklopft, zu lauschen dem Ruf, zu würdigen dessen Ton und Bedeutung. Das geschah; nicht in Mißstimmung über das Erfahrene, nicht eilfertig, nicht oberflächlich, sondern langsam, zögernd, geruhig, dem Alles überragenden Ernst der Sache angemessen. Aus den Stürmen um mich her hatte ich mich die Windstille geflüchtet; die Bewegung war von der Oberfläche gewichen, hiemit aber, wie es wohl nur dem Stumpfsinn oder der unverzeihlichsten Oberflächlichkeit anders möglich gewesen wäre, hatte sie sich nach innen gewendet, nimmermehr von aussen wahrnehmbar, weil nur ein, in immer fanftere Schwingungen zerrinnendes Fluthen und Wogen. Da trat unter dem Wanken, ob ich wohl öffnen, ob ich noch länger zaudern möchte, Er ein mit dem Wort: Friede sey mit Dir, da ich eben mit dem beschäftigt war, was in vergangener Zeit einer seiner erleuchtetesten und höchstgestellten Knechte über seine stäte Gegenwart unter den Erlösten gesprochen. – es gilt hier aber, was der heil. Augustinus sagt: »War das Schaf für den Hirten nothwendig; war nicht dem Schafe vielmehr der Hirte nothwendig?«

Es giebt Solche, die in dergleichen Vorgängen Alles durchaus von dem Menschen abhängig machen, alle Beweggründe ausschließlich in ihm aufsuchen, von einem Hinzutreten göttlicher Gnade nichts wissen wollen. Weßwegen dieß? Das leuchtet hell ein; der Mensch wird damit auf ihreArena geschleppt, wo sie von allen Seiten über ihn herfahren können. Geläufig mag es ihnen zwar auch seyn, von göttlicher Leitung und Allem, was hieran sich knüpft, zu sprechen; aber auf solchem Wege, zu solchem Ziele sie wahrnehmen, gar anerkennen zu wollen, das, meinen sie, seye der gröblichste Irrthum, ja gar, dieweil einmal Solches durch sie nicht will gestattet werden, strafbarer Frevel. Es giebt aber hier zwei Frevelwege; der eine: die göttliche Gnade zur Redensart und zum Deckmantel zu machen, hinter welchem Verwerfliches sich verbergen soll; der andere: mit geschlossenen Auge, mit verstopftem Ohr, mit eisernem Willen ihr sich gegenüberzustellen. Oh hier leichtfertig Beziehung auf jene genommen werde, indeß Alles von diesem ausgegangen, ob jenes Anklopfen der Gnade so bequem zu mißkennen gewesen wäre, darüber wird wohl noch mehr als Einer ein redliches Urtheil abzugeben im Stande seyn. Oder wär's überbaupt keine Gnade, wenn das Kind auch nur wieder zu der Vermuthung gelangen mag: es dürfte doch besser seyn, in das Vaterhaus zurückzukehren, welches einst in stürmischem Trotzen verlassen worden?

Indem aber die letzte Bedenklichkeit gehoben ward und die letzte zurückhaltende Schranke fiel, ist dann ebensobald über die Vergangenheit, nicht, wie menschliche Rede sich auszudrücken liebt, das Licht erst aufgegangen (in solchem stund sie seit aller Zeit, erleuchtet durch denjenigen, der selbst das Licht ist), wohl aber die Binde hinweggefallen von den Augen, also daß sie nun, rückblickend von dem augenblicklichen Standpunct, in einen ohne Unterbruch fließenden Strom von Klarheit schauen konnten, wo zuvor nur durchblitzende Schimmer, flüchtig vorüberstreifend, wollten wahrgenommen werden. Was bei jedesmaligem Erscheinen blos als abgerissen, zufällig, vorübergehend auf sich mochte beruhen und auch lange genug wirklich beruhte, hat unverweilt diese mangelhaften Merkmale verloren, es ist in einen inwendigen Zusammenhang getreten, es hat eine gemeinsame Bedeutung gewonnen, es ist dessen höheres Gepräge zum Vorschein gekommen.

Ich habe es nun versucht, den Lauf dieses Stromes zu zeichnen, von seinem Quell in den Seufzern meiner Eltern über die Hinrichtung Ludwigs XVI (sicher kein unwichtiges, kein folgeloses Moment) bis zu seiner Ausmündung in St. Ignazio zu Rom. Was auch vermuthet, wie auch mag geurtheilt worden seyn, dessen bin ich mir vollkommen klar bewußt, daß, hätte sich der Strom ungehindert durch die Niederungen fortgewälzt, hätten nicht Klippen und Riffe ihn unterbrochen, er diese Wendung schwerlich genommen, er den Ausgang in das Gnadenmeer der Kirche schwerlich würde gefunden haben. Denn, ob es zwar von Manchem nicht geahnet, oder vielleicht nur nicht mag zugegeben werden, eine unermeßliche Verschiedenheit liegt darin: Einzelnes in der katholischen Kirche nicht zu mißbilligen, dann aber als Glied derselben mit der freyesten und freudigsten Ueberzeugung sich zu bekennen, und Alles anzunehmen, was sie als sorgliche Mutter zu unserem Heil uns darbietet. Man muß diesen Weg selbst durchgemacht haben, um seine Lange bemessen zu können. Daß aber für Jenen der Weg, wie weit immerhin er noch seye, doch so weit nicht seye, wie für denjenigen, dem die Kirche entweder ganz gleichgültig ist, oder der gar feindselig ihr gegenübersteht, das freilich ist nicht zu läugnen. So wie es denn nicht an Beispielen fehlt, daß die göttliche Gnade selbst Leute der einen und der andern dieser Gesinnungsweisen wider aller Menschen Vermuthen ergriffen hat, so zeigt der Lebensgang Anderer, daß schon das Erste genügte, um allmählig von Erkenntniß zu Erkenntniß emporzusteigen. Darum aber mögen neben den Zeugnissen von derartigen Führungen, auch diejenigen ihre Stelle finden, an denen ersehen werben mag, wie dieselben den Menschen von der bequemen Lagerstätte, die er sich ausersehen, hinweg und dorthin zu lenken wissen, wo nicht scheinbare, darum falsche, Ruhe ihn einschläfern will, sondern wo der wahre und sichere Friede, der höher ist als alle Vernunft, ihn zum allein lebendigen Leben weckt; damit erkannt werde, des Herrn Gedanken seyen zwar nicht unsere Gedanken, es sollten aber die Wege des Ewigen die unsrigen werden, und damit Alles diene zu seiner Ehre und zu seiner Veherrlichung.

Aufrichig, getreu und redlich, ungeschmückt und rückhaltslos habe ich meine Gesinnungen, meine Bestrebungen und mein Verhalten unter allen Begegnissen und Beziehungen des Lebens in diesen Blättern dargelegt; Manches, da von frühern und nähern Verhältnissen ich dergestalt abgelöst bin, daß ich nunmehr als Unbetheiligter in dieselben hinüberblicken kann, kund gegeben, was ich früher in mich zu verschließen Ursache gehabt hätte. Meinen Solche, die mich entweder gar nicht kennen, oder wohl lieber mißkennen, sie wüßten über den innern Proceß meines Lebens bessere Aufschlüsse zu ertheilen, so seye ihnen diese Freude von Herzen gegönnt; mögen sie sich versichert halten, daß ich sie darin nie stören werde. Finden sich Solche, die aus dem Gegebenen mich anders beurtheilen zu dürfen und über die einzelnen Erscheinungen und Richtungen meines Lebens ihre Schlaglichter zu werfen sich berechtigt glauben, so sey' auch diesen derartige Freiheit nicht verkümmert. Sogar diejenigen sollen an Befriedigung ihrer Gelüste nicht gehindert werden, welche, sey es aus Selbstbewußtseyn, sey' es aus Erfahrung, oder sey' es aus Theorie, erst den Willen, dann die Thatsache der Wahrheitsliebe anzweifeln. Dieß auf kundgegebene Gesinnungen anwenden, ist leicht, dieweil Niemand weiß, was im Menschen ist, denn nur der Mensch selbst; daß es Vielen nicht schwer falle, auch auf Handlungen und Vorgänge es auszudehnen, lehrt die tägliche Erfahrung. Welches die vorherrschende Richtung der Zeit seye, habe ich S. 285ff. berührt.

Wohl möchte sie da verlauten: es klinge ja als Widerspruch, so großes Gewicht darauf zu legen, daß von Anbeginn her mit aller Festigkeit an dem menschgewordenen Weltheiland seye gehalten worden, er dann aber erst nach langen Jahren in den Menschen eingezogen, denselben, gleich als wäre er ihm bisher fremd gewesen, vorgefunden habe. Darin kann Widerspruch nur für diejenigen liegen, welche die unzertrennliche Verbindung zwischen Christus, dem Haupt, und seinem Körper, der Kirche, nicht anerkennen, nicht zugeben wollen, daß der nur jenes wahrhaft besitze, dem dieser nicht fremd seye. So ist es zu aller Zeit geglaubt worden; dieser Glaube reicht bis zu den Aposteln hinauf.

Wer weder in Wankelsinn, noch in Leichtfertigkeit, auch nicht durch Blendungen der Einbildungskraft berückt, ebensowenig aus Gefälligkeit gegen Menschen, am wenigsten irdischer Rücksichten wegen, sondern, weil er an der Furth Phanuel bis zum nahenden Morgenroth mit dem Manne gerungen und Solches von ihm als Segen gewonnen hat, in die katholische Kirche eingegangen ist, der wird mit ihrem Glauben auch ihre Praxis sich zu eigen machen: im Wort der Wahrheit, durch die Kraft Gottes, unter den Waffen der Gerechtigkeit, bei Ehre und Schmach, bei bösen und bei guten Gerüchten, sich als ihr Kind und als Gottes Diener zu bewähren, und nicht von dem Bösen sich überwinden zu lassen, sondern in dem Guten das Böse zu überwinden; denn, was der Kirche zu wankelloser Zuversicht verheissen worden: die Pforte der Hölle werben sie nicht überwältigen, das ist in ihr auch dem Einzelnen verheissen, sondern er sich als deren Kind bekennen darf.

Einem solchen aber liegt über Alles zweierlei ob: zunächst, daß er demjenigen, der so wunderbar aus den Elementen der Wahrheit in die volle Wahrheit ihn geführt hat, hiefür die Ehre gebe, dankbar den Vater der Gnade preise; sodann, daß er der Mutter, der heiligen römisch-katholischen Kirche, als treuer Sohn sich unterwerfe und ihrem Urtheil Alles, was er zu Andern spricht, anheimstelle.

Schaffhausen, am Allerseelentag

des Jahres 1844.

Friedrich Hurter.

Vorrede zur zweiten Auflage.

Wohin konnte würdiger das Verlangen einer zweiten Auflage dieser Schrift an mich ergehen, als hieher auf den Monte Pincio, wo jenseits des Häusermeeres der ewigen Stadt und über den Kuppeln und Thürmen, welche aus demselben emporragen, der Blick auf dem wunderdereichen Dom ruht, der über den Gräbern der Apostel sich wölbt, auf dem hohen Bau, in dessen Gemächern der oberste Hirte über der Heerde wacht, aus denen er in ernsten Momenten an dieselbe das väterliche Wort, das warnende, mahnende, tröstende richtet. Wann konnte ich freudiger diesem Verlangen entsprechen, als in eben denjenigen Tagen, in welchen die erhebende Kunde von der Rückkehr so mancher gewichtiger Männer Englands in den Schoß der katholischen Kirche jeden getreuen Sohn derselben zur Verherrlichung ihres Herrn aufmahnt? Sie, erst erleuchtet durch erforschte, hierauf bewältigt durch die gefundene Wahrheit, mögen auf andern Bahnen zu ihren Ufern hingeführt worden seyn, als ich es ward; das Ziel, zu dem sie gelangten ist dasselbe. Gefiele es dem Einen oder Andern von ihnen, die Pfade, auf welchen, und die Weise, in der sie geführt wurden, so offen und treulich darzulegen, wie ich in diesen Blättern dessen mich beflissen habe, so gewinnen wir damit einen neuen Beitrag zu der inhaltsreichen Geschichte der göttlichen Führungen, und zu so vielen vorhandenen einen neuen Beweis, daß das redliche Annehmen auch nur einer Wahrheit den Rückweg in alle Wahrheit, wie dieselbe uns in der katholischen Kirche nur entgegentritt, anbahnt.1

Ich habe bei sorgfältiger Durchsicht dieser Blätter keine Veranlassung gesunden, irgend Etwas, was auf die Heranbilbung zum Glied der Kirche Bezug hätte, beizufügen, von dem, was ich bereits mitgetheilt, irgend etwas wegzulassen oder zu berichtigen, irgend ein Urtheil über die Dinge ausser mir zu äussern. Wohl habe ich einige Abschnitte erweitert, Verschiedenes noch berührt, nichts aber, was der Schrift, wie sie ihrer ersten Fassung nach erschienen ist, fremdartig wäre, wohl gar ihr widerspräche.

 Rom,

am Tage des heiligen Gallus 1845.

Fr. Hurter.

Fußnoten

1

Erster Band

Mag man es Eitelkeit nennen, vergnügten Blickes, mit wohlgefälligem Bewußtseyn zurückzuschauen auf eine lange Reihenfolge Dahingeschiedener, die aus den Wogen der voranwallenden Menschenalter heraustreten in engere Beziehung zu uns, um gleichsam als gesonderte Strömung durch die uferlose Fluth uns zu tragen; zumal wenn dieselben jeweils unter ihren Zeitgenossen eine andere Stellung eingenommen haben, als bloß an die Scholle Geketteter, für des Lebens zerrinnende Bedürfnisse Wirkender. Wär's eine Eitelkeit, so wäre es eine alte; denn schon Virgil hebt es an einem seiner Helden hervor, daß er

prisco de sanguine Sabinorum

entstammt seye, und glaubt mit dem Zeugniß:

Julius a magno dimissum nomen Julo,

den Höchsten seiner Zeit noch höher zu heben. Oder sollte, was an der Gesammtheit eines Volkes natürlich und löblich: frohen Gefühls der Vorfahren zu gedenken, die nicht bedeutungslos im Strom der Zeiten zerronnen, an den Einzelnen es weniger seyn, indeß die Bande zwischen diesen fester, umgränzter und bestimmter sind? Aber mit dem Gewicht, was wir auf solches Bewußtseyn legen, wird zugleich von Geschlecht zu Geschlecht ein Erbe übernommen, dessen Würdigung und Besitznahme von der Verpflichtung, dasselbe zu schirmen, zu wahren, unvermindert, ja, wo immer es geschehen mag, gesichert und vermehrt den Nachkommen zu überliefern, nie sollte getrennt werden. Denn auf welcher Rangstufe das Geschlecht, der Einzelne stehe, da nur ließe sich von Eitelkeit sprechen, wo solche Anerkennung gefordert, nicht aber zuerst geleistet, nicht als unantastbares Fideicommiß wollte gewahrt werden.

Geschlechter, die in manchartiger, jedoch anderer Weise, als blos durch Spate, Hammer, Beil und Scheere, unter den Kreisen, auf die sie angewiesen waren, zu schaffen und zu wirken verstunden, sind in denselben dem Knochengerüste vergleichbar, welches den Körper in allen seinen Theilen trägt, der Zersetzung oder Umbildung weniger blosgestellt ist, bei gesunden Säften jede, durch den Lauf der Natur entstandene, Lücke in neuen Bildungen wieder herstellt. Zieht ihr etwa die Molluskenbildung vor, welche vorwärts neue Ansätze fördert, rückwärts die Fäulniß walten läßt, momentan Menschen auf die Oberfläche der gesellschaftlichen Ordnung treibt, die keine Vorfahren haben, darum meist auch keine Nachkommen erwaren dürfen; Gebilde des Augenblicks, Blasen, die dem Boden entsteigen und platzen, um sofort andern die Stelle einzuräumen? Auch Jenes steht in natürlicher Beziehung zu der ehevorigen organischen Gliederung der Gesellschaft. Dieses ist Ergebniß einer Atomistik, von der man uns vorgeben will, sie seye Krone, Blüthe und Frucht eines gedeihlichen gesellschaftlichen Zustandes. Wer derselben huldigen mag, indeß eine Vergangenheit Anderes ihn lehren konnte und sollte, hat von dieser sich abgetrennt.

Aber so Namen als Abzeichen (Wappen), beide nach der einen Richtung scheidend, nach der andern verbindend, dann der erstern Bedeutung, der letztern Beziehung, verlieren sich in ein Dunkel, in welches der blos trügerische Schimmer der Vermuthung zwar manchmal hineingetragen, Licht dagegen nur äusserst selten gebracht, häufiger, so nicht die Namen durch sich selbst sprechen, nicht einmal jenes gewagt werden kann; am ehesten noch da, wo Laut und Bild die Annahme näherer oder fernerer Verwandtschaft wenigstens unterstützen. Wenn in der Entwicklung und Ausbildung der Sprachen ein Uebergang von dem Sinnlichen zum Uebersinnlichen, eine Vergeistigung der ursprünglichen materiellen Begriffe nicht verkannt werden kann, so möchte schon bei den Römern das allgemeine hortari, als Ermunterung zu jeglicher Thätigkeit, seinen Ursprung in dem entschiedenern Antreiben zu bestimmter That, der Krieger zum Kampf, der Ruderer zur mühevollen Arbeit, der Pferde zum Lauf, der Hunde zur Jagd zu suchen haben; und wer weiß nicht aus seinem Sallust, wie die nächtlichen Feuer und das Gejauchz der numidischen Könige den römischen Kriegern zum Angriffe des folgenden Tages magno hortamento erant? Die nordischen Völker, welche nachmals der lateinischen Sprache entweder blos sich bedienten, wo die anerborene nicht ausreichte, oder zu ihrem Gebrauch dieselbe in neuer Gestaltung ausbildeten, drückten ihr hiemit vielfältig das Gepräge des eigenen Wesens auf, welches der That vor dem Wort den Vorzug gab, die Handlung höher stellte als die Geistesoperation, die derselben vorangeht. So finden wir schon in dem Salischen Gesetz das ursprünglich römische Wort zum ortare umgeschaffen, und in dem Satz: si quis de campo alieno aratrum anteortaverit, dessen Begriff vom bloßen Antreiben in das Vollziehen verwandelt; was die Italiener in ihrem urtare beibehalten haben, die Franzosen in heurter nach beiderlei Sinn anwenden, indem sie es vom Anprall der Schiffe und der Reitergeschwader gebrauchen, wovon sie es wieder zurückwenden zu seiner metaphysischen Bedeutung. Ob aber das deutsche Wort, welches als Zeitwort »hurten« nur im Flamändischen, in der Muttersprache einzig in der Abwandlung hurtig (wohl auch dem alten Buhuxt zu Grunde liegend) vorkömmt, dem lateinischen blos sinn- oder zugleich wurzelverwandt seye, das dürfte kaum mehr sich entscheiden lassen.

Es läge darin der Begriff, dort des Kecken, hier des Behenden, beide vielleicht in demjenigen, dem einst zur Bezeichnung der Name Hurter beigelegt worden, durch Kriegsmuth sich bewährend, das letztere zumal versinnbildet in dem Pfeil des Wappens, der vermuthlich einst auf dem Bogen ruhte, jedoch seit alter Zeit schon in einen halben Mond übergegangen ist. Mir trat, sofort ich Zeichen und deren Bedeutung in innere Verbindung zu setzen vermochte, in dem Pfeil noch ein anderes Sinnbild entgegen: dasjenige des geraden Fluges zwischen Ausgangspunkt und Endziel; also daß die Natur seiner Bewegung wohl rasches Vorandringen, nie aber krumme Linien, Wendungen, Biegungen, gar Zickzack zuläßt. Es war daher bei Anfechtungen, die in politischen Feindschaften, wie in Neckereien, die in religiöser Mißdeutung ihren Grund hatten, ein bisweilen mit besonderer Vorliebe gebrauchtes Bild: der Pfeil habe zwar eine blanke Spitze, jedoch auch ein reines Gefieder, vor Allem aber seye ein anderer Flug, als in gerader Richtung, ihm unmöglich. Hierin mochte er in erschöpfendem Maß die tiefste und unveränderlichste Richtung meines Wesens, Willens und Thun bezeichnen, welche heitern Bewußtseyns jede schiefe oder gehässige Beurtheilung an sich mag vorübergehen lassen. Ob dann wohl der Pfeil seiner Beschaffenheit und seiner Bestimmung nach an sich zu den Trutzwaffen gehört, so hätte dennoch mein ganzes inneres Wesen niemals mir erlaubt, ihn als solche in strengerem Sinne zu gebrauchen; aber zur Abwehr genügt die Schutzwaffe nicht immer, bei abgezwungener Vertheidigung wird zu solcher auch jene. Darum in langem Bedenken über Auswahl eines Wappenspruches, wobei das so leicht sich darbietende, weil dem Zeichen theilweise verwandte: Qui s'y frotte, s'y pique (allerdings zur Distel der burgundischen Herzoge besser passend), aber dennoch einigermaßen herausfordernde, dem, mehr unvermeidlich die Abwehr auferlegenden Parta tueri, erschöpfend zugleich das nach allen Richtungen Gewendete und auf alles Denkbare sich Beziehende andeutend, der Vorzug gegeben ward.

Doch selbst dieses durfte mehr für Andere, mehr auf dasjenige, wozu ich mich gesetzt, oder wessen ich, in Anerkennung der ewigen Gerechtigkeit, mich annehmen zu müssen, erachten mochte, als auf mich selbst Anwendung finden. In Beziehung zur eigenen Person sollte es auf unmittelbar von Gott Empfangenes, oder auf dasjenige beschränkt bleiben, was durch der Vorfahren Fürsorge an mich gelangt ist. Wie in jener erstgenannten Weise, das mögen diejenigen erkennen, die in den ersten Band meiner kleinen Schriften geblickt, und von richtigem Standpunkt die darin enthaltenen Voten über den Heidelbergischen Katechismus, die Synodalreden, die Predigten gewürdigt haben; wie in der andern Weise (vornehmlich die Gesinnungen bewährend), davon zu sprechen wird Gelegenheit in dem Verfolg dieser Selbstbekenntnisse sich ergeben. Der relgiösen Verarmung einerseits und der politischen Zerfahrenheit anderseits hat dieses Parta tueri bisweilen viel Unnöthiges zu schaffen gegeben. Die goldglänzenden Schriftzüge blieben Beiden unentzifferte Runen; wie manchmal glaubten sie nicht, denjenigen, der darin die Signatur seines ganzen innern Seyns, gleichwie seines äussern Thuns, klar und dennoch geheimnißvoll, offen und dennoch für Tausende ein Räthel, wollte hervortreten lassen, zu necken oder zu verwirren, wenn sie es in unreinem Munde zur Lüge werden ließen; vergessend, daß rapta und parta aus den gleichen Lauten zusammengesetzt, das tueri aber, wie für dieses von oben auferlegte Verpflichtung, so für jenes von unten geweckter Naturtrieb seye.

Es sollte aber in der Wahl eines solchen Spruches, sofern derselbe nicht Ergebniß einer hervorragenden That, einer bedeutungsreichen Lebenswendung, einer folgewichtigen Beziehung ist, wenn nicht ein bewegendes Princip, so doch eine vorherrschende Neigung und Richtung bezeichnet, hiemit zwingende Verpflichtung auferlegt werden, dieselbe unter allen Vorkommenheiten und Wendungen des Lebens ohne Wanken zu bethätigen. Damals, als ich jene Wahl traf, waren die Zeiten ruhig, für politische Stürme schien das lebende Geschlecht zu matt, für kirchliche Reibungen über dem Behagen an einem eudämonistischen Indifferentismus jede Schnellkraft auf weichem Lotterbette in dämmerichten Schlummer gelegt; auf der einen Seite gewann das Aufklärungsgewerbe ausgebreitetere Kundschaft, auf der andern mußte von Jedem, der als honetter Mensch gelten wollte, Paß und Aufenthaltskarte von dem Rationalismus gelöst werden; wer dieß verschmähte, hatte es sich selbst beizumessen, wenn er, gebildeter Gesellschaft unfähig gehalten, mit abschätzigem Seitenblick vor die Thüre gestellt wurde, oder gar als verdächtig geheimer Aufsicht anheimfiel. Es war daher mehr ein unbewußter, anerborner innerer Trieb, der zur Wahl jener Worte leitete, als gleich Anfangs schon helle Würdigung ihrer vollen Bedeutung. Aber die Zeit, zu dieser sich zu erheben, rückte immer näher, die Bethätigung der hiemit sich selbst auferlegten Verpflichtung durfte je länger desto weniger aus den Augen gesetzt werden. Feindeszeugniß, hier in mattem Spott, dort in halbverbissenem Grimm ertheilt, darf als das partheiloseste gelten.

In der offenen Erklärung: »Gegebenes schirmen,« somit erhalten zu wollen, liegt keineswegs, wie so laut und lärmend will vorgegeben werden, der Begriff des unverrückten Stillestehens, blinder oder starrsinniger Vertheidigung des Unhaltbaren, durch der Menschen Tand, Sorglosigkeit oder übeln Willen Entstellten, Zerrütteten, Verderbten; wohl aber liegt darin der Begriff des Festhaltens an bewährter Ordnung, selbst treuer Unterwerfung unter diese; da, wo unter das Gegebene sowohl die Ordnung, als die Freudigkeit zu ihrer Anerkennung und daherigen Unterwerfung unter sie gezählt werden darf, der Abwehr alles Stürmischen und Uebereilten, der Erforschung und Würdigung aller Gründe, ein Reflex der in der Weltordnung sich offenbarenden Ruhe in der Bewegung und der Bewegung in der Ruhe; es ist der huldigende Hinblick auf eine Centripetalkraft, ohne welche der Makrokosmos in einen unermeßlichen Atomenhaufen zerstieben, da, wo jetzt Maß, Ordnung und Einklang waltet, Alles zum gestaltlosen Chaos zusammenbrechen würde. In diesem Sinne vertreten die beiden gewählten Worte diejenigen Alle, welche eine göttliche Weltordnung nach deren doppelten Einwirkung auf das gesammte, wie auf das individuelle, Leben in dessen zweifacher Beziehung, zum geistigen und zum leiblichen Daseyn, zu Kirche und Staat, anerkennen, und die Erhaltung so wie die Vertheidigung dieser Weltordnung gegen die nach deren beiden Seiten heranrückenden Stürmer und Unterwühler sich zur Aufgabe machen. Man könnte es das Wort nennen, woran die über den Raum Zertheilten sich finden, die durch Stellung und Lebensaufgabe Geschiedenen sich einigen.

Der älteste Hurter, über welchen geschichtliches Zeugniß vorliegt, ist jener Caspar, der am 9. May 1474 zu Breisach in dem Ringe, der über Peter von Hagenbach, des Herzogs Carl von Burgund Vogt im Elsaß und der Grafschaft Pfirdt, geschlossen ward, als kaiserlicher Herold auftrat, um den Verurtheilten ritterlicher Würde öffentlich zu entsetzen, ritterlichen Kleinodes zu entblößen, dann, da er solches nicht an ihm gefunden, in Auftrag der sechzehn Richter von der Ritterschaft, bevor der Scharfrichter seines Dienstes waltete, zu dem Verurtheilten sprach: »Peter von Hagenbach, es ist mir leid, daß deine Thaten ritterlicher Ehre und des Lebens dich verlustig machen. Mir ist befohlen, die glorreichen Zeichen von dir zu nehmen. Ich finde sie nicht. Also, im Namen des himmlischen Schirmherrn St. Georg und in Kraft jener, auch von dir beschworenen Eide, erkläre ich vor aller Welt hier öffentlich dich, Peter von Hagenbach, ritterlicher Ehren, Würden und Hoheit entgürtet und unwerth. Strenge Ritter, edle, zur Ritterschaft aufwachsende Knappen, gedenket eurer Pflicht und dieses Beispiels.«

Als noch im gleichen Jahr auf »Zinstag vor Simon und Judä« Bern im Namen aller Eidgenossen an des Herzogs von Burgund »durchlauchtigste Herrlichkeit und allen den Ewern« erklären ließ: »von unsertwegen und für die Unsern eine ehrliche, offene Fehde, und wollen in Ansehung Mord, Brand, Raub und allerley Unglück bei Tag und Nacht der Unsern und unsere Ehre wohl verwahrt haben,« war es wieder »der alte weltkundige Parzifal, der Herold Caspar Hurter,« welcher Carln diese Absage in das Lager vor Neuß brachte. Auch in Bezug auf diese Sendung berichten die Zeitgenossen, es habe derselbe auf geschickte Weise die Gelegenheit zu ergreifen gewußt, um sowohl den Brief dem Herzog eigenhändig zu überantworten, als dann auch, wie es in der Pflicht seines Amtes lag, dessen Inhalt mündlich vor ihm auszusprechen. Kaum aber mag er von Carl so freudig empfangen, so fürstlich entlassen worden seyn, als kurze Zeit darauf der Herold Herzog Renats von Lothringen; denn die Geschichtschreiber melden, Carl seye schon bei dem Anblick des Siegels an dem Brief, den Caspar Hurter ihm dargereicht, in knirschenden Zorn gerathen, und habe nur die Worte ausstossen können: »Bern, Bern!«

Wenn wir denjenigen Glauben beimessen dürfen, welche über die alten Einrichtungen des heiligen Römischen Reichs Forschungen angestellt und Sammlungen angelegt haben, so war der Dienst eines kaiserlichen Herolds dazu eingesetzt, um zu achten, daß die kaiserlichen Befehle, Schutz- und Adelsbriefe, Reichsabschiede und Polizeiverordnungen von Jedermann gehalten würden. Deßwegen war der Strafe verfallen, wer Jenen tadelte oder beleidigte. Mühsam geleisteter Dienste wegen wurden sie und ihre Kinder ritterfrei erklärt, und starb der Herolde einer, so sollte er seines Amtes wegen, »dieweil es ein so edel und großmüthig Amt ist«, mit Trompeten und Heerpauken begraben werden. Es sagt auch Kaiser Carl V. in dem Diplom, womit er im Jahr 1521 Caspar Sturm zum Reichsherold ernannte: »Als weiland Unsere Vorfahren amt Reich, Römische Kaiser und Könige löblicher Gedächtniß, bis auf Uns, ehrbare, verständige und geschickte Personen zu Ehrenholden gehabt und gebraucht, die den Stand des Adels und der Wappengenossen, so aus Ehrbarkeiten, Tugenden, guten Werken und Thaten herfließen und erhalten werden und Andere reizen und bewegen, sich desselbigen Standes auch würdig und theilhaftig zumachen, und daran seyen, daß die Ehr und Zier des Adels nicht verletzt, sondern gemehrt, und die Laster und Mißbräuche ausgereutet werden; und dann Uns, als römischem Kaiser, gebühret und zustehet, wie Wir selbst auch aus angebornem Gemüth zu thun geneigt sind, Alles das, so den Stand des Adels und der Wappengenossen zu Lob und Ehr Kaiserlicher Majestät pflanzet, fürzunehmen, – – so haben wir genannten Caspar Sturm zu Unserm kaiserlichen Ehrenholden aufgenommen und verordnet etc.«

Die ältesten Nachrichten versichern, der erste Hurter seye nach Schaffhausen von Frauenfeld hinüber gezogen. Es ist wahrscheinlich, weil in früherer Zeit nirgens sonst, als in letzterer Stadt, dieser Geschlechtsnahme vorkömmt, und bis in die neueste Zeit sich erhalten hat. Die Abstammung desjenigen, der unter den Bürgern zu Schaffhausen dieses Namens zuerst genant wird, von dem erwähnten Reichsherold läßt sich documentirt nicht nachweisen, wohl aber nicht grundlos vermuthen aus dem, unter dem nachmals zahlreich gewordenen Geschlecht oft vorkommenden, Taufnamen Caspar und dem noch öfterer erscheinenden, mit jenem engverwandten, Melchior. Vermuthen läßt es sich auch daraus, daß jener erste Hurter, Hans seines Taufnamens, ein selbstständiger Mann gewesen seye, indem keines Gewerbes, welches er betrieben, Erwähnung geschieht, wohl aber, daß er im Jahr 1507 mit Hans Stockar eine Wallfahrt zu dem heiligen Grabe gemacht habe; obwohl Stockar in dem nicht uninteressanten Tagbuch, welches er über seine Pilgerfahrt hinterlassen, und die Hr. Professor Maurer-Constant im Jahr 1839 herausgegeben hat, seiner Begleiter nicht namentlich Erwähnung thut.

Es scheint, daß das Geschlecht bald in zwei Aeste sich theilte, deren der eine das Wappen auf goldenem Grunde (der ältere), der andere auf blauem Felde erscheinen ließ. Wenigstens kommen Ringe und Siegel aus ältern Zeiten vor, die bald in Gold, bald in blau blasonirt, in allem Uebrigen aber vollkommen sich gleich sind. Willkür in solchen Sachen hat, selbst da, wo man an Vorschriften entweder nicht dachte, oder nicht denken konnte, in ältern Zeiten weniger geherrscht, als heutzutage. Indeß kann nur die ältere Linie ihre Abstammung von diesem ältesten Hurter zu Schaffhausen nachweisen; die Verbindung der Andern mit demselben ist nicht klar, wiewohl sie beinahe eben so weit hinausreicht.

Beide Zweige gehörten zu denjenigen Geschlechtern, welche an den öffentlichen Angelegenheiten der kleinen eidgenössischen Stadt und ihres Gebiets seit frühern Zeiten in mancherlei Weise Theil genommen haben. Zwischen den Jahren 1652 und 1831, in welchem die Stadt mit dem Canton einer neuen Revolution unterlag, lassen sich blos neun Jahre auffinden, in welchen nicht ein oder zwey Glieder, jetzt des einen, dann des andern dieser Zweige, oder beider zugleich, in dem kleinen Rath gesessen hätten. Noch zahlreicher waren sie zu aller Zeit in dem geistlichen Stande, wie z.B. im Jahr meiner Aufnahme in denselben ich unter etwa vierzig, die ihm angehörten, der Fünfte meines Geschlechtes war, und es gegenwärtig eine Ausnahme seyn dürfte, die vielleicht während des Laufs der beiden letztverflossenen Jahrhunderte niemals vorgekommen ist, daß derselbe gegenwärtig ein einziges Mitglied meines Namens (meinen Bruder) zählt. Auch die Würde eines Antistes wurde im siebenzehnten, dann wieder im achtzehnten Jahrhundert, durch einen Hurter bekleidet, der erstere zu meinen unmittelbaren Vorfahren gehörend. Andere machten sich um ihre Vaterstadt als Lehrer des Gymnasiums, als dessen Rectoren, als Professoren der höheren Lehranstalt, Collegium humanitatis genannt, verdient. Ebensowenig blieben die Glieder dieses Geschlechts der medicinischen Laufbahn fremd. Einige betraten dieselbe, wie es scheint, nicht ohne Auszeichnung, da von ihnen ein Paar als Mitglieder der Academia naturæ curiosorum sich bemerklich gemacht haben.

Aeltern Ursprungs ist das Geschlecht der Ziegler; angesehen seit frühern Jahrhunderten, begütert, dieweil im Jahr 1421 einer derselben um eine ansehnliche Summe für seine Vaterstadt sich verbürgt. Wie zahlreich auch im Verfolg der Zeit seine Sprößlinge geworden sind, sie stammen alle von einem Einzigen ab, welchem Kaiser Maximilian I. im Jahr 1487 den Adelsstand verliehen; wohl nicht ohne persönlich es Verdienen, da er als Kriegsmann in dem Mailänderzug bei Novara, als Staatsmann in bald nachher erlangter bürgermeisterlicher Würde in dem eigenen Canton, bei Angelegenheiten des Bundes als Gesandter an Papst Julius II und bei manchen Unterhandlungen im Innern und im Aeußern in langer Laufbahn sich ausgezeichnet. Solcher Art waren die Männer, welche von Zwingli, weil an der Disputation zu Baden seine Sache nicht gesiegt, als »Kuhmelker« bezeichnet wurden. Daß ein paar Jahre später die sogenannten christlichen Bürgerstädte ihrem nach Schaffhausen gesendeten Boten die Warnung mitgaben, »sich vor Ziegler und dergleichen Knaben wohl zu hüten«, beweist, daß seine gereifte Erfahrung, sein Scharfblick und sein vielfach bethätigtes Wirken um der Mitbürger Wohl ihn die erstürmte Neuerung nicht in derjenigen Färbung erblicken ließ, die man durch die Gegensätze wortreicher Anpreisung und gellender Lästerung über dieselbe zu zaubern sich bemühte. Darf dann noch aus des Sohnes Neigung ein Schluß auf des Vaters Gesinnung gezogen werden, so möchte dieser in nachherigem Beitritt zur neuen Lehre und neuem Brauch nur dem Unvermeidlichen sich gefügt haben; denn so wenig theilte jener den damaligen grellen Haß gegen das Zerstörte, daß er die Verheirathung zweyer Töchtern an katholische Patricier von Luzern so wenig hinderte, als sich widersetzte, daß im Jahr 1586 sein zwölfjähriger Enkel nach Rheinau und von da nach Luzern zum Studiren geschickt wurde, von wo aber geistliches und weltliches Betreiben denselben zurückzog, um in dem gesinnungsverwandten Heidelberg ihn unterzubringen.

Jener Bürgermeister Hans Ziegler ist daher der gemeinsame Ahnherr aller derjenigen, die noch jetzt diesen Geschlechtsnamen führen. Denn andere, welche einen gleichen Stammvater mit ihm mögen anerkannt haben, auf welche aber die kaiserliche Beehrung sich nicht erstreckte, sind schon in der zweiten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts ausgestorben.

Es giebt in der Magistratur meiner Vaterstadt keine Stellen, die in der Reihenfolge derjenigen, welche dieselben verwalteten, nicht Einen oder Mehrere dieses Geschlechts aufzuweisen hätten. Nicht minder betraten viele desselben die kirchliche Laufbahn. Zur Zeit meines Eintritts unter die Geistlichkeit befanden sich deren vier in ihrer Versammlung. Als Aerzte haben Einige ebenfalls sich hervorgethan, also daß die hohe Schule zu Rinteln unter ihren Rectoren einen aus diesem Geschlechte zählte, der durch viele gelehrte Abhandlungen in jener Zeit einen Namen sich erworben, ein anderer aber in der Mitte des vorigen Jahrhunderts darüber geschrieben hat: durch welche Mittel scheinbar Ertrunkene wieder ins Leben zu rufen seyen. Wer unter ihnen weder gelehrten Berufsarten noch dem Handelsstande – auch damals geehrt – sich widmen mochte, der fand eine geachtete Stellung in den Kriegsdiensten der Eidgenossen in Frankreich und Holland.

Man mag es bedauern, daß die Römersitte, dem Sarg eines Verstorbenen die Bilder der Ahnen vorantragen zu lassen, ausser Gebrauch gekommen, für das

Una eademque via sanguisque animusque sequuntur

so wenig innerer Antrieb mehr vorhanden ist. Es könnte in jener alten Sitte Sporn und Zügel zugleich liegen. Wird der Erstere vielfältig durch die äussern Verhältnisse ersetzt, so ist es schwerer, Etwas aufzufinden, was den Letztern verträte, zumal wenn die Formen der gesellschaftlichen Ordnung in Verbindung mit den herrschend werdenden Begriffen das Gemeinmachen nicht mehr erschweren, und die Gegenwart über die Tafel, worauf die Gesinnungen und die Handelsweise der Vorfahren aufgezeichnet sind, als nasser Schwamm fährt. Wer aber möchte in der Buhlerey mit jener und so Vielem, was sie aus den Grundtiefen hinausgetrieben hat, so weit gehen, um selbst den Wassertopf zu halten, in welchen der Schwamm könnte getaucht, spurloses Verwischen vollständiger bewerkstelligt werden? – Als am 19. Juni 1790 der Nationalversammlung zu Paris der Antrag gemacht wurde, alle Adelstitel und Wappen abzuschaffen, Jeden hinfort bloß als Bürger zu begrüßen, und mit der ursprünglichen Bezeichnung seines Geschlechts ihn zu benennen, zeichneten sich von Trägern geschichtlicher Namen die Vicomtes von Noailles und Matthäus von Montmorency unter den lautesten Jubilanten über so kostbaren Fund aus. Einige Zeit nachher trat Letzterer in das Caffé Valois im Palais-Royal und ward von dem Grafen Rivarol spöttisch angeredet: »Ich habe die Ehre, den Bürger Matthäus Bouchard (ursprünglicher Geschlechtsname der Montmorency) zu grüßen.« Das brachte den Bürger und den Vicomte in gewaltigen Zwiespalt, und der Ingrimm des Letztern überwog den neugebackenen Civismus des Erstern. »Mögen Sie, erwiderte er bitter dem Grafen, immerhin die Gleichheit anpreisen, Sie können es doch nicht hindern, daß ich vermöge meiner Geburt unendlich mehr gelte, als ein Bürgersmann der Straße St. Denis. Die Welt kennt meinen Namen; meine Geburt ist ein vollgültiger Titel. Kurz ich komme ab (je déscends) von Anna von Montmorency, dem Connetable; ich komme ab von Matthäus von Montmorency, Marschall von Frankreich; ich komme ab von dem Anna von Montmoreney, welcher die Wittwe Ludwigs des Dicken ehlichte; ich komme ab«... »Aber mein lieber Matthäus, erwiederte schnell Graf Rivarol; warum sind Sie denn so weit herabgekommen?« ( Pourqoui étes Vous donc tant descendu?) – Dergleichen lächerliche Mattheslein, nicht immer mit der Entschuldigung, daß es junge Leute seyen, wie dieser es war, treiben Zeiten der Umwälzungen immer in Fülle hervor; seltener aber folgt ihnen eine Restauration, welche den besudelten Adel durch den umgehängten Pairsmantel nachher wieder polirt.

Erst im Jahr 1717 theilten sich die Ziegler in zwey Aeste, indem vier Brüder dieses Geschlechts damals von Kaiser Carl VI, wegen des durch den ganzen spanischen Sucessionskrieg den österreichischen Regimentern in den Waldstätten angeschafften Bedarfs, eine Erneuerung ihres Adels, eine Vergrösserung ihres Wappens und den Namen » von Zieglern« erhielten.– Eine Urenkelin des jüngsten jener vier Brüder war meine Mutter, deren Eltern zahlreichen Kindern frühzeitig entrissen, diese hierauf, zum Theil unerzogen, unter ihre vielen Onkeln und Tanten vertheilt wurden. Dabei ward in so trauriger Fügung unter Allen meiner Mutter das glücklichste Loos beschieden, indem sie in das Haus derjenigen ihrer Verwandten aufgenommen ward in welcher sie nicht nur eine zweite Mutter, sondern eine Frau fand, die, wie durch Verstand, so durch Herzensgüte, wie durch treue Fürsorge in dem engern Bereich ihrer nächsten Umgebung, so durch Dienstfertigkeit und die anspruchloseste Freudigkeit zum Helfen und Unterstützen, nicht bloß da, wo sie nähere Verpflichtung dazu anerkannte, sondern wo überhaupt Gelegenheit sich darbot, zu den Ersten ihres Geschlechtes gehörte und der ungetheiltesten Achtung mit vollem Recht bis an ihr spätes Lebensende genoß. Ich habe sie noch wohl gekannt, diese schlichte, liebreiche, bis in das höchste Alter heitere »Frau Base« (es war damals noch Sitte, der verwandtschaftlichen Beziehung bis in die weitesten Kreise eingedenk zu seyn, indeß sie heutzutage – unter den vielen Zeichen der Auflösung eines mehr – schon in den nächsten auf die Seite gesetzt wird); mit 84jähriger zitternder Hand hat sie vor der Abreise nach der Universität mir ein kleines Blumensträußchen in das Stammbuch gemahlt, und es war mir nicht geringe Freude, nach der Rückkehr sie noch ebenso rüstig und heiter zu finden, wie ich sie verlassen.

Unter der mütterlichen Leitung dieser trefflichen Frau gewannen die ausgezeichneten Anlagen meiner Mutter ihre Richtung auf das Praktische; eine andere haben sie nie gesucht, nie genommen, nie gekannt. Die Franzosen nennen die Schriftzüge sehr bezeichnend les caracteres. In der That treten daran häufig Lineamiente des geistigen Wesens und der vorherrschenden Richtung ganzer Zeitalter, verschiedener Nationen, einzelner Individualitäten hervor; so daß Lavater wohl recht daran that, auch die Handschriften unter die Merkmale aufzunehmen, mittelst welcher das verborgene innere Wesen des Menschen sich entziffern lasse. Es bedarf nur geringe Uebung dazu, um eine Handschrift in das Jahrhundert, in das Land zu verweisen, dem sie angehört. So würde es mir nicht schwer fallen, aus der Handschrift eines Briefes, vom Ende des vorigen Jahrhunderts wenigstens, zu entscheiden, ob er in Zürich, in Bern, in Basel, in Schaffhausen (in Bezug anderer Orte fehlt mir die Erfahrung) geschrieben worden. Tragen die Handschriften der neuern Zeit nicht häufig das Gepräge des Centralisirens, des Generalisirens, des Cosmopolitismus, des Industrialismus, des Dampfs und der Eisenbahnen an sich?

Die Festigkeit und jene praktische Tüchtigkeit meiner Mutter spiegelte sich in ihrer Handschrift ab, welche groß, stark, wohl etwas eckicht, aber für Jedermann leserlich war, etwa wie man sich dieselbe für einen recht brauchbaren Dorfschulmeister jener Zeit denken mag; einer Zeit, in welcher dieser noch als rechter Arm des Pfarrers galt, nicht aber zu einem hochbestellten Professor in omni scibili et nonnullis aliis sublimirt war. Aus früherer Zeit habe ich einige Hefte religiösen Inhalts von der Hand meiner Mutter gesehen; in späterer Zeit dagegen hat sie ausser den Ausgaben ihrer Haushaltung, einen Brief alle Jahre an einen ihrer abwesenden Brüder, nachher an mich, schwerlich je Etwas geschrieben. Ebensowenig hat das Lesen ihrem hellen Verstand Eintrag gethan, noch sie in eine Sphäre hinübergezogen, die so leicht den klaren Blick in das Zunächstliegende trüben kann. Zu jener Zeit waren noch nicht tausend Federn in Bewegung einzig für das weibliche Geschlecht, um ihm eine Zeit zu vertreiben, zu deren Anwendung ihm häufig die Luft fehlt. Meine Mutter mag sich als Mädchen an Sophiens Reisen von Memel nach Sachsen gelangweilt haben; ich aber sah sie in meinem Leben nie ein anderes Buch zur Hand nehmen, als ein Gebetbuch für alle Morgen und Abende des Jahres, am Sonntag Lavaters Lieder und ein damals in grossem Credit stehendes Erbauungsbuch: »Der Christ in der Einsamkeit,« welchem später Heß »Leben Jesu« beigefügt wurde.

Dagegen hörte ich sie manchmal darauf sich zu gute thun, wie es in früherer Zeit nichts weiter bedurft hätte, als irgend eine weibliche Arbeit zu sehen, um sofort dieselbe nachmachen zu können; ich vernahm auch von Andern, wie die »Base Ziegler« in allen Vorkommenheiten, die das Hauswesen betreffen könnten, immer das Richtige zu treffen gewußt habe; und lange nach ihrem Hinschied wurde von Verwandtinnen mir mehrmals bezeugt: wenn in Verlegenheiten, welche häusliche Fragen betroffen hätten, sie nicht Rath gewußt habe, dann wäre solcher schwer zu finden gewesen. Wäre ihr Leben in eine Zeit gefallen, welche in die weibliche Bildung noch andere Elemente aufnimmt, als bloß Arbeiten und was das Hauswesen mit allen seinen oft kleinlichten Einzelheiten berührt, so würde sie zuverlässig auch hierin Andern nicht nachgestanden seyn. Ihrer Tante lernte sie das Zeichnen und Mahlen von Blumen ziemlich erträglich ab; ohne ihre Vaterstadt verlassen zu haben, sprach sie wenigstens so viel französisch, um zu meinem größten Verdruß über Tisch Alles, wovon ich als Knabe nichts wissen sollte, meinem Vater mitzutheilen (einzig das unangenehme trés peu, wenn ich etwa um mehr Brod bat, hatte ich ihr bald abgelauert); und nachher, da ich zur Zeit der Einquartierung eben diese Sprache zu lernen begann, konnte sie meiner Wortarmuth, in der ich etwa mit einem Soldaten radebrechen wollte, genügend zu Hülfe kommen.

Vermöge ihrer Anstelligkeit, ihrer unermüdlichen Thätigkeit, und ihres immer auf das Thun und Handeln gerichteten Sinnes, waren ihre Ermahnungen, Vorstellungen, Warnungen, Aufträge, Befehle immer kurz, aber bestimmt, klar, unmißverstehbar, stets der Veranlassung oder dem Bedürfniß des Augenblicks angemessen. Ich bin überzeugt, daß die Angewöhnung an diese praktische Weise, im Gegensatz gegen die oft langen, durch die geringste, unbedeutendste Veranlassung in Fluß kommenden Expectorationen meines Vaters, den unüberwindlichsten Eckel gegen das breite, nutzlose Hin- und Herreden bei Berathungen in Behörden und überall da, wo irgend ein Handeln doch das Finale seyn muß, mir eingepflanzt hat. Wo im spätern Leben es daher in meiner Hand lag, den Gang eines Geschäftes zu lenken, den kürzesten Weg zu dessen dennoch gründlicher Erledigung vorzuzeichnen, habe ich mich stets bestrebt, dasselbe so zu erfassen, daß es nicht durch nutzloses Differiren ins Unendliche gezogen werde. Es ist mir selbst zur Unart geworden, daß alles Ueberflüssige, alles Weitschweifige, alle bloße Wortmacherei, Alles, was nicht zur Aufhellung, sondern bloß zur Verlängerung dienen konnte, manchmal seinen Reflex in meinen Bewegungen und in meinen Gesichtszügen fand. Darum ich unter den vielen Wohlthaten, welche Gott mir zugewendet hat, diejenige, zahlreicher Behörden und solcher Collegien, die eigentlich nichts schaffen, nichts Eingreifendes zu Stande bringen können, bloß mit gleichgültigen Armseligkeiten sich befassen müssen, für immer enthoben zu seyn, nicht unter die geringste zähle; und nie fand ich mich innerlicher vergnügter, als wenn zur Zeit erlangter Befreyung die Leute (meistens sich selbst zum Maßstab nehmend) die Meinung durchblicken liessen, es dürfte mir schwerlich etwas Zusagenderes wiederfahren, als in dergleichen eintreten zu können. Im Stillen nährte ich wohl den Wunsch, es möchte Solches versucht werden, aber einzig um die zweifelloseste Enttäuschung alsbald eintreten zu lassen.

Hundertmal, wenn ich einer Magd rufen wollte, sie solle mir Wasser holen, dieses oder jenes, z.B. eines meiner Kleidungsstücke bringen, oder sonst etwas für mich besorgen, hörte ich meine Mutter sagen: »du kannst selbst gehen, du hast noch junge Füße, du brauchst noch keine Bedienung;« und mehr als einmal wurde gegen die Neigung, mir zu willfahren, sogar ein förmliches Verbot eingelegt, ich genöthigt, in eigener Person zu vollführen, womit ich Andere beauftragen wollte. Daher ist mir dieß jetzt noch geblieben, hat sich aber zu einer Eigenschaft ausgebildet, die sich ehedem in öffentlicher Stellung darin bethätigte, daß es mir widerstrebte, für Solches, was ich durch mich selbst ausrichten zu können und zu dürfen glaubte, fremde Mitwirkung anzugehen, oder vorläufiges Gutheißen nachzusuchen. Lag jedoch dieses in den Formten und Vorschriften, dann habe ich jederzeit unverbrüchlich an diese mich gehalten; war mir hingegen freye Hand gegeben, so hütete ich mich wohl, Formen, Schwierigkeiten und Hindernisse erst zu schaffen, Zustimmung oder Genehmigung nachzusuchen. Ich habe in meinen Wirkungskreisen Manches angebahnt und durchgesetzt, worüber Andere vom Pontius zum Pilatus laufen zu müssen geglaubt hätten; das sicherste Mittel, in allgemeinen Verhältnissen, mitunter auch bei Persönlichkeiten, wie sie in einem engen Gemeinwesen gegeben sind, viel reden und nichts ausrichten zu können.

Vielleicht diente noch Anderes dazu, diese Eigenthümlichkeit bei mir auszuprägen. Von meinem Vater hatte ich, wie schon bemerkt, bei allen Veranlassungen die endlosesten Erpostulationen anzuhören, die gewöhnlich in die Drohung von Schlägen ausliefen. Diese zwar wurden selten applicirt, desto häufiger kehrten jene wieder. Von meiner Mutter hingegen, da sie dem Reden das Handeln vorzog und in diesem nie säumte, hatte ich empfindliche Lehren desto öfterer in Empfang zu nehmen; doch schmerzten sie mich ungleich weniger, als die bisweilen bis zur schreyenden Ungerechtigkeit steigende Anhäufung harter und unverdienter Vorwürfe von jenem. Dazu kam dann noch bei meinem Vater die oft ungleich bitterere und nicht selten lange dauernde Nachlese eines finstern Blickes, eines sauren Benehmens; wogegen bei meiner Mutter mit der Vollziehung des Strafactes Alles abgethan, die vorige Freundlichkeit wieder hergestellt war. Nicht daß sie in verderblicher Schwäche durch unzeitiges Hätscheln des Kindes je mit sich selbst in Widerspruch getreten wäre, oder zur Vermuthung verübten Unrechts Handhabe geboten hätte; es waltete in ihr nur der zu gehöriger Zeit verständig angewendete Ernst, welcher, wie für Alles Maß und Ziel einzuhalten, so auch jedes Mittel zur rechten Zeit in Wirksamkeit zu bringen weiß.

Ein Wort meiner seligen Mutter, welches sie zu einer Zeit gesprochen, da ich schon in den Jahren stand, um dessen volle Bedeutung zu würdigen, ist nicht in ein unfruchtbares Erdreich gefallen. Mein Vater bemerkte eines Tages, wie man im Hinblick auf die Kinder in Collegien manchmal sich dazu verstehen müsse, der Meinung Anderer sich anzubequemen; könne man doch nicht wissen, wie dieselben in der Zukunft Jenen wieder zu nützen oder zu schaden vermöchten. Da erwiederte sie sofort: nie würde sie durch dergleichen Rücksichten in ihrer Meinung sich bestimmen lassen. »Denn« fügte sie bei, »sind die Kinder etwas, so werden sie ihren Weg machen, ohne dergleichen Hülfe zu bedürfen; sind sie nichts, so wird man Ihnen dieselbe entweder nicht gewähren, oder sie wird ihnen doch wenig nützen.«

Es war dieß gewiß ein entschiedenes Wort, der Ausdruck einer tüchtigen und ehrenwerthen Gesinnung. Dergleichen Charakterzüge können durch alles Bücherlesen und durch die Bekannschaft mit noch so vielen, alltäglich unter allen Zonen aufschiessenden Romanen nie gewonnen werden. Obgleich meine Mutter um Politik sich zwar nie bekümmerte, Staatsveränderungen ihr ziemlich gleichgültig waren, und sie die Revolution nicht ihrer Principien, sondern der Einquartierung wegen haßte, die derselben in ganz kurzer Zeit folgte, so bin ich doch gewiß, daß sie dem Wort entgegengejubelt hätte, welches ich nach der abermaligen Volksbeglückung vom Jahr 1831 zu einem Freunde sprach: »Ich hoffte mit Gottes Hülfe meine Knaben dermassen zu Aristokraten zu erziehen, daß sie gegen jede Erwählung in irgend eine Behörde gesichert blieben.« Sollten sie aus der Art schlagen, so könnte ichs bedauern, hätte aber mir keinen Vorwurf zu machen.

Ich erfreute mich der herzlichsten Liebe meiner Mutter, wozu, neben äußerer Aehnlichkeit, diejenige der Gemüthsanlagen nicht wenig beitragen mochte. Auf diese Zuneigung war ich so eifersüchtig, daß ich ihrer letzten Entbindung nur mit Bangigkeit entgegen sah; denn da sie schon sechs Knaben geboren hatte, war die Sehnsucht nach einem Mädchen ebenso natürlich, als bei mir die Besorgniß, alsdann nur mit der zweiten Stelle mich begnügen zu müssen. Nichts glich daher meiner Freude, als ich vernahm, mein jüngster Bruder seye geboren worden. – In späterer Zeit dann hatte ich manches Beweises zarter Aufmerksamkeit von ihr mich zu erfreuen. In die letzten Jahre ihres Lebens waren aber schwere Prüfungen verflochten, die ich ihr möglichst zu erleichtern mich bestrebte. Im Jahr 1811 ertrank einer meiner Brüder im Rhein, und sie, nichts ahnend, vernahm die erste Kunde durch seine in Bestürzung daher stürmenden Mitschüler. Ein anderer Bruder, an dem sie mit der größten Zärtlichkeit hieng, brachte aus einem Militärspital in Rheinau, wo er angestellt war, den Keim zum Typhus mit sich, und ein, während ihres Schlafes geöffneter und in der Bekümmerniß nicht wieder geschlossener, Schrank verrieth ihr seinen Tod, ohne daß wir sie auf die Trauerbotschaft hätten vorbereiten können. Bei drei Jahren litt sie an einer äusserst schmerzhaften Krankheit, in welcher ihre einzige Erholung entweder ein kurzer Besuch oder ein etwas verlängerter Aufenthalt bei mir auf dem Lande war. Dabei erzeigte sie sich immer heiter, erfreut über jede Stunde, die ich bei ihr zubrachte. – Ich bin versichert, daß ich das Beste, was an mir ist, ihrem Einfluß verdanke.

Der erste May des Jahres 1786 war der Vermählungstag meiner seligen Eltern. Das Jahr darauf wurde ich geboren. Mein Vater schrieb in eine von ihm sorgfältig bewahrte Bibel: »Den 19. März 1787 ward meine liebe Gattin nach einer harten Geburt, Nachmittags zwischen zwölf und ein Uhr, glücklich von einem gesunden Söhnlein entbunden, welchem wir in der heiligen Taufe die Namen Friedrich Emanuel beilegen ließen. Gott verleihe ihm seine Gnade und den Beistand seines heiligen Geistes.«

Wenn Ehegatten die Aussicht lächelt, ihre Verbindung durch Nachkommen gesegnet zu sehen, so wird bei den Meisten leiser oder vernehmlicher der frohen Hoffnung der Wunsch sich beigesellen, daß männliche Nachkommenschaft den Reigen eröffne; und wenn sie auch, wie nachher Alles, ohne durch entschiedenes Verlangen sich bewältigen zu lassen (was mit wahrer Hingebung an Gottes Wille in Widerspruch tritt), demselben dieses ebenfalls anheimstellen, so wird doch gewiß die Freude und der Dank gegen Gott, um so lebendiger seyn, wenn die erste Erwartung in jenem Sinne zur Wirklichkeit wird. Dieß war auch bei meinem Vater der Fall, bei dem hiedurch selbst die poetische Ader in Wallung kam, indem er in ein kleines Unterhaltungsblatt, welches der Zeitung, die er damals redigirte, beigegeben wurde, folgendes Gedicht einrücken ließ. Gibt dasselbe gerade nicht von dichterischer Anlage, so giebt es doch von einem frommen Sinn und von einer tüchtigen Gesinnung Zeugniß.

Empfindung bei der Entbindung meiner Gattin.

Meinem Retter will ich danken,

Nie, nie soll mein Glaube wanken,

Denn Er hilft und rettet gern,

Ist dem Flehenden nicht fern,

Der voll Innbrunst zu Ihm spricht:

Herr! ach Herr! erbarme Dich!

Thränend, mit beklemmtem Herzen –

Als in ihren größten Schmerzen

Der Geburt mein Weibchen war,

Und die drohende Gefahr

Meine Seele tief beklemmte,

Jeden Athemzug mir hemmte,

Rief ich, Herrlicher! zu Dir!

Muth und Kräfte gabst Du ihr;

Halfest glücklich sie entbinden,

Ließ'st mich Vaterfreuden finden.

Gott! o Gott! wie dank ich's Dir!

Wonne strömt durch meine Glieder,

Du schenkst mir mein Weibchen wieder,

Und mit ihm den lieben Kleinen,

Der mit seinem ersten Weinen,

Vater! Dir sein Leben dankt.

Leite ihn durch Deine Gnade,

Laß ihn auf dem Dornenpfade,

(Willst Du ihm das Leben schenken)

Immer, Herr! nur Dein gedenken.

Führe seine ersten Schritte,

Gütiger! ich fleh – ich bitte –

Laß ihn Deine Wege wallen,

Seyn nach Deinem Wohlgefallen

Und nach Deinem Wort und Sinn.

Söllt' er aber Dein entbehren,

Und Dich, Gütiger! entehren,

(Wie ich um sein Leben bat)

Bitt' ich, Herr! ach nimmt ihn hin.

Glücklich für das Daseyn erweist sich an manchen Menschen dieses »Führen«, um welches mein Vater bat, nicht auf einer Heerstraße unserer Zeit, auf der man oft an dem Ausgangspunkte schon das ferne Ziel erblickt, dabei Höhen und Niederungen sorgfältig zu vermeiden, jedenfalls Steigung und Fall möglichst gleichmässig zu vertheilen sucht. Ob der Mensch das Leben bloß für ein kürzeres oder längeres Dahinschlendern, ohne andere, als bloß momentane, Zwecke erachte; ob er eine Führung anerkenne, und, was noch mehr ist, bei einzelnen Wendungen und durch bisweilen angestellte Rückblicke zu einer Erkenntniß dieser Führung und zu einer Einsicht in dieselbe zu gelangen sich bestrebe: immerhin mag er dessen sich freuen, daß der Weg gleich als durch eine reiche und wechselvolle Landschaft sich zeigt, in welcher dessen Wendungen ihn oft gegen Erwarten in den finstern Wald, statt auf lachende Auen, dann ebenso unversehens auf den sonnenhellen Hügel mit weitem Gesichtskreis, statt in den düstern Felsengrund, bringen; daß er ihm Beschwerniß darbietet, wo er auf gemächliches Voranschreiten zählte, dann wieder unvermuthet die Pfade ebnet, wo er zum Vorwärtskommen auf das Zusammenraffen aller seiner Kräfte sich gefaßt machte. Viele zwar werden das »Führen« niemals inne, weil sie nicht einmal überdenken mögen, ob es ein solches gebe, daher noch weit weniger sich umsehen, ob sie wohl dessen Spuren wahrnehmen dürften. Wenigen, vielleicht gar Keinen, ist es gegeben, in jedem Augenblicke des »Wallens«, an jeder Beugung des Weges, bei jedwedem Begegniß auf demselben das Führen zu erkennen, auch nur eine führende Hand zu ahnen. Hunderte ziehen dahin, ohne auch nur einen würdigenden Blick auf den Pfad, auf das, was an demselben ihnen begegnet, auf die Umgebung zu werfen. Selbst bei dem Besonnenern kann nur allmählig die Aufmerksamkeit auf die leitende Hand rege werden, muß erst bei längerem Voranschreiten die Wahrnehmungsgabe sich schärfen, muß, entweder aus äusserer Veranlassung oder aus innerer Anmuthung, die Aufforderung ergehen, für einen Augenblick etwa stille zu stehen und das Auge rückwärts zu wenden. Haben wir aber hieran uns gewöhnt, alsdann erst kann ein innerer Zusammenhang dessen, was in seiner Erscheinung uns als zufällig oder vereinzelt vorkam, von uns geahnet, derselbe allmählig uns klar werden; kann mit der Annäherung an das Ziel je mehr und mehr Alles zum beziehungsreichen Bilde sich entfalten, dessen Mittelpunkt Gottes Bemühen um den Menschen ist.

Wer mit der Erziehung des Sterblichen durch den allein weisen und treulich besorgten obersten Lehrmeister, mit der innern Ausbildung des Einzelnen irgendwie vertraut ist, der dürfte mit vollem Recht mich Lügen strafen, wenn ich vorgeben wollte, ich wäre auch nur zu bloßer Ahnung eines solchen »Führens« frühe schon erwacht. Nein, es ist eine schöne Zeit des »Wallens« vorübergegangen; ich bin des Weges eben, mühelos und gerade lange genug dahergeschritten, auch manchmal, gleich so Manchen, wirklich recht sorglos und unbedacht auf demselben umhereschlendert, bis ich nur an die Möglichkeit eines Geführtwerdens dachte. Denn lag etwa einmal in den ersten Zeiten Etwas queer über den Pfad, lustig hüpfte ich darüber hinweg, dazu noch freudig und zuversichtlich um mich blickend, im Gefühle munterer Behendigkeit oder zuversichtlicher Gewandtheit. Als dann in der Folge so recht in zögernder Langsamkeit die Vermuthung sich einstellte, es könnte neben allem Bewußtseyn der Freithätigkeit eine unsichtbare und nur in leisen Winken sich kund gebende Führung dennoch einiges Anrecht der Förderung auf den zu irgend einer Zeit eingenommenen Standpunkt sich geltend machen, so dauerte es doch abermals wieder geraume Zeit, bis dem Geistesauge ein etwelches Hineinblicken in die Verbindung der jeweiligen Begegnisse auf dem Wege und in deren innern Zusammenhang, als Beurkundung einer nachhaltigen Führung zu einem bestimmten Ziele, möglich ward. Jetzt aber, nach dem Verlauf von mehr als fünfzig Jahren, hebt dieser innere Zusammenhang immer sichtbarer sich hervor, und wird es mir von Tag zu Tag leichter, zu durchschauen, wie ein höherer Wille, bei zarter Schonung des eigenen, sanft und schonend, immer aber stätig, dahin mich lenken wollte, wo ich an meinem achtundfünfzigsten Geburtstage, an diesem aber nicht mehr unerwartet, noch weniger in raschem Uebergang dahin gelangt, mich fand.