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Wie könnte eine gerechtere Geburtshilfe aussehen? Wie könnte sie im bestehenden System umgesetzt werden? Wie sähe eine Welt aus, in der nur durch ihre Geburtserlebnisse gestärkte Frauen herumliefen und in der es gleichzeitig nur echt emanzipierte Männer gäbe? Ein Buch, das einlädt zur eigenen Recherche sowie zum Gedanken- und Gefühlsaustausch mit Frauen und Männern, die dazu bereit sind, ihre Geburtserlebnisse genauer zu betrachten.
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2021
© 2020 Jessica Lohmann
Verlag und Druck:
tredition GmbHHalenreie 40–4422359 Hamburg
Titelbild:
Nach einem Gemälde der Autorin
Umschlaggestaltung:
Konstantin Banmannwww.kontinuum-art.de
Lektorat:
Natalie Nicolawww.schreib-vielfalt.de
Korrektorat:
Martina Seifertwww.martinaseifert.de
ISBN
Paperback:
978-3-347-06378-5
Hardcover:
978-3-347-06379-2
e-Book:
978-3-347-06380-8
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Hinweise:
Die Namen, der in diesem Buch genannten Personen, wurden teilweise geändert. Außerdem ist zu bedenken, dass sich die Randbedingungen in Krankenhäusern schnell ändern können. Die Situation in dem Krankenhaus, in dem ich meine erste Geburtserfahrung gemacht habe, kann inzwischen eine ganz andere sein. Es ist mir aber auch nicht daran gelegen, ein bestimmtes Krankenhaus zu verurteilen, ich möchte auf einen grundlegenden Missstand in der Geburtshilfe aufmerksam machen, der aus meiner Sicht existiert.
Dieses Buch ist kein medizinischer Ratgeber. Ich bin ein medizinischer Laie und schildere hier ausschließlich meine persönliche Wahrnehmung und Erfahrung der Geburten meiner Kinder und die Schlüsse, die ich daraus ziehe. Aus diesem Buch lassen sich deshalb prinzipiell keine allgemeingültigen Aussagen ableiten, es ist vielmehr als eine Anregung zu verstehen, unseren Umgang mit dem Thema Geburt zu überdenken.
Dieses Buch kann Frauen, die sich in einer Schwangerschaft befinden, Angst machen. Und da ich Angst in diesem Zustand für nicht zuträglich halte, möchte ich Schwangeren empfehlen, dieses Buch nicht zu lesen.
Aus Gründen einer besseren Lesbarkeit wurde im Text die männliche Form – in Ausnahmefällen wie bei dem Wort „Hebamme“ ausschließlich die weibliche Form – gewählt, nichtsdestoweniger beziehen sich die Angaben auf Angehörige beider Geschlechter.
Inhalt
Vorwort
Rückblende
Geburtsvorbereitungen
Mein Geburtsbericht
Nachwehen
Lichtblick – die Sonne geht auf
Nachgeburtliche Recherchen
Geburtsvorbereitungen, die zweite
Gebären und geboren werden
Das zweite Wochenbett ganz anders
Wie ich die HypnoBirthing-Methode beurteile
Der notwendige Bewusstseinswandel
Auf der Suche nach dem Glücksgefühl
Geburt und Urvertrauen
(R)Evolution Geburt
Was erzähle ich meinem Sohn?
Abspann
Quellenverzeichnis und Anmerkungen
Vorwort
Dieses Buch habe ich in erster Linie für mich selbst geschrieben. Es ist ein Teil der Verarbeitung meiner ersten Geburtserfahrung. Warum ich der Meinung bin, dass es notwendig ist, einen derartigen Seelenstriptease zu veröffentlichen?
Nun ja, ich habe mich dazu entschieden – obwohl mir dies mit Sicherheit nicht leichtgefallen ist –, weil es aus meiner Sicht nur wenige ehrliche Stimmen zu dem Thema gibt. Denn so wie es scheint, muss nach einer Geburt alles im überschwänglichen Glück taumeln. Mit dem Ausspruch „Hauptsache gesund!“, den sich frischgebackene Eltern oft anhören müssen, wird jeder Zweifel am Geburtsprozess – so wie er heute vielfach abläuft – ausgelöscht. Damit verpassen wir die Chance, Geburten eines Tages wieder in einer ursprünglicheren Art und Weise zu erleben, Schritte in Richtung einer heileren Welt zu unternehmen.
Die Erkenntnisse, die ich auf meinem persönlichen Weg gewonnen habe, sind mit Sicherheit nicht der Weisheit letzter Schluss. Die Generationen nach mir werden es wiederum besser machen und vielleicht herausfinden, dass auch meine Sicht auf das Thema noch begrenzt war. Es in Zukunft besser zu machen, heißt für mich aber nicht, die Kaiserschnittrate noch weiter hochzutreiben, um den Frauen noch das letzte Stück ihrer Weiblichkeit zu rauben und das ursprüngliche Wissen um Geburt endgültig zu verlieren. Was, wenn am Ende selbst in den Frauen, die sich bis jetzt noch ein letztes Stück ihrer inneren Wahrheit bewahrt haben, dieses Licht endgültig verlischt? Und wenn sich irgendwann niemand mehr daran erinnert, dass Geburten auch einmal anders verlaufen sind? Um einen Beitrag dafür zu leisten, dass dies nicht geschieht, bin ich bereit, meine Seele ein Stück weit offenzulegen.
Meine Erfahrung ist, dass viele Frauen ihre Geburten noch lange beschäftigen und dass viele Fragen zu dem Thema einfach offenbleiben, weil man nicht weiß, woher man die Antworten nehmen soll. Denn Hand aufs Herz, von selbstbestimmten und stärkenden Geburtserfahrungen können nur die wenigsten Frauen berichten. Viel eher sind Demütigung und Entmündigung in diesem Bereich an der Tagesordnung und traumatische Geburtserlebnisse nicht gerade selten. Ich befinde mich also in guter Gesellschaft und rufe alle Frauen dazu auf, sich ihr Geburtserlebnis zurückzuholen, für sich und ihre Kinder. Denn – ohne dass viele sich dessen bisher bewusst sind – ist uns dieses genommen worden. Und das, um uns den Männern noch gleicher zu machen, um für noch mehr „Gleichberechtigung“ zu sorgen, als es ohnehin schon der Fall ist. Denn das ist es, was sich wirklich hinter der viel umworbenen „Gleichberechtigung“ verbirgt: Eine Gleichmacherei.
Ich möchte jetzt nicht falsch verstanden werden, ich sehe mich nicht als eine Emanze an, und ich habe auch nichts gegen Männer. Von einem harmonischen Zusammenleben, in dem sich jeder mit seinen Fähigkeiten einbringen kann, sind wir meiner Meinung nach jedoch noch weit entfernt. Und ich mache das unter anderem daran fest, dass wir Frauen offensichtlich der Fähigkeit beraubt werden, Kinder eigenständig gebären zu können. Wer an dieser Entwicklung Schuld hat, kann ich nicht sagen. Ich glaube grundsätzlich nicht, dass man das an einer Person festmachen kann, sondern dass es sich hierbei um über Jahrhunderte und Jahrtausende manifestierte Gedanken- und Bewusstseinsfelder handelt, die auf unserer Welt jetzt vorherrschen. Aus meiner Sicht stehen wir noch immer ganz am Anfang von einer echten Gleichberechtigung – auch wenn das jetzt für viele enttäuschend klingt.
Die Gleichberechtigung ist falsch verstanden worden. Und auch ihre Bezeichnung finde ich ungünstig gewählt, da es eben nicht um eine Gleichmacherei gehen sollte, sondern um eine ehrliche Wertschätzung der unterschiedlichen Fähigkeiten von Mann und Frau. Und vor diesem Hintergrund muss als Erstes einmal die Frage gestellt werden, was diese sind. Entgegen der landläufigen Meinung, die Frauenrolle wäre inzwischen weitgehend definiert, nur der Mann leide jetzt unter einem Identitätsproblem, müssen aus meiner Sicht beide Rollen neu definiert werden. Denn Gleichberechtigung – wenn man sie denn so nennen will – heißt für mich nicht, dass Frauen einfach eine Männerrolle einnehmen und den Männern damit den Rang ablaufen, so dass diese in eine Identitätskrise geraten. Nein, da muss etwas anderes her. Wie das am Ende aussehen kann, davon habe ich noch keine ganz genaue Vorstellung. Und auch welchen Namen man der „Gleichberechtigung“ dann gibt, dafür habe ich noch keine Idee. Vielleicht werden das erst die folgenden Generationen für sich herausfinden. Damit eine wirkliche Gleichberechtigung überhaupt möglich ist, steht für mich jedoch fest: Als Erstes müssen wir uns unsere Geburten zurückholen. Damit unsere Gesellschaft nicht länger von Frauen geprägt ist, die sich in eine Männerrolle drängen lassen. Bei mir habe ich dieses Phänomen ebenfalls beobachtet, und meine weiblichen Seiten wirklich zu akzeptieren und zu leben, fällt mir auch heute noch schwer.
Ich sehe es als Pflicht, meine Geburtsgeschichte zu erzählen. Nicht zuletzt, damit sich die ein oder andere Frau vielleicht in meiner Geschichte wiederfinden kann und sich verstanden fühlt. Das tut gut, man kann die Maske der überglücklichen Mutter endlich fallen lassen. Ein erster Schritt Richtung Heilung ist getan. Das ist es, worum es mir geht, uns alle zu erleichtern, weil die eine oder andere vermutlich so oder ähnlich empfindet wie ich und die Frage der Geburt vielleicht verdrängt, aber sie damit längst nicht beantwortet ist. Ich möchte mit meiner Geschichte dazu ermuntern, dem Gefühl zu vertrauen, dass hier etwas gewaltig schiefläuft. Wir sollten es nicht als „Normalfall“ abtun, wie Geburten heute ablaufen. Denn es geht auch anders.
Darüber hinaus könnte ich mir keinen besseren Zeitpunkt vorstellen, um mit dem Schreiben eines emotionalen Buches zum Thema Geburten anzufangen, als die fünfte Woche des Wochenbettes nach der Geburt meines zweiten Sohnes. Ärzte würden mich vermutlich für unzurechnungsfähig erklären, so wie sie es mit Frauen unter den Wehen gerne tun. Ich bin nicht unzurechnungsfähig, sondern bei vollem Verstand. Und die Geschichte, die ich erzählen will, ist einfach nur eines: wahr.
Rückblende
Ich liege nach der Geburt meines ersten Sohnes in einem dieser Krankenhausbetten. Es ist mitten in der Nacht und ich bin froh, überlebt zu haben. In meinem Arm liegt ein kleines Wesen, das mein Sohn ist. Etwa zweieinhalb Stunden vorher habe ich ihn geboren. In meinem Kopf kreist nur ein Gedanke: „Bitte vergiss nie dieses Gefühl, diese Schmerzen, diese Qual, damit du nie wieder auf die Idee kommst, ein Kind zu bekommen.“
Geburtsvorbereitungen
Dabei hatte alles so hoffnungsvoll angefangen: Nach einer völlig komplikationslosen und schönen Schwangerschaft sollte einer weitgehend „normalen“, also natürlichen Geburt doch eigentlich nichts im Wege stehen, oder?
Ich fühlte mich bis zum letzten Tag meiner Schwangerschaft sehr gut. Bis zuletzt fuhr ich Fahrrad und ging regelmäßig walken. Der Geburt sah ich mit freudiger Erwartung entgegen. Bei all den Frauen mit Kindern, die ich alltäglich so sah, dachte ich mir, so schlimm wird es wohl nicht werden, sonst würde es die ganzen Kinder ja nicht geben. Allzu viele Gedanken um das „Wo“ und „Wie“ der bevorstehenden Geburt hatten wir uns nicht gemacht. Ich war der Meinung, dass eine Geburt unabhängig vom Ort und der mich umgebenden Personen ihren vorgesehenen und natürlichen Verlauf nehmen würde.
Genauso selbstverständlich wie ich mit dem Gefühl schwanger zu sein, als Erstes zu meiner Frauenärztin ging, erschien uns ein Krankenhaus als der beste Ort für eine Geburt. Und das nicht zuletzt deshalb, weil es fast alle so machen. Andere Geburtsorte, wie zum Beispiel eine Geburt zu Hause oder in einem Geburtshaus, waren aus meiner damaligen Sicht nur etwas für „Alternative“. Ich selbst sah mich für etwas anderes als ein Krankenhaus keinesfalls als geeignet an.
Es gab uns ein gutes Gefühl, die medizinische Versorgung eines Krankenhauses beanspruchen zu können. Da unsere Wohnung in fußläufiger Entfernung zu einem Krankenhaus mit einer Geburtsstation lag, entschieden wir uns dafür, zur Geburt in eben dieses Krankenhaus zu gehen. Was uns bei einer Kreißsaal-Besichtigung gezeigt wurde, sagte uns zu, und wir vermuteten keine großen Unterschiede zu anderen Krankenhäusern. Auch ein im Notfall erforderlicher Transport unseres Kindes in ein Krankenhaus mit angeschlossener Kinderklinik konnte von dem Krankenhaus aus mit einer – unserer Meinung nach – ausreichenden Schnelligkeit gewährleistet werden.
Irgendwie war ich auch froh darüber, mir um dieses Thema keine weiteren Gedanken mehr machen zu müssen. Eine Beleghebamme, also eine Hebamme, die man schon vor der Geburt kennenlernt und die man während der gesamten Geburt an seiner Seite hat – damit die bei der Geburt anwesende Hebamme nicht vom Arbeitsplan und dem Schichtwechsel des Krankenhauses abhängig ist – hielt ich für genauso wenig notwendig wie die Besichtigung weiterer Krankenhäuser.
Ich war überzeugt davon, dass das, was die eine Hebamme macht, die andere genauso gut kann. Und obwohl eine Geburt für mich schon zu diesem Zeitpunkt im Grunde etwas Natürliches war, stellte ich den Einsatz von Saugglocken und das Vorkommen von Dammschnitten und -rissen – so wie ich es in vielen Geburtsgeschichten gehört hatte – nicht weiter infrage. Ich dachte, das gehöre eben einfach dazu. Ich nahm unhinterfragt hin, dass mich eines davon wohl auch treffen würde. Nur ein Kaiserschnitt sollte es nicht werden. Und auch eine Periduralanästhesie (PDA) zur Betäubung der Geburtsschmerzen wollte ich möglichst umgehen. Schließlich wollte ich mich zu der Reihe von Frauen zählen können, die ihre Kinder wirklich natürlich gebären – und das hieß zu diesem Zeitpunkt für mich: vaginal und unter Schmerzen.
Ja, das Ganze hatte für mich auch etwas mit „dazugehören“ zu tun. Ich wollte keinen Kaiserschnitt und keine vaginale Weicheier-Geburt mit PDA, sondern eine Geburt für „echte“ Frauen. Auch die Hebamme, die uns bei der Kreißsaal-Besichtigung auf der Geburtsstation herumführte, erschien mir mit ihrer lockeren, aber bestimmenden Art für diesen Zweck als besonders geeignet.
Zu meiner Vorstellung von Geburt gehörte nämlich auch, dass man dabei jemanden an seiner Seite haben sollte, der einem im richtigen Moment sagte „wo es langging“. Eine Sichtweise, für die ich mich heute besonders schäme.
Mein Geburtsbericht
Es war in einer Novembernacht, als bei mir leichte Wehentätigkeit einsetzte, so dass wir uns morgens in das besagte Krankenhaus aufmachten. Dort angekommen, war von den Wehen plötzlich nichts mehr zu spüren und auch am Muttermund hatten die Wehen noch nichts bewirkt. Wir wurden wieder nach Hause geschickt. Offensichtlich mussten sich die Wehen für eine Geburt noch beträchtlich steigern, denn auf unsere Nachfrage, wann wir wiederkommen sollten, entgegnete man uns so etwas Ähnliches wie: „Wenn sie [vor Schmerzen] in die Matratze beißt.“
Im Laufe des Tages setzten die Wehen erneut ein. Bevor wir noch einmal umsonst das Krankenhaus aufsuchten, wollte ich dieses Mal die Echtheit der Wehen mit Hilfe eines warmen Bades überprüfen. Diesen Tipp hatte ich, soweit ich mich erinnern kann, in unserem Geburtsvorbereitungskurs aufgeschnappt. Des Morgens hatte ich leider noch nicht daran gedacht. Denn tatsächlich wurden die Wehen nach meinem Bad allmählich immer stärker. Wir fragten uns jetzt natürlich, wann wir wieder in das Krankenhaus gehen sollten. Um nicht noch einmal nach Hause geschickt zu werden, wollte ich keinesfalls wieder zu früh dorthin gehen. Bisher hatte ich aber auch noch nicht das Gefühl, in die Matratze beziehungsweise in die Sofalehne unseres Sofas, hinter das ich mich gekniet hatte, beißen zu müssen.
In einem Buch, das ich zu Rate zog, las ich, dass man sich auf den Weg ins Krankenhaus machen sollte, wenn die Wehen über zwei bis drei Stunden in Abständen von fünf Minuten oder kürzer kommen.[1] Ich stellte also eine Uhr neben mich und zählte von da an die Minuten. In dem Zeitraum von etwa 17 bis 19 Uhr konnte ich so Wehen verzeichnen, die ungefähr alle fünf Minuten kamen. Zu diesem Zeitpunkt rief Christoph in dem Krankenhaus an und fragte nach, ob das ausreicht, um in den Kreißsaal zu kommen. Inzwischen vergrub ich vor Schmerzen mein Gesicht bei jeder Wehe in der Sofalehne und krallte mich mit den Händen fest in den Sofastoff. Das musste mit „in die Matratze beißen“ vergleichbar sein, dachte ich. Die Hebamme am Telefon beruhigte uns mit der Aussage, dass Kinder in der Regel nicht so schnell kämen. Kurz nach dem Anruf veränderten sich die Wehen aber plötzlich so, dass mir schlagartig klar wurde, dass wir uns sofort auf den Weg ins Krankenhaus begeben müssten.
Auf den 300 Metern, die wir bis zu dem Krankenhaus zurücklegten, hatte ich mehrmals das Gefühl, dass ich es nicht mehr bis dahin schaffen würde. Die Wehen, die ich auf diesem Weg verarbeiten musste, verbrachte ich auf Christophs Schultern abgestützt und meinen Bauch festhaltend. Irgendwie haben wir es bis auf die Geburtsstation des Krankenhauses geschafft, wo man uns zuerst in eine Art Untersuchungszimmer brachte. Hier wurde mir für den Notfall ein Zugang in mein Handgelenk gelegt und mein Muttermund untersucht. Zu diesem Zeitpunkt war mein Muttermund zwischen sieben und acht Zentimeter geöffnet. Die vollständige Öffnung des Muttermundes beträgt bei der Geburt etwa zehn Zentimeter. Ich hatte zu Hause also schon einiges an Vorarbeit geleistet.
Als wir uns in den eigentlichen Kreißsaal begaben, kniete ich mich seitlich des Kreißbettes auf den Boden, denn diese Position hatte mir auch zu Hause das Verarbeiten der Wehen erleichtert. Es kam für mich nicht infrage, mich wie auf einem Präsentierteller auf das Kreißbett zu knien oder mich dort auf den Rücken zu legen. Die Rückenlage war mir als Schwangere schon lange nicht mehr angenehm gewesen und es war für mich nur sehr schwer nachzuvollziehen, warum diese anscheinend die am weitesten verbreitete Geburtsposition ist.
Bis dahin lief – mit Ausnahme der starken Wehenschmerzen – für mich alles ganz gut. Intuitiv begann ich mit meinem Becken zu kreisen. Mir wurde das Gefühl vermittelt, dass ich die Wehen gut verarbeite und dass die Geburt schon weit fortgeschritten sei. Irgendwann platzte die Fruchtblase und ein Schichtwechsel der Hebammen erfolgte. Ich vernahm so etwas wie, dass schon Haare zu fühlen seien. Auch wenn ich das starke Gefühl hatte, dass dieser Motivationsspruch nicht aus dem Herzen der Hebamme kam, sondern einem Lehrbuch entliehen war, stimmte es mich positiv. Jetzt konnte es nicht mehr allzu lange dauern.
Zwischenzeitlich hatten sich die Wehen allerdings so stark gesteigert, dass kein Veratmen und kein Stöhnen mehr half und dass das passierte, was ich mir vorher nicht hatte vorstellen können. Ich fing an zu schreien und zerdrückte Christoph fast die Hände. Obwohl ich mich vor dem Kreißbett kniend den Umständen entsprechend am wohlsten fühlte, wollte man mich an diesem Ort und in dieser Position nicht belassen. Als Alternativen wurden mir ein Gebärhocker und das Kreißbett angeboten. Im vollen Vertrauen auf die Erfahrung der Hebamme, probierte ich beides aus. Ich fühlte mich aber nirgends so wohl wie neben dem Kreißbett. Also kniete ich mich wieder dorthin. Die Wehen veränderten sich jetzt wieder und zwar so, dass ich das Gefühl hatte, mitdrücken zu müssen. Das mussten die viel beschworenen Presswehen sein. Das Pressen tat gut, denn auf diese Weise konnte ich den Wehenschmerz in Druck umleiten. Doch an dieser Stelle nahm die Geburt für mich eine Wendung.
Plötzlich schien das, was ich machte, nicht mehr in Ordnung zu sein. Zunächst wurde mir gesagt, es sei noch zu früh, um zu pressen. Ich schaffte es aber partout nicht, diese Wehen auf andere Art und Weise zu verarbeiten. Ich versuchte, den Druck über meine Beine abzuleiten, die ich auf den Boden stemmte. Das war jedoch nicht „richtig“. Man sagte mir, dass es nicht gut für das Baby sei, wenn ich zu diesem Zeitpunkt schon mitpresste. Ehrlich gesagt, dachte ich in dieser Situation, die ich als sehr existenziell empfand, nicht viel an mein Baby. Ich war einfach nicht in der Lage, diesen Druck anders zu verarbeiten.
Zu der Hebamme hatte sich in der Zwischenzeit eine Assistenzärztin gesellt, die sich erst im Hintergrund hielt. Als ich erwähnte, dass mir das Pressen guttat, war diese dann der Meinung, dass wir es doch einmal damit probieren sollten. Allerdings durfte ich dazu nicht an dem von mir ausgewählten Ort und in der von mir ausgewählten Position bleiben, sondern sollte mich abermals auf das Kreißbett legen. Im vollen Vertrauen darauf, dass die Leute um mich herum wissen müssten, was sie taten, befand ich mich nun in Rückenlage auf dem Kreißbett, was mir nicht angenehm war. Ich hatte das Gefühl, dass so nur meine Zugänglichkeit für Untersuchungszwecke verbessert werden sollte. Zusätzlich begab sich die Assistenzärztin neben mich und bereitete ihren Unterarm vor. Ich ahnte, was sie vorhatte. Einige der zahlreichen Horrorgeschichten von Geburten, die ich gehört hatte, stiegen in mir auf, unter anderem auch solche, bei denen man sich auf den Bauch der Gebärenden nahezu geworfen hatte, um dem Kind bei seinem Weg nach draußen Hilfestellung zu leisten. Während der folgenden Presswehen wurde ich also – für mein Empfinden – brutal unterstützt.
Die Assistenzärztin drückte ihren Unterarm mit voller Kraft und einigem Schwung in meinen Bauch und schob nach unten mit. Es fühlte sich an, als würden all meine Organe zusammen- und mir gleichzeitig die Luft weggedrückt. Ein sehr schreckliches Gefühl, aber ich dachte, dass das so sein müsste und es mir und meinem Sohn tatsächlich helfen würde. Kurz nach dieser Maßnahme verschlechterten sich die Herztöne unseres Sohnes. Um sie wieder zu beruhigen, bekam ich nun wehenhemmende Mittel verabreicht, worüber ich nicht undankbar war, denn endlich machten die Wehen eine Pause. Als Nebenwirkung fing ich jedoch an, am ganzen Körper zu zittern. Die Kontrolle über meinen Körper war mir nun völlig genommen.
Anscheinend war in der Zwischenzeit die Chefärztin alarmiert worden. Sie kam herein und untersuchte mich, indem sie gefühlt ihre ganze Hand grob in meine Vagina schob. Ich zuckte vor Schmerzen zusammen. Sie äußerte sinngemäß, dass das so nicht ginge, ich wäre ja völlig unentspannt, wir wären ja noch nicht einmal bei den Presswehen. Ich war ihrer Meinung nach wohl etwas überempfindlich, wenn ich mich bei ihrer Untersuchung schon so verhielt, wie sollte ich dann die Presswehen überstehen. Ihre Aussage hatte eine sehr demotivierende Wirkung auf mich. Aus meiner Sicht, kämpfte ich schon lange mit den Presswehen. Ohne zu fragen oder einen Grund dafür zu nennen, wies die Chefärztin eine PDA an. Auf Christophs Nachfrage, ob ich das denn überhaupt wollte, machte man ihm in einem harschen Tonfall klar, dass es nicht mehr um eine Entscheidung unsererseits ginge.
An mir lief das vorbei wie ein schlechter Film. Natürlich wollte ich ursprünglich keine PDA. Inzwischen fühlte ich aber Erleichterung bei dem Gedanken, diese Schmerzen nicht länger ertragen zu müssen. Ich war froh, den Aufklärungsbogen über die Nebenwirkungen einer PDA aus der Unsicherheit heraus, ob ich die Schmerzen einer Geburt ertragen könnte, im Vorfeld durchgelesen, ausgefüllt und unterschrieben in meiner Krankenhaustasche mitgebracht zu haben. Ich dachte mir sogar, dass man mich doch endlich aufschneiden, also einen Kaiserschnitt machen sollte. Wenn ich diesen Gedanken laut ausgesprochen hätte, hätte man dies – auch wenn es jetzt nicht mehr um unseren Willen ging – vermutlich auch getan, denn es wäre für das beteiligte Krankenhauspersonal wahrscheinlich der einfachere Weg gewesen. Ob er das auch für mich gewesen wäre, da bin ich mir heute nicht mehr so sicher. Immer wieder wurden mir wehenhemmende Mittel verabreicht, die mich am ganzen Körper zittern ließen. In dieser Situation waren sie jedoch wie eine Droge für mich.
Als die Anästhesistin mit ihrem Assistenten hereinkam, verließen nach einer kurzen Abstimmung alle anderen den Raum. Auch Christoph musste mich auf Anweisung der Ärzte in dieser Situation alleine lassen, was für ihn nur sehr schwer zu ertragen war, wie er mir im Nachhinein berichtete. Ich musste mich mit meinen Presswehen – die Wirkung der wehenhemmenden Mittel ließ wohl langsam nach – und dem Gefühl, dass das Kind extrem nach unten drückte, hinsetzen und den Rücken rund machen. Was hinter meinem Rücken geschah, sah ich zum Glück nicht. Am Ende hatte ich neben all den anderen Schläuchen, die man mir zwischenzeitlich angelegt hatte, noch einen weiteren an meinem Körper, der von meinem Rücken aus, über meine Schulter geklebt, zu einer Pumpe führte, mit der man den betäubenden Stoff dosieren konnte. Als die PDA zu wirken begann, war das eine riesige Erleichterung. Meine Qualen waren vorerst gestoppt. Doch als die Chefärztin dann wieder hereinkam, versetzte mich das in Panik. Zum einen, weil ich wusste, sie würde mich jetzt noch einmal untersuchen und zum anderen, weil das bedeutete, es würde jetzt weitergehen.
Die Untersuchung verursachte mir nun glücklicherweise keine Schmerzen mehr. Um die Geburt danach wieder in Gang zu bringen, verabreichte man mir wehenfördernde Mittel. Ich wurde außerdem dazu angewiesen, meine Kniekehlen in die Hände zu nehmen und die Beine anzuziehen, den Rücken rund zu machen und das Kinn auf die Brust zu nehmen. Eine Position, die ich mir vorher nur schwer vorstellen konnte einzunehmen. Vier mir fremde Personen konnten so noch weiter in meinen Unterleib starren, als sie es vorher schon getan hatten. Meine Scham machte dabei den Großteil der Behinderung aus, die ich gegen die Einnahme dieser – für mein Empfinden unmenschlichen Geburtsposition – verspürte. Außerdem fehlte mir die Kraft weiterzumachen. Ich wusste nicht, woher ich diese noch nehmen sollte und äußerte das auch. Die einzigen ermunternden Worte, die ich dazu vernahm, kamen von der noch anwesenden Anästhesistin, die so etwas in der Art sagte wie, dass ich meinem Körper vertrauen sollte. Ich konnte meinen Körper zu diesem Zeitpunkt zwar nicht mehr spüren, denn er war nahezu vollständig betäubt, aber ihre Worte halfen mir dabei, das zu Ende zu bringen, was so hoffnungsvoll angefangen hatte. Aber auch die Einsicht, dass ich nicht anders aus der Sache herauskäme, brachte mich dazu, noch einmal all meine Kräfte zu sammeln.
Ich nahm also meine Kniekehlen in die Hände und zog meine Beine bis fast hinter die Ohren an. Zusätzlich zu dieser von außen angewiesenen und für mich unvorteilhaften, ja, unmenschlichen Geburtsposition, die ich eingenommen hatte, gesellte sich wieder die Assistenzärztin neben mich und machte erneut Anstalten, mir auf den Bauch zu drücken. Ich hatte eine derartige Angst davor, dass ich sie darum bat, es nicht zu tun, solange ich ausreichend presste, worauf sie sich – zumindest meiner Erinnerung nach – auch einließ. Die wehenfördernden Mittel hatten ihre Wirkung getan und die Geburt wieder in Gang gesetzt. Da ich die Wehen nicht mehr richtig spüren konnte, wurden mir diese nun angesagt und da ich wusste, was bei nicht ausreichendem Pressen drohte, presste ich, was das Zeug hielt. Ich presste und presste, und als ich dachte, meine Kraft sei nun wirklich endgültig verbraucht, brachte ich mit allerletzter Kraft unseren Sohn auf die Welt.
Endlich war es vorbei. Ich hatte das Gefühl, dass in den letzten Stunden nur auf mich eingeredet worden war. Ich sollte dies tun und ich sollte das nicht tun. Jede dieser Anweisungen hatte ich versucht, zu befolgen, so gut es eben ging, und die Geburt meines Sohnes völlig in die Hände fremder Leute abgegeben. Ich konnte es nicht glauben, dass dies nun endlich vorüber sein sollte und erwartete die nächsten Anweisungen. Ich fragte sogar, was ich als nächstes tun sollte. Als nichts Neues von mir verlangt wurde, drang es langsam auch zu mir durch, dass die Geburt geschafft war. Meinen Sohn legte man mir auf die Brust.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie er und ich uns das erste Mal in die Augen schauten und an den ersten Gedanken, den ich hatte. Ich dachte: „Wer bist du denn?“ Das fühlte sich nicht nach Bindung an. Ich hatte dieses Kind zwar neun Monate in meinem Bauch getragen, es war mir aber scheinbar völlig unbekannt. Auch das große Glücksgefühl, das sich angeblich nach der Geburt eines Kindes einstellen soll und an das ich vom Hören und Lesen große Erwartungen geknüpft hatte, blieb bei mir aus. Ich fühlte mich nicht glücklich, sondern schuldig. Ich fühlte mich schuldig, meinem Sohn diese Geburt angetan zu haben, nicht in der Lage gewesen zu sein, die Presswehen richtig zu veratmen und zum falschen Zeitpunkt gepresst zu haben, so dass ich ihm scheinbar die Herztöne weggedrückt hatte. Meine ersten Worte, die ich an unseren Sohn richtete, waren: „Es tut mir leid.“ Auf diesen Satz entgegneten mir die Hebamme und die Assistenzärztin verständnislos so etwas wie, warum es mir denn leidtäte, ich hätte meine Sache doch gut gemacht. Ich aber fühlte mich schuldig an allem, was passiert war.
Nach dem Durchschneiden der Nabelschnur und der Geburt der Plazenta, wurde unser Sohn untersucht, vermessen und angezogen, und ich wurde genäht. Ich hatte einen Dammriss dritten Grades erlitten, alles Weitere ließ ich einfach über mich ergehen. Ein Dammriss dritten Grades bedeutet, dass ich von meinem Scheideneingang, über den Dammbereich hinweg, bis zum Ringmuskel des Afters aufgerissen war. Ein Dammriss dritten Grades war, so hatte ich es im Geburtsvorbereitungskurs gehört, angeblich sehr selten. Bei Henry wurde ein Kopfumfang von 37 cm gemessen, über den alle erstaunt waren, weil so ein großer Kopf wohl nicht so häufig vorkommt. Die Hebamme meinte so etwas wie, das würde sie nur aus dem Lehrbuch kennen. Ich bin nicht sicher, aber wahrscheinlich sollte dieser große Kopf eine Begründung für den schweren Dammriss sein. Die Hebamme ergänzte dazu beiläufig noch etwas von zu festem Gewebe.
Da mein Unterleib durch die PDA noch betäubt war, bekam ich von dem Nähen nicht viel mit. Ein paar Stiche waren aber doch zu spüren, und ab und zu verkrampfte ich. Immer wieder musste ich darauf hingewiesen werden, mich zu entspannen. Entspannung fiel mir nach dieser Tortur jedoch alles andere als leicht.
Bis ich genäht war und unser Sohn fertig, waren etwas mehr als anderthalb Stunden vergangen. Zumindest äußerlich hatte Henry durch die Geburt zum Glück keinen Schaden davongetragen. Jetzt bekam er zum ersten Mal die Gelegenheit, an meiner Brust zu trinken. Ich lag wie paralysiert da, meine Gedanken kreisten um das Geburtserlebnis. Ich war schockiert und fragte mich, was eigentlich passiert war. Eines stand dabei für mich fest, ich musste etwas grundlegend falsch gemacht haben. Wie Familien mit zwei oder sogar mehr Kindern entstehen konnten, war mir ein Rätsel. Ich fühlte mich kräftig desillusioniert von einer Sache, die immer als so natürlich und schön angepriesen wird, dass ich mir nicht vorstellen konnte, diese Tortur noch mal durchmachen zu wollen.
Neben meiner Schuld empfand ich aber auch große Dankbarkeit gegenüber den Menschen, ohne die ich meinen Sohn scheinbar hätte nicht gebären können. Es fühlte sich so an, als hätten Ärzte und Hebamme uns das Leben gerettet. Sie hatten aus meiner Sicht alles dafür getan, um mich vor einem Kaiserschnitt zu bewahren und mir – die PDA und all die übrigen Medikamente ausgenommen – eine weitgehend normale, also vaginale Geburt ermöglicht. Ich war dankbar dafür, dass sie mich in dieser Extremsituation ertragen hatten, in der ich mich und meinen Körper nicht mehr kontrollieren konnte und am Ende meiner Kräfte gewesen war. Ich hatte Hochachtung vor ihrer Arbeit, mit der sie Frauen unter solchen Umständen begleiteten. Am nächsten Morgen sprach ich dies gegenüber der Assistenzärztin auch aus und nahm mir vor, in den nächsten Wochen eine kleine Aufmerksamkeit auf der Geburtsstation vorbeizubringen. Doch komischerweise traute ich mich dann nicht mehr dorthin.
Insgesamt verbrachten mein Sohn und ich ganze vier Tage im Krankenhaus. Diese Zeit war für mich nicht nur davon geprägt, mich an den neuen Mitmenschen in meinem Leben – unseren Sohn Henry – zu gewöhnen, sondern auch an ständig wechselnde Zimmergenossinnen. Morgens, wenn Christoph als einziges mir vertrautes Gesicht hereinkam, fiel mir jedes Mal ein Stein vom Herzen. Außerdem musste ich mir bei jedem Schichtwechsel der Krankenschwestern die Frage gefallen lassen, ob ich schon Stuhlgang gehabt hätte. Wurde denn tatsächlich von mir erwartet, dass ich schon in der Lage dazu war, Stuhlgang zu haben, nachdem ich vom Scheideneingang bis zum After aufgerissen war? Am Ende war ich einfach froh, nach Hause gehen zu dürfen, denn obwohl man mir ausreichend Abführmittel verabreicht hatte, wurde ich, auch ohne nennenswerten Stuhlgang produziert zu haben, entlassen. Kaum hatten wir den Eingang des Krankenhauses hinter uns gelassen, da brach ich in Tränen aus. Was ich in diesem Moment fühlte, kann ich gar nicht genau beschreiben. Zum einen fühlte ich eine große Erleichterung darüber, mein Zimmer nicht mehr mit fremden Menschen teilen zu müssen und mich in der intimeren Atmosphäre zu Hause an unseren Sohn gewöhnen zu können. Zum anderen fühlte ich eine große Hilflosigkeit und Verunsicherung darüber, ob wir es schaffen würden, uns dort – mehr oder weniger auf uns gestellt – für Henry da zu sein. Und über allem schwebte dabei die Frage, was in diesem Krankenhaus eigentlich passiert war.
Nachwehen
Die ersten Tage zu Hause vergingen schnell. Wir waren heilfroh, die Nachsorgehebamme an unserer Seite zu haben. Nach den zwei Wochen, die Christoph sich frei genommen hatte, ging er wieder arbeiten. Mit Ausnahme der Hebammenbesuche war ich von jetzt an also auf mich alleine gestellt. Neben der Anstrengung und dem Chaos, das ein kleiner Säugling bedeutet, ergab sich für mich auch viel Zeit zum Schlafen und Nachdenken. Die Frage, was bei der Geburt eigentlich passiert war, ließ mich im Wochenbett nicht los. Christoph und ich sprachen viel über das Erlebte, er aus seiner Sicht und ich aus meiner. Wir waren überzeugt, sehr viel Glück gehabt zu haben, dass alles so glimpflich für uns ausgegangen war, dankbar dafür, im Krankenhaus am richtigen Ort gewesen zu sein. Nicht auszudenken, wenn bei einer Hausgeburt solche Komplikationen aufgekommen wären. Anscheinend war ich ja nicht dazu fähig, ein Kind auf natürliche Weise zu bekommen. Eine von den Frauen eben, von denen man immer wieder hört: Becken zu schmal, Kindskopf zu groß oder – aus anderen Gründen – einfach nicht in der Lage zu gebären. Kurzum: eine Ausfallerscheinung der Gattung Frau. Zwar mit Gebärmutter, aber nicht zum Gebären geboren.
Damit war ich nicht allein. Von einer wirklich selbstbestimmten Geburt, unter der keinerlei Eingriff von außen stattgefunden hat, können wohl die wenigsten Frauen berichten. Warum sind so viele Frauen heute anscheinend nicht in der Lage, natürlich zu gebären? Die Antwort legte ich mir damit zurecht, dass wir diese Fähigkeit mit der Entfremdung von der Natur über die Jahrtausende wohl verloren haben. Ein letzter Funke in mir gab sich mit dieser Antwort aber nicht zufrieden.
In Michel Odents Buch mit dem Titel „Es ist nicht egal, wie wir geboren werden“ las ich, dass die natürliche Geburt heute an ihre Grenzen stoße, weil sie eine weitere Evolution unseres Gehirns beschränke. Sie setze dessen Wachstum Grenzen und der Kaiserschnitt könne, so Odent, ein Mittel sein, um der Menschheit die weitere Evolution ihres Gehirns zu ermöglichen.[2] Mir konnte das jedoch keine meiner Fragen beantworten, die sich mir seit der Geburt von Henry stellten. Gleichzeitig wunderte ich mich über den Stellenwert, den das Gebärenkönnen für mich einnahm. Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich vom Kinderkriegen nichts wissen wollte. Ich hatte einen von Männern dominierten Beruf ergriffen, war Ingenieurin geworden und wollte mich hier behaupten. Und jetzt fühlte ich mich als eine Versagerin, weil ich „gebärtechnisch“ nicht richtig funktionierte? Was war aus meiner ach so emanzipierten Einstellung geworden? Die Fähigkeit, gebären zu können, schien für mich auf einmal wichtig zu sein.
Auch wenn wir uns – insbesondere Christoph sich, denn ich hatte das im Krankenhaus nicht mehr so ganz wahrgenommen – während der gesamten Geburt durchgängig übergangen und uninformiert gefühlt hatten, machte uns das zwar unzufrieden, aber wir begründeten es immer wieder mit der Dringlichkeit der Situation. Gleichzeitig fragte ich mich auch, ob die Untersuchung der Chefärztin hätte wirklich derart grob und schmerzhaft sein müssen. Das Bild von ihr mit dem blutverschmierten Handschuh nach dem „Eingriff“ in meinen Körper hatte sich in meinem Kopf eingebrannt.
Ich hatte mich in diesem Moment erniedrigt und wie vergewaltigt gefühlt. Die zahllosen Übergriffe auf mich und Henry waren einer schier endlosen Tortur gleichgekommen, auf die ich – betäubt – keinen Einfluss mehr gehabt hatte. Das „Nicht-aus-meinem-Körper-können“ war dabei für mich eine schreckliche Erfahrung gewesen.
Eine Geburt war also scheinbar ein Programm, bei dem kein Pausenknopf gedrückt werden konnte. Während der Geburt hatte es einen Wendepunkt gegeben, an dem ich angefangen hatte, nur noch Befehle zu empfangen und nicht mehr das zu tun, was mir mein Körper vorgab und wonach es sich anfühlte. Auf Ansage drehte ich mich nach links und ich drehte mich nach rechts, ich saß auf dem Gebärhocker und lag im Kreißbett, ich nahm meine Beine in die Hände, ich presste und empfand das alles als unheimlich gewaltvoll. Für Henry genauso wie für mich. Ich musste mit einer solchen Kraft beziehungsweise Gewalt gepresst haben – das Gefühl für die Stärke des Pressens war mir durch die PDA genommen worden –, dass Henry geradezu auf diese Welt „geschossen“ ist. Die Gewalt war so groß gewesen, dass es mich vom Scheideneingang bis zum After aufgerissen hatte.
Große Probleme bereitete mir nach der Geburt entsprechend mein Stuhlgang. Ich hatte große Angst davor, auf Toilette zu gehen und „groß“ zu müssen. Für mich war das schon immer ein eher empfindliches Thema gewesen. Und ich bin wohl das, was man gemeinhin als eine „Heimscheißerin“ bezeichnet. Wenn es sein musste, konnte ich meinen Stuhlgang bis zu einer Woche einhalten, bis sich gezwungenermaßen mal ein paar Kötel zeigten. Dabei musste ich meinen Stuhlgang gar nicht bewusst zurückhalten, sondern es traute sich auf unbekanntem Gebiet einfach nichts mehr heraus. Für mich war nach der Geburt deshalb klar, dass es bei dem Wissen um meine Dammverletzung mit dem Stuhlgang nicht einfach werden würde. Auf Empfehlung meiner Hebamme legte ich mir deshalb Glycerin-Zäpfchen zu. Bis sich in meinem Darm damit überhaupt etwas tat, brauchte ich einige davon.
