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In dem Buch habe ich aufgeschrieben was ich erlebt habe und wie ich es erlebt habe. Wie aus einer unglücklichen Beziehung die auf Lügen basierte und aufgebaut wurde nach Misshandlungen befreit habe. Anschließend wurde ich gestalkt und habe mein ganzes Leben aufgegeben und bin mit meinem Kind in ein neues Leben geflüchtet. Bis heute leiden wir unter den Folgen des Stalkings. Das Buch dient der Verarbeitung erlebter Geschehnisse, sowie anderen Mut zu machen, zu sensibilisieren und Aufzuklären. Jeder kann Opfer eines Stalkers werden. Leider weiß kaum jemand wie man damit umgehen soll, noch wie man sich helfen kann und sich schützen kann.
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2021
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INHALTSVERZEICHNIS
Titelseite
Vorwort
Der Anfang vom Ende
Die Lüge, mit der alles anfing
Menschliche Abgründe tun sich auf
Wie mich die Beziehung langsam zu zerstören drohte
Nachdem für mich die Beziehung endgültig beendet war
Das Ende der Beziehung wird der Anfang vom Stalking
Wie man lebt, wenn das Leben von Angst bestimmt wird
Der Feind in meinem Leben
Der Aufbruch in ein neues Leben
Nachwort
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen
Strafgesetzbuch (StGB): § 238 Nachstellung
Diese Beratungsstellen bieten praktische Hilfe
Danksagung
Impressum
Es gab ein Leben vor dem Stalking und es gibt ein Leben nach dem Stalking. Dazwischen liegen fünf Jahre. Fünf Jahre lang lebte ich in einem psychischen Ausnahmezustand. Das hat Spuren hinterlassen. Der Stalker hat mein Leben verändert – gegen meinen Willen. Ich bin dabei, mir ein neues Leben aufzubauen, ein Leben nach dem Stalking. Es wird nie mehr so sein, wie es einmal war, weder für mich noch für meinen Sohn. Mein Sohn hat etwas erlebt, das ein Kind nicht erleben sollte. Es hat ihm die Unbeschwertheit und ein Stück weit auch die Kindheit und Jugend genommen.
Ich war glücklich in meinem alten Leben, ich konnte vertrauen und ohne Angst leben. Auch beruflich war ich erfolgreich. Das ist im neuen Leben anders. Um dieses neue Leben beginnen zu können, habe ich alles aufgegeben, meine Heimat, meine Freunde, meinen Job und viele andere wichtige Dinge. Ich schreibe auch darüber, wie schwer der Anfang in so einem neuen Leben sein kann. Im Leben nach dem Stalking ist die Angst geblieben, die innerliche und äußerliche Sicherheit fehlen. Es fehlt das Vertrauen zu anderen Menschen, Panikattacken, schlaflose Nächte und Albträume sind geblieben.
Auch wenn es für den Moment vorbei sein mag, weiß ein Stalkingopfer nie, wann es wirklich sicher und das Stalking zu Ende ist. Alles, was ich in diesem Buch erzähle, hat sich so zugetragen und war nicht weniger schlimm, als es beschrieben ist. Ich habe meine Geschichte aufgeschrieben, weil ich all das aufarbeiten und abschließen möchte und um mich im neuen Leben irgendwann sicher fühlen zu können. Ich kann nicht verzeihen, was man uns angetan hat, und auch nicht vergessen, aber ich muss lernen, irgendwie damit zu leben.
Mein altes Leben werde ich nicht zurückbekommen. Aber dafür habe ich ein neues. *Die Namen der handelnden Personen wurden zum Schutz geändert.
Opfer tun sich keinen Gefallen, wenn sie schweigen und hinnehmen, was ihnen angetan wurde. Vielleicht kann ich mit dem Buch für das Thema Stalking sensibilisieren und anderen Betroffenen eine Stimme geben.
Am Ende des Buches habe ich wichtige Informationen für Opfer und Angehörige aufgeführt, damit es ihnen nicht so ergeht wie mir.
Gedankenverloren stand ich am Fenster und schaute zum dunklen Sternenhimmel hinauf. Mein kleiner Sohn lag friedlich schlafend in seinem Bett.
„Bitte, lieber Gott, schick mir einen Engel“, hörte ich mich mit verzweifelter Stimme sagen.
Wie sollte ich das alles schaffen? Schule, Arbeit und ein kleines Kind alleine durchbringen? Ich hatte kaum noch Zeit für meinen Jungen. Warum hatte ich nur so lange gebraucht, um zu verstehen, dass Verantwortung für meine Fehler übernehmen nicht bedeutet, niemals andere Wege zu gehen? Nun stand ich mit meinem dreijährigen Sohn allein da. Die Ehe hatte nicht funktioniert oder, besser gesagt, ich konnte nicht mehr funktionieren.
Ich hatte jung geheiratet und drei Jahre später kam mein Sohn zur Welt. Geplant war es nicht, mit einem Mann, der selbst wie ein Kind war, ein Kind zu bekommen. Ohne Arbeit war ich nicht krankenversichert und selbst bezahlen konnte ich die Versicherung nicht. Das Sozialamt verwies auf meinen späteren Ehemann, mit dem ich gerade in die erste eigene Wohnung gezogen war. Er hatte Arbeit und somit Einkommen, weshalb man mir erklärte, dass ich vom Amt keine Hilfe zu erwarten hätte. Ich war noch Schülerin. Vom Bafög konnte ich maximal die Miete und den Strom bezahlen. Wir hatten übers Heiraten gesprochen, aber eigentlich war es mir noch zu früh. Ich war erst 21.
Doch eines Tages besuchten wir eine Bekannte in ihrem Lokal. Irgendwie kam es dazu, dass wir über das Problem mit der Krankenkasse sprachen.
„Heiratet doch!“, sagte Inge frei heraus.
„Heiratet doch? Okay, dann heiraten wir.“
Somit war es beschlossen. Die Hochzeit fand im Mai darauf im kleinen Kreis statt. Außer einem mit meinem Ehemann befreundeten Pärchen, seinen Eltern und Brüdern war nur meine Freundin und Trauzeugin mit ihrem zukünftigen Mann und ihrer kleinen Tochter dabei. Ich hatte mal wieder keinen Kontakt zu meinen Eltern, im Großen und Ganzen ging es mir damit aber gut.
An meine Kindheit habe ich nur wenige positive Erinnerungen. Als ich drei war, trennten sich meine Eltern, als ich sechs war, lernte meine Mutter meinen späteren Stiefvater kennen. Die Situation war immer schwierig, nur nach außen wurde die Fassade gewahrt.
Was meine beruflichen Ziele anging, war ich immer unentschlossen gewesen. Doch nachdem mein Sohn zur Welt gekommen war, wollte ich mir eine Perspektive schaffen und meinem Kind ein gutes Vorbild sein. Also ging ich zur Abendschule. Ziel: Abitur!
Während meines ersten und leider auch letzten Jahrs am Abendgymnasium, das mir sehr viel gegeben hat, fasste ich den Entschluss, Jura zu studieren, vorausgesetzt, dass ich das Abi schaffte. Doch in diesem einem Jahr wurde mir auch bewusst, wie schlecht es mir in meiner Ehe ging. Nicht nur finanzielle Probleme und Sorgen, sondern auch die Weltwirtschaftskrise machten mir Angst. Wie viele andere verlor auch mein Mann seinen Job. Stellen, die er hätte haben können, waren ihm nicht gut genug.
Ich werde niemals vergessen, was er dann tat.
Eines Tages kam ich von der Arbeit nach Hause und fragte ihn, weshalb er nicht zu der vom Amt angeordneten Maßnahme gegangen sei.
„Du bist zu spät mit dem Auto wiedergekommen, ich habe den Termin wegen dir verpasst“, antwortete er lapidar.
Ich wurde ärgerlich und bat ihn, dann wenigstens abzusagen und zum Arzt zu gehen.
Er verlor völlig die Fassung und fing an rumzuschreien. Plötzlich hatte er eine Eisenstange in der Hand, mit der er Möbel kaputtschlug.
Fassungslos und in Tränen aufgelöst stand ich daneben. Er war wie im Rausch.
Irgendwann, als er sich gefasst hatte, sagte er mir, er gehe jetzt zur Kita, um unseren Sohn abzuholen.
Weinend saß ich im Schlafzimmer. Ich wusste, dass es so nicht weitergehen konnte. Aber trennen? Wie sollte ich ohne Ausbildung mit einem kleinen Kind und Schulden zurechtkommen? Die Angst vor Hartz 4, wir steckten da ja schon drin, und vor dem finanziellen und sozialen Totalabsturz hielten mich ab. Die körperliche und seelische Gewalt, die sich im Laufe der Jahre ihren Platz in der Ehe gesucht hatte, war da vermutlich das kleinere Übel.
Ich schreckte aus meinen Gedanken über meine ausweglose Situation hoch, als unser Telefon klingelte. Ich erkannte die Festnetznummer nicht und überlegte kurz, nicht abzunehmen. Doch die Hoffnung auf eine positive Nachricht siegte – um sofort wieder zu sterben. Am anderen Ende der Leitung meldete sich der Arbeitsvermittler meines Mannes. Aufgeregt berichtete er mir, dass mein Mann ihm gerade telefonisch seinen Suizid angekündigt habe!
„Es tut mir sehr leid“, antwortete ich. „Ich habe mich gerade von diesem Mann getrennt. Falls er sein Vorhaben umsetzt, kommt ja die Polizei und teilt mir das mit.“
Ein wenig perplex erklärte mir der Arbeitsvermittler, dass er die Polizei bereits informiert habe.
„Dann ist ja alles Nötige getan“, erwiderte ich. Ich wollte mir die Verzweiflung nicht anmerken lassen. Mir war in der Situation nur klar, dass ich so mit diesem Mann nicht weiterleben konnte. Er war so unberechenbar. In diesem Moment hoffte ich, dass dieser Schicksalsschlag mich und meinen Sohn befreien würde.
Völlig irritiert beendete der Arbeitsvermittler das Gespräch. Er hatte gemerkt, dass er mich nicht erreichte. Ich versuchte, in Gedanken zu akzeptieren, dass meine Ehe nicht mehr zu retten war, dass es endgültig vorbei war und wir beide allein. Ich konnte keinen Einfluss mehr auf die Situation nehmen und wollte es auch nicht. Jahrelang hatte ich seine Wutausbrüche und sein unberechenbares Verhalten hingenommen und versucht, nach außen den Anschein der „Bilderbuchfamilie“ zu wahren. Aber ich konnte es nicht mehr.
Der Gedanke an meinen Sohn schoss mir durch den Kopf und nun bekam ich doch Panik. Ich wollte sofort zur Kita laufen. Da klingelte meine Freundin Tanja an der Tür, der wir unsere alte Küche versprochen hatten. Tanja war frisch getrennt.
Aufgelöst erklärte ich ihr, so gut ich es in der Situation konnte, was geschehen war. Ich sagte ihr, dass ich zur Kita müsse.
Wir liefen gemeinsam los. Mein Plan schien gescheitert. Durch die Abendschule hatte ich mir eine Perspektive schaffen wollen, da es einfacher ist, mit einem Kind einen Studienplatz zu bekommen als einen Ausbildungsplatz in Teilzeit. Nun musste ich um das Leben meines Kindes bangen und um unsere Existenz.
Kaum waren wir bei der Kita angekommen, klingelte mein Handy. Ein Kripobeamter meldete sich mit den Worten: „Sie wundern sich bestimmt, dass ich Sie anrufe ...“
Ich kürzte es ab, indem ich sagte: „Nein, ich weiß Bescheid. Es geht um meinen Mann.“
„Wissen Sie, wo Ihr Mann sein könnte?“, fragte mich der Beamte, ohne Zeit zu verlieren.
„Ich habe ihn zum Hausarzt geschickt“, erklärte ich und nannte ihm den Namen und die Rufnummer des Arztes. „Ich stehe gerade vor der Kita meines Sohnes, weil mein Mann mir gesagt hat, dass er unseren Sohn dort abholt“, fügte ich aufgeregt hinzu. Zum Glück war Luca wohlbehalten in der Kita. Ich dachte fieberhaft nach. „Mein Mann hat eine gewisse Affinität zur Deutschen Bahn.“ Meine Stimme zitterte. „In der Nähe unserer Wohnung gibt es auch eine Autobahnbrücke.“
Der Kripobeamte bat mich, sofort nach Hause zu gehen. Zwei Beamte würden kommen, sie bräuchten ein Foto und eine Personenbeschreibung.
„Wir müssen zur Autobahnbrücke“, sagte ich zu Tanja auf dem Weg nach Hause. „Vielleicht will Andre sich dort das Leben nehmen.“
„Das musst du nicht tun“, sagte Tanja. „Und wenn doch machst du das ohne deinen Sohn!“, fügte sie energisch hinzu.
In der Kita fand ich meinen Sohn wohlbehaltenen vor. Ich war unendlich erleichtert.
Kurz darauf klingelte mein Handy noch einmal. Es war wieder der Kripobeamte.
„Ihr Mann ist tatsächlich beim Arzt. Der Arzt weiß, was zu tun ist, ich habe ihn über die Situation aufgeklärt.“
Ich kann nicht sagen, wie viel Zeit vergangen ist. Gefühlt waren es Stunden. Endlich rief mein Mann an.
„Ich werde in die psychiatrische Klinik gebracht“, erklärte er matt.
Gegen 22 Uhr rief er nochmals an. Er brauchte noch einige Sachen.
„Ich kann dir nichts bringen“, erklärte ich. Unser Auto stand noch im Nachbarort beim Arzt.
Glücklicherweise erreichte ich noch Bruder Nikolaus, einen guten Freund, den ich am Abendgymnasium kennengelernt hatte. Bruder Nikolaus ist ein Franziskaner-Mönch, der heute in München katholische Theologie studiert. Er kam vorbei, holte mit mir unser Auto ab und war einfach nur für mich da.
Am nächsten Morgen rief mich ein Arzt aus der Klinik an. Mein Mann wollte nach Hause.
„Ich möchte, dass er in der Klinik bleibt und eine Therapie macht“, hörte ich mich sagen.
„Dies ist eine Klinik und kein Gefängnis“, erwiderte der Arzt. „Ich habe Ihrem Mann die Therapie angeboten. Er hat abgelehnt.“
Widerwillig stimmte ich zu, ihn abzuholen.
Eine Arbeitsvermittlerin hatte am Abend zuvor angerufen und mich für den nächsten Tag ins Rathaus gebeten. Also fuhr ich auf dem Weg zur Klinik dorthin, um den Termin bei ihr einzuhalten.
„Das gesamte Rathaus war gestern in Aufruhr“, erklärte sie. „Aber irgendwie schaffen wir das. Ihr Mann muss nicht jeden Job annehmen. Ich hatte schon Leute vor mir sitzen, die für drei Euro die Stunde als LKW-Fahrer tätig waren. Aber so etwas muss niemand machen.“
Wie dieses Gespräch mir helfen sollte, war mir nicht klar.
Dann fuhr ich los, um meinen Mann abzuholen. Ich war sehr verunsichert und wusste nicht, wie ich mit ihm umgehen sollte. Es war ein Freitag und ich dachte nur: abwarten und nächste Woche gemeinsam zum Hausarzt gehen.
Das Wochenende verlief ganz normal, abgesehen davon, dass wir den siebzigsten Geburtstag meines Schwiegervaters bei ihm zu Hause feierten. Es gab dort keine besonderen Vorkommnisse, was mich erst einmal beruhigte. Der eigentliche Schock stand mir ja noch bevor.
Am Montag fuhren wir zusammen zum Termin beim Hausarzt. Wir durften direkt ins Sprechzimmer gehen und dort warten. Mein Mann blendete alles aus, was geschehen war. Er verhielt sich, als wäre nichts gewesen.
Unser Hausarzt, eigentlich ein ganz lieber Mensch mit freundlicher, beruhigender Stimme, kam ins Zimmer. „Auch wieder im Land?“, fragte er in einem für ihn ganz ungewöhnlich kalten Ton.
Ich war völlig perplex. Bei diesem Termin kam dann die ganze Wahrheit heraus. Mein Mann hatte mit voller Absicht, ganz bewusst mit Selbstmord gedroht, aber nie ernste Absichten gehabt.
„Ihr Verhalten war schlichtweg asozial“, erklärte der Arzt ihm deutlich. „Sie können offensichtlich die Verantwortung für eine Familie nicht tragen. Sind Sie sich bewusst, was Sie Ihrer Frau angetan haben? Ihre Frau hatte Angst um Ihr Kind und um Sie. Sie haben sie einer seelischen Qual ausgesetzt.“
Das war es. Unsere Ehe war endgültig beendet. Ich trennte mich von ihm, wissend, dass ich nicht weiter zum Abendgymnasium gehen konnte und schnell eine Lösung finden musste.
Ab sofort ging ich morgens statt abends zur Schule, arbeitete nebenbei am Nachmittag oder Abend und wenn es ging in der Nacht. Mit Bafög, Wohngeld, Unterhaltsvorschuss und dem Gehalt konnte ich uns zwar über Wasser halten, aber ich zahlte einen hohen Preis: Ich hatte nur noch sehr wenig Zeit für mein Kind. Mein Junge ging in die Kita und war danach bei Freunden untergebracht, damit ich arbeiten konnte.
Mit viel Arbeit und letzter Kraft gelang es mir, die Schulden zu begleichen, die aus der Ehe geblieben waren, etwa 10.000 Euro. Dafür brauchte ich etwas über ein Jahr und all das war nur möglich, weil ich Freunde hatte, die mich unterstützten.
Meinem Sohn ging es trotzdem nicht gut.
In der Zwischenzeit hatte ich mich in einem sozialen Netzwerk angemeldet, das Tanja mir empfohlen hatte. Sie fand das Mütterforum, in dem ich aktiv war, zu kompliziert.
Es dauerte nicht lange und ein junger Mann namens Jonas schrieb mir. Aus seiner Nachricht wurde ich allerdings nicht schlau. Ich wollte wissen, wer er war und welche Absichten er hatte.
Er war verheiratet und hatte einen kleinen Sohn. So wie ich. Ich schaute mir sein Profil genauer an, fand aber nicht heraus, weshalb er mir schrieb. Offenbar war er jemand, der gerne in die virtuelle Welt der PC-Spiele abtauchte. So etwas war nun überhaupt nicht mein Ding.
Dann sah ich mir seine Freunde an und beging den größten Fehler meines Lebens. Dass diese anfangs so unbedeutend scheinende Sache einen solchen Rattenschwanz nach sich ziehen würde, konnte ich ja nicht ahnen.
Ich beschloss, einem seiner Freunde zu schreiben.
Das Profil von Tom* war eigentlich ganz normal. Er hatte kein Bild von sich hochgeladen, stattdessen eins mit einem keltischen Symbol. Ein Fantasy-Freak, dachte ich, und las mir seinen Profiltext genauer durch. Er war ein junger Mann Anfang zwanzig, der offenbar mit seinem Schicksal haderte. Probleme sind doch da, um gelöst zu werden, und vom Jammern allein wird es nicht besser, so viel hatte ich bereits gelernt.
Das war es. Was ich brauchte, war ein Thema. Neben einem hohen Anspruch an mich selbst zählt zu meinen Stärken, dass ich mich gut motivieren kann. Ich konnte zumindest versuchen, ihn etwas aufzubauen und ihm vielleicht aus dieser Verzweiflung, die wie eine tiefe Melancholie wirkte, etwas heraushelfen. Die Hilfsbereitschaft und die große soziale Kompetenz, die mir immer nachgesagt wird, sind Stärke und Schwäche zugleich. Etwas, das mir später noch zum Vorwurf gemacht werden sollte.
Ich schrieb ihm und erklärte mit vielen Argumenten, warum es sich lohnt, nicht aufzugeben.
Seine Antwort kam prompt.
Er schrieb von einem Unfall. Vor einiger Zeit sei er mit dem Rad unterwegs gewesen, von einem Auto angefahren worden und habe später noch einen Schlaganfall gehabt.
