Gefangenschaft - Brenda Trim - E-Book

Gefangenschaft E-Book

Brenda Trim

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Beschreibung

Lawson Scott ist seit drei Jahren ein Gefangener. Er wurde durch Menschen, die Wandlerblut wollen, Folter, Erniedrigung und unzähligen Tests unterworfen. Er ist überzeugt, dass er den Rest seines Lebens an eine Wand gekettet verbringen wird, bis die sexy Wissenschaftlerin Liv Kimbro seinem Fall zugewiesen wird. Sie ist der erste Mensch, der auch nur ein Gramm Mitgefühl zeigt, und ihre Anziehung ist trotz seiner Missachtung ihrer Spezies entflammbar. Ein Fluchtplan entfaltet sich und Lawson versteht, wie weit Liv gehen wird, um ihn zu befreien. Leidenschaft entlädt sich und rohes, ursprüngliches Bedürfnis wird entfesselt, als sie ihrem Verlangen für einander unterliegen. Wird Lawson seinen sicheren Hafen erreichen und eine Lebensgefährtin finden, als Liv sein Herz einnimmt, oder werden ihre Unterschiede sie beide und alle, die er liebt, zerstören?

PUBLISHER: TEKTIME

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Gefangenschaft

Die Wandler von Hollow Rock Buch Eins

Brenda Trim

Übersetzt vonCarolin Kern

Inhalt

1. Kapitel Eins

2. Kapitel Zwei

3. Kapitel Drei

4. Kapitel Vier

5. Kapitel Fünf

6. Kapitel Sechs

7. Kapitel Sieben

8. Kapitel Acht

9. Kapitel Neun

10. Kapitel Zehn

11. Kapitel Elf

12. Kapitel Zwölf

13. Kapitel Dreizehn

14. Kapitel Vierzehn

15. Kapitel Fünfzehn

16. Kapitel Sechzehn

17. Kapitel Siebzehn

18. Kapitel Achtzehn

19. Kapitel Neunzehn

20. Kapitel Zwanzig

21. Kapitel Einundzwanzig

22. Kapitel Zweiundzwanzig

23. Kapitel Dreiundzwanzig

Anmerkung Der Autorin

ANDERE WERKE VON TRIM UND JULKA

Die Wandler von Hollow Rock

Copyright © Oktober 2017 by Brenda Trim

Titel der englischen Originalausgabe: »Captivity«

Herausgeberin: Amanda Fitzpatrick

Einband Design: Madison Trim

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright Übersetzung © 2021 by Carolin Kern

Herausgeber: TekTime

* * *

Bei diesem Werk handelt es sich um Fiktion. Namen, Charaktere, Orte und Ereignisse sind Produkte der Fantasie der Autorinnen oder wurden fiktiv genutzt und dürfen nicht als real aufgefasst werden. Jede Ähnlichkeit zu Personen, lebend oder verstorben, tatsächlichen Ereignissen, Schauplätzen oder Organisationen ist rein zufällig.

WARNUNG: Die unbefugte Vervielfältigung dieses Werks ist illegal. Kriminelle Urheberrechtsverletzungen werden vom FBI untersucht und mit bis zu fünf Jahren im Staatsgefängnis und einer Geldstrafe von 250.000 $ bestraft.

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Buch darf ohne schriftliche Zustimmung der Autorinnen auf keine Weise, weder vollständig noch in Teilen, benutzt oder vervielfältigt werden, außer es handelt sich um kurze Zitate in Rezensionen.

Erstellt mit Vellum

Das Schicksal flüstert dem Wolf zu: »Du kannst dem Sturm nicht widerstehen«, und der Wolf flüstert zurück: »Ich bin der Sturm.« ~ Autor unbekannt.

Kapitel Eins

Liv zog ihre Zugangskarte durch das Tastenfeld, zog die Tür auf, als das grüne Licht aufleuchtete, und ging dann in die Sauna. »Scheiße, es ist heiß hier drin!«, murmelte sie zu einem leeren Gang. War die Klimaanlage aus oder war sie kaputt?

Seit den vergangenen zwei Monaten hatte sie beinahe jedes Wochenende hier gearbeitet und wusste, dass die Klimaanlage sieben Tage die Woche blies. Dann erinnerte sie sich an ihren Chef, Jim, wie er einen neuen Sicherheitswachmann erwähnte, der diesen Samstag beginnt, also hat er sie vielleicht abgestellt, ohne zu wissen, dass manche der Belegschaft am Wochenende arbeiteten. Keine Chance, dass sie heute eine Acht-Stunden-Schicht durchziehen würde, dachte sie, während sie ihr Gesicht befächerte. Sie würde etwas über das HLK-System herausfinden müssen.

Liv beschleunigte ihren Schritt zum Labor, während sich Schweißperlen auf ihrer Stirn bildeten. Nachdem sie ihre Handtasche, Lunchbox und einen Armvoll Heftmappen abgeladen hatte, schnappte sie sich ein Haargummi aus ihrer Handtasche, um ihre langen roten Haare in ihrem Nacken festzumachen. Oh jaah, viel besser, dachte sie, als ihr Körper sich ein klitzekleines bisschen abkühlte. So sehr sie ihre langen Haare auch liebte, dachte sie jeden Sommer darüber nach sie zu schneiden, weil sie ein schwerer Alptraum waren, wenn ihr heiß war.

Als sie zum Thermostat ging, überprüfte sie die Einstellungen. Das war seltsam. Es war auf 21 Grad eingestellt, was für ihr Labor normal war. Typischerweise war sie völlig durchgefroren, während sie arbeitete, und sie hatte immer einen leichten Sweater griffbereit. Sie würde den heute nicht brauchen, sinnierte sie, während sie die Tröpfchen an ihrer Oberlippe wegwischte.

Sie schwitzte wie ein Schwein und konnte kaum klar denken. Shorts und ein T-Shirt klangen jetzt gerade sehr gut. Hölle, sich bis auf ihren BH und Slip auszuziehen wäre sogar noch besser. Stattdessen trug sie Slacks und eine Bluse unter ihrem Labormantel. Wenn sie das Problem nicht finden und beheben konnte, würde sie ihren Labormantel ausziehen, und es war ihr egal, wer sie sehen und den Verstoß melden könnte. Sie hatte dutzende, wenn nicht gar hunderte, Objektträger zu untersuchen, und da die Hitze von ihrem Körper strömte, würde die Mikroskoplinse beschlagen.

Liv zog ihr Handy aus ihrer Tasche und schrieb ihrem Chef, um zu sehen, ob er sich irgendeines Problems bewusst war.

Da sie sich daran erinnerte, dass die zentrale Steuerkonsole im Pausenraum war, drehte sie sich um und machte sich den Hauptflur entlang auf, steckte pinkfarbene Kopfhörer in ihre Ohren und verband sie mit ihrem Handy. Mit einem Wischen ihres Fingers ging ihr Lieblingslied los und sie drehte die Musik zu einer schmetternden Lautstärke auf. Während sie den Flur entlang schwofte, versuchte sie die Temperatur zu vergessen und ihren Jam zu genießen.

Der lange Gang des Primary Research Lab (PRL), das Labor für Primärforschung, schien sich kilometerweit zu erstrecken und, selbstverständlich, war der Pausenraum am entfernten Ende. Der graue Fliesenboden und die Wände in passender Farbe trugen zum klinischen Umfeld bei und ließen den Gang sich anfühlen wie die berühmte Green Mile.

Da sie annahm, dass sie allein im Gebäude war, verspürten Livs Cowboystiefel plötzlich das Bedürfnis nach einem Two Step und ihre Arme stimmten zu, schwangen im Gleichtakt mit dem schnellen Beat. Gott, sie liebte es zu tanzen und konnte es nicht erwarten ihre Nachbarin, Cassie, später am Abend zu treffen. Sie hatten immer Spaß, wenn sie ausgingen, und Liv brauchte eine Pause davon abertausende Stunden zu arbeiten.

Während sie ihren Körper zu Luke Bryans Boom-Boom schüttelte, konnte sie nicht anders als die offene Tür voraus zu bemerken. Plötzlich kam ihr Line Dance zum Erliegen und Hitze überzog ihren Hals und ihre Wangen. Vielleicht war sie doch nicht allein.

Normalerweise waren die verschieden Türen zu den Laboren geschlossen und verschlossen, außer wenn Belegschaft arbeitete. Liv hoffte, dass jemand anderes gekommen war, um ihre Projekte zu beenden, und erklären konnte, was mit der Klimaanlage vor sich ging. Ein flüchtiger Blick auf ihren Handybildschirm sagte ihr, dass Jim auf ihre Nachricht nicht geantwortet hatte. Nicht überraschend, wenn man bedachte, dass der Mann an Wochenenden praktisch auf dem Golfplatz lebte.

Als sie sich der offenen Tür näherte, war sie überrascht zu sehen, dass es eine Tür war, die immer geschlossen war. Tatsächlich hatte Liv in den vier Jahren, in denen sie hier arbeitete, nicht einmal gesehen, dass sie offen war. Sie hatte angenommen, dass es ein Lagerraum war, aber als sie diese langsam aufschob, erkannte sie, dass es ein weiterer langer Flur war.

Ein Schwall kühler Luft traf auf ihre feuchte Haut, brachte sie in Versuchung sich weiter zu wagen. Okay, das war seltsam. Was war hier drin, das eine andere Kühleinheit benötigte? Und warum arbeitete diese, während der Rest des Gebäudes sich wie die Wüste Sahara anfühlte?

Sofort alarmiert entfernte sie ihre Kopfhörer, so dass sie sich auf ihre Umgebung konzentrieren konnte. Dieser Flur hatte das gleiche trostlose graue Farbschema wie der Rest des Gebäudes und eine Vielzahl an Türen säumte eine Seite. Die einzige Beleuchtung im Flur kam von kleinen Fenstern in jeder Tür. Die Fenster waren höher platziert als es Sinn machte, und als sie sich der ersten Tür näherte, musste Liv auf ihre Zehenspitzen stehen, um hindurchzuspähen.

Sie legte eine schwitzige Handfläche auf die Tür, um sich abzustützen, und linste in den Raum. Er war leer, aber da war eine Matratze auf dem Fußboden und über der dicken Matte waren an der Steinwand zwei Ketten angebracht.

»Was zum Teufel?«, murmelte Liv vor sich hin.

Die Matratze und die Ketten waren verstörend genug, aber es waren die Metallhandschellen am Ende der Kette, die ihr Herz dazu brachten zu rasen und gegen ihre Brust zu pochen. Was ging in diesem Raum vor sich? Zugegeben, er war unberührt und unbesetzt, aber sie konnte sich keinen Nutzen für eine Matratze oder Ketten im Labor vorstellen. Obwohl der Raum leer war, schrien ihre Spinnensinne, dass etwas daneben war.

Neugierig bewegte sie sich zum nächsten Fenster und spähte hinein. Er war auch leer. Mist, dachte Liv, als sie jeden Raum überprüfte. Jeder war, abgesehen von der einsamen Matratze und den an den Wänden angebrachten Ketten, leer. Was könnte in diesem Bereich des Gebäudes vor sich gehen?

Es war allgemein bekannt, dass sie im PRL vielzählige Tests und Experimente durchführten, manche davon an Tieren, aber dies sah wie etwas völlig anderes aus. Die Tiere blieben in einem großen Bereich in Käfigen, nicht in einzelnen Räumen wie diesen. Auf was sie dort blickte, ähnelte Gefängniszellen und, zum ersten Mal, hatte sie Angst allein bei der Arbeit zu sein. Wo war diese neue Wache, wenn sie ihn brauchte?

Metall klirrte, schreckte Liv auf und sie zuckte zusammen. Ihr Herz pochte stark gegen ihre Brust, als sie erkannte, dass es aus einer der letzten fünf Türen entlang des Flurs kam. Sie ging tief in die Hocke, erwog ihre Optionen. Sollte sie dort verduften und Jim am Montag fragen?

Das klang vernünftig in Anbetracht dessen, dass Schweiß ihren ganzen Rücken durchtränkte, was nicht vollkommen wegen der Fehlfunktion der Klimaanlage war. Die Szene erinnerte sie an einen Horrorfilm und sie war die dämliche Frau, die blind in die Qualen der Hölle lief.

Jaah, sie sollte verdammt nochmal hier rauskommen. Aber … wäre sie in der Lage das restliche Wochenende an irgendetwas anderes zu denken? Könnte sie den Mädelsabend oder übrigens auch irgendetwas anderes genießen?

Nö. Es würde Liv verrückt machen und sie würde an nichts anderes als diesen mysteriösen Flur denken. Sie musste wissen, was das Geräusch gemacht hat und was, falls überhaupt, in diesem Sektor des Gebäudes vor sich ging. Leg die gruselige Musik auf, dachte sie, als sie sich mit ihrer impulsiven Entscheidung entschloss vorwärtszugehen.

Liv nahm einige tiefe Atemzüge, um ihre zittrigen Nerven zu beruhigen, machte langsam einige kleine Schritte und stellte sich auf ihre Zehenspitzen, um durch das kleine Fenster zu schauen. Was sie sah, entsetzte sie und sie blinzelte doppelt, um sicherzugehen, dass es keine Halluzination war. Sie strengte bei der schummrigen Beleuchtung in dem Raum ihre Augen an.

Nö, sie halluzinierte nicht … oder vielleicht doch. Keinesfalls konnte sie auf einen Mann schauen, einen abnormal großen Mann dazu, der auf der Matratze schlief. Seine Hände waren in Handschellen gelegt und an die Wand gekettet. Er war verdreckt, trug nichts als eine schwarze Jogginghose, die mit Schmutz bedeckt war. Der Mann war zu einem Ball eingerollt und zitterte. Seine Haut war gebräunt, aber sah in der Fötusstellung krank aus.

Da sie helfen wollte, griff sie nach dem Knauf, aber er war verschlossen. Sie war kurz davor gegen das Glas zu hämmern, als sie gedämpfte Geräusche aus dem Raum daneben kommen hörte.

Sie trat leise zur nächsten Tür, ihr Herz hämmerte eine Million Schläge pro Sekunde, bewegte sich Zentimeter für Zentimeter entlang der Wand, bis sie knapp durch das Fenster sehen konnte. Ein weiterer Mann war auf allen Vieren, bedeckte seinen Kopf und sein Gesicht mit seinen Armen, während ein Wachmann ihn mit seinem Schlagstock verprügelte. Sie bemerkte, dass er auch an die Wand gekettet war, ihnen vollkommen ausgeliefert.

Liv erkannte die Wache nicht, aber bemerkte, dass er die schwarze Uniform des Unternehmens trug. Die Wache war brutal in seiner Attacke. War das der neue Typ, den Jim angestellt hat?

Sie steckte in diesem schrecklichen Kampf-oder-Flucht-Moment fest, während sie den Übergriff beobachtete, unfassbar fassungslos. Ihre Ehre sagte, dass sie nicht weggehen konnte, aber sie hatte keine Ahnung, was sie gegen den bewaffneten Mann tun konnte. Sie war winzig im Vergleich.

Neben der Wache stand David Cook, ein anderer Forscher. Liv hatte mit David eng an einigen Projekten gearbeitet und mochte den Typen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es für ihn in Ordnung war danebenzustehen und solche Brutalität zu beobachten, aber sein breitbeiniger Stand und seine verschränkten Arme widerlegten das. Und dann schnappte sie auf, dass David befahl, dass der andere Mann noch einmal geschlagen werden sollte. Sie schlugen schonungslos einen wehrlosen Mann. Welche Art von Experiment führten sie durch?

Eine Sache war sicher. Liv würde verdammt sein, wenn sie jetzt davonging.

Sie griff nach dem Knauf, wünschte sich halbwegs, dass er verschlossen war, aber er drehte sich und gab nach. Sie warf die schwere Metalltür auf und trat mit Selbstvertrauen und Bestimmung ein. Wenn sie sich verhielt, als ob sie dort sein sollte, würden sie sie vielleicht dementsprechend behandeln. Tu so, dann wirst du so, wie Cassie immer sagte.

»Kann mir jemand erklären, was vor sich geht?«, verlangte Liv mit ihren Händen auf den Hüften.

Die zwei Männer drehten sich um und der auf dem Fußboden schaute in ihre Richtung. Er war genauso schmutzig wie der andere Mann im Raum neben seinem. Er trug die gleiche schwarze Jogginghose, sah aus, als ob er seit Monaten nicht mehr gebadet oder sich rasiert hatte, möglicherweise Jahre. Sein rabenschwarzes Haar war verfilzt und fiel auf seinen Rücken herunter. Ein Vollbart bedeckte den Großteil seines Gesichts und war lang und strähnig. Er sah aus wie ein Rübezahl aus den Great Smoky Mountains. Sein Körperbau war breit, wie der seines Nachbarn, und da dämmerte es Liv. Diese zwei Männer waren Wandler.

»Olivia, was machst du hier?«, fragte David offensichtlich schockiert sie hier stehen zu sehen. »Das betrifft dich wirklich nicht«, fügte er hinzu.

»Ich verstehe nicht, was ihr macht. Bitte erklär, warum diese Männer angekettet sind und misshandelt werden. Das ist nicht, was wir hier tun«, beschwor sie mit vor Emotion zittriger Stimme.

Sie hasste es, dass sie ihr Herz auf der Zunge trug. Warum konnte sie nicht Fräulein Krass sein und mit lodernden Pistolen hereinkommen und damit drohen sie zu melden?

»Schätzchen, du schaust besser, dass du weiterkommst. Ich würde es hassen dich über mein Knie zu legen und dir zu lehren, was mit kleinen Mädchen passiert, die sich nicht um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern«, verhöhnte die Wache und leckte sich dann über seine Lippen. Livs Magen verdrehte sich bei dem Gedanken, dass der Mann in den Umkreis von drei Metern zu ihr kommt.

Er war ein großer, stämmiger Mann, der aussah, als ob er freudig seine Drohung durchziehen würde. Sie schätzte ihn auf Ende vierzig und er schien in ausgezeichneter körperlicher Verfassung zu sein. Es waren seine verrückten braunen Augen, die sie so nervös machten.

Der Mann auf dem Fußboden bewegte sich und die Wache hob seinen Schlagstock und schlug in zwei aufeinanderfolgenden Hieben auf seinen Rücken ein. Der Wandler fiel flach auf seine Brust und sein Gesicht, bedeckte seinen Kopf so gut er konnte.

Liv machte einen weiteren Schritt nach vorn. »Ist das notwendig? Er kann sich nicht einmal verteidigen. David, tu bitte etwas«, flehte sie.

»Olivia, es ist nicht so, wie es aussieht. Er ist ein Wandler und man kann ihm nicht vertrauen. Sie sind wild und unvorhersehbar. Die Handschellen sind zu seinem Schutz ebenso sehr wie zu unserem. Geh einfach. Jetzt!«, verlangte David streng, aber Liv hörte die Aufrichtigkeit in seinem Tonfall.

Sie wusste sehr wenig über die Wandler und hatte keinerlei Zeit mit einem verbracht, aber sie hatte Geschichten gehört. Die Nachrichten stellten Wandler exakt so dar, wie David sie beschrieb. Wild, gewalttätig und unvorhersehbar. Wandler waren erkennbar gegenüber Menschen durch ihre reichliche Größe. Sie waren größer, muskulöser, mit größeren Händen und Füßen. Der Mann auf dem Boden sah aus, als ob er einen Mr.-Universe-Wettbewerb mit Links gewinnen könnte. Wenn er gebadet und rasiert war, selbstverständlich.

Liv räumte ein, dass es eine sehr gespaltene Gesellschaft zwischen Menschen und Wandlern gab und beide zogen es derart vor. Wandler lebten in ihren isolierten Gemeinschaften und besaßen typischerweise die Geschäfte innerhalb. Solange sie ihre Steuern bezahlten und den Gesetzen und Vorschriften gehorchten, war jeder glücklich.

Es gab Gerüchte, dass Wandler extrem gewalttätig, sogar grausam waren. Der Mann auf dem Fußboden war aufgewühlt, knurrte die Wache an, die über ihm schwebte, und Liv fragte sich, ob sie kurz davor war deren Fähigkeiten aus erster Hand zu erfahren.

»Ich werde gehen, wenn ihr beide mit mir kommt. Ich kann nicht gehen, wenn ihr ihn weiterhin schlagt«, legte Liv dar, verschränkte ihre Arme über ihrer Brust. Jaah, sie konnte stur und trotzig sein und hatte das Gefühl, dass dieser Mann jetzt gerade einen Freund gebrauchen konnte.

»Aber, du kleine Schlampe, ich werde dir die Bedeutung von Bestrafung zeigen«, spie die Wache aus und machte sich zu Liv auf.

Mit Lichtgeschwindigkeit war der Wandler auf seinen Füßen und schnappte die Wache in einem Schwitzkasten. Bevor Liv reagieren konnte, schlang er eine Metallkette um seinen Hals und zog, brach das Genick des Mannes. Liv konnte sich die Stärke, die es benötigte, um so etwas zu tun, nur vorstellen. Sofort sackte der Mann wie eine Stoffpuppe zu Boden.

Livs durchdringender Schrei prallte von den Betonwänden ab, während David zur selben Zeit zum Wandler stürmte, ein Betäubungsgewehr in der Hand.

Kapitel Zwei

Lawson konnte seinen Zorn nicht kontrollieren. Sein Wolf war kurz davor zu übernehmen und er musste den Drang sich zu wandeln bekämpfen. An die Wand gekettet wären die Bewegungen seines Wolfs eingeschränkt. Er hatte in seiner menschlichen Form eine bessere Chance auf eine mögliche Flucht.

Dieses Stück Scheiße von Wache verdiente, was er bekommen hat. Er hatte diesen Mann bis heute noch nicht gesehen, aber sie waren alle gleich. Sie schlenderten herein, verlangten, dass er sich wandelte, und wenn Lawson nicht wie ein gut trainierter Welpe gehorchte, griffen sie darauf zurück ihn grün und blau zu schlagen.

Scheiß auf sie alle.

Er wusste, was sie zu tun versuchten. Na ja … was sie dachten, was sie zu erreichen versuchten, und er spielte das Spiel nicht mit.

Scheiß auf sie alle.

Die Frau kreischte und Lawson sah den anderen Mann auf ihn zurennen. Jaah, dieser Scheißkerl mit dem Betäubungsgewehr hatte keine Ahnung. Dieser Mann war viele Male in seinem Raum gewesen und stand immer wie ein Feigling am Rand, beobachtete mit einem selbstgefälligen Ausdruck auf seinem Gesicht, wie Lawson Prügel nach Prügel einsteckte. Er war kurz davor Lawsons Wut zu spüren und er würde es genießen zuzusehen, wie der Laborant sich einpisste.

Sobald der Mann in Reichweite war, ging Lawson in die Hocke und fegte sein rechtes Bein heraus. Der Mann schlug schnell auf dem Bodenbelag auf und Lawson ergriff seine Füße, zog ihn zu seinem Körper. Sekunden später schlangen sich seine Ketten um den Hals seines Geiselnehmers und er konnte spüren, wie das Leben den Körper des Mannes verließ, während er mit all seiner Kraft zudrückte. Als die Augen des Mannes zurückrollten, ließ Lawson den leblosen Körper los.

Ein weiterer Aufschrei der Frau ließ ihn sich umdrehen, um sie anzusehen. Entsetzte grüne Augen stachen tiefer als die unzähligen Nadeln, die sie in ihn gesteckt hatten. Er konnte ihre Furcht riechen, ganz abgesehen von ihrem Geschlecht. Seine sensiblen Nasenlöcher hatten seit einer langen Zeit kein Weibchen mehr gerochen. Es war überwältigend und sein Körper antwortete instinktiv.

Ursprüngliches Verlangen strömte durch seine Venen und ein tiefes Knurren entfloh seiner Kehle, als sein Wolf an die Oberfläche streunte und verlangte freigelassen zu werden.

»Raus!«, schrie er und riss an seinen Ketten. »Ich wandle mich nicht für dich oder irgendjemand anderen. Komm in meine Nähe und du wirst neben diesen beiden auf dem Fußboden sein!«, bellte er und kickte den toten Wachmann in ihre Richtung.

Sie trat auf ihn zu, ihre Arme kapitulierend ausgestreckt. »Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Ich wusste nichts von diesem Bereich des Gebäudes. Lassen Sie mich Ihnen helfen«, flehte sie.

Als sie näherkam, neckte und verlockte ihr süßes Parfüm seinen Körper. Sein Schwanz wurde hart, brauchte mehr eine Erlösung als er Luft zum Atmen brauchte. Er fühlte sich von Menschen nicht einmal angezogen, aber gerade jetzt war er bereit sie vollkommen auszuziehen, sie vorzubeugen und den Teufel aus ihr zu ficken.

Außerhalb seiner Kontrolle zitternd schwang er aus. Nicht, um sie zu treffen, sondern um ihr Angst zu machen. Wenn sie einen Meter näher in seine Richtung käme, hätte er die Frau in seinen Fängen und man konnte nicht sagen, was er ihr antun würde.

»Fick dich, Weib. Du willst helfen? Schließ die hier auf«, verlangte er und riss wieder an den Metallhandschellen.

Sie zögerte und Lawson war nicht sicher, aber sie schien seine Worte zu bedenken, als sie sich plötzlich umdrehte und aus dem Raum flüchtete. Ein Teil von ihm wollte sie zurückrufen und erklären, dass er kein kaltblütiger Mörder war. Lawson mochte den Schrecken nicht, den er repräsentierte, aber er sah keine andere Option. Er konnte unter solcher Erregung nicht in ihrer Gegenwart sein.

Lawson zog wieder an den Ketten, versuchte sich loszureißen. Nicht, dass er nicht jeden wachen Moment damit verbracht hatte zu versuchen zu flüchten, aber die Tür war angelehnt und dies mochte die einzige Chance sein, die er jemals bekommen würde. Er musste aus diesem Höllenloch herauskommen. Wenn er noch einmal mehr Prügel ertragen oder unwillentlich eine Unze mehr Blut geben musste, schnappte er vielleicht über.

Er hatte vor langer Zeit aufgehört die Tage zu zählen, die er in Gefangenschaft gewesen war. Nach seiner Schätzung musste er für mindestens zwei Jahre eingesperrt gewesen sein, vielleicht mehr. Er hatte die ganze Zeit lang keine anständige Mahlzeit, eine heiße Dusche oder ein warmes Bett gehabt. Er wurde einmal am Tag gefüttert, einmal in der Woche mit eiskaltem Wasser abgespritzt und schlief auf einer schmutzigen Matratze ohne auch nur ein Laken, um ihn warm zu halten.

Entschlossen, dass er nicht eine Nacht länger in dem Scheißloch verbrachte, stütze Lawson seinen Fuß gegen die Betonwand für einen besseren Hebel. Er holte tief Luft und zog an den schweren Ketten. Nichts. Er versuchte es noch einmal. Der an der Wand befestigte Verschluss gab nicht einmal leicht nach. Er platzierte beide Füße an der Wand und zog, bis seine Armmuskeln sich anfühlten, als ob sie durch die Spannung reißen würden.

Es kam ihm plötzlich in den Sinn, dass die Wache wahrscheinlich seine Zugangskarte bei sich hatte. Es gab ein kleines Tastenfeld am Fuß der Handschellen, das diese elektronisch verschloss. Alles an diesem verdammten Ort war durch das Sicherheitssystem verbunden.

Er wünschte sich, dass er die Wache nicht außer Reichweite getreten hätte, und ging so weit es die Ketten erlaubten. Er streckte sich und griff nach den Füßen des Mannes. Schließlich berührten seine Finger die Lederstiefel und er schnappte die Sohlen. Er zog so gut er konnte und hatte schließlich den Mann Zentimeter um Zentimeter genug bewegt, so dass er seine Knöchel ergreifen konnte.

Lawson riss ihn an seine Seite und durchsuchte rasch die Uniform des Mannes. Er könnte endlich fliehen, wenn er die verdammte Karte finden konnte. Ein Hochgefühl erfüllte sein Herz. Er musste dringend nach Hause gehen. Seine Mom, sein Dad, sein Bruder und seine Schwestern mussten krank vor Sorge sein. Hielten sie ihn für tot? Waren sie in Sicherheit? Er wusste, dass andere in Gefangenschaft gehalten wurden, weil er die Prügel in der Nähe hörte, aber er hatte keine Ahnung, wie viele es gab oder ob er sie kannte.

Ein Fluchen verließ seine Lippen, als er nichts in den Vorder- und Gesäßtaschen der Wache fand. Es war schwer für Lawsons große Hände in der Jacke herumfummelnd zu suchen. Fuck, er zitterte vor Dringlichkeit. Linke Seite, leer. Als er sich zur rechten Tasche bewegte, drang eine tiefe Stimme in seine Konzentration ein.

»Und was zum Teufel glaubst du, was du da tust?«

Lawson schaute auf, um Jim Jensen zu sehen. Der rückgratlose, schwanzlose, derbe Mistkerl, der das Sagen bei dieser ganzen Operation hatte. Lawson hatte Fantasien davon gehabt ihn mit seinen bloßen Händen zu erwürgen. Fünf weitere Männer traten in seine Zelle und Lawsons Wonne fiel, mitsamt seiner Hoffnung aus dem Gefängnis herauszukommen, in sich zusammen.

»Schnapp ihn dir, Kevin. Sieht aus, als ob unser Freund hier ein Verbrechen begangen hat«, spottete Jim und rieb sich missbilligend über sein Kinn mit Grübchen, während er die Leichen auf dem Boden begutachtete. Lawson würde ein Ei dafür geben ihn nur ein verdammtes Mal auf dieses arschförmige Kinn zu boxen.

Kevin trat auf ihn zu und Lawson stürzte vor, entblößte seine Fänge. Während die Gruppe von Männern ihn langsam umkreiste, hockte sich Lawson in eine Kampfhaltung. Da die Chancen gegen ihn standen, beschloss Lawson, dass, wenn er unterging, er es mit fliegenden Fahnen tun würde.

* * *

Liv warf dem Kassierer einen Zehndollarschein hin und brauste in den Nachtclub, noch immer verunsichert davon, was passiert war. Sie war zu Tode erschrocken und hatte ein dutzend Mal nach ihrem Handy gegriffen, hin und hergerissen dazwischen ihren Chef anzurufen oder die Polizei über das zu alarmieren, von was sie Zeugin geworden war. Schließlich beschloss sie mit Cassie zu sprechen, bevor sie irgendetwas tat, denn, ehrlich gesagt war sie von der Vorstellung verstört, dass ihre bekannte Firma in etwas so Abscheuliches involviert sein könnte.

Sie suchte die Fläche ab, entdeckte Cassie und sprintete zu der Nische, wo sie saß. Liv ließ sich gegenüber ihrer Freundin plumpsen und schnappte sich den Drink, der vor Cassie stand, schüttete ihn herunter. Der Tequila war ein Gasbrenner, der einen Pfad ihre Kehle herunter brannte.

»Hey, was zum Teufel? Ich habe fünfzehn Minuten gewartet, um diesen Drink zu bekommen«, rief Cassie über das laute Wummern der Musik. »Und du bist zu spät. Ich musste drei Versagern dürftige Entschuldigungen geben, die mich angebaggert haben. Wo bist du gewesen?«

»Mädchen, du hast keine Ahnung. Wo ist überhaupt diese Kellnerin? Ich brauche nach dem, was ich gerade durchgemacht habe, eine Flasche«, erklärte Liv, suchte den Club nach dem vertrauten Trägerhemd ab, das »LECK MICH« über der Brust übermäßig vergrößerter Brüste zur Schau trug und normalerweise im Popsicles arbeite, dem örtlichen Hot Spot in Chattanooga.

»Na ja, spuck’s aus. Es ist aber besser gut, weil das, was du gerade heruntergeschüttet hast, der gute Scheiß war. Das ist kein Ausgehabend und ich bin ziemlich sicher, dass du für mich später nicht die Beine breit machst«, rief Cassie aus, während sie schmatzend einen Kaugummi kaute.

»Hör auf mit deinen Zickereien und hör mir zu. Ernsthaft, du wirst nicht glauben, was gerade auf der Arbeit passiert ist«, warf Liv ein, wobei sie lebhaft mit den Armen ruderte. »Ich habe gerade beobachtet, wie zwei Männer verdammt nochmal genau vor mir erwürgt wurden. Tot. Hörst du mich? Tot!« Als sie die Worte laut rief, konnte sie diese selbst kaum glauben.

Braune Augen traten hervor, als ob sie zugegeben hätte eine Heroinabhängige zu sein, die in einer Kirche Crack rauchte. »Ähmmm, wie bitte? Ich muss dich falsch verstanden haben, Liv. Hast du … tot gesagt?«

»Ja! Tot. Zwei Männer. Tot! Wie im Gegenteil von lebend«, rief Liv laut, entdeckte eine Angestellte, die in ihre Richtung lief. Als Liv erkannte, dass die Titten in Absätzen geradewegs auf den Tisch mit halbstarken College-Jungs zuging, trat sie seitlich in ihre Blickrichtung.

»Ich hätte gerne eine Flasche Tequila. Nicht ein Glas, sondern die ganze verdammte Flasche. Und ich kann mir das wirklich gute Zeug nicht leisten, also behalt das im Hinterkopf, wenn du von mir erwartest dafür zu bezahlen. Oh, und zwei Gläser und ein paar Limetten, bitte«, sprudelte Liv hervor und klebte ein Lächeln auf ihr Gesicht, von dem sie wusste, dass es gestört sein musste, und versuchte ruhig zu erscheinen, obwohl sie kurz davor war vor Aufregung zu explodieren.

»Sicher, Süße. Ich kümmer’ mich drum. Bin gleich wieder da«, erwiderte die blonde Sexbombe und tippte auf ihr Tablet.

Liv atmete aus, versuchte ihre Fassung wiederzuerlangen und quetschte sich dann in die Nische neben Cassie. Jeder im Club würde wahrscheinlich denken, dass sie Lesben waren, aber das war ihr egal. Sie musste im Privaten mit ihr sprechen.

»Okay, mach langsam und fang von vorne an«, forderte Cassie auf, legte eine beruhigende Hand auf Livs und lächelte unterstützend. Liv hätte sich keine bessere Nachbarin und Freundin als Cassie wünschen können. Sie haben alles zusammen durchgemacht, von Feiern zu gebrochenen Herzen, und wenn es eine Sache gab, auf die Liv zählen konnte, war es Cassie. Sie war die Art von Freundin, wenn Liv sagte, dass sie eine Leiche loswerden musste, würde sie sich ohne zu zögern eine Schaufel schnappen.

Liv erinnerte sich an das erste Mal, als sie sich trafen. Sie hatte seit ungefähr einer Woche in ihrem Zuhause gelebt und hörte ein Hämmern an der Haustür. Als sie hinging, stand Cassie in einem T-Shirt für Männer und sonst nichts dort, wollte Honig ausborgen. Sie hat später herausgefunden, dass er benutzt wurde, um komplett über ihren Körper und den ihres Freunds verteilt zu werden. Sie hat Cassie gesagt, dass sie den Honig behalten konnte, aber sie waren schnell zu Freundinnen und Komplizinnen geworden.

Sie schnappte aus ihrer Erinnerung und sammelte ihre Gedanken, bevor sie die Vorkommnisse der Arbeit erzählte. Sobald sie zu sprechen begann, konnte sie nicht mehr aufhören. Sie erzählte ihr von dem geheimen Flur, den Wandlern, die als Gefangene gehalten wurden, und davon, wie die Wache und der andere Wissenschaftler durch die Hände des Mannes, der dann gedroht hatte sie zu töten, gestorben waren. Das Merkwürdige war, dass sie ihm nicht geglaubt hatte. Seine grauen Augen hielten Wärme und Nettigkeit, obwohl er rasiermesserscharfe Fänge entblößt hatte.

»Heilige Scheiße! Was wirst du tun? Hat sich dein Chef je bei dir gemeldet?«, fragte Cassie, als die Bedienung, Penny, sich ihrem Tisch näherte und eine Flasche Camarena Tequila, zwei Schnapsgläser und eine kleine Schüssel Limettenschnitze auf dem Tisch abstellte.

Es war anständiger Tequila. Wahrscheinlich würde das Doppelte verlangt werden, als wenn sie ihn im Schnapsladen bezahlen würde, damit ein wenig außerhalb von Livs Mitteln lag, aber zumindest wäre ihr am nächsten Tag nicht schlecht oder sie hätte keinen furchtbaren Kater.

»Kann ich euch zwei sonst noch etwas bringen?«, fragte Penny unaufmerksam, zwinkerte einem der Typen am Tisch neben ihnen zu.

»Nein. Alles gut, danke«, antwortete Liv und Penny raste schnell zu dem Muskelprotz mit dem großartigen Lächeln. Liv wandte ihre Aufmerksamkeit zurück auf Cassie und erwiderte: »Ich habe keine Ahnung. Was denkst du? Die Polizei miteinbeziehen? Meinen Chef anrufen und kündigen? Ich brauche diesen Job wirklich. Vielleicht waren die Männer nicht tot, sondern nur bewusstlos«, regte Liv an.

Die Wahrheit war, dass sie es nicht sicher wusste. Es war so schnell passiert. Vielleicht lag sie falsch damit, dass sie tot waren.

»Ich würde die Polizei nicht anrufen, besonders, wenn du falsch liegen könntest. Das würde sicher dafür sorgen, dass du gefeuert wirst. Hier, das schlage ich vor. Geh am Montag zur Arbeit und verhalte dich, als ob alles normal ist. Du wirst bald genau wissen, was vor sich ging. Hoffentlich hast du Unrecht mit PRL. Jim schien ziemlich nett, als ich ihn letztes Jahr beim Picknick getroffen habe. Vielleicht hast du dich von deiner Vorstellungskraft übermannen lassen«, erklärte Cassie, während sie jedem von ihnen einen Kurzen eingoss und das mit dem Logo geprägte Glas Liv reichte.

Liv warf es zurück und schnappte eine Limette, während sich ihr Gesicht durch den scharfen Geschmack verzerrte. Sie biss zu und saugte. Beste Kombi überhaupt. Die Säure der Limette beruhigte ihren Gaumen und ein warmer Schwips folgte nach.

»Du hast Recht. Tu so, dann wirst du so, richtig?«, witzelte Liv und goss ihnen beiden einen weiteren Kurzen ein.

»Darauf trinke ich!««, gellte Cassie, stieß mit den Kurzen an.

Liv spürte eine Vibration in ihrer Tasche und bemerkte, dass sie noch immer ihren Labormantel trug. Okay, das war peinlich wie Hölle. Kein Wunder, dass sich kein Mann ihrem Tisch genähert hatte. Sie waren die bekloppten Lesben, die sich in der Ecknische anmachten, dachte sie, während sie nach ihrem Handy griff.

»Oh Scheiße, das kann nicht gut sein«, platzte Liv hervor, als sie auf die Nachricht auf dem Bildschirm schaute.

»Was? Wer ist es?«, frage Cassie neugierig.

»Es ist Jim. Er sagt, dass er mich morgen früh gleich als erstes sehen muss«, hauchte Liv und starrte auf ihr Handy.

Sie bekam langsam das Gefühl, dass die Scheiße ihr bald um die Ohren fliegen würde, und sie stand dort, von Mist bedeckt.

Kapitel Drei

»Herein«, bellte Jim durch die geschlossene Tür seines Büros.

Liv zuckte bei der barschen Stimme zusammen und versuchte seine Stimmung zu entziffern. Sie wollte nicht darüber ausgefragt werden, was sie bei den Wandlern gesehen hatte. Sie hatte sich mit der Begegnung der vorigen Nacht zwanghaft beschäftigt und der Tequila hatte nichts getan, außer ihr Kopfschmerzen zu schenken. So viel dazu, dass sie gedacht hatte, es sei eine anständige Marke. Andererseits hatten sie die ganze Flasche weggeputzt.

Liv gab ihre Untersuchung auf, öffnete die Tür und wurde mit einem ernsten Gesichtsausdruck begrüßt. Augenscheinlich war er verärgert. Das war nicht der richtige Tag, um mit Schlafentzug und einem Kater bei der Arbeit zu erscheinen.

Zwischen dem Vorfall im Labor, dem Trinken und der Textnachricht ihres Chefs, hatte sie kein Auge zugemacht. Sie trank drei Tassen Kaffee, bevor sie ihr Apartment verließ, in der Hoffnung, dass es ihr helfen würde sich zu konzentrieren. Unglücklicherweise, da sie Jims Aufregung hörte, gab es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass ihr Kaffee wieder hochkommen würde.

Die große Frage war, ob Jim sich des möglichen Doppelmords bewusst war und, noch wichtiger, ob er wusste, dass sie Zeuge davon war. Ihre Fäuste ballten und öffneten sich an ihrer Seite, während ihr Herz eine Nachahmung eines Schachtelmännchens machte, bereit jeden Moment aus ihrer Brust zu platzen. Schweiß tropfte ihre Wirbelsäule herunter, während sie zu seinem Schreibtisch ging.

»Guten Morgen, Jim. Ich hoffe, ich habe Sie nicht warten lassen«, stammelte sie, hasste den Bruch in ihrer Stimme.

Wenn der Typ die Details der vorigen Nacht nicht kannte, würde er dies bald genug. Schuld musste über ihr ganzes Gesicht geschrieben sein. Sie wusste, dass ihr Gesichtsausdruck in großen Neon-Buchstaben schrie: Ich verstecke etwas. Ausflüchte und Ausreden waren nicht ihre Stärke.

Sogar als Kind konnte Liv nicht mit Lügen davonkommen. Eine anklagende Aussage und sie würde nachgeben, ihr Herz ausschütten und ihre Sünden gestehen. Selbstverständlich bestanden ihre Sünden, als sie ein Kind war, daraus, dass sie sich vor dem zu Bett gehen nicht die Zähne putzte, sich einen Keks erschlich oder die Hausaufgaben nicht machte.

Jetzt war sie zu weitaus größeren Verbrechen fortgeschritten, die Brutalität und Mord umfassten. Sie hatte sich nicht beteiligt, aber sie stand daneben, während ein Wandler brutal angegangen wurde, hatte dann zugesehen, als der Mann Vergeltung übte, Leben nahm.

Oh Teufel. Liv hatte nicht darüber nachgedacht, was dies für sie bedeuten könnte. Könnte sie ins Gefängnis gehen? Sie verfluchte sich dafür nicht die Polizei gerufen zu haben. Was würde die Polizei mit ihr anstellen, wenn sie still blieb? Machte sie das zur Komplizin? Oh Gott, sie würde festgenommen werden.