Gegen den Strom - Henning Seyboth - E-Book

Gegen den Strom E-Book

Henning Seyboth

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Beschreibung

Potsdam - 1961: Eine Pfarrersfamilie siedelt sich in Potsdam an. Vier Kinder gehen unterschiedliche, nicht alltägliche Wege in Familie und Beruf. Als Christ stößt der Autor in Schule und Beruf immer wieder an Grenzen und lernt dadurch, oft "gegen den Strom" schwimmen zu müssen. Die Erinnerungen des Autors sind eine Abrechnung mit dem ungeliebten DDR-System, das ihn zur Übersiedlung in die BRD treibt. Wie es ihm und seiner Familie dabei ergangen ist, beschreibt er spannend. Interessant ist der Blick auf die alte Heimat Brandenburg mit der Landeshauptstadt Potsdam, nach der "Wende" auferstanden aus den Trümmern des Sozialismus. Die Schönheit des Landes bewegen ihn zur Rückkehr, er baut zum dritten Mal sein Haus...

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Seitenzahl: 110

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der Autor

Henning Seyboth beschreibt autobiografisch seinen persönlichen und beruflichen Werdegang. 1950 in Sachsen als Pfarrerssohn geboren, zieht die Familie kurz nach dem Mauerbau 1961 nach Potsdam. Er absolviert die überraschend zur Verfügung stehenden Bildungswege und erlebt als Ingenieur in der DDR, wie mit den wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Ressourcen in den Betrieben umgegangen wird. Diese Situation und die politischen Repressalien veranlassen ihn und seine Familie, die DDR legal zu verlassen. Ein Neuanfang in Hessen, berufliche Tief- und Höhepunkte, persönliche Erlebnisse dort und die spätere Rückkehr in die gewandelte Heimat Brandenburg werden geschildert. Immer im Blick ist sein religiöser Hintergrund, wie das Leben eine Achterbahn der Gefühle. Eine Reflexion auf 71 Jahre deutscher Geschichte am Beispiel einer Familie, die zwischen den Systemen hin und her gerissen wurde.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Opa, erzähl aus deinem Leben

Geleitwort

Großmutters Ahnen

Großvaters Vorfahren

Die Eltern – die Familie

Die Kindheit

Die Dorfschule

Urlaub

Besuche

Potsdam 1961

Die Hobbies

Die Kraft der Musik

Mobilität

Gegen den Strom

Letzte Ferien

Ausbildung beendet – was nun?

Die Armeezeit

Das Studium

Peter

Familiengründung

Erste Berufsjahre

Hausbau 1

Realer Sozialismus

Die StaSi sucht ihre Feinde

Autos und andere Mangelware

Urlaube und andere Überlebenskünste

Die junge Familie – alles gut?

Ortswechsel Ost – West

Die Ausreise – auf nach Hessen

Neustart 1

Das neue Leben

Das Kurhaus

Der Mauerfall – Die Wende

Urlaube 2

Neustart 2

Hausbau 2

Höhen – und Tiefen

Auszeit

Die Jahrtausendwende

Der Unternehmer

Die Kinder – Die Familie wächst

Neustart 3

Glaubensfragen

Sport ist Mord?

Die Enkelin

Ortswechsel West – Ost

Zurück in die Heimat

Hausbau 3

Die Gesundheit – die Pandemie

Covid 19

Potsdam 2017

Epilog

Prolog

Anfang Juli 2002 ging es los. Ich kam in die Psychiatrieklinik. Irgendwo im Grünen. Stilvolle alte Gebäude in einem großzügigen gepflegten Park. Stille! Einzelzimmer. Was sollte ich hier? Was war passiert? Der in mir ablaufende Film gab keine Erklärung dafür. Alles war doch so wohlgeordnet bisher, oder doch nicht? »Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt!« – sind das nicht die Anzeichen einer beginnenden Schizophrenie? Oder eines Burn-Out? Ärzte und Therapeuten, die hier zahlreich umherliefen, würden es feststellen.

Es sieht alles so friedlich aus hier, das wird schon wieder.

»Entspannen Sie sich! Und nun erzählen Sie mal«, sagte die Therapeutin. Die Sitzung dauerte etwas länger.

Opa, erzähl aus deinem Leben

Dieser Wunsch wurde von meiner Enkelin öfter an mich gerichtet. Offensichtlich hat es sie interessiert, aus welcher Ecke und welchen Verhältnissen man kommt und wieso man so geworden ist, wie sie mich kennt. So lag es nahe, in den Erinnerungen zu kramen und aufzuschreiben, was mir zu meinem Leben einfällt. Es ist doch einiges passiert, wo soll ich anfangen? Ich versuche es über die Stammbäume, die bei mir irgendwann liegen geblieben waren.

Verwandtschaft und Familiengeschichte interessierte mich früher nie besonders. Ich wusste schon den Unterschied zwischen Neffen und Cousins, Nichten und Cousinen, Vettern und Basen. Ich mochte Familientreffen, so selten sie auch stattfanden, war interessiert am Werdegang der parallel aufwachsenden Generationen einer durch die Politik getrennten Familie. Die Familie war nicht klein, die Vorgeschichten umfangreich und interessant. Im fortschreitenden Alter fing ich an, zu lesen und zu recherchieren – und es war spannend. Die Familienchronik meiner »Berliner« Großmutter umfasst 650 handgeschriebene Seiten und wiegt viereinhalb Kilogramm. Ein fast philosophisches Geleitwort daraus will ich nicht vorenthalten:

Geleitwort

Unsere Vorfahren, Menschen vergangener Zeiten, haben die Lebensverhältnisse der Gegenwart vorbereitet und sie haben an der kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Welt, in der wir nun leben, mitgewirkt. Generation nach Generation übernahm das Erbe der eigenen Vergangenheit, um es verwandelt in die Zukunft weiterzugeben. Eine lückenlose Kette von Vätern und Müttern verbindet jeden Menschen mit dem Beginn des Menschengeschlechts auf der Erde. Kein Glied darf fehlen, jedes ist notwendig, damit wir selbst jetzt auf der Erde leben können. Wann und wo wir geboren sind, wir wissen es als zu unserem ureigenen Schicksal gehörig, doch musste das Leben eines jeden unserer Ahnen so und nicht anders verlaufen, wie es verlief, damit wir selbst diesen Vater, diese Mutter haben konnten, an diesem Ort und zu dieser Stunde geboren werden konnten. Der Blick in die Geschichte unserer Familie ist der Blick in eine Vergangenheit, in der sich unser eigenes Schicksal zubereitet hat. Nicht diejenigen Menschen nur, deren Taten herausragten und die uns die Geschichte überliefert, haben das Leben der Gegenwart geprägt, sondern auch alle, deren Namen ungenannt bleiben. Ohne die vielverschlungenen Fäden, die Menschen zueinander führen und voneinander trennen, wäre unser eigenes Leben nicht möglich geworden.

Großmutters Ahnen

Ein 14-jähriger Bub aus Nürnberg beginnt in der Nachkriegszeit mit der Ahnenforschung und verfolgt die Familiengeschichte zurück bis zum 30jährigen Krieg. »Das Geschlecht der Fischers in Ummerstadt«, so beginnt die Chronologie seiner und meiner Vorfahren. Das fränkische Ummerstadt lag und liegt bis heute im äußersten Zipfel Thüringens, von Bayerischen Grenzen eingekreist. Hier beginnt die »fränkische Linie« der Familie Fischer. Urväter sind um 1600 herum Johannes und Christoph Bach, die Urgroßväter des berühmten Musikers Johann Sebastian Bach. Fünf Generationen später heiratet eine Katherine Bach den Kaufmann Georg H. Fischer, der wiederum der Urgroßvater meiner Oma Helene war. Wir sind jetzt in Schweinfurt/ Unterfranken. Hier lernt Oma ihren Mann kennen, den späteren Ministerialrat G. S. 1908 heiraten beide und ziehen nach Berlin.

Großvaters Vorfahren

Der Stammbaum der väterlichen Linie geht lückenlos zurück ins 14. Jahrhundert. Mein Großvater, geboren 1880 in Schweinfurt, studiert nach dem Gymnasium Rechtswissenschaften. Zitat: »Nach Ablegung des Staatskonkurses wurde er Rechts- und Zollpraktikant bei der Generaldirektion der Zölle und indirekten Steuern in München und kam im Jahre 1909 als Finanzassessor nach Berlin, wo er 1912 Regierungsrat und 1921 Direktor beim Statistischen Reichsamt wurde. Im Jahre 1922 wurde er als Ministerialrat der Vertretung Bayerns beim Reich in Berlin zugeteilt und 1928 zum stellvertretenden Bevollmächtigten Bayerns zum Reichsrat ernannt.« So wurde ein gut situierter Haushalt in Berlin-Wilmersdorf gegründet. Das heute noch erhaltene Haushaltbuch des Großvaters um 1908 verzeichnet eine gute wirtschaftliche Situation. 1910 wurde der erste Sohn geboren, 1919 der zweite – mein Vater.

Die Eltern – die Familie

Meine Eltern lernen sich im 2. Weltkrieg in Norwegen kennen. Er ist Soldat, sie Luftwaffenhelferin der deutschen Wehrmacht. Es ist für beide die erste Beziehung. Kein Wunder, denn sie sind 1939 im Prinzip von der Schule weg in den Krieg geschickt worden. In Norwegen, bis hinauf nach Spitzbergen, musste Vater für die deutsche Luftwaffe das Wetter und andere Vorkommnisse beobachten und melden. Mutter saß in einer Telefonzentrale in Oslo und gab die Meldungen nach Deutschland weiter. Bei welcher der seltenen Gelegenheiten sich die beiden näherkamen, ist nicht überliefert. Wenn sich unsere Eltern später mit Freunden unterhielten, war Vater immer stolz darauf, im Krieg nicht einen Schuss gehört, geschweige denn abgegeben zu haben. Das können nicht viele von sich behaupten. Nach Kriegsende war das Paar zunächst getrennt, Vater verbrachte noch ein Jahr in norwegischer Kriegsgefangenschaft und wurde 1946 gesund nach Hause entlassen. Ohne Kriegstrauma und vermutlich auch ohne genügende Informationen über die Gräueltaten der untergegangenen Ära.

Die Zukunft konnte beginnen. Ein junger Mann (27), verliebt und vergeben, muss sich zurechtfinden im zerbombten Deutschland, das er nicht wirklich kennt. Der ursprüngliche Berufswunsch – der Familientradition folgend Jura - wurde aufgegeben. Mutter stammte aus einer christlichen Familie in Sachsen und bewegte Vater dazu, Theologie zu studieren. Sein Studium begann 1949 an der Lutherischen Theologischen Hochschule in Oberursel / Taunus und wurde in vier Jahren erfolgreich absolviert. Ob die Berufung zum Pastor die wirkliche Erfüllung für ihn war, wird sein Geheimnis bleiben.

Die Stadt am Rande des Taunus sollte 40 Jahre später eine bedeutende Rolle in meinem Leben spielen.

1947 wurde die Hochzeit meiner Eltern gefeiert, so gut es damals ging. Das Hochzeitsfoto zeigt eine fröhliche Runde der engeren Verwandtschaft und gleichzeitig eines der letzten Fotos meines Berliner Großvaters, er verstarb 1949. Ich habe beide Großväter nie kennengelernt.

So wurde ich hineingeboren in den entstehenden realen Sozialismus. Zwickau in Sachsen, die Heimatstadt meiner Mutter, wurde auch meine Geburtsstadt.

Meine Großmutter mütterlicherseits musste ihre drei Töchter dort allein großziehen, nachdem der Großvater 1925 verstarb. Der Verstorbene war Teilhaber eines Familienunternehmens, einer Druckerei, und hinterließ der Witwe immerhin ein Mehrfamilienhaus in Zwickau-Marienthal. Einige Briefe aus dem Nachlass der sächsischen Großmutter geben zu Protokoll, dass es der ganzen Familie finanziell gar nicht gut ging und das Haus einige Male zur Disposition stand, um die Firma über Wasser zu halten. Oma hat sich standhaft geweigert und so ihre einzige Einnahmequelle über die Zeit gerettet.

Allerdings war es später im DDR-Sozialismus überhaupt kein Vorteil, ein Mietshaus zu besitzen. Die staatlichen Wohnungsverwaltungen legten fest, wieviel Quadratmeter jeder bewohnen darf. Omas 4-Zimmer-Wohnung wurde geteilt und sie musste fortan in zwei kleinen Zimmern wohnen, die andere Hälfte bewohnte eine fremde Familie. Ein Bad gab es nicht, die (Trocken-)Toilette war im Treppenhaus. Die Mieten waren verschwindend gering, was zur Folge hatte, dass die Häuser innen und außen verfielen. Am Ende musste Großmutter ihr Haus an die Stadt verschenken, da das Dach über dem Kopf sprichwörtlich verfaulte. In ihrem Eingangsflur hing aus geschnitztem Holz: »Dennoch!« Eine mich sehr beeindruckende trotzige Ansage, wie sie ihr Leben meistern musste!

Die Kindheit

So war die Wohnung meiner Oma zunächst die Wohnung unserer jungen Familie. Vater war nur sporadisch »Zuhause«. 1948 kam die erste Tochter zur Welt. Ich war der Zweite, geboren 1950. Die »DDR« war ein Jahr alt, die Mangelwirtschaft des Krieges noch nicht vorbei und die neue erst im Aufbau. In meiner Erinnerung war Zwickau eine hässliche, dreckige Industriestadt, bis in die 1980er Jahre war sie geprägt vom Steinkohlenabbau. Ein verheerendes Grubenunglück forderte dort 1960 das Leben von 123 Bergleuten. In den 1960ern, der Blütezeit des Sozialismus, war es die Geburtsstadt des »Trabant«, weil die Firma AUDI/Horch schon früher dort Autos baute. Wenn ich mit der Oma durch die Stadt lief, kamen wir manchmal am Gefängnis vorbei – es hieß damals noch Zuchthaus – das jagte mir einen Schauer über den Rücken. Auch einige verheerende Hochwassersituationen musste die Stadt erdulden.

Wir verbrachten drei Jahre dort. Vater hatte das Studium vollendet und seine erste Pfarrstelle gefunden. Unsere kleine Freikirche entsandte Vater in ein kleines Dorf im Thüringer Wald mit dem schönen Namen Altengesees, keine 250 Einwohner groß. Gewiss hätte er sich eine andere Ecke Deutschlands vorstellen können, aber er war durch die Heirat in der Evangelisch-Lutherischen Freikirche in Sachsen gelandet. Sonntäglicher Kirchgang war natürlich Pflicht für uns und die Gepflogenheiten eines abgeschiedenen Dorfes prägten unsere Kindheit.

Ein kleines Kirchlein auf einer Anhöhe bildet die idyllische Silhouette des Dorfes bis heute. Im Winter war die Kirche nicht nutzbar, dann fanden die Gottesdienste im Pfarrhaus statt. Die Kirchgemeinde bestand vielleicht aus 50 Seelen, sonntags waren gefühlt höchstens 20 Leute im Gottesdienst. Und eine eher noch kleinere Gemeinde im Nachbardorf war zu betreuen. Kein Anlass zu Stresserscheinungen. Oder doch? Ein Pfarrhaus für uns allein, nicht groß, erst wenige Jahre alt im Standard der Nachkriegsjahre gebaut. Kein fließendes Wasser! Trockentoilette! Kalt im Winter, warm im Sommer. Das Frischwasser wurde aus dem 100 Meter entfernten Brunnen in Milchkannen geschöpft und mit dem Handwagen ins Haus geholt. Erst ein oder zwei Jahre später gab es eine Wasserleitung aus diesem Brunnen mit einer elektrischen Pumpe. Erst dann war es möglich, uns Kinder – inzwischen vier – wöchentlich oder nach Bedarf zu baden. In der Waschküche im Keller wurde dann der Wäschezuber mit Holz und Kohle geheizt, die Kinder nach und nach (oder zusammen, des Spaßes wegen) in die Zinkbadewanne gesteckt.

Vater, aus der Berliner Beamtenfamilie, hatte noch nie im Leben einen Hammer oder Spaten in der Hand gehabt. Handwerkliche Fähigkeiten hat man – oder man hat sie nicht – erlernen im späteren Alter ist schwierig. Als Musterbeispiel für die berühmten zwei linken Hände könnte er gut herhalten. So fiel es also Mutter zu, Haus und Garten halbwegs in Ordnung zu halten. Es fiel ihr nicht leicht.

Altengesees liegt 550m über N.N. auf dem Kamm des Thüringer Schiefergebirges, die nächsten Städte sind Lobenstein oder Saalfeld. Bis zur innerdeutschen Grenze nach Bayern sind es keine zwanzig Kilometer Luftlinie, der Frankenwald grenzt unmittelbar an. Verkehrstechnisch war das Dorf in den 1950 er Jahren nicht gut versorgt. Es fuhr ein Bus einmal täglich in die Kreisstadt, allerdings nur vom Nachbardorf aus. Die nächste Bahnstation war 10 km entfernt. Die Straßen waren schmal und kurvenreich und die Winter sehr schneereich. So war die Anreise unserer Verwandten damals eine arge Strapaze, denn eigene Fahrzeuge gab es in unserer Familie nicht. Es muss um 1956 herum gewesen sein, als Vater sich ein Moped anschaffte, später einen Motorroller. Und er wechselte die zu betreuende Parochie der Kirche und war fortan nicht mehr Ortspfarrer, sondern Pastor in der Diaspora seiner Kirche. Diese erstreckte sich damals bis in den Harz und weiter, was zur Folge hatte, dass Vater von Freitag bis Montag nicht da war. Mutter war