Gehwege - Stephan Fischnaller - E-Book

Gehwege E-Book

Stephan Fischnaller

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Beschreibung

Erlebnisse und Ergebnisse auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Persönliche Gefühlsregungen verziert mit humoristischen Situationen, aufschlussreichen Gegebenheiten und historischen Delikatessen. Eine wahre Lobeshymne - samt reichhaltigen Informationen. Inspirierend und gleichzeitig dienlich als Wegweiser.

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Seitenzahl: 320

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Erlebnisse und Ergebnisse

auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela.

Eine Bild- und Geschichtenerzählung über den

Camino Frances von Stephan Fischnaller.

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

Meine Etappen

TAG DER ODYSSEE

EIN MYSTERIÖSER BEGINN

TAG DER MIDLIFE CRISIS

TAG DER FREUDEN

TAG DER HETZE

TAG DES STAUNENS

DIE AUSNAHME

DER FENSTERSPRUNG

DIE AUSZEIT

EINE INNIGE FREUNDSCHAFT

TAG EINER ERSTEN ANTWORT

ENGELSTRÄNEN AUS EIS

DER TAG IN DER EINSAMKEIT

SCHEINT NICHT MEIN TAG ZU SEIN

REGENERATION

EIN TAG IN TRANCE

DIE GELDBÖRSE & DER VOGELSCHIß

TAG DES VERGEBENS

TAG DES WINDES

TAG DER TRANSFORMATION

TAG DER GRENZERFAHRUNG

TAG DER ÜBERRASCHUNG

TAG DES GLEICHGEWICHTS

TAG MEINER ABMACHUNG

TAG MEINER ÜBERWINDUNG

TAG DER 8

TAG DER ENTSCHLOSSENHEIT

TAG DER QUAL

TAG DES UMWEGES

TAG DES SONDERBAREN

TAG DES SPÜRSINNS

DER TAG BLÜHT

25. Juni

RÜCKBLENDE

EPILOG

DANKSAGUNG

XACOBEO 2021

PROLOG

Seit der Jungsteinzeit pilgern Menschen über große Distanzen um wichtige Tempel und Schreine zu besuchen, um Gottheiten anzubeten, die den Gläubigen Gefallen und Hilfe erweisen könnten. Die Gründe für den Besuch dieser heiligen Orte variieren, sind mannigfaltig und größtenteils auch zeitgebunden.

Der berühmteste und beliebteste Pilgerweg ist der Camino Frances, in Nordspanien, von den Pyrenäen bis an die Atlantikküste. Dieser Streckenteil wurde vermutlich auf den Fundamenten einer antiken Römerstraße errichtet.

Nach dem neuesten Stand der Forschung ist der Jakobsweg schon lange vor dem Beginn des christlichen Glaubens eine besondere Kultstätte. Der Ursprung dieses geheimnisvollen Weges ist umfangreicher und komplexer als gedacht und ist stellvertretend für den uralten Glauben an ein Leben im Jenseits, aber auch um mit den Mächten und Kräften des Universums in Kontakt zu treten. Jahrtausendelang besaßen Pilgerrouten eine starke Verbindung zu Magie, Fruchtbarkeitsriten und Wiedergeburt - genährt vom heidnischen Glauben, den die christliche Kirche im Mittelalter als Bedrohung empfand.

Damals war die primäre Absicht des Pilgerns eine Danksagung für erhörte Gebete, aber auch nach Beistand und Unterstützung bitten oder ein Gelübde zu erfüllen. Heilung, aber auch Kriegsangelegenheiten waren Anlaß den beschwerlichen und gefährlichen Weg zu meistern. Mittlerweile wandern Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen und auch Nicht-Gläubige verschiedenste Pilgerrouten mit ganz eigenen Intentionen. Das Unterfangen widerspiegelt die Sehnsucht nach etwas Tieferem, nach einer spirituellen Weiterentwicklung und der Suche nach Ruhe und Frieden - letzteres vorwiegend ein Phänomen der Neuzeit.

Der Pfad insgesamt ist eine heilige Stätte und wohl die Größte der Welt. Das ursprüngliche Ziel der heiligen Pilgerstrecke war nicht Santiago sondern eine Gedenkstätte, die als Portal in die Welt der Toten galt. Die Menschen in der Antike folgten der Via Lactea, also der Milchstrasse, am Himmelsfirmament bis nach Finisterre, dem äussersten Ende der damals bekannten Welt und huldigten der untergehenden Sonne. Dieser Zielpunkt galt als die Schwelle zum ewigen Leben.

Der Venus - der Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit - hat man viele Schreine gewidmet und ihr heiliges Symbol ist die Jakobsmuschel, die wiederum zum Wiedererkennungsmerkmal des Jakobswegs wurde. Es gibt reihenweise Interpretationen hierzu. Sie symbolisiert zumal die offene Hand des Pilgers, diente als Trinkgefäß oder metaphorisch betrachtet, gilt jede Rille als Route, die der Pilger wählen kann; einzig das Ziel bleibt für alle gleich, die Kathedrale in Santiago de Compostela. Seit dem Mittelalter wandern christliche Pilger zur Kathedrale, wo die Gebeine des Heiligen Jakobus, einem Apostel Jesus, unter einem imposanten, goldenen Altar in einem silbernen Sarg liegen.

Den geschichtlichen Überlieferungen zufolge, war Jakobus nach dem Tode Jesus nach Nordspanien geflüchtet, um dort das Wort Christi zu verkünden. Im Jahre 44 n.Chr. kehrte Jakobus nach Jerusalem zurück und wurde verhaftet, wegen Aufwiegelung angeklagt und auf Befehl von König Herodes Agrippa enthauptet. Als Erster der zwölf Apostel erlitt Jakobus den Märtyrertod. Die sterblichen Überreste wurden daraufhin von seinen Jüngern in sieben Tagen über das Meer - gelenkt vom Engel des Herren - nach Galicien herangeschafft. Der Leichnam wurde von der Küste ins Landesinnere, auf einen entlegenen grünen Hügel gebracht und am besagten Ort begraben.

Die letzte Ruhestätte Jakobus geriet in Vergessenheit und wurde erst 830 n.Chr. von einem Einsiedler namens Pelayo aufgespürt. Dank mysteriöser Sternenlichter wurde Pelayo an das verborgene Apostelgrab aus römischen Zeiten geführt. Im Grabe fand man drei Skelette, die eines Heiligen und zweier Begleiter. Einem der drei Überreste fehlte der Schädel, woraufhin die Kirchenoberhäupter zu dem Entschluß kamen, dass es sich um den Apostel Jakobus handelt. Als die Nachricht Alfonso II, den König von Asturien, erreichte, lies er einen Schrein für die Reliquien des Apostels erbauen, demzufolge entstand in den nächsten Jahrzehnten, ein gigantisches Netzwerk mit unzähligen Pilgerwegen nach Santiago. Im Mittelalter pilgerten bis zu einer Million Menschen jährlich nach Santiago. Heute spricht man sogar von elf Millionen Besucher.

Der Jakobsweg wurde während der Reconquista als Propagandainstrument missbraucht. Nach der Invasion der muslimischen Armee aus Nordafrika war die Iberische Halbinsel in zwei Hälften geteilt. Der Camino Frances markiert diese Grenze, von wo aus im elften und zwölften Jahrhundert n.Chr. die Wiedereroberung Spaniens begann. Unter der heiligen Flagge, mit dem Kreuz des heiligen Jakobus, kämpften die spanischen Truppen Schlacht um Schlacht und konnten anfangs des fünfzehnten Jahrhunderts die Kontrolle über Spanien zurückerobern. Der Heilige Jakobus galt als Schutzpatron und bestärkte die spanischen Krieger.

An bestimmten Tagen strahlt die Sonne die Jakobusstatue im Inneren der Kathedrale exakt an. Am 25. März, dem Geburtstag des Heiligen, am 30. Dezember, dem Tag, an dem seine Überreste Jerusalem verließen und am 25. Juli, dem Tag der angeblichen Bestattung von Apostel Jakobus. Fällt der 25. Juli auf einen Sonntag, so wird das gesamte Jahr als „Ano Santo“ bezeichnet und entsprechend zelebriert; so auch im Jahr 2021.

Erlebnisse & Ergebnisse

Pamplona, 27.5.21 - unterwegs auf dem Camino ...

... Posthum in Pamplona am 1.7.21 - unter derselben Trauerweide - meinem Lebensbaum.

24.5.2021

TAG DER ODYSSEE

Pfingstmontag 2021. Nun ist es endlich soweit. Die Entscheidung steht ja schon lange fest - ich gehe diese Herausforderung jetzt definitiv an.

„Wenn du den Schritt erst wagst, sobald du die absolute Sicherheit hast, wirst du ein Leben lang auf einem Fuß stehen.“ - vermeldet Anthony DeMello, und so lustig es auch klingt, so wahr ist es.

Monatelang hab ich mich körperlich auf den 800 Kilometer Camino eingestimmt, bin halb Südtirol - von Kaltern bis Mals abgelaufen - den Rucksack getestet, getragen und neu gepackt. Stundenlang mir Spanischkurse angehört, Coelho und Kerkeling zusammengefasst. Pilgerbücher und Pilgerfilme analysiert. Akkurat das nötige Vokabularium auf Beipackzettel gedruckt - für Notfälle, für Bestellungen oder einfache Konversationen. Din A4-Blätter mit Zielorten, Unterkünften, Wegbeschreibungen und Distanzen zusammengetragen. Meine Westentasche mit allen wichtigen Utensilien, dessen Verfügbarkeit unmittelbar garantiert sein sollte, gefüllt: Kamera - älteren Baujahres und mit limitiertem technischen Firlefanz - oben rechts, Handy - ein eingeschränktes Smartphone der ersten Generation, ohne Datenroaming und somit keine direkte Verbindung mit der global vernetzten Welt - oben links, ein Schweisstuch in der großen Tasche unten links, mein Notizbuch, Stift und der unverzichtbare philosophische Lebens- und Energiespender von Anthony De-Mello „Ritrova la fiducia“ - „Finde das Vertrauen“ unten rechts.

Wochenlang habe ich auf meine neue Identitätskarte und den erforderlichen Credencial - den Pilgerausweis - gewartet. Beim italienischen Pilgeramt in Perugia angefordert; nach Wochen erst aus der Wiener Abteilung erhalten. Und zu guter Letzt auch noch einen irrsinnigen Antigentest über mich ergehen lassen. Dank meiner lieben Freundin Martina, meinem zukünftigen Telefonjoker (dem Retter in der Not) war auch dieses Problem - am Pfingstsonntag - kurzfristig lösbar.

Eine kurze Nacht, eine etwas längere Autofahrt und eine unendliche Zugfahrt (15 1/2 Stunden) - von Mailand nach Paris, 11 U-Bahnstationen von Gare du Lyon nach Gare du Montparnasse - dessen Areal mit gigantischen Vasarely-Kreationen geschmückt ist - weiter nach Bordeaux, Bayonne und abschließend im Schneckentempo mit einer uralten, klapprigen Eisenbahn zum Startpunkt des Camino Frances. Nach einer fast 24stündigen Anreise, stehe ich um 21.30 Uhr am Bahnhof von Saint-Jean-Pied-de-Port. Erstaunt, fasziniert, aber auch etwas melancholisch. Leicht fiel mir der Abschied für mehrere Wochen von Martina, Elfi und meinem verschmusten Kätzchen namens Pina „Pinuzl“ nicht. Aber eine gehörige Portion Willenskraft und eine unfassbare Überzeugung unterstützen mich. Fokussiert auf meine neue Aufgabe und auf die bevorstehenden Hürden, kalibrierte ich meinen Gemütszustand und fand das notwendige Gleichgewicht. Der emotionale Ausbruch des vorherigen Tages vergessen.

Die Landschaft von Bayonne nach Saint-Jean-Pied-de-Port ist atemberaubend. Die Gegend besteht aus weichen Formen, üppig grünen Wiesen, komponierten Wäldern, und ein verspieltes Flüßchen teilt das märchenhafte Tal. Es lädt zum Wandern ein und könnte eigentlich eine Etappe für den Pilgerweg sein, aber der offizielle Camino startet eben erst in Saint-Jean-Pied-de-Port und als Neuling berücksichtigt man gerne die vorgegebenen Pfade. Also, Uhrzeit: 21.30!

HIER BIN ICH, nun! Die Straßen leer. Die Ortschaft wie ausgestorben. Zweifelsfrei unheimlich. Mit Hape‘s Filmbilder kein Vergleich - dort herrscht Jahrmarkt-feeling. Im Ortszentrum dann doch ein paar Gestalten. Ich frage drei Frauen mittleren Alters nach der Herberge und engagiert tippen alle auf ihrem Handy und suchen nach dem Weg. Eigentlich nur um die Ecke und ... siehe da, schon stehe ich auf der Startrampe. Rundbogen, Brücke und Wegweiser nach Santiago. Hier in der Nähe beziehe ich also mein erstes Schlaflager. Diese Gegend ist mir Dank Hape‘s Filmaufnahmen bestens bekannt. Ich bin erleichtert. Ein erster kleiner Schritt mit großer Bedeutung.

Der Empfang in der Herberge „Refuge - Le Chemin vers l‘Etoile“ ist für meine Einschätzung erstaunlich freundschaftlich. Ein Lächeln und ein Ratschlag: „Chi va piano, va sano e lontano - Ultreja!“ - „Wer langsam geht, bleibt gesund und kommt weit

Kurzfristig & langwierig

Dann Paris ...

Gare du Montparnasse ...

Au revoir ...

... Zielbahnhof in den Pyrenäen!

- Ultreija!“ Das motiviert! Im Aufenthaltsraum ist die Stimmung hervorragend. Mehrere junge Leute amüsieren sich, quatschen, lachen, ja - dem Anschein nach, feiern sie. Alle sind bester Laune und ihre Begrüßung ist einladend. Aber ich sehne mich nur nach Ruhe und horizontaler Lage. Die Zugfahrt hat Energie gekostet und nach Reden ist mir überhaupt nicht zumute. Außerdem werden sich unsere Wege in den nächsten Wochen noch kreuzen, denke ich. Falsch gedacht, kein einziges dieser Gesichter werde ich auf dem Jakobsweg wiedersehen. Was die vielen Leute dort machten, ist mir heute noch ein Rätsel.

Ich jedenfalls verstecke mich in meinem Bettlager und fühle erstmals unter meinem Schlafsack diesen ekelhaften Matratzenschutz aus Plastikfasern. Diesen grauenhaften Überzug werde ich in den nächsten fünf Wochen noch öfters aus Hygienegründen über die Matratze auf- und abziehen. Ein klappriges Bettgestell und der quietschende Lattenrost, sowie hellhörige Räume bescheren mir eine unruhige Nacht. Etwas Aufregung und Neugierde zudem. Verständlich! Ich, aber bin bereit!

Wo kein Weg mehr ist, ist der Beginn des Weges.

Manfred Hausmann

25.5.2021

EIN MYSTERIÖSER BEGINN

Geschlafen habe ich in der dichten Kajüte, für 22 Euro, mehr schlecht als recht. Aber das macht meiner Intention keinen Abbruch. Ich will nur noch aus den Startlöchern. Flink packe ich Schlafsack und Rucksack und husche über die Außentreppe hinunter in den Aufenthaltsraum, um mich zu stärken. Als ich über die Glastür den Raum betrete, erschrecke ich gespenstisch. Einem Blitzschlag ähnlich durchfährt mich mit Schallgeschwindigkeit der Gedanke, dass ich schon hier sitze. Elektrisierend! Eine Überreizung sämtlicher Gefühle; ein ergreifender Moment. Krampfhaft und angsteinflößend! Ein junger Mann, anfangs 30, mit schulterlangen, dunklen Haaren, Bartträger und verschlafenem Blick kaut an seinem Frühstücksbrot. Ein Anblick meines Spiegelbildes vor zwanzig Jahren. Wie unheimlich! Wie merkwürdig! Hat das was zu bedeuten? Ein Mysterium? Eine mächtige Irritation!

Kaffee, Brot und die erste Begegnung des Tages verdaut, kehre ich samt Hab und Gut zu Hape‘s Filmkulissen. Dieses imposante Steintor nach Westen ausgerichtet beeindruckt mich nach wie vor und sein Anblick fühlt sich heimisch an. Ich bin gespannt und voller Tatendrang. Überzeugt von korrekter Berichterstattung, starte ich meinen Camino nach dem selben Muster - im Grunde nach einer inszenierten Filmszene - und werde wenige Meter nach Beginn der Strecke skeptisch. Eigentlich sollte ich wissen, dass Film und Wirklichkeit selten übereinstimmen und schon laufe ich den Weg über einen Umweg. Schlussendlich gehe ich einmal im Kreis, bevor ich Saint-Jean-Pied-de-Port in Richtung Santiago für immer verlasse. Dieser unnötige Stadtrundgang nährt meinen Enthusiasmus zusätzlich - wie eben Hape‘s Zitate, seine Erkenntnisse und Erfahrungen - eine große Hilfe und Inspirationsquelle auf der gesamten Tour zum heiligen Jakobus für mich sind. Dank seiner Aussagen sehe ich die Herausforderung mit einer gewissen Lockerheit. Man muss niemandem nix beweisen, außer sich selbst Treu sein und ganz für sich den Rhythmus finden und eben seinen eigenen Weg gehen. Das ist die ultimative Maxime.

Startschuß kurz nach 8

Der Blick nach rechts und nach ...

... links. Ich wähle unnötig die kleine Brücke.

Der Camino wurde eben erst geöffnet ...

Licht und Schatten, Sonne und Regen ...

Der erste Tag hat alles, was ich mir vom Camino erwarte. Steiler Aufstieg, mehrere Schafherden, unnötige Abzweigungen, sinnvolle Abkürzungen, bellende Hunde, Regen, Nebel und Sonnenschein und sogar die ersten Taxidienste kurven über die Almen. Nicht jeder Pilger ist gewillt, die über 1000 Höhenmeter mit Gewicht, umständlich zu bewältigen. Manch einer verschickt den Rucksack und wird lediglich vom Wanderstock begleitet.

Die Drehorte von „I‘ll push you: Der Jakobsweg, zwei beste Freunde und ein Rollstuhl“ suche ich auf und werde fündig. Der Film erzählt die Geschichte von einem Rollstuhlfahrer, dessen Gesundheitszustand sich zunehmend verschlechtert und der den Wunsch äußert, gemeinsam mit seinem besten Freund die hürdenreiche und problematische Pilgerstrecke zu bezwingen. Eine Herkulesaufgabe für beide und es verwundert nicht, dass sie an ihre körperlichen und mentalen Grenzen stoßen. Feinfühlig und sehr berührend - Chapeau! Eine nachträgliche Überprüfung bestätigt auch diesmal, dass weder Tagesablauf noch Streckenabschnitt mit der Realität übereinstimmen. Die Filmsprache besitzt eben eigene Regeln. Dennoch ist es immer wieder aufregend an Filmsets zu stehen und die „Wirklichkeit“ zu betrachten.

Ich bin, wie gesagt, voller Leidenschaft gestartet und zweifle trotz Anstrengung keinen Augenblick am Erreichen von Roncesvalles. Die siebenundzwanzig Kilometer mit allen Höhen und tiefen Schlammwegen verschlucke ich förmlich. Ich bin nicht aufzuhalten. Ich weiss, was ich mir zumuten kann und die kurzen Pausen geben mir die Gelegenheit, die Schultern zu entspannen und der herrlichen Gegend alle Aufmerksamkeit zu schenken, sowie die nötige Energie zu tanken.

Ramona und Catalin mit ihren beiden Kindern Bianca und Tudor waren meine erste Begegnung, genauer gesagt meine erste saloppe Begrüßung mit authentischen Pilgern - meine Definition von wahren Pilgern, die mit ihrem ganzen Hab und Gut, den 800 kilometerlangen Parkour meistern. Im Laufe meines Caminos, an den unterschiedlichsten Orten, treffe ich immer wieder auf diese vier süßen Menschen. Tudor damals noch zehn, Bianca vielleicht dreizehn, gar vierzehn Jahre sind die jüngsten Pilger, die selbstständig den gesamten Camino bewältigen. Eine unglaublich lobenswerte Leistung. Dieser liebenswerte Nachwuchs hat mich schwer beeindruckt. Sie waren immer bestens gelaunt, immer freundlich - Bianca lächelt, Ramona strahlt und Catalin genießt diese Wanderung wie einen Tandemflug. Tudor ist ein ausgesprochen reifer Junge, mit viel Witz und Heiterkeit. Diese Familie ist so lieb und harmonisch, dass sie von mir die Bezeichnung „the sweet family“ bekommt. Jede Begegnung mit dieser Familie erfreut mein Herz und stärkt meine Willenskraft. Kinder und erst recht Jugendliche in diesem Alter begeistern sich für gewöhnlich nicht für so ein Mammutprojekt - doch dieses Kollektiv ist eingestimmt auf diese Herausforderung. Diese vier verkörpern eine authentische Familie, nach dem Motto: Einer für alle, alle für einen! Sagenhaft: Es gibt sie also!

Nicola, ein groß gewachsener Süditaliener aus Taranto - energisch, schlank und Lockenträger - anfangs in Begleitung eines Franzosen - wandert einige hundert Meter hinter mir über die Pyrenäen. Die ersten Worte wechseln wir in Roncesvalles, als wir verblüfft vor verschlossenen Klostertüren stehen und nach einer offenen Herberge suchen. Er verkörpert den typischen Italiener - lässig, ungeniert und kommunikationsfreudig. Er ist erstaunlich sprachgewandt und wirkt selbstsicher. Die Aufschrift „Nepal 300“ auf meinem Rucksack ist der Anlaß ins Gespräch zu kommen. Er selbst hat den Nepal bereits besucht und will heuer den ganzen Jakobsweg meistern. Die faszinierende Erfahrung aus dem vergangenen Jahr, als er nur den letzten Abschnitt nach Finisterre erledigte, war der Auslöser für die gesamte Pilgerroute. Voller Begeisterung, strebt er danach, in diesem heiligen Jahr 2021 jeden Meter zu erleben, zu fühlen und zu transpirieren, erzählt er. An jenem Abend sollten sich unsere Wege nochmals kreuzen, als man ihm das gleiche Zimmer zuweist. Begegnungen mit ihm erfreuen mich immer wieder und der Wortwechsel evoziert ein Lächeln.

Die erste wahre Bekanntschaft ist Luc aus den Niederlanden - also mit Händedruck und soziodemografischen Angaben. Er kommt gerade aus der Dusche, als ich das grüngestrichene zweistöckige Zimmer für vier Personen betrete. Mitte zwanzig, sportlich, helles-leichtes Haar, freundliche Ausstrahlung, höfliche Umgangsformen. Er selbst spricht ein bißchen Deutsch, versteht aber alles. Er hat eben das Studium in Paris abgeschlossen und nimmt sich nun Zeit, Menschen und ihre Absichten, sowie ihre Ziele auf dem Camino zu verstehen. Ich frage mich insgeheim, ob diese Ansammlung an Informationen zu seiner Dissertation gehört? Wir haben uns auf Anhieb geschätzt. Wir sollten uns noch öfters über den Weg laufen und dennoch war uns ein gemütlicher Aufenthalt in einem Pub bei einem frischen Bierchen auf den gemeinsamen Zwischenstationen nie vergönnt.

Dieser erste Tag mit seinem sensationellen Wanderweg über die französisch-spanische Staatsgrenze ist ein Genuß und gilt übrigens als der meist frequentierte Übergang der Pyrenäen seit Urpilgerzeiten. Eine abwechslungsreiche Landschaft, mit kräftigen Grüntönen, weichgeformten Almwiesen, mysteriösen Wäldern und herrlichen Aussichtsplattformen. Die furchteinflößenden Höhenmeter sind spielerisch zu bewältigen. Den Abstieg vom „Ibanetapass“ - wo ein Denkmal an den tödlichen Hinterhalt an Rolando gedenkt - schätze ich jedoch falsch ein. Die dreieinhalb Kilometer bergabwärts absolviere ich zackig, belaste unnötigerweise mein rechtes Knie und ziehe es sehr in Mitleidenschaft. Die darauffolgenden Tage muss ich mit einem elastischen Verband weiterlaufen. Auch Dank der Wanderstöcke kann ich das Gewicht über kurz oder lang auf meine Schultern verlagern und das Bein entlasten, aber dennoch bleiben die Stiche im Knie konstant spürbar. Trotz Schmerzen denke ich nie an einen Abbruch. Nein, kein Thema. Schmerzen sind Teil des Pilgerweges. Sie gehören dazu und man lernt damit umzugehen. Außerdem trage ich bereits den aberwitzigen legendären Pilgerspruch unbewußt in mir: „No pain, no glory!“

Übrigens, das Pilgerhospital Roncesvalles wurde ab dem Jahre 1132 von der ungeschützten Passhöhe an den heutigen immer noch aktuellen Standort verlegt. Das großräumige Ensemble ist schwerfällig, aber beeindruckend und ist ein wahrer Hotspot des Camino Frances. Bei Ankunft im hiesigen Pilgerbüro wird man penibel gemustert, Identitätskarte gescannt und nach den Beweggründen gefragt. Meinem Gefühl nach ähnelt es einem Bewerbungsgespräch und so unterstreiche ich meine Tauglichkeit mit großem Interesse für Religion, Spiritualität und Kultur.

Gleich zu Beginn meiner Pilgerreise bin ich etwas erstaunt, über die vielen Wanderer, die nur mal schnell einige Etappen pilgern. Ich dachte die monumentale Kathedrale im fernen Galicien wäre das Ziel, aber bekanntlich ist ja der Weg das Ziel. Olivier - ein Franzose aus der Nähe von Paris - galoppiert ebenfalls im gleichen Rhythmus den Berg herunter. Zu jenem Zeitpunkt sprechen wir noch kein Wort. Wir werden uns tags darauf wieder über den Weg laufen - als letzte Pilger, die Roncesvalles zu später Morgenstunde verlassen. Er sucht gezielt das Gespräch und ich willige etwas zögerlich ein. Er bedauert gerademal fünf Tage zur Verfügung zu haben und will dennoch einige Etappen laufen und den Spirit fühlen. Zu gerne wäre er bis Santiago gepilgert. Ein junges Liebespaar, das Saint-Jean-Pied-de-Port am Morgen gemeinsam mit mir verlassen hat und an der „Fontaine de Rolando“ auf 1500 Höhenmetern, während des Auffüllens meiner Wasserflasche, ruht, bekundet ebenfalls großes Interesse am ausgedehnten, ja fast grenzenlosen Parkour bis zum Heiligen Jakobus. Sie sind gar nur Tagespilger, welche von der Möglichkeit bis Santiago de Compostela zu wandern, träumen. Ich werde noch etliche Leute treffen, die aus unterschiedlichsten Gründen nur Teilstrecken absolvieren und dafür ihre knapp bemessenen Urlaubstage in Anspruch nehmen. Auf diese Weise braucht manch einer unter Umständen gar mehrere Jahre bis Santiago. Ich habe mir den Luxus gegönnt und die nötige Auszeit einkalkuliert. Keine Verpflichtung. Kein Zeitdruck. Keine Termine sollen mein Unterfangen einschränken. Lediglich ich könnte am Scheitern meines Vorhabens „Schuld“ sein und so sage ich vorerst bedacht und zurückhaltend: „Mein Ziel ist Santiago - ob ich es schaffe, weiss ich nicht!“

Espero lograr la meta - ich hoffe ans Ziel zu kommen!

Uralte & neue Wegmarkierungen

The sweet family pausiert ...

I‘ll push you“ - Drehort ...

Die Grenze zu Spanien ...

Kurz zuvor noch die Wasserstelle ...

Eine Schlammschlacht ...

Das Schlachtfeld

Hier fand der tödliche Angriff auf Rolando statt ...

... und der Wald geheimnisvoll ...

Eine Schutzhütte - kurze Pause ...

Sitzbank & Blick in die Zukunft ...

... und der Abstieg beginnt ...

Ein Märchenwald ...

Ein älterer Pilger mit dem Nötigsten ...

Wegweiser ...

Das alte Gemäuer in Roncesvalles

Das Kloster mit Pilgerbüro ...

Foyer der rustikalen Herberge ...

Für Pilgerverhältnisse top ...

Alles wird strapaziert, aber nicht die Nerven.

26.5.2021

TAG DER MIDLIFE CRISIS

Ich betrete als einer der Letzten den großräumigen Speisesaal dieser antiquierten Herberge. Die Anzahl der Gäste verwundert mich erneut - hab ich doch gestern gerade mal eine handvoll Pilger unterwegs getroffen und stelle nun fest, daß die ohrenbetäubende Kantine bestens besucht ist. Man fühlt förmlich eine freudige Aufbruchstimmung; es klappert und klirrt allseits und an jedem Tisch wird vergnüglich geplaudert, gelacht und geschlürft.

Luc sitzt bereits vor Ort und winkt mir zu. Ich nehme die Einladung gerne an und geselle mich als Schlusslicht an einen runden Rittertisch, an dem Spanisch, Englisch und nun auch Deutsch gesprochen wird. Noch vor dem ersten Schluck Kaffee lerne ich Igor aus Brasilien kennen, einen wahren Globetrotter, wie sich noch herausstellen wird. Diametral von mir sitzt der „Herr Oberkommandant“, der gerade mit seinen Fachkenntnissen oder höchstwahrscheinlich mit seinem Besserwissen zwei hochkonzentrierte Pilger bezirzt. Vorerst bleibt es nur bei einem taktlosen „Hallo“. Mein spärliches Frühstück soll wohl Teil eines typisch profanen Pilgerlebens sein, so werden mir zwei Scheiben Toast, etwas Marmelade, eine Tasse Kaffee und ein „Zumo“ - so heißt der Orangensaft auf Spanisch - serviert.

Luc fragt mich nach meinen Beweggründen und ich offenbare meine berufliche Unzufriedenheit und die einhergehende Kündigung; die geringe Kooperation meiner Chefs und die ungelösten Konfliktsituationen, aber auch meine Lust und das Interesse zukünftig nützliche und taugliche Projekte zu gestalten. Nun wolle ich mein Leben neu justieren und so mancher Ratgeber schickt mich auf den Jakobsweg, ist meine Rückmeldung. Igor beteiligt sich gespannt, aber zurückhaltend an unserem Gespräch, während der „Herr Oberkommandant“ - ein rundlicher, gedrungener Mann mit kurzgeschorenem Haar um die sechszig - energisch und übermächtig auf die anderen Gäste in der Runde einredet. Plötzlich wird seinerseits zum Aufbruch geläutet und in kürzesten Abständen verschwinden blitzartig alle Tischnachbarn - also die gesamte Truppe, während ich noch kaue und den unberührten Zumo vor mir stehen habe. Luc und ich verabschieden uns aufrichtig und sind der Meinung, dass wir weitere Gelegenheiten finden werden, um die ausständigen Absichten ausführlich zu schildern.

Nicola, der sympathische Süditaliener, und ein weiterer Zimmergenosse waren schon frühmorgens aus der Unterkunft verschwunden. Seine geräuschvolle Art der Abreise ist zu jener Morgenstunde grenzwertig, aber jeder Pilgerführer warnt seine Leser explizit vor dieser Spezies Pilger und so hab ich meine Toleranzgrenze vorzeitig hochgeschraubt.

Der heutige Streckenabschnitt unterscheidet sich ziemlich vom ersten Tag, also der Überquerung der französisch-spanischen Bergkette. Die stimmige Landschaft ist hügelig; es geht entlang saftiger Wiesen, durch lichtdurchflutete Wälder, über glasklare Bäche und Flüsse - nie anstrengend, aber ohne Weitblick. Immer wieder durchkreuzt man kleine Dörfer, begrüßt freundliche Menschen, trifft streunende Hunde und desolate Pilgertreffpunkte. Der Anblick einiger spaßiger Pilgerstationen läßt vermuten, dass es hier auch mal närrischer zur Sache gegangen sein muss.

Die Vegetation ähnelt diversen Zonen meines Heimatortes, mal sieht es aus wie in Montiggl - einer kleinen Geländerhebung mit dichtem Föhrenwald -, dann wie auf Castelfeder - einem idyllischen Steinhügel übersät mit Eichen -, und dann wandert man über den Salten - einem harmonischen Lärchenhochplateau. Der letzte Teil nach Zubiri ist nervig und äußerst gefährlich. Der Weg steinig und sehr umständlich. Schräge Schieferplatten säumen den Weg, und jeder Schritt muss überlegt sein. Mein lädiertes Knie duldet keinen Fehlschritt, ansonsten sendet es bedenkliche Signale.

Bedenkliche Empfehlungen schickt mir regelmässig auch mein Intellekt. Den Großteil der Strecke laufe ich alleine und finde immer wieder Gelegenheiten über Vergangenes zu grübeln. Natürlich hab ich meine Gründe formuliert, die Entscheidung minutiös überlegt und den Willen geformt, aber daß mir gleich zu Beginn meiner Expedition die pikante Frage gestellt wird, warum ich wochenlang, tagelang und stundenlang umhergeistere, hätte ich nicht erwartet. Reichlich Ablenkung begleitet den Pilger auf dem Camino, aber zuweilen klopft die Vernunft und weckt den Zweifel. Zu den physischen Schmerzen gesellen sich nun auch psychische Leiden.

Eine Ankündigung

... in 790 Km Entfernung!

Haufenweise Mäuse schwirren herum ...

... hingegen gespentisch einsam sind die kleinen Orte!

Leicht erschöpft und mit mäßigem Enthusiasmus schreite ich die letzten Kilometer voran. Das finale Stück, ein langwieriger Abstieg, und die zwischenzeitlichen Distanzangaben irreführend. Längst glaubte ich am Ziel sein zu müssen, Gehzeit und Entfernung besiegelt zu haben und dann fehlt dennoch eine kleine Ewigkeit. Trotz Müdigkeit laufe ich in der Ortschaft Zubiri, einer leergefegten Westernstadt ähnlich, dreimal die einzige Hauptstraße hin und her. Ich finde keinen Albergue Municipal, nur private Unterkünfte und die sind bekanntlich teurer. Als ich mich kurzerhand entschließe irgendeinen Albergue zu betreten, ruft mir von Weitem Olivier hinterher. Ich bekunde meine Desorientierung, und er zeigt mir den Weg zum Tourist Info. Dort bekomme ich dann den Stempel für meinen Credencial, eine übersichtliche Liste aller offenen Herbergen in Zubiri und den nächsten Stationen in der Provinz Navarra. Obendrein eine informative Streckenkarte bis Logrono. Lächelnd und herzlich gibt mir das junge Fräulein noch einige nützliche Empfehlungen mit auf den Weg. Ich bin beeindruckt von so viel Freundlichkeit und fühle Wertschätzung und Achtung. Ein Balsam für die Seele. Wo ich nun übernachte, ist mir beim Verlassen des Büros dennoch nicht klar. Ich kehre zurück zur Brücke am Ortseingang dieser eigenartigen Wohnsiedlung; der einzige ansprechende Fleck in diesem Örtchen. Alles andere ist nichtssagend und fad und erinnert mich eher an ein typisches Reiseziel - unbedeutend und wenig liebevoll gepflegt - aber touristisch signifikant. Die Auswahl für Übernachtungen ist groß und ich noch ziemlich unerfahren, wie ein ideales Preis-Leistungs-Verhältnis auf dem Camino aussehen sollte. Etwas überdrüssig von meiner Unentschlossenheit, vage ich den Schritt zu einer Pension. Pensionen sind nochmals teurer, bieten aber auch Einzelzimmer. Eine ältere Frau empfängt mich und umwirbt mich, als müsste sie mir das Zimmer erst schmackhaft machen. Sie präsentiert mir die Küche, samt Vorräte und Kochanweisungen, Wohnzimmer mit Entspannungsmöglichkeiten und das überdimensionale Gästebuch. Ein nettes kleines Räumlein im Erdgeschoss, mit ansprechendem Bad bietet sie mir für 25 Euro an. Ich sage zu und dusche erstmal, bevor ich es mir gemütlich mache. In einem kleinen Supermarkt um die Ecke besorge ich mir dann das Abendessen und zwei Bierchen. Nach meiner Rückkehr begegne ich Luc, der sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite einquartiert hat. Er ist hocherfreut und lobt seine Unterkunft; recht hübsch und freundlich, seine Bewertung. Er fragt, ob wir uns auf ein Bierchen treffen und ich danke ab, ich bin zu müde um Gespräche zu führen, erst recht sensible Themen. Wir bleiben immer noch bei der Meinung, daß wir in den nächsten Tagen weitere Gelegenheiten haben.

WhatsApp und Wlan werden ab nun meine ständigen Begleiter in den Unterkünften. Das Einloggen hier aber zum Geduldspiel. Die unerfahrene Gastgeberin und meine Ungeschicktheit führen dazu, dass wir Hilfe von außen brauchen, um eine Verbindung mit draußen herzustellen. Schlussendlich musste man den Router einfach mal neu starten und schon war die „Connection“ da. Daran hab ich einfach nicht gedacht, obwohl ich die Zweckmässigkeit eines Neustartes, z.B. bei Computern, sehr wohl zu schätzen weiss. Im Zimmer erfreut mich zudem ein weiteres dienliches Utensil zur Unterhaltung. Heute ist Europa-League-Finale und wenn ich auch den Massenmedien auf meiner Pilgerreise mit aller Vehemenz fernbleiben möchte, so gestatte ich doch der Welt des Fußball meine sporadische Auszeit zu gestalten. In den nächsten Wochen stehen noch weitere bedeutsame Fußballwettbewerbe an und vereinzelt möchte ich dem Großereignis folgen. Dieses Getöse ist spannend, nervenaufreibend und immer wieder eine bewährte Ablenkung. Ich lehne mich zurück, schlürfe einen Schluck Bier und suche vergebens nach dem TV-Sender. Alles nur regionales oder uninteressantes nationales Geschwätz. Hmm, welch eine Enttäuschung! Nirgends eine Übertragung dieses Sportevents. Live-Ticker auf Sportschau.de ist eine Alternative, aber keine ebenbürtige. Halbherzig informiere ich mich immer wieder über den Spielstand per Fingerdruck auf dem Display. Fußballvergnügen sieht allerdings anders aus. Ich frage mich, wie Live-Ticker eigentlich mit Radio und TV konkurrieren kann. Im Prinzip ist diese Vorgehensweise doch überholt und umständlich, zeitlich verschoben und wenig spektakulär. Eine Notlösung, ja - aber Genuss, nein!

Über Nacht fühle ich mich zunehmend unwohl - das Zimmer erweist sich als feucht und in den Morgenstunden ist von der abendlichen Gemütlichkeit nichts mehr spürbar. Kühl, wie in einem Keller. Ich bin froh, keine weitere Nacht hier zu verbringen, obwohl die Frau sehr freundlich und disponibel ist, ja - sogar etwas zu anhänglich für meinen Geschmack. Ich schreibe ihr meinen Dank ins geschätzte Gästebuch und nach einem Kaffee „con leche“, also Kaffee mit Milch und dem bewährten Zumo in einem naheliegenden Cafè, ziehe ich bei herrlichem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen gegen neun Uhr aus dem unscheinbaren Örtchen ab. Da ist schon kein Pilger mehr vor Ort. Alle weg!

Glasklare Bäche

Eine seltsame einseitige Unsicherheit ...

Ein lückenhafter Übergang ...

Schwerfällig und optisch instabil ...

Hürdenreich

Das Gatter eingerostet und unbeweglich - mit Rucksack auf dem Rücken unpassierbar ...

Ungeschickte Gehwege ...

Unwegsames Gelände ...

Endstation Zubiri!

„Schmerzen“ verschwinden, wenn man andere „Gedanken“ hat.

27.5.2021

TAG DER FREUDEN

Beste Bedingungen

Unproblematisch ...

Eine wohltuende ...

... Ruhe.

Das vermisste Stück ...

Wiederkehrende Aussagen

Liebevoll dekoriert ...

Erfrischende Kellerluft ...

Nötige Pausen ...

Trinkwasser eigens für Pilger ...

Ein hohes Gebäude mit imposantem Gewölbe und akustischem Wiederhall - unterteilt in drei Bettenlager mit mehreren Schlafnischen. Das alte Gemäuer erinnert an eine Kirche. Sauber und freundlich - aber auch schmal konzipiert und pro Pilger räumlich sehr limitiert; wären da nicht die Corona-Vorschriften, die diesmal ausnahmsweise mal etwas Luft verschaffen. Schlafplatz 48 wird mir zugeteilt und ich bekunde meine Begeisterung wie ein Kind. 48 ist mein derzeitiges Alter. Eine Vier-Bett-Nische ganz für mich alleine - dann bleibt doch noch Platz sich zu drehen. Der dazugehörige Innenhof ist weitläufig, teils schattig mit wenigen Sitzgelegenheiten, aber jede Menge Trockenleinen. Die Bedienung meiner ersten Waschmaschine steht heute an. Eine gelassene Stimmung - friedlich, freundschaftlich und erholend - obendrein. Das sollte mich am Ende des Tages also erwarten.

Tag drei und schon sehe ich erstmals auf dem Camino ein sauber poliertes Kreuz am Wegesrand mit der spärlichen Aufschrift: „Fin de Camino - Ramona aus Verona“. Keine weiteren Angaben, aber doch tief ergreifend. Sie sollte bereits hier das Ende ihres Caminos erreichen. Welche Umstände für Familie, Freunde oder vielleicht auch Weggefährten. Viele Gedanken schießen mir durch den Kopf. Das ist ein Denkanstoß. Das kurbelt und wirbelt im Oberstübchen. Hier hole ich tief Luft - nicht wegen physischer Anstrengungen. Ich bleibe für eine Weile stehen. Blockiert gedenke ich der unbekannten Verstorbenen. Der Camino hat doch erst begonnen. Da fehlt doch noch eine ganze Menge. Hier ist schon Schluß? Aber doch nicht hier! Oder vielleicht doch hier, auf dem Weg zu „Gott“, bemerke ich zähneknirschend. Bitter muss ich anerkennen, dass es auch hier sein kann. Des weiteren frage ich mich, ob jemand - ohne Selbstmordgedanken - in irgendeiner Form bewusst oder unbewusst, den Camino als letzten Lebensabschnitt aussucht?

„Gedenke nicht zu viel des Lebens, lebe es!“ - bemerkt Anthony DeMello und wieder lockert seine Aufforderung meinen Gedankenfluß. Ich zweifele, ob ich die Installation mit einer Aufnahme in meinem Bildertagebuch verewige. In diesem Augenblick beschließe ich, dieses traurige Ereignis zur Kenntnis zu nehmen - in Zukunft den Verstorbenen zu grüßen, aber meinen fotografischen Erinnerungen keinen Trauermarsch aufzudrängen. Diese Frau ist nämlich nicht die einzige, deren Weg nach Santiago und auf dem „Camino de la vida“ - dem Lebensweg, vorzeitig endet.

Der Landschaft begegne ich überschwänglich. Ich gehe und staune. Meine Empfindungen und meine Freude steigern sich mit jedem Schritt. Ich bin ganz Pilger. Fühle mich wohl, bin glücklich - bin fröhlich. Ein schmaler Fluß schlängelt sich durch das Tal und wirkt natürlich, verwildert und verwachsen. Die Pflanzen wuchern entlang des Pfades und die Gestaltung der Felder, eine Augenweide. Ich steigere musikalisch diesen Genuß und fühle einen der herrlichsten Momente auf dem Camino. Die musikalische Kost doch recht heftig für so eine harmonische Kulisse, betont indes vorzüglich die Atmosphäre und ergänzt die impressionistischen Farbenklänge. Ein Höhenflug an Emotionen und jene grandiosen Augenblicke werden zu einem galaktischen Highlight.

Ein hochgradiges Highlight ist auch die Wiedererlangung meines Hutes. Ich bin kein Hutträger. Etwas auf dem Kopf tragen, irritiert mich. Auf den ersten Etappen ist ein Hut auch nicht unbedingt zwingend. Viele schattige Zonen erlauben es auch ohne Kopfbedeckung zu pilgern. Ich falte das Teil und stecke es in die Hosentasche. Nach einer Weile merke ich, dass die Tasche leer ist. Oh Schreck - ich bitte innigst, dass ich den Hut wieder finde. Plötzlich ist er mir ungemein wichtig. Ein gleichwertiges Teil zu Rucksack und Schuhe, Stöcke und Wasserflasche. Erschrocken und wehmütig laufe ich mit schnellen Schritten den eben zurückgelegten Weg nochmals. Gute zehn Minuten später treffe ich auf eine französische Dreiergruppe - eine ältere Frau mit zwei männlichen Begleitern im selben Alter. Ich habe die Herrschaften bereits am ersten Tag, am Abstieg nach Roncesvalles gesehen und gegrüßt. Nun stehen alle drei vor einem Brunnen und erfrischen sich. Ich frage angespannt, ob sie einen Hut auf dem Weg gefunden hätten. Die Frau dreht sich zu mir und hält das vermisste Stück in der Hand. Diese Freude kann ich nicht in Worte fassen, und es ist kaum nachvollziehbar, dass mir dieser Hut plötzlich soviel bedeutet. Er ist ein unverzichtbares Utensil. Ab diesem Zeitpunkt hat das Kleidungsstück wahrhaftig den höchsten Platz eingenommen - nun war es ein fixer Bestandteil meiner täglichen Kleidung. Nicht mehr wegzudenken. Egal ob Regen, Sonne oder auch Hagel. Einen gelben Pfeil - einen Pin - mit der Spitze nach oben sollte er ab Logrono (einem kommenden Etappenziel) bekommen und sinnbildlich als Wegweiser für die universelle Kraft über meinem Haupt stehen. Ich danke der Dame von ganzem Herzen; die Meran - meinen Wohnort - als Urlauberin bereits besucht hatte.

Ein herrlich-unvergesslicher Tag mit Begegnungen der Herzlichkeit. Eine einfache Holzkiste als Theke, verschiedene Getränkedosen und frisches Obst. Da steht jemand den ganzen Tag unter einem hohen Strauch in der Hoffnung auf Pilgerscharen und gute Geschäfte. Vor Freude nehme ich einen Apfel und eine Banane, hole mehrere Münzen aus dem Hosensack und biete ihm die Selbstbedienung an - da wir vorher keinen Preis fixiert hatten. Voller Überzeugung wählt er die Zwei-Euro Münze. Na gut, ... etwas übertrieben, aber das soll mir diesen virtuosen Tag nicht vermiesen. Wir wechseln ein paar Worte und freunden uns an. Es war kein Kauf, es war eine Spende.

Pamplona ist umgeben von kleineren Vororten und der Weg bis ins Stadtzentrum gepflastert oder geteert. Einkaufsstraßen, Wohnviertel, Straßenkreuzungen und Alleen gestalten den Camino bis zur nächsten Herberge im Herzen Pamplonas. Im Prinzip die langwierigste Teilstrecke der heutigen Etappe. Doch sie wird kurzweilig. Eine junge Frau namens Marta spricht mich plötzlich voller Überzeugung und Neugierde aus dem Nichts an. Sie ist auf dem Heimweg, in die gleiche Richtung, Richtung Altstadt. Soeben hat ihr Feierabend begonnen und ihr ist nach Konversation. Sie stellt mir eine Menge Fragen, will meine Absichten verstehen; woher ich komme, wo ich gestartet bin, warum ich gehe. Fragen über Fragen. Ausgetauscht werden Bemerkungen und Erfahrungen. Über eine halbe Stunde wechseln wir vom Spanischen ins Englische und brockenweise auch ins Italienische. Irgendwie schafft es jeder sich verständlich mitzuteilen. Am Ende der Brücke kurz vor den Stadtmauern Pamplonas endet unser gemeinsamer Camino. Die 38jährige möchte abschließend in meine Augen schauen; einen Blick in meine Seele werfen, erklärt sie mir. Ich setze meine Sonnenbrille ab, erfülle ihr den Wunsch und gestatte ihr den Blick in mein „Innerstes“. Sie grüßt mich und zieht schweigend davon. Der wahre Glanz meiner Augen offenbart sich erst einige Wochen später, bei meiner Rückkehr nach Pamplona; bis dahin sollte ich den Umgang mit Feuer und Flamme erlernen.

Albergue Jesus y Maria - die erste Adresse für die meisten authentischen Pilger. Es ist auch mein Zielpunkt. The sweet family ist anwesend. Der Brasilianer Igor und viele weitere bekannte Gesichter auf dem Camino versammeln sich in diesen religiösen Gemäuern. Luc sitzt ebenfalls vor dem Eingang und übernachtete im selben Albergue - nicht aber im gleichen Trakt. Auch diesmal schaffen wir es nicht, uns auf ein Feierabendgläschen zu treffen.

Während meine Klamotten im Innenhof des Klosters trocknen und ich zeitgleich einige Gedanken notiere, erscheint plötzlich Loreen - ein Amerikaner aus Kalifornien, der als Sprachdozent in Paris tätig ist - und fragt mich, ob es mich stört, wenn er hier mit seiner kleinen Gitarre musiziert? Ich verstehe ihn nicht sofort, da er hinter seiner festsitzenden „Mascherilla“ (Mund- und Nasenschutz) leise und etwas schüchtern die Frage stellt. Aber nein, antworte ich gelassen und füge hinzu ... aber du verwendest nicht die „Mascherilla“ als Mikrofon? Vermutlich habe ich ihn mit dieser lapidaren Bemerkung verunsichert ... es blieb vorerst bei diesem ersten, distanzierten, kargen Wortwechsel.

Am frühen Abend besichtige ich die navarrische Hauptstadt. Alles ist auf Stier und San Fermes - das weltberühmte Spektakel der Stierhetze - ausgerichtet. Faszinierend und zugleich abstoßend empfinde ich diesen Brauchtum. Die gelassene Atmosphäre und die stimulierende Lebendigkeit dieser Stadt steht im harten Kontrast mit den vorherigen Zielpunkten. Sie überzeugt - ist sauber und abwechslungsreich; die Architektur ganz nach meinem Geschmack. Cafés, Bars und Restaurants prall gefüllt. Diese Stadt ist verführerisch und einladend. Viele junge Leute, reges Treiben. Die Plaza del Castillo ist groß, die Fassaden ein Hingucker, die Altstadt spannend. Das Angebot an Lokalen ist reichlich und die Speisekarten üppig. Ich kehre ein und gönne mir Tapas mit Garnelen und einen Hamburger mit Pommes. Ein großes Bier selbstverständlich. Die Freundlichkeit ist nennenswert und unter anderen Umständen wäre diese Stadt ein wahrer Tourist-Trip. Aber weder meine Bleibe noch mein Drang akzeptieren, dass ich vom Pilger zum Touristen mutiere.

Ich genieße den Aufenthalt und die erwähnte Wiederbegegnung mit dieser herrlichen Stadt wird ebenso aufregend. Bei meinem zweiten Besuch mit Rafa (nach der Pilgerreise), hatte ich die Gelegenheit die richtige Marschroute ins Zentrum zu inspizieren, da ich ursprünglich nicht den vorgegebenen Weg in die Altstadt genommen hatte. Die Stadt wird nämlich durch das Portal de Francia betreten. Ein Wegweiser zu einer anderen Herberge, die aber wegen Corona geschlossenen hatte, veranlasste daß ich über die Plaza del Toro ins Stadtzentrum gelockt wurde.