Geile Zeit - Niclas Seydack - E-Book
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Geile Zeit E-Book

Niclas Seydack

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Beschreibung

»Wichtig, witzig, wehmütig. Gut.«Ronja von Rönne Kindheit in den 90ern. Lego, Nutellabrote und Samstagabend mit der Familie Wetten, dass..? Eine Idylle. Bis zum 11. September 2001. Dann Schweigeminuten in der Schule und die erste Liebe auf ICQ. Verkürztes Studium, unbezahlte Praktika, Berufsstart im Lockdown. Erst eine neue Rechte. Dann ein neuer Krieg. Zwischendurch Trichtersaufen. Es gilt: Je düsterer die Zukunft, desto knalliger die Klamotten. Willkommen im Leben der Millennials. Was für eine geile Zeit! Niclas Seydack, selbst Millennial, erzählt warmherzig von einer kalten Zeit, einer Jugend ohne Helden. Kaum eine Generation musste so früh trotz aller Widrigkeiten Wege finden, das Leben zu feiern. Ecstasy als Erziehung der Gefühle und Trichtersauefen auf Festivals, um mal alles zu vergessen. Zweimal leuchtet der Stern der Millennials hell auf: Lena gewinnt den Eurovision Song Contest. Mario Götze schießt Deutschland zum WM-Titel. Doch das Licht dieser Held:innen verglüht schnell. Nach unzähligen Praktika endlich die erste Festanstellung. Und dann Lockdown. Statt zusammen mit neuen Kollegen sitzt man allein in winzigen Wohnungen oder WGs, die Mietpreise sind astronomisch. Klug und humorvoll fängt Niclas Seydack das Lebensgefühl einer Generation zwischen Dauerkrise, digitalem Aufbruch und einer neuen Sensibilität ein. Während die Millennials erwachsen werden, ist die Welt mehrmals eine andere geworden. Nur Wetten, dass..? feiert noch ein drittes Comeback. »Seydack schreibt so unmittelbar, ehrlich und poetisch, dass man sich fühlt wie auf einer atemlosen Zeitreise von den 90ern bis in die Gegenwart.« Caroline Wahl »Ein Buch wie eine Flaschenpost aus einer anderen, schmerzhaft naiven Zeit. Ein bisschen unheimlich. Aber auch unheimlich gut.« Friedemann Karig

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Seitenzahl: 218

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dies ist der Umschlag des Buches »Geile Zeit« von Niclas Seydack

Niclas Seydack

Geile Zeit

Autobiographie einer Generation

Tropen Sachbuch

Alles, was in diesem Buch steht, ist wirklich passiert. Nur nicht so, wie es beschrieben wird. Die Namen und die Menschen, die sie tragen, sind verfremdet. Viele Anekdoten sind verkürzt, verlängert und dramatisiert, in Ort und Zeit verschoben – und dennoch sind sie alle wahr. Um meine Geschichte zu beschreiben und um zu entlarven, was Menschen prägte, die ungefähr zum gleichen Zeitpunkt wie ich geboren wurden, habe ich mich entschieden, die diskriminierende Sprache der Welt zu reproduzieren, von der ich erzählen will. Diese Sprache ist gewaltvoll. Sie ist sexistisch und queerfeindlich. Sie ist von rassistischen und klassistischen Worten geprägt. Von diskriminierenden Vorstellungen über Körper. Sie bagatellisiert körperliche und psychische Krankheiten. Nur wenn ich klar und ehrlich benenne, wie diese Sprache unser Denken prägte und dieses Denken unsere Sprache bis heute prägt, können wir uns wirklich davon befreien.

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Tropen

www.tropen.de

© 2024 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Zero-Media.net, München unter Verwendung eines Fotos von © Tigran Hovhannisyan Photography, Berlin nach einer Idee von Ann-Marie Domnig

Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen

Gedruckt und gebunden von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-608-50260-2

E-Book ISBN 978-3-608-12352-4

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

AUTOBIOGRAPHIE

Du lernst fürs Leben

Nach tausend Schuss ist Schluss

Davon kriegst du viereckige Augen

Kenn dein Limit!

Du bist Deutschland

Du wirst die Schule noch vermissen

Mach dich unersetzlich

Das könntest du sein

Schluckauf heißt, jemand denkt an dich

GEILE ZEIT

GENERATION

Bist du getestet?

Schickst du mir ’nen Zoom-Link?

Es ist alternativlos

Die Welt ist nur geborgt

Geh doch mal raus

Bevor du gehst

ES IST VORBEI

Dank

AUTOBIOGRAPHIE

Hast du geglaubt, hast du gehofft, dass alles besser wird? / Hast du geweint, hast du gefleht, weil alles anders ist? / Hast du die Scherben nicht gesehen, auf denen du weiter gehst? / Ja, ich weiß, es war ’ne geile Zeit

(Juli)

Auf dem pfirsichfarbenen Teppich in meinem Kinderzimmer beschossen sich die Piraten aus dem Lego-Set Insulaner Tropenlagune und die Astronauten vom Raumgleiter Centurion. Pewpewpew. Natürlich triumphierten die Laser über die Musketen.

Darüber bekam ich gar nicht mit, wie sich meine Eltern drüben im Wohnzimmer Sorgen machten. Deutschland, der kranke Mann Europas. Statt der Wirtschaft wuchs die Zahl der Arbeitslosen. Es gebe »kein Recht auf Faulheit«, sagte der Kanzler. Basta.

Das kleine Dorf, in dem ich aufwuchs, liegt unweit der Ostsee. Ein paar Hundert Erwachsene, die wie überall in Deutschland in Doppelhaushälften wohnten, mit einem Garten davor oder dahinter, dessen Rasen permanent gemäht werden musste. Die meisten Familien hatten zwei Kinder, manche drei oder noch mehr. Jedenfalls war immer jemand zum Spielen da.

Mein Kreis, das waren Malte, Yannick, Marius und ich. Mädchen gab es, soweit ich wusste, auch im Dorf. Die interessierten sich aber vor allem für den Reiterhof mit den Islandpferden.

Meist ging einer von uns zum anderen und klingelte.

»Kann Malte rauskommen?«

Konnte er immer. Zu zweit ging es zum Nächsten. Und wenn wir vollzählig waren, merkten wir, dass wir überhaupt nicht wussten, was wir jetzt eigentlich machen sollten.

Vorbei an der einzigen Bushaltestelle, besorgten wir uns beim Dorfbäcker eine Tüte saure Schnüre. Im Wald dahinter suchte ich nach einem Stock, der sich als Schwert eignete, und prügelte damit den Bäumen die Rinde weg. Malte pinkelte auf Ameisenhaufen und lachte über das panische Ausschwärmen der Krabbelarbeiter, die versuchten, ihre Königin vor dem goldenen Regen zu schützen. Ich schubste Yannick in die Brennnesseln. Yannick schubste Marius in den Dorftümpel, wir lachten. Es war nicht schlimm, weil in unseren Hosentaschen weder Geldbeutel noch Handys waren. Nichts von Wert. Nichts, was hätte kaputtgehen können.

Manchmal konnte keiner. Manchmal durfte selbst Malte nicht raus und ich saß zu Hause.

So wie an diesem Nachmittag im September.

Unser Familiencomputer war von Medion – eigentlich Aldi, aber das zu sagen, galt noch als peinlich: Wir sind ja nicht bei armen Leuten. Dieser Computer war jedenfalls in eine ausziehbare Schrankwand integriert. Darin verfügte jedes Gerät über ein eigenes Fach: die Maus, die Tastatur, der Drucker. Und das Gamepad, auf das ich lange gespart hatte.

Microsoft SideWinder Freestyle Pro. Den Namen sagte ich oft vor mich hin. Ich hatte mir das von den Erwachsenen abgeguckt, die zärtlich Namen von Autos, Schuhen oder Uhren heraufbeschworen: Ferrari. Louboutin. Omega Seamaster 600.

Bevor ich den Tower-PC lässig mit dem großen Zeh einschaltete, rotzte ich die Hausaufgaben hin: Zeichne das Netz eines Quaders mit folgenden Maßen. Die Buchstaben der Ägypter heißen: Hieroglyphen. My name is Niclas, I am eleven years old.

Bei FIFA übte ich Fallrückzieher mit Márcio Amoroso, meinem Lieblingsspieler. Ich spielte, bis meine Schwester endlich mit ihren Talkshows durch war. Bis ich vor den Fernseher durfte. Bis Pokémon losging. Das Intro sang ich immer mit.

Ich will der Allerbeste sein / Wie keiner vor mir war

Meine Schwester verdrehte die Augen, aber die hatte ja auch keinen Plan, wie geil das war: Pokémon gucken. Dazu eine Schale Cini Minis mit warmer Milch aus der Mikrowelle.

Ganz allein fang ich sie mir / Ich kenne die Gefahr!

Ich kenne die Gefahr. Von wegen.

An diesem Tag saß meine Schwester nicht vor ihren Talkshows. Keine Messie-Eltern bei Andreas Türck, die ihre Teenagertöchter anschrien, weil die wie »Schlampen« rumliefen. Keine Männer mit Igelfrisur bei Arabella, die jubelten, nachdem sie ein Vaterschaftstest als Erzeuger ausgeschlossen hatte. Es liefen Nachrichten. Hä, musste meine Schwester die für die Schule gucken oder was?

Ich sah, wie ein Flugzeug in ein Hochhaus flog.

Schon das zweite, sagte meine Schwester. Das zweite Flugzeug, das zweite Hochhaus. Ich sah, wie einer von ganz oben raussprang, aus dem 26. oder dem 111. Stock. Ich hatte so hohe Gebäude noch nie in echt gesehen oder gar betreten. Der Nächste sprang. Er breitete die Arme aus, als würde er einen Fallschirm tragen, aber er trug keinen.

Das war live.

Wieder sprang einer. Die Arme über Kreuz, die Hände an den Schultern. Er machte die Kerze. So wollte ich eines Tages vom Zehnmeterturm springen.

Die Körper fielen schnell. Zu schnell für die Kameras, die sie verfolgten. Wie sie aufkamen, sah ich nicht. In den Straßen flackerte Blaulicht. Die Menschen waren voller Staub und Blut.

Eines der Hochhäuser stürzte ein. Nicht krachend und in alle Richtungen wie der Jenga-Turm auf unserem Wohnzimmertisch. Das Hochhaus im Fernsehen stürzte ganz ordentlich ein. Stockwerk für Stockwerk. Bis keins mehr übrig war.

»Kannst du kurz RTL II anmachen?«

Meine Schwester schaltete um. Pikachu elektroschockte Team Rocket, sie flogen, wie in jeder Folge, in den Himmel: »Das war mal wieder ein Schuss in den Ooooofen!« Am Abend feierten die Fans von Borussia Dortmund, meinem Verein, im Kiewer Olympiastadion den späten Ausgleich von, natürlich: Márcio Amoroso.

Bei Pokémon und im Fußball drehte sich die Welt weiter. Als wäre nichts. Die Politiker in der Tagesschau sagten: »Die Welt ist nun eine andere.« Was stimmte – das eine, das andere oder sogar beides –, ich wusste es nicht. Meine Eltern brachten mich ins Bett und ich bekam einen stummen Gutenachtkuss. Auch sie wussten es nicht.

Am nächsten Morgen stand ich in der Schulaula, in der wir uns zuvor noch nie versammelt hatten. Die Sommerferien waren gerade erst vorbei, mein Schulwechsel von der Grundschule auf das Gymnasium war eine Woche her. Der Direktor sagte, wir würden nun eine Schweigeminute für die Opfer abhalten. Ich fühlte mich unwohl, ich wusste nicht, woran ich in der Stille denken sollte. Den Tod kannte ich nur aus König der Löwen, als Simba seinen Vater anstupste, bis er verstand, dass der nie wieder brüllen würde. Ich schaute zu Boden, auf meine Schuhe: Geox, der Schuh, der atmet. Eine Minute war mir noch nie so lange vorgekommen wie diese.

Ich sehe das Kind, das ich war. Eigentlich sollte es Animes auf RTL II gucken. Mit seinen Freunden im Wald umherstreifen, mit Stöcken Bäume entrinden und auf Ameisenhaufen pinkeln. Stattdessen gedachte es Tausender von Toten in eingestürzten Hochhäusern auf der anderen Seite des Atlantiks.

¬

In die Freundebücher, die bei uns im Dorf rumgingen, schrieben wir, was wir von der Zukunft erwarteten. Die Mädchen schrieben, dass sie mal Dressurreiterin werden wollten. Tierärztin. Kindergärtnerin. Model. So was Langweiliges halt. Malte, Yannick und Marius schrieben Feuerwehrmann, Autoschrauber und Astronaut. Wenn man nur fest dran glaubte, konnte man alles schaffen. Klappte in jedem Disneyfilm so. Die anderen träumten schon von Karriere, ich schrieb: Müllmann. Die fuhren mit Hydraulikkipplader, außerdem kloppten Müllmänner die heftigsten Sprüche.

»Regen ist doch nur flüssige Sonne.«

»Verlass dich auf andere und du bist verlassen.«

»Die ersten fünf Tage nach dem Wochenende sind die schlimmsten.«

Mit meinen Müllmannsprüchen war ich in der Schule der Größte. Ich stellte mir vor, wie gut ich erst als Erwachsener damit ankommen würde. Das geht nicht, sagten meine Eltern. Müllmann sei ein Beruf für Dumme. Passte doch zu mir.

Vor meinem Schulwechsel hatten wir einen Brief nach Hause bekommen, der für Diskussionen sorgte. Herr Holm-Reichert sprach eine Empfehlung für eine weiterführende Schule aus. Das Gymnasium traute er mir nicht zu. Ich störte oft seinen Unterricht. Zappelphilipp, Zappelphilipp. Im Brief stand: mangelnde geistige Reife. Zum Glück verschrieb der Kinderarzt, den meine Eltern ausgesucht hatten, Ritalin nicht so leichtfertig wie seine Kollegen.

Meine Eltern entschieden sich, Herrn Holm-Reichert zu überstimmen. Ich sollte, was sie gewollt, aber nie gekonnt hatten: studieren. Aus ihrem Jungen sollte etwas Anständiges werden.

¬

Es wurde Frühling, Pokémon lief wieder, VIVA, TV total und die Talkshows meiner Schwester. In den Tagen nach 9/11 hatten alle lustigen Shows ausgesetzt. Alle waren sehr ernst. Nur Márcio Amoroso schoss weiter freudig Tore.

Zusammen mit meinem Vater richtete ich mein Zimmer neu ein. Wir strichen die Wände und fuhren dann zu IKEA. Die Möbel, die ich aussuchte, kann man nur schön finden, wenn das Gehirn von den ersten Testosteronschüben vernebelt ist: Pax, Billy, Lack und Poäng, alles in Schwarz. Der pfirsichfarbene Teppich durfte bleiben. Ich hing an ihm, ich hatte ihn mir schließlich selbst ausgesucht. Damals hatte ich auf jedem Teppich im Baumarkt Probe gelegen und den kuscheligsten ausgesucht.

Mir fiel erstmals der EMP-Katalog in die Hände. Darin gab es Poster und Shirts, die exakt meinen Humor trafen. FBI – Female Body Inspector. Logos der Bands, die ich toll fand, zum Aufnähen auf meinen Eastpak-Rucksack. Internetzeugs als echte Objekte, Pikachu-Kuscheltiere und Dragonball-Kaffeetassen. Es gab darin sogar Möbel. Ich bettelte so lange um einen Minikühlschrank, bis ich ihn bekam. Hätte ich noch diesen Spiegel mit der Jack-Daniels-Prägung und würde all die leeren Axe-Deodosen aus der Sammeledition auf dem Regal anrichten, dann wäre mein Zimmer, nein, dann wäre mein ganzes Leben: perfekt.

Kurz nach den ersten Osterferien, nur ein halbes Jahr nach der Sache mit den Flugzeugen, riefen sie uns wieder in die Schulaula. Wieder eine Minute schweigen. Wieder gedenken. Diesmal war es nebenan passiert. Die Toten waren Kinder. Schüler. Wie wir.

Ein Polizist erklärte uns in der Aula, was wir machen sollten, wenn ein Mitschüler versuchen würde, uns zu erschießen. Wie am Gymnasium in Erfurt.

Frau Schwarz, bitte ins Sekretariat. Frau Schwarz, bitte. An unserer Schule gab es keine Frau Schwarz. Diese Durchsage war ein Code für uns: Runter vom Flur. Tür abschließen. Wenn das nicht ging, einen Stuhl unter die Klinke stellen. In den toten Winkel der Fenster. Unter die Tische. Schulranzen sammeln und, falls möglich, zu einem Wall aufschichten. Licht aus, ganz, ganz leise sein. Warten. Bis er kommt. Also der Polizist. Er würde den Amokläufer dann erschießen. Unseren Mitschüler.

Angst vor, sagen wir, Hornissen war nachvollziehbar. Sieben Stiche können ein Pferd töten, drei einen Menschen. Angst vor schlechten Zähnen. Schlechten Noten. Vielleicht noch, wenn man wie ich viel zu früh Final Destination gesehen hatte: Angst vor Holzlastern auf der Autobahn. Aber Angst vor unseren Mitschülern?

Es wurde über Metalldetektoren an den Schuleingängen diskutiert. Videoüberwachung. Einen privaten Sicherheitsdienst. Die Schule als Festung.

Auf dem Weg in den All-Inclusive-Urlaub nach Antalya mussten wir drei Stunden vor Abflug da sein. Shampoo und Zahnpasta in einen durchsichtigen Beutel packen. Eilig die Wasserflaschen leeren. Gürtel und Schuhe aus!

»Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt.«

Diese Durchsage gab es schon vorher. Jetzt klang sie nicht mehr nach Routine. Jetzt klang sie nach Gefahr. Als sei in jedem verwaisten Koffer Sprengstoff. Es war kein völlig abwegiger Gedanke, am Flughafen oder in der Schule erschossen oder von einer Bombe erfasst zu werden. War ich überhaupt noch irgendwo sicher?

Massenvernichtungswaffen.

Guantánamo.

Die Achse des Bösen.

Beim Krieg in dem einen Land machten wir mit, beim Krieg in einem anderen Land nicht. Mein Vater versuchte, mir all das zu erklären. Dabei saß ich auf seinem Schoß, obwohl ich mich dafür zu alt fühlte. Ich verstand gar nichts. Außer: Es werden keine Soldaten und keine Terroristen in unser Dorf kommen. Ich fragte mich, wie er sich da so sicher sein konnte.

Ihm war wichtig, dass ich dabei war, wenn er Tagesschau guckte, um möglichst viel über die Welt zu erfahren. Ständig passierte irgendwo irgendwas Schlimmes. In Madrid explodierten mehrere Bomben am Bahnhof. Wollten wir da nicht in den Ferien hinfahren? Und in der Londoner U-Bahn. Wollte ich da nicht in den Sommerferien zur Sprachschule?

In so einer Medienstation im Saturn hörte ich oft in aktuelle CDs rein. Dabei hatte ich einen Song entdeckt, den ich unglaublich toll fand. Es war keine Elternmusik, die ich mithören musste. Keine Rolling Stones, kein AC/DC. Keine Lieder, die ich nur in Fantasiesprache mitsingen konnte. Hier sang eine Frauenstimme, und ich verstand sie. Es klang, als sänge sie für mich, oder zumindest für jemanden, der ich einmal sein könnte.

Jetzt kommt sie langsam auf dich zu / Das Wasser schlägt dir ins Gesicht / Siehst dein Leben wie ’n Film / Du kannst nicht glauben, dass sie bricht

Ich war verknallt, zum ersten Mal. Die hübsche Sängerin hieß Eva und hatte einen Nasenring. Eva Briegel. Und ihre Band hieß Juli.

Der Song lief ständig im Radio und in Dauerschleife auf meinem iPod. Es war so übertrieben geil, Musik unter meinen Alltag zu legen. Ich konnte mein Leben inszenieren. Beim Radfahren zur Schule mit dem richtigen Song von The Offspring kam ich mir vor wie ein todesverachtender Dirt-Bike-Fahrer. Kein Mensch spürte den Herzschmerz so wie ich, wenn ich innen am Busfenster mit dem Finger die Regentropfen nachzeichnete und Eamon dazu sang:

Fuck all those kisses, they didn’t mean jack / Fuck you, you hoe, I don’t want you back

Die richtige Musik machte das Einkaufen bei Rewe zum Abenteuer. Sie übertönte sogar meine Angst. Und auf der ruf-Jugendreise in Südfrankreich spielten sie Juli jeden Abend in der Disco. Die perfekte Welle. Der Hit unseres Sommers. Der erste Hit meines Lebens.

Im folgenden Winter, kurz nach Weihnachten, schaute ich mit meinem Vater die Tagesschau. Ein Seebeben im Indischen Ozean hatte einen Tsunami ausgelöst. Eine Viertelmillion Menschen starb. Der Song wurde nicht mehr im Radio gespielt. Und auch auf meinem iPod sang die Sängerin nicht mehr für jemanden, der ich einmal werden könnte. Sie sang keinen Song, zu dem wir in vielen Jahren auf Hochzeiten tanzen würden, weil er uns voller Sehnsucht an früher erinnern würde. Sie sang von Zerstörung. Von Elend. Von Leid.

¬

Ich war lange eines dieser Kinder mit Augenpflaster gewesen. Es war notwendig, weil ich schielte. Einer meiner Augenmuskeln entwickelte sich langsamer als der andere. Aufholen konnte der Nachzügler nur, wenn er allein arbeitete. Also musste ich mir das Auge mit dem stärkeren Muskel abkleben. Natürlich klebte da kein medizinisches Pflaster in neutralem Braun, sondern eins mit Dinos drauf. Meine Mutter fand das enorm putzig. Was ich davon hielt, war ihr egal.

Sie fand es auch enorm putzig, mir alle paar Monate einen Kochtopf auf den Kopf zu setzen. Den musste ich festhalten, während sie eine Haushaltsschere aus der Schublade holte, mit der sie sonst Blumenstiele kürzte oder fertig portionierten Parmesan öffnete. Dann schnitt sie mit der Schere einmal um meinen Kopf. Heute heißt so was Bowl Cut. Menschen lassen sich den freiwillig schneiden. Damals nannte man es Pisspottschnitt.

Zum Ende der Grundschule war das Pflaster weg, ich durfte endlich zu einem echten Friseur gehen. Der Wechsel auf das Gymnasium war meine Chance, neu anzufangen. Neu zu beweisen, was ich wert war. Bemessen in der einzigen Währung der Welt: Coolness. Körperlich war da nichts zu machen. Wie mein Augenmuskel war mein gesamter Körper viel zu schwach. Mir blieb nur eines, um innerhalb der Klasse aufzusteigen: der Job des Klassenclowns.

Mein Vater war auf der Arbeit neuerdings digital unterwegs, so richtig mit Computer und E-Mails. Also hatte er mir sein altes Diktiergerät überlassen. Ich saß in meinem Kinderzimmer und rülpste immer wieder in das Gerät hinein. Danach hörte ich mir die Aufnahme an. Leise und schwach klang es. Ich war unzufrieden. Das konnte ich doch besser! Also experimentierte ich. Stellte fest, dass ohne ordentlich was im Magen und reichlich Kohlensäure gar nichts ging. Meine Rülpser wurden erst dann tief und laut, wenn ich vorher mehrere Krabbenbrötchen und einen Liter Cola zu mir genommen hatte.

»RÜÜÜLPS.«

Das perfekte Geräusch. Ein Kunstwerk. Von mir festgehalten. Für alle Ewigkeit.

Allein saß ich auf dem pfirsichfarbenen Teppich in meinem Zimmer und spielte es glücklich den Legofiguren aus dem Raumgleiter Centurion vor. Sie staunten über mich. Aber außer ihnen wusste niemand von meinen Experimenten. Das musste ich ändern.

Malte erzählte in der ersten Pause, was er Langweiliges mit seinen Eltern am Wochenende unternommen hatte – »RÜÜÜLPS«. So harsch unterbrochen, war Malte natürlich blamiert. Die anderen konnten nicht mehr. Wie ein Westernheld steckte ich das Diktiergerät zurück in die Hosentasche.

Im Verlauf des Schultags würden mir jedoch gleich mehrere schmerzhafte Lektionen erteilt werden. Erstens: Was einmal ein großer Lacher war, blieb es nicht automatisch. Schon am Ende des Schultags, wenige Stunden nach der großen Premiere, löste mein »RÜÜÜLPS« bei den anderen rein gar nichts mehr aus. Zweitens: Malte hasste Witze, bei denen er der Dumme war. Nach Schulschluss stieß er mir mehrfach sein Knie in den rechten Oberschenkel. Wie besessen trat er zu: »EISBEIN! EISBEIN! EISBEIN!« Endlich ließ er mich nach Hause humpeln.

Ich musste nachlegen, musste mich selbst toppen, wenn ich wirklich der Klassenclown werden wollte. Ich überlegte, plante, wog ab. Wovon hatte ich am meisten Ahnung und woran die größte Freude? Fußball und – und, und, und? Na klar: Schimpfwörter. Aber es hakte daran, dass ich nicht wusste, was ich daraus machen sollte. Witze gegen meine Freunde, vor allem gegen Malte, kamen nicht gut. Sie führten zu Schmerzen. Ich brauchte etwas, bei dem wir gemeinsam ablachen konnten. Also erfand ich eine Talkshow. Wie die, die sich meine Schwester so gerne ansah. Ich nannte sie: Currys Fickbude.

Imbissbesitzer Curry, den ich spielte, besprach darin mit seinen Stammgästen ausgedachte Fußballspiele. Gast der ersten Ausgabe war Malte. Zunächst wollten wir uns dem Spitzenspiel des Wochenendes widmen. Borussia Schwanzhausen, mein Vorschlag, gegen Maltes Verein. Ich hielt ihm das Diktiergerät hin: »Los, sag was.«

Er guckte mich fragend an und überlegte unendlich lange, ehe er auf einen besonders fantasievollen Namen kam: »1. FC Arsch.«

Spielmacher Achim Hodensack, sprach ich ins Diktiergerät, flankte auf Topstürmer Jürgen Fotze. Der schoss den Ball natürlich nicht ins Tor, sondern hatte ihn vorbei an Frank Pimmel ins Lattenkreuz gefickt. Malte ergänzte, Torhüter Pimmel hatte anschließend richtig zu leiden, und zwar daran, was seine Mitspieler in der Kabine mit ihm anstellten: »EISBEIN, EISBEIN, EISBEIN!«

Ich war ein Pionier, auch wenn mir das damals nicht klar gewesen ist. Currys Fickbude war wahrscheinlich der erste Laberpodcast Deutschlands.

Wir nahmen gerade die neue Folge auf, die ich im Schullandheim unserer gesamten Klasse präsentieren wollte. Dann würde keiner mehr an meiner Begabung als Klassenclown zweifeln. Unglücklicherweise musste mein Vater durch die verschlossene Tür gehört haben, dass es dahinter um Fußball ging. Unsere gemeinsame Leidenschaft. Eines der wenigen Themen, bei dem wir, liebevoller Vater und frühpubertärer Sohn, uns noch etwas zu sagen hatten.

»Na Jungs, was nehmt ihr denn da auf?«

»Ähhh, so ein Hörspiel, wo wir, also, ähm, so Fußballspiele kommentieren, die wir uns ausdenken. So wie in der Sportschau.«

»Muss ja lustig sein, wenn ihr so viel Spaß habt. Darf ich mal hören?«

Stumm händigte ich das Diktiergerät aus. Mein Vater spulte zurück, das Band rastete am Anfang ein.

Scheiße, ey. Er drückte auf Play.

Currys Fickbudäää – fettig, heiß und teuer! / Currys Fickbudäää – garantiert zum Kotzen!

Beim von mir eingesungenen Intro dachte er vielleicht noch, er habe sich verhört. Mein Vater zog die Augenbrauen zusammen. Sein eigener Sohn würde sich ja wohl kaum so etwas Unappetitliches ausdenken. Und auch noch auf dem Diktiergerät aufnehmen, das er ihm überlassen hatte. Ich sah, wie sich im Lauf der ersten Spielbesprechung sein Kiefer anspannte. Als Curry schließlich von seiner brandneuen Spezialität berichtete, der Pissesuppe mit hundertprozentiger Durchfallgarantie, verließ mein Vater das Zimmer.

Kein Wort. Kein Blick. Das Diktiergerät nahm er mit. Kurz darauf forderte er mich dazu auf, ihm das gesamte Archiv von Currys Fickbude auszuhändigen. Ein Desaster. Die Nummer, die mich zum ultimativen Klassenclown Norddeutschlands machen sollte, war geplatzt. Ausgerechnet kurz vor der Klassenfahrt.

Ich packte meinen Koffer. Chips, Cola, iPod, Gameboy Color. Fertig. Bei der unangekündigten Kofferkontrolle zwang meine Mutter mir Unterhosen zum Wechseln auf. Und eine Zahnbürste. Wenn sie meinte, dass ich die bei meiner ersten Klassenfahrt benutzen würde, hatte sie sich aber brutalst geschnitten.

Fast hätte ich aber wirklich etwas Wichtiges vergessen. Die CD mit dem fetten Schriftzug in Silberchrom. Bravo Hits 33. Der zentrale Baustein meines Plans, doch noch zum Klassenclown zu werden.

Für den Abend im Schullandheim Tannenhöhe war Kinderdisco angesagt. Ich hatte vor, unseren Klassenlehrer Herrn Krüger zu überreden, die Bravo Hits abzuspielen. Da sei für jeden was dabei, würde ich sagen. Alles Songs, die sowieso immer im Radio liefen. Das Beste aus den Charts. Genau richtig für die Kinderdisco. Versprochen!

Vor der Disco bezogen wir die Zimmer. Streng getrennt nach Jungs und Mädchen. Das war schon in Ordnung. Mit denen war sowieso nichts anzufangen. Im Flur vor den Zimmern zeigten sie auf uns.

»Bolefoalefah«, sagte Lisa.

»Dielefie Julefungs stilefinkelefen«, sagte Jenny.

»Volefor alefallelefem Nileficlalefas«, sagte Caro.

Sie lachten. Meinten sie – mich? Oder? Sie redeten, als wären sie besoffen. Oder als würden sie den Teufel beschwören. Als hätte man ihnen das Gehirn ausgeknipst. Dass das Löffelsprache war, Löffel wegen dem L und dem F, wussten wir damals nicht. Auch nicht, dass es an anderen Schulen andere Geheimsprachen gab, die nach dem gleichen Prinzip, aber völlig anderen Regeln funktionierten. Mädchen brachten sie sich gegenseitig bei, um sich zu unterhalten, ohne dass wir sie im Ansatz verstanden. Und das fanden die auch noch witzig!

In unseren gefängniszellenartigen Räumen mit quietschendem Linoleumboden und sehr viel sehr hellem Holz waren wir immer zu neunt. Aufgeteilt auf Betten mit drei Etagen. Leute wie Malte, die mit 12 schon aussahen wie 16, durften ihr Bett zuerst wählen. Dem Rest, inklusive mir, erschien das ganz natürlich. Wie eine gottgegebene Ordnung. Malte suchte sich das Bett ganz oben aus. Er beorderte die Vollversager aus der Klasse, die Betten ganz unten zu beziehen. Oben und unten waren verteilt, ich bekam das Bett in der Mitte. Das spiegelte ziemlich gut meinen Status in der Klasse wider. Aber ich wollte niemand sein, der ein Leben lang im Mittelbett schläft.

Im Keller des Schullandheims hingen schwarz bemalte Eierkartons an den Wänden. Es gab eine Musikanlage mit CD-Fach. Und mir gelang es tatsächlich, Herrn Krüger zu überzeugen, die Bravo Hits einzulegen. Die ersten Songs liefen durch.

It wasn’t me von Shaggy.

Ronan Keatings Lovin’ Each Day.

Wheatus mit Teenage Dirtbag.

Alles lief nach Plan. Nach jedem Song gab es eine kleine Pause, bevor der nächste startete. Wir hörten nur den ruckeligen Motor der Discokugel. Die Strahlen ließen unsere ersten Pickelchen glitzern. Zu Survivor von Destiny’s Child tanzten die Mädchen in der Mitte, das sah krass aus. Sie machten nach, was sie in den Musikvideos gesehen hatten. Sie waren in der Lage, ihre Körper flüssig und sogar im Takt zu bewegen. Wir standen außen rum und guckten blöd. Wieder eine Pause. Und endlich: Song fünf. Der, mit dem ich diesen Abend kapern würde.

Das harmlose Riff. Das Schlagzeug. Dazu diese Stimme, die nölte wie Maltes großer Kifferbruder. Wie erwartet verließen die Mädchen schlagartig die Tanzfläche. Mit den Jungs hatte ich auf der Busfahrt zum Schullandheim alles einstudiert. Wir stellten uns schluffig im Kreis auf. Alle grinsten mich an. Und dann schrien wir:

Wir würden einfach liebficken! / Ficken für vier! / Du auf dem Rücken und ich über dir!

Dazu machten wir alle Rammelbewegungen im Stehen. Ein Haufen vorpubertärer Affen, die im Kreis ihre kleinen Hintern nach hinten und vorne warfen und die Arme durchzogen.

Das brachte uns eine Standpauke und mir später nochmal »EISBEIN! EISBEIN! EISBEIN!« von Malte ein, der Sorge hatte, Herr Krüger würde seinen Eltern davon erzählen.

Du lernst fürs Leben

Ohne Toplebenslauf ging gar nichts. Der musste auf eine Seite passen, so viel wusste ich vom Bewerbungstraining, das die Lehrer neuerdings mit uns durchzogen. Eine ganze Seite.

Geburt.

Grundschule.

Gymnasium.

Bei mir war schon nach drei Zeilen Schluss. Ich konnte keine Fremdsprachen, hatte keine EDV-Kenntnisse und half weder bei der Tafel noch im Tierheim. Ich hatte Hobbys, die ich nicht haben durfte. World of Warcraft suchten. Schule schwänzen. Nee, das würde sicherlich niemanden überzeugen. Hmm. Lego? Das hätte zwar gezeigt, wie wichtig mir Kreativität war, stimmte aber schon lange nicht mehr. Und überhaupt: Es signalisierte nicht gerade meine Qualitäten als Teamplayer.

Ich brauchte Geld. Wir alle brauchten Geld. Dringend. Ohne war Feierabend. Manche räumten nach der Schule Regale ein und stapelten Müllsäcke voll zerdrückter Dosen. Obwohl man sie danach sowieso wegschmiss, musste man darauf neuerdings Pfand zahlen. Wir fuhren Pizza aus, hüteten Hunde oder Babys, wir hatten Minijobs. 400 Euro! Steuerfrei!