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Lebensbilder von älteren Völser Bürgerinnen und Bürger
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Biographie, Lebensbilder, Völs am Schlern, Südtirol
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Seitenzahl: 267
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Vorwort der Verfasser
Vorwort des Herausgebers
Theresa Plunger, die
Kreiter Thresl.
Dora Baumgartner, die
Wenzer Lora
Hans Prackwieser,
Gump.
Emma Kompatscher,
Zimmerlianer Emma
Theresia Psair,
Bergler Thresl
Hubert Vikoler,
Defregger
Hugo Kritzinger, Jagdaufseher
Johann Vikoler,
Håachnråaner
Peter Lantschner,
Plåtider Peter
Michl Wörndle,
Hoslrieder Michl
Hedwig Pichler Baumgartner
Anton Kompatscher,
Zimmerlianer Tondl.
Erich Sander
Hilde Mitterstieler,
Spitaler Gråttin
Frida Gamper Harder,
Bethlehmer Frida, Schållerin
Martha Untermarzoner,
Wållner Martha
Ludwig Hellrigl, der
„Viechdokter-Ludwig“
Hans Mair,
Mesner
Luis Rier,
Kreiter Luis.
Adelheid Kritzinger Weißenegger,
Peaternoderin
Karl Mahlknecht,
Kaschele Karl
Rudl Gasser, Schlernwirt
Hans Weinreich,
Zafluner
Urban Haselrieder,
Fråsnschåll.
Adolf Mulser,
Seppelemüller
Johann Federer,
Plåtzer
Rosa Zöggeler,
Kompatscherin.
Elisabeth Planer Gamper, die
Bethlhemerin
Paula Gasser Mahlknecht, die
Siebererin.
Annelies Resch,
Foreser Annelies
Walter Prackwieser
Hans Kompatscher,
Front
Anton Mahlknecht,
Sogerer
Katharina Federer Pallhuber,
Treiplkathl.
Die hier gesammelten Lebensgeschichten älterer Völser betreffen die Geburtsjahrgänge zwischen den 1920ern bis zu den 1950ern. Grundlage der nun als Buch vorliegenden Sammlung bilden Interviews, die im Zeitraum Februar bis Mai 2022 durchgeführt worden sind.
Das Auswahlkriterium der Interviewpartner hing von einigen Faktoren ab: von ihrer Disposition und Erreichbarkeit, ihrem Alter, aber auch von ihrer beruflichen Situation, sollten die geschilderten Lebenserfahrungen doch ein breiteres Spektrum der dörflichen Realität des zwanzigsten Jahrhunderts abdecken. Dem Geschlecht der Teilnehmenden wurde insofern Rechnung getragen, als ein ausgewogenes Verhältnis repräsentiert werden sollte. Auch etwaige besondere Funktionen in der lokalen Gemeinschaft sollten abgebildet werden. Weiter kamen natürlich auch Zufallsfaktoren mit ins Spiel. Zusammenfassend können wir sagen, dass wir uns bei den Interviews bemüht haben, über die Art der Fragestellung ein der damaligen Realität entsprechendes Bild einzufangen.
Der Auswahl der Interviewpartner lag also, wie angemerkt, kein wissenschaftliches Kriterium zugrunde. Sie möge Facetten realer Lebensumstände widerspiegeln und Achtung vermitteln vor den lebensgeschichtlichen und beruflichen Leistungen unserer Mitbürger in harten Zeiten und unter widrigen Umständen.
Völs war im beginnenden 20. Jahrhundert ein kleines Bauerndorf, das nur etwa die Hälfte der heutigen 3.600 Einwohner zählte. Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen waren die Höfe klein und kaum imstande, mit ihren kargen Erträgen die damals noch kinderreichen Familien zu ernähren. Deshalb verdingten sich viele Bauern als Knechte und Tagewerker bei Großbauern. Sie bekamen einen geringen Lohn oder wurden in Naturalien abgefunden.
Völs war, bis 1953 die Völserstraße nach Blumau eröffnet wurde, nur von Norden auf einer Schotterstraße über Kastelruth und Seis erreichbar. Zwei Materialseilbahnen, die von Atzwang nach Völs (beim Winterle – heute Bar Flora) und jene nach Konstantin, versorgten die Völser mit dem Nötigsten. Wenn man „in die Stadt“, also nach Bozen musste, ging man zu Fuß von Völs nach Steg oder Atzwang und nahm dort den Zug. Ging man zum Viehmarkt oder zum Scheidle nach Klausen, so bestieg man den Zug ebenfalls in Steg und Atzwang oder an der Kastelruther Haltestelle. Es war auch Brauch, dass man nach der Hochzeit in der Kirche und nach einem Frühstück zum Fotografen in die Stadt fuhr. Man ging also zu Fuß, bei Schnee, Gewitter und Regen nach Steg oder Atzwang und fuhr in die Stadt, um sich beim Waldmüller in der Museumstraße „ablichten“ zu lassen. Nach einem Mittagessen beim Rössl in der Bindergasse oder beim Sargant ging‘s wieder nach Hause, wo man todmüde, nass und durchgeschwitzt ankam und mit der üblichen Tagesarbeit fortfuhr.
Die 30er Jahre waren eine politisch wie wirtschaftlich äußerst schwierige Zeit. Die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre machte sich auch in Völs bemerkbar: Es gab keine Arbeit und, wenn man nicht der faschistischen Partei angehörte, keine Unterstützung durch den Staat. Aus purer Not haben die Familien ihre Kinder bei den Piccole Italiane oder den Balilla eingeschrieben, damit sie zur Mensa zugelassen wurden und eine warme Mahlzeit erhielten.
Durch die Lex Gentile wurde die deutsche Schule 1923/24 beginnend bei der ersten Klasse abgeschafft. Erst nach der Option 1939 wurden für die Deutschoptanten Deutschkurse eingerichtet. Auch die Völser Kinder haben in der rein italienischen Schule Lesen und Schreiben in italienischer Sprache gelernt, hatten aber große Lücken im Deutschen. Das Schulklima wurde von den meisten aber als angenehm empfunden, da die Lehrer meist kinderlieb waren und ihrerseits wegen ihrer politischen Einstellung strafversetzt worden waren. Besonders in Erinnerung blieben vielen Völsern die Lehrerinnen Maria und Nerina Casati und Frau Gilmozzi.
Die Faschisten waren in Italien durch den „Marsch auf Rom“ im Jahr 1922 an die Macht gekommen und ließen in Bozen das uns allen vertraute „Siegesdenkmal“ errichten. An Stelle eines Bürgermeisters bekam auch Völs einen Podestà, so dass es für die Bürger fast unmöglich war, mit der staatlichen Behörde zu verhandeln. Die Faschisten unterstützen alle italienisch gesinnten Bürger und schlossen alle anderen von der staatlichen Unterstützung aus. Aus diesem Grund sind auch viele Handwerksbetriebe aus Mangel an Arbeit und Unterstützung in Konkurs gegangen. Auch die Sennereigenossenschaft der Bauern musste aus diesen und anderen Gründen den Konkurs anmelden. Bei der Option im Jahr 1939 entschied sich der Großteil der Völser Bürger in der Hoffnung auf ein besseres Leben für die Auswanderung ins Deutsche Reich; nur einige wenige, die über mehr Informationen verfügten und dem „Führer“ misstrauten, stimmten fürs Dableiben. Arme und mittellose Familien verließen in der Folge das Land; die begüterten Bauern blieben zurück. Durch den beginnenden Krieg 1939 kam die Auswanderungswelle zum Erliegen.
Ein besonders ergreifendes Schicksal ereilte in jener Zeit die Familie eines Völser Tischlers. In den dreißiger Jahren ging sein Betrieb aus Mangel an Aufträgen in Konkurs, er wurde bei Kriegsbeginn in den Krieg einberufen und die Frau blieb mit ihren fünf Kindern mittellos zurück. Sie verzweifelte in ihrer Not und kam in die Irrenanstalt nach Hall. Der Mann fiel im Krieg, von der Frau verlor sich jede Spur und die fünf Kinder wurden auf verschiedene Südtiroler Familien verteilt. Ein Völser Kriegsschicksal stellvertretend für viele andere.
Die Kinder der „Deutschoptanten“ wurden in den Krieg eingezogen und mussten an die West- oder Ostfront. Zahlreiche Völser Familien haben ihre Väter, Brüder und Söhne im Krieg verloren. Oft erst Jahre nach dem Krieg kamen die Überlebenden aus der russischen oder amerikanischen Gefangenschaft zurück.
Die Nachkriegszeit brachte ein Aufatmen: Langsam kam die Wirtschaft wieder in Fahrt, man baute aus und um, gab und bekam Arbeit und stieg langsam von dem Getreideanbau auf die Milchwirtschaft um.
Zudem wurde 1953, wie angemerkt, die Bozner Straße eröffnet. Die ersten Völser stiegen von den Fuhrwerken auf Autos und Lastautos um. Zu jenen Zeiten gab es noch keinen öffentlichen Personentransport. Die Frächter stellten an Sonn- und Feiertagen Bänke auf die Ladeflächen ihrer Lastautos, verschraubten sie am Boden und luden die Passagiere zu einer Dolomitenfahrt, ins „Faschatal“ (Fassatal) zu ihren Viechern oder einfach nach Bozen ein. Erst in den frühen 50er Jahren fuhr ein öffentlicher Personentransportdienst, die SAD, zweimal täglich die Passagiere nach Bozen und zurück. Besonders an Samstagen und Markttagen waren die Busse überfüllt; auf der hintersten Bank saßen meist die Grampen mit ihrer Butter, den Eiern, dem Speck und gackernden Hühnern. Die mussten sie lebend zur Kundschaft nach Bozen bringen um zu unterbinden, dass man den Käufern womöglich verdorbenes Hühnerfleisch unterjubelte. War man als Fahrschüler im Bus, musste man, sozusagen als Entgelt für einen Sitzplatz, eine Henne auf dem Schoß halten.
Nun kamen auch die ersten Urlauber ins Land. Vor Schulbeginn am Nachmittag um dreiviertel zwei erwarteten die Schulkinder den Bus aus Bozen, um festzustellen, ob diesem etwa „ein Fremmer“ entstieg. War dies der Fall, kam der alte Schaller, der facchino (Hoteldiener), und begleitete den Fremmen mit den Koffern auf seiner „Radlbega“ (Schubkarre) zu den Gasthöfen Turm, zur Traube oder Wenzer. Da die Gasthäuser die stetig zunehmende Menge Touristen nicht mehr bewältigen konnten, entwickelte sich die Privatzimmervermietung: Jeder, der ein halbwegs standfestes Bett hatte, vermietete an Touristen. Eltern stellten ihr Ehezimmer zur Verfügung, übernachteten in der Garage oder im Heizraum; die Kinder wurden sowieso ausquartiert, kamen „in die Kolonie“ der Cartias nach Cesenatico oder Grado oder, wenn sie zuhause nicht gebraucht wurden oder nur lästig waren, zum Mithelfen zu Verwandten. Nun kam Geld ins Haus und man baute aus und um.
Politisch waren die Zeiten ruhiger geworden. Man war froh, die düsteren Jahre des Faschismus und des Nationalsozialismus hinter sich zu haben und konzentrierte sich mehr auf den wirtschaftlichen Aufschwung als auf die Politik. Einige Völser Bürger nahmen an der Kundgebung 1956 in Sigmundskron teil; im Übrigen pflegte man die Bräuche und nahm aktiv am Vereinsleben teil.
Erwähnenswert ist die Rolle der Frau in jener Zeit:
Das Leben der Frauen war in buchstäblichem Sinn fremdbestimmt. Die weichenden Erbinnen der Höfe sollten nach Abschluss der Pflichtschule kochen, nähen und wirtschaften lernen und zu Hause helfen, wenn sie dort gebraucht wurden. Nur im Winter, wenn es am Hof weniger Beschäftigung gab, durften sie auf den Dienst, bei einem Bauern oder einer Familie in der Stadt und später als Zimmermädchen ins Hotel. Die Löhne waren niedrig, aber in jedem Fall höher als zu Hause; dort gab es als Entlohnung nämlich in der Regel nichts als Kost und Unterkunft. Ziel aller Mädchen war die Heirat mit einem „guten Mann“. Galt man als unbescholten und anständig, sahen die Chancen gut aus. Junge Mädchen hatten akribisch auf ihren Ruf zu achten, denn es gab damals nichts Verwerflicheres als ein lediges Kind. „Gefallene Mädchen“ wurden nicht selten von zu Hause fortgejagt, vom Kindsvater in der Regel gemieden oder verleugnet und mussten allein für sich und das Kind aufkommen. Die Kinder wuchsen meistens in einer Pflegefamilie auf. Eine Braut sollte bei ihrer Hochzeit noch keusch und unbescholten sein; darüber wachte besonders die Geistlichkeit. Als verheiratete Frau sollte man dann möglichst jedes Jahr oder jedes zweite ein Kind bekommen, denn „viele Kinder, viel Gottesvolk“. Auch hat sich noch bis in die 60er Jahre hinein der Brauch der Aussegnung der Mutter nach der Geburt eines Kindes gehalten: Erst nach einem feierlich inszenierten Segen durch den Pfarrer vor der Kirchentür war sie „gereinigt“ und wurde wieder für würdig befunden, das Gotteshaus zu betreten. Natürlich lag diesen strengen Geboten der Grundsatz zugrunde, dass vor allem die Fassade stimmen musste. Wie es der Einzelne mit Ethik und Moral wirklich hielt, stand auf einem ganz anderen Blatt. Der Spruch „Auf der Alm gibt`s koa Sind“, kommt wohl nicht von ungefähr.
Selten durften Mädchen einen Beruf erlernen oder gar studieren. Die Bauernbuben ihrerseits kamen nur als Priesteranwärter zu einem Studienabschluss oder weil sie, sofern es die Familien „vermochten“, rechtzeitig, also vor der Weihe, auf die öffentliche Schule überwechselten.
Weichende Erben hatten nicht viel zu erwarten, denn nach dem „Gesetz des Geschlossenen Hofes“ wurde der Hof seit den Zeiten Maria Theresias dem ältesten Sohn vererbt; die weichenden Erben bekamen nur den Ertragswert und nicht den eigentlichen Wert des Hofes ausbezahlt. Und das war wenig; häufig war es der Gegenwert einer Kuh. Oft hat die Hofübernahme unter sonst in Frieden lebenden Geschwistern Zwietracht und Streit gebracht, die bis zum obersten Gerichtshof gingen und aus dem einzig und allein die Advokaten ihren Nutzen zogen.
Ein Mädchen sollte in jedem Fall also keine weiterführende Schule besuchen, „da sie eh heiratete“. Außerdem wurde sie, wenn sie studieren wollte, verdächtigt, die Arbeit zu scheuen. Nur einige wenige Mädchen dieser Jahre konnten zu Hause eine freie Berufsentscheidung durchsetzen.
So waren die Frauen jener Zeit zumeist fremdem Willen unterworfen; trotzdem haben nicht wenige Frauen, wie es aus den Interviews deutlich wird, mutig, zäh und geduldig ein relativ selbstbestimmtes Leben geführt.
Erwähnt werden muss auch, dass Alkoholmissbrauch bei der ländlichen Bevölkerung weit verbreitet war. Wenn ein Mann viel Wein vertragen konnte, war er ein Kerl. Nicht selten haben vor allem Männer ihre Sorgen im Alkohol ertränkt oder ihr Kriegstrauma auf diese Weise irgendwie in den Griff zu bekommen beziehungsweise zu betäuben versucht. Man muss sich einmal vorstellen, wie viele Männer von Krieg und Gefangenschaft gezeichnet nach Hause kamen und keine Möglichkeit fanden, dieses Trauma zu verarbeiten. So kamen Männer oft betrunken nach Hause und agierten sich je nach Charakter unterschiedlich aus. Ganz schlimm war es für die Kinder, wenn Frauen tranken. Auch das kam vor.
Marta Mulser, Elmar Perkmann
V.l.n.r.: Benjamin Obkircher, Paul Mitterstieler, Elmar Perkmann und Marta Mulser
In Gesprächen mit älteren Mitbürgern ist mir irgendwann der Wunsch gekommen, die Arbeitsabläufe, Bräuche und Lebensformen vergangener Zeiten aufzuschreiben, auch um sie für die kommenden Generationen zu erhalten.
Die Lebensgeschichte eines Menschen ist nicht nur von persönlicher, sondern gleichermaßen auch von historischer Relevanz, indem jede eine der Facetten im Gesamtbild der Zeitgeschichte bildet. Anhand von vierunddreißig Lebensgeschichten haben wir ein Panorama des Lebens, Denkens und Arbeitens in Völs zusammengetragen. Der erfasste Zeitraum erstreckt sich von den frühen zwanziger Jahren bis an das Ende des 20. Jahrhunderts. Beleuchtet werden vor allem private Lebensmomente, die von politischen und wirtschaftlichen getragen und geprägt sind.
Für die Verwirklichung des Projektes konnte ich die beiden Lehrer i.R. Marta Mulser und Elmar Perkmann ins Boot holen. Marta Mulser hegte in Kontakt mit alten Menschen seit langem den Wunsch, ihre Erinnerungen und Erzählungen aufzuschreiben, um sie den Nachkommen zu erhalten, während sich Elmar Perkmann in Veröffentlichungen über die Hexenprozesse, das Schloss Prösels und die archäologischen Ausgrabungen am Peterbühl u.a mit lokalhistorischen Themen befasst.
Um das geplante Buch interessierten Lesern zugänglich zu machen gingen wir daran, aus den Mitschriften der Interviews und den dabei aufgenommenen Audioaufnahmen Lebensgeschichten zu formulieren und sie in ein Gesamtbild der damaligen Zeit einzuordnen. An den vereinbarten Terminen nahm ich, Paul, das jeweilige Interview vor, während sich Marta Mulser an Ort und Stelle Notizen nahm. In der Folge gestalteten die beiden Autoren Marta Mulser und Elmar Perkmann daraus Lebensgeschichten in Erzählform. Der Fotograf Benjamin Obkircher illustrierte den Textteil mit einfühlsamen Portraits und nahm die Auswahl der historischen Fotos aus den privaten Beständen der Interviewten vor. Josef Nössing, Archivar i.R., stand uns eine Zeitlang unterstützend zur Seite.
Wir legen mit der Publikation „Gelebtes und Erlebtes. Lebensgeschichten von Völser Bürgerinnen und Bürgern“ sozusagen ein zeitgeschichtliches „menschliches Museum“ vor und laden interessierte Leser ein, sich darin zu vertiefen. Es freut uns besonders, wenn dieses Buch nicht nur von den betroffenen Familienangehörigen gelesen wird, sondern ebenso von jungen Völser Bürgern, die darin einen Zugang zur Welt ihrer Vorfahren finden mögen.
Ich möchte allen von Herzen danken, die zum Werden dieses Werkes beigetragen haben: den beiden Autoren, die ihrer Arbeit unentgeltlich und mit viel Engagement nachgegangen sind; dem Fotografen Benjamin Obkircher für seine gleichermaßen professionelle wie behutsame Bildgestaltung und Josef Nössing für seine Anregungen in der Anfangsphase. Phillip Perkmann hat 18 der Interviews, die den aufnahmetechnischen Kriterien entsprechen (was leider nicht auf alle zutrifft), auf einer Homepage verfügbar gemacht, um damit ein unmittelbares Fenster in die konkreten Lebensumstände der Interviewten zu öffnen. Auch seine Arbeit stellt er unentgeltlich zur Verfügung. Mein Dank gilt aber natürlich auch und in besonderem Maße dem Vorstand des Heimatpflegevereins und allen Vereinen und Ämtern, die dieses Projekt unterstützt und so erst möglich gemacht haben.
Vor allem aber danken wir den eigentlichen Autoren dieses Werkes, den Interviewten, die uns ohne Ausnahme mit großer Herzlichkeit empfangen und bereitwillig Zugang gewährt haben zu ihrer durchwachsenen und oftmals entbehrungsreichen Lebenswelt.
Paul Mitterstieler, 23. Jänner 2023
Die Interviews wurden von Paul Mitterstieler und Marta Mulser durchgeführt; Marta Mulser und Elmar Perkmann haben die Texte nachbearbeitet. Unterstützt wurde das Projekt weiter von Josef Nössing. Die fotografische Gestaltung übernahm Benjamin Oberkircher.
Um den Lesefluss nicht unnötig zu stören und die Satzkonstruktionen zu verkomplizieren haben wir uns dafür entschieden, die traditionelle Schreibweise zu verwenden: So lassen sich männlich anmutende Begriffe, die bislang ohnedies vorwiegend geschlechtsneutral verwendet wurden, je nach Zusammenhang problemlos auch in weiblicher Konnotation verstehen.
Bei der Getrennt- und Zusammenschreibung von Eigennamen wurde die Getrenntschreibung vorgezogen, wenn auch nicht ausschließlich. So haben wir etwa das Wortpaar Wenzer Edl getrennt geschrieben, um dem Vornamen seine Eigenständigkeit zukommen zu lassen, auch wenn wir im Volksmund die beiden Wörter zu Wenzeredl verschleifen und dabei die erste Silbe betonen. Bei den Hofnamen wurde das Grundwort -hof mit dem Bestimmungswort des jeweiligen Hofnamens verbunden: Gatterpunerhof.
Die Kreiter Thresl
Die Thresl erzählt vom Leben als Sennerin und am Kreiterhof
Der Kreiterhof zählt aufgrund seiner günstig gelegenen und sonnigen Lage zu den schönsten Plätzen in Obervöls. Man überblickt von dort das ganze Dorf Völs, sieht über den Bozner Talkessel hinweg bis ins Überetsch und auf den Ritten. In dieser schönen Umgebung ist die Kreiterthresl aufgewachsen. Geboren ist sie kurz nach Kriegsausbruch am 19. Oktober 1939 in St. Peter in Lajen. Weil ihr Vater, ein Rohvoglsohn aus Ums, die Silberfuchszucht seines Schwagers Hans vom Zimmerlehnerhof betreute, lebte die kleine Familie bis 1948 dort, um dann nach Völs, auf den Kreiterhof, zurückzukehren. Der Vater hatte bereits 1938 vom Oberrauch Sepp den Kreiterhof gekauft, der aber so gut wie unbewohnbar war. Die Behausung war sehr einfach: Es gab den einzig beheizbaren Raum, die Stube, mit dem Lehmofen und der Ofenbrücke. Dahinter war die meist kalte Küche mit dem Sparherd, zwei Kammern für die Eltern, eine für die Buben und Mädchen und eine für den Oberrauch Sepp, der auf dem Kreiterhof das Wohnrecht hatte. Die Knechte schliefen im Unterdach. Sanitäre Anlagen im heutigen Sinn gab es so gut wie keine: Das Plumpsklo war ans Haus angebaut; darunter lag die Sickergrube, die mindestens einmal im Jahr geraggelt (raggln: Fäkaliengrube ausräumen) werden musste, eine Arbeit, die den Männern vorbehalten war. Die als Klopapier zurechtgeschnittene Zeitung durfte nur sparsam eingesetzt werden, damit die Sickergrube nicht zu schnell voll wurde. Vor allem im Winter kostete es Überwindung, die warme Ofenbrücke zu verlassen und im eiskalten Plumpsklo die Notdurft zu verrichten. Das Wasser musste vom Brunnen ins Haus getragen werden, eine Aufgabe, die meist den Kindern und vor allem den Mädchen oblag. Theresia hatte inzwischen ein Schwesterchen bekommen, die Klara. Gebadet wurde meistens an Samstagen oder vor Feiertagen: Dafür wurde viel Wasser in einem Zuber erhitzt. In diesem badeten dann die Kinder der Reihe nach und zum Schluss die Eltern. Der Familiengröße entsprechend war das Badewasser am Ende noch zumutbar oder nicht. Licht spendeten Öllampen oder sogenannte Ölfunzeln (Öllichter), denn nicht alle Höfe waren bei Kriegsende schon elektrifiziert.
Haus und Stadel des Kreiterhofes waren durch einen Balkon verbunden, so dass man vom Haus direkt in den Stall und Stadel gelangte. Die Kreiterfamilie wohnte zunächst beim Zimmerlehner, während ihr Haus umgebaut und elektrifiziert wurde. Mit ihren vier Kühen, einem Schwein, den Hühnern und den Äckern, auf denen Weizen, Roggen und Plent (Buchweizen) angebaut wurden, waren die Kreiter ziemlich autark und hatten genug zu essen, nicht nur für sich, sondern auch für die vielen Stattler-Kinder (Kinder aus der Stadt), die am Kreiterhof ihre Sommerferien verbrachten. Da die Zeiten nach dem Krieg von Entbehrung und Not geprägt waren und vor allem die Leute in der Stadt nicht genügend zu essen hatten, gelüstete es manche Kinder sogar nach dem „Hennengas“ (nasses Hühnerfutter), einem Brei, den die Kreitermutter aus Heupelln (Grassamen), Grischn (Kleie) und Körnern für die Hühner kochte. Unter diesen Sommerfrischlern befand sich ein jüdisches Mädchen, Virginia Eckstein, die auf Vermittlung von Luis Trenker an den Kreiterhof gekommen war und dort neunmal ihre Sommerferien verbrachte. Die Thresl erzählt mit Freude, wie sie diese vor einigen Jahren in Rom besuchte. Gegessen wurde am Morgen Mus oder Friegele (Milchsuppe), später auch Kaffee und Brot. Manchmal gab es – vor allem im Winter – Fleischsuppe. Mittags kamen mit Ausnahme von Freitag und Sonntag Knödel mit Speck, Fastenknödel, Leberknödel und schwarzplentene Knödel (Semmelknödel mit Buchweizen) mit Salat, Sauerkraut, Kobis und Rohnen auf den Tisch. Zu Halbmittag gab es für die Erwachsenen Speck und Breatln (Schüttelbrot), dazu Leps (Tresterwein) und Wasser. Die Güte dieser Speisen hing sehr vom Sparsinn der Bäuerin ab, und nicht selten war die Kost der kleinen Höfe besser als die der großen. Freitag war strenger Fasttag, den man gewissenhaft einhielt. Da gab es Schmarrn oder Omeletten, später auch Pasta asciutta. Reis mit Gulasch war auch bei den Kreitern das Sonntagsessen. In Thresls Jugendzeit befolgte man die Regeln der Kirche noch viel genauer. Vor und nach dem Essen wurde immer gebetet und am Abend gab es den Rosenkranz, den die ganze Familie – zuerst kniend, später dann im Sitzen und oft auch schlafend – jeden Abend absolvierte. Brot gebacken wurde im großen Backofen zwei- bis dreimal im Jahr. Bereits am Vortag wurde das Dampfl (Vorteig) angesetzt, das dann nach völliger Gärung dem Mehl beigefügt und heftig geknetet wurde. Das Kneten des Teiges verlangte die Kraft von starken Männerarmen und war eine schweißtreibende Angelegenheit. Sobald der Teig dann richtig aufgegangen war, formten die Helfer kleine Teigballen, die sie am Schüttelblech auseinanderschüttelten und mit einem eigens dafür vorgesehenen Gerät in den heißen Ofen „schossen“. Das fertige Brot wurde dann meist am Dachboden zum Trocknen ausgebreitet und später in Truhen oder Brotgurten gelagert. Die harten Breatln waren die Jause der Bauernkinder und wurden von diesen gern mit dem Weißbrot der Dorfkinder getauscht. Gewaltig aufgekocht wurde am Kirchtag und an den kirchlichen Feiertagen. Das Menü war köstlich und reichhaltig: Nach einer Frittaten- oder Fleischsuppe und Schlutzkrapfen gab es Braten vom Rind oder Schwein, Wienerschnitzel mit Kartoffelsalat und Granten (Preiselbeeren) und Salat. Als Nachspeise Krapfen, Kniakiechl und Torten. Nicht selten mussten die Mädge und Knechte nach solchen feierlichen Festmahlen einen Ruhetag einlegen.
Nach Besuch der deutschen Volksschule in Völs und der Haushaltungsschule in Bozen kam die Thresl als Sennerin auf die Zimmerlehneralm. Dort wartete eine Menge Arbeit auf sie: Zehn Kühe mussten zweimal täglich mit der Hand gemolken werden; ein Teil der Milch wurde entrahmt, um die Sahne zu Butter zu verarbeiten, ein anderer Teil wurde auf dem Herd erhitzt und nach dem Hinzufügen von Lab abgeseiht. Die Molke wurde zu Käse verarbeitet, das Käsewasser bekamen die Schweine. Butter und Käse waren nur zum Teil für den Eigenbedarf bestimmt und wurden auf dem Markt verkauft, so auch die Hühnereier. Die italienischen Gäste vom Gasthaus Molignon, das früher zur Zimmerlehner Alm gehörte, schätzten die Alm-Sahne als besondere Leckerei. Nur heimlich konnten die Kinder an der Sahne schlecken oder so viel Butter ergattern, wie man sich wünschte. Gebetet wurde auf der Alm wie zu Hause und bei Gewittern, die auf der Alm oft sehr heftig waren. Der Palmbuschen wurde angezündet und dazu der Rosenkranz gebetet.
Frauen bei der Kornernte
Die Kreiterthresl war gern auf der Zimmerlehner-Alm und hat trotz der vielen harten Arbeit den Aufenthalt genossen. Während der Almwoche waren neben den Sommerfrischlerkindern sechs Mahder, vier Recherinnen und zwei Gigger (zwei junge Buben; eigentlich: Hähne) zu verköstigen. An Sonntagen wanderten man auf die naheliegenden Berge, traf sich mit den anderen Almleuten, sang und musizierte zusammen. Die Thresl hatte bereits von ihrem Vater das Gitarrespielen gelernt.
Bei dieser Gelegenheit lernte die Thresl auch ihren späteren Mann Hans Plunger, einen begeisterten Musikanten, kennen. Er hatte bereits vor seinem Militärdienst ein Auge auf die hübsche, junge Sennerin geworfen und war mit ihr in Briefkontakt geblieben. Diese Verbindung wurde schließlich mit der Heirat am 12. Mai 1966 besiegelt. Vier Kinder, drei Mädchen und ein Bub, entsprossen dieser glücklichen Verbindung.
Die Wenzer Lora
Die Wenzer Lora
Der Gasthof Rose Wenzer zählt neben dem Gasthaus zur Traube (beim Windisch; jetzt Metzgerei Pramstrahler) und dem Turmwirt zu den ältesten Gasthöfen von Völs. Er wurde bereits 1593 erwähnt und ist seit 1883 im Besitz der Familie Baumgartner. Die heutige Besitzerin, die Wenzer Lora, wurde am 5. Juni 1930 als Dora Baumgartner im heutigen Gasthof Rose Wenzer geboren. Sie zählt mit ihren 92 Jahren zu den ältesten Bürger*innen von Völs, ist äußerst vital und hält die Zügel des Betriebes noch fest in der Hand.
Die 1930er Jahre waren eine sehr schwierige Zeit, die schließlich ab 1939 nach erfolgter Option (erzwungene Entscheidung zwischen Dableiben oder Auswandern ins Deutsche Reich) zur Auswanderung vieler Südtiroler führte, die in der neuen Heimat Arbeit und Auskommen zu finden hofften. Geblendet von einer übermächtigen Propaganda führte sie viele Südtiroler in den Krieg, in Hoffnungslosigkeit und Elend. Die Reifenstuhls, die damaligen Besitzer des Gasthofes zum Turm, waren die ersten Völser Auswanderer. Sie wurden, geplagt von heftigem Heimweh, in der neuen Heimat nie sesshaft. Die Brüder Edl (der spätere Fercam-Besitzer), Oswald (der Lehrer) und Konrad wurden nacheinander zur Wehrmacht einberufen. Der jüngste Bruder Konrad war erst 17 Jahre alt und musste in den Krieg, wahrscheinlich, weil der Wenzer-Vater kein überzeugter Nationalsozialist war und von einigen Fanatikern angeschwärzt wurde. Die Einberufung dieses jungen Buben traf die Wenzer-Eltern besonders schwer, zumal man von Edl und Oswald keine Nachricht hatte.
In dieser schweren Zeit musste die Dora zusammen mit ihrer Schwester Emma und den Eltern zuhause die Wirtschaft stemmen: Einmal gab es die Arbeit im Gasthaus und die auf den Feldern, denn zum Gasthof Rose gehörte der Wenzerhof mit seinen zwei Hektar Wald, den oberen und unteren Wiesen am Ochsenbühl, den Pardellerwiesen und dem Marxen-Weingart. Neun Kühe mussten gemolken, die Wiesen gemäht und der Weinberg gejätet werden. Von den Alpini hatte der Vater den Muli „Joggl“ erworben, der sehr treu und anhänglich war, aber doch Heimweh nach den Soldaten hatte und ihnen hinterherrannte, als sie auf ihrem Rückzug durch Völs zogen.
Da gab es nur die absolut notwendige Zeit für den Schulbesuch: Zuerst die rein italienische Volksschule bis 1939, dann zusätzlich die Deutschkurse. Nicht einmal das Abenteuer eines langen Schulwegs war Dora vergönnt, denn die Schule fand ab 1938, als die alte Schule für baufällig erklärt worden war, in verschiedenen Gasthäusern statt. Dora ging also fast ausschließlich in ihrem Elternhaus zur Schule.
Nach der Kapitulation Italiens kam es 1944/45 in Völs zu Bombardierungen durch die Alliierten. Dabei war aber nicht Völs von strategischem Interesse und das eigentliche Ziel, sondern die Brennerbahnlinie. Blindgänger richteten am Ochsenbühl, am Loamstickl, am Kreuzwirtshaus und am Altersheim große Schäden an und führten zu mehreren Todesopfern. Heute sind noch die Luftschutzkeller zu sehen, in denen die Dorfbevölkerung Schutz suchte. Als im Frühjahr 1945 wieder einmal die Flieger hinter dem Tschafon hervorkamen, rettete sich die Dora auf Anraten des Pfarrers Ferdinand Kassiel auf den Kirchturm. Dort glaubte sich der Pfarrer in Sicherheit. Dabei wurde Dora direkte Augenzeugin des Angriffs auf das Altersheim in Völs, ein Erlebnis, das ihr zeit ihres Lebens in Erinnerung blieb.
Ebenso lebendig ist ihr die Erinnerung an den abgeschossenen amerikanischen Piloten, der mit seinem Fallschirm beim Santner niederging. Der spätere Kunstmaler Hubert Mumelter und die Frau Hirzl – eine angesehene und wohlhabende Bozner Sommerfrischlerin in St. Konstantin – kamen ihm zu Hilfe und begleiteten ihn ins Dorf, wo ihn der SOD (Südtiroler Ordnungsdienst. Zwischen 1943 und 1944 eine polizeiähnliche Hilfstruppe in Südtirol während der Zeit der Operationszone Alpenvorland) schon erwartete. Die Tschurtsch Berta – eine Dame aus honoriger Bozner Familie – sah den Piloten, füllte einen Krug mit Wasser und reichte ihn dem Gefangengen. Dieser kam drei Jahre nach Kriegsende nach Völs und bedankte sich für diese Gefälligkeit.
Weihnachten 1945 war ein Höhepunkt im Leben der Wenzer Lora: Die erste Nachricht vom Bruder Edl aus der amerikanischen Gefangenschaft war gekommen, und der Bruder Oswald kam am Heiligen Abend nach Hause. Er traute sich vorerst nicht, durch das Waschtlgassl den Dorfplatz zu betreten, da er nicht wusste, ob es sein Elternhaus überhaupt noch gab. Schließlich stand er bekleidet mit einem weißen Alpini-Mantele und mit Schuhen, die mit Draht verknotet waren, vor ihnen. Der Vater war fassungslos und die Mutter kochte sofort eine Brennsuppe, denn sie wusste, wie man mit einem ausgehungerten Magen umging. Der Vater von Peer Walter war als Rücksiedler bei der Mesner Tona untergebracht und spielte zur Feier des Tages auf. Als dann wenig später auch noch der Bruder Konrad unversehrt nach Hause kam, war die Familie wieder vereint und alle Geschwister gingen voller Schaffensfreude ihren Tätigkeiten nach. Dora pachtete 1949 mit ihrer Schwester den Gasthof Völser Weiher, den sie zwanzig Jahre erfolgreich bewirtschaftete. Das Gasthaus Völser Weiher war Ziel der Bozner Jäger, der Kristanzner Hearischen, (die in St. Konstantin in ihren Villen wohnenden Herrenleute - im Unterschied zu den Bauern), der vielen Maiausflügler aus ganz Südtirol und der Völser Schüler beim Baumfest. Wer von den Völsern erinnert sich nicht mit Freude an das leckere Mortadellabrot und den großen Krug Aranciata, den es nach getaner Arbeit gab? Das war ein wahres Festmahl. Andere Köstlichkeiten bereitete Dora den Boznern zu: Da gab es das Schlernomelett, die Weiherente, Hasenbraten, Knödel, Gerste, Schmarrn und noch vieles mehr. Die Begleitumstände für die Wirtschaft am Völser Weiher waren ziemlich hart: Es gab zwar fließendes Wasser und ein Wasserklosett – damals eine absolute Neuheit – aber keine Heizung, keinen Elektroherd, weder Kühlschrank noch Spülmaschine. Zum Frischhalten von Lebensmitteln wurden im Winter Eisblöcke aus dem Weiher herausgeschnitten, die dann bis Ende August zum Kühlen dienten. 1953 erstand Lora ihren ersten Eisschrank, der ihrer Aussage nach die Größe eines Nachtkästchens hatte.
Peterbühl in den 50er Jahren
Nach zwanzig Jahren am Völser Weiher übernahm Dora den elterlichen Betrieb, baute ihn um und erweiterte ihn. Sie war allen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen und passte den Betrieb an die neuen Anforderungen an. Auch heute noch führt die rüstige Wirtin den elterlichen Betrieb und ist von früh bis spät im Einsatz. Kurz gesagt: Einen Gasthof Rose Wenzer ohne Lora gab und gibt es nicht.
Zahlreiche Völser Schüler und Studenten haben in ihrem Betrieb mitgearbeitet und sich etwas dazu verdient. Alle haben Frau Dora Baumgartner als aktive, umsichtige, strenge und gerechte Chefin in Erinnerung.
Hans Prackwieser, Gump
Der Gump Hans erzählt aus seinem langen Leben
Hans Prackwieser, Gump, empfängt uns an der Haustür und freut sich sichtlich über unseren Besuch. Sein Gang ist kerzengerade, der Blick wach; das Alter ist ihm nicht anzusehen. Als der kleine Hans am Jakobitag, dem 25. Juli 1925, am Gumphof geboren wurde, meinte die Mutter, aus diesem Büblein würde wohl nichts Gescheites werden, da er am Samstagabend, also nach Feierabend, geboren wurde. Dem widersprach die alte Schlernmüllerin, die Hebamme, heftig. Sie hob das Bübchen kopfüber an den Beinchen hoch, begutachtete es von allen Seiten und sagte dann voller Überzeugung: „Oha du, do wersch du di teischn. Und der werd no der Ergschte!“
Und so sollte es auch kommen. Hans wuchs mit vier älteren Schwestern und einem Bruder auf. Im Jahre 1931 schulte Hans in der italienischen Schule in Blumau ein und besuchte sie bis zum Jahre 1939. Die Unterrichtssprache war rein italienisch, Deutsch sprach man nur auf dem Schulweg. Die älteren Schwestern waren gute Schülerinnen, so dass dem kleinen Hans schon ein guter Ruf vorauseilte. Tatsächlich fiel auch ihm das Lernen leicht, und außerdem war er ein eifriger Ministrant von Pfarrer Eccli in Blumau.
Oft und mit sichtlichem Wohlgefallen erwähnt der Gump Hans seinen Vater, der ihm, obwohl er als Kriegsinvalide schwer zu leiden hatte, eine große Stütze war. Er hatte im ersten Weltkrieg gedient, war nach Kriegsende zwei Jahre lang im Lazarett, behielt einen krummen Fuß und tat sich schwer beim Gehen. Trotzdem scheute er nicht den langen Weg nach Völs, um beim Pfarrer Kasseroler das Taufwasser und den Chrisam für den Blumauer Pfarrer zu holen.
1939 schulte Hans nach acht Schuljahren aus. Sein Vater war froh, endlich eine Hilfe bei der vielen Arbeit auf dem Hof zu bekommen, denn der 1913 geborene Bruder Toni war zuerst zwei Jahre beim Militär, dann im Abessinienkrieg und schließlich im Zweiten Weltkrieg gleich nach Kriegsbeginn einberufen worden. Aus diesem sollte er nicht mehr zurückkehren.
Hans stellte sich geschickt an und ging seinem Vater schon bald tatkräftig zur Hand. Der Gump Hof hatte zwar schon damals einige Rebstöcke, war aber nicht vergleichbar mit dem heutigen florierenden Weinbaubetrieb. Die Gump hatten vier Kühe, ein paar Ochsen und Schafe. Die Wiesen lagen weit entfernt: beim Schneiderle, beim Knieberger und unter dem Schloss Prösels. Rund um das Haus gab es Äcker, die aber wegen ihrer Trockenheit nur wenig abwarfen. Roggen gedieh einigermaßen, nicht aber der Weizen. Da die Äcker steil waren, musste alle paar Jahre die Erde an das obere Ackerende hinaufgegrattelt
