Geliebte Männer - Dagmar Höffken - E-Book

Geliebte Männer E-Book

Dagmar Höffken

0,0

Beschreibung

Männer offenbaren sich mir, sie legen mir ihre Seele auf den Tisch, machen sich nackt, nehmen mich ganz tief mit hinein in ihre Gefühlswelt. Wieso ist das so, habe ich mich gefragt? Männer haben mich geprägt. Leid und Tod, aber auch Lust, eine große Lebenslust verdanke ich ihnen, die Lust zu lieben, zu essen, zu reisen und zu leben. Ehemänner, Geliebte, Vater, Bruder, Förderer, Mentoren, Freunde. Mann für Mann, raus aus einem gewalttätigen Elternhaus mit strengen, engen Konventionen, rein in ein selbstbestimmtes, lustvolles Leben. Mein Buch gibt in 39 Geschichten Einblicke in mein reiches, aufregendes, verrücktes Leben.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 95

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für meinen Seelenverwandten, von dem ich mich bedingungslos geliebt und begleitet fühle.

Inhalt

Leben oder Sterben

Mit allen Sinnen

Fels in der Brandung

Tellerberge

Verliebtheit und Tod

Europäische Liebeleien

Der Seemann

Lehrer Lempel

Mein Mentor Henri

Verpasste Chancen

Haute cuisine

Vater, Bruder, Freund

Der Philosoph

Der große Unbekannte

Seven seconds

Freischwimmen

Le Parfum

Ein Lichtblick

Tausend Tränen

Die Befreiung beginnt

Gleichgesinnter

Amour fou

Ein kleines Wunder

Martini bianco

Leidenschaft zur Sprache

Ein Meilenstein ist geschafft

Magische Hände

Mein Vorbild

Die Macht der Farben

DJ Pete, der Glücksbringer

Der Koch

Jojo

Die Erdbeere

Lust

Vereinigung

Erotik

Irrungen und Wirrungen

Der Erlöser

Bis dass der Tod uns scheidet

Making off

Danksagung

Leben oder Sterben

Das Blut fließt aus meiner Nase. Es tropft nicht. Es fließt. Unaufhörlich. In weißen Tüchern wird es aufgefangen, weil Taschentücher nicht ausreichen. So viel Blut. Die Farbe ist schön. Intensiv. Eindringlich. Ich sitze in meinem Kinderzimmer auf einem Stuhl im Halbdunkeln, links von mir meine weinende, völlig aufgelöste Mutter, rechts meine kleinere Schwester, auch weinend?

Ich erinnere mich nicht. Ich bin klein, sieben Jahre alt, vielleicht acht. Woran ich mich wohl erinnere: Ich werde sterben, wenn nicht bald etwas passiert. Vielleicht endet heute Nacht mein Leben, denke ich. Aber da ist keine Angst. Ich bin ganz ruhig. Vielleicht ist es besser so, denn so schön ist das Leben nicht, nicht in meiner Kindheit, geht es mir durch den Kopf. Und du musst stark sein, weil alle anderen schwach sind. Schon gefühlt Stunden sitze ich hier, es ist inzwischen Nacht, stockschwarze Nacht, vor deren Schwärze ich mich oft fürchte. Wie spät es ist? Ich weiß es nicht. Überall verteilt liegen die blutgetränkten, weißen Tücher. Wie viel Blut ist da drinnen in meinem kleinen Kinderkörper? Bald ist es alle, ich blutleer und tot. Aber wo überhaupt ist der Verursacher dieser Misere? Er tritt in dieser Nacht nicht mehr in Erscheinung. Er ist nicht da, verschwunden, unsichtbar.

Denkt er nach?

Hat er Angst?

Betrinkt er sich?

Meine Mutter ist da, aber ohnmächtig. Sie müsste mich packen und ins Krankenhaus fahren oder einen Arzt rufen. Doch was dann? Das ganze, sorgfältig zusammengebaute Kartenhaus würde in sich zusammensacken. Alles hin, die schöne Fassade von der heilen Familie mit vier Kindern. Der Vater trinkt.

Der Vater schlägt.

Nicht nur die Kinder, auch die Mutter.

Es sollte ein schöner Abend werden, alles war liebevoll gedacht und intendiert. In der Vorweihnachtszeit in die Kinderoper, »Hänsel und Gretel«, schöne Garderobe, alle fein herausgeputzt, nach außen ist alles perfekt, doch der Schein trügt. Im Auto auf dem Rückweg gibt es Streit zwischen mir und meiner Schwester. Wahrscheinlich eine Kleinigkeit, eine Eifersüchtelei, wer weiß. Der Vater ist entnervt, seinem Willen nach Ruhe wird nicht nachgegeben. Und zu Hause knallt‘s. Die große, kräftige, schöne Männerhand schlägt voll zu. Wie immer rechts, links ins Gesicht, immer wieder mit Kraft, brutal, haltlos, uferlos, irgendeine Wut, eine Macht bahnt sich ihren Weg, schlägt hemmungslos zu. Es gibt kein Einhalten mehr, kein Entrinnen. Er ist wie im Fieber, wie ferngesteuert, nicht er selbst, ein Monster. Diese mächtige Hand, wie sie auf das kleine, feine, ernste Gesicht hernieder schleudert.

Und dann fließt es, das Blut, aus der Nase und mag nicht innehalten. Die Trauer, die Ohnmacht, die Angst. Trotzdem der Tod erscheint schön, geradezu sehnsüchtig erwartet. Dabei kann genau diese Hand auch so viel Zärtlichkeit schenken, sonntags im Ehebett der Eltern. Ich rechts, die kleine Schwester links, liebkost diese Hand meinen Rücken. Ohne viele Worte gibt es diese Momente voller Zärtlichkeit, Wärme und Geborgenheit.

Ich entscheide mich für das Leben und irgendwann in der Nacht kommt doch noch der ersehnte Augenblick. Das Blut verbleibt im Körper, es versiegt und schenkt mir mein Leben.

Mit allen Sinnen

Wir fliegen nur so dahin durch die heiße, von unendlich vielen Düften geschwängerte Luft. Rosmarin, das Salz des nahen Meeres, die Orangenblüten. Das tiefblaue Meer zur Rechten, die Berge zur Linken, Mandelbäume, Orangenbäume, Olivenbäume, die rötliche Erde fliegen an uns vorbei. So eine sinnliche Insel. Hier beginnt meine lebenslange Liebe zu diesem Eiland. Auf dem Rücken einer Vespa, eng geschmiegt an den starken Rücken meines Vaters, die Arme um seinen Körper geschlungen, eine Einheit. Mich durchdringt sein Gefühl, sein Gefühl von Freiheit. Er teilt es mit mir durch seine Haut, es springt über von Herz zu Herz und ich fühle mich mit ihm frei, nur in diesem Hier und Jetzt, in diesem Augenblick. Ich fühle mich ihm ganz nah, ich fühle mich sicher, ich bin glücklich. Ich bin die Auserwählte von vier Kindern, die mit ihm fahren darf, eine Tagestour über die Insel. Nur wir zwei, keiner stört, keiner spricht, wir sind verbunden. Pures Genießen. Jede Sekunde, jede Minute, jeden Augenblick sauge ich in mich hinein. Tausende von Screenshots trage ich seither in mir.

Eine alte Brücke in Pollenca, die Carrer del Calvari, die Treppe, 365 Stufen hoch zum Kalvarienberg in meinem dünnen Baumwollkleid, meine gebräunten, dünnen Beine, die Füße in den blauen Riemchensandalen erklimmen leichtfüßig den Berg, neugierig, beschwingt, unbeschwert. Nie zuvor habe ich so einen intimen, nahen Augenblick mit meinem Vater geteilt. Nur wir zwei, Menschen auf Augenhöhe wortkarg und doch ganz tief verbunden. Unsere Seelen haben sich berührt, nur einmal. Es werden zwei weitere Male folgen in unserem langen Leben, immerhin. Das Blut ist versiegt. Dieser Augenblick steht neben dem Anderen in krassem Gegensatz, unwirklich, unglaublich und doch ganz real. So bleibt es unser Leben lang, diese Ambivalenz zwischen Zartheit und Härte, zwischen Freiheit und Enge, zwischen Liebe und Hass.

Noch häufig kehre ich auf diese Insel zurück. Immer wieder zieht mich die Sehnsucht an diesen magischen Ort. Alleine, mit meinen Ehemännern, der Familie, später gibt es hier eine Amour fou. Überhaupt die Sehnsucht, meine ständige Begleiterin, immer irgendwie schwer und intensiv. Ich lerne sie kennen und erlaube ihr, mich zu begleiten. Ihr, die mir häufig ein Gefühl vermittelt, nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Die, die auf eine nicht beschreibbare Weise mit dem Tod verwandt zu sein scheint, vielleicht sind sie auch eins, meine Sehnsucht und meine Todessehnsucht, wer weiß. Später am Tag schlängelt sich die Vespa die Serpentinen hinauf zum Cap di Formentor, dem Treffpunkt der Winde, wie die Mallorquiner es liebevoll nennen.

Der endlose Blick über das Meer, das mir zu Füßen liegt, bewegt und doch stetig und unumstößlich, unergründlich, das so vieles erlebt hat, in dessen Tiefen sich ein anderes Leben abspielt, abgeschirmt von unseren Blicken, fremd und geheimnisvoll, der Lebensraum so vieler Wunder und einmaliger Lebewesen. Neugierde und Faszination für die Unterwasserwelt begleiten mich ein Leben lang. Bei seinem Anblick wieder die Sehnsucht, einfach darin zu versinken, schwerelos zu treiben, losgelöst, sorgenlos, frei, eins werden mit dieser Ursuppe.

Den ganzen Urlaub über mache ich lange Spaziergänge mit meinem Bruder am schier endlosen weißen Sandstrand in der Bucht von Alcudia, in der zu dieser Zeit nur unser Hotel steht, sonst nichts. Und sammle Muscheln, je kleiner, desto begehrter. Das Perfekte im Miniformat fasziniert mich ungemein. Es gibt winzigkleine, grüne Schneckenhäuser. Ich sammle sie in einer fremd anmutenden Streichholzschachtel, die ich bei der Abfahrt in der Schublade des Nachtschränkchens vergesse. Den Verlust bemerke ich erst am Flughafen und bin völlig aufgelöst. Ich will zurück, meinen Schatz holen, in dem alle Eindrücke dieses Urlaubs schlummern. Der Schmerz und die Trauer sind groß, keiner in meiner Familie versteht dieses dumme, kleine Mädchen mit seinen merkwürdigen Gedanken und Sehnsüchten. Und so fliegt die Sehnsucht mit nach Düsseldorf und 22 Jahre später bringt sie mich zurück auf meine Insel.

Fels in der Brandung

Wie ein Fels stand er da, unten an der Brücke. Und ich habe mich auf meinen Rollschuhen den Hang runter gewagt. Ich wurde schnell und immer schneller, überwand meine Angst, denn unten stand er und fing mich mit seinem massigen Körper auf.

Wie in ein dickes Kissen ließ ich mich in ihn fallen. Welch ein riesiges Vergnügen. Immer wieder und wieder, ihm wurde es nie zu viel, bis er mich todmüde nach Hause zog. Ich hatte absolutes Vertrauen in ihn, er war einfach verlässlich da. Ansonsten machte er nicht viele Worte, aß gerne und rauchte dicke Zigarren, was ich auch sehr mochte, diesen strengen Geruch des Tabaks. Ich erinnere mich lebhaft an die Feste in der kleinen Wohnung, alles stand voller Köstlichkeiten, die meine Oma in tagelanger Vorbereitung kreiert hatte. Es gab kaum genug Platz für die Gäste und es wurde endlos geschlemmt, geredet und geraucht bis alle zufrieden und satt in der blitzblauen Bude saßen, ich oft geborgen auf seinem Schoß. Nie hatte er eine Erwartung oder Kritik, nie kamen Worte aus seinem Mund wie »Sei mal still, sei nicht so vorlaut, iss ordentlich!«. Ich durfte einfach Ich sein, wenigstens bei einem Menschen in dieser Familie und so wurde meine Kindheit durch die verbrachten Stunden mit ihm aufgehellt. Irgendwann war er dann sehr krank und lag lange im Krankenhaus, wo er auch starb. Ich besuchte ihn häufig und brachte selbstgemalte Bilder mit, auf denen sich Giraffen übereinander türmten wie die Bremer Stadtmusikanten. Immer wieder malte ich dieses Motiv. Leider hat keines dieser Bilder überlebt, nur in meiner Erinnerung. Ich sinniere noch heute manchmal darüber, was es damit auf sich hatte, denn es ist mir immer noch sehr präsent. Auch an die Trauer, dem leidenden Opa nicht helfen zu können, und dann nach seinem Tod ganz auf ihn verzichten zu müssen. Tot sah er sehr schön und friedlich aus. Ich mag es, tote Menschen zu betrachten.

Tellerberge

Nichts als Meer, so weit mein Auge reicht. Durch das kleine Bullauge landet mein Blick in der endlosen Weite, morgens beim Aufwachen, abends beim Einschlafen. Ich bin acht und ich liebe dieses Nichts. Auch an der Reling stehe ich stundenlang und blicke aufs Meer und den Horizont in der Ferne.

Meine Gedanken fliegen mit den Möwen davon.Ich fühle mich frei, sensationell frei, mit der frischen Brise, die durch meine Haare weht. Wir sind auf dem Weg von Afrika nach Frankreich auf einem französischen Frachtschiff. Ich liebe es, dass es hier keine weiteren Passagiere gibt außer uns, meinen Eltern, meiner kleinen Schwester und mir. Nicht so wie auf dem Hinweg auf der »Otto Hahn«, einem atomkraftbetriebenen Schiff, wie ich erst als Erwachsene erfahre. Dort war es überfüllt mit Touristen, ich habe mich auf dem schwimmenden Haus mit seinen vielen Gängen und Fluren ständig verlaufen. Zudem wurde ich von einem nervigen Jungen verfolgt und geärgert. Das einzig Beeindruckende, dass mein Hirn erinnert, ist der Pool, in dem das Wasser bei Seegang so stark hin und her bewegt wurde, dass der Boden freigegeben wurde und eine riesige Welle aus dem Becken in