Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der Autor steht für einen unverwechselbaren Schreibstil. Er versteht es besonders plastisch spannende Revolverduelle zu schildern und den ewigen Kampf zwischen einem gesetzestreuen Sheriff und einem Outlaw zu gestalten. Er scheut sich nicht detailliert zu berichten, wenn das Blut fließt und die Fehde um Recht und Gesetz eskaliert. Diese Reihe präsentiert den perfekten Westernmix! Vom Bau der Eisenbahn über Siedlertrecks, die aufbrechen, um das Land für sich zu erobern, bis zu Revolverduellen - hier findet jeder Westernfan die richtige Mischung. Lust auf Prärieluft? Dann laden Sie noch heute die neueste Story herunter (und es kann losgehen). Auf dem Kamm des Höhenzuges zügeln die Reiter ihre Pferde. In Badger Meadocks Augen flirrt es unruhig, während er die Ranch unten im Tal beobachtet. Plötzlich wendet er sich zu den anderen um. »Wir schaffen ihn«, sagt er, und Hass schwingt in seiner Stimme mit. »Noch in diesem Jahr. Dann gehört sein Land den Meadocks. Schon jetzt ist Cole ein toter Mann! Ihr werdet es erleben, Jungs!« Niemand antwortet. Dann klingt wieder Badger Meadocks Stimme auf: »Da kommt er!« Die sengende Hitze des Mittags schlägt Jack Cole entgegen, als er aus seinem Ranchhaus tritt. Das grelle Sonnenlicht trifft seine Augen. Er blinzelt, bleibt sekundenlang stehen, schaut dann zum Pferdestall hinüber, einem flachen Bau aus Adobeziegeln. Jack Cole weiß, dass sein Sohn Chet im Stall ist und das Pferd sattelt. Soll Chet nur reiten, denkt er. Ich hab's ihm schon lange genug versprochen. Und er liebt diese Lucy ja. Langsam geht Jack Cole über den Hof zum alten Stangencorral, wo sein Sattelpferd steht. Er schiebt schon den linken Stiefel in den hölzernen Steigbügel und umfasst das Sattelhorn, um aufzusitzen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Auf dem Kamm des Höhenzuges zügeln die Reiter ihre Pferde. In Badger Meadocks Augen flirrt es unruhig, während er die Ranch unten im Tal beobachtet.
Plötzlich wendet er sich zu den anderen um. »Wir schaffen ihn«, sagt er, und Hass schwingt in seiner Stimme mit. »Noch in diesem Jahr. Dann gehört sein Land den Meadocks. Schon jetzt ist Cole ein toter Mann! Ihr werdet es erleben, Jungs!«
Niemand antwortet. Dann klingt wieder Badger Meadocks Stimme auf: »Da kommt er!«
*
Die sengende Hitze des Mittags schlägt Jack Cole entgegen, als er aus seinem Ranchhaus tritt. Das grelle Sonnenlicht trifft seine Augen. Er blinzelt, bleibt sekundenlang stehen, schaut dann zum Pferdestall hinüber, einem flachen Bau aus Adobeziegeln.
Jack Cole weiß, dass sein Sohn Chet im Stall ist und das Pferd sattelt.
Soll Chet nur reiten, denkt er. Ich hab’s ihm schon lange genug versprochen. Und er liebt diese Lucy ja.
Langsam geht Jack Cole über den Hof zum alten Stangencorral, wo sein Sattelpferd steht. Er schiebt schon den linken Stiefel in den hölzernen Steigbügel und umfasst das Sattelhorn, um aufzusitzen. Dabei erblickt er die Reiter auf dem Höhenzug, die reglos verharren.
Schlagartig wird er steif und atmet scharf. Sein Gesicht hat den wachen Ausdruck eines erfahrenen Mannes, der durch die Gefahren des Grenzlandes hart geworden ist. Er zieht die Schultern etwas an, nimmt den Fuß aber nicht zurück und bleibt auf einem Bein stehen.
»Meadock«, murmelt er gepresst. »Badger Meadock.«
Es klingt bitter und fast zornig.
Jene hageren Reiter dort oben warten wohl auf ihn.
Er verzieht den schmalen Mund, horcht zum Stall hin, und als er Chet noch rumoren hört, sitzt er plötzlich auf, zieht das Pferd herum und lenkt es vom sonnendurchglühten Hof.
Während er sich den Reitern nähert, holt er die Winchester mit einem Ruck aus dem Gewehrschuh, lädt durch und behält die Waffe in den Händen.
In das Rudel kommt Bewegung. Ein drahtiger, schmaler Reiter löst sich aus der Rotte und kommt Jack Cole langsam entgegen. Er sitzt lässig im Sattel und zeigt deutlich, wie überlegen er sich fühlt.
Jack Cole kann nur Böses von den Meadocks erwarten. Die Meadocks trachten nach seinem Landstreifen am Fluss. Sie sind Nachbarn – aber sie haben sich noch niemals die Hand gereicht. Land am Gila River zu besitzen bedeutet grünes, fettes Gras und gesunde Herden.
Die Meadocks sind unersättlich, Cole ist der letzte kleine Rancher in diesem Flussgebiet. Er ist den Meadocks im Wege. Aber er ist noch zu hart für sie alle, zu fest und innerlich ungebrochen.
Sie sind sich nahe genug gekommen. Jetzt verhält Meadocks Sohn. Cole weicht seinem starren Blick nicht aus.
»Du bist auf meinem Land, Badger Meadock«, sagt er rau und unmissverständlich. »Besser, du verschwindest mit deinen Leuten.«
Der Ranchersohn starrt ihm mit offenem Hohn an und verzieht den Mund zu verächtlichem Grinsen. Sein Gesicht ist scharfgeschnitten, irgendwie erinnert der Ausdruck der dunklen Augen und des Gesichtes an einen Falken.
»Stimmt genau, Cole«, sagt Meadock. »Ich möchte nur sehen, wie du mich und meine Leute davonjagen willst.«
Cole bleibt ruhig. Er blickt schnell zum Reiterrudel hinüber. Die Männer warten wohl auf Meadocks Zeichen.
»Du bist nicht grundlos gekommen, Badger Meadock«, sagt Cole langsam. »Was willst du?«
»Euch sind ein paar Rinder entlaufen, nicht wahr?« fragt Meadock. »Sie sind natürlich auf unser Land geraten, und wir haben sie zurückgetrieben.«
»Ist das alles?« fragt Cole beherrscht. Er atmet gepresst. Die Linien in seinem kantigen Gesicht sind wie mit einem Messer geschnitten. Er hat die Winchester fest gepackt.
Die Ruhe des Ranchers macht Badger Meadock einen Augenblick lang unsicher. Seine Stimme ist spröde, als er sich im Sattel vorbeugt und sagt: »Mein Vater will mit dir über alles sprechen. Er wartet auf dich in Tucson, Cole! Aber du wirst nicht hingehen, weil du auch sonst nie zu uns gekommen bist. Homer Meadock will sich mit dir an einen Tisch setzen! Das wollte ich dir sagen.«
»Du bist Homer Meadocks Sohn«, erwidert Cole rau. »Du lebst in seinem Schatten und erntest dort, wohin seine Macht reicht. Du wirst immer großspuriger. Du bist auf meinem Land. Verlass es sofort, und lass dich hier nie wieder sehen!«
Wilder Zorn steigt in Badger Meadock hoch und rötet sein Gesicht.
»Du Großmaul!« zischt er. »Wenn Homer Meadock mich nicht immer wieder zurückhalten würde, wäre diese verdammte Ranch längst nicht mehr! Ihr Coles …«
Cole schwenkt den Lauf der Winchester kurz herum und schießt. Der peitschende Knall zerreißt die Stille im Tal und macht die Gäule unruhig. Hufe stampfen und wühlen den Sand hoch.
Badger Meadock greift nach oben, will den durchschossenen Stetson halten, aber der Hut hängt am ledernen Kinnriemen im Nacken.
Jack Cole hockt ruhig im Sattel und hat die Winchester auf den jungen, wilden Burschen gerichtet.
»Geh nach Hause, Badger Meadock«, sagt er sanft, aber jedes Wort ist wie eine klatschende Ohrfeige. »Geh schon, und nimm die Sattelwölfe da hinten mit.«
Hass flimmert in den Augen des jungen Meadock. Er nimmt die Zügel und reitet davon.
Als er dicht vor dem Rudel ist, reiten die hageren Burschen auseinander und machen ihm den Weg frei. Er hebt nicht den Blick, starr sieht er auf den Boden.
Hinter ihm schließen die Reiter auf. Cole schluckt bitter.
Chet kommt heran und verhält neben ihm.
»Was bedeutet das, Dad?« murmelt er und blickt dem Rudel nach, das den Hang emporreitet.
»Nichts anderes als sonst, Chet«, bekommt er zur Antwort.
»Du bist allein losgeritten, Dad«, sagt er. »Du hättest mich rufen können.«
»Warum, mein Junge?« Cole blickt seinen Sohn mit bitterem Lächeln an. »Damit auch du ohne Deckung bist, wenn es losgeht?«
»Du hättest Badger Meadock nicht so erniedrigen sollen, Dad. Du bringst dadurch sein wildes Blut nur zum Kochen. Das ist nie gut.«
Jack Cole lacht hart und freudlos auf.
»Chet! Soll ich Rücksicht auf diesen verrückten Kerl nehmen? Soll ich mir die Reden dieses aufgeblasenen Burschen anhören und dazu nicken wie ein Greis? O nein! Ich musste es plötzlich tun. Schon lange war er reif dafür. Und das ist erst der Anfang! Nein, Chet – ich geh keinen einzigen Schritt zurück. Er hasst uns so oder so. Komm!« sagt sein Vater.
Sie reiten auf Meadocks Fährte zum Hang empor. Oben halten sie an.
»Sie reiten weg«, sagt Chet erleichtert und wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn.
Cole nickt. »Ja, sie reiten zur Ranch.«
Er lenkt das Pferd herum und reitet wieder hinunter, und Chet folgt ihm. Unterwegs beugt Cole sich weit aus dem Sattel und hebt Badger Meadocks Colt auf, den der dort verlor.
»Wolltest du nicht nach San Juan reiten, Chet?« fragt Cole plötzlich und sieht seinen Jungen aufmerksam an, während sie nebeneinander zurückreiten. »Lucy wird warten.«
Chet sieht überrascht herüber. In seinem offenen braun gebrannten Gesicht steht eine große Frage. Die braunen Augen blicken auf einmal erwartungsvoll. Und er drückt in plötzlicher Unruhe den Stetson in den Nacken, sodass sein strohblondes Haar sichtbar wird.
»Das kannst du doch jetzt nicht mehr zulassen, Dad«, sagt er leise.
Cole lächelt.
»Warum? Weil dieser junge Narr hiergewesen ist, Chet? Nein, Sohn – du reitest. Ich erlaub’s. Ich möchte es sogar, hörst du? Reit zu deinem Mädchen. Sonst seid ihr beide auf einmal alt und habt euch kaum gesehen!«
»Ich werde bald zurück sein, Dad. Nur ein paar Stunden möchte ich bleiben. Zwei, drei Stunden, Dad.«
»Reite nicht bei Einbruch der Dunkelheit«, sagt Cole. »Wenn es etwas kühl wird, kommen die Schlangen aus ihren Schlupfwinkeln. Sei vorsichtig, Chet!«
»Und die Meadocks, Dad – was ist, wenn sie kommen?«
»Sie kommen schon nicht. Die Meadocks haben zu viel Ärger mit Viehdieben. Mach dir keine Sorgen.«
Sie haben die Ranch erreicht.
Haus und Stall sind aus Lehm, Stroh und Holz erbaut. Scharf fällt der Schatten der Dachstangen an die Wand. Der mit einem schweren Deckel abgedeckte Brunnen befindet sich im Schatten des Pferdestalles. Dorthin bringen die Coles die Pferde, sitzen ab und füllen die Blechflaschen mit Wasser. Wenig später reiten sie beide von der Ranch. Am Talrand trennen sie sich. Chet muss auf die andere Seite des Gila River, und Cole will zur Herde.
»Grüß Lucy«, sagt Jack Cole lächelnd.
*
Jack Cole reitet nach Westen und stößt auf den Gila River. Er durchquert das sandige und steinige Flussbett und verschwindet zwischen den Sträuchern am anderen Ufer.
Seine Herde steht in der Flussniederung. Cole reitet durch grünes Gras. Bäume werfen Schatten. Hinter einem Felsblock kommt ein Reiter hervor. Cole sieht noch, wie er das Gewehr in den Scabbard zurückschiebt.
»Tag, Boss«, sagt der Cowboy. »Chico ist drüben auf der anderen Seite. Er kommt gleich zurück.«
Cole sieht den Reiter forschend an. Er ist groß, blond und so jung wie Chet. Und er ist ein prächtiger Kerl, dieser Bill.
»Alles ruhig?« fragt er.
»Yeah. Jetzt noch. Wir halten die Augen auf, Boss! An diese Herde kommen sie nicht so schnell ran, wenn sie es versuchen sollten.«
»Badger Meadock war auf der Ranch, Bill. Ich musste ihn davonjagen. Vielleicht kann er das nicht verdauen und will sich rächen, verstehst du?«
Bill lächelt hart. »Sicher, Boss.«
Hufschlag kommt heran. Dann taucht Chico auf, ein Mexikaner. Chico ist ein guter Cowboy und treu. Eines Tages ist er mit Chet zur Ranch gekommen und geblieben. Und jetzt sind es schon gut zwei Jahre.
»Wo ist Chet, Boss?«
»Er reitet zu Lucy, Chico«, antwortet Cole ruhig. »Ich hab ihn gehen lassen. Die Meadocks stellen ihm keine Falle, das weiß ich. Passt ihr nur gut auf, Jungs. Ich kann nicht hierbleiben. Ich werde nach Tucson reiten und mit Homer Meadock sprechen. Niemand soll sagen können, dass ich Tucson meide, wenn er da ist. Er wartet auf mich.«
Sie starren ihn an.
»Ist das dein Ernst, Boss? Willst du wirklich nach Tucson? Meadock wartet doch nur darauf!«
»Sicher«, sagt Jack Cole. »Auch ich habe darauf gewartet. Seit Jahren ist nicht an Homer Meadock heranzukommen. Jetzt aber wartet er auf mich. Es sind knapp zwanzig Meilen bis dahin. Ich will mich auf den Weg machen.«
Chico macht eine Handbewegung, als wolle er Jack Cole halten.
»Vielleicht ist das eine Falle, Boss!« sagt er gepresst. »Homer Meadock hat viele Revolverschwinger auf seiner Lohnliste stehen. Niemand kommt an ihn heran, wenn er nicht will.«
»Er will es, Chico – zum ersten Mal will er mich sprechen. Und es wird keine Falle sein. Ich werde Homer in der Stadt treffen.«
Er sagt es so sicher und fest, dass sie nicht mehr weiter fragen. Er will nach Tucson reiten. Monate sind seit dem Letztenmal vergangen.
Cole lächelt schwach und flüchtig. Er rückt am Stetson.
»Ihr wisst es also«, murmelt er. »Chet weiß es nicht. Sonst wäre er nicht losgeritten.«
Sie sehen ihm nach, wie er zwischen Felsengruppen und Sträuchern verschwindet. Noch schwebt der Staub zwischen den Felsen, als sich der Hufschlag des Pferdes verliert.
Bill lockert unruhig sein Halstuch. Er schwitzt und sieht Chico forschend an. Chico zuckt die Achseln.
»Vielleicht will Meadock wirklich Frieden«, sagt er leise.
»Chico, bist du verrückt? Wenn er Frieden will, dann braucht er nicht erst nach Tucson zu reiten, um dort auf unseren Boss zu warten! Frieden kann er überall schließen. Auch hier irgendwo in der Wüste! Ich fühl mich nicht wohl dabei, die Sache ist nicht geheuer!«
»Der Boss ist erfahren genug. Und er kennt Meadock doch! Er wird sich vorsehen.«
»Aber er ist schon lange nicht mehr in Tucson gewesen, Chico! Da unten kann sich viel geändert haben.«
*
Das Klappern der beschlagenen Pferdehufe bricht sich schwach an den weiß getünchten Lehmwänden der Adobehäuser. Langsam reitet Chet Cole jene staubige und steinige Straße hinauf, die zur alten Mission führt. Zwischen den Häusern ist kein Bewohner zu sehen.
Stille ist im Ort.
Dann sieht Chet die Kirche. Der Glockenturm ist noch immer nicht fertig. Vielleicht wird es nie soweit kommen. Chet lächelt. Dann wird die Glocke nicht läuten können, denkt er, wenn wir heiraten – und Chico wird traurig sein.
Vor der Kirche stehen zwei Karren und viele Sandalen. Als Chet das sieht, weiß er, dass die Leute von San Juan in der Kirche sind.
Er lenkt sein Pferd in den Schatten der Bäume, sitzt ab und schlingt die Zügelenden um einen alten Pfahl. Er setzt sich auf die Lehmmauer, die kniehoch um die Bäume führt, und ruht sich aus.
Ein Junge kommt heran, barfuß, schmutzig und hungrig. Er starrt Chet an.
»Kennst du mich?« fragt Chet lächelnd. »Si, Señor.« Der Junge nickt eifrig.
Chet sieht zum Portal der Kirche hinüber. Drinnen ertönt Gesang. Nur schwach sind die Stimmen zu hören.
»Ist Señorita Lucy drüben?«
»Si, Señor.« Der Junge nickt eifrig.
Chet Cole lächelt und gibt dem kleinen Mexikaner ein paar Münzen. Der Boy ist so erfreut, dass er gar keine Zeit findet, sich zu bedanken, schnell läuft er davon.
Chet blickt ihm lächelnd nach. Plötzlich spürt er, dass er beobachtet wird. Er dreht langsam den Kopf und sieht zur Pulqueria hinüber. Dort lehnt ein großer schmaler Mann an der Wand im Schatten.
Chet sieht nur einen Atemzug lang über Platz und Straße, dann starrt er auf die Stiefelspitzen. Er empfindet jedes Mal Abneigung und Argwohn, wenn er jenen Mann erblickt. Es ist jetzt das dritte Mal, dass er den Fremden in San Juan sieht, und zwischen seinen Besuchen in der Mission liegen jedes Mal mehrere Wochen.
Noch immer ist dieser einarmige Mann nicht weitergeritten, denkt Chet. Rascal heißt er. Vielleicht sucht er Arbeit im Grenzland. Aber ich will ihn nicht auf der Ranch haben! Er ist ein Yankee wie wir, aber undurchsichtig. Wir haben genug Kummer mit den Meadocks.
Auf einmal hört Chet das Klingeln von Sporen, und als er den Blick hebt und den Kopf dreht, sieht er Rascal auf sich zukommen, ruhig, sicher und selbstbewusst, hochaufgerichtet und dennoch sehr lässig. Die rechte Hand ist nahe des tiefhängenden Colthalfters.
Chet atmet tief. Unbewusst strafft er sich. Durch die Baumkronen fällt nur wenig Sonnenlicht, das seltsame Figuren auf den Boden malt und sich ständig bewegt.
Jetzt hat Rascal den Schattenkreis erreicht und verharrt an der niederen Mauer. Er trägt dunkle Kleidung und ein blaues Halstuch, die Bandana. Auf seinem schon schütteren Haar sitzt ein Stetson, dessen Hutband aus Klapperschlangenhaut besteht. Er hat die ledernen Chaps fest um die Hosenbeine gelegt und angebunden. Die Radsporen sind aus Stahl.
»Sie sind schon lange nicht mehr hier gewesen, Chet Cole«, murmelt Rascal, und seine Stimme klingt nüchtern, sachlich und fast kalt. »Ärger mit den Meadocks?«
Chet ist einen Lidschlag lang überrascht.
»Seit wann kümmern Sie sich um die Coles, Rascal?« fragt er zurück. »Sie sind doch fremd hier.«
»Ja, ich bin ein Fremder.« Rascal verzieht das faltige, wetterharte und dunkelbraune Gesicht. »Was hat das zu besagen, Chet Cole? Nichts. Jeder ist irgendwann einmal ein Fremder, wenn er in den Sattel gestiegen ist.« Er deutet über die Schulter zur Kirche. »Heute ist Sonntag, wussten Sie das nicht? Lucy ist mit ihren Eltern drüben.«
»Das weiß ich bereits«, erwidert Chet ein wenig verstimmt. »Und ich kann gut und gern allein warten.«
Rascal nickt. Sein Gesicht ist wieder ausdruckslos.
»Tun Sie das. Und noch etwas, Cole, ich bin nicht der, für den Sie mich halten!«
Er wendet sich lässig ab und geht zurück, aus dem Schatten hervor in die grelle Sonne. Und er sieht nicht zurück, als er zur Pulqueria geht.
Rascal ist wie ein Wolf, denkt Chet, wie ein Einzelgänger, der das große Rudel meidet. Ich möchte ihn nicht zum Feind haben. Warum ist er in diesem County? Gehört er auch zu Homer Meadocks Revolvergarde? Wer ist dieser Rascal wirklich?
Leute kommen aus der kühlen Kirche. Stimmen werden laut. Menschen füllen den Platz.
Chet sieht Lucy. Sie steht bei ihren Eltern und blickt herüber. Sie erkennt ihn unter den Bäumen.
Er hebt die Hand und winkt flüchtig, als befürchte er, beobachtet zu werden. Und Lucy winkt zurück. Sie ist einen ganzen Kopf kleiner als er, schlank und dunkelhaarig, jung und schön.
Er sieht, wie sie zu ihren Eltern spricht. Ihr Vater dreht sich um und blickt herüber.
Da löst Chet den Zügel, nimmt sein Pferd und geht über die Straße. Lucy kommt ihm ein paar Schritte entgegen.
*
Coles Männer sind noch bei der Herde. Bill ist am Wasser und blickt von dort aus wachsam über die knochigen Rücken der Rinder. Er sieht den Feuerschein unter den Bäumen, und er wünscht sich jetzt einen großen Becher voll heißem schwarzem Kaffees. Langsam wandert sein Blick weiter. Dort drüben ist Chico. Bill sieht ihn im Dunst nur undeutlich – ein dunkler Schatten, der sich bewegt. Chico reitet unter die Baumkronen. Der Hufschlag entfernt sich zum Feuer hin.
Chico wird Holz nachwerfen, denkt Bill. Nach einer Weile kommt der Mexikaner herübergeritten.
Chico lächelt. Seine weißen Zähne schimmern. »Das Feuer wird sie zuerst anlocken – wenn sie wirklich kommen sollten!« sagt er.
Bill hebt den Stetson an und streicht sich durchs blonde Haar.
»Hast du die Decken auch ausgerollt, damit sie glauben, wir hätten uns aufs Ohr gelegt?«
Chico nickt und reitet weiter. Bill blickt ihm nach. Als er sich langsam einen Weg durch die Herde gebahnt hat, reitet auch Bill an und entfernt sich ein wenig von der Herde, bleibt aber am Wasser, das unter dem Sternenlicht glänzt.
Plötzlich wird Bill stocksteif. Reglos sitzt er im Sattel, und sein Pferd steht still.
Kojoten? Oder ist es das kurze Wiehern eines Pferdes gewesen?
Er horcht angespannt.
Wasser gurgelt und rauscht über die Steine. Chico ist nicht zu sehen. Drüben zwischen den Bäumen schlagen die Flammen hoch.
Jemand ruft leise. »Bill … Bill.«
Das ist Chico!
»Ja, verdammt«, ruft Bill zurück, »mach die Herde nicht verrückt! Was willst du?«
Ein Reiter kommt ihm entgegen. Bill ist misstrauisch. Aber es ist wirklich Chico.
