General der Mikroelektronik - Karl Nendel - E-Book

General der Mikroelektronik E-Book

Karl Nendel

4,2

Beschreibung

Karl Nendel – mit 32 Jahren Chefenergetiker der DDR-Braunkohlenindustrie, wenig später Leiter der Abteilung Elektronik im Volkswirtschaftsrat, dann stellvertretender Minister im Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik und schließlich Regierungsbeauftragter für die Mikroelektronik. In seiner Autobiographie berichtet der langjährige DDR-Staatsbedienstete über die Erfolge sowie die Irrungen und Wirrungen beim Aufbau der sogenannten Schlüsseltechnologien. Brisanter Höhepunkt war der kurz vor der Wende öffentlichkeitswirksam präsentierte 1 Megabit-Chip. Nendels eindrucksvolle Erzählungen räumen auf mit dem Mythos, die DDR habe bei den Computertechnologien mit der internationalen Entwicklung nicht Schritt halten können. Er schildert aus der Sicht des Insiders die tatsächlichen Gründe für die kräftezehrende Aufholjagd. Der imposante und umstrittene Machtmensch und Macher – unter seinen Mitstreitern als "Revolver-Karl" bekannt – beschreibt lebhaft, wie er gemeinsam mit Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowski den Embargohandel organisierte und dafür nach der Wende vor Gericht kam. Offen und packend gewährt Nendel einen tiefen Einblick in die Wirtschaftspolitik der SED und den Aufstieg des Schlossersohns und gelernten Elektrikers zum Staatssekretär und Regierungsbeauftragten sowie den Beginn einer neuen Karriere nach der Wende. Eine außergewöhnliche Autobiographie!

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Seitenzahl: 255

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Karl Nendel

General der Mikroelektronik

Autobiographie

Aufgeschrieben von Ralf Pasch

Herausgegeben von ROHNSTOCK BIOGRAFIEN

edition berolina

eISBN 978-3-95841-543-0

1. Auflage

Alexanderstraße 1

10178 Berlin

Tel. 01805 / 30 99 99

FAX 01805 / 35 35 42

(0,14 € / Min., Mobil max. 0,42 € / Min.)

© 2017 by BEBUG mbH / edition berolina, Berlin

Redaktion: Levin D. Röder

Lektorat: Isolde Dietrich

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin

Umschlagabbildung: Mikrochip © dpa – picture alliance / ZB

www.buchredaktion.de

Prolog

Im Zweiten Weltkrieg hatten die Sowjetunion und die westlichen Alli­ierten Schulter an Schulter gegen Nazideutschland gekämpft. Kaum war der Sieg errungen, begann ein neuer – ein kalter – Krieg. Die Alliierten teilten Deutschland während der Potsdamer Konferenz endgültig in vier Besatzungszonen und legten damit den Grundstein für die unterschiedliche Entwicklung in Ost und West. Zwei Welt­anschauungen standen sich fortan gegenüber. Sie kämpften außer auf politischem und militärischem auch auf ökonomischem Gebiet.

Das im amerikanischen Sektor Berlins erlassene Militärregierungsgesetz Nummer 53 von 1946 verbot westlichen Unternehmen jeglichen Handel mit Gütern, die im sowjetischen Sektor für kriegswichtige Geräte und Anlagen eingesetzt werden konnten – juristisch gesehen der Beginn eines umfassenden Wirtschaftsembargos, das die entstehenden sozialistischen Staaten von der weltweiten technischen Entwicklung abschnitt. Wer behauptet, die Rückständigkeit der DDR sei Folge von Zentralisierung und Misswirtschaft gewesen, blendet aus, dass die kleine DDR in Form umfangreicher Reparationsleistungen ihren großen Bruder Sowjetunion mit durchfüttern musste, während Westdeutschland – spätestens mit dem Marshallplan – von Uncle Sam mit dem Silberlöffel hochgepäppelt wurde.

Der Krieg war kaum zu Ende, als ein neues Wettrüsten die Welt teilte. Ohne lange zu fackeln, buhlten die Siegermächte nach 1945 um die deutsche Wissenschaftselite und holten deutsche Spitzenforscher in ihre Labore. Während Wernher von Braun die Entwicklung der Raketentechnik in den USA maßgeblich beeinflusste, wurden die späteren ostdeutschen Mikroelektronik-Pioniere Werner Hartmann und Matthias Falter, ebenso wie Manfred von Ardenne, in die UdSSR geholt.

Der Wettlauf um den technologischen Fortschritt war die Fortsetzung des Kalten Krieges mit anderen Mitteln. Das betraf nicht nur die mittel- und unmittelbare Militärtechnik wie das Kopf-an-Kopf-Rennen um die erste Wasserstoffbombe und um den ersten künstlichen Erdsatelliten. Damit rückten generell die Grundlagen der Steuerungstechnik ins Zentrum wissenschaftlicher Forschung. In New York wurde am 30. Juni 1948 der erste Transistor der Weltöffentlichkeit vorgestellt. Seine Erfinder William Shockley, John Bardeen und Walter Brattain hatten in den berühmten BELL Laboratories in Kalifornien geforscht. Zugang zu den Ergebnissen ihrer bahnbrechenden Erfindung hatten nach 1945 außer den USA zunächst die Japaner, die 1955 ihr erstes Transistorradio präsentierten. Später erhielten weitere westliche Länder, darunter die BRD, Lizenzen. Im September 1958 stellte die US-Firma Texas Instruments die ersten integrierten Schaltkreise der Öffentlichkeit vor.

Mit Gründung der CoCom-Behörde 1949 in Paris wurden die amerikanische Militärgesetzgebung und damit die Überwachung des Wirtschaftsembargos institutionalisiert. Die im selben Jahr gegründete DDR hatte – wie andere Staaten des Ostblocks – damit keine Chance mehr, Fertigungslizenzen für neue Technologien zu erhalten.

Es gab zwei Möglichkeiten, sich aus dieser Zwickmühle zu befreien: Entweder erfanden die ostdeutschen Halbleiterinstitute – deutlich zeitverzögert – das Rad neu oder die junge DDR musste Mittel und Wege finden, das Embargo zu umgehen. Die politische Führung der DDR entschied sich für letzteren Weg und baute über ihre spätere Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit ein weltweites Netz auf, über das Unterlagen, Bauteile, Maschinen und ganze Fabriken beschafft wurden.

Fünfzehn Jahre nachdem die USA den ersten Spitzen­transistor vorgestellt hatten, produzierte das Halbleiterwerk Frankfurt/Oder ab 1963 den ersten DDR-Transistor. 1962 hatte die Staatliche Plankommission eine Abteilung Elek­tronik unter der Leitung von Rudi Wekker gegründet, die 1963 in den Volkswirtschaftsrat übernommen wurde. Seit ich Wekker 1965 ablöste – später wurde ich Staatssekretär im Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik –, konnte ich die Entwicklung aus der ersten Reihe verfolgen.

Während Walter Ulbricht die neuen Technologien politisch förderte, rückte ihre Entwicklung mit der von Erich Honecker betriebenen Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik in den Hintergrund. Auch zeigte sich, dass die DDR beim Aufbau einer eigenen Mikroelektronik nicht wie erwartet auf die Sowjetunion setzen konnte, weil diese trotz innovativer Forschung keine Serienproduktion etablieren und so mit der internationalen Entwicklung nicht Schritt halten konnte. Die UdSSR stand ebenso wie die DDR unter Wirtschaftsembargo.

Auf der 6. Tagung des Zentralkomitees der SED im Jahre 1977 räumte die politische Führung ein, dass die DDR auf dem Gebiet der Mikroelektronik endgültig den Anschluss an die weltweite Entwicklung verlieren würde, wenn sie diesen Zweig weiterhin vernachlässigte. Darum erhob sie die Mikroelektronik in den Rang einer »Schlüsseltechnologie«. Ein gewichtiger Grund für diesen Sinneswandel mag im verstärkten Wettrüsten zwischen NATO und Warschauer Vertrag gelegen haben. Der Osten durfte bei der Entwicklung neuer Waffensysteme – das amerikanische SDI-Programm war in aller Munde – nicht ins Hintertreffen geraten. So kam es, dass die DDR, in der es bis dato kaum militärische Produktion gegeben hatte, auf Druck der Sowjetunion in die Lizenzproduktion von Waffensystemen einstieg, in der wiederum die Mikroelektronik eine entscheidende Rolle spielte.

Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung wurde ich 1985 Regierungsbeauftragter für die neuen Technologien auf zivilem wie militärischem Sektor. Als erster – und letzter – DDR-Staatsbediensteter war ich in dieser Funktion für die Bündelung aller Maßnahmen verantwortlich. Dazu gehörte auch die forcierte Beschaffung von Know-how im kapitalistischen Ausland.

Vorführung moderner CAD/CAM-Technologie auf der Frühjahrsmesse in Leipzig 1985. In der vorderen Reihe Erich Honecker, Willi Stoph, Horst Sindermann, Günter Mittag und Karl Nendel (v. l., Foto: Lange/Neues Deutschland)

Der 1988 in Dresden entwickelte 1-MB-Speicherchip sorgte im Westen für einen kleinen Sputnik-Schock. Zwischen 1977 und 1988 investierte die DDR vierzehn Milliarden Mark in die Mikroelektronik.1

Wenig später war die DDR verschwunden – und mit ihr die Sisyphusarbeit der technologischen Verfolgungsjagd. Für mich brach eine Welt zusammen. Immerhin gelang es mir, eine neue Karriere aufzubauen. Ohne die Hemmnisse des Embargos konnte ich nun viele lang gehegte Ideen umsetzen.

1998 jedoch holte mich die Vergangenheit ein: Das Berliner Landgericht verurteilte mich wegen eines Verstoßes gegen das Embargo zu einer Bewährungsstrafe – auf der Grundlage des 1946 erlassenen Militärratsgesetzes.

Mehrere Jahrzehnte hatte ich für das ostdeutsche »Wunder Mikroelektronik« den Kopf hingehalten. Nach der Wende wirkte ich an dessen Abwicklung mit. Die Betriebe der Branche wurden wie alle anderen privatisiert, viele geschlossen, zahllose Beschäftigte und Fachleute verloren ihre Arbeitsplätze. Von den neunzigtausend Beschäftigten, die in der elektronischen, der optischen und der nachrichtentechnischen Industrie der DDR tätig gewesen waren, blieben nach 1990 nur etwa zehn bis fünfzehn Prozent übrig.

Doch einige ostdeutsche Elektronikunternehmen schafften den Sprung in die Marktwirtschaft. Sie produzieren heute auf Weltniveau. Ihre Basis ist die Kreativität, die zwischen 1945 und 1989 – trotz oder vielleicht gerade wegen des Embargos – gewachsen war.

1 Vgl. Gerhard Barkleit: Mikroelektronik in der DDR. SED, Staatsapparat und Staatssicherheit im Wettstreit der Systeme. Dresden 2000, S. 27.

Pimpf in Hitlers Reich

»Der Junge muss Adolf heißen!«, schlug die Hebamme meinen Eltern vor, als ich just am 20. April 1933, Hitlers 44. Geburtstag, im Jahr des Machtantritts der Nazis in Falkenau bei Chemnitz zur Welt kam. Tausend Jahre, prophezeiten sie, sollte ihr Reich bestehen!

Meine Mutter, eine solide, einfache Frau, weigerte sich und nannte mich Karl. Adolf – zu diesem Zeitpunkt unvermeidlich – wurde mein zweiter Name. Als dritten trage ich den meines Vaters: Walter.

In meiner Familie waren fast alle politischen Strömungen vertreten: Mein Vater trat wenige Jahre nach meiner Geburt in die NSDAP ein, sein großer Bruder war Kommunist, mein Großvater Sozial­demokrat. Bei Familientreffen ging es hoch her, da wurden die politischen Kämpfe, die auf den Straßen tobten, am Küchen- oder Wohnzimmertisch ausgetragen. Alle diskutierten über die hohe Arbeitslosigkeit. Von fünfunddreißig Millionen Menschen im arbeitsfähigen Alter waren sechs Millionen arbeitslos gewesen – nahezu zwanzig Prozent. Aus diesem Arbeitslosenheer entstanden der Reichsarbeitsdienst und die Organisation Todt, eine paramilitärische Bautruppe. Welche Wege würde die Arbeiterklasse gehen – in Richtung Kommunismus? Oder würde sie den Nazis auf den Leim gehen? Auch darüber redete man sich bei uns die Köpfe heiß. Doch unsere Familie hatte sich einen Ehrenkodex auferlegt: Trotz unterschiedlicher politischer Überzeugungen achtete man sich gegenseitig.

Meine Vorfahren väterlicherseits waren allesamt ungelernte Fa­brikarbeiter oder Landwirte gewesen. Die Generation meines Vaters brachte zum ersten Mal gelernte Schlosser, Werkzeugmacher oder Bauarbeiter hervor. Meine Mutter hingegen stammte aus einer Eisenbahnerfamilie – ein Berufsstand, der ein ausgesprochen hohes Ansehen genoss.

Die älteste meiner beiden Schwestern ist juristisch gesehen meine Cousine. Die Schwester meiner Mutter hatte drei Kinder mit drei verschiedenen Männern. Als im November 1931 das zweite geboren war, entschied meine Mutter: Wir nehmen die Kleine zu uns! Meine Eltern adoptierten sie nicht, da sie zu ihrer Mutter zurückkehren sollte. Jutta blieb jedoch bei uns und ist für mich bis heute meine Schwester. 1941 kam meine leibliche Schwester Karin hinzu.

Mit fünf Jahren hatte ich einen schweren Unfall. Ein Schafbock stieß mich um, ich rollte fast in einen Mühlgraben, konnte gerade noch vor dem Hineinfallen bewahrt werden. Der Schreck löste Anfälle aus, die bis 1942 andauerten. Trotzdem wurde ich zu Ostern 1939 in die Volksschule in Falkenau eingeschult.

Im September jenes Jahres brach der Krieg aus. Wir wohnten in einem Mietshaus mit acht Parteien. Die ersten Männer aus unserem Haus, die eingezogen wurden, verabschiedeten sich optimistisch: »In vier Wochen sind wir wieder da, Weihnachten feiern wir zu Hause!«

Auch die vier Brüder meiner Eltern wurden eingezogen. Nur Vater, der in einem kriegswichtigen Betrieb arbeitete, musste nicht an die Front.

1929 hatte er meine Mutter geheiratet, kurz darauf verlor er während der Weltwirtschaftskrise seine Stelle. In einer Baumwollspinnerei in Falkenau fand er wieder Arbeit. Als er 1937 der NSDAP beitrat, gehörte er zu jenen Millionen Deutschen, die nach der Krise Hitler für den Erlöser hielten.

Als Ende der Dreißigerjahre die Aktiengesellschaft Sächsische Werke in Espenhain bei Leipzig gegründet wurde, bewarb sich Vater dort und wurde als Schlosser eingestellt. Das Werk stellte über Braunkohlesynthese unter anderem Benzin und Rohöl her. Mit dem Fischer-Tropsch-Verfahren wollte sich das Dritte Reich – auch mit Blick auf den geplanten Krieg – von Kraftstoffimporten unabhängig machen.

Während des Krieges machte Vater auf der Abendschule seinen Meister als Werkzeugmacher und wurde Kolonnenführer. Er war überzeugter Nationalsozialist, aber er blieb ein Mensch. Als seine Kolonne Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene zugeteilt bekam, musste Mutter jeden Morgen einige Schnitten mehr schmieren, weil er sein Essen mit den Gefangenen teilte.

Wir zogen kurz nach Ausbruch des Krieges, im Dezember 1939, nach Magdeborn bei Leipzig um. Der Ort existiert heute nicht mehr. Ende der Sechzigerjahre wurden die Bewohner umgesiedelt, weil ihr Dorf inmitten des südlich von Leipzig verlaufenden Braunkohleabbaugebietes lag und zwischen 1977 und 1980 abgebaggert wurde.

Letztes Aufgebot

Mit zehn Jahren wechselte ich auf die Mittelschule. Ich war jetzt alt genug für das Deutsche Jungvolk. Da ich infolge meines Unfalls schmächtiger war als die anderen Jungen meines Alters, belegte ich beim Laufen meist den letzten Platz. Meine Resultate beim Keulenweitwurf – eine Vorbereitung aufs Granatenwerfen – fielen ebenfalls weit schlechter aus als die der anderen. Dafür lachten mich die Kameraden aus. Da ich ehrgeizig war, schmerzten mich die Demütigungen umso mehr.

Stolz hingegen konnte ich auf meinen Onkel Rudi sein. Ich bewunderte ihn, weil er zu unseren Helden in Afrika gehörte und unter General Rommel diente. Gern ließ ich mich mit ihm fotografieren. Er posierte in seiner Uniform, ich in meiner Pimpfen-Kluft. Er hatte zwar das Glück, den Krieg zu überleben, doch er steckte sich in Afrika mit einer unheilbaren Krankheit an und starb viel zu jung.

Der Krieg – anfangs scheinbar ein Kinderspiel – zog sich hin. Nach der Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad rückte Tag für Tag bedrohlich näher, was bis dahin so fern schien. Nicht nur Nachrichten von Gefallenen oder Vermissten häuften sich. Plötzlich spielte sich der Krieg vor unserer Haustür ab. Bomben fielen auf das nahe gelegene Leipzig. Die bevölkerungsreichste Stadt Sachsens erlebte einen der schwersten Angriffe im Dezember 1943, danach waren mehr als 1800 Tote zu beklagen. Über 900 Menschen starben im Februar 1944 im Bombenhagel. Auch das Werk in Espenhain wurde wegen seiner strategischen Bedeutung Ziel alliierter Angriffe.

Im Februar 1945 mussten wir Pimpfe nach Leipzig ausrücken. Ziele des Großangriffs der US Air Force waren die Verkehrsanlagen und der Hauptbahnhof gewesen, doch die Bomben trafen die gesamte Stadt. Selbst viele der bis dahin sicheren Bunker hielten der Bombardierung nicht stand. Die Amerikaner setzten unter anderem so genannte Kettenbomben ein. Schlugen zehn Bomben an derselben Stelle ein, so zerstörten sie auch die dicken Betondecken der Bunker unter dem Leipziger Hauptbahnhof. Die Stadt war wie Dresden, das ebenfalls schweren Bombardements ausgesetzt war, voller Flüchtlinge aus Gegenden, über die der Krieg bereits hinweggerollt war. Die Zahl der Opfer war deshalb wieder immens: Über tausend Menschen starben allein bei diesem Angriff.

Wir Pimpfe holten die Toten aus zerstörten Bunkern her­aus. Den Anblick der leblosen Körper werde ich wohl auf ewig in meinem Gedächtnis behalten, die Bilder verfolgen mich bis heute.

Zu Hause in Magdeborn verbrachten wir die Nächte im Luftschutzkeller. Der Ort selbst blieb zwar vor Angriffen verschont, doch in der näheren Umgebung waren die Einschläge der Bomben und das Gebell der Flugzeugabwehrgeschütze deutlich zu hören. Als wieder Ruhe eingekehrt war, suchten wir Kinder Granatsplitter. Sie stammten von den explodierten Granaten, die die zweiunddreißig Geschütze der Flak-Batterie abgefeuert hatten, die das nahegelegene Werk in Espenhain schützen sollten. Wer die meisten Splitter fand, war der Sieger unseres makaberen Wettbewerbs.

Die Flakstellung war nur etwa drei Kilometer Luftlinie von unserem Ort entfernt. Da immer weniger Männer zur Verfügung standen, schufteten dort auch sowjetische Kriegsgefangene. Einmal schickte mich Mutter mit einem halben Brot zu den ausgehungerten Russen. Zum Dank schnitzten sie einen Vogel für mich.

Wir Pimpfewaren dem Volkssturm angegliedert, Hitlers letztem Aufgebot. Schlecht ausgerüstete alte Männer, Jugendliche und Kinder sollten den Ansturm der Alliierten aufhalten. Ich und meine Altersgenossen glaubten weiter an den Endsieg. Sehe ich heute Kindersoldaten im Fernsehen, denke ich: Du wolltest auch so einer sein! Ich fühlte mich damals stark, hatte das Gefühl, endlich zeigen zu können, was in mir steckte.

Gemeinsam mit den Erwachsenen hoben wir entlang der Hauptstraße in Magdeborn Schützenlöcher aus, aus denen wir, so lautete der Befehl, mit der Panzerfaust auf anrückende feindliche Panzer schießen sollten. Als die Löcher geschaufelt waren, übten wir täglich für den Ernstfall. Ich fieberte dem Moment entgegen, in dem ich beweisen konnte, dass ich kein Versager war.

Bei einer Übung in den Schützenlöchern kam mein Vater zufällig vorbei.

»Was soll das?«, fragte er entgeistert. »Du bist ein Kind!«

Er packte mich, schleifte mich nach Hause und sperrte mich ein, damit ich – fanatisch wie ich war – nicht auf Panzer schoss.

Vielleicht rettete er mir so das Leben …

Am 22. April 1945, zwei Tage nach meinem zwölften Geburtstag, rückten die Amerikaner in Magdeborn ein. Sie kampierten rund um den Ort. Wir Kinder liefen neugierig in ihre Stellungen und bekamen Schokolade und Kaugummi von ihnen. Spähtrupps patrouillierten regelmäßig durch den Ort.

Als einer dieser Trupps an unserem Haus vorbeikam und aus unserem Volksempfänger eine der letzten Ansprachen aus Berlin zu hören war, kamen die GIs nach oben, packten die »Goebbels-Schnauze« und warfen sie kurzerhand aus dem Fenster.

Im Juli 1945 zogen die Amerikaner ab, Panjewagen und Panzer der Roten Armee rollten durch den Ort. Die sowjetischen Truppen zogen allerdings, ohne Halt zu machen, weiter.

Als die Nachricht vom Heranrücken der Roten Armee unseren Ort erreicht hatte, stahlen sich Mitarbeiter der Führungsebene des Braunkohlesynthesewerks klammheimlich davon. Wahrscheinlich fürchteten sie, die Russen könnten sie wegen ihrer politischen Vergangen­heit zur Verantwortung ziehen. Manch einer erinnerte sich vielleicht noch daran, wie es 1933 den Nazigegnern ergangen war …

Auch Vater machte sich Sorgen, dass ihm seine Parteimitgliedschaft zum Verhängnis werden könnte. Doch er entschied: Wir bleiben!

Eine neue Zeit beginnt

Im April 1945 war unsere Schule geschlossen worden. Nun hieß es, dass sie ab September wieder öffnen würde. Da die Mittelschule einige Kilometer entfernt lag, entschieden meine Eltern: »Der Karli geht wieder auf die Volksschule hier im Ort!«

Auf der Mittelschule hatte ich Englisch, auf der Volksschule gab es das Fach nicht. Doch ich wollte die Sprache unbedingt weiter lernen. Mutter arbeitete wöchentlich ein paar Stunden bei einem Bäcker, klebte dort Lebensmittelmarken. Einige davon ließ sie in ihrer Tasche verschwinden und kaufte dafür ein Zweipfundbrot. Damit lief ich jede Woche zu Fräulein Stohn. Sie unterrichtete an der Volksschule Mathe­matik, war aber auch Englischlehrerin. Für das Brot erteilte sie mir jede Woche zwei Stunden Privatunterricht, was sich später als Segen erwies.

Eines Tages tauchten Kriegsgefangene auf, die im Werk in Espenhain gearbeitet hatten. Würden sie Rache nehmen? Sie bedankten sich bei Vater zu seiner Überraschung dafür, dass er sie gut behandelt hatte.

War sein anständiges Verhalten der Grund dafür, dass er wegen seiner politischen Vergangenheit nicht belangt wurde? Die Angst vor einer Verhaftung war allgegenwärtig. Jeden Morgen, wenn er zur Arbeit fuhr, verabschiedete er sich mit den Worten:»Vielleicht komme ich nicht wieder …«

Es ging das Gerücht, dass Festnahmen oft dann stattfanden, wenn die Verdächtigten mit dem Bus von der Arbeit kamen.

Deshalb lief ich mit meinen Schwestern jeden Tag zum Feierabend an die Bushaltestelle. Wir hatten ein Paket mit Rasierzeug, einem Handtuch und etwas zu essen dabei. Wäre Vater abgeholt worden, hätten wir es ihm mitgeben können. So liefen wir sechsmal pro Woche – damals wurde auch samstags gearbeitet – mit der bangen Angst zum Bus, dass es heute passieren könnte.

Vor allem für Mutter war das eine enorme psychische Belastung. Wir Kinder nahmen es leichter, weil wir wohl nicht verstanden, welche Folgen eine Verhaftung haben könnte. Viele Beschuldigte landeten in ehemaligen Konzentrationslagern, die für diese Zwecke reaktiviert worden waren.

In dieser Zeit veränderte sich etwas in mir. Als Pimpf hatte ich wie die meisten meiner Altersgenossen nicht den geringsten Zweifel an der Richtigkeit des bestehenden Systems gehabt. Ich war in Hitlers Staat hineingeboren worden und darin aufgewachsen. Die braune Saat hatte auch in meinem Kopf Früchte getragen. Nun war dieses Reich untergegangen und die Welt um uns herum lag in Scherben. Bei mir kamen Bedenken auf, Skepsis, eine Ahnung, dass das alte System doch irgendwie falsch gewesen sein musste. Dieses Gefühl wuchs von Tag zu Tag.

Es gab kaum etwas zu essen. Ich bettelte bei einem Bauern so lange, bis ich auf seinem Hof arbeiten durfte. Ich hoffte, dafür verköstigt zu werden, damit zu Hause ein Esser weniger am Tisch saß. Der Bauer ließ sich darauf ein.

Ich fütterte täglich die Schweine und die Kühe, holte für sie mit dem Pferdewagen das Futter von der Wiese. Ich verzog Rüben, half bei der Kartoffel- wie bei der Getreideernte.

So reichte das, was wir zu Hause über Lebensmittelkarten bekamen, gerade so für meine Eltern und meine beiden Schwestern.

Auf dem Hof beobachtete ich, wie unser Pfarrer seine Stellung ausnutzte: Er bekam umsonst Essen, während bettelnde Kinder aus Leipzig abgewiesen wurden. Ich konnte es nicht fassen.

Nach dieser Beobachtung verabschiedete ich mich vom Protestantismus und wurde – zum Leidwesen meiner streng gläubigen Mutter –Atheist.

Ich war schon vor 1945 politisch interessiert, wenn ich auch die nationalsozialistische Ideologie nie hinterfragt hatte. Nun, das war zu spüren, wuchs etwas Neues, etwas, das noch nicht zu greifen war.

Ich hörte von Treffen junger Leute, die in Wohnungen zusammenkamen und miteinander diskutierten, sie nannten sich Antifa-Jugend.

Eines Tages fragten mich Schulfreunde: »Willst du nicht mal mitkommen?« Da ich nichts Besseres vorhatte, willigte ich ein.

Zu meinem Erstaunen redeten die Jugendlichen nicht etwa über Politik, sondern über die Werke von Goethe und Schiller oder von Autoren, die während der Nazizeit verboten gewesen waren, Brecht zum Beispiel. Wie meine Schwester, die ab und zu dabei war, lauschte ich mit gespitzten Ohren. Als Arbeiterkinder hatten wir nicht viel über Literatur erfahren.

Die Kreistheater tourten durch die Ortschaften und führten ihre Stücke auf. Auch im Tanzsaal des Schützenhofes in Magdeborn gaben sie gelegentlich Gastspiele. Bei den Lesezirkeln hatte ich so viel über Literatur und Theater gehört, nun war ich neugierig darauf, wie das wohl auf der Bühne mit lebendigen Schauspielern aussehen würde. Ich schaute mir die Aufführungen an – und war begeistert.

1946 ging aus der Antifa-Jugend die FDJ hervor, die Freie Deutsche Jugend, deren Vorsitzender Erich Honecker wurde. Auch ich trat dieser neuen Jugendorganisation bei.

Die Debatten in unseren Zirkeln wurden politischer. Wir diskutierten darüber, wie es weitergehen würde, wie das neue Deutschland aussehen sollte und was unser Beitrag dazu sein könnte. Wir spürten, dass sich die Zeiten änderten, dass uns jungen Leuten, denen das Leben noch bevorstand, diese Veränderungen viele Chancen bieten würden.

In die Aufbruchsstimmung mischte sich aber auch der Rückblick auf die Vergangenheit. Wir sprachen über die Verbrechen der Nazis, die Konzentrationslager. Wie war so etwas in Deutschland nur möglich gewesen? Wir sprachen über unsere Väter, ihre Überzeugungen, aber auch über unser Verhalten als Kinder. Wir hatten zusammen die Schulbank gedrückt, waren im Jungvolk und in der HJ gewesen. Wir gingen während unserer hitzigen Debatten allerdings nie so weit, dass wir uns gegenseitig Schuld in die Schuhe schoben, dass sich einer dem anderen moralisch überlegen fühlte. Auch mein Einsatz im Volkssturm kam nicht zur Sprache.

Vater wird entnazifiziert

Ende 1947 wurden in der Sowjetischen Besatzungszone die ersten Entnazifizierungsverfahren gegen ehemalige ­NSDAP-Mitglieder eröffnet. Auch Vater musste sich einem Ausschuss stellen, der aus Partei-, FDJ- und Gewerkschaftssekretären sowie Angehörigen der neu eingesetzten Justiz bestand. Als Lehrling mit herausragenden Leistungen wurde ich ausgerechnet in die Verhandlung delegiert, bei der es um meinen Vater ging. Mit mir saß Wolfgang Mitzinger – der spätere Minister für Kohle und Energie –, dessen Vater ebenfalls Parteimitglied gewesen war, in der Versammlung.

Einige von Vaters Arbeitskollegen mussten sich zu seinem Verhalten während der Nazizeit äußern. War er Denunziant gewesen? Hatte er Leute ins KZ gebracht? Wie war er mit den Zwangsarbeitern umgegangen?

Er hatte, wie damals üblich, zwölf Stunden gearbeitet und nach Feierabend im Keller unseres Hauses für andere Leute in der Siedlung Töpfe geflickt. Politisch tätig war er – soweit ich weiß – nicht. Auch antisemitische Äußerungen habe ich aus seinem Mund nie vernommen. Freilich hasste er das »kommunistische Gesindel«. Was man ihm vorwerfen konnte, war seine Mitgliedschaft in der NSDAP.

Am Ende des Verfahrens, das mehrere Stunden dauerte, wurde er freigesprochen. Fortan mussten wir Kinder nicht mehr jeden Abend zum Bus laufen.

Vater gab freilich seine Weltanschauung nie ganz auf. Später stritt ich öfter über politische Themen mit ihm. Beinahe so wie früher, als er mit seinem Bruder und seinem Vater palaverte. Er hatte während des Krieges zehntausend Reichsmark für einen Volkswagen zusammengespart. Als die alte Währung eins zu zehn abgewertet wurde, blieb von dem sauer ersparten Geld kaum etwas übrig.

Als ehemaliger Nationalsozialist gehörte Vater zu den Verlierern. Ich wollte jedoch kein Verlierer sein, sondern das Neue, das sich auf den Plakaten und in den Zeitungen ankündigte, mit aufbauen.

Handwerker oder Schlosser?

Da ich lediglich die Volksschule besucht hatte, ging ich 1947 nach der achten Klasse ab. Mein Vater wollte, dass ich wie er Schlosser werde. Unser Pfarrer, der mich gut kannte, bekniete meine Eltern, dass sie mich nicht in das Werk nach Espenhain, sondern zu einem Handwerker in die Lehre schickten. Die Handwerksbetriebe lagen in jenen Jahren ebenso am Boden wie die großen Betriebe. Mein Vater blieb dabei: Der Junge wird Schlosser!

Die Sowjetische Aktiengesellschaft Brikett, wie der Betrieb in Espenhain nun hieß, erbrachte wie so viele andere in der sowjetischen Besatzungszone Reparationsleistungen für die Kriegsverluste, die die Sowjetunion erlitten hatte.

Die Alliierten einigten sich darauf, dass sie ihre Reparationsansprüche aus den jeweiligen Besatzungszonen befriedigen, die Sowjetunion, die den größten Teil der Last zu tragen hatte, sollte zudem einen zusätzlichen Teil aus den westlichen Zonen erstattet bekommen.

Außer über dreitausend Betrieben wurden nach Kriegsende auch Bahnschienen abgebaut sowie Lokomotiven und Waggons abtransportiert.

Mit dem Konzept für die Reparationen wurde der Grundstein für die spätere Teilung Deutschlands gelegt, weil die sowjetische Besatzungszone den Hauptteil zu tragen hatte und die Westzonen kaum betroffen waren. Der Osten Deutschlands leistete etwa drei Mal so viel Wiedergutmachung wie der Westen, der zudem noch wirtschaftliche Hilfe erhielt.

Als deutlich wurde, dass die Demontage von Betrieben in einigen Regionen zu erheblichen wirtschaftlichen Problemen führte, erließ 1946 die Sowjetische Militäradminis­tration den Befehl, dass etwa zweihundert ursprünglich zum Abbau vorgesehene Betriebe in Deutschland verbleiben und in Sowjetische Aktiengesellschaften (SAG) umgewandelt werden sollten. Sie leisteten weiter Reparationen, bekamen dafür aber auch Vergünstigungen.

In unserer SAG Brikett wurden die Lehrstellen nach der Gesamtnote vergeben. Diejenigen mit durchschnittlichen Zeugnissen wurden Schlosser. Ich mit meinen guten Zensuren war quasi gezwungen, eine Lehre als Betriebselektriker zu beginnen. Vater musste sich geschlagen geben.

Im Werk herrschte eine geradezu militärische Ordnung. Morgens mussten wir Lehrlinge in der Werkstatt antreten: Wie in der Kaserne wurde durchgezählt. Nach dem Appell begann die Ausbildung. Im ersten Jahr erlernten wir alle wichtigen Fertigkeiten wie Schweißen oder Drehen. Im zweiten Jahr durchliefen wir verschiedene Abteilungen, im dritten wurden wir dort eingesetzt, wo uns der Betrieb künftig benötigte. Ich landete in der Elektromotorenwicklerei, der Reparaturwerkstatt für defekte Motoren. Dort gefiel es mir so gut, dass ich mir sagte: Diesen Beruf lernst du auch noch!

Bei der Handwerkskammer in Leipzig ließ ich mich als »Selbstanmelder« registrieren und hängte an meine Ausbildung noch etwas Zeit an, in der ich mir die Fähigkeiten für den Beruf als Elektromotorenwickler aneignen wollte.

Ein paar Experten der Abteilung nahmen mich unter ihre Fittiche und brachten mir zum Beispiel bei, wie das Legen freier Wicklungen, ein spezieller Arbeitsgang bei zu reparierenden Großmotoren, funktioniert.

Allerdings stellten die Kollegen eine Bedingung: Um vierzehn Uhr, wenn die Norm erfüllt war, musste ich ihnen Bier holen. Ich willigte ein, schließlich wollte ich etwas von ihnen lernen. Kam ich mit dem Bier zurück in die Werkstatt, überredeten mich meine durstigen Kollegen, eine Flasche mit ihnen zu trinken. Das wurde zum täglichen Ritual.

Eines Tages war meine Lohntüte leer. Was war passiert? Mein Vater hatte die Buchhaltung gebeten, mein Geld in seine Lohntüte zu stecken. Häufig war ich mit einer Fahne nach Hause gekommen, meine Eltern befürchteten, dass ich auf Abwege gerate. Vater wollte verhindern, dass ich weiter meinen Lohn für Bier ausgab.

Ohne Abitur zum Studium

1951 legte ich bei der Handwerkskammer in Leipzig die Prüfung für den zweiten Berufsabschluss ab. Nun war ich Betriebselektriker und Elektromotorenwickler.

Jetzt machst du das Abitur und dann studierst du, sagte ich mir und meldete mich mit einigen Schulfreunden auf der Abendschule an. Kurz darauf tauchten in unserem Betrieb Mitarbeiter von Fachschulen auf, um Studenten zu werben.

»Was willst du mit dem Abi?«, fragte mich einer von ihnen. »Bei uns an der Bergingenieurschule Zwickau kommst du viel schneller zum Ziel!«

Ich ließ mich überzeugen und das Abitur sausen. 1952 begann ich ein Studium zum Elektroingenieur mit Bergbauzulassung an der Ingenieurschule.

In meinem Semester studierten drei Generationen gemeinsam. Einige meiner Kommilitonen waren Soldaten in der Wehrmacht gewesen. Auf sie folgten altersmäßig wir, die nach 1945 ihre Lehre absolviert hatten. Die dritte Generation war diejenige, die nach 1950 ausgelernt hatte und nun ganz frisch zum Studium kam.

Anders als wir, die den Krieg nur als Kinder erlebt hatten, waren die ehemaligen Soldaten gezeichnet. Die Erlebnisse an der Front hatten tiefe Spuren hinterlassen. Oft erzählten sie von ihren schreck­lichen Erlebnissen. Etwa, wie sie über tote Russen und eigene Kameraden gestiegen waren und keine Möglichkeit hatten, sie zu beerdigen. Oder sie berichteten, wie deutschen Soldaten im Winter Ohren, Nasen, Füße und Hände abfroren. Mit Politik wollten sie nichts zu tun haben. Wer wollte ihnen das nach ihren Erlebnissen verübeln?

Wir jungen FDJler hingegen engagierten uns für den neuen Staat, die DDR: Wolfgang Mitzinger, ein Jahr älter als ich, wurde hauptamtlicher FDJ-Sekretär der Schule, ich FDJ-Gruppenleiter. In den Gesellschaftswissenschaften hatten wir einen wunderbaren Lehrer, der uns den Marxismus so lebhaft nahebrachte, dass wir ihn fast spielend aufnahmen.

Unsere Russischlehrerin war eine deutschstämmige Lettin. Sie hatte mit ihren Eltern die Heimat verlassen, nachdem die Sowjetun­ion die drei baltischen Republiken annektiert oder – wie es offiziell hieß – »befreit« hatte. Sie erzählte vom Krieg und der Fremdherrschaft, zunächst der deutschen, später der sowjetischen.

Als mich mein Studienkollege Arthur Enoch fragte: »Willst du nicht Mitglied unserer Partei werden?«, antwortete ich ohne lange zu überlegen: »Ja, selbstverständlich will ich!«

Doch etwas Geduld war nötig, war der Eintritt in die SED doch ausschließlich als Kandidat möglich. Für Arbeiter dauerte diese Kandidatur ein Jahr, Vertreter anderer Gruppen der Gesellschaft kandidierten zwei Jahre. Wie jeder Kandidat benötigte auch ich zwei Bürgen, die mich mindestens ein Jahr kennen sollten und selbst seit mindestens zwei Jahren Parteimitglieder sein mussten. Am Ende der Kandidatenzeit musste ich einen neuen Aufnahmeantrag stellen und wiederum zwei Bürgen vorweisen.

Im Kandidatenjahr besuchte ich politische Diskussionsrunden in der Ingenieurschule und der politischen Ausbildungsstätte der SED-Kreisleitung in Zwickau. Mit Fragen konnte ich mich jederzeit an meine beiden Bürgen, meinen Lehrer für Gesellschaftswissenschaften, Rudolf Ortschig, und an Arthur Enoch, wenden. Wir diskutierten viel miteinander – vor allem über den Aufbau einer neuen Gesellschaft.

Enoch wurde später ein Gegner der SED und wollte Ende der Achtzigerjahre in den Westen ausreisen, was er freilich nicht tat. Heute – er lebt in Meuselwitz bei Altenburg – verstehen wir uns gut und reden oft über diese Zeit.

Das Studentenleben genossen wir in vollen Zügen. Zweimal pro Woche gingen wir tanzen. Das Bier spendierten uns die Frauen, die wir zum Tanz aufforderten. Anfang der Fünfziger waren Männer rar. Dass sie ihre Freunde oder Verlobten im Krieg verloren hatten, war uns nicht bewusst, als wir unsere Eroberungen nach Hause begleiteten.

Auch von den Wismut-Kumpels ließen wir stets mittellosen Studenten uns gern einladen. »Kommt doch mal rüber, Jungs!«, riefen sie uns lallend zu. Wir tranken so lange mit, bis wir selbst nicht mehr geradeaus gehen konnten. Die Kumpel hatten ihren Spaß daran, wenn wir nach Hause torkelten.

Vermutlich war es dem Alkohol zu danken, dass ich Magenpro­bleme bekam. Um auszuschließen, dass ich an einer Magenschleimhautentzündung litt, sollte ich mich in der Poliklinik einer Magenspiegelung unterziehen. Nun hatte ich am Abend vor der Untersuchung mal wieder einen über den Durst getrunken. Noch bevor ich den Schwestern verständlich machen konnte, dass der Eingriff in meinem Zustand unangenehme Folgen haben könnte, hatte ich den Schlauch im Rachen. Außer, dass ich viel zu viel Alkohol zu mir genommen hatte, ließ sich bezüglich meines Magenleidens keine brauchbare Dia­gnose stellen.

Dennoch war dieser Arztbesuch nicht umsonst: Die Laborantin mit den schönen braunen Augen hinterließ bei mir einen tiefen Eindruck.

Bei meinem nächsten Termin, zu dem ich – wie es die Untersuchung vorsah – nüchtern erschien, nutzte ich den erstbesten Anlass, mit ihr ins Gespräch zu kommen.

»Das da muss weg!«, stellte ich in strengem Ton fest und deutete auf einen Kippschalter, an dem ein Handtuch hing.

»Wieso muss das weg?«

»Weil an dem Schalter nichts hängen darf. Arbeitsschutz.«

»Ihre Belehrung hat mir gerade noch gefehlt!«

Das Lächeln, mit dem die hübsche Laborantin mich belohnte, gab mir recht. Unverblümt fragte ich: »Darf ich Sie mal von der Arbeit abholen?«

Zu meiner Überraschung willigte sie ein.

Die Untersuchung ergab zum einen, dass ich tatsächlich an einer Magenschleimhautentzündung litt. Der Arzt verschrieb mir Tabletten. Zum anderen bescherte mir der Termin mein erstes Rendezvous mit einer Frau, die mich nie wieder loslassen sollte: Ein Jahr nach meinem Studienabschluss heirateten Helga und ich.

Ein Grünschnabel als Bauleiter