Generationswechsel - G. R. Laurent - E-Book

Generationswechsel E-Book

G. R. Laurent

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Beschreibung

Ein schwungvoller Blick zurück in die Kindheit und Jugend der Nachkriegszeit mit all ihren Facetten von Prüderie und Heuchelei, hin zu einer Berufswelt vom Beginn der 70er-Jahre bis heute. Die einzelnen Etappen auf der süffisant kommentierten Karriereleiter sind angereichert mit politischen und gesellschaftlichen Rahmeninformationen, die alles in den richtigen Kontext setzen, sodass sich ein interessanter Querschnitt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ergibt. Der kritische Blick hinter die Kulissen eines großen Konzerns aus Sicht eines Managers rundet die Rückschau ab: ein ganz normaler Nachkriegsweg von den Bombentrümmern in die oberen Wirtschaftsetagen mit sehr persönlichen und treffenden Anmerkungen.

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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G. R. Laurent

Generationswechsel

Eine Autobiografie

Copyright: © 2016 G. R Laurent

Lektorat: Erik Kinting / www.buchlektorat.net

Umschlag & Satz: Erik Kinting

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Prolog

Es klingt beinahe schon mystisch, wenn man eine ganze Generation den sogenannten 68ern zuordnet, nur weil sie zufällig in diesem Zeitfenster aufwuchs und anscheinend einer Art revolutionärer Bewegung beiwohnte, die es ja in Wirklichkeit so nie gab. Die Realität war eine ganz andere, denn die meisten sind ziemlich normal in unserer damaligen langweiligen Nachkriegsordnung aufgewachsen und hatten nichts anderes im Sinn, als ihre Kindheit und Jugend so auszuleben, wie es die seinerzeit vorherrschenden strengen Rahmenbedingungen erlaubt haben; junge Leute, die – wo auch immer – eine grundsolide Ausbildung genossen haben, vergleichsweise recht unpolitisch waren und zuvorderst ihr Glück im Beruf und der Familie suchten. Der Anteil der Studentenschaft war seinerzeit ohnehin noch recht klein und der Anteil derjenigen Studenten, die ständig an sogenannten Protestkundgebungen teilgenommen oder diese aktiv organisiert haben, noch wesentlich geringer.

Natürlich gab es damals Massendemos, wo im Laufschritt gut gelaunte aber echauffiert dreinblickende Studierende gegen Wasserwerfer anrannten und Ho-Ho-Ho-Chi-Minh skandierten. Bei genauerem Hinsehen gewahrte man des Öfteren, dass so manch ambitionierter, aber gut erzogener jugendlicher Demonstrant sogar noch ein Krawättchen trug, das er von Mama geschenkt bekommen hatte …

Manch ältere Herrschaften identifizieren sich heute gerne mit den damaligen Ereignissen, um ihrem vielleicht etwas tristen Leben nachträglich ein paar Glanzlichter aufzusetzen, ähnlich wie auch die Alt-Hippies, die sich bekanntlich alle schon mal in Woodstock, bei Gitarrenriffs von Jimi Hendrix, einen Joint zur Bewusstseinserweiterung reingezogen haben wollen, in Wirklichkeit aber damals die Platten von Caterina Valente, Rex Gildo oder Roy Black ganz sexy fanden …

Natürlich war seinerzeit ein gewisser Wandel in der Geisteshaltung feststellbar, der vor allem durch die innere Loslösung von der Kriegsgeneration bestimmt war. Interessant vor allem, weil dies nicht nur die deutsche Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit betraf, sondern beinahe alle westlichen Länder. So darf man heute durchaus mehr Gelassenheit zeigen, wenn Zeitzeugen mit schwärmerischem Gesichtsausdruck von einer neuen Zeit berichten, die es so nie gab – die Menschen waren einfach nur jung und das ist bekanntlich immer eine tolle Zeit.

Mich beschleicht immer ein etwas eigenartiges Gefühl, wenn Politiker und Philosophen die damaligen Studentenbewegungen zu eine Art Katharsis der Gesellschaft erhöhen, die unser ganzes Demokratieverständnis verändert haben soll – seltsam! Unser gesellschaftlicher Fingerprint und unser soziales Gefüge sind wesentlich stabiler, als man uns glauben macht. Lassen wir uns daher nicht einreden, was für uns gut war und ist und was heute so gar nicht geht …

Die sogenannteNachkriegsgeneration

zu der ich mich nicht nur zähle, sondern auch bekenne, wird meist definiert durch ihre besondere Prägung durch die dramatische Geschichte des Zweiten Weltkriegs, dem daraus resultierenden Paradigmenwechsel innerhalb der Gesellschaft, die vorherrschende Weltanschauung im Allgemeinen und die der Deutschen im Speziellen, die Infiltration durch unsere Eltern und das Aufbegehren im Rahmen der Studentenproteste der 68er.

Inzwischen ist diese Generation auch Geschichte und es lohnt sich – rein subjektiv – das Geschehen ohne den Zwang historischer Analysen zu reflektieren. Mein Vorteil: ich habe weder große Ahnung von Politik, bin kein Literat, kein Philosoph und leide daher nicht unter bestimmten vorgestanzten Denkmodellen. Meine Ehrfurcht vor der Wissenschaft und der industriellen Technik ist begrenzt, da ich genau aus dieser Ecke komme. Eher genieße ich die rhetorischen Auslassungen fähiger Philosophen und Denkschulen, die sich abseits vom allgemeinen Mainstream äußern.

Was war geschehen?

Wir kamen kurz vor oder nach Kriegsende zu Welt, und zwar erstaunlich zahlreich. Erstaunlich insofern, als dies ja recht lausige Zeiten waren, mit einer mehr als ungewissen Zukunft. In einer Welt, die vor dem Abgrund stand, wo morden in jeglicher Form obsolet war. Objektiv war Kinderkriegen in dieser Endzeit, nach heutigen Maßstäben mit all den sozialen Absicherungen, der reinste Irrsinn. Und dennoch, ich war definitiv kein Verhütungsunfall und schon gar nicht für den Führer gezeugt – meine Eltern wollten mich unbedingt, wohl wissend, dass die Zukunft grausam werden könnte. So kamen wir also auf die Welt in Kohlekellern, in Treckwagen, auf der Flucht und manchmal sogar im ganz normalen Wochenbett zu Hause oder im Krankenhaus.

Unsere Väter waren ja allesamt außer Haus – kämpften und starben an der Front oder wurden verwundet, gefangen genommen, andere mussten wiederum mangels richtigem Erbgut oder richtiger politischer Gesinnung das Ende in KZs erleben. Die ganz große Mehrheit – von den Opportunisten, Profiteuren und menschlichen Versagern mal abgesehen – litt sicher in einem unvorstellbaren Ausmaß, ohne irgendwie auf das Geschehen entscheidenden Einfluss nehmen zu können. Die Verbrechen, die in dieser Zeit begangen wurden, haben bekanntlich manch betroffene Entscheidungsträger aber auch die kleinen Erfüllungsgehilfen mit dem sogenannten Befehlsnotstand entschuldigt. Doch selbst mein Vater als ehemaliger Frontsoldat sah dies durchaus differenzierter: seiner Aussage nach gab es eben immer den Typ Mensch, der in dieser Ausnahmesituation zum Verbrecher mutiert, ohne hierzu einen direkten Befehl zu benötigen! Der Ethos des Tötens als Folge von Kampfhandlungen konnte von den einfachen Soldaten daher von den offensichtlichen Mordorgien in der Etappe absolut unterschieden werden, wenngleich der Übergang, der das Töten auch von Zivilisten legitimierte, gleitend war.

Heute gehört bekanntlich das anonyme Auslöschen von Städten mit möglichst vielen Bewohnern zum Standard sogenannter kriegerischer Auseinandersetzungen und wird subtil als Mittel zur Beschleunigung des Kriegsendes begründet. Diese kranke Vorstellung legitimiert natürlich indirekt auch immer wieder die Urkatastrophe von Hiroshima. Aber selbst eine Siegermacht wie die USA, die ja grundsätzlich nach dem Motto der Erfolg heiligt die Mittel argumentiert, wird dieses Stigma wie eine Erbsünde nie mehr los.

Moralische Rechtfertigungen wie der vorgenannte Befehlsnotstand haben ihren Ursprung in der Mitte unserer Gesellschaft, die zum einen ein gewisses normatives Verhalten für ein funktionierendes Zusammenleben voraussetzt, die Auslegung kultureller, politischer und sittlicher Ansichten – entsprechend dem Zeitgeist –, aber durchaus in der Lage ist zu variieren.

In diesem Umfeld gedeiht in einer nicht unerheblichen statistischen Größenordnung ein Menschenschlag, aus normalem bürgerlichem Milieu kommend, der qua persönlicher Auslegung von Vorschriften und Gesetzen sich ermächtigt fühlt, auf eine ganz spezifische Art und Weise zu handeln, ohne dass das Mäntelchen von Pflichterfüllung als Camouflage einer inneren Niederträchtigkeit je gelüftet wird. Sie sind meist Claqueure jedweder Couleur – sie machen mit, sind stets dabei – ob von links oder rechts kommend ist völlig egal – Biedermänner, Mitstreiter, Menschen mit ehrlicher Absicht, die nur unser Bestes wollen. Sie sitzen in allen Etagen in allen Ämtern – ob klein oder groß – sie gibt es nun mal. Es waren damals letztlich vor allem diese Charaktere, die ihre eigene Generation verraten haben. Ich glaube nicht, dass dies spezifisch deutsche Eigenschaften sind, aber ein politisches Umfeld, wie jenes im 3. Reich, fördert und züchtet förmlich diesen Menschenschlag. Der Begriff einer Banalität des Bösen von Hannah Ahrendt hat daher seine Gültigkeit bis in die heutige Zeit nicht verloren. Es geht hier nicht nur um Kriegsverbrecher, sondern um die Menschen, die täglich in den Etagen der Entscheidungswelten – ob Führungskräfte, Politiker, Richter etc., allein durch ihr hinterlistiges, letztlich böswilliges Verhalten Existenzen und damit indirekt Leben vernichten können und dies alles mit dem Hinweis auf vorgeschriebene Regelwerke innerhalb der Organisationen, der Gesetzgebung bzw. Vorschriften aller Art. Ich habe dies vielmals in meinen Berufsjahren beobachten dürfen – aber mich auch in einigen Fällen getäuscht!

Warum schreibe ich das? Weil das Umfeld, in welchem meine Generation aufgewachsen ist, genau von diesem seltsam scheinmoralischen Flechtwerk geprägt wurde. Der aberwitzige Blutzoll für Nichts, das desaströse Flüchtlingsdrama mit weiteren Millionen Toten und dann nach und nach die Details vom Genozid an Juden und anderen Randgruppen.

Den glatten Gegenentwurf bildeten damals natürlich die Siegermächte: sie hatten das Recht und die Moral auf ihrer Seite, ergo wechselte auch ganz Deutschland sofort die Seiten, sodass außer einem einzelnen Herrn mit Bärtchen kaum noch ein weiterer Nazi aufzufinden war. Heuchler und Denunzianten hatten wieder Konjunktur und – wie immer – Oberwasser. Der Begriff Zusammenbruch für diese Endzeit ist daher für mein Dafürhalten der einzig richtige – es war schließlich mehr als eine militärische Niederlage. Es gab keine Nation mehr, es gab ein gedemütigtes entwurzeltes Volk, das ausschließlich nach Brecht – erst kommt das Fressen, dann die Moral – handelte und vor allem keinerlei Rechtsgrundlage für eine eigenständige Existenz mehr vorfand – es war also die totale Niederlage. Eine Befreiung des Volks, wie sie heute von jedem Politiker und fast allen Historikern salbungsvoll vorgetragen wird, wurde weder so empfunden noch fand sie seinerzeit real statt – war auch nie Bestandteil der Strategie der Alliierten. Befreit wurden die von Deutschland besetzten Länder, die Konzentrations- und Kriegsgefangenenlager – wir wurden nun mal besetzt oder eben vertrieben. Selbst Weizäcker benutzte meines Erachtens den Begriff Befreiung eher als Resümee der erfolgreichen Nachkriegsjahre und weniger als Strategie alliierter Kriegshandlungen in Deutschland. Der schleimig wirkende Opportunismus heutiger Politiker, dass alles und jedes von den Nazis befreit wurde, zeigt beinahe paranoide Züge und entbindet alle auf beinahe wundersame Art und Weise der Verantwortung für das Desaster, denn es waren ja immer die anderen.

In Realität war aber erst am 8. Mai 1945 endgültig Schluss und bis dahin haben nicht nur irgendwelche Nazis geballert, sondern unsere Väter unter furchtbaren Verlusten und die waren natürlich heilfroh, als es dann endlich vorbei war. Als Kind habe ich damals von Befreiung jedenfalls nie etwas gehört. Der Begriff Nazi, der heute jedem aufrechten Bürger etwas zu locker und leicht über die Lippen geht, lernte ich auch erst wesentlich später kennen und unsere Elterngeneration benutzen ihn erst recht nicht – man sprach damals vornehmlich von der Zeit vor und nach dem Zusammenbruch. Es gab damals auch keine Möglichkeit groß traumatisiert zu sein oder gar die Vergangenheit in irgendeiner Form aufzuarbeiten, sondern jeder wollte nur eine Art von Normalität im Rahmen eines bürgerlichen Lebens zurückgewinnen. So schwiegen Täter und Opfer gleichermaßen. Die Anpassung an die Gegebenheiten und der ungebrochene Lebenswille waren das eigentliche Phänomen der damaligen Zeit. Natürlich auch der Opportunismus, der sich in dem Wohlverhalten bzw. der Unterwürfigkeit gegenüber den Siegermächten ausdrückte. Wir waren quasi über Nacht zu überzeugten Demokraten geworden und unsere politischen Protagonisten bzw. Oberprimaner der damaligen Zeit formulierten ein hieb- und stichfestes Grundgesetz, ähnlich dem Koran oder der Bibel – nur noch konsequenter. Die Amerikaner sahen mit Wohlgefallen, wie wir zu demokratischen Musterschülern mutierten; was sie dabei wirklich dachten, wurde allerdings nie so richtig dokumentiert.

Zum demokratischen Glück der Westdeutschen gesellte sich recht schnell der eskalierende Ost-West-Konflikt. Pech natürlich für die armen Brüder und Schwestern im Osten unseres Landes, sie durften zwar auch lautstark auf den Faschismus einprügeln, aber leider auch auf den Kapitalismus und nur der versprach damals die süße Welt des Konsums – eine bittere und ungerechte Verteilung der ideellen und materiellen Kriegslasten. Dennoch hatten beide Volksteile Glück im Unglück – die Amerikaner mussten die Westdeutschen aufbauen, um nicht ganz Europa zu verlieren, und die UdSSR tat nach anfänglicher Demontage der Industrieanlagen das Gleiche – die DDR war bekanntlich das Musterländle des Ostens.

Doch wieder zurück zum Kinderglück

Warum wollten unsere Eltern dennoch Kinder haben? Es gab kein Kindergeld oder sonstige Fördermaßnahmen, soziale Wüste allenthalben. Kitas gab es in dieser Zeit lediglich in Form von Kinderhorten, primär aber waren Waisenhäuser gefragt für die armen übrig gebliebenen Würstchen, die durch Flucht und Vertreibung bzw. den Bombennächten keine Eltern mehr hatten – letztlich war dies der einzig mögliche Zufluchtsort für die bedauernswerten Geschöpfe. Die oft geringe Zuwendung und die überharte Disziplin ließen manches Kind innerlich zerbrechen. Doch man täte all jenen Kinderheimen Unrecht, deren aufopfernde Betreuer das menschliche Desaster unserer Gesellschaft zu lindern versuchten und das war letztlich die große Mehrheit.

Finanziell waren wir also für unsere Eltern Null-Nummer und Risikofaktor obendrein. War Kinderkriegen also ein biologisches Massenphänomen? Nur wegen des hohen Blutzolls einer Generation? Ich glaube eher, es war das normative Gesellschaftsmuster der damaligen Zeit, das sich bis Ende der 60er-Jahre fortsetzte – also, als wir dann dran kamen … Kinder gehörten sozusagen zur natürlichen Grundausstattung einer Familie, weil diese Gesellschaftsform ja sonst wenig Sinn machen würde – ich finde sie eigentlich, trotz aller aktuellen Diskussionen, bis heute einigermaßen schlüssig, ja sogar essenziell.

Wie man verhütet, wussten unsere Eltern seinerzeit durchaus, das zeigt ja schon die Statistik: Großfamilien waren die Ausnahme, zwei bis drei Kids die Regel. Wir waren also gewollt und die Eltern wussten wohl wie’s funktioniert.

Lustig daher die Aufklärungswelle der späten 60er- Jahre,

die uns insbesondere durch einige Protagonisten wie den guten Oswald Kolle ereilte – endlich lernte ganz Deutschland wie das mit dem Sex funktioniert bzw. wie man verhütet (in der Realität wusste auch damals schon jeder interessierte Jüngling als Allererstes, wo und in welchem Gasthaus ein Kondomautomat im WC hing).

Aber jetzt wurde uns endlich gezeigt, wie unterschiedlich die Mädels doch gebaut sind und worin sie sich von den Jungs signifikant unterscheiden. Wir, die Früh- oder Spätpubertierenden dieser Zeit, waren einfach nur begeistert, denn endlich konnte man – rein aufklärerisch – ein paar ordentliche Brüste mit allem Drum und Dran in der kuscheligen Dunkelheit des Kinos ausgiebig betrachten und andeutungsweise auch den sogenannten Geschlechtsakt – unter rein medizinischen Gesichtspunkten – analysieren. Ohne diese Filmchen wären wir heute sicher auch nicht überbevölkert – aber so verdiente Onkel Oswald seine Millionen und wir hatten unsere ersten Softpornos – eine echte Win-win-Situation! Heute wird das als ein Meilenstein der Volksaufklärung gehuldigt – zum Totlachen …

Wir waren also in genügender Anzahl da und mussten ernährt und erzogen werden

Unser Umfeld war inhomogen und dennoch einigermaßen normal. Für uns Kinder spielte es keine Rolle, ob wir in den Ruinen der Städte oder im ländlichen Umfeld unseren Abenteuerspielplatz fanden – Fantasie war angesagt, Spielzeug gab es ja kaum. Wir waren allesamt relativ schlank, denn Nahrung war mehr als knapp, sodass sich alles um deren Beschaffung drehte. Entsprechend hart waren die Regeln der Nahrungsaufnahme: es wurde aufgegessen bis der Teller leer war – einer meiner Erziehungsschwerpunkte. Und wer sich noch erinnern kann: es lagen oder schwammen Dinge auf dem Teller …

Blankes Entsetzen löste bei mir meist die sogenannte Hühnersuppe aus – es war also Fleischtag: Leider kannte ich die armen Tiere persönlich – sie gackerten ja lautstark im Hof herum und wurden von Oma und mir fleißig gefüttert. Dann kam der Todestag: selbst Oma war etwas gerührt und hätschelte und verwöhnte den bereits ausgesonderten Delinquenten nochmals ganz besonders. Plötzlich erschien der Killer in Person meines Vaters mit einem Beil in der Hand, ab in die Waschküche und hack – der Kopf fehlte. Jetzt begann erst das Inferno: das Resthuhn flatterte mit gewaltigen Flügelschwüngen quer durch die Waschküche – ein echtes Horrorszenario, das heute jeden modernen Hollywoodfilm locker in den Schatten stellen würde. Es waren auch keine Psychiater in der Nähe, die mich hätten auffangen können, d. h. ich muss bis heute – entsprechend verhaltensgestört – damit leben. Jetzt stelle man sich vor, dieses ermordete Tier aufessen zu müssen und das möglichst komplett. Nach meiner Erinnerung fehlten lediglich die Federn – der Rest schwamm in der Suppe: schwabbelige Haut, Innereien aller Art … Iss das ja auf lautete die Parole. Doch spätestens hier erreichte mein Wohlverhalten seine Grenzen – ich verweigerte, fing mir eine Ohrfeige ein und musste mich vom Tisch entfernen. Ich war erleichtert, hatte keinerlei Hungergefühle mehr und Oma steckte mir hinterher etwas Essbares zu.

Diese Mangelwirtschaft hatte etwas Prägendes – so kann ich z. B. bis heute kein Brot oder irgendwelche Lebensmittel wegwerfen. Essen war in der Nachkriegszeit ein zentrales Thema für unsere Eltern und übertrug sich zwangsläufig auf uns Kinder. Wir konnten allerdings nie abschätzen, ob die Kalorienbilanz stimmte oder nicht, zumal die Grundversorgung sich doch erstaunlich bald wieder stabilisierte. Da gab es den berühmten Marshallplan und Care-Pakete (wir haben allerdings nie eines erhalten), aber meines Erachtens war das Entscheidendste der unbändige Überlebenskampf und die Disziplin, die die Bevölkerung vorantrieb. Das Gefühl in der sprichwörtlichen Scheiße zu stecken war offensichtlich so evident, dass so ziemlicher jeder, der konnte, in die Hände spuckte.

Die Entnazifizierung war noch im vollen Gange

Parteigänger und andere Würdenträger sowie alle Schergen der Organisation wurden durchleuchtet. Jeder Deutsche musste Fragebogen ausfüllen, in welchen z. B. nach Auslandsreisen zwischen 1939 und 1945 gefragt wurde. Mein Vater trug wahrheitsgemäß Frankreich- und Russland-Feldzug ein und die amerikanischen Prüfer fanden dies in Ordnung, da sie ihn anschließend als unbedenklichen Deutschen abstempelten. Andere öffentliche Figuren, vom kleinen Polizisten bis zum Ortsgruppenleiter und den Top-Firmenmanagern, wurden dagegen ordnungsgemäß entnazifiziert. Man stelle sich das eher so vor, wie eine Art Entlausungsstation, in welcher die ehemaligen Parteiabzeichenträger geläutert wurden. Fast in jeder Stadt gab es ein derartiges Entnazifizierungslager, entweder mit angeschlossener Gärtnerei oder einem mittelständischen Betrieb, wo die Delinquenten ihrer früheren Ideologie abschwören konnten. Sofern man dieses Nazis keine Gräueltaten oder Kriegsverbrechen vorwerfen konnte, waren diese auch schnell wieder draußen, denn man brauchte diese Leute wieder in den Ämtern bzw. in der Industrie – das wussten die Alliierten genauso wie die neue politische Elite. Nach dem Krieg war fast alles und fast jeder mit dem Nationalsozialismus kontaminiert, denn Mitläufer gab es massenweise – das Volk hätte eigentlich ausgetauscht werden müssen …

Daniel Goldhagens Behauptung, die Deutschen seien allesamt für den Genozid an Juden verantwortlich, finde ich äußerst aberwitzig, aber der Ansatz, die Deutschen betrachteten den Nationalsozialismus als eine Art UFO, das 1945 spurlos wieder entschwebte, trifft das Thema auf den Punkt. Dieses Denkmodell (wir – die Gesellschaft und die Nazis auf der anderen Seite) ist heute sogar der praktizierte Standard unserer politischen Ethik! Es gibt quasi ein Schattendeutschland – eine Art Mülltonne oder Bad Bank der Geschichte – da passt alles und jeder rein, jedes Verbrechen, jeder Alt- und auch Neu-Nazi, jeder Rassist, einfach alles, was nicht in das System passt oder sich political nicht korrekt verhält. Wir haben damit nichts zu tun – eigentlich doch eine ganz komfortable Angelegenheit, die allerdings auch ziemlich riskant ist. Denkmuster einer sogenannten weltoffenen Gesellschaft zu normieren, scheitert meines Erachtens dann, wenn eine Konvergenz zwischen öffentlicher Meinung und politischer Führung kaum noch erkennbar ist und nur noch demoskopische Umfragen, deren Fragestellungen wiederum auf das gewünschte Ergebnis abzielen, politische Entscheidungen nachträglich sanktionieren.

Den Intellekt der eigenen Bevölkerung zu unterschätzen bzw. deren Urteilsvermögen anzuzweifeln mündet in eine vom Parlamentarismus völlig losgelöste Scheindiskussion unseres Führungspersonals in einschlägigen Talkshows und Hinterzimmer-Meetings.

Diese faktische Entmündigung funktioniert heute besser den je, da uns ja ständig der sogenannte bürgerliche Wohlstand als Erfolg politischen Handelns vorgeführt wird, der ein Mitdenken und Mitentscheiden im Prinzip so gut wie nicht mehr erforderlich macht. Durch solch seltsame Bezeichnungen wie Mutti für eine Regierungschefin, was irgendwie nett und lustig klingt, wird dieses Regierungsamt so konterkariert, dass sich darin nichts anderes als bürgerliche Resignation und Abkoppelung ausdrückt.

Doch zurück zu meiner Generation und ihrer Entwicklung

Aus heutiger Sicht hatte meine Generation ausschließlich Monstereltern, die wegen ihrer Vergangenheit grundsätzlich im Verdacht standen, durch den Nationalsozialismus nachhaltig infiltriert geworden zu sein und dieses Gedankengut auf die nächste Generation – also uns – übertragen zu haben. Die Frage, die sich mir heute stellt: Wie lässt sich das erkennen und welche Symptome trage ich in mir selbst? Wie kaputt waren unsere Eltern, physisch, psychisch, und welche politischen Aussagen kann ich daraus ableiten?

Meine Eltern hatten überlebt, ein Opa gab sich bei Kriegsende die Kugel, die anderen Großeltern waren noch da. Beruflich war das ganze Spektrum in unserer Familie vertreten – Akademiker, Beamte, Kleinunternehmer, Handwerker, Kaufleute, Bauern. Keiner war im Widerstand, aber meines Wissens auch nicht besonderer Systemanhänger – alle also klassische Mitläufer. Bürgerlich durch und durch und gegenüber dem Staat loyal und pflichterfüllt gewesen – wie es sich halt so gehörte. Mein Vater hat mit Kanonen auf Russen, Franzosen, Engländer und Amerikaner geschossen – war also kein Etappenhengst, sondern ein sogenanntes Frontschwein. Mutter musste sich die Zeit während des Krieges als kaufmännische Angestellte in einem Kfz-Betrieb, der auch viele Kriegsgefangene beschäftigte, vertreiben.

Einige Jahre nach ihrem Tod erfuhr ich aus alten Unterlagen mehr über sie: da berichtete ein französischer Colonel über seine Behandlung während seiner Gefangenschaft in ihrem Betrieb, wie er und seine Leidensgenossen von einer Madame M. – meiner Mutter – stets fair und freundlich behandelt wurden und diese auch öfters das Risiko einging, verbotenerweise Extrarationen an Essen und Zigaretten heimlich herbeizuschaffen. Mit dem Schriftstück hat sie nie vor uns oder anderen Leuten herumgewedelt, sondern es lag zwischen ihren alten Zeugnissen und Fotografien. Ich war doch etwas davon berührt.

Bei meinen Eltern hatte ich auch nie den Eindruck, dass sie besondere Minderwertigkeitskomplexe wegen des verlorenen Krieges mit sich herumtrugen. Man leckte seine eigenen Wunden, aber es bestand andererseits seltsamerweise auch wenig Empathie gegenüber jenen Völkern, die unter dem Kriegsgeschehen besonders viel gelitten haben. Eine Judenverfolgung oder gar die Täter-Opferbeziehung wurde nie groß thematisiert. In meiner Erinnerung waren Juden zwar irgendwie anders, doch nicht im eigentlichen Sinn negativ besetzt. Das lag auch daran, dass meine Frau Mama ihre Ausbildung bei einem jüdischen Arbeitgeber absolvierte, der im Übrigen auch noch Deutsch hieß – irgendwie krass …

Diese Versatzstücke in meinen Erinnerungen haben wenig mit der damaligen Realität zu tun – ich frage mich nur, welche Prägung habe ich, hat unsere Generation erfahren? Wuchsen wir deutschen Kinder anders auf als die in den westlichen Nachbarländern einschließlich den USA?

Ich glaube eher nicht. Schaut man sich alte Dokumentar- oder Spielfilme an, so erkennt man, dass der Verhaltens-Kodex beinahe identisch war. Abgesehen von der Konsumwelt mit ihren schönen Einbauküchen, Häusern mit Vorgarten und dicken Autos, erscheint auch die amerikanische Familie mit ihrem Familienoberhaupt, den frisch gescheitelten folgsamen Kids und einer sich aufopfernden Mom in einer nicht zu überbietenden Spießigkeit.

Und so liefen auch wir herum: mit Haaren, bis über die Fontanelle kurz geschoren, eigentlich noch in klassischer HJ-Façon. Ich kann mich sogar noch erinnern, dass meine Eltern mal beim Friseur meinen Haarschnitt reklamierten, weil er ihnen zu lang erschien. Man kann sich wohl vorstellen, wie der Friseurgeselle mich anschließend zurichtete.

Die Kleidung war natürlich wesentlich bescheidener, aber absolut korrekt und sauber

Schlabberlook war definitiv verpönt. Über die Essenskultur in meiner Kindheit habe ich mich schon ausgelassen, die Kleiderordnung war auch klar geregelt – es gab Sonntagsklamotten für den sonntäglichen Kirchgang und den obligatorischen elterlichen Spaziergang und dann die tägliche Gebrauchskleidung. Diese Kindermode hatte natürlich ihren eigenen Charme, denn sie entstand ja grundsätzlich in Eigenregie – es lag also am Geschick der Mütter bzw. Großmütter, ob man als Kasper im Viertel umherirrte oder zumindest in Ruhe gelassen wurde. Diesbezüglich waren die Fähigkeiten meiner Schneiderinnen dann doch so groß, dass meine Kleidung dem allgemeinen Standard entsprach, sozusagen state of the art war.

Doch wie war der Modestandard in den späten 40er- und frühen 50er-Jahren?

Hier wich in Teilen die deutsche eindeutig von der US-Kindermode ab, denn Konfektionskleidung gab es für uns Jungs und Mädels eigentlich nie. So liefen wir Buben meist sommers wie winters mit kurzen Hosen herum, allerdings gesellten sich in der kalten Jahreszeit noch die selbst gestrickten langen Wollstrümpfe dazu. Wer kannte nicht das grausame Jucken und Beißen, das diese Billigwolle hervorrief. Die Omas kannten da kein Erbarmen, sie strickten und strickten und beglückten uns Kinder – gerne auch als Weihnachtsüberraschung – mit immer neuen Varianten dieser Marterinstrumente. Wir nahmen es demutsvoll hin und litten leise.

Doch da gab es nicht nur diese langen Elendsstrümpfe, sondern auch die entsprechenden Halterungen. Diese sogenannten Strumpfhalter waren auch Eigenkonstruktionen – eine Art Leibchen kombiniert mit Strapsen, die meist nicht richtig gehalten haben. Im Winter trug man unter den Strapsen noch den Einteiler, der war, wenn man so will, bereits Konfektionsware. Das Material muss eine Art Baumwolle gewesen sein, die man offensichtlich mit Stroh verwoben hatte – das Zeug biss fürchterlich am Körper. Für die menschlichen Bedürfnisse hatte das Teil im Schritt eine Öffnung, an die man aber nur schwer bzw. gar nicht herankam. Man stelle sich den Toilettengang im Winter vor: in Windeseile die Klamotten vom Leib reißen, also Anorak oder Mäntelchen runter, Hosenträger und Hose runter, Strumpfhalter komplett ausziehen und zum Schluss den Einteiler bis zum Knie herunterlassen. Man stand in einem riesengroßen Wäscheberg, nur um seine kleine oder große Notdurft zu verrichten.

Die Sommermode war da definitiv besser, abgesehen von dem Sonntags-Dresscode mit weißen Kniestrümpfen etc., konnten wir den Rest der Woche meist barfuß durch die Welt gehen – ein echtes Privileg aus heutiger Sicht. Als es wirtschaftlich wieder bergauf ging, gab es die Lederhose, die eventuell typisch deutsch war – ich habe zumindest in Filmen keinen amerikanischen, britischen oder französischen Jungen damit herumlaufen sehen. Ich empfand damals die Lederhose wegen ihrer Robustheit einfach genial. Die Kinderkleidung unterlag entgegen der heutigen Zeit keinerlei Modeströmung, war aber dennoch irgendwie einheitlich adrett. Viel später gab es dann die ersten Nietenhosen – noch nicht besonders stylish, aber immerhin deutsche Jeans der ersten Generation. Der Weg zu einer echten Levis war aber noch weit …

Wir waren also vernünftig angezogen, wurden bescheiden, in der Regel ausreichend ernährt, aber wie wurden wir erzogen?