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Wenn man bis zum Ende seiner Tage immer noch von der Glücksgöttin geküsst wird, gesund ist und noch einmal die Liebe erfahren darf, ist es die Gnade Gottes. 1934 geb. überlebe ich Krieg, Flucht, den Fall Berlins, dann Schule, Bergwerk, Fernfahrer, Metzgerlehrling, Hafenarbeiter, Kellner auf der Reeperbahn, Müllkutscher, Zeitschriftenwerber, Gesellschafter, vom Sekretär zum meistfotografierten Werbemodel Europas, mache über 70 Werbespots und Filme, werde Fotograf und Schauspieler. Vom Kriegskind eines völlig zerstörten und geächteten Deutschland, durch die schlimme Nachkriegszeit bis 1954, dann über Paris, New York und Chicago zum German Liebling.
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Seitenzahl: 163
Veröffentlichungsjahr: 2018
Gary Ramm
German Liebling
Die spannende Zeitzeugen-Story eines außergewöhnlichen Lebens
© 2018 Gary Ramm
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7469-2181-5
Hardcover:
978-3-7469-2182-2
eBook:
978-3-7469-2183-9
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„German Liebling“
vom Kriegskind eines völlig zerstörten und geächteten Deutschland zum German Liebling
Krieg, Flucht, der Fall Berlins, Schule, Bergwerk und durch die bittere Nachkriegszeit bis 1954.
Meine ersten bleibenden Erinnerungen beginnen 1938, ich war 4 Jahre alt. Unsere Wohnung, im 3. Stock in der Potsdamer Strasse war voller festlich gekleideter Gäste und es klirrten die Sektgläser. Man feierte und tanzte nach Swing Musik und ich durfte ausnahmsweise länger auf bleiben - ein gewisser Herr Hitler besuchte den uns gegenüber liegenden Berliner Sportpalast um eine Rede zu halten. Stolz wurde ich unseren Gästen vorgestellt plötzlich helle Aufregung, jeder rannte auf die Balkons. Vater schnappte mich und hob mich hoch. Die Straße so weit man sehen konnte voller jubelnder Menschen. In der Mitte eine Kolonne großer Mercedes Cabriolets. Die Hölle war los, nur ich war anschließend als Einziger richtig traurig, da ich den Heil Hitler nicht gesehen habe. - Dann durfte ich endlich ins Bett zu meiner heiß geliebten Nana. Sie drückte mich jedesmal fest an ihren wunderschönen, weichen, großen Busen. Ich kuschelte gerne mit ihr und sie blieb immer so lange bis ich eingeschlafen war. Schon von Klein auf brachte Mutter mir bei, Damen gegenüber immer höflich und zuvorkommend zu sein und aus meiner kindlichen Faszination entwickelte sich wohl später die Leidenschaft für das weibliche Geschlecht. Nicht vergessen die Qual, als man mir meine langen blonden Locken abschnitt, da ich ja nun bald in die Jungenschule sollte. Ich trug einen hübschen Matrosenanzug, der damals große Mode war und dieser passe nicht zu einem Jungen mit langen Locken. Ich weinte bitterlich, dazu kam dann auch noch, dass plötzlich mein heiß geliebtes Kindermädchen nicht mehr da war, einfach weg - eine Katastrophe. 1939 zogen wir in die Fasanenstraße 16, direkt neben dem Hotel Kempinski. Gegenüber stand eine große alte ausgebrannte Synagoge mit 3 großen Kuppeln. - Bald darauf wurde ich in der Volksschule Joachimstaler Straße eingeschult. Ein großer dunkler, roter Backsteinbau, später eines der wenigen Häuser, die den Krieg unversehrt überstanden hatten. Anlässlich des Sieges über Frankreich, ich war sieben Jahre alt, machte ich das erste Mal ohne Erlaubnis mit meinem neuen Tretroller einen weiten Ausflug, praktisch vom Ku‘Damm bis zur damaligen Ost - West- Achse, der Siegesallee. Als ich nach einer Ewigkeit abends nach Hause kam, meine Eltern waren in großer Sorge, setzte es ein paar Gehörige hinter die Löffel.
In der Schule wurden wir von der Sütterlin Schrift auf lateinische Buchstaben umgestellt und bald hatte ich meine ersten Freunde. Meistens trieben wir uns in der Nähe des Zoologischen Gartens herum und wir liebten die schönen, großen Sandberge in denen man so herrlich spielen konnte, hier wurde der große ZOO Bunker mit seinen vier Flaktürmen gebaut. Nach dem Krieg wurde er gesprengt. Heute steht hier der „Mount Klamot”. Ab und zu bekam ich von meiner Mutter ein paar Groschen, um mir nach der Schule für 0,20 Pfennig bei „Aschinger” eine leckere Erbsensuppe zu kaufen, der Clou, dazu konnte man so viele kleine Schrippen nehmen wie man wollte. Die Leute steckten sich damit die Taschen voll. Der Werbe Slogan hieß: „Wer keenen Bauch hat, kann eenen kriegen und wer eenen hat, kann ihn noch größer machen”. Eine gute Werbung während des Krieges. Ja, es gab schon ein Zeitalter vor McDonald‘s und Wiener Wald. Vater meinte, dieses Mal werden wir durch Flugzeuge einen schlimmen Bombenkrieg bekommen. Nicht lange und meine Eltern beschlossen mich aufs Land, in eine kleine Internatsschule in der Rhön zu schicken, fernab vom Krieg. Vater kannte sich in der Politik aus, er hatte vorausahnend einen Verdunkelungsbetrieb gegründet und stellte auch Sonnenschutz Rollos her. Nach und nach beschäftigte er ca. 200 Monteure. Er verdunkelte u.a. die Messerschmitt Flugzeugwerke in Dessau. Da er dadurch in der zivilen Verteidigung tätig war, wurde er vom Führer UK gestellt.
Mein Ort in der Rhön hieß Silges, in der Nähe von Hünfeld, ein kleines verträumtes Dorf mit 42 Häusern. Hier, weit weg vom Krieg landete ich bei einer Familie Sikulla. Herr Sikulla war gleichzeitig Bürgermeister, Ortsgruppenleiter und Lehrer. Er betrieb eine kleine Internatsschule für Jungen in meinem Alter. Wir waren zu zehnt und schliefen in einem großen Wohnsaal. In Silges verbrachte ich drei lange, glückliche Jahre, die schönsten meiner Kindheit. Aus dieser Zeit stammt auch meine Liebe zur Natur und zum Sport. Mein erster großer Freund hieß Jean, er war französischer Kriegsgefangener und sprach gut Deutsch. Jean arbeitete nebenan beim größten Bauern im Dorf. Er zeigte mir viele nützliche Dinge. Wir Jungen lernten jetzt das Gänsehüten, Unkraut zu jäten, Obst zu ernten und das Heu zu wenden. Ich begann Sport zu treiben, übte mich im Hürdenlauf, im Hoch - und Weitsprung, doch am liebsten spielte ich mit den anderen Schlag- oder Völkerball. - In großer Höhe überflogen uns nun immer öfter die ersten großen amerikanischen Bomberverbände, aufgeregt zählten wir jedesmal die Maschinen und staunten über die langen weißen Kondensstreifen. Die Klasse musste nun Tag für Tag heraus, um rund ums Dorf auf den Feldern und Wiesen hauchdünne Staniol - Streifen zu sammeln, die von den feindlichen Flugzeugen abgeworfen worden. Sikulla erklärte uns, dass diese die Flugabwehr irritieren sollen. Bald kam noch eine Kartoffelkäfer Plage dazu und man sagte: „Die werfen unsere Feinde ab, um unsere Kartoffelernte zu vernichten.” Wir haben es damals natürlich geglaubt. - Den ganzen Sommer lang waren wir, der „Pimpf Nachwuchs”,nach dem Unterricht bis zur Dämmerung immer voll damit beschäftigt, das Land entweder von den Staniol Streifen oder den Kartoffelkäfern zu befreien. Sonst sammelten wir Brennnesseln, Löwenzahn, Schafgarben, Breit- und Spitzwegerich, Ebereschen oder Holunder, am meisten jedoch, freuten wir uns auf die Wochenenden. Mit Vesperbrot und Feldflaschen bewaffnet, die mit kaltem Pfefferminztee gefüllt waren, zogen wir los, um eimerweise Pilze oder Heidelbeeren zu sammeln. Bald durfte ich oben vorm Wald auf den davor liegenden Wiesen und Feldern unsere 50 Gänse hüten. Ich liebte diese „Arbeit”. Ein herrliches Unternehmen an heißen Sommertagen mit den Gänsen, barfuß über frisch gemähte Kornfelder zu laufen. Wenn es besonders heiß war und der Kropf meiner Gänse bis oben angeschwollen war, setzte ich mich am Feldrain in den Schatten eines Baumes oder an den kühlen Waldrand, blickte auf das unten im Tal geduckt liegende Dorf und träumte von Berlin und meinen Eltern. Es gab nichts schöneres, als an den heißen Sommertagen den streichelnden, kühlen Windhauch zu spüren und der stillen Sprache der große Wälder zu lauschen. Eines Tages helle Aufregung. Ein amerikanischer Bomber war abgeschossen worden und man hatte Fallschirme gesehen. Man wusste nicht, ob es Überlebende gab. Da keiner von uns sieben- bis neunjährigen Jungen es erwarten konnte, endlich ein richtiger Pimpf zu werden, kam nun die große Chance sich auszuzeichnen. Wir erhielten den Auftrag rund ums Dorf alles Verdächtige sofort zu melden. 2 Tage später, an einem dieser heißen Sommertage, hütete ich wie immer meine Gänse. Dieses Mal trieb ich sie an den Rand eines noch nicht gemähten Haferfeldes und mit solch‘ einem verbotenen Ausflug schwollen die Kröpfe natürlich besonders schnell an.
Zufrieden setzte ich mich am Wegrand in den Schatten eines Ebereschen Baumes. Kein Wölkchen trübte den Himmel. Plötzlich aufgeschreckt durch Gänsegeschnatter und das Knacken von Ästen sehe ich keine 10 Meter hinter mir am Waldrand einen verwundeten Piloten in einer blutverschmierten, zerfetzten Uniform, ein Arm schlaff herunter hängend. Ich erstarkte zur Salzsäule, die Angst packte mich. Ein Amerikaner ? Ein Pilot ? - Er winkte mir mit schmerzverzerrtem Gesicht mit dem gesunden Arm zu und gab mir zu verstehen, dass er großen Durst hatte. Mutig näherte ich mich und reichte dem Unglücklichen meine Feldflasche, gleichzeitig deutete ich, dass ich runter ins Dorf renne um Hilfe zu holen, aber wiederkomme. Ich scheuchte meine Gänse auf und rannte was das Zeug hielt. Sofort überholten mich laut schnatternd die durstigen Gänse in der Luft um an den Dorfteich zu fliegen. Sikulla und die Jungs waren nicht da, keiner war da, also ich rüber zum Bauernhof, zu Jean. Japsend erklärte ich die Situation, als auch schon Bäuerin kam. Man überlegte nicht lange und spannte an. Oben angekommen halfen wir dem Verwundeten vorsichtig auf den Leiterwagen und fuhren ihn ganz langsam hinunter zum Hof. Jean konnte sich mit dem schwer verwundeten Piloten unterhalten und erklärte uns, das er ein amerikanischer Flieger sei. Man sah, daß er große Schmerzen hatte und das Geholper des Fuhrwerks ließ ihn pausenlos aufstöhnen. Außer ihn zu berühren, um ihn zu trösten, konnte ich nichts tun. Endlich auf dem Hof angekommen, brachten wir den Verwundeten ins Haus und legten ihn auf ein Bett. Jean holte Wasser und die Bäuerin begann den Armen zu versorgen. Mich lächelte er dankbar an, wobei er mir ein Auge zukniff um sich zu bedanken. - Mittlerweile trudelten die Jungs ein und auch Sikulla kam dazu. Die Sensation sprach sich schnell im Dorf herum und der kleine Gerd aus Berlin war der Held. Einen Tag darauf wurde der Verwundete von drei Soldaten, die aus dem 7 Km entfernten Hünfeld kamen, offiziell gefangen genommen und in einem Militär Rotkreuzwagen in ein Lazarett gebracht. In unserem Dorf gab es nämlich kein Militär und die Gefangenen, die als Helfer auf den verschiedenen Höfen arbeiteten, waren sämtlich unbewacht und frei - für sie war der Krieg schon lange vorbei. Die Bomber flogen nun Tag und Nacht über uns hinweg und eines Nachts erwischte es Kassel, keiner von uns schlief und in der Ferne war der Himmel von dem schweren Angriff bis zum beginnenden Morgen blutrot gefärbt. Der Krieg kam immer näher. Einen Kilometer vom Dorf entfernt lag Rimmels, dann kann Morles und anschließend Hofaschen bach, dahinter ein großer Bergkegel, die Milseburg und zur Wasserkuppe, berühmt durch die Segelflieger, war es dann nicht mehr weit, wie Sikulla uns erzählte. Einmal im Monat durfte ich nun nach dem 7 km entfernten Hünfeld um fürs Internat Besorgungen zu machen. Sikulla erklärte mir, dass jeder Pimpf diese Strecke in 1 Stunde schafft, so lernte ich, vom Ehrgeiz getrieben, mit meinen noch zu kurzen Beinchen sehr früh Gewaltmärsche zu machen. Öfter wurden wir jetzt nach und nach über den Stand des Krieges unterrichtet. Rommel hatte Afrika verloren, die Alliierten waren auf Sizilien gelandet, der Duce wurde von Fallschirmjägern unter Leitung eines Obersten Skorzeny befreit und dann kam der Januar 1943/44 mit dem Verlust der gesamten sechsten Armee in Stalingrad. Anschließend dann im Sommer das Attentat auf den größten „Kriegsherren aller Zeiten”, wie Sikulla sagte.-Bald darauf wurde Sikulla verhaftet und mein Vater holte mich nach Berlin zurück.
Meine Eltern waren geschieden, Mutter hatte wieder geheiratet und lebte jetzt in Schlesien. In der Fasanen Straße wurden fast allabendlich große Feste gefeiert, immer öfters vom Fliegeralarm unterbrochen, dann ging es mit viel Alkohol runter in den Keller. Damals hieß Vaters Parole: „Genießet den Krieg, denn der Frieden wird fürchterlich”. Vater war einer der wenigen Männer, die nicht eingezogen waren. Ich glaube, er kannte alle schönen Frauen Berlins. Seine Favoritin, eine junge hübsche Sängerin, Ilse Werner, ich erinnere mich noch ganz genau. Fast jeden Abend nach der Vorstellung kam das gesamte Ensemble der Skala vom Nollendorfplatz zu uns, man kam um sich durchzufuttern, denn bei uns gab es alles im Überfluss. Am liebsten hatte ich die Ballettmädchen, eine Blonde erinnerte mich sofort an mein heiß geliebtes, verlorenes Kindermädchen, meine Nana und ich machte ihr einen Heiratsantrag. Sie schloß mich fest in ihre Arme, drückte meinen Kopf an ihrem schönen Busen und küßte mich. Jeder klatschte und Conny Friedländer, ein Freund meines Vaters meinte: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.” Alle lachten, daran erinnere ich mich noch genau.
Conny Friedländer war einer der drei Freunde meines Vaters die er rettete. Vater nahm mich nun jeden Tag mit ins Büro, dass zwischen Hausvogtei Platz und dem Spittelmarkt lag. Vom Fenster aus konnte man gegenüber die Reichsbank sehen, was sehr beruhigend war, denn die Bank hatte einen bombensicheren Tiefbunker.
Vater fuhr einen schönen, großen, dunkelblauen Wanderer Cabriolet mit gelben Verdeck, die Scheinwerfer waren, wie bei allen Autos damals, vorne dunkel zugeklebt mit kleinen, zentimetergroßen Schlitzen, es herrschte ja Verdunkelungszwang. Auf unseren täglichen Fahrten lernte ich das Brandenburger Tor, die Siegessäule, Wertheim in der Leipziger Straße, den Spittelmarkt und die Wilhelm Strasse mit der Reichskanzlei kennen. Eines Tages ging für mich ein Traum in Erfüllung. Vati nahm mich mit in die Reichskanzlei. Er hatte einen Termin.
Den Heil Hitler habe ich aber wieder nicht gesehen. In meiner Erinnerung blieben die großen, hohen Hallen, die blanken Marmorböden und die vielen enorm hohen Marmorsäulen und Türen, rechts und links bewacht von Soldaten mit dunklen Stahlhelmen, in schwarzen Uniformen, mit weißen Handschuhen und präsentiertem Gewehr. Von der Wilhelm Strasse bis zum Brandenburger Tor und der Siegessäule war der gesamte Tiergarten, auch die Straße Unter den Linden mit Tarnnetzen überspannt. -Es sei um die Bomber in die Irre zu führen, damit man aus der Luft die Reichskanzlei nicht findet, erklärte mir Vater.
Zu Hause in der Fasanenstraße war Vater Luftschutzwart. Er besorgte mir einen kleinen italienischen Stahlhelm und eine ganz tolle Staubbrille gegen Rauch und Funkenflug. Ich schnallte die Brille immer um den Stahlhelm wie sie unser Generalfeldmarschall Rommel trug und war stolz wie ein Ritterkreuz Träger. - Unglaublich, ja so war das damals.
Immer nach den Tagesluftangriffen hatte Vater draußen die Bombenschäden festzustellen und ich durfte ihn oft dabei begleiten. Ich sammelte jedesmal Bomben und Granatsplitter, bald hatte ich davon eine Kollektion in allen Größen. Einmal durfte ich sogar eine Stabbrandbombe löschen, die bei uns im Treppenhaus eingeschlagen war. Auf jeder Etage unseres Hauses standen 3-4 Eimer oder Kisten mit Sand gefüllt gegen Phosphorbomben, denn Phosphor konnte man nur mit Sand löschen. Alles war für mich wie ein großes Abenteuer, ungeheuer spannend. Doch bald schon regten sich die Leute im Haus lautstark auf, mich Neunjährigen solchen Gefahren auszusetzen. Vater bekam wohl ein schlechtes Gewissen und schickte mich kurzerhand aufs Land zu einer Freundin nach Hangelsberg, dass außerhalb Berlins in Richtung Fürstenwalde liegt. Man fuhr mit der S-Bahn vom Bahnhof Zoo nach Grünau und dann noch ein paar Stationen mit dem Dampfzug. Hier gab es wieder meine geliebten großen Wälder und ich verbrachte die Zeit damit, Steinpilze und Beeren zu sammeln. Eines Tages eine Fliegeralarm Vorwarnung. Man war sich der Sache wohl nicht ganz sicher, weil der Anflug eines extrem großen amerikanischer Bomberverbandes weit im Osten stattfand. Man glaubte, das Ziel heißt Danzig oder Königsberg. Plötzlich jedoch machte er einem unverhofften Schwenk nach Westen und befand sich im Anflug auf Berlin. Vom Osten her kommend, das war neu! - Man hörte tiefes Brummen und ich zählte in großer Höhe endlose 12 Wellen von je 100 B 24 Bombern. Es war ungeheuer spannend und aufregend, bis ich in der Ferne über Berlin ganz genau die einzelnen Bombenteppiche fallen sah. Irre Angst und Panik stieg in mir auf. Ich dachte nur noch an unser zu Hause und an meinen Vater. Hals über Kopf riß ich aus und fuhr ohne Fahrkarte mit dem nächsten Zug nach Berlin. Bis zur Endstation Grünau ging alles gut, aber von dort fuhr die S - Bahn nur noch bis zum Ostkreuz, von da an war alles zerbombt. Ohne lange nachzudenken lief ich immer am Bahndamm entlang Richtung Innenstadt. Am Bahndamm entlang musste ich ja zum Bahnhof Zoo kommen. - Der Rauch wurde immer dichter, überall brennende Häuser, ganze Häuserfassaden stürzten auf die Straßen und machten diese unpassierbar. Menschen irrten verschreckt in diesem Inferno herum, überall Leichen. Mit brennenden, tränenden Augen, dem Ersticken nahe, heulend, die kurzen Hosen und mein ärmelloser Pullunder voller Brandlöcher. Mit angesengten Haaren und mehr und mehr von Panik getrieben, fand ich mich nach langen Stunden, völlig entkräftet in einem Meer von Funkenflug, orientierungslos in der Leipziger Straße wieder. Nicht weit von mir brannte das Kaufhaus Wertheim lichterloh und stürzte in sich zusammen. Vielleicht war Vater ja während des Angriffs im Büro gewesen, von dort zum Bunker unter der Reichsbank waren es doch nur ein paar Schritte? - Kein Durchkommen mehr, den Spittelmarkt und die Reichsbank fand ich auch nicht. Ich war völlig verloren und konnte kaum noch atmen. In diesem Inferno und Funkenflug hatte ich vollends die Orientierung verloren. Völlig entkräftet, unfähig auch nur noch einen einzigen Schritt zu machen und nach Atem ringend setzte ich mich mit brennenden Augen auf einen entwurzelten Baumstamm. Rund herum eine einzige Feuersbrunst. Mitten am Tag war es finstere Nacht, nur erhellt durch die Flammen; vor lauter dunklem Rauch und Funkenflug sah man den Himmel nicht mehr. Irgendwann fand mich ein Soldat als halb totes, heulendes Bündel. Er gab mir aus seiner Feldflasche zu trinken und schleppte mich schließlich zum Brandenburger Tor. Hier versicherte ich ihm hoch und heilig, dass ich durch die Autofahrten mit meinem Vater den Weg nach Hause kannte. Zuerst zur Siegessäule, dann zum Bahnhof Tiergarten und dann wieder am S - Bahn - Bogen entlang zum Ku'damm. Es war noch verdammt weit, aber ich hatte ja in der Rhön Gewaltmärsche trainiert. Völlig erschöpft, angesengt, mit Blasen an Füßen und Händen, kam ich schließlich spät nachts in der Fasanenstraße 16 an. Von der Kant Strasse aus kommend, in die Fasanen Strasse einbiegend, sah ich als erstes, dass sämtliche Häuser standen! Ich zog mich langsam am Treppengeländer in den zweiten Stock hoch, klingelte Sturm und mein Vater traute seinen Augen nicht.
Ein paar Tagen später setzte er mich schließlich in einen Zug, um mich nach Schlesien zu meiner Mutter zu schicken, weit weg aus der Gefahrenzone.
