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Wer würde nicht gerne sein Abendessen in einem der Luxushotels der Welt genießen, sich dort nicht nur einfach bedienen, sondern nach allen Regeln der Kunst verwöhnen lassen? Das Hotel Vier Jahreszeiten in Hamburg zählt zu den internationalen Topadressen. Rudolf Nährig avancierte dort in seinen 35 Dienstjahren zum Oberkellner und wurde zu einer gastronomischen Legende der Hansestadt. Rudolf Nährig, in der Nähe Wiens geboren, berichtet mit viel Humor, Witz und immer mit einem verschmitzten Augenzwinkern über die Welt seines Restaurants. In Nährigs Augen ist Dienen etwas, wofür man berufen sein muss und das man von der Pike auf zu lernen hat, eine sehr ernste, verantwortungsvolle Aufgabe und gleichzeitig doch voller komischer Momente. Davon erzählt er, höchst unterhaltsam und informativ, anhand vieler kleiner Begebenheiten mit bekannten und unbekannten Hotelgästen, Hamburgern und Nichthamburgern, die Nährig im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen sind. Und mit einem Mal versteht der Leser, weshalb es für Nährig immer ein leidenschaftliches Vergnügen war, seine Gäste zu bedienen, und er taucht ein in den geheimnisvollen Zauber des Dienens.
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Seitenzahl: 323
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Aufzeichnungen des Oberkellners im HotelVier Jahreszeiten Hamburg
Mit Zeichnungenvon Johannes Henninger
Saga
Für E. F. u. I. C. P. in Dankbarkeit
Die Menschheit sitzt um bill’gen Preis
Auf Erd’ an einer Tafel nur,
Das Leben ist die erste Speis’,
Und ’s Wirtshaus heißt bei der Natur.
Die Kinder klein, so wie die Puppen,
Die essen anfangs nichts als Suppen,
Und nur bloß weg’n dem Bœuf à la mode,
Schaun d’jungen Leut’ sich um ein Brot.
Da springt das Glück als Kellner um,
Bringt öfters ganze Flaschen Rum,
Da trinkt man meistens sich ein’ Rausch,
Und jubelt bei der Speisen Tausch.
Auf einmal lässt das Glück uns stecken,
Da kommen statt der Zuspeis – Schnecken!
Von Freunden endlich oft verraten,
Riecht man von weitem schon den Braten,
Und bis s’erst bringen das Konfekt,
G’schiehts oft, dass uns schon nichts mehr schmeckt.
Der Totengräber, ach herrje!
Bringt dann die Tasse schwarz’ Kaffee,
Und wirft die ganze G’sellschaft ‘naus –
So endigt sich des Lebens Schmaus.
Ferdinand Raimund
Mich hat das Schicksal dazu ausersehen, sozusagen das verworfenste Individuum zu sein, ein Mensch der untersten Kategorie. Ich bin Diener geworden, ein armer Diener, und ich kann Ihnen mit meinem österreichischen Landsmann Nestroy sagen: »Armut ist ohne Zweifel das Schrecklichste. Mir dürft’ einer zehn Millionen herlegen und sagen, ich soll arm sein dafür, ich nehmet’s nicht.«
Aber von Nestroy habe ich auch ein prächtiges Rezept, wie man es vom armen Diener zu einem reichen Herrn bringt: »Man nehme: Keckheit, Devotion, Impertinenz, Pfiffigkeit, Egoismus, fünf lange Finger, zwei große Säck’ und ein kleines Gewissen, wickle das alles in eine Livree, so gibt das in zehn Jahren – einen ganzen Haufen Dukaten. Probatum est!«
Nun, ganz diesen Weg bin ich natürlich nicht gegangen und ein reicher Herr bin ich – vielleicht deshalb? – auch nicht geworden, aber doch zumindest reich an Erfahrung, und nun kann ich guten Gewissens und zufrieden auf ein erfülltes, ereignisreiches Leben zurückblicken. Einige dieser Erfahrungen und Erlebnisse aus fünfzig Dienerjahren möchte ich auf diesen Seiten weitergeben.
O Dienertreu, du gleichst dem Mond, wir sehen dich erst, wenn unsere Sonne untergeht.
Ferdinand Raimund
Dienen ist kein Beruf, es muss eine Berufung sein, sonst klappt es nicht und das Arbeitsleben wird zur Qual. Ich hatte Glück, ich gehöre zu den Berufenen. Das Dienen machte mir jeden Tag Freude. Viel Freude. Nur so konnte es über all die Jahrzehnte hinweg wahrhaftig sein. Der Herrgott hat mir das Geschenk in die Wiege gelegt, dass mein Beruf zugleich meine Passion wurde, und so habe ich meinen Kellnerberuf stets ähnlich wie den des katholischen Pfarrers aufgefasst (vom Zölibat vielleicht einmal abgesehen), der sich in erster Linie um seine Gemeinde, seine Schäfchen, kümmern soll und seine eigenen Belange an zweite Stelle setzt. Man muss nicht dienen, man darf dienen. Das war über all die Jahre meiner Tätigkeit als Oberkellner im Jahreszeiten-Grill des Hamburger Hotels Vier Jahreszeiten meine Maxime.
Selbst die außergewöhnlichsten Herausforderungen und Problemfälle – auf so manche werde ich zu sprechen kommen – können zu guter Letzt eine Freude sein, wenn man sie nur auf die rechte Weise zu bewältigen weiß. Die Tätigkeit eines Kellners, wie ich es war und in meiner tiefsten Seele zeitlebens auch bleiben werde, besteht nicht nur darin, einen möglichst guten Service zu bieten, den Gast zu bedienen, ihn zu verwöhnen, zu betreuen und umsorgen, er muss auch noch, wenn er seine Berufung ernst nimmt, Vater, Mutter, Ratgeber, Psychologe, Psychiater, Arzt, Seelsorger und bei Bedarf eben auch Pfarrer sein. Bei alledem muss er aber immer Diener bleiben. Beratender Diener.
Wobei das mit der »Beratung« auf keinen Fall übertrieben werden sollte. Eine Mitarbeiterin im Jahreszeiten-Grill, erinnere ich, war Sommelière, eine wahre Kennerin mit enormen Fachwissen. Das ist schön. Ihr Problem war nur, dass sie stets das Bedürfnis hatte, ihre reichhaltigen Kenntnisse auch jedem Gast mitzuteilen. Sie stülpte dem Ratsuchenden rücksichtslos ihren vollen Wissenseimer über den Kopf. Bestellte ein Gast Mineralwasser, begannen die Fragen: »Mit oder ohne Kohlensäure, große oder kleine Flasche, kalt oder Zimmertemperatur, deutsches oder ausländisches Wasser, wenig oder viel Kohlensäure, salzhaltig oder eher neutral?« Es gab kein Ende. Irgendwann war der gute Gast verzweifelt und bestellte stattdessen Tee. Dann ging’s von neuem los: »Indisch, russisch oder chinesisch, Darjeeling, Assam, Ceylon, schwarzen, grünen oder weißen Tee?« Das könnte auch ich nicht ertragen. Sehr zum Wohle der Gäste war ihrer Tätigkeit im Grill keine allzu lange Dauer beschieden.
Ein Oberkellner muss vor allem zuhören können. Im Gespräch ist es wichtig, dem Gast die Führung zu überlassen. Nur bei der Entgegennahme von Bestellungen und bei der Beratung soll der Kellner die Gesprächsführung übernehmen. Ansonsten bestimmt der Gast, worüber und wie lange gesprochen wird. Ein Kellner darf sich nie wichtiger nehmen als den Gast.
Hierzu fällt mir eine kleine Geschichte ein, die mir der Hamburger Journalist Klaus May erzählt hat. Sie zeigt auf, was ein Kellner auf keinen Fall fragen sollte. Herr May geht mit einer Bekannten in ein Restaurant und bestellt den auf der Speisekarte angepriesenen »Hummer original«. Das bedeutet, der Hummer kommt halbiert, aber dem Gast bleibt die genussreiche Arbeit, das Schalentier von seinen köstlichen »Innereien« zu befreien, selbst überlassen. Das Serviermädchen bringt den bestellten dampfenden Hummer, mustert die beiden Gäste mit wichtigtuender Augenmimik und fragt: »Wissen Sie eigentlich, wie man Hummer isst?« Klaus May, im ersten Moment ob der Frage etwas verblüfft, fängt sich sogleich wieder und antwortet wie ein Gentleman: »Ich will es versuchen, wenn ich nicht mehr weiterweiß, komme ich auf Sie zurück.« Solche verbalen Ausrutscher sind für einen Servicemitarbeiter beinahe unverzeihlich. Gastbelehrung ist schlicht und einfach eine Absurdität. Leider ist diese Unart, nicht nur in der Gastronomie, sehr verbreitet.
Der Gast ist der Wichtigste. Ihm gebührt all unsere Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit will er auch, fordert er in gewisser Weise ein, und das ist einer der Gründe, warum er kommt.
Zwei- bis dreimal im Jahr bin ich bei meinem Vorgänger, Herrn Kröger, und seiner Frau zum Mittagessen eingeladen. Es gibt einfaches Essen. Wunderbar zubereitet. Schellfisch mit Senfbutter und Kartoffeln, dazu ein Glas Frankenwein und danach Pudding. Herr Kröger war ebenso lange im Hotel Vier Jahreszeiten beschäftigt wie ich, vielleicht sogar ein paar Jahre länger. Mir fiel auf, dass er, wenn er seiner Frau Thea beim Auftragen der Speisen hilft, die Handgriffe genauso ausführt wie jede »ungelernte« Hausfrau. Auf meine Frage, warum er nicht auf Erlerntes zurückgreife wie all die fünfzig Jahre zuvor, reckte er sich kerzengerade und sagte mit ernster, fast ehrfurchtsvoller Stimme, als würde er ein Gesetz verkünden: »Am ersten Tag meiner Pensionierung habe ich alle Gepflogenheiten der Grand Hotellerie abgelegt.« Eine bloße Bequemlichkeit? Das würde aber nicht zu ihm passen. Nein, ich glaube, es hat einen tieferen Sinn. Der ganz exquisite Service, den er viele Jahre den edlen und noblen Gästen zuteilwerden ließ, soll auch allein diesen Gästen vorbehalten sein, für die man diesen Beruf gelernt und ausgeübt hat. So verstehe jedenfalls ich es.
Nicht der Hoteldirektor zahlt unser Gehalt, nein, letztlich zahlt es der Gast. Wenn man das einmal begriffen hat, dann ist es um einiges leichter, diesen Beruf auszuüben. Wenn man dann noch eine Portion Humor mitbringt und ihn sorgfältig dosiert und richtig platziert hinzugibt, wird das Ganze zum wunderbaren, angenehmen Spiel.
Es ist heute in Mode gekommen, alles als »Herausforderung« zu sehen. Dabei wird das Wort meist zweckentfremdet. Aus diesem Grunde verwende ich es auch nicht gerne. Bei all diesen »Herausforderungen« geht es zu guter Letzt meist doch nur darum, neue Wege zu finden, um noch mehr Gewinn zu machen. Noch mehr Gewinn mit weniger Personal, weniger Arbeitskräften. Wobei das Eigentliche, der Gast, auf der Strecke bleibt. Eine solche »Herausforderung« hat mit dem Geist des Dienens nichts gemeinsam!
Das sogenannte Trinkgeld ist ein Ausgleich für den sehr geringen Lohn, wie er in der Gastronomie- und Hotelleriebranche gezahlt wird. Das Trinkgeldgeben ist eine Sitte, die bis in die Postkutschenzeit zurückgeht. Wenn die Herrschaft bei langen Reisen Rast machte und in die Wirtschaft ging, um zu essen, zu trinken und eventuell auch zu übernachten, war es die Aufgabe des Kutschers, die Pferde zu füttern, zu pflegen und, wenn nötig, auch zu wechseln. In die Gaststätte durfte er als gewöhnlicher Kutscher nicht hinein, doch wurden ihm ein Trunk und Essen zum Wagen gebracht. Das war oftmals auch schon sein ganzer Lohn. Geschlafen hat er im Stall bei den Pferden. Heute bekommen die Chauffeure keine Speisen und Getränke zur Limousine getragen, sie schlafen auch nicht im Auto, wohl aber erhalten sie Extrageld, um selbst etwas kaufen zu können. Das Trinkgeld. Dieses Trinkgeld hat sich im Laufe der Zeit auch auf andere dienende Berufe ausgedehnt, wie zum Beispiel Taxifahrer, Friseure, Servicebedienstete, Portiere, Stubenmädchen und eben Kellner.
Schon allein aufgrund dieser Herkunft des Brauchs bin ich der festen Überzeugung, dass man sich für die Entgegennahme von Trinkgeld nicht schämen muss. Ganz im Gegenteil. Es ist eher eine Ehre, wenn sich so mancher Gast und Dienstempfänger für die erhaltenen außergewöhnlichen Leistungen mit einem Extralohn bedanken möchte. Doch ist es für den Gast nicht zwingend nötig, Trinkgeld zu geben. Er allein entscheidet, was er für richtig hält.
Meine Devise war immer: Bediene und behandle jeden Gast so, als würde er viel Trinkgeld geben. Wie heißt es doch so schön: »Der Gast ist König.« (Allerdings geben Könige und Kaiser so gut wie nie Trinkgeld – entweder glauben sie, dass Lakaien oder Domestiken nicht trinken oder sie haben eben nie Geld bei sich.) Gibt er dennoch wenig oder kein Trinkgeld, so meine Devise weiter, dann bediene ihn bei der nächsten Gelegenheit noch besser. Wenn dann noch immer kein Trinkgeld kommt, so steigere dich noch einmal, dann klappt es meist. Wenn nicht, so habe ich immer noch meinen Lohn.
Ich erinnere mich sehr gut an einen meiner Mitarbeiter, der nur denjenigen Gast gut bediente, der ihm auch ein gutes Trinkgeld gab. Hatte er die Erfahrung gemacht, dass bei diesem oder jenem Gast kein Extrageld zu erwarten war, hat er ihn schlecht bedient und links liegengelassen. Von diesem Mit- oder besser gesagt »Gegenarbeiter« habe ich mich nach kurzer Zeit getrennt. Das war ich meiner Berufsehre schuldig.
Eine Trinkgeldszene bereitet mir heute noch besondere Freude; ja, sogar ein wenig Schadenfreude, die ja bekanntlich eine der schönsten Freuden ist – auch wenn mir als gläubigem Katholik diese Art von Freude eigentlich nicht erlaubt ist. Ein Stammgast im Grill, den ich sehr mochte, ein Hamburger Immobilienhändler, war mir als Geizhals bekannt. Ich wusste, dass er sehr wohlhabend war. Bei Tisch verlangte er jeden irgend erdenklichen Extraservice; extra honorieren wollte er aber nicht. Er hatte sozusagen ein Portemonnaie aus Maulwurfsleder – es hat nie das Tageslicht gesehen. Für mich war es in Ordnung, ich hatte mein erwähntes Prinzip. Eines Abends, es war um die Weihnachtszeit und er hatte wieder alle Möglichkeiten des Service ausgeschöpft, wollte er mir nun doch einen Obolus zukommen lassen. Er suchte in seinem Portemonnaie nach einem Zwanzigeuroschein, fand aber nur Zweihunderter. Das war ihm zum Verschenken natürlich viel zu viel. Er druckste herum, wusste nicht, wie aus seiner Bredouille herauskommen. Weil er aber eine gute Freundin dabeihatte, eine Architektin, vor der er gerne den Krösus gab, mochte er keinen Rückzieher machen und gab mir schließlich, mit bittersüß-schmerzlichem Lächeln, die zweihundert Euro.
Ähnlich verhielt es sich auch mit einer bekannten Hamburger Kauffrau. Regelmäßig kommt sie mit etwa zehn bis fünfzehn Personen zum Mittagessen in den Grill und beansprucht dabei höchst intensiven Service, sozusagen »über Gebühr«. Das ist ihr gutes Recht, darum kommt sie schließlich auch ins Hotel Vier Jahreszeiten. Sie ist aber davon überzeugt, dass es genug ist, wenn sie ihre Rechnung bezahlt und dem Oberkellner, also mir, zwei bis fünf Euro in die Hand drückt. Zumal es ja nicht sein muss – ich bediene sie doch auch »um Gottes Lohn«. Ihr Mann allerdings, eine höchst liebenswerter, stiller, kultivierter Zeitgenosse, der um das Manko seiner hochgeschätzten Gemahlin wusste, gab dem Kellner beim Weggehen jedes Mal etwas extra – dies aber stets so, dass seine Frau es nicht sehen konnte. Und dann heißt es andauernd, es gäbe keine Kavaliere mehr!
Immer wieder habe ich, besonders von Stammgästen, mein »Trinkgeld« auch in Form von kleinen oder größeren Geschenken erhalten. Unvergesslich bleibt mir eine edle Geste des Hamburger Kaufmanns Dierk Cordes. Anlässlich seiner Mittagsmahlzeiten mit seiner charmanten Gattin führten wir, weit über die eigentliche Servicearbeit hinaus, viele Gespräche über allerlei Dinge. Er hat einen feinen, geistreichen Humor, und so war es für mich immer höchst vergnüglich, mit den Eheleuten zu parlieren. Klagte ich zum Beispiel, dass ich, wenn ich abends noch Kaffee trinke, nicht schlafen kann, antwortete er prompt: »Bei mir ist es genau umgekehrt, wenn ich schlafe, kann ich keinen Kaffee trinken.«
Eines Tages kam das Gespräch auf Fernsehapparate. Er erzählte mir, dass er anlässlich einiger Umbauarbeiten in seiner Villa verschiedene modernste Fernseher installieren ließe. Ich berichtete von meinem Gerät – ein riesiger Würfel, weit über zwanzig Jahre alt. »Na«, sagte er mit seinem typischen gelassenen Sarkasmus, den ich sehr vermissen werde. »Da wird er ja bald im- oder explodieren. Hoffentlich sind Sie dann im Dienst und nicht zu Hause, denn wer sollte mich sonst so aufmerksam bedienen, wenn Sie nicht mehr sind?« Eine Woche später rief ein Elektrofachgeschäft bei mir an: »Herr Nährig, für Sie ist hier ein neues Fernsehgerät bestellt, wann dürfen wir liefern?« Das ist Hamburger Understatement. Nobel. Verstecktes Trinkgeld.
Eine andere, ungleich weniger noble Form von »verstecktem Trinkgeld« habe ich auch einmal erlebt. Eine Gesellschaft von etwa zehn Herren kam sporadisch von auswärts auf ein schönes Abendessen mit anregenden Gesprächen in den Grill. Es waren allesamt gebildete, sehr wohlsituierte Herren aus Wirtschaft und Politik. Sie tranken und aßen gut und gern. Und wurden von mir bevorzugt behandelt. Ich gab sozusagen immer »noch einen drauf«.
Die geselligen Herren waren, wenn sie zechten, die letzten Gäste. Sobald sie gegangen waren, konnten wir, das Personal, unsere Schlussarbeiten erledigen. Einmal kam, kaum waren die Herren weg, einer wieder zurück. Mit den Worten »Herr Ober, ich habe meine Tasche vergessen« begab er sich zum Tisch, der sich in einer Ecke befand. Der Tisch war noch so, wie er verlassen worden war; noch nicht abgeräumt. Ich konnte ihn von meinem Empfangspult gerade noch einsehen. Mit einem Mal höre ich ein Geklirre und Geklimper und stelle fest, dass der feine Herr den sogenannten Zahlteller nimmt und die darauf liegenden Trinkgeldmünzen in seine Rocktasche schüttet. Na, denke ich, er will sein Trinkgeld wieder zurück – das er doch gar nicht gegeben hat.
Sollte sich eigentlich schämen. Tut er aber sicher nicht. So etwas würde selbst ein Diener nie machen.
Es war mir nie genug, dem Gast nur vor Ort, also im Restaurant, dienen zu können, ich wollte dieses Dienen auch noch während seiner Abwesenheit zelebrieren. Hierzu habe ich mir einige Tricks und Methoden erdacht. Wenn ich in Erfahrung gebracht hatte, wann der Gast Geburtstag, Hochzeitstag, »Kennenlerntag« oder irgendein anderes Fest feierte, nahm ich diesen Termin zum Anlass, ihm einen Brief mit Grußkarte ins Haus zu schicken. Das war eine gute Möglichkeit, ihm Hotel, Restaurant und mich in Erinnerung zu bringen.
Hierbei waren mir einige kleine Pfiffigkeiten von Nutzen. Wenn der kleine Enkel Geburtstag hatte, war es vorteilig, den Gruß der Großmutter zu schicken. Die Großmutter reicht den Glückwunsch dann an Tochter oder Sohn weiter, über die die Grußpost wiederum an den eigentlichen Jubilar gelangt. Somit habe ich mit einem Schlag drei Fliegen – ich meine Generationen – erwischt und viele Familienmitglieder zugleich mehr oder weniger erfreut. Diese erzählen dann ganz stolz ihren Freunden, dass sie aus dem feinen Hotel Vier Jahreszeiten eine besondere Geburtstagspost bekommen haben. Ein guter Multiplikator. Wir alle wissen, die beste und effektivste Werbung ist die Mundpropaganda: die Werbung, die nichts kostet. (Leider machen im umgekehrten Fall auch Beschwerden und andere nachteilige Meldungen auf diesem Weg nicht minder schnell und effektiv die Runde.)
Die Grüße sollten zwei bis drei Tage vor dem Festtag ankommen, damit der Gast die Möglichkeit hat, sich für den Gruß zu bedanken – zum Beispiel in Form eines Besuches. Natürlich werden meine Karten mit einer richtigen Feder geschrieben: der Gruß mit einer einen dreiviertel Millimeter breiten Feder und das Briefkuvert mit anderthalb Millimeter Federbreite. Die Tinte darf nicht zu dünn sein, sonst franst die Schrift aus. Montblanc ist für Schreibwerkzeug und Zubehör ein guter Hersteller. Auch ein zufälliger Tintenpatzer macht sich auf Briefpapier immer gut. Selbst die Krickelkrakel-Schrift des Federkiels hat etwas anheimelnd Nostalgisches, wie aus vergangener Zeit.
Eine hinreißende Hamburgerin versicherte mir, ich hätte »die schönste Schrift eines Wiener Oberkellners in Hamburg«. Könnte stimmen. Zur Weihnachtszeit schenkte sie mir einen Füllhalter. Gefasst mit aus Silber getriebenen Arabesken. Wunderschön. Er hatte nur einen Nachteil – es fehlte das Innenleben. Er schrieb nicht. Meine Reklamation war erfolgreich. Ich bekam einen anderen Füllhalter. Ebenso schön. Mit Innenleben und benutzbar. Nun liegen die beiden guten und sicherlich sehr wertvollen Schreibgeräte zu Hause auf meinem Schreibtisch brach. Ich schreibe ja doch nur mit Bandzugfeder und Federstiel.
Eine große Hamburger Zeitung berichtete einmal über die Besonderheit der handgeschriebenen Briefe, die nur der Oberkellner des Luxushotels Vier Jahreszeiten schreibe. Jeder Gast, der solch einen Brief erhalte, »sei jemand« in der Stadt. Einige Tage später kam ein Vorstandsmitglied des Zeitungsverlags in den Jahreszeiten-Grill und bedankte sich für den erhaltenen Hochzeitstagsgruß mit dem Zusatz: »Jetzt weiß ich, dass auch ich zur auserwählten, elitären Hamburger Gesellschaft gehöre.«
Bei Hochzeitstagen oder wenn der Geburtstag der Gemahlin ansteht, schreibe ich immer an den Mann, mit der Bitte, seiner charmanten Frau meine besten Glückwünsche zu bestellen. Das ist vornehm! Oder: »Am Soundsovielten haben Sie mit Ihrer hinreißenden Gattin Hochzeitstag. Das will ich nicht vergessen.« In Klammern: »Sie hoffentlich auch nicht.« Oder: »Herr Bergauer, am 27. Mai haben Sie Ihre Frau kennengelernt, dazu meine besten Glückwünsche.« Herr Bergauer schrieb mir postwendend zurück: »Herr Nährig, ich danke für Ihre Glückwünsche, aber Sie irren. Am 27. Mai habe ich meine Frau zum ersten Mal getroffen, kennengelernt habe ich sie bis heute nicht.« Das gibt’s auch.
Die Herren fanden es zumeist amüsant, diese Schreiben zu bekommen, und haben Freunden und Bekannten mit Schmunzeln davon erzählt. Den einen oder anderen habe ich auch wirklich vorm Vergessen des Hochzeitstages oder Ähnlichem bewahrt. Noch einmal: Unbezahlte Werbung ist immer die beste. Dennoch war dieser Reklame-Nebeneffekt meiner Schreiben nie mein vorrangiger Gedanke. Jedes Wort, jeden Satz habe ich immer mit Herz, Freude und ehrlicher Zuwendung geschrieben. Der Großteil der Empfänger hat dies auch gespürt. Einige haben sich sogar schriftlich bedankt. Das hat wiederum mich sehr erfreut.
Meine Trauerbriefe waren besonders innig. Nie habe ich ein Wort geschrieben, das ich nicht auch so meinte. Meine Anteilnahme am Tode des oder der Verstorbenen war und ist immer echt. Ich konnte auch nur dann salbungsvolle Briefe schreiben, wenn ich die Familie schon lange und gut kannte, sie vor allem aber auch mochte. Dann floss all mein Kummer in die Worte. Diese Schreiben wurden von den Hinterbliebenen in aller Regel als sehr trostspendend empfunden. Oft erzählten mir die hinterbliebenen Ehefrauen, die ja gewöhnlich ausdauernder sind als die Männer, dass sie meine Briefe mehrmals gelesen und aus ihnen Beruhigung, Kraft und Trost geschöpft hätten. Und das freut mich. Mein fester Glaube: »Wenn der Herr eine Tür zuschlägt, dann macht er ein Fester auf.« Mehr zu wollen wäre vermessen.
Meine Religiosität spielt bei alledem sicher eine große Rolle. Ich bin mit ganzem Herzen Katholik, und wenn ich eine Woche nicht in der Kirche war, knurrt mir die Seele. Albrecht Goes, ein schwäbischer Theologe, er übrigens Protestant, schrieb einmal in seinen Briefen: »Das Schlimmste wäre für mich, den Glauben zu verlieren. Ich hätte keinen Boden mehr unter den Füßen.« Wie recht hat er!
In den letzten Jahren ging ich am liebsten nachmittags in die Kirche, wenn kaum Besucher da sind. In meine Kirche, den Mariendom in der Danziger Straße. Ich liebe die Stille dort. Eine Stille, die man hören kann. Am Nachmittag ist die Kirche meist leer. Manchmal verirrt sich eine trostsuchende Seele dorthin. Touristen kommen kaum. Dafür ist der Dom als Bauwerk nicht interessant genug. Es gibt zu wenig zu sehen, nicht genug »Sehenswürdiges«. Stattdessen aber eine Menge Unsichtbares. Dieser stille, weihevolle Ort bringt die Seele wieder ins Lot. Konzentriert die Gedanken auf das Wesentliche. Wäscht Seele und Geist wieder rein. Manchmal sah ich auch den einen oder anderen meiner Gäste, zum Beispiel einen Banker, ganz in sich versunken mit gefalteten Händen auf den harten Holzbänken knien. Mein erster Gedanke war unwillkürlich: »Na, was hast du denn wieder angestellt, dass du um Gnade flehst?«
Oftmals sagten Gästen zu mir: »Herr Nährig, Sie wissen von den Leuten so viel und Sie kennen alle.« Meine Antwort: »Möglich, aber das ist nicht immer angenehm für mich.«
All die vielen Geschichten.
Die Welt is die wahre Schule, denn da lernt man alles von selbst. In der Schul’, da muss man die Lektionen aufsagen, sonst is man dumm; wenn man aber in der Welt eine tüchtige Lektion kriegt, so muss man still sein und gar nix dergleichen tun, dann is man g’scheit.
Johann Nepomuk Nestroy
Wie ich dazu gekommen bin, ausgerechnet den Beruf des Kellners zu ergreifen? Das ist schnell erzählt.
So ziemlich alle meine Schulkameraden in der achten und letzten Klasse der Volksschule wussten bei der Zeugnisverteilung noch nicht recht, was denn nun kommen sollte. Welchen Berufs- und Lebensweg sollten sie einschlagen? Ein paar hatten Lehrstellen, die hatten sie aber nur angenommen, um eine Tätigkeit zu haben, solange sie sich weiter über die anzusteuernde Zukunft Gedanken machten. Am Anfang war die Verwirrung. Doch nicht bei mir. Für mich war die Sache klar. Hatte auch schon lange im Vorweg meine Stelle als Kellnerlehrling in Krems an der Donau, im »Hotel zur alten Post«, dem besten Haus am Platz, zugesagt bekommen.
Oh, wie habe ich mich darauf gefreut! Die Idee, diesen Beruf zu ergreifen, hatte mich bei einem Schulausflug zum Semmering erfasst und nicht mehr losgelassen. Der Semmering ist ein herrlicher Alpenpass sowie Sommer- und Winterkurort, etwa achtzig Kilometer südwestlich von Wien. 985 Meter über dem Meer, verläuft hier die Hauptroute von Niederösterreich in die Steiermark. Wir fuhren mit der Eisenbahn, der berühmten Semmeringbahn. Übrigens der einzige Klassenausflug während der ganzen Schulzeit. Das ist heute anders: Tempora mutantur.
Der Semmering beherbergte eines der schönsten Hotels Österreichs. Das »Panhans«. Ein Grand Hotel erster Klasse. Groß, prächtig, alles überragend stand es da. Von den zwanziger bis in die siebziger Jahre hinein nur für die noble Gesellschaft zugänglich. Danach gab es Veränderungen. Schon Arthur Schnitzler beschreibt das Haus in seinem Stück Das weite Land, wo es als ein Hotel des Fin de siècle auftaucht. Unsere Schulklasse kehrte natürlich nicht in diesem »goldenen Kalb« ein, wir hatten in einem einfachen Gasthaus Gulasch mit Knödeln gegessen und dazu Himbeer-Soda getrunken. Das war für uns schon aufregend genug. Vor allem imponierte mir, wie behände die Kellner uns allen die Speisen zur gleichen Zeit auftrugen. Von »bedienen« kann ich aus heutiger Sicht zurückblickend allerdings nicht sprechen. Sechs Teller trugen sie auf einer Hand und noch zwei in der anderen. Kein Zirkusjongleur konnte es besser. Das wollte ich auch können! So fing es an.
Im Lauf der Jahre veränderten sich meine Einstellung zum Kellnerberuf und das Bild, das ich von ihm hatte. Ich hatte rasch die Erfahrung gemacht, dass mehr erforderlich ist, als nur acht Teller tragen zu können, wenn man diesen Beruf mit allem, was dazugehört, einigermaßen gut ausüben möchte. Ich wollte weniger Teller tragen, wenn möglich nur drei. Das aber richtig.
Nach Ende der dreijährigen Lehre sollte man, wie es so schön heißt, »in die Welt hinausgehen«. Na ja, mit dem Hinausgehen hatte ich nicht so viel im Sinn. Eine bestimmte Sesshaftigkeit, um nicht zu sagen Trägheit, war mir angeboren. Man kann es auch Treue nennen. Passt besser zu mir. Trifft den Kern. Und so bin ich nach der Lehre im »Hotel zur alten Post« von Krems nach Wien zurückgekehrt und habe dort in verschiedenen kleineren Lokalen gearbeitet, bis ich schließlich in dem damals besten Restaurant der Stadt, den »Drei Husaren«, gelandet bin. In diesem herrlichen Gasthaus habe ich viele der bekanntesten Persönlichkeiten des Erdballs bedienen dürfen. Du lieber Himmel, wie war es aufregend, wenn Opernlegenden wie Guiseppe Di Stefano, Mario Lanza, Grace Bumbry, Maria Callas oder Leontyne Price das Restaurant betraten! Alle Gäste im Saal standen auf und klatschten Beifall.
Auch die vielen Film- und Theaterschauspieler habe ich immer sehr bewundert. Nach den Vorstellungen im Wiener Burgtheater kamen oft Schauspielergrößen wie Paula Wessely sowie Attila und Paul Hörbiger zum Souper. Für Sophia Loren wurden, wie wohl in jedem Restaurant, spezielle Pastagerichte angeboten, die sie wahrscheinlich gar nicht gerne aß – ihr Mann aber, der Filmproduzent Carlo Ponti, mit großer Vorliebe. Für Thrillerregisseur Alfred Hitchcock wurde im gesamten Restaurant das Licht ausgeschaltet, und er steckte sich eine Taschenlampe in den Mund, schaltete sie ein, so dass das Gesicht feuerrot zu leuchten und zu glühen begann, und gab furchterregende Laute von sich. Auch Liz Taylor war hier zu Gast. Ich erinnere mich, dass alle Köche und Kellner dachten, sie werde Wünsche haben, die wir schwierig oder womöglich gar nicht erfüllen könnten. So war es aber nicht. Ihr damaliger Mann Richard Burton (Nummer fünf und sechs ihrer Gatten) sagte zum Küchenchef: »Wir nehmen dasselbe, was Sie heute gegessen haben.« Das war Wiener Kalbsgulasch mit Serviettenknödeln. Eine der vielen Spezialitäten in diesem Restaurant. Liz aß, ohne zu murren.
Curd Jürgens hatte seinen Stammtisch. Er war aber nicht gram, wenn er ihn nicht bekam. Doch das Umsorgen seiner Person liebte er, und er bekam es in hohem Maße. Ein wunderbarer, unprätentiöser Mann und ein herrlicher Schauspieler. Wie gerne erinnere ich mich an seinen Professor Bernhardi im Theater in der Josefstadt oder an seinen Galilei im Burgtheater.
Als Grace Kelly in den »Drei Husaren« zu Gast war, war sie längst die Fürstin von Monaco. Welch riesige Menschenmenge stand vor dem Restaurant, um sie zu sehen und ihr zu huldigen! Ich empfand diese Kultur schon als etwas ganz Besonderes. Dabei, glaube ich, ging es nicht in erster Linie um Voyeurismus oder pure Neugier, es handelte sich mehr um Verehrung und darum, Größen wie Heinz Rühmann oder Hans Moser einmal im Leben nicht nur auf der flachen Kinoleinwand zu sehen, sondern leibhaftig und raumerfüllend.
Der Patron der »Drei Husaren«, Egon Fodermayer, war ganz ein Chef der alten Schule. Er hatte auch Witz und Humor. Jedem Gast vermittelte er das Gefühl, es werde ganz allein für ihn gekocht, sich speziell nur um ihn gekümmert. Das war eine wichtige Erfahrung, die mich sehr geprägt hat. Dieses Gefühl wurde einem Gast auch dann gegeben, wenn er als »schwierig« galt. An einen Parvenü erinnere ich mich im Besonderen. Dieser Mann hatte sich dank seinem schnell erworbenen Reichtum nicht nur alle sichtbaren Merkmale des Wohlstands wie schnelle Autos, Luxusvilla, neueste modische Kleidung et cetera anschaffen können, er hatte sich auch noch viele Titel wie Professor, Doktor, Kommerzialrat, Hofrat, Senator, Generalkonsul und so weiter erkauft. Als Patron Fodermayer all dies zu Ohren kam, meinte er lakonisch: »Wenn der jetzt die Matura [das Abitur] auch noch schafft, dann ist er komplett.«
In den »Drei Husaren« war ich viele Jahre, bestimmt an die zehn. Anschließend ging ich ein wenig nach Paris und nach Norwegen, um mich sprachlich etwas beweglicher zu machen. Auch in Lübeck war ich einige Zeit. Doch dann, wir schrieben das Jahr 1976, lockte mich schon das wunderschöne Vier Jahreszeiten in Hamburg. Und dort habe ich sozusagen »politische Kultur« angenommen: Ich blieb außerordentlich hartnäckig auf meinem Posten kleben – »picken« sagen wir in Wien.
Nach kurzer Zeit der Kellnertätigkeit wusste ich: Das ist der Arbeitsplatz, den ich mir stets gewünscht, erträumt, erhofft hatte. Umgekehrt war ich mir bald auch im Klaren, dass es mit meiner Freizeit nun weitestgehend vorbei war. Man kann als Kellner ein sogenanntes »normales Leben«, wo man sich am Abend oder am Wochenende mit Freunden trifft und gemeinsame Unternehmungen macht, nicht mehr führen. Längere Dienstzeiten als in jedem anderen Beruf, meist gerade zu Zeiten, wenn andere ihren Feierabend genießen, sind eine branchentypische Notwendigkeit. Auch mit vielen anderen Aktivitäten musste jetzt Schluss sein. Glücklicherweise liegt der Nationalsport Fußball meinen sportlichen Interessen fern, in diesem Punkt gab es also keine Beeinträchtigungen.
Bald aber stellte ich fest, dass es mich gar nicht mehr störte, auf vieles verzichten zu müssen. Das übliche freie Wochenende fehlte nicht mehr. Ich will sogar behaupten, dass es viel angenehmer ist, stattdessen unter der Woche ein oder zwei freie Tage zu haben. Einen Einkauf am Mittwoch zu tätigen ist viel schöner, praktischer und ruhiger als am Samstag in überfüllten Kaufhäusern am Grabbeltisch. Zugegeben, bisweilen fand ich es schon schade, diese oder jene Musik- oder Theaterveranstaltung nicht erleben zu können, aber auch das hat sich eingependelt. Und im Hotel Vier Jahreszeiten hatte ich die Möglichkeit, all das zu machen, wofür ich meinen Beruf, meinen Traumberuf, ausgewählt habe, und dem Gast in allen nur möglichen Formen zu dienen.
Manchmal, besonders in meinen Anfangsjahren, ging es mit dem Dienen mitunter allerdings auch »in die Hose« – beziehungsweise in andere Kleidungsstücke. Wenn so der Dienst zum Bärendienst wird, kann das einem Kellner im unglücklichen Fall schon mal die Anstellung kosten, vor allem wenn das Unglück noch in seine Probezeit fällt.
Es war Mitte September 1976. Mein erster Arbeitstag im Jahreszeiten-Grill. Das Restaurant vollkommen ausgebucht. Ein Tisch mit etwa fünfzehn Personen ganz speziell mir zugeteilt. Der Oberkellner, der bereits erwähnte Herr Kröger, wies mich an, alle aufgetragenen Arbeiten mit größter Sorgfalt zu handhaben, denn es handelte sich um eine alteingesessene Hamburger Kaufmannsfamilie. Das Handelshaus Nordmann, Rassmann & Co. ist in der Hansestadt ein Name mit bestem Klang. Der Begriff »ehrbarer Kaufmann« hat in diesem Fall absolute Gültigkeit. Dass Herrn Krögers Ermahnung zur größtmöglichen Sorgfalt nicht gerade beruhigend auf mich wirkte, kann man sich denken. Im Gegenteil, mein Gemütszustand steigerte sich vielmehr von Aufregung zu einer fast schon an Panik grenzenden Nervosität. Sofern der Auslöser ein anderer ist, kann eine ähnliche Nervosität auch sehr angenehm sein. In diesem Fall war sie entschieden unangenehm.
Die Vorspeise war serviert, alles gut und fein, wunderbar, kein Grund zur Beanstandung. Als Nächstes kam die Suppe, heiß und dampfend, in Tassen serviert. Ich nahm, wie gelernt, drei Tassen in die Hand und servierte als Erstes der Frau des Hauses, Inge Nordmann. Gastgeber war, meine ich, der erstgeborene Sohn von Georg Nordmann, Edgar, der jetzige Konsul Nordmann. Es kam, wie es kommen musste. Die Hand zitterte, die Tasse wackelte und ich goss der Dame die Suppe in den Rücken. Nicht zwei, drei Tropfen. Nein, gleich die halbe Tasse. Wenn schon, denn schon.
Die Gespräche am Tisch verstummen. Sohn Edgar wirft mir einen Blick zu, der nicht gerade danksagend anmutet. Verständlich. Oberkellner Kröger glücklicherweise außer Sichtweite. Ich stand angewurzelt da, wie ein begossener Pudel – was, genau genommen, doch eigentlich eher die Dame war. Abwechselnd blass und rot, fahrige Bewegungen machend, die suppengetränkte Frau Nordmann im Auge. Sie mich auch. Hatte mich fest im Visier. Diese Sekunden entschieden über meinen weiteren Berufsweg. Jeden Moment konnte das Gepolter losgehen.
Es passierte – nichts. Absolute, unerträgliche Stille. Wie Frau Nordmann sahen auch alle Anwesenden mein versteinertes Gesicht.
Dann geschah ein kleines Wunder. Mein stilles Stoßgebet wurde erhört. Sie schenkte meinem erbärmlichen Zustand ein Lächeln und sagte in feinem Hamburgisch: »Na ja, das kann ja mal passieren.« Das war’s. Auch Edgars Gesicht entspannte sich. Meine Stellung war gerettet. Von jenem Tag an war mir Frau Nordmann wohlgesonnen. Ich hatte eine »Freundin« auf Lebenszeit. Dieses Wohlwollen übertrug sich auch auf ihre Kinder, im Besonderen auf Sohn Edgar, groß, stattlich und schlank noch heute, nur der Bart ist ab.
Im Laufe der Jahre, es sind nun fünfunddreißig, hat sich zwischen uns ein Verhältnis entwickelt, das von gegenseitiger Achtung und der Wertschätzung des jeweiligen Tuns geprägt ist. Seine Korrektheit bei gleichzeitiger Lebensleichtigkeit, sein philanthropisches Denken, sein Sinn für Genuss und vor allem sein feiner Humor haben mich stets beeindruckt. In den gesteigerten Genuss all dieser guten Eigenschaften kam ich, als ich vor einigen Jahren eine Einladung zu seinem runden Geburtstag erhielt. Zudem darf ich mich jährlich zur Weihnachtszeit einer von seiner liebenswürdigen Gattin immer mit viel Liebe ausgesuchten Gabe erfreuen. Das ist vornehmer Edelsinn. Nicht mehr allzu sehr verbreitet. Solche Gunstbezeigungen sind für einen Oberkellner die eigentlichen Auszeichnungen, Würdigungen, Orden – Orden, die man nicht anstecken kann, die man nicht sieht, die mich aber im Herzen schmücken und berühren. Für immer. Dafür bin ich sehr dankbar!
In einem anderen Fall, ebenfalls zu Beginn meiner Zeit im Hotel Vier Jahreszeiten, war es weniger körperliche als verbal-akustische Ungeschicktheit, die mich in Schwierigkeiten brachte. Sonntagmorgen. Ich hatte Frühstücksdienst. Das bedeutete, um fünf Uhr früh aufstehen. Am Abend vorher hatte ich einfach nicht einschlafen können und daher eine Schallplattenaufnahme von Strauss’ Rosenkavalier gehört. Das sonntägliche Frühstück zog sich immer lange hin. Am Tag des Herrn geruhen die Gäste, sich später zu erheben, und lassen sich auch länger Zeit, das reichhaltige Frühstück zu genießen. Wurst, Käse und Fischspezialitäten wie Büsumer Krabben und verschiedene Lachsvariationen wurden auf einem oder auch zwei fahrbaren Kühlwagen zum Tisch gebracht, wo dem Gast nach seinen Wünschen davon serviert wurde. Das Büffet kam sozusagen zum Gast. Das war in den Siebzigern ganz einmalig, gab es in keinem anderen Hotel in Deutschland. Es war schon elf Uhr vorbei, und wir mussten das Restaurant nun wieder für den Mittagstisch vorbereiten, für zwölf waren die ersten Gäste avisiert. Endlich, der letzte Tisch, eine Familie mit vier Kindern, steht auf, um zu gehen. Die Mutter als Erste, die Kinder ganz gesittet im Gänsemarsch hinterdrein und zuletzt der schon recht dicke Vater. Gott sei Dank, sie sind draußen!
Jetzt müssen wir uns sputen, um mit den Aufräumarbeiten fertig zu werden. Im Kopf geht mir immer noch der Rosenkavalier vom Vorabend herum, und von guter Laune geritten stimme ich die Arie der Marschallin an: »Da geht er hin, der aufgeblasene schlechte Kerl, und kriegt das junge hübsche Ding und einen Pinkel Geld dazu.«
Da geht die Tür auf, der dicke Vater kommt wieder herein und fragt, etwas launisch: »Meine Frau ist zwar hübsch, aber alt, Geld hab ich genug, dick bin ich auch, aber ein schlechter Kerl bin ich nicht, wie war das denn gemeint?«
Oh je, das war nicht gut!
Zum Mittagessen kam August Everding, der damalige Intendant der Bayrischen Staatsoper, ins Restaurant, und ich habe ihm erzählt, in welch missliche Lage mich mein Gesang gebracht hat. Er hat sich darüber halb totgelacht. Dank dem verständnisvollen dicken Vater, der in der Tat kein schlechter Kerl war, kam ich glücklicherweise mit einem blauen Auge davon.
Übermut tut selten gut.
1985: Ein Hamburger Kaufmann. Elegante Erscheinung. Jahrelanger Stammgast. Maßanzug vom besten Schneider der Stadt. Im Gilet des Anzugs – in Deutschland sagt man Weste dazu – eine goldene Uhrkette von links nach rechts. Das blütenweiße Hemd mit Tabkragen wird durch eine Krawatte in Hamburger Blau komplettiert. Er kommt zum Empfangspult des Oberkellners und sagt laut: »Mein Tisch, mein Wein, mein Kellner!«
Das kann man so und so empfinden. Die Zeit der Domestiken war 1985 noch nicht vorbei. Ich nahm es als Kompliment.
Es ist kaum zu glauben, was jeder Mensch glaubt, was er für ein Mensch ist!
Johann Nepomuk Nestroy
Durch meine langjährige Tätigkeit in einem so renommierten Haus wie dem Vier Jahreszeiten hatte ich das Glück und die Ehre, die Bekanntschaft vieler mehr oder weniger bedeutender Persönlichkeiten aus allen Bereichen von Kultur, Politik und Zeitgeschehen zu machen. Das waren häufig sehr anregende Erfahrungen, an die ich gerne zurückdenke.
Zu den Menschen, die bei mir einen unvergesslichen Eindruck hinterlassen haben, gehört auch Weltenbürger und »Universalgenie« Peter Ustinov. Zum ersten Mal bin ich ihm während meiner Wiener Zeit im Nobelrestaurant zu den »Drei Husaren« begegnet. Als ich dann 1976 nach Hamburg kam, traf ich ihn im Hotel Vier Jahreszeiten wieder, wo er Stammgast war. Sogar eine Suite heißt heute nach ihm: die Sir Peter Ustinov Suite. Wenn Sir Peter den Grill betrat und mich sah, dann begrüßte er mich mit dem Titel »Exzellenz«. Er wusste, dass man in Wien großen Wert auf Titel legt.
Einmal kam er mit einer jungen Journalistin in den Grill, um zu Mittag zu essen und dabei ein Interview zu geben. Nachdem er mich mit »Exzellenz« begrüßt hatte, ließ er, noch während ich ihn zu seinem Tisch begleitete, gleich eine ganze Reihe verbaler Kunststücke aus sich heraussprudeln, indem er französische Politiker imitierte. Dies beeindruckte die junge Dame so sehr, dass sie beim Platznehmen ehrfurchtsvoll sagte: »Sir Peter, diese Stimmen, die Sie machen, diese Töne, man möchte fast nicht glauben, dass Sie das alles mit dem Mund machen.« Ustinov zuckte kurz mit der rechten Schulter und meinte: »Na, ich hoffe doch.«
Das Essen sollte serviert werden. Leider war der Tisch mit vielen Papieren und Notizblättern belegt, es war ein sogenanntes Arbeitsessen. Herr Ustinov nahm die an seinem Platz liegenden Blätter und warf sie einfach zu Boden. Dagegen war nichts einzuwenden, nur wie sollte ich nun servieren, wie den Teller an seinen Platz setzen? Ich musste, um an den Tisch zu gelangen, mit einem großen Schritt über die am Boden liegenden Blätter steigen. Was ich auch tat. Sir Peter sieht das, schaut mich regelrecht dankend an und sagt: »Herr Nährig, soeben haben Sie meine Schriften übersetzt.«
Als einmal das Gespräch auf Ehrungen und Orden kam, erzählte er mir Folgendes. Eines Sonntagnachmittags hatte sich der Gemeinderat aus seinem Wohnort in der Nähe des Genfer Sees zu einem Besuch bei ihm angemeldet. Nach einer kurzen Präambel eröffnete ihm einer der Herrn, man habe beschlossen, nachdem die Ansässigkeit seiner berühmten Person dem Ort Glanz und eine gewisse Popularität gebracht habe, ihm, dem Künstler, eine Straße zu widmen. Ustinov hörte interessiert zu, schüttelte dann bescheiden den Kopf und sagte: »Lassen Sie das mit der Straße, ein Haus würd’ mir genügen.«
In den neunziger Jahren gab Peter Ustinov eine »One Man Show« in der Musikhalle. Heute heißt sie Laeiszhalle. Tout Hamburg hatte sich Karten für den Auftritt besorgt. Ein epochales Ereignis. Zusammen mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar hatte auch der Logistik-Unternehmer Thomas Hoyer die Show besucht und für danach einen Tisch im Grill reserviert. Bei seinem Reservierungsanruf bat mich Herr Hoyer eindringlich um einen Platz in der Nähe von Peter Ustinov, für den Fall, dass auch er nach der Vorstellung zum Essen kommen sollte. Da ich wusste, wo Ustinov gerne saß, konnte ich das gut einrichten. Ja, Sir Peter kam tatsächlich nach der Vorstellung in den Grill und saß nun genau neben den Hoyers, die sich gleich für den wunderschönen Abend und für die herrliche Show bedankten.
