Gesammelte Schriften - Hans Furrer - E-Book

Gesammelte Schriften E-Book

Hans Furrer

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Beschreibung

Dieser Ergänzungsband enthält zwei Vorlesungen an der Universität Zürich vom WS 1986/87 und dem SS 1987: 'Die Konstruktion des bürgerlichen Individuums' - zu Theorien der Sozialisation und 'Kritik der epistemischen Vernunft' - zur genetischen Epistemologie Piaget. Zusätzlich enthält der Band mehrere Fragmente zu verschiedenen Themen im Zusammenhang von Piaget Theorien, aus den Jahren 1980-2025.

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Seitenzahl: 395

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Vorlesungen Teil 1

Vorrede

Die Konstruktion des bürgerlichen Individuums WS 1986/87(Fragmente)

Einleitung

1 Vom Leib und seinen Gliedern - Metamorphosen einer Metapher

2 Der Pietismus

a) Erziehungsprinzipien des Pietismus

3 Der ›autoritäre Charakter‹

4 Das Gesellschaftsmodell von Luhmanns Systemtheorie

5 Die Theorie des kommunikativen Handelns

a) Identitätsfindung im Kommunikationsmodell

b) Lebenswelt und System

c) Die Lebenswelt als das fraglos Gegebene

d) Die Gesellschaft als System

e) Entkopplung von System und Lebenswelt

f) Kolonisierung der Lebenswelt

g) Die Reproduktion der Lebenswelt

(1) Die Sichtweise der philosophischen Anthropologie

(2) Die Kritik der instrumentellen Vernunft

6 Kolonisation und Sozialisation

a) Phasen der Identitätsfindung

b) Der ›Neue Sozialisationstyp

7 Fazit

a) Zusammenfassung

Die Kritik der epistemischen Vernunft SS 1987

I Die drei Wurzeln von Piagets Theorie

1 Die erkenntnistheoretischen Grundlagen Piagets

1.1 Der Rationalismus Descartes

1.2 Die Erziehungsprinzipien Rousseaus

1.3 Der kritische Idealismus Kants

2 Die Grundelemente von Piagets Theorie

2.1 Die Schlüsselrolle der logischen Strukturen

2.2 Kognitive Entwicklung als Reifungsprozess

2.2 Erkenntnis als Konstruktion der Wirklichkeit

II Piagets Parallelismus von Biologie und Erkenntnis

1 Lamarckismus und Empirismus

2 Darwinismus und Konstruktivismus

3 Die Evolutionstheorie Waddingtons

4 Die genetische Epistemologie Piagets

4.1 Die Assimilation

4.2 Das Schema

4.3 Die Akkommodation

4.4 Der Äquilibrationsprozess

III Die genetische Epistemologie als Konkretisierung der Philosophie Hegels

1 Hegels Kantkritik

2 Die Stufen der Erkenntnis in der ›Phänomenologie‹

3 Piaget und Hegel

3.1 Dezentrierung

3.2 Dialektik

4 Die Wissenschaft der Logik

4.1 Die Kategorie der Qualität

4.2 Die Kategorie der Quantität

4.3 Die Kategorie des Masses

5 Die Dialektik von Qualität und Quantität

IV Die Entwicklung der kognitiven Strukturen

1 Die logisch-mathematischen Grundlagen Piagets

1.1 Piagets Zahlbegriff

1.2 Der Gruppenbegriff

2 Der Begriff der Operation

2.1 Die INRC Gruppe

3 Experimentelle Ergebnisse

3.1 Das klinische Interview

3.2 Spezifische Experimente zur Entwicklung des Zahlbegriffs beim Kinde

3.2.1 Die Stück-für-Stück-Korrespondenz

3.2.2 Die Seriation

3.2.3 Die Koordination von Quantität und Qualität

4 Vorläufige Würdigung und Kritik an den Arbeiten Piagets

V Die Sprachtheorie Piagets

1 Die Entwicklung der Symbolfunktion

1.1 Die Nachahmung

1.2 Das Spiel

2 Die egozentrische Sprache

3 Die Debatte zwischen Piaget und Chomsky

VI Die Sprachentwicklung in phylo- und ontognetischer Sicht

1 Die kulturhistorische Schule

1.1 Vygotskijs Kritik an Piagets Sprachtheorie

1.2 Der Ursprung der Sprache

1.3 Die Sprache als Abbild und Werkzeug

1.3.1 Die psychische Widerspiegelung

a) Rubinštejn

b) Leont’ev

1.3.2 Sprache als Medium der Kognition

2 Bedeutung und ›generalized other‹

3 Sprachspiel und Regelbewusstsein

4 Anmelden und Einlösen von Geltungsansprüchen

5 Das Recht zu benennen

VII Die Geschichte des Zahlbegriffs

1 Können Tiere zählen?

2 Der Zahlbegriff in archaischen Kulturen

3 Der Zahlbegriff bei den Ägyptern und Babyloniern

4 Der Zahlbegriff bei den Griechen

5 Der Zahlbegriff im Mittelalter und in der Neuzeit

6 Der ›moderne‹ Zahlbegriff

6.1 Der ›moderne‹ ordinalen Zahlbegriff

6.2 Der ›moderne‹ kardinale Zahlbegriff

7 Die gesellschaftliche Genese des Zahlbegriffs

7.1 Die neolithische Revolution

8 Rückblick und Ausblick

Fragmente zu Piaget(1980-2025)

Piaget und Marx(1980)

Die Stufen der Verinnerlichung(1982)

Piagets klinisches Interview(1983)

1. Chrakterisierung des klinischen Interviews

2. Invarianzexperimente als Beispiele zur Verdeutlichung der Aussagekraft des klinischen Interviews

3. Die Bedeutung des klinischen Interviews für die Schule

4. Kritik am klinischen Interview

Das Stadium des dialektischen Denkens(1986)

Piaget und Freud(1988/2025)

Interkulturelle Aspekte der kognitiven Entwicklung(1988/2025)

Prägung durch die Lebenswelt

Kolonialisierung durch das System

Sprachentwicklung bei Gehörlosen(2019)

Piaget und die Soziologie(2021)

Literaturverzeichnis zu Ebd. 1.1

Vorrede

Dieser Ergänzungsband 1.1 enthält die Manuskripte zu zwei Vorlesungen. Das erste zur Konstruktion des bürgerlichen Individuums ist leider nicht mehr vollständig erhalten. Die ersten zwei Teile und der letzte Teil sind ganz abgedruckt, die anderen Teile nur fragmentarisch.

Das Manuskript zur zweiten Vorlesung, der Kritik der epistemischen Vernunft ist vollumfänglich enthalten und so gedruckt.

Bei beiden Manuskripten habe ich in den Fussnoten einige wenige Ergänzungen aus heutiger Sicht eingefügt.

Im Anschluss an die Vorlesungsmanuskripte habe ich einige Fragmente von Manuskripten zu Piaget aufgenommen.

Codroipo/Boll, Juni 2025

Die Konstruktion des bürgerlichen Individuums WS 1986/87

(Fragmente)

Einleitung

In dieser Vorlesung geht es mir darum, die verschiedenen sozialwissenschaftlichen Modelle zu verorten und insbesondere um eine Abgrenzung gegenüber dem Organismusmodell und der Systemtheorie. Ihnen sind denn auch die beiden ersten Teile der Vorlesung gewidmet, während der dritte, und wichtigste Teil Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns1 umreissen und ihre Bedeutung für die Sozialpädagogik aufzeigen wird.

1 Vom Leib und seinen Gliedern – Metamorphosen einer Metapher

I'th midd'st a th' body, idle and vnactiue, Still cubbording the Viand, neuer bearing Like labour with the rest, where th' other Instruments Did see, and heare, deuise, instruct, walke, feele, And mutually participate, did minister Vnto the appetite; and affection common Of the whole body, the Belly answer'd ... 2

Ja, was hat er denn geantwortet, der Bauch? Die Antwort des Bauches (bzw. anderer Glieder) mag sich im Verlaufe der Jahrhunderte gewandelt haben, trotzdem lässt sich eine Konstanz in ihrer Deutung herausarbeiten. Bereits Paulus verwendet das Bild vom Leib und seinen Gliedern im Römerbrief :

Denkt an unseren Körper. Er besteht aus vielen Gliedern, aber nicht jedes Teil hat dieselbe Funktion. So sind wir, obwohl wir viele sind, doch ein einziger Körper in der Gemeinschaft des Messias. Einzeln betrachtet sind wir Körperteile, die sich füreinander einsetzen.3

Etwas ausführlicher geht er im 1. Korintherbrief auf diesen Organismus ein und betont dort vor allem die gegenseitige Abhängigkeit der Glieder und den Wert auch des geringsten Glieds:

Das Auge kann der Hand nicht sagen: »ich brauche dich nicht. Auch der Kopf kann zu den Füssen nicht sagen: »ich brauche euch nicht«. Nein! Gerade auf die Körperteile, die unbedeutender zu sein scheinen; kommt es an. […] Und wenn ein Körperteil leidet, leiden alle andern mit, und wenn ein Körperteil geehrt, freuen sich die andern alle mit.4

Paulus beschwört diesen harmonischen Zustand des Organismus zwar für die Christengemeinde, doch wurde er bereits zu jener Zeit als Metapher für den Zustand des Staates verwendet, wie das eine nicht viel später entstandene Stelle bei Epiktet zeigt:

So wie ein vom Leib getrennter Fuss kein Fuss mehr sei, so sei ein von der Gesellschaft getrennter Mensch kein Mensch mehr. Diese Definition des ›zoon politicon‹ wird noch deutlicher, wenn man Epiktets Bild weiter verfolgt. So postuliert er, dass ein Fuss an sich wohl sauber sein wolle, dass es aber die Funktion des Fusses als Körperglied erfordere, dass er schmutzig werde, in Dornen trete oder gar zum Wohle des ganzen Leibes abgetrennt werden müsse.

Auch bei Paulus wird die scheinbare Gleichheit der Glieder recht bald relativiert. So ist es kein Zufall, dass im Römerbrief gleich anschliessend jene fatale Stelle folgt, die die Hierarchie der Glieder wieder installiert:

Jeder Mensch soll sich den Gewalten unterordnen, die an der Macht sind. Denn es gibt keine Macht außer von Gott. Die bestehende ist von Gott eingesetzt. Wer sich gegen die Macht stellt, widersetzt sich deshalb der Anordnung Gottes. Die, die Widerstand leisten, müssen damit rechnen, verurteilt zu werden.5

Und auch im Korintherbrief betont Paulus im Anschluss an das Bild des Leibes, dass Gott in der Gemeinde eine Hierarchie der Apostel, Propheten usw. gesetzt habe. »Die Hierarchie wird erst aufgehoben in Christus«.6

An dieser Stelle setzt dann auch Augustin ein, wenn er seinerseits die Metapher im ›Gottesstaat‹ wieder aufnimmt7. Die Vielen sind ein Leib in Christus, sie opfern sich für Christus, wie er sich für sie geopfert hat. Die Einheit des Leibes kommt durch das Opfer jedes Einzelnen für Gott zustande.

Noch deutlicher wird dies bei Thomas von Aquin. Sein Anliegen ist es aufzuzeigen, dass es unter den Gliedern ein wichtigstes gibt:

In der Vielheit der Glieder ist ein einziges, das alle lenkt: das Herz; innerhalb der Seele hat eine beherrschende Kraft die Führung: die Vernunft. Auch die Bienen haben eine Königin und in der ganzen Welt ist ein Gott, der alles erschaffen hat und nach seinem Willen lenkt.8

Und genau wie sich der Leib des Menschen auflösen würde, wenn es nicht eine leitende Kraft im Körper gäbe, »würde die Gesellschaft nach entgegengesetzten Richtungen auseinandergeraten, falls nicht eben jemand da wäre, der für das Sorge trägt, was das Wohl der Gesellschaft betrifft«9. Andererseits aber »gibt es keine Schönheit des Körpers, wenn nicht alle Glieder in entsprechendem Verhältnis zu einander stehen, aber die Hässlichkeit ist da, wenn auch nur ein Glied diesem Verhältnis widerspricht«10. Die Dialektik zwischen der Notwendigkeit einer Führung und dem harmonischen Begriff des Gemeinwohls findet ihre Aufhebung in der Hinorientierung der Gemeinschaft auf Gott. Das Gemeinwohl ist besser und damit göttlicher als das Einzelwohl.

Von diesen eindeutigen Aussagen her, erstaunt es nun nicht, dass sich die moderne katholische Soziallehre, die im Wesentlichen eine thomistische ist, wiederum des Bildes vom Leib und seinen Gliedern bedient. So schrieb Papst Leo XIII in der Enzyklika Rerum novarum, mit welcher er auf die soziale Frage und den sich ständig verschärfenden Klassenkonflikt im 19.Jahrhundert antwortete:

Die Natur hat vielmehr alles zur Eintracht, zu gegenseitiger Harmonie hingeordnet; und so wie im menschlichen Leibe bei aller Verschiedenheit der Glieder im wechselseitigen Verhältnis Einklang und Gleichmass vorhanden ist, so hat auch die Natur gewollt, dass im Körper der Gesellschaft jene beiden Klassen in einträchtiger Beziehung zueinander stehen und ein gewisses Gleichgewicht darstellen. Die eine hat die andere durchaus notwendig. So wenig das Kapital ohne die Arbeit, so wenig kann die Arbeit ohne das Kapital bestehen. Eintracht ist überall die unerlässliche Vorbedingung von Schönheit und Ordnung; ein fortgesetzter Kampf dagegen erzeugt Verwilderung und Verwirrung.11

Auch in der Enzyklika Quadragesimo anno beruft sich Pius XI explizit auf den heiligen Thomas, wenn er im Sinne der »höheren Einheit in wohlgegliederter Vielheit«12 berufsständische Korporationen befürwortete, wie sie zu jener Zeit im faschistischen Italien bereits bestanden. Zur Funktion dieser Korporationen führte er weiter aus:

Ein wahres Zusammenwirken aller zu dem einen Ziel des Gemeinwohls ist daher nur dann möglich, wenn die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen sich ganz durchdringen lassen von dem Bewusstsein ihrer Zusammengehörigkeit als Glieder einer grossen Familie, als Kinder eines und desselben himmlischen Vaters, wenn sie sich fühlen als ein Leib in Christo, ›einer des andern Glied‹, so dass, ›wenn ein Glied leidet, alle anderen mit ihm leiden‹. Alsdann werden die vermögenden und einflussreichen Kreise ihre frühere Gleichgültigkeit gegenüber ihren weniger mit Erdengütern gesegneten Mitbrüdern in fürsorgliche und tätige Liebe wandeln; deren gerechtfertigten Ansprüchen werden sie grossherzig entgegenkommen; allenfallsigen Fehlern und Missgriffen gegenüber werden sie verstehende Nachsicht üben.13

Mag man dieser Stellungnahme aus dem Jahre 1931, angesichts des noch nicht voll entfalteten faschistischen Staates noch eine gewisse Naivität zubilligen. Doch ist es absolut fragwürdig, wenn Pius XII noch 1945 in explizitem Bezug auf die berufsständische Ordnung im Sinne von Quadragesimo anno in seiner Ansprache an die christlichen Arbeitervereine wiederum diese »höhere Einheit« fordert.

Im Gegensatz zur katholischen Soziallehre wird die obige Metapher im Protestantismus kaum verwendet. Luther selbst zieht zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung die deutlichere Sprache des Römerbriefes 1314 vor. Ein wesentlicher Grund aber für das Fehlen der Metapher in der protestantischen Sozialethik ist deren moralische Subjektkonstruktion. Der protestantische, und insbesondere der pietistische Gläubige, braucht die Vermittlung der Gemeinschaft nicht mehr. Jeder hat seinen privaten Umgang mit Christus. Das entspricht nicht mehr einem organismischen Bild, sondern es sind parallele, vertikale Stränge – auch diese entsprechen dem faschistischen Gesellschftsmodell.

Dieses Modell liegt auch der Sozialphilosophie von Johann Hinrich Wichern mit ihren korporationistischen Ideen zugrunde, obwohl auch er später auf das organismische Staatsverständnis in Preussen einschwenkt, das sich im Wesentlichen auf die restaurative Staatsphilosophie von Friedrich Julius Stahl stützt. Zwar stehen auch bei Stahl die einzelnen ›Persönlichkeiten‹ in direktem Bezug zu Gott, aber alles verschmilzt sich zu einer »organischen Einheit« zwischen den Untertanen und einer »obersten Persönlichkeit (Gott-König-Obrigkeit)«15. Der Staat wird an diese oberste Persönlichkeit gebunden. Da aber nur eine Person und nicht der Staatsapparat verehrt werden kann, muss bei Stahl der Staat als Ganzes zur Person werden, zu einem von Gott gefügten Organismus, der auch gesellschaftliche Veränderungen überdauern kann.

Aber auch protestantische Strömungen, bei denen das Gemeinschaftliche im Vordergrund steht und welche das solidarische Element, das in Paulus’ Metapher auch drinsteckt, betonen könnten, wie z.B. Leonhard Ragaz, verwenden das Bild vom Leib und seinen Gliedern nicht. Ragaz’ Bezugspunkt sind nicht die Paulinischen Briefe, sondern die Bergpredigt. Auch in seiner ausführlichen Besprechung des Römerbriefes16 erwähnt er diese Metapher nicht und geht gleich zur Stelle ›seid Untertan der Obrigkeit‹ über, die er als »späteres Einschiebsel abqualifiziert«17. Auch die entsprechende Textstelle im

1. Korintherbrief lässt er unerwähnt. Wie hätte er sie auch nach der harten Klassenwirklichkeit, wie er sie während des Zürcher Generalstreiks selbst erlebt und geschildert hatte18 noch kommentieren wollen, ohne sich als Menenius vor den Plebejern zu fühlen, dem zweiten Strang unserer Betrachtung, dem wir uns jetzt zuwenden wollen.

Die bekannteste Form der Metapher ist wohl diejenige, wie sie uns über Menenius Agrippa überliefert ist. Engels nannte ihn »jenen römischen Schulmeister, dessen Name ich vergessen, seine Fabel vom Magen und den Händen und andere anmutige Tertianererinnerungen«.19 Die ältesten Quellen zu dieser Begebenheit sind Livius und Plutarch. Nach deren Aufzeichnungen rotteten sich die Armen unversehens zusammen. Der Senat erschrak und sandte einige ältere Männer zu ihnen Ihr Sprecher war Menenius Agrippa. Er wandte sich mit dringenden Bitten an die Menge und erzählte zum Schluss jene Fabel, die damals allgemein bekannt war:

Es geschah einmal, dass sich die Glieder des Menschen allesamt gegen den Magen empörten. Er allein, so murrten sie, sitze träge im Leib und trage nichts zum allgemeinen Besten bei, während sie alle beschwerlichen Dienst leisten müssten, um seine Gier zu befriedigen. Da lachte der Magen über ihre Einfalt: Sie wüssten also nicht, dass er zwar sämtliche Nahrung in sich aufnehme, sie aber auch wieder fortleite und an alle verteile? Die gleiche Aufgabe‹, fuhr Agrippa fort, ›erfülle der Senat an euch Bürgern. Was dort zum Wohl des Staates beraten wird, bringt euch allen Vorteil und Nutzen.‹«20

Diese eindeutig parteiische Darstellung des Konflikts fordert geradezu heraus, die ökonomischen Hintergründe näher zu durchleuchten: Das Ereignis fand nach der Überlieferung im Jahre 494 v.u.Z. statt, in einer Zeit also, in welcher in der römischen Gesellschaft eine Art ursprünglicher Akkumulation stattfand. Der römische Staat begann, seine Grenzen zu erweitern, indem er seine Nachbarn überfiel. Das dadurch gewonnene Neuland wurde zum grössten Teil von den Patriziern beschlagnahmt, obwohl die Soldaten fast ausschliesslich Plebejer waren. Noch während etwa hundert Jahren liessen sich diese mit Worten (Fabeln!) und kleineren Zugeständnissen abspeisen und erst 367 v.u.Z. wurde im licinischen Ackergesetz eine Höchstgrenze des Landbesitzes festgelegt, so dass nun auch für die Plebejer Land übrigblieb. (Es ist übrigens interessant, dass eine ähnliche Fabel, in welcher der Kopf seine Wichtigkeit zu begründen hat, aus der 20. ägyptischen Dynastie bekannt ist, ebenfalls einer Umbruchszeit, in welcher untere Schichten zu mehr Macht zu kommen versuchten.)

Eine ähnliche sozialökonomische Lage finden wir an der Schwelle des 17. Jahrhundert in England, genau der Zeit also, in welcher Shakespeare den Coriolanus schrieb, was wir etwas eingehender betrachten wollen. Im Laufe des 16. Jahrhunderts war in England ein grosser Teil des Gemeindelandes privatisiert worden. Ebenso wurde durch die, von der Reformation erzwungene Auflösung der Klöster, deren Landbesitz privatisiert. Durch diese Umwälzung der Besitzverhältnisse entstand die Klasse der reichen Gentry, die sich vorerst noch mit der Krone verbündeten, um die Massen der verarmten und landlosen Bauern niederzuhalten. Vor allem unter Elisabeth I. arbeiteten Krone und Parlament gemeinsam an der Konstruktion des bürgerlichen Nationalstaates. Um diese Umwälzung ideologisch abzustützen, wurden am Hof eigene Schriftsteller und Theaterleute beschäftigt. Einer dieser Hofdichter war Shakespeare. Er verachtete die verarmten Landmassen, was wohl am besten darin zum Ausdruck kommt, wie er sich im 4. Akt von Heinrich VI. über Cade, den Führer der revoltierenden Handwerker und Bauern, lustig macht. Auch im Coriolanus ist seine Position, gerade in der Rede des Menenius Agrippa und den Schmähungen Coriolans gegen die Plebejer klar. Shakespeares Idealtypus finden wir nicht in den revoltierenden Massen, sondern es ist der bürgerliche Held, das bürgerliche Individuum, das sich konsequent bis zuletzt durchsetzt, dessen Tugend darin besteht, das zu sein, was es will. Ein klassisches Beispiel dafür ist sein Coriolan. Aber weil nun dieser Coriolan nur sich selbst sein will und keine Kompromisse zu machen bereit ist, braucht er den Geschichtenerzähler Menenius, der die Aufgabe hat, die einfachen Leute für das Wohl des Staates, d.h. für seine führende Schicht, einzuspannen. Mit der Metapher vom Magen und den Gliedern soll dies geschehen. Menenius entlarvt sich aber selbst, indem er im Anschluss an seine Fabel eine Grenze zwischen Rom (d.h. den Patriziern) und den Plebejern zieht: »Rom und sein Rattenvolk zieht aus zur Schlacht.«21 Dieser Schachzug des Menenius Agrippa, dass er nämlich mit dem Bild des Leibes etwas als Einheit ausgibt, was er für sich selber säuberlich trennt, veranlasste Marx zur Bemerkung: »Agrippa blieb den Beweis schuldig, wie jemand die Glieder eines Mannes mit Nahrung versorgt, indem er den Wanst eines anderen füllt«22.

Das Bild des Organismus war zur Zeit Shakespeares sehr geläufig. So beklagt sich ein gewisser A.B. im Jahre 1586 beim Lordkanzler über die Ernennung von Sir Walter Raleigh zum Verwalter der Zinnminen mit folgenden Worten: »Er ist der best gehasste Mann […] Sein Stolz ist untolerierbar […]; und im Falle eines Krieges wird dieser Kopf ohne einen Leib kämpfen müssen, oder die Glieder werden sich eines solchen Kopfes entledigen.«23 Diese Stelle ist aus zwei Gründen interessant:

Erstens wird bereits in der Formulierung A.B.’s die Parallele zu Coriolan deutlich. Und wirklich wurde Sir Walter Raleigh, ähnlich Coriolan, trotz seiner grossen Verdienste um die Nation 1603, fünf Jahre bevor Shakespeares Coriolanus aufgeführt wurde, zum Tode verurteilt. Zweitens aber wird der Zusammenhang zum Krieg aufgezeigt. Bereits Menenius Agrippa versuchte ja die Plebejer darum mit der Fabel zu beruhigen, weil Rom sie für den Krieg brauchte.

Dieses Moment versuchte Bertolt Brecht in seinen Regieanweisungen zum ersten Akt von Shakespeares Tragödie herauszuarbeiten. Für ihn ist diese Stelle die zentrale Stelle des Stückes, die er folgendermassen inszenierte:

Während Menenius seine Fabel erzählt, treten im Hintergrund die römischen Truppen auf, dem Publikum und allen Aktoren ausser Menenius sichtbar. Damit wollte er die Falschheit und den eigentlichen Zweck der Argumentation Menenius’ deutlich machen. Es ist in diesem Zusammenhange interessant, dass bereits bei Thomas von Aquin das Bild des Leibes und seiner Glieder meist parallel zum Bild der Armee auftaucht: Genau wie im Leib alle Glieder des Körpers gemeinsam für einen einheitlichen Zweck harmonieren, so kämpfen alle Truppenglieder unter zentraler Führung am gemeinsamen Ziel. Bei Brecht, der mit Shakespeares Tragödie die Verlogenheit des römischen – aber gleichzeitig auch des bürgerlichen – Imperialismus aufzeigen wollte, wendet sich das Bild aber auch gegen ihn selbst: In Günter Grass’ deutschem Trauerspiel Die Plebejer proben den Aufstand24 wird dargestellt, wie Brecht, als er im Juni 1953, während des Volksaufstandes in der DDR, seinen Coriolanus probt und eine Arbeiterdelegation im Theater erscheint, um ihn um Unterstützung ihrer Forderungen zu bitten, selbst zum Märchenerzähler wird, der die Arbeiter unter Hinweis auf den sozialistischen Akkumulationsfond mit dem Bild des Leibes und seiner Glieder zu beschwichtigen sucht.25

Bisher wurde das Organismusmodell nur als einseitige Metapher betrachtet, der Vergleich zwischen dem Menschen und dem Staate greift auf aber beide

Seiten: Der Staat ist wie ein Körper mit seinen Gliedern. Das Individuum aber ist ein kleiner Staat und wie im Staate einer regiert, soll im Individuum einer regieren, die Vernunft. Das macht bereits Thomas von Aquin deutlich:

In der Körperwelt werden alle Körper durch den obersten Körper, nämlich den Himmel, nach der Ordnung der göttlichen Vorsehung regiert und alle Körper durch das von der Vernunft geleitete Geschöpf. Aber auch in einem Einzelnen beherrscht die Seele den Leib und unter den Teilen der Seele werden die Gemütsbewegungen und Wünsche vom Verstände gezügelt.26

Da haben wir bereits das ganze Programm der bürgerlichen Erziehung: Triebunterdrückung durch die Vernunft, Realitätsprinzip vor Lustprinzip. Freud braucht zwar unsere Metapher nicht, aber er stellt die Analogie zwischen menschlichem und staatlichem Organismus her:

Unsere Seele, jenes kostbare Instrument, mittels dessen wir uns im Leben behaupten, ist nämlich keine in sich friedlich geschlossene Einheit, sondern eher einem modernen Staate vergleichbar, in dem eine genuss- und zerstörungssüchtige Masse durch die Gewalt einer besonnenen Oberschicht niedergehalten werden muss.27

Während er für das einzelne Individuum in der Entwicklung und Stärkung des Ich gegenüber einem rigiden Überich eine Lösung sieht und in seiner Zeit auch viel zur Lockerung der blinden Triebunterdrückung beigetragen hat, kann er im staatlichen Analogon hingegen keine solche Instanz ausmachen.

Wie wir es auch drehen und wenden, das Organismusmodell wurde meist zur Rechtfertigung einer zentralen, oft göttlichen oder zumindest gottgewollten Macht benützt. Die staatliche Autorität erscheint so als naturgegeben. Wie wird bei Grass die Fabel kommentiert? »Hier hat ein Unsinn Tradition und hält sich frisch, wie Formalin die Leichen.«28 Und sein Brecht zieht die Konsequenz: »dass wir, zum Beispiel, den Shakespeare nicht ändern können, solange wir uns selbst nicht ändern«29.

Diese erstaunliche Kontinuität der Bedeutung der Metapher – und dem damit verbundenen sozialwissenschaftlichen und sozialpolitischen Denken des Organismusmodells – wurde in den letzten Jahren durch ein neues Paradigma abgelöst, in welchem der Teil und das Ganze in einem anderen Verhältnis gesehen wird, der Systemtheorie.

Zuerst wollen wir aber in die Geschichte der gesellschaftlichen Paradigmen eintauchen und dazu gehört an wichtiger Stelle der Pietismus, der die Arbeitsethik des Kapitalismus geprägt hat.

2 Der Pietismus

Es geht, an dieser Stelle nicht darum, die Entstehungsgeschichte des Pietismus und die Gesamtheit seiner religiösen Ideen darzustellen. Ebenso wenig kann es darum gehen die theologischen Unterschiede zwischen dem Pietismus und anderen Strömungen des Protestantismus aufzuzeigen, umso mehr, als es gerade bei den mir wichtigen erzieherischen Elementen oft eine weitgehende Gemeinsamkeit des Pietismus mit den Ideen des gesamten Protestantismus gibt. Im Pietismus werden die mir zentral scheinenden Elemente nur noch mehr gewichtet. So entstand denn der Pietismus auch aus der Unzufriedenheit vieler Laien mit der formalisierten Lehre und der hierarchisierten Institution der Kirche. Der Pietismus kann in diesem Sinne als eine fundamentalistisch-protestantische Bewegung bezeichnet werden, der es darum ging, die ursprünglich von der Reformation angestrebten und bald einmal preisgegebenen Ziele wieder aufzunehmen: Weg von der institutionalisierten Religion und der formalisierten Glaubensausübung. Die Kirche sollte wieder durch das Bekenntnis und die Lebensführung des Einzelnen ersetzt werden. In dieser Konzentrierung auf das Individuum gilt das, was Marx für den Protestantismus ausgeführt hat für den Pietismus ganz besonders:

Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat. Er hat den Menschen von der äußern Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum innern Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz in Ketten gelegt hat.

Aber wenn der Protestantismus nicht die wahre Lösung war, so war er die wahre Stellung der Aufgabe. Es galt nun nicht mehr der Kampf des Laien mit dem Pfaffen außer ihm, es galt den Kampf mit seinem eigenen innern Pfaffen, seiner pfäffischen Natur.30

Die ›Erziehung‹ hat nun die Aufgabe, ›inneren Pfaffen‹ – Freud würde sagen, das ›Überich‹ möglichst dauerhaft im Innern des Menschen zu verankern.

a) Erziehungsprinzipien des Pietismus

Am plakativsten sind die Erziehungsziele des Pietismus wohl in dem berühmten Bild vom ›breiten und schmalen Weg‹ dargestellt. Das Bild fusst auf einer Stelle aus der Bergpredigt:

13Tretet ein durch das enge Tor! Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der in den Untergang führt, Viele gehen diesen Weg. 14Wie eng ist das Tor und wie schmal ist der Weg, der ins Leben führt! Wenige finden ihn.31

Das Bild wurde in seiner Urfassung von Charlotte Reihlen (1805–1868) entworfen und 1867 veröffentlicht. Sie war die Frau eines wohlhabenden Stuttgarter Zuckerfabrikanten. Im Pietismus beheimatet, hatte sie wesentlichen Einfluss u.a. bei der Gründung der Stuttgarter Diakonissenanstalt. Zusammen mit ihrem Mann hat sie verschiedene ›Kinder-Rettungs-Anstalten‹ unterstützt.

Im Vordergrund steht eine Mauer mit zwei Pforten. Die linke Pforte ist weit geöffnet. Rechts sieht man einen engen, niedrigen Durchlass. Zwei Wege führen dahinter durchs ganze Bild nach oben. Der linke Weg ist breit und fast gerade, er steigt sanft an und ist gut belebt. Der Weg rechts ist schmal und steil und hat viele Stufen und Windungen; nur einzelne Menschen sind darauf zu sehen.

Vor der Mauer weist ein Wegweiser in die beiden möglichen Richtungen: auf der einen Seite zu ›Tod und Verdammnis‹, auf der andern zu ›Leben und Seligkeit‹.

Entlang des breiten Wegs, den man mit Ross und Kutsche befahren kann, sind alle Lustbarkeiten der Welt dargestellt, angefangen bei Bacchus und Venus an der Eingangspforte, über das Theater, den Gasthof, den Ballsaal bis hin zur Spielhölle. Der Weg führt dann letztlich hin zu Krieg und Weltuntergang. Es ist zudem interessant, dass das Industriezeitalter im Bilde ausgespart bleibt. Ausser der Eisenbahn, als Symbol der Sonntagsentheiligung, findet man keinen Hinweis auf die moderne Technik. Dies ist nicht zufällig, wird doch vom Fabrikherrn des 19. Jahrhunderts ein Charakter gefordert, der durch den engen Weg geformt wird. Die Produktionssphäre braucht ein asketisches Verhalten.

Der Fabrikarbeiter, der nach zwölf- oder vierzehnstündiger Arbeitszeit seine Pfeife raucht, einen Schnaps trinkt, vielleicht gar in einer Wirtshausgesellschaft, der Lust hat auf einen guten Braten – er soll das schlechte Gewissen entwickeln, soll sich selbst schuld fühlen an seiner miserablen Situation.32

Ein Paradebeispiel dazu ist das Merkblatt das der pietistische Unternehmer Karl Mez zuhanden ›seiner‹ Arbeiterinnen und Arbeiter herausgegeben hat:

Unser Leib ist von Erde und muss wieder zur Erde werden. Für ihn gelten die Gesetze der Natur. Der Leib braucht leibliche Nahrung, und diese muss seiner Natur angemessen sein. Milch, die gesündeste Nahrung, Trank und Speise zugleich. Wasser das beste Getränk. Wein erfreut des Menschen Herz, muss mäßig getrunken werden. Speisen: Körnerfrüchte, Obst, Gemüse, Kleiebrot, Mehlspeisen, Griese, Kartoffeln, Bohnen, Erbsen, Linsen. Reinlichkeit äußerlich und innerlich. Reine Luft und reine Wohnung. Arbeit macht das Leben süß. Bewegung in freier Luft; frühe zu Bett, frühe aufstehen. Kleidung einfach, weite Kleidung gesund. Schuhe gut und warm. Abhärtung des Oberleibs. Pflichtgemäße Anwendung der Zeit. […] Müßigkeit ist aller Laster Anfang. Die Sünde ist der Leute Verderben. Die Unkeuschheit. Die Völlerei. Würfel- und Kartenspiel. Lotterien. Geiz. Stolz. Gottlosigkeit. Gedankenlosigkeit. Unmässiger Fleischgenuss; unser Organismus ist in erster Linie für Pflanzenkost eingerichtet. Tabakgenuss. Biergenuss. Branntweingenuss. Kaffee- und Teegenuss. Scharfe Gewürze und scharfer Essig. Heiss essen und heiss trinken. Wer sich gewöhnt, zu denken und nicht nur ein körperliches, sondern auch ein geistiges Leben zu führen, der wird sich von solchen und anderen Irrtümern freimachen, damit er das Seinige tue, um vor Unglück bewahrt zu bleiben.33

Der Zusammenhang zwischen der systematischen Lebensführung des Pietismus und dem Aufblühen des Kapitalismus wurde von Max Weber eingehend analysiert34 . Ich möchte an dieser Stelle nur ein Beispiel aus der Schweiz anführen, das den Zusammenhang zwischen pietistischer, systematischer Lebensführung und Kapitalismus auf zeigt. In Basel lebte von 17421802 der Seidenbandfabrikant Jakob Sarasin, der mit dem pietistischen Pfarrer Lavater bekannt und 1798 Mitglied der Nationalversammlung war. In einer Schrift zur Preisfrage der Helvetischen Gesellschaft über das beste Erziehungswesen im Jahre 1786 schrieb er:

Ein Müssiggänger in Basel ist das abscheülichste Unding, das je die Natur in ihrem Zorn hervorgebracht hat.

Von Gott und den Menschen muss er verlassen seyn, um bis zu dieser allerunerträglichsten der Unarten herabgesunken zu seyn. Hier wo alle Menschen thätig, alle beschafftigt, alle von der frühesten Jugend bis zum spätesten Alter auf einen bestimmten Zweck hingetrieben sind, kann Local Quelle des Müssiggangs nichts anderes seyn als herabgesunkene Schlafheit bös cultivierter Seelen und Leibes Kräffte, die bloss das Loos einiger Verunglückter werden kann, deren Eltern schon das Brandmahl des Lasters auf sich trugen, oder deren leidenschafftlich unbändiger Garakter (durch lockere Gesellschaft noch herabgewürdigt) durch irgend ein Lieblings Laster sich unter das Vieh (hat) verpflanzen lassen.

Allgemeiner Schauder beym Anblick eines solchen Unwesens ist das Gefühl jedes redlichen Bürgers, und jeder wünscht, dass die Mauern eines Spitals, das von denjenigen, die für unglücklich verarmte Mitbürger erbaut worden, müsste abgesondert seyn, seinen Anblick jedem Auge verbergen könnte.35

Jakob Sarasin hatte neun Kinder, wovon eines, Alexander, bei einem Frankreichaufenthalt im Auftrag des Geschäfts eben diesem Müssiggang verfiel und daraufhin bevormundet und enterbt wurde. Ein anderer Sohn, Felix, hingegen führte das tugendhafte Leben seines Vaters weiter und verhalf den Familienbetrieben zu weiterer Blüte. Er war auch Grossmeister der Freimaurerloge, Basler Staatsrat und Delegierter der Tagsatzung. 1822 schrieb er, auf das vergangene Jahr zurückblickend, in sein Tagebuch:

Meine Lebensart während diesem Jahr ist derjenigen der früheren Jahre gleich geblieben, und die mehrste Zeit habe ich im Zirkel meiner Familie zugebracht.

Den Sommer bin ich immer um 5 Uhr im Winter um 6 Uhr aufgestanden, meine Bouteille frisches Wasser selbst am Brunnen geholt, eine Stunde der Lektur gewidmet, um 7 Uhr gefrühstückt alsdann auf das Contor und dort meine Arbeiten besorgt oder in Rath und andere Sitzungen gegangen. Abends Sommer und Winter, bei gutem und schlechtem Wetter einen Spaziergang. Im Winter um 4 Uhr, im Sommer um 6 oder 7 Uhr. Im Winter habe ich viele Abende auf dem Contor zugebracht.36

Doch zurück zu unserm Bild: Der schmale Weg mit seiner engen Pforte führt vorbei an der gothischen Kirche und schmucken Bürgerhäusern aber auch in eine ursprüngliche Naturlandschaft, Symbole, die wir in den Erziehungsleitlinien des Pietismus immer wieder konkretisiert finden. Wichtigstes Element dieser Erziehung ist es, den Willen (und die Natur) der Kinder zu brechen. Eindrücklich wird dies in den verschiedensten Biographien aus pietistischen Kreisen deutlich. Ausschnitte aus der Biographie von Johannes Kullen sollen dies illustrieren:

Johannes Kullen, 1787 geboren, der aus einer Pietisten-Dynastie [stammte], wird uns als ängstlicher, schüchterner, depressiver Bub vorgestellt. Obwohl im Dorfe aufgewachsen und mit der Landwirtschaft, die sein Vater auch als Schulmeister betreiben musste, vertraut, hat stets Angst vor den Tieren; er wacht als Kind ständig aus Angstträumen auf; sieht er fremde Menschen, ergreift er sofort die Hand von Vater oder Mutter; als er in einem Leichenchor falsch singt, kann er ›den Gedanken fast nicht ertragen, dass er beim Gesang Nichts nütze‹. Sein überaus starkes Bedürfnis nach Anerkennung und Liebeszufuhr macht ihn ›dienstfertig, so dass es ihm Vergnügen machte, wenn ihm allerlei Dienste angewiesen wurden‹ – das geht so weit, dass er eine als ungerecht empfundene Ohrfeige der Mutter als Liebesbeweis interpretiert: ›sie züchtigt mich schärfer als meine Geschwister, weil sie an mir einen wackeren Sohn haben will.‹

Und die elterliche Erziehung? Selbstverständlich, dass es strenge Worte, Schimpfereien, Schläge gibt. Auffallender jedoch sind gewisse Raffinessen in den Erziehungspraktiken des Vaters. Er beobachtet die Buben im Garten heimlich durch die Fensterscheiben und unterbricht das Spiel, ›wenn die Munterheit in Muthwillen ausarten wollte‹. Wenn sie Holzpfeifen schnitzen, schaut er scheinbar geduldig zu – um dann plötzlich die Pfeifen mit einem Messerschnitt zu zerstören (weil die Knaben in ›eine Sache sich leidenschaftlich verlieren wollten‹). Wenn sie mit ihm durch den Wald gehen, nebenbei spielend, ›er aber bemerkte, dass ihre Fröhlichkeit zu weit ging und zur Ausgelassenheit wurde, so dass sie auf ihren Vater nimmer achteten‹, versteckt er sich im Gebüsch, bis sie weinen und schreien vor Angst in dem grossen und fremden Wald. Wenn er dann das Gefühl hat, dass sie merken, ›wie nothwendig sie ihren Vater brauchen‹, kommt er freundlich, als sei nichts gewesen, aus seinem Versteck heraus.

Beim Mähen passiert es Johannes einmal, dass er den Wetzstein nicht in die Kumpf steckt, das Werkzeug fällt auf den Boden und zerbricht. Fortan sagt der Vater gelegentlich vor dem Gang auf die Wiesen: ›ei, wie, Johannes, lass mich auch deinen Wetzstein noch einmal sehen […] ich denke ich sehe ihn doch zum letztenmal. […] Das demüthigte den zartfühlenden Sohn mehr als der strengste Verweis.37

Es ist dabei, wie Horkheimer formuliert

entscheidend, dass die Kinder unter dem Druck des Vaters lernen, jeden Misserfolg nicht bis zu seinen gesellschaftlichen Ursachen zurückzuführen, sondern bei den individuellen stehenzubleiben und diese entweder religiös als Schuld oder naturalistisch als mangelnde Begabung zu hypostasieren. Das in der Familie gebildete schlechte Gewissen fängt unendlich viele Energien auf, die sich sonst gegen die beim eigenen Versagen mitsprechenden gesellschaftlichen Zustände richten könnten.38

Die väterliche Autorität wird mit Berufung auf Paulus gestützt. Der Vater muss als weises Haupt der Familie über sein schwaches Weib, die ungebändigen Kinder und das sittenlose Gesinde regieren. Ihre Autorität können die Väter auch von Gott ableiten und wer sie angreift, versündigt sich auch gegen Gott. Diese Vaterrolle wird dann natürlich auch von den Regierenden auf sich selbst erweitert.

In der Erziehung der Kinder wird davon ausgegangen, dass sie von Natur aus böse sind (sie sind mit der Erbsünde behaftet). Es gilt darum auch die Kinder zu züchtigen. Nicht Mutterliebe, sondern Vaterkraft sollen die Kinder spüren. Der Zürcher Theologe Müller begründet dies um die Mitte des 17. Jahrhunderts:

Was ist dies für eine Liebe? wort und streich an den Kindern sparen darnach aber etwan Zusehen wie sie dem Scharpffrichter zutheil, den grausamen Soldaten zu erbarmen werden und etwan dem leidigen Satan in den rachen kommen.39

Dabei soll nicht unüberlegt gestraft werden, sondern methodisch40. Hochholtzer – ebenfalls ein Theologe aus Zürich – erhoffte sich viel von methodischem Strafen: »hiermit werden sy dann abgeschreckt und in eine forcht gebracht und gedencken allwegen die elteren sähend und wüssind alles was sy thound.«41

Pfarrer Johann Georg Sulzer fasst in seiner Erziehungslehre von 1745 dieses pädagogische Credo zusammen:

Man muss schon in diesem Alter (2 und älter; H.F.) die Kinder lehren ihren Willen dem Willen ihrer Eltern und andern zu unterwerffen. Diese Unterwerffung des eigenen Willens dem Willen anderer ist von dem Gehorsam zu unterscheiden. Sie erstreckt sich nicht nur auf die Befehle, sondern auf das gantze Verhalten der Eltern, welches die Kinder mit vollkommender Zufriedenheit müssen annehmen, ob sie gleich (welches sehr oft geschieht) ihre Neigungen und Absichten zuwieder sind. Dieses ist die allervollkommneste Tugend der Kinder, welche auch bey Alten, wenn sie sich auf die Handlungen und Regierung Gottes beziehen, der höchste Grad der menschlichen Tugend ist.42

Diese Erziehung kann nicht früh genug beginnen. Pfarrer Hafner fordert in Bezug auf das Schreien und Gestilltwerden des Säuglings:

ihr dürft ihm nur in seinen Begirden willfahren und nichts abschlagen, bald wird es alles erzwingen wollen und schreyen, bis es befriedigt ist – dies wächst in ihm auf – es wird ungehorsam und eigensinnig, – und wird ein eigensinniges Kind euch wohl zum Vergnügen seyn?43

Die Kinder müssen abgehärtet werden, indem man sie zweimal täglich wasche, anfänglich mit warmen, nach wenigen Monaten aber mit kaltem Wasser, denn kaltes Wasser sei eine heilsame, nichts kostende Arznei. Auch die Betten dürfen nicht zu warm sein, sonst sind die Kinder in Gefahr, zu einem schrecklich geheimen Laster Reizung zu spühren, dessen Ausübung ihren Leib und ihre Seele verderben würde, und wovor ihr sie also durch eine höchstgeflissene Aufsicht verwahren müsst.44

Die Unterdrückung und Kontrolle der Masturbation wird zu einem zentralen Punkt der pietistisch inspirierten philanthropischen Erziehungsbewegung. An ihr soll einerseits die Brechung des Willens, die Triebunterdrückung, die absolute Kontrolle und die Verinnerlichung der Erziehungsgrundsätze demonstriert werden, andererseits muss Masturbation verhindert werden, da sich damit der oder die einzelne der geforderten Ordnung entziehen und in Phantasieweiten flüchten könnte. Campe geht sogar so weit, die Utopien des ›Pariser Pöbels‹ 1871 auf die schröcklichen Phantasien und Ausschweifungen der Selbstschändung zurückzuführen.

Demgegenüber braucht das einzelne Individuum und die Masse Kontrolle. Nicht umsonst wurde der Erfinder des Panopticons, Jeremy Bentham, zum Ehrenbürger der französischen Revolution ernannt, nicht umsonst hat der Baumeister des französischen Bürgertums, Georges-Eugène Haussmann, Paris mit einem Netz von breiten und geradlinigen Strassen überzogen, um die unkontrollierbaren Winkel des ›Vorstadtpöbels‹ auszumerzen und die militärische Staatsmacht schneller eingreifen lassen zu können.

Diese Verteufelung der Onanie finden wir bis heute in fast der gleichen Form in buchstabengläubigen reformierten Bibelgemeinschaften. Bis heute werden zur Bändigung der sexuellen Lüste verschiedene asketische und auch masochistische Übungen empfohlen. Das bewährteste Heilmittel gegen sündige Gedanken war und ist aber die rastlose Arbeit: »Denn ehrliche Arbeit vertreibt viel böse Gedanken, wann die Sinne etwas zu thun haben so wird das Böse bey denselben nicht so leichtlich Platz finden.«45

Beim Sozialpädagogen Johan Hinrich Wichern wurde die Kontrolle über die Kinder und ihre Arbeit auf die Spitze getrieben. In seinen Erziehungshäusern wurde über die tägliche Arbeit eines jeden Kindes Buch geführt, damit den Faulen ihre Unart vorgeführt werden könne. Die erzieherische Wirkung erhoffte man sich durch den Akt der Gewöhnung an Arbeit, wobei Arbeit mit Tätigsein, gleichgesetzt wurde, so wie Müssiggang mit Nichtstun gleichgesetzt wurde.

Die Methode zur Gewöhnung des Körpers an Arbeit wurde in der Regel ergänzt durch körperliche Züchtigung.

An dieser Stelle ist es an der Zeit kurz auf das pietistische und allgemein protestantische Arbeitsethos und seine Wurzeln einzugehen. Luther und mit ihm auch Calvin und Zwingli, knüpfen ihren Arbeitsbegriff bei Paulus an, der seinerseits die griechische und jüdische Tradition verknüpft. Bei den Griechen existierten zwei Arten der Arbeit, die gesellschaftlich anerkannte der Bauern, deren Arbeit als Gottesdienst an der Fruchtbarkeitsgöttin angesehen wurde und die Arbeit der Handwerker, die verachtet wurde: Die Seele der Handwerker verkümmert, weil sie stets im Schatten ihres Hauses sitzen und ihre Körper verweichlichen, weil sie sich stets neben dem warmen Feuer aufhalten. Ihre Tätigkeit ist rein instrumentell ausgerichtet, ja sie werden selbst zu Instrumenten der Verbraucher ihrer Produkte. All diese Arbeiten wurden zunehmend von Sklaven und Metöken ausgeführt. Handwerkliche Arbeit wurde zu Knechtschaft und zu Zwang.

Diese beiden Momente des griechischen Arbeitsbegriffs, Arbeit als Ritual und Arbeit als Knechtschaft, verbanden sich nun in den Paulinischen Briefen mit der jüdischen Überlieferung der Arbeit als Strafe, wie sie seit der Vertreibung aus dem Paradies als Fluch über der Menschheit lastet.46

Diese Verbindung formt Paulus vor allem im 2. Brief an die Thessalonicher aus, in seiner Warnung vor dem Müssiggang, der Gott nicht gefällig ist. Er ermahnt diejenigen, die unordentlich wandeln und nichts arbeiten, sie sollten »in Ruhe arbeiten und ihr eigenes Brot essen«47

Solche und ähnliche Formulierungen sind es, die von Luther und Calvin aufgenommen wurden und die die protestantische Berufsethik geprägt haben, ja zum Teil noch heute prägen. Ich gehe hier nur darum so ausführlich auf dieses Gedankengut ein, weil es über die pietistischen Modelle der Sozialpädagogik eines Francke und Wichern bis heute in der Heimerziehung seine Auswirkungen hat.

Luther selbst knüpfte genau an die Formulierungen des Paulus an, wenn er die Menschen auffordert:

nicht müssig gehen, da muss fürwahr der Leib mit Fasten, Wachen, Arbeiten und mit aller mässiger Zucht getrieben und geübt seyn, dass er dem innerlichen Menschen und dem Glauben und Gehorsam gleichförmig werde, nicht hindere noch widerstrebe.48

Dabei ist es egal, welche Arbeit einer leistet, denn »die Werke aber sind todte Dinge, können Gott nicht ehren noch loben «49

Der Gläubige kann sich also nicht durch gute Werke Gnade erarbeiten, sondern durch das Arbeiten an sich. Ja das Vollbringen guter Werke, wird im Pietismus als ›Werkeln‹ bezeichnet, und als Renomiersucht verurteilt. Die Arbeit muss nicht um der Anerkennung willen getan werden, sondern sie ist ein Mittel, um dem ›inneren Menschen‹ die Herrschaft über den ›äusseren Menschen‹ zu sichern. In diesem Sinne hat auch in den pietistischen ›Rettungsanstalten‹ Wicherns, z.B. im ›Rauhen Hause‹, die Arbeit als rastloses Tun die Zöglinge vor dem Müssiggang zu bewahren und die Aufgabe den Charakter zu bilden, durch die »nach festen technischen Regeln geordnete Übung des Willens und der Hand«.50

Dabei ist Bildungsfunktion rein instrumentell und trägt nicht etwa zur Selbstverwirklichung bei, wie z.B. beim marxistischen Arbeitsbegriff. Die Werke werden von der Person getrennt. Die Person erfüllt sich nicht in den Werken, sondern sie muss den Werken vorangehen: »Also, dass allewege die Person zuvor muss gut und fromm seyn vor allen guten Werken.«51

Im Anschluss an Math. 7.17ff52 entwickelte Luther weiter den Gedanken, dass wer im Glauben an Gott seine Arbeit verrichte, auch im Beruf Erfolg haben werde. Er ging dabei nicht soweit wie Calvin, der postulierte, dass sich gerade in dem beruflichen Erfolg erweise, ob einer auserwählt sei oder nicht. So konnte sich der Einzelne vor sich selbst (und den andern) seines Gnadenstandes versichern, wenn er durch asketische und methodische Lebensführung zu Gottes Ruhm arbeitend seine Reichtümer vermehrte.

Doch auch wenn der Fromme abends erschöpft in den Schlaf versinkt, hat er keine Ruhe, denn selbst im Traum kann der Teufel die sündigen Gedanken wecken.

Die Pfarrherren empfehlen den Gläubigen deshalb, über solche sündigen Eingebungen zu erschrecken und sich selber ›ein grawen‹ zu machen; außerdem sollen sie vor dem Einschlafen Gott bitten, sie vor solchen Prüfungen zu bewahren.53

Als Fazit kann gesagt werden: was in der pietistischen Erziehung ausgebildet wird, ist der bürgerliche Charakter, ein Mensch der sich willig den Autoritäten unterwirft – sei es dem Vater, dem Herrscher, dem Unternehmer, dem Offizier oder Gott.

3 Der ›autoritäre Charakter‹

Ende der 40er-Jahre hat eine Forschergruppe um Theodor W. Adorno in den USA eine umfassende Studie durchgeführt, die 1950 unter dem Titel The Authoritarian Personality54 erschienen ist. Das Forschungsziel formulierten sie folgendermassen:

Im Mittelpunkt unseres Interesses stand das potentiell faschistische Individuum, dessen Struktur es besonders empfänglich für antidemokratische Propaganda macht. Wir sagen ›potentiell‹, denn wir haben uns nicht mit Personen befaßt, die erklärtermassen Faschisten waren oder bekannten faschistischen Organisationen angehörten. […]

Wenn es ein potentiell faschistisches Individuum gibt, wie sieht es, genau betrachtet aus? Wie kommt antidemokratisches Denken zustande? Welche Kräfte im Individuum sind es, die sein Denken strukturieren? Wenn es solche Individuen gibt, sind sie in unserer Gesellschaft weit verbreitet? Und welches sind ihre Determinanten, wie der Gang ihrer Entwicklung.55

Für die Untersuchung wurde ein umfangreicher Fragebogen entwickelt, mit welchem einige hundert Versuchspersonen befragt wurden. Die Ergebnisse der Untersuchung entsprechen leider nicht den grossen Erwartungen, die in der Einleitung geschürt wurden; sie sind auch nirgends übersichtlich zusammengefasst. Und auch andere Punkte gäbe es zu bemängeln. Meiner Ansicht nach nimmt die Darstellung der Untersuchungsmethoden, die wohl wissenschaftstheoretisch von Bedeutung sind, einen zu grossen Raum ein; ebenso die ausführlichen Kommentare zur Gestaltung des Fragebogens. Von der Zusammensetzung des Forschungsteams her, und auch wegen der Tatsache, dass die Studie kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den antijüdischen Gräueltaten der Nationalsozialisten gemacht wurde, ist es nachvollziehbar, dass der Faschismus und Antidemokratismus mit Antisemitismus gleichgesetzt wird. Aber es gibt ja auch faschistische und antidemokratische Strömungen, die nicht antisemitisch sind.

In der einleitenden Zusammenfassung wird rein sachlich festgestellt:

Die Autoren dieser Studie sind der Überzeugung, daß es eine Sache des Volkes ist, zu entscheiden, ob dieses Land zum Faschismus übergeht oder nicht.56

Doch zurück zum ›autoritären Charakter‹. Dazu ziehen wir eine frühere Untersuchung der ›Frankfurter Instituts für Sozialforschung‹ zu Rate, die Studie über Autorität und Familie57 eines Teams um Max Horkheimer, Erich Fromm und Herbert Marcuse.

Was verstehen die Autoren unter Autorität? Die Aussage dazu ist vorerst etwas unscharf:

Eine allgemeine Definition der Autorität wäre notwendig äusserst leer, wie alle Begriffsbestimmungen, welche einzelne Momente des gesellschaftlichen Lebens in einer die ganze Geschichte umfassenden Weise festzulegen versuchen. Mag eine solche Definition mehr oder minder geschickt getroffen sein, sie bleibt so lange nicht bloss abstrakt, sondern schief und unwahr, bis sie zu allen übrigen Bestimmungen der Gesellschaft in Verhältnis gesetzt ist.58

Horkheimer betont aber nicht nur die Schwierigkeit ›Autorität‹ überhaupt zu definieren, sondern er hebt auch deren ambivalenten Aspekte hervor:

Wenn wir vorläufig als autoritär jene inneren und äusseren Handlungsweisen ansehen, in denen sich die Menschen einer fremden Instanz unterwerfen, so springt sogleich der widerspruchsvolle Charakter dieser Kategorie on die Augen. Das autoritäre Handeln kann im wirklichen und bewussten Interesse von Individuen und Gruppen liegen. Die Bürgerschaft einer antiken Stadt in der Verteidigung gegen den Angriff fremder Eroberer, ja jede planvoll vorgehende Gemeinschaft handelt autoritär, insofern die Individuen nicht in jedem Augenblick wieder ein eigenes Urteil fällen, sondern sich auf einen übergeordneten Gedanken verlassen, der freilich unter ihrer Mitwirkung zustande gekommen sein mag. […]

Autorität als bejahte Abhängigkeit kann daher sowohl fortschrittliche, den Interessen der Beteiligten entsprechende, der Entfaltung günstige Verhältnisse bedeuten als einen Inbegriff künstlich aufrecht erhaltener, längst unwahr gewordener gesellschaftlicher Beziehungen und Vorstellungen, die den wirklichen Interessen der Allgemeinheit zuwiderlaufen. Sowohl blinde und sklavische Ergebung, die subjektiv von seelischer Trägheit und Unfähigkeit zum eigenen Entschluss herrührt und objektiv zur Fortdauer beengender und unwürdiger Zustände beiträgt, als auch die bewusste Arbeitsdisziplin in einer aufblühenden Gesellschaft beruht auf Autorität. Und doch unterscheiden sich beide Weisen des Daseins wie Schlaf und Wachen, wie Gefangenschaft und Freiheit.59

Was im ersten Moment erstaunt, aber eigentlich naheliegend ist, ist Horkheimers Ansicht, dass die Autorität ein Produkt der kapitalistischen Wirtschaftsstruktur ist. Ich stimme dem zu, sehe es aber etwas dialektischer, denn der Kapitalismus ist seinerseits auch ein Produkt einer autoritären Gesellschaftsstruktur.

Die komplizierte Struktur der Autorität hatte im Liberalismus ihre Blütezeit. Aber auch in der Periode des totalitären Staats bildet sie einen Schlüssel zum Verständnis menschlicher Reaktionsweisen. Die Abhängigkeitsverhältnisse in der Wirtschaft, die für das gesellschaftliche Leben grundlegend sind, mögen gedanklich noch so sehr vom Staate hergeleitet werden; dass dieser von den Massen der Bevölkerung absolut bejaht wird, ist nur möglich, soweit jene für sie noch nicht wahrhaft zum Problem geworden sind. […] Die politische Führerschaft ist wirksam, weil grosse Massen bewusst und unbewusst ihre wirtschaftliche Abhängigkeit als notwendig anerkennen oder wenigstens nicht ganz begreifen, und dieser Zustand wird durch das politische Verhältnis rückwirkend befestigt.60

Und auch diese Unterwerfung unter die Autorität in einem totalitären System ist dialektisch. So benutzten die Nationalsozialisten den Glauben der Massen an die Notwendigkeit, sich der Autorität des Wirtschafts- und Arbeitsprozesses widerstandslos zu beugen, zur Übertragung dieses Glaubens auf das Verhältnis von Partei und Bürger, bzw. von Führer und Volk. Als Dank dafür bekamen sie die volle finanzielle Unterstützung der Grossindustriellen wie Krupp, Höchst, Bayer usw.

Aber auch in einem demokratisch verfassten Staat wie der Schweiz, gelingt es den Herrschenden immer wieder, das Volk dazu zu bringen, in Wahlen und Abstimmungen gegen seine eigenen Interessen zu stimmen. Dazu benützen diese die Lüge des notwendigen Wachstums der Wirtschaft als Hebel zum Erreichen ihrer Ziele, wofür ihnen die Wirtschaftsführer dankbar sind und sie durch Spenden im Wahlkampf unterstützen.

Die Verinnerlichung der autoritären Verhältnisse in der Wirtschaft und die Furcht vor den Konsequenzen eines widerständigen Verhaltens allein kann aber nicht genügen, die Bürger im Schach zu halten.

Eine Fügsamkeit, die nur auf der Angst vor realen Zwangsmitteln beruhte, würde einen Apparat erfordern, dessen Grösse auf die Dauer zu kostspielig wäre (die Nationalsozialisten hatten leider mit der SA und SS solch einen Apparat; HF); sie würde die Qualität der Arbeitsleistung der nur aus äusserer Furcht Gehorchenden in einer Weise lähmen, die für die Produktion in der modernen Gesellschaft zumindest unerträglich ist, und sie würde ausserdem eine Labilität und Unruhe der gesellschaftlichen Verhältnisse schaffen, die ebenfalls mit den Anforderungen der Produktion auf die Dauer unvereinbar wäre.61

Damit sind wir, typisch für Fromm, beim Über-Ich angelangt, welches die äussere Autorität durch die innere ergänzt. Dieses Über-Ich wird hauptsächlich bereits als Kind oder Jugendlichem in der Familie ausgebildet.

Die Familie besorgt, als eine der wichtigsten erzieherischen Mächte, die Reproduktion der menschlichen Charaktere, wie sie das gesellschaftliche Leben erfordert, und gibt ihnen zum grossen Teil die unerlässliche Fähigkeit zu dem besonders gearteten autoritären Verhalten, von dem der Bestand der bürgerlichen Ordnung in hohem Masse abhängt.62

Dabei wird ein Punkt besonders wichtig, den ich bisher nicht erwähnt habe: der ›autoritäre Charakter‹ eines Individuum ist ein zweischneidiges Schwert. Das autoritäre Individuum ist eben nicht ausschliesslich gegen oben unterwürfig; nein, wenn es ihm seine hierarchische Stellung erlaubt, wird es gegen unten genau so autoritär und gewalttätig. Dieses Phänomen wird oft mit dem Bild des Fahrradfahrers beschrieben: er buckelt gegen oben und tritt gegen unten. Und so verhält sich den der Vater in der Familie. Während er im Betrieb kuscht, spielt er zuhause seine Macht aus. Dieses autoritäre Verhalten ist über Generationen so tief in seiner Psyche verwurzelt, dass selbst ein Gewerkschaftsführer, der im Betrieb mutig Widerstand gegen ungerechte Arbeitsverhältnisse leistet, dieses Bewusstsein nicht in seine Wohnstube retten und in der Familie zum Tyrannen werden kann.