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Am 20. November 2015 hörte das Herz meines lieben Vaters, während eines Mittagschlafes, für immer auf zu schlagen. Es war ein Schock für die ganze Familie, vor allem für meine Mama, Papas "Renatchen". Ihm ein gutes Andenken zu hinterlassen, war meiner Mutter und mir ein großes Anliegen und so haben wir Papas Nachlass geordnet und sind dabei auf das Skript für dieses Buch gestoßen. Es beinhaltet die Lebensgeschichte von Klaus-Dieter Braun, einem Mann mit Charakter, Prinzipien, Werten und Liebe für seine Familie. In seiner ersten Lebenshälfte widmete er sein ganzes Engagement dem Einsatz bei den Grenztruppen der DDR. "Unsere Kinder sollen in Frieden leben", war seine Motivation. Mit dem Untergang der DDR setzte er als jüngster Oberst des Landes unter sein erstes Leben konsequent einen Schlussstrich – jedoch nicht unter seine Überzeugungen. In der Mitte seines Lebens fing mein Vater noch einmal ganz von vorne an. Er qualifizierte sich in neuen Berufen und lernte aber auch die Härte des kapitalistischen Systems kennen. Zu jener Zeit begann er auch mit den Aufzeichnungen zu diesem Buch. Er interessierte sich immer für die Geschichte hinter der Geschichte und sah die Welt realistischer. Viele Dinge, die mein Vater bereits vor Jahren politisch und in der sich entwickelnden Weltordnung erkannt hat, sind Stück für Stück eingetroffen. Mit der Zusammenfassung seiner Gedanken in Form eines Buches setzen wir Klaus-Dieter Braun ein ewiges Vermächtnis. Darauf und auf seine Person bin ich sehr stolz. Tilo Braun-Wangrin
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Seitenzahl: 540
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Klaus-Dieter Braun:
GESAMMELTES
SCHWEIGEN
„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann.“
Bearbeitungsanzeige
12.01.1992 bis 25.04.09, fortgesetzt im März 2011, teilweise unvollendet 2015. Strukturell & grafisch aufgearbeitet durch Tilo Braun-Wangrin im Winter 2018.
Zielstellung
(10) Leben in der Ausgrenzung nach 1990 - so sehe ich die Welt.
L E B E N
Gliederung nach zeitlichen Abschnitten:
Febr.1947 - Jan.1953 I. Leben
Febr.1953 - Nov.1966
Nov. 1966 - Apr.1966
Apr. 1967 - Aug.1967
Sept.1967 - Aug.1970
Sept.1970 - Okt.1973
Okt. 1973 - Aug. 1974
Sept.1974 - Aug. 1977
Sept.1977 - Jan. 1978
Febr.1978 - Okt. 1980
Okt. 1980 - Jun. 1986
Juli 1986 - Nov. 1987
Dez. 1987 - Dez. 1989 II. Leben
Jan. 1990 - Nov. 2015 III. Leben
Wenn ich die Ereignisse der heutigen Welt und die Geschichtsverdrehungen dieser Zeit betrachte, wechseln Gefühle wie Staunen, Ohnmacht, Wut, Verzweiflung und auch aufkeimende Aggressivität einander ab und ich komme mir vor, als wäre ich die ersten 43 Jahre meines Lebens blind, taub und vor mich hin dümpelnd durch eine Mini-Welt gezogen.
Solange das Problem unserer Zeit, der Zeit nach der Annexion der DDR, nämlich die Umdeutung der Geschichte des deutschen Volkes und unserer Heimat, nicht gelöst sind, solange die Herrschenden und ihre Vasallen die Geschichtsdaten der DDR dem Erstickungstod überantworten, damit hier Unwissenheit über die guten Taten unserer Mütter und Väter herrschen sollen, werden Erinnerungen von Zeitzeugen nicht überflüssig sein.
Ich will kein Heldenepos schreiben, wie es heute oft geschieht (die Gesetzesbrecher innerhalb und außerhalb der DDR sind heute sowieso die Helden), ich will auch keinen meiner Mitmenschen und Soldaten zum Helden machen. Sie alle waren (und sind es immer noch) Menschen, wie du und ich, mit all ihren Stärken und Schwächen, ihren Ängsten, ihren Sorgen und all ihren Fehlern. Ich will hier Situationen schildern, wie ich sie erleben durfte, Menschen darstellen, wie ich sie in all den Jahren kennenlernte, wie sie lebten, handelten und dachten. Die folgenden Seiten sollen ein Dank sein, an die Familie, an die Freunde, Genossen und Kameraden, die mit mir kämpften und die, wie ich darunter zu leiden hatten, dass alles umsonst gewesen sein soll. Die Aufzeichnungen wurden in einer Zeitspanne von über fünfzehn Jahren gemacht und eine noch größere Zeitspanne liegt zwischen Geschehenem und dem Datum des Erinnerns. Viele Eindrücke waren jedoch so nachhaltig, dass sie noch so lebendig in mir sind, als wäre alles erst gestern geschehen.
Für diese Aufzeichnungen gibt es Ursachen und Gründe. Nach dem die DDR von der Weltbühne verschwand, soll nach dem Willen derer, die in unserer Heimat die Macht übernahmen, auch unsere Geschichte verschwinden, aber die DDR-Geschichte ist deutsche Geschichte und als deutsche Geschichte ein Teil der europäischen Geschichte und, ohne Übertreibung, sogar ein Teil der Weltgeschichte. Der Osten Deutschlands büßte lange und schwer für die Kriegsschuld des deutschen Imperialismus, der Himmlers und Goebbels, Krupps und Abts, des Hitler und seiner Generale. Dennoch leistete die DDR viel an echter Versöhnung mit seinen östlichen Nachbarn. Nur die neue, alte deutsche Elite, welche sich die DDR einverleibte, sieht das anders.
Viele der drittklassigen Glücksritter aus Trizonesien, den gebrauchten Bundesländern, die sich anschicken heute Ostelbien - auch NEU-FÜNF-LAND oder neue Bundesländer genannt, zu erobern, kannten dieses Land und seine Menschen nicht. Nicht einmal aus dem Fernsehen. Und so betrachteten sie die Menschen ostwärts von Elbe und Werra, wie von ihren Volksverdummern gewollt, als dämliche, faule, verproletarisierte und stets jammernde Masse, die man mittels Bananen von Pontius nach Pilatus locken kann. Die Funktionäre aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft galten als ungebildete "Russenknechte" oder deren willenlose Werkzeuge. Sie, die nachträglichen Eroberer, wollen glauben machen, hier seien die Uhren 1949 angehalten worden.
Ob in Funk oder Fernsehen, in Zeitungen oder Büchern, in Kindertagesstätten oder in Schulen, erklärt man uns nun, wie wir gelebt haben, seit 1945, wo jeder seine Schuld zu suchen und zu finden hat und wie dankbar man den Eroberern von 1990 zu sein hat.
Die Menschen dieses Landes, die ehrlichen Herzens Verantwortung trugen, fragt niemand nach ihren Lebenserfahrungen, die sich im Bewusstsein eingebrannt haben. Und wenn diese einmal sterben, dann verbrennt eine innere "Bibliothek", eine innere "Festplatte". Dann ist es zu spät, diese Erlebnisse abzurufen und zu verarbeiten. Dabei ist es so einfach, miteinander über diese Zeit zu reden, solange es Zeitzeugen gibt. Zum Zeitzeugen gehört Glaubwürdigkeit, nur welcher Sieger glaubt einem Unterlegenen? Will ihm glauben? Aus diesem Grund werden die Menschen in Täter und Opfer eingeteilt. Wer aber will einem Täter glauben? Täter sind keine Zeitzeugen, sagt man. Zwar ist ein Zeitzeuge gerade durch die Subjektivität seiner Erinnerungen wertvoll, aber nur dann, wenn seine Wahrhaftigkeit der der Sieger entspricht. Er sollte auch eine der Quellen der Geschichtsschreibung sein, aber er muss ein Mindestmaß an Vertrauenswürdigkeit derer besitzen, die uns, ohne es selbst erlebt zu haben, erklären wollen wie wir gelebt haben. Ernannte und gebranntmarkte "Täter", vom "Thron gestoßene DDR-Eliten" und "ehemals autoritäre Gestalten" werden zwar als illustere Exempel der neuen deutschen Geschichte gebraucht, aber als Zeitzeugen nicht benötigt. Weil man dem heutigem "Qualitätsmaßstab" oder Geschichtsschema nicht genügt, reicht die Zeitgenossenschaft (das eigene Erleben und Fühlen) den Siegern nicht aus. Es ist einfacher die STASI-KEULE zu schwingen und dabei den BESSERWISSER zu spielen und alle Fakten aus dem Zusammenhang zu reißen, als zuhören zu können und sich einander zu akzeptieren. Die Meinungsmacher von heute tun so, als habe unser kleines Land auf einer paradiesischen Insel existiert, umgeben von selbstlos helfenden Freunden und Verwandten, und nur durch die “miefigsten und verklemmtesten Parteibonzen aller Zeiten“ und deren Planwirtschaft, seien Reichtum und Überfluss systematisch minimiert und wenn nicht, durch diese verprasst, der Rest für Mauer und Staatssicherheit ausgegeben worden. Weg mit dem Zynismus, zurück zur Realität. Vor Allem sollte man sich vor Augen führen, dass der größte Teil dieser Aufzeichnungen nur im Kontext mit der Geschichte des Kalten Krieges verstanden werden kann. Mit der Geschichtsschreibung der Sieger von 1989 (siehe oben) haben sie wenig gemein. Für diese ist es ja einfacher Akten zu lesen, Fakten zu verbiegen, frühere Entscheidungen heute mediengerecht zu interpretieren, gute Dinge zu verschweigen und Unzulänglichkeiten sowie Einzelschicksale extrem über zu bewerten. Dieses, unser kleines Land war kein reiches Land, doch das Beste, was unsere Eltern mit Wissen und Können, mit eisernen Willen und Schöpferkraft unter den vorhandenen, widrigen Bedingungen schufen. Sie taten das mit ihrer eigenen Hände Arbeit, aus den Trümmern, die der deutsche Faschismus (und seine, später in Westdeutschland lebenden Eliten) hinterließen und gegen den Willen der westlichen Welt. Es sollte der bessere, ausbeutungsfreie und friedliche Teil Deutschland werden.
Nachweis für die Auszeichnung „Aktivist“
Deckblatt für den Nachweis der Auszeichnung “Aktivist“
Eintragung über die Verleihung der Auszeichnung in der Innenseite, hier: 1952-54
Der verfluchte faschistische Raubkrieg, an dem viele Deutsche nicht ganz schuldlos waren, zerstörte dem Volk fast alles, aber aus dem Rest, der nach Ableistung der Reparationen für ganz Deutschland verblieb, entstand ein Land, welches mehr als 16 Millionen Menschen eine Heimat bot, welches der westdeutschen Hallstein-Doktrin zum Trotz 134 mal international anerkannt war, welches über 40 Jahre half, Frieden zu erhalten und den Ärmsten dieser Welt solidarische Hilfe zuteil werden ließ. Es bot seinen Menschen einen bescheidenen Wohlstand, soziale Gerechtigkeit und nicht zuletzt Sicherheit. Das war auch Inhalt meiner Sehnsucht und mein Lebensziel und ist auch heute noch meine Position. Deshalb schreibe ich diese Worte und wünsche mir, dass diese jene Menschen verstehen, von denen wir (Renatchen und ich) abstammen und die, die von uns abstammen: Unsere Familie.
Ich war Soldat in der Zeit, in der versucht wurde einen Sozialismus zu errichten und drüber bin ich stolz, auch wenn sich andere dafür heute schämen (oder nach Ansicht der heute Herrschenden schämen sollen).
Eines ist sicher, in der Zeit von 1945 bis 1989 wurden auch Fehler gemacht, wie das so ist, wenn etwas Neues entstehen soll. Es waren aber nicht immer verzeihliche Fehler, denn diese führten schließlich in den Untergang.
„Warum habt ihr als Soldaten stillgehalten, als die DDR zu Grunde ging“, wurde ich oft gefragt. „Ich war in der Nationalen Volksarmee“, antworte ich, und setze fort: „Einer Volksarmee, der das Volk wegläuft hat ihre Legitimation verloren! Sie war ausschließlich dazu bestimmt, das Land vor äußeren Feinden zu schützen, einen Krieg zu verhindern und nicht einen Krieg gegen das eigene Volk zu führen.“
„Wir haben unsere Aufgaben bis zum letzten Tag der DDR, gemäß unserem Fahneneid, erfüllt. Für den Untergang dieses Staates haben sich andere, die sich für klüger, für besser und für unfehlbar hielten, vor dem Volk und vor der Geschichte zu verantworten, nicht aber vor den neuen Machthabern, denen 16 Millionen Menschen mit ihrem Wissen und Können und das gesamte Eigentum der DDR, sowie ein nicht erschlossener Markt in den Schoß fielen.“ In den gebrauchten Bundesländern klagt man über die Milliarden der guten harten DM, die wir ihnen kosteten und weiter kosten werden, dass man es kaum noch anhören kann und sich wirklich schon selbst als Nutznießer sieht.
Über den Gewinn, den sie mit uns und dem, ehemals volkseigenem Gut machen, werden sie schweigen und sich heimlich ins Fäustchen lachen.
Die 100 DM Begrüßungsgeld pro DDR-Nase, als Investition, haben sich für das westdeutsche Kapital, für Abwickler und Treuhänder, sowie sonstige kriminelle Einheitsgewinner millionenfach ausgezahlt.
Das Empfangsdatum für das sogenannte Begrüßungsgeld aber war für die Menschen der DDR das Eintrittsdatum für eine neue, schlimme Zeit gewesen.
Beendet wird die Vereinigung sein, wenn der letzte Ostdeutsche aus einer Führungsfunktion entfernt und der letzte Ostdeutsche aus dem Grundbuch getilgt worden ist (Wendehälse und Verräter ausgenommen). Wer sich dagegen stemmt, wird physisch, psychisch und materiell vernichtet werden. Die Demokratie wird nur für solche demokratisch sein, die es sich materiell leisten können. Recht wird nur der bekommen, der einen guten Anwalt bezahlen kann und einen langen Atem hat, sich durch die Instanzen zu klagen. Recht haben und Recht bekommen sind zwei grundverschieden Seiten einer Medaille in diesem Land.
Jetzt, wo der Kalte Krieg zugunsten des Westens entschieden ist, können die Monopole hemmungslos und ohne Rücksichten ihre Ziele grenzenlos (global) durchsetzen. Rechte und Privilegien, die sich die arbeitenden Menschen der Völker der westlichen Welt in Jahre dauernden Kämpfen erstritten haben, werden in aller Stille begraben werden.
Auch heiße Kriege werden keine Tabuzone mehr sein, denn die Schwelle der Gewalt wird international stetig sinken, wie es der Nah-Ost-Krieg und die Vernichtung der Kurden durch den Nato-Staat Türkei zeigen und künftige Kriegsschauplätze belegen werden. Die Objektivität und Wahrheit werden die ersten Opfer sein. Die Massen des Westens werden nach dem Prinzipien der psychologischen Kriegsführung - die bisher nach Osten gerichtet waren - beeinflusst und gefügig gemacht werden (gemäß der Handlungsmaxime des kalten Krieges). Der Maximalprofit der nationalen und internationalen Monopole sowie deren Aktionäre, die Privilegien der Politikerkaste und der Söhne und Enkel der alten Eliten werden die alles bestimmenden Handlungsprinzipien sein. Die Werktätigen werden ärmer und die Reichen immer reicher werden. Man kann die Millionäre kaum noch zählen, sondern sich nur der immer größeren Anzahl von Milliardären erinnern.
Wer es heute noch nicht glaubt, wird es schon noch begreifen. Wir werden sehen.
Eingedenk dessen, dass die Momente des Erlebens nie oder selten Momente des Verstehens sind, möchte ich diese Erinnerungen nicht nachträglich ausstatten mit logischen Begründungen, Berechenbarkeiten und der Unausweichlichkeit Fehler zu beschönigen und meine ehemaligen Genossen verdammen, wie es der Zeitgeist der heute Mächtigen verlangt.
Diese, meine Zeilen erheben auch nicht den Anspruch auf die absolute Wahrheit, wie wir sie bisher kannten. Es sind Erinnerungen eines Menschen, einer Familie, teils Legenden, die nicht ein Merk- und Denkzettel für hunderttausende andere Menschen sein können oder sollen.
Frühere Aufzeichnungen sind nicht vorhanden. Militärische Daten durften für private Zwecke nicht aufgezeichnet werden und bei den Wertungen wurden die verwendet, die in der beschriebenen Zeit zu den jeweiligen Entschlüssen und Entscheidungen führten.
Im Osten nichts Neues? Oh doch, es entstand eine andere, eine neue Welt, eine kleine Insel - die Sowjetische Besatzungszone, ab 1949 die Deutsche Demokratische Republik. Es war der Versuch einer Alternative zum kapitalistischen Deutschland, von dem im 20. Jahrhundert zwei furchtbare Kriege ausgingen.
Das alte, faschistische Deutsche Reich ist vernichtet. Das neue Deutschland wird entstehen:
14.25 Uhr, am 30. April 1945, hissen zwei Sowjetsoldaten das rote Siegesbanner über den deutschen Reichstag in Berlin. Die 8. Gardearmee des Generalobersten Tschuikow vernichtet die letzten Widerstandsnester der faschistischen Truppen.
8. Mai 1945 unterzeichnet Feldmarschall Keitel mit weiteren Generalen des faschistischen Oberkommandos im Stab der sowjetischen Truppen in Berlin - Karlshorst die bedingungslose Kapitulation Deutschlands gegenüber der Sowjetunion, deren Vertreter u.a. Marschall Schukow war.
Ende Juni beginnt man in den Städten und Dörfern Ostdeutschlands mit der Bildung antifaschistischer Jugendausschüsse, in denen demokratisch denkende junge Menschen aller politischen Richtungen und Weltanschauungen zusammenarbeiten.
Am 14. Juli 1945 schließen sich die vier Parteien Ostdeutschlands (SPD, KPD, CDU, LDPD) zum antifaschistisch - demokratischen Block zusammen.
Am 2. August 1945 unterzeichnen die Regierungschefs der UdSSR, der USA und Englands das Potsdamer Abkommen, welches später nur von der UdSSR eingehalten wird.
Im September des gleichen Jahres beginnt die demokratische Bodenreform. 22 Millionen Hektar Land werden den, großteils an der Machtausübung im faschistischen Deutschland beteiligten, Großgrundbesitzern und Junkern genommen und an arme Landarbeiter, Kleinbauern und vor allem an Umsiedler vergeben.
Der 7. März 1945 wird zum Gründungstag der FDJ, die als einheitliche antifaschistische - demokratische Massenorganisation die Interessen der jungen Generation vertritt.
FDJ-Mitgliedskarte aus diesen Tagen
Am 21./22. April 1946 schließen sich 605.000 SPD-Mitglieder und 600.000 Kommunisten zur SED zusammen, die dann später von den Kommunisten dominiert wird. (Westliche "SPD-Genossen", Schumacher-Anhänger, werden sie als Zwangsvereinigung bezeichnen.) Die Spaltung der Arbeiter, eine der Ursachen der faschistischen Machtübernahme von 1933 wurde beseitigt.
Vaters SPD-Ausweis
MANIFEST
Beim Volksentscheid in Sachsen, am 30. Juni 1945 stimmten 77,6 % der Wähler für die entschädigungslose Enteignung der Nazi- und Kriegsverbrecher und der Überführung deren Besitztümer in Volkseigentum.
In Hessen stimmten 71,9 % auch dafür, aber die Besitzverhältnisse wurden nicht angetastet, weil die Besatzungsmacht das deutsche Kapital schützte.
Seit der Angliederung der DDR an die BRD verkleistern uns die bürgerlichen Ideologen mit Begriffen wie Vernichtung und Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten. Sie meinen dabei nicht die Taten der deutschen Kriegsmaschinerie, sondern die Gräueltaten der Sowjetarmee bzw. die Umsetzung der Beschlüsse der Potsdamer Konferenz zu den künftigen Grenzen Deutschlands.
Durch deutsche Soldaten und die folgenden Besatzer wurden in der Sowjetunion cirka 1.700 Städte und 70.000 Ortschaften total zerstört, große Teile der Zivilbevölkerung gemordet und 25 Millionen Obdachlose hinterlassen. Etwa 1.650 Kirchen, 520 Synagogen und 425 Museen wurden zerstört bzw. beschädigt oder geplündert.
In deutscher Hand waren unter Anderem ca. 5 Millionen sowjetische Soldaten als Kriegsgefangene, von denen etwa 3 Millionen, der von den höchsten Kreisen der politischen und militärischen befohlenen Vernichtungspolitik zum Opfer fielen. Beispiel: Am 7. Oktober 1941 kam der erste Güterzug mit sowjetischen Kriegsgefangenen in Auschwitz an. Insgesamt waren es an diesem Ort der Vernichtung 13.775 Mann. Am 7. Januar 1945 beim letzten Appell vor der Befreiung waren es noch 92 Mann.
Nicht nur die SS, sondern auch Polizei, SD und Wehrmacht, deren erstes KZ im September 1941 in Serbien errichtet wurde (25.000 Insassen - siehe Analyse Balkankrieg f.f.), folgten willfährig diese Vernichtungsstrategie.
Unter den Begriffen der "Aussonderung" und "Sonderbehandlung" wurden große Personengruppen, wie z.B. kommunistische Offiziere und jüdische Soldaten an Ort und Stelle erschossen. Verpflegungssätze unterhalb des Existenzminimums für alle Kriegsgefangenen, tödliche Unterkunftsbedingungen (unter freiem Himmel, Erdhöhlen, kalte Baracken), fehlende medizinische Versorgung und unzumutbare hygienische Bedingungen forderten zahllose Opfer. Ab 1942 verfolgten die faschistische Führungskaste und ihre Handlanger die Strategie "der Vernichtung durch Arbeit", um den Profit der deutschen Industrie durch unmenschliche Ausbeutung der Kriegsgefangenen zu steigern.
In sowjetischer Hand befanden sich annähernd 3,5 Millionen deutscher Kriegsgefangene in rund 2.000 Lagern. Deren hohe Sterberate beruhte weder auf eine Vernichtungsstrategie, noch auf eine gezielte rücksichtslose Ausbeutung der Arbeitskraft. Sie war Folge einerseits der Kriegsschäden, die durch die deutsche Wehrmacht selbst verursacht und anderseits zweier Missernten (1946 und 1947). Insgesamt starben in sowjetischen Kriegsgefangenlagern etwa 357.000 Mann. Im Lager Beketowka, wo die Überlebenden der 6. Armee, die bei Stalingrad vernichtet wurde, zusammengeführt wurden, verstarben 42.000 von 52.000 Mann. Also doch Vernichtung? Nein! Der Grund dafür war, dass aufgrund Befehle deutscher Vorgesetzter bereits eine Woche vor der Kapitulation an Verwundete keine Verpflegung mehr ausgegeben wurde und kampffähigen Soldaten nur noch 75 Gramm Brot, 12 Gramm Fett und 200 Gramm Fleisch ausgegeben wurde. Im Gegensatz dazu erlebten deutsche Kriegsgefangene, dass sie von der sowjetischen Bevölkerung um ein Stück Brot gebeten wurden, weil die Zuteilung für Kriegsgefangene besser war, als die von Teilen der Zivilbevölkerung!!! Wie auch Frankreich und Belgien vertrat die sowjetische Seite die Ansicht, deutsche Kriegsgefangene für Wiederaufbauarbeiten einzusetzen. Aus diesem Grund befanden sich die Lager vor allem in den Ballungsgebieten der Industrie Russlands, der Ukraine, Belorusslands und des Baltikums. Die bis heute gehegte und gepflegte Mär von den "Schweigelagern" im fernen Sibirien stimmt also nicht, wenn es auch nicht ausgeschlossen werden kann, dass einzelne Gefangene in Sibirien Wiedergutmachung leisten mussten. Individuell motivierte Übergriffe forderten ebenfalls Opfer unter den Kriegsgefangenen, was hier nicht verschwiegen werden soll. Wiederholt hörte ich in meiner Kindheit und Jugendzeit von Männern die an der Ostfront eingesetzt und in sowjetischer Kriegsgefangenschaft waren: „Wenn der Russe Gleiches mit Gleichem vergolten hätte, niemand hätte uns beigestanden.“ Kriegsbilder, Filme und einschlägige Literatur sowie oben genannter Ausspruch, lassen mir die damals sicher vorhandenen Rachegefühle von Angehörigen der siegreichen Roten Armee durchaus verständlich erscheinen. Mir wird speiübel, wenn mir heute noch in den Medien, und das immer wieder, der grinsende smarte GI und das hassverzerrte Gesicht eines rachedurstigen Russen als Sieger des II. Weltkrieges vorgeführt werden. Dem gebetsmühlenartigen Erinnern an die Gräueltaten sowjetischer Soldaten und das Verschweigen der Untaten der westlichen Alliierten ist doch Methode der Geschichtsaufarbeitung dieses Landes. In welchem Film sieht man heute die Leiden deutscher Kriegsgefangener in den Lagern der Westalliierten, unter freiem Himmel ohne ausreichende Verpflegung bei miserablen hygienischen Bedingungen z.B. in den Rheinwiesen, wie sie mein Onkel H. erlebt hatte. Dafür wird mir ständig in die Ohren geblasen: „Die Russen mordeten, plünderten, vergewaltigten… .“ Als ich begann mein Umfeld zu verstehen, erzählte mir mein Großvater: Es war fast zwei Jahre nach dem furchtbarsten Gemetzel in der Geschichte der Menschheit, in einem der kältesten Winter dieses Jahrhunderts, als ich, als sein erster und einzigster Enkel, im Anhaltinischen der Sowjetischen Besatzungszone das Licht dieser Welt erblickte. Den ersten Kontakt mit Fremden hatte ich bereits nach wenigen Stunden meines Erdendaseins, denn ich musste, wegen Platzmangels, mein Bett mit einem russischen Mädchen teilen, welches unmittelbar nach mir auf diese Welt kam. Vielleicht ist das der Grund meiner Einstellung, dass das Blut aller Menschen rot ist und nicht die Rasse oder Hautfarbe über gut oder böse, wertvoll oder minderwertig entscheidet. Einzig und allein sollte jeder Mensch nach seinem Verhalten zu seinen Mitmenschen, zur Natur und zu sich selbst bewertet werden.
Die sterblichen Reste von Vaters Onkel liegen in russischer Erde
Wie aber sah diese Welt aus, in der ich da hinein geboren worden war? Zwei Jahre zuvor hatte der Krieg auch meine Heimat erreicht. Nicht nur die Traueranzeigen für die “Helden“, die ihr Leben für fremde Gelüste gaben zeugten vom Niedergang des Faschismus.
Der Krieg kam in Form von Spreng- und Phosphorbomben, Luftminen und anderen Spezialitäten englischer und amerikanischer Luftwaffen dahin zurück, von wo er ausgegangen war. Meine Heimatstadt, die Stadt, die einstmals Haupt- und Residenzstadt war, wo der Erfinder und Ingenieur Hugo Junkers unter anderem auch berühmte Flugzeuge entwickelte und in Serie bauen ließ, war zu 85% in Schutt und Asche gelegt - von Menschen in Flugzeugen mit englischen oder US-amerikanischen Hoheitszeichen.
Der Krieg hatte aber schon gezeigt, dass es auch mit höchst massierten Bombardement und Feuer nicht gelingt tausende Menschen sofort zu vernichten. Die Wucht des Feuers ist vor allem gegen die Seele, gegen den Willen der Menschen ausgerichtet. Sie trennt Nervenknoten durch, wie es der beste Chirurg nicht besser kann und dringt in den Menschen ein, erschüttert Schädel und Gehirn. Wer es bis dahin nicht wusste, spürt nun, dass der menschliche Körper etwas ungemein Zerbrechliches ist, was augenblicklich ausgelöscht sein kann. So versuchten die westlichen Alliierten Kriegsverbrechen der deutschen Seite mit gleicher Münze heimzuzahlen.
Die Jahre des Faschismus, der Kriegsvorbereitung und der Krieg hatten, mit fortschreitender Dauer und Grausamkeit die Sitten verdorben, die Kulturen zerstört, die Gefühle verroht und viele gesellschaftliche Normen des Zusammenlebens der Menschen außer Kraft gesetzt.
Lebensgemeinschaften waren durch den Tod des Mannes zerstört. In einigen Jahrgängen wuchs die Hälfte aller Kinder ohne Vater auf. In den Wirren des Krieges und der Zeit danach wurde aber auch eine Menge Kinder, gewollt oder ungewollt, gezeugt und geboren, deren Väter unbekannt blieben.
Manche Familien hörten auf zu existieren, wurden ausgelöscht. Der Mann fiel an der Front, Frau und Kinder wurden im Hinterland Opfer anglo - amerikanischer Bomben oder starben auf der Flucht.
Kriegswitwen und Frauen, die den Rest ihrer Tage auf den vermissten Sohn oder Ehemann warteten, waren nicht selten.
Noch waren die Massen abgestumpft, gierig und hungrig. Der Krieg hatte sie verdorben, die Hemmschwelle Gewalt anzuwenden, war sehr niedrig. Wem es gegeben war, Schuld zu erkennen, der schämte sich in aller Stille, wie es bei den meisten Menschen üblich ist, die im Bewusstsein Gutes zu tun, grobe Fehler machten.
Ein geringerer Teil der ehemaligen Faschisten, die sich an Leib und Leben Unschuldiger vergangen hatten, waren bzw. wurden isoliert. Sie saßen teilweise am gleichen Ort, hinter dem gleichen Stacheldraht, wo sie vor mehr als zwei Jahren selbst die Herren über Leben und Tot Anderer waren. Sie flohen dorthin, wo man sie ungeschoren ließ, zum Beispiel nach Südamerika oder sie holten sich in den westlichen Besatzungszonen für 50 Mark den Persilschein, der ihre Entnazifizierung bestätigte.
Die Mehrheit der Menschen, die im Osten Deutschlands ihre Heimat hatten oder als Flüchtlinge fanden, plagten andere Sorgen. Aus totaler Lethargie, Stillstand und dem Zwang, überleben zu müssen, war ein wenig Zukunft,
Traum und Aktivität geworden. Es war eine harte Zeit, denn der Kampf ums Überleben wurde erbarmungslos geführt. Ein großer Teil unsere Familie hatte Glück - Haus und Hof blieben fast unversehrt.
Bild 1: Unser Haus in Dessau, Eduardstraße 36 blieb erhalten (Vorkriegsfoto)
Bild 2: Blick auf den Hof mit Taubenschlag
Die Wohnung blieb erhalten und für meinen Lieblingsopa und seiner todkranken Frau war auch noch Platz. Sein bescheidenes Häuschen hatte eine "verirrte" Bombe getroffen und total dem Erdboden gleich gemacht. Sicher sollte der Pilot Teile der Junkers-Werke vernichten, aber der Gedanke an eine geringere Kriegsbeute oder die Angst vor Strafe, seine Mittel nicht effektiv eingesetzt zu haben, ließ ihn seine Bombenlast auf das kleine unscheinbare Häuschen nahe des Junkers-Werkzaunes werfen. Er hatte gut gezielt und nichts blieb übrig, außer Schutt und Asche.
Die Versorgung war mangelhaft und so reihten sich meine Eltern in die Schar derjenigen ein, die über das Land zog und von den Bauern, für so manches edle und wertvolle Gut, ein paar wenige Lebensmittel eintauschten. Eine Ziege, Kaninchen und Hühner, sowie die Früchte aus dem "Schrebergarten" leisteten einen kleinen Beitrag zu unserem bescheidenen Lebensstandard, waren aber mit viel zusätzlicher Arbeit verbunden. Nicht zu vergessen war die stattliche Zahl der Tauben, die außer Kosten wenig einbrachten. In Erinnerung blieben mir aber auch vortreffliche Suppen mit Taubenfleisch oder gebratene Täubchen als Sonntagsessen.
Geht man davon aus, welches Leid und welche Vernichtung deutsche Soldaten über andere Länder und Völker brachten, so lebten wir beinahe fürstlich. Menschen, die vorher so lebten, hatten sich abgesetzt, waren von der Roten Armee abgeholt worden, oder sie verbargen ihre wahre Identität (siehe oben). Von alledem bemerkte ich wenig, wurde aber später oft darauf hingewiesen.
Schon ab meinem fünften Lebensjahr war ich ein naturverbundenes Kind. Täglich, wenn es hell wurde, ging es auf die Straße. Meine liebsten Spielzeuge waren ein alter Roller, ein alter, verschlissener Tennisball und viele Ruten und Stöcke, die je nach Bedarf einen Hirtenstock, eine Pistole, ein Messer, einen Säbel oder einen Degen, Pfeil oder Lanze darstellen sollten.
Der liebste Tummelplatz war die unweit des Hauses beginnende Auenlandschaft. Das ist ein, mit uralten Eichen und jüngeren Büschen bewachsenes Wiesengebiet, in deren Mitte der Fluss verlief. Begrenzt durch einen Bahndamm, auf der die "W-Eisenbahn" verkehrte, erzeugte dieser Fluss Freud und Leid, Glückseeligkeit aber auch Trauer. Er konnte wunderbar oder auch unerbittlich sein.
Während des Sommers Trockenheit konnte ich Biber und Enten beobachten und das zahme Flüsschen machte seine Inseln für uns begehbar. Im Herbst und Winter jedoch, manchmal schon im Frühjahr, wurde er unberechenbar und grausam zu Mensch und Getier in seiner Umgebung. Aus dem kleinen Flüsschen wurde ein starker unberechenbarer Strom. Über die unbefestigten, naturbelassenen Ufer getreten, vernichtete er alles, was sich ihm in den Weg stellte - Menschen mit ihren Behausungen, die Tier- und Pflanzenwelt. Der zurückbleibende Schlamm wiederum machte den Boden so fruchtbar, so dass sich die Natur rasch erholen konnte.
Kleine Senken, ehemals Bombentrichter, als Wahrzeichen des kaum vergangenen Krieges, füllten sich mit dem Restwasser und gaben Fröschen, Molchen, Salamandern und kleinen Fischen neuen Lebensraum.
Dort hielten wir uns oft auf, obwohl mein Großvater immer sagte: "Gehe nicht an den Fluss, denn Wasser ist schlimmer als Feuer". Doch seine Anziehungskraft war größer als die warnenden Worte der Alten.
Aus diesem Leben in Freiheit sollte ich jäh herausgerissen werden und einen Kindergarten besuchen. Ob das wohl gut ging? Es wurde nicht gut!
Eines Morgens stand ich vor einem flachen Haus. Einem neuen, für die damalige Zeit modernen, schnell gebautem Haus. Im Hof ein Sandkasten und Spielgeräte zum Klettern. Auf der geräumigen Terrasse luden kleine Tische und Stühle zum Spielen ein. Es war wie im Märchen, bei Schneewittchen und den sieben Zwergen.
Schöne, zweckmäßig eingerichtete Zimmer, Spielräume, Waschräume mit Duschen zwei lange, saubere Korridore machten einen guten Eindruck.
Freundliche Erzieherinnen, feinstes Essen mit viel Obst und Gemüse zum Mittag, sowie heiße Milch oder Schokolade am Nachmittag erwarteten mich. Es war wie im siebenten Himmel.
Nur über einen, alles entscheidenden Fehler gibt es zu berichten: Es begann ein Leben nach der Uhr, was bei der großen Anzahl von Knirpsen nicht zu vermeiden war. Mein Innerstes sträubte sich. Den eigenen Willen der Gemeinschaft unterordnen, ständig aufpassen, was die Erzieherinnen sagten, um das beste Spielzeug kämpfen... Da versagte der Körper den Dienst, weil die Seele streikte - ich wurde krank. Der Arzt konnte nichts finden. Also wurde der Versuch "Kindergarten" mehrfach wiederholt, stets mit dem gleichen Ergebnis, bis meine Eltern zu der Einsicht kamen, dass ich zu Hause, in der gewohnten und geliebten Umgebung am Besten aufgehoben war.
So kam es, dass ich in der Gemeinschaft der Kinder unserer Straße, in der nahen Natur wohl behütet aufwuchs.
Unser Haus befand sich in unmittelbarer Nähe des alten Schlachthofes, der 1898 sehr großzügig erbaut (und nach der Wende fast vollständig, zu Gunsten eines Supermarktes abgerissen) wurde. Er ist ein Industriebau mit guter Architektur. Weniger gut war der Geruch, besser der Gestank, wenn der Ostwind wehte. Unser Haus hatte auch ein gutes Aussehen (siehe Foto). Es wurde 1908-1912 von meinem Urgroßvater und dessen Schwager gebaut, hatte sechs Wohnungen und ein später ausgebautes Dachgeschoss. Äußerlich einfach gestaltet, in grau gehalten, fielen nur die Messingbeschläge der Haustür und der in der Nazizeit angemalte und danach mehrfach ergebnislos überpinselte Hinweis “Löschwasserentnahmestelle“ auf.
Im Inneren war es bürgerlich. Wandgemälde, Windfangtüren, ebenfalls mit Messingbeschlägen und geschliffenem Glas, gedrechselte Treppengeländer und buntes Glas in den Flurfenstern komplettierten diesen Eindruck. Nur die Toilettentüren auf den Zwischenetagen zeigten, dass es ein normales Haus war. Die Wohnungstüren waren mit Riffelglas verziert und hatten noch ein normales, einfaches Türschloss, welches mit einem einfachen Dittrich zu öffnen war. Jede Familie hatte ihren eigenen geräumigen Keller und einen Verschlag auf dem Dachboden. Vom Hof aus konnte man das Waschhaus betreten, in dem ein mit Kohle zu beheizender Waschkessel und ein gusseiserner Ausguss vorhanden waren. Zwei Wasserhähne komplettierten die Ausstattung. Inmitten der Waschküche stand ein Holz-Waschzuber auf einem Bock, der nur über drei Füße verfügte. In irgendeiner Ecke lag eine Wäscherolle herum, die den Frauen zum Auswringen der Wäsche diente. Diese wurde dann an den Waschzuber angeschraubt. Zweimal im Monat war “Große Wäsche“ angesagt. Dann sollte man sich aus dem Staube machen, sonst konnte man mindestens eine Stunde die Kurbel der Wäscherolle bedienen, was zwar nicht Kräfte raubend, aber vor allem sehr langweilig war.
Es gab aber auch bessere Momente, wo wir gerne in die Waschküche gingen und zwar dann, wenn aus Zuckerrübenschnitzel Sirup gekocht wurde. Das war ein langwieriger Prozess, der mit aufwendigem Umrühren der klebrigen Masse verbunden war. Dazu waren wir nicht zu gebrauchen, aber beim Naschen waren wir zur Stelle. Vor dem abschließenden Kessel schrubben wurden wir nicht geschont.
Auch nicht verschont wurden wir, wenn wir nach dem abwasserverseuchten Fluss stinkend und schwarz wie die Raben aus unseren “Jagdgründen“ kamen. Dann wurde die ganze Bande mit einem Handtuch ausgerüstet und der Kessel angeheizt. Wir waren es dann, die geseift und abgeschrubbt wurden. Das war ein Spaß. Es wurde gespritzt, gealbert und gebrüllt, eine wahrhafte Wasser- und Reinigungsorgie. Anschließen trollte sich ein jeder, mit einem Handtuch um die Hüfte und die “Dreckklamotten“ über dem Arm nach Hause. So hat meine Mutter den Eltern meiner Spielkameraden eine Menge Arbeit abgenommen.
Meine Freunde von damals sind heute Facharbeiter, Ingenieure und sogar Wissenschaftler. Einige (wenige) von ihnen habe ich aus den Augen verloren, denn sie gingen mit ihren Eltern in den goldenen Westen (sprich: Trizonesien) und blicken sicher heute mitleidig oder auch mit Hass auf die Menschen im Neu-Fünf-Land. Vielleicht denken sie auch, dass wir ständig jammernde Nichtsnutze sind, die nie aus dem Mist herauskommen werden. Vielleicht aber denken sie auch noch gern an ihre Kindheit und an ihre alte Heimat, mit all ihren Vorzügen und Nachteilen, zurück.
Für uns Kinder war es immer wieder etwas besonders, wenn die Sowjetsoldaten ihre Schweine zum Schlachten brachten - jedes der Regimenter verfügte über ein Bataillon Schweine - zur Selbstversorgung. Sie kamen mit Pferdewagen ungewöhnlicher Bauart im Volksmund “Panjewagen“ genannt. Auf denen standen aus Latten grob gezimmerte Verschläge, in denen die Schweine grunzten. Dutzende dieser Wagen standen vor dem Schlachthof, in der Nähe unseres Hauses, indessen die Vorgesetzten die Papiere ordneten. Während die Schweine geschlachtet und geviertelt wurden, entlausten die Soldaten ihre struppigen Pferde. Eigens dafür hatte man kleine Betonkäfige gebaut. Dort wurden die sich sträubenden Pferde rückwärts hinein geschoben. Die Eisentür, die den Tieren nur gestattete, den Kopf durch eine mit Sackleinwand bespannte Luke, zu stecken, wurde geschlossen. Auf die Tiere schüttete man von der Decke des Verschlages weißes, nach Chlor riechendes Pulver. Schnaubend standen die Tiere ca. 20 Minuten, dann wurden sie herausgeführt, gestriegelt und vom getöteten Ungeziefer befreit.
Wir bettelten oder vertauschten Zigaretten (natürlich von Vaters Vorräten genommen) gegen Abzeichen, Käppis und anderes mehr. Die Soldaten waren immer sehr nett zu uns. Es wurde viel gelacht. Für diese Soldaten waren wir wie eine Brücke in die Heimat, die sie schon seit Jahren nicht gesehen hatten oder sehen werden. Sicher dachten sie, wenn sie mit uns spielten, an ihre Kinder oder an ihre Geschwister, denn viele Soldaten hatten selbst noch ein wahres Milchgesicht. Sie bewegten sich genau wie wir, und zeigten kindliche Freude über die kleinen Geschenke von uns, die wahrlich nicht wertvoll waren. Ihre Stimmung konnte aber auch sehr schnell umschlagen, wie wir es noch erleben sollten. Es begann so: In dem Jahr, in dem ich in die Schule kommen sollte, im Frühsommer fand ein eigentümlicher Umzug statt, aber nicht wie es immer zum 1. Mai oder im Oktober der Fall war. Die Demonstranten hatten keine fröhlichen Gesichter und man scherzte auch nicht. Es gab auch keine Unruhen am Rande des Umzuges. Viele Menschen mit roten Fahnen versammelten sich vor dem Rathaus. Die festlich geschmückten Fahrzeuge fehlten und die Menschen waren aufgeregt, teilweise zornig, jedenfalls nicht so, wie ich es von anderen Umzügen kannte. Von der Tribüne wurden hektische Reden gehalten. In den Seitenstraßen standen vereinzelt Panzer. Schön, dass die „Sowjetnis“ auch dabei sind, dachten wir und kletterten wie immer auf ihre Fahrzeuge. Ungewöhnlich, kein Lächeln war in den Gesichtern der Soldaten zu sehen. Aufmerksam beobachteten sie die Menge. Der Kommandant aber war behände aus der Turmluke gestiegen und holte uns von seinen Panzern. Nicht unfreundlich, aber keinen Widerspruch duldend, befahl er:
"Domoi! Mama, domoi!" Mit betretenen Gesichtern trollten wir uns. Aus sicherem Abstand betrachteten wir das Geschehen. Bald löste sich die Versammlung auf und die Panzer formierten sich zu einer Reihe und zogen mit brüllenden Motoren und klirrenden Ketten davon.
Viele Jahre später habe ich erfahren, dass dies am 17. oder 18. Juni 1953 passierte. Die Konterrevolution hatte nicht gesiegt. (Heute spricht man von einem "Volksaufstand" gegen das kommunistische Regime)
Zeitungsausschnitt vom Juni 1953
In der Schule war es wie überall in dieser Zeit. Im September 1953 war mein erster Schultag. Mutter begleitete mich, aber an die Hand nehmen ließ ich mich nicht, denn ich war ja ein Schulkind. Meine Sorge bestand trotz aller Freude darin, dass sich die seelischen Qualen, die ich im Kindergarten verlebte, sich nicht wiederholten. Es wiederholte sich nicht!
Ich kam in die Grundschule IX. Aber vorerst in ein Gebäude neben der Katholischen Kirche. Dort gab es nur vier Klassenzimmer für die ABC-Schützen. Warum wohl? Die Frage kann nur jemand stellen, der diese Zeit nicht kennen gelernt hat. Diese Grundschule IX war ein, im Wiederaufbau befindlicher Trümmerberg. Es war die frühere Mädchen-Bürger-Schule, in der meine Großmutter das ABC schon gelernt hatte. Trotz größter Anstrengungen der Menschen, und auch die der Regierenden - man legte großen Wert auf die Schulbildung der Jugend - war die Schule nicht rechtzeitig fertig geworden.
Nun zurück in unsere erste Klasse. Wir waren fast dreißig Kinder. Alle mit Ranzen und Zuckertüte, nach altem Ritual. Größe und Inhalt waren sehr unterschiedlich, auch die Kleider, die ein jeder trug. Alle trugen das Beste, was sie hatten, waren sauber und voller Erwartung, was dieser Tag und die folgende Zeit wohl bringen würde. Das Etui war ein Holzkästchen. Darin war ein Federhalter mit zwei Federn, ein gut gespitzter Bleistift (Großvater hatte sich mit seinem Taschenmesser sehr viel Mühe gegeben), ein Radiergummi und zwei Griffel (Schieferstifte) zur Benutzung der Schiefertafel. Ein kleiner Schwamm hing am Faden außerhalb des Ranzens. Die Schulbücher waren kostenfrei ausgegeben worden. Teilweise schon einmal gebraucht, aber mit einem neuen Umschlag, bei einigen aus Packpapier, sahen sie wieder aus wie neu. Schulhefte mussten gekauft werden. Die Lehrerin, Fräulein Scholz, eine nette ältere Dame mit schlohweißem Haar, hatte für säumige oder minder bemittelte Schüler immer einige Hefte in ihrer Handtasche.
Wir kauften meine Hefte in einem Laden in der Karlstraße. Dieser wurde von einem Ehepaar, die, zusammen sicher 150 Jahre alt waren, unterhalten. Der Laden bestand aus zwei für uns sichtbaren Räumen, unmittelbar dahinter befand sich die Wohnung der Alten. Sie waren sehr freundlich in Wort und Tat, aber der Laden sah nie aufgeräumt aus. Bis unter die Decke Regale mit allerhand Kram, je höher umso staubiger. Etliche Lauser nutzten das auch aus, um die alten Leutchen zu beklauen. Als einige Jahre später der Laden geschlossen war, sagte Mutter nur: "Die Lauriecks sind tot." Schade, denn der Laden war eine wahre Fundgrube.
Mit dem Lernen und der Anpassung an das Klassenkollektiv hatte ich keine Probleme. Meine angeborene schnelle Auffassungsgabe führte dazu, dass ich mich sogar manchmal langweilte. Besonders dann, wenn die Lehrerin anderen Schülern die Aufgabe nochmals erklärte. So war es nicht einmal ungerecht, wenn ich wegen mangelnder Disziplin zur Ordnung gerufen wurde. Äußerst ungerecht empfand ich die Tatsache, dass die Lehrerin noch Hausaufgaben vergab, die meist bis zum kommenden Tag zu erledigen waren. Nach der Schule, am Nachmittag, noch Schulaufgaben zu erledigen empfand ich als die größte Strafe. Die ersten zehn Hausaufgaben habe ich nur unter strengstem Zwang ausgeführt. Dabei haben nicht wenige Wasserflecke (Tränen) das Heft verziert. Nach und nach habe ich mich dann auch an diese Aufgaben gewöhnt und sie pünktlich und in guter Qualität vorgelegt.
Unsere Klasse war ein Querschnitt der Menschen dieser Zeit. Nur ein Junge fiel auf. Er hieß Harald und begann die erste Klasse zum dritten und letzten Mal. Als Einjähriger war unter den Trümmern verschüttet, und hatte dabei seine Mutter verloren. In unregelmäßigen Abständen fiel er um, einfach so aus der Bank, schrie und schüttelte sich. Dann herrschte in der Klasse helle Aufregung. Viele hatten auch Angst.
Nach jedem Anfall wurde er nach Hause gebracht. Niemand wollte helfen. Ich meldete mich, obwohl mir nicht wohl dabei war. Bei ihm zu Hause angekommen, erzählte mir seine Pflegemutter von seinem Schicksal. Ich war sehr bewegt und mein Mitgefühl für diesen Jungen war geweckt. Den übrigen Mitschülern der Klasse blieb er unheimlich. Also beschloss man eines Tages, das Übliche, von den älteren Schülern übernommene: Klassenkeile! Wie sollte ich mich nun verhalten? Zu Harald gewandt, sagte ich: "Keine Angst, die schaffen uns nicht!" Dabei hatte ich auch meine Bedenken: Hoffentlich bekommt er keinen, der so furchtbaren Anfälle. Seine Krankheit verschonte ihn diesmal, die "Klassenkameraden" aber nicht. Als Worte nicht mehr halfen, begann die Keilerei, wobei auch ich etwas abbekam. Plötzlich hatte ich, der Geyer weiß woher, ein Stück Holzlatte in den Händen und schlug wahllos um mich, traf auch fürchterlich und beendete schnell den ungleichen Kampf. Tränen der Wut vergießend, den Schmerz nicht fühlend, brachte ich den kranken Jungen auf Umwegen nach Hause. Wenige Tage später wurde er aus der Schule genommen. Einige Male sah ich ihn noch vor seinem Haus, dann verzog er mit seinen Eltern in eine andere Stadt. Ich blieb und mit mir die Ansicht einiger Lehrer und Eltern von Mitschülern: B. ist ein Rowdy.
Ich aber hatte meine erste, aber noch lange nicht letzte Schulschlacht als moralischer Sieger beendet. Weitere sollten folgen.
Ich sah mich auch in den folgenden Schuljahren als Fels der Gerechtigkeit, als der "Rächer" all derer, die gehänselt und geschlagen wurden.
Ein Hinweis genügte und ich war zur Stelle, um den Schwachen zu helfen. Die Lehrer sahen das anders, aber ich konnte damit gut leben.
In der Ausbildung brachte ich gute Ergebnisse, kam aber einmal zu spät zum Unterricht. Dieser begann erst 12:30 Uhr und sollte 3 mal 45 Minuten dauern. Ich hatte nur 45 Minuten Unterricht. Die übrige Zeit hatte ich als "Indianerhäuptling" im Friedrichsgarten verbracht. Mutter hatte mich gesucht und ein wenig geschimpft, vom Vater gab es eine Ohrfeige und mein Lieblingsopa kaute schmunzelnd auf einem alten Pflaumenkern und sagte: „Reiß dich zusammen, Bursche!“
1954 wurde die Klasse neu formiert und in eine rekonstruierte und modern ausgebaute Schule umgesiedelt. Das große rote Backsteingebäude hatte helle, freundliche Räume mit großen Fenstern, modernen Bänken und Tischen. Es gab eine Aula, die auch gleichzeitig als Sporthalle genutzt werden konnte und im Keller einen Speiseraum, in dem täglich für einige Pfennige ein viertel Liter Milch und Schulspeisung guter Qualität ausgegeben wurden.
Im Keller wohnte auch der Hausmeister mit seiner Familie und wachte eifersüchtig, dass wir in unserer Wildheit nicht etwas zerstörten. Im Winter heizte er die Öfen und als es Mode wurde mit dem Drahtesel (besser waren unsere Fahrräder wirklich nicht) zur Schule zu fahren, baute er mit viel Mühe einen überdachen Fahrradstand. Die Bäumchen und Sträucher um unseren Schulhof pflegten wir unter seiner fachkundigen Anleitung. Sein Eifer war grenzenlos und wenn jemand etwas zerstörte, oder, was selten vorkam, eine Frühstückstulle im Papierkorb landete, konnte er auch sehr ungemütlich werden. Eine Ohrfeige, die er einem Schüler gab, beendete sein Wirken jäh.
Unsere Lehrerin der ersten Klasse kam nicht an die neue Schule, sie ging in den verdienten Ruhestand. Ihre Ruhe und Erfahrung, sowie ihre Fähigkeit einen interessanten Unterricht zu gestalten vermissten wir sehr. Die "Neue", etwa dreißig Jahre alt, war hektisch, launisch und oft ungerecht. Das reizte meinen Widerspruch ungemein. Bald waren wir ein Paar. Meine Leistungen schwankten, wie die Art und Weise ihrer Bewertung. Als ich dann beim zwanzigsten Eintrag in das Tagebuch (oft auch Mutti-Heft genannt) Vaters eigenwillige Unterschrift nachmachte, war der Krieg entflammt und ohne Mühen nicht mehr zu beenden. Gustav, mein Großvater, zu der Zeit auch noch Priester, aber nicht mein Lieblingsopa, klärte diesen Fall auf seine Art.
Bei der Aussprache mit der Lehrerin, die den Vater verlangte, der natürlich keine Zeit hatte, schützte er mich. Aber dann zu Haus bekam ich eine Tracht Prügel, mit einem Siebensträhler (ein Holzgriff, an dem sieben dünne Lederstreifen befestigt waren!!), die ich lange nicht vergessen konnte. Danach ein Gebet, um Gott für die Missetat um Verzeihung zu bitten.
Diese Lehrerin, Frau Gräber hieß die Dame, musste ich aber weitere zweieinhalb Jahre ertragen. 42 Eintragungen an die Eltern pro Schuljahr sind heute noch Familienrekord. Eines Tages kam die gute Frau nicht zum Unterricht. Es hieß, sie sei krank. In Wirklichkeit ist sie mit ihrer Familie in den Westen gegangen. Ob sie dort auch ihre Schüler schikaniert hat? Diese Frau und nicht zuletzt meine christliche Erziehung fügten es, dass ich fast zwei Jahre nach meinen Mitschülern den "JUNGEN PIONIEREN" beitrat (katholische Schüler schlossen sich total aus).
Die wöchentlich organisierten Pioniernachmittage waren recht interessant, aber regelmäßig nahm ich nicht daran teil, was auch keine Pflicht war. Meine Freizeit verbrachte ich weiterhin in der Natur des Friedrichsgartens oder in unserm Schrebergarten, wo ich auch einige Pflichten hatte.
Meinen Schulweg teilte ich mit meinem Großvater. Für ihn war es der tägliche Weg zu seiner Arbeit im Farbengeschäft. Jeden Morgen gab es einen Groschen, der beim Bäcker, an der Straßenecke, in ein doppeltes Kümmelbrötchen umgesetzt wurde. Ausgebombt, arm, aber stets gütig, hatte er immer etwas für mich, vor allem nahm er sich Zeit für meine Problemchen. Ich liebte ihn sehr und so bestand ich darauf, dass mein Bett in sein Zimmer gestellt wurde. Vor dem Einschlafen lauschte ich seinen Geschichten. Diese waren aus dem Leben gegriffen und mit sinnvollen Beispielen gespickt.
Er stammte aus einer armen Landarbeiterfamilie, hatte zwölf Geschwister, und hatte gelernt, alles zu teilen. Mein Großvater musste immer schwer arbeiten. Als Kind auf dem Gutshof, später als gelernter Schmied wurde er Soldat und danach ging er auf Wanderschaft, die ihn bis in den Elsass führte.
Lehrzeugnis 1917
Ob in einer Schmiede oder im Bergwerk, immer waren Geschick, Kraft und Ausdauer gefordert. Den Ersten Weltkrieg erlebte er als Pioniersoldat. Schwerstarbeit! Sprengen und Schaufeln, Bäume fällen, Balken schleppen und beim Brückenschlag bis zu den Schultern im kalten Wasser stehen, war sein soldatisches Tun.
In der Schule
Eine Wassersucht beendete seine militärische Laufbahn für den Kaiser. Auf der Sonnenseite stand er nie.
In der Weltwirtschaftskrise war er, wie viele Arbeiter, ohne Lohn und Brot. Das führte ihn zu den Rot-Front-Kämpfern, wo er Sanitäter war. Daran änderte sich auch nichts, als er in den Junkers-Werken Anstellung als Motorenprüfer fand.
Die einzigste Reise, die er sich leisten konnte, führte ihn in das Riesengebirge. Davon zeugten zwei Bilder, die ihn auf dem Gipfel der Schneekoppe zeigten. Davon war er bis zu seinem Tode begeistert. Nach dem Krieg trat er, wie mein Vater auch, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED) bei. 1951 hat er die Partei verlassen, da er die Beschlüsse nicht mehr mittragen wollte.
Parteidokument Franz Henze (Opa H.)
Gegenüber der Kirche verhielt er sich ablehnend. Er sah keine Übereinstimmung zwischen Wort und Tat.
Naturverbunden wie er war, nahm er mich oft auf seinen Spaziergängen mit und öffnete meine Augen und Ohren für die Tiere und Pflanzen, die uns umgaben. Auch im Garten erklärte er mir viele Zusammenhänge über das Leben und die Pflege der Pflanzen. Er verstand es glänzend, die Stimmen der Vögel nachzuahmen und sie an ihren Silhouetten zu erkennen.
Um mein Interesse zu stärken, kaufte er mir mein erstes Aquarium und versorgte mich mit Literatur über die Welt der Tiere.
Ihm vertraute ich meine Sorgen an und holte mir seinen Rat. Er hatte viel Leid gesehen und erlebt. Seine Schule war das Leben. Oft waren seine Ratschläge Gold wert. Wunderbare Stunden erlebten wir, wenn er zu seiner Mundharmonika griff und die alten Lieder aus seiner Jugendzeit spielte. In seinen letzten Jahren war der Opa sehr krank. Zwei Jahre ein Pflegefall - eine sehr schwere Zeit für meine Mutter, die ihn pflegte. Mit bewundernswerter Tapferkeit ertrug er seine Leiden, obwohl keine Hoffnung bestand, geheilt zu werden.
Leider ist er viel zu früh, mit 73 Jahren, gestorben. In meinem Herzen lebt er noch heute.
Mein Hang zur Natur zeigte auch in der Schule Wirkung. Als in der 5. Klasse das Fach Biologie in den Lehrplan aufgenommen wurde, war ich kaum zu schlagen. Zu gerne hätte ich ein Mikroskop besessen, um die Experimente, die wir in der Schule machten, zu Hause fortführen zu können. So konzentrierte sich meine Tierliebe auf die Tauben, Hühner, Kaninchen, Wellensittiche und vor allem auf meine Aquarien. Obwohl ich gerne Hühner- und Taubenbraten aß, konnte ich es nicht ertragen, wenn die Tiere geschlachtet werden sollten.
In unserem Nachbarhaus, im Erdgeschoss, wohnte ein älterer, einfacher Mann bei seiner alten, betagten Mutter. Er hieß Wunderow und war ein begeisterter Aquarianer. Er besaß mindestens zehn Aquarien, die mit unzähligen roten und grünen Schwertträgern und Guppys aller Arten und Zuchtrichtungen bevölkert waren. Einige seiner besten Fische schenkte er mir regelmäßig, um mir Gelegenheit zur Nachzucht zu geben. So wurden wir Freunde. Wir trafen uns oft, denn er erwartete mich schon am Fenster seines Wohnzimmers. Gesprächsstoff hatten wir immer, denn über Zierfische zu reden, ist ein unerschöpfliches Thema. Als seine alte Mutter starb, hatte er sich dem Alkohol ergeben. Tief erschüttert war er vom Verhalten seiner Schwester aus Westberlin (die Grenzen waren noch offen!), die es nicht für nötig hielt zur Beerdigung zu erscheinen. Oft stand er weinend am Fenster und trank dabei “seine kleine Flasche blauen Würger“. Ein wenig später fand er eine Frau. Diese hatte zwei erwachsene Töchter, um die sie sich besonders kümmerte. In der bescheidenen Wohnung kehrte Ordnung ein - und die Fische verschwanden und somit sein letztes Vergnügen. Abends, am Fenster stehend, klagte er mir sein Leid. Er fühlte sich überflüssig und unverstanden und klagte: „Meine Schwester werde ich wohl nicht wieder sehen“ (Ja, jetzt waren die Grenzen geschlossen). Der Kummer und der Alkohol machten ihn kaputt. Später, an seinem Grab, stand dann endlich seine reiche Schwester aus Westberlin. Er aber starb so, wie er immer war, als ein armer, bescheidener Kerl.
Seine Sachen wollte niemand. Die wanderten alle auf den Müll, einschließlich einiger Aquarien, die man noch im Keller fand.
In der Schule gab es einige strukturelle Veränderungen. Wir bekamen einige neue Lehrer, aber auch einige Mitschüler verabschiedeten sich. Zum Teil gingen sie mit ihren Eltern in den Westen. Dann gab es keine Gelegenheit sich zu verabschieden. Wer noch Gelegenheit dazu hatte, sich zu verabschieden, zog garantiert in eine andere Stadt innerhalb der DDR. So auch mein Klassenkamerad Martin B. Er wurde Kadett. Die Kadettenanstalt, einzigste Einrichtung dieser Art in der DDR, befand sich in Naumburg. Stolz und von dem Willen beseelt ein guter Flieger zu werden, zog er von Dannen. Auch Angelika W. verabschiedete sich. Sie sollte im Fernsehen der DDR eine bekannte Nachrichtensprecherin werden, während Martin kein Glück hatte. Die Kadettenanstalt wurde nach kurzer Zeit, als misslungenes Experiment, wieder geschlossen. Obwohl sie in langer Tradition stehend, auch gute Heerführer hervorbrachte, war sie nach Ansicht der Partei- und Staatsführung mit den sozialistischen Grundgedanken nicht vereinbar. Sie wurde in eine Weiterbildungseinrichtung und später als Fremdspracheninstitut der NVA umfunktioniert.
Von der zweiten Klasse an verbrachte ich einen großen Teil meiner Sommerferien in Schortewitz, im Geburtshaus meines Großvaters bei dessen jüngerer Schwester. Diese hatte im Krieg ihren Sohn verloren und wenig Jahre später, zu Beginn der fünfziger Jahre, ihren Mann. Alle nannten sie Tante Minna. Sie war eine herzensgute Frau mit schlohweißen Haaren.
Alte Ansichtskarte von Schortewitz
Wir bekamen eine neue Klassenlehrerin, eine junge Frau mit großen Plänen. Leider konnte sie sich nicht durchsetzen. Schwammschlachten während des Unterrichtes, die auch die Bilder an den Wänden nicht ungeschoren ließen, führten dazu, dass unsere Leistungen ins Bodenlose sanken.
Als dann sogar Eierkohlen zu Wurfgeschossen wurden, die Lehrerin in Tränen ausbrach und jeder tat, was er wollte, musste eine harte Hand her. Es kamen gleich zwei, besser vier. Zwei Lehrer, in eingefärbten Stiefelhosen, Chromlederstiefeln und statt der üblichen Aktentasche trugen sie eine KVP (NVA)-Kartentasche.
In der Schule begann eine neue Ära, geprägt von zwei gedienten Ex-Offizieren, Jansen und Schnittke. Dazu aber später.
Die neue Ära begann mit der Abberufung der Direktorin, Frau Engels. Eine engagierte Frau verließ die Schule und die Gemeinschaft der Lehrer begann zu bröckeln. Die von ihr mit viel Enthusiasmus gegründete Schalmaienkapelle löste sich in Wohlgefallen auf. Die nach gut bürgerlichem Stil gehütete Aula (als letzter Bauabschnitt des Wiederaufbaus der Schule fertig gestellt) wurde zur profanen Turnhalle umfunktioniert. Der Hausmeister zog mit seiner Familie aus der Kellerwohnung in einen Neubau. In den ehemaligen Wohnräumen kam der technische Teil der Zentralheizung, so dass die Kohleöfen in den Klassenräumen ihre Funktion verloren. Weiter wurden Klassenzimmer speziell für den Physik- und Chemieunterricht eingerichtet, die man heute sicher Lernkabinett oder ähnlich bezeichnen würde.
Ich kam in die 5.oder 6. Klasse, als diese Maßnahmen (einschließlich neuer Fahrradaufbewahrungsplatz mit Parkkarte) fertiggestellt waren.
Der Unterricht plätscherte so dahin. Die Lehrerin spulte den Lehrstoff ab, immer in der Angst, dass einer ausrasten und durch grobes Verhalten den Unterricht stören könnte. Wie grausam wir sein konnten, kam mir erst viel, viel später zu Bewusstsein, denn unser Fräulein Schmiedes wollte uns ja nur etwas beibringen, uns auf die Zukunft vorbereiten und wir haben uns benommen wie eine Rotte Wildschweine. Wir hatten nichts begriffen, sondern die junge Frau gequält und zur Verzweifelung getrieben, weil sie unser Bestes wollte. Dafür sollten wir uns schämen.
Einer unserer Mitschüler hatte sich wieder einmal so recht daneben benommen und wurde durch unsere Lehrerin, unter dem Gejohle der Klasse, des Raumes verwiesen. Er ging mit höhnischem Grinsen und mit dummen, beleidigenden Worten auf den Flur. Dabei knallte er die Tür so zu, dass die Zarge bebte. Das Geräusch war noch nicht verklungen, da sprang die Tür wieder auf und unser Mitschüler flog, sich überschlagend, zurück in den Klassenraum. Schneller als er kam einer der neuen Lehrer in Stiefelhosen in den Raum. Er stand schon am Lehrertisch, die Arme vor der Brust verschränkt, da saß unser Mitschüler noch verwirrt auf dem geölten Parkettfußboden. Die Klasse war erstarrt. Es war still, so still, dass es unheimlich wurde.
„Schade“, sagte der "Neue"; „das ich mich auf diese Weise vorstellen muss“. „Ich bin euer neuer Klassenlehrer, Fräulein Schmiedes übernimmt eine Klasse der Unterstufe. Dass, was ich hier heute erlebt habe, will ich nie wieder erleben und die Rolle rückwärts eures Mitschülers sollte allen Mahnung genug sein“. Die Entschlossenheit des “Neuen“ beeindruckte alle und nie wieder gab es ähnliche Vorkommnisse und entsprechende Reaktionen durch einen Lehrer.
Der Grundstein für eine gute, effiziente Zusammenarbeit zwischen Lehrer und Schüler war gelegt, zwar sehr ungewöhnlich, aber wirkungsvoll.
Wir wurden zu einer guten verschworenen Gemeinschaft, die bis zum Ende der 8. Klasse bestand.
Ab sofort zählte nicht mehr das größte Maul, die unflätigste Bemerkung und der schnellste Hieb, sondern schulische Leistung, Gemeinschaftssinn und echter Humor und Witz.
Herr Hansen, der neue Lehrer, erwarb mit Riesenschritten unser Vertrauen. Seine Gabe, war die genaue Beobachtung und Einschätzung unseres Verhaltens. Das führte nicht nur dazu, dass jeder einen treffenden Spitznamen erhielt, sondern er packte fast jeden an dessen Schokoladenseite, um die vorhandenen Leistungsfähigkeiten freizusetzen, die dann in guten Noten ihren Ausdruck fanden.
1962. Neunte Klasse. Angeregt durch meine große Liebe, Renatchen, lernte ich, mit zaghaften Schritten, politisch zu denken. Die Zeitung las ich aufmerksamer, stöberte in Vaters großen Bücherschrank nach politischen Schriften von Marx und Engels und kaufte hin und wieder die Tageszeitung "Junge Welt", für junge Leute gemacht. Wir gingen auch ins Kino, was mir des Glaubens wegen, eigentlich verboten war, aber ich setzte mich darüber hinweg. So erschloss ich mir eine „neue" Welt, die für Renate ganz alltäglich war.
Seit den Grenzbefestigungen vom August 1961 war noch nicht ein Jahr vergangen. Die unmittelbare Kriegsgefahr und die Flüchtlingsorgie des Kalten Krieges waren vorbei. Die Enttäuschten, Verbitterten, Enteigneten oder die aus falschen, nichtigen, egoistischen Gründen die DDR verlassen hatten, füllten nicht mehr die Auffanglager des Westens, fütterten nicht mehr die westlichen Geheimdienste mit Informationen, feilschten nicht mehr um die Anerkennung als politische Flüchtlinge.
Bei uns, den bodenständigen, den Hierbleibern blühte der illegale Handel mit der so genannten “Schundliteratur“. Für die Hefte von "Tom Brox", "Billy Yenkiens", "Mickey Maus", "Fix & Foxi" und wie sie noch hießen, stieg der Preis, weil der Nachschub aus Westberlin ausblieb. Die noch im Umlauf waren wurden immer unansehnlicher, weil sie von Hand zu Hand gingen. Echte Jeans waren absolute Mangelware und wurden jetzt mit ca. 200,- MdN gehandelt. Eine Grabesstille war jedoch nicht ausgebrochen. Im Gegenteil, der Staat blühte auf. Die Gesellschaft bewegte sich und wir jungen Leute strebten nach sinnvoller Diskussion und Betätigung. Die Schule war nicht mehr ein Ort der Qualen, sondern auch Treffpunkt am Nachmittag. Wir leisteten auch einen Beitrag, in dem wir den noch gut erhaltenen Keller unserer, nur zur Hälfte wieder aus - und aufgebauten Schule in Beschlag nahmen und den Ruinenteil zum Schießstand ausbauten. Bürokratische Hürden brauchten wir nicht zu überspringen, denn es war Aufbruchsstimmung. Die Schalmeiengruppe wurde wieder gegründet. Im Sport bestimmten Schul- und Kreiswettkämpfe der Leichtathletik, sowie Pionierfriedensfahrten das Geschehen. Der besten Schule winkte ein Ferienlager, drei Wochen in Ungarn. Die Sieger hatten 30,00 MdN zuzuzahlen.
Unsere Klasse 1962/63
In den Sommerferien gingen wir arbeiten, maximal drei Wochen waren erlaubt und schnell 500-600 MdN hinzu verdient. Ich arbeitete in einer Privatbrauerei, füllte Flaschen ab und vertrat den Haus - und Hofarbeiter. Renate betreute jüngere Schüler bei den Ferienspielen.
Die Stimmung unter meinen zeitweiligen Kollegen war gut. Es blieb noch Zeit für einen Schwatz, und auch gutwilligen Scherzen war man nicht abgeneigt. Der Heizer bereitete Brühpolnische Würste in der heißen Asche zu und auch der Bäcker an der Ecke sah uns jeden Tag. Wen der Hunger besonders plagte, der konnte auch ein warmes Mittagessen bestellen (Preis: 1 MDN).
Auf gute Musik verzichtete ich auch nicht. Da ich gern mit alten Radios experimentierte, hatte ich mir auch einen alten Volksempfänger (Geobbelsschnauze) flott gemacht. "Radio Luxemburg" war damit nicht zu empfangen, da dieser Sender über Kurzwelle im 41 oder 49 Megaband ausgestrahlt wurde und die G.-Schnauze nur in der Lage war, Mittelwelle zu empfangen. Dafür konnte ich den "Freiheitssender 904" und den "Soldatensender 935" störungsfrei empfangen. Beide Sender waren für Menschen in der BRD gedacht. Ein offenes Geheimnis war es, dass die Programme von Spezialisten der DDR gemacht und aus Burg, bei Magdeburg, in die BRD gesendet wurden. Für mich war der Empfang wichtig, weil über diese Sender immer die aktuellsten Lieder der Hit-Paraden gespielt wurden und man mitreden konnte, wenn die "Luxemburg-Hörer" diskutierten. Interessant waren auch die Probleme, mit denen sich die "Westdeutschen" herumschlagen mussten. Hier wurden sie ungeschminkt dargestellt und Lösungswege aufgezeigt. Der Freiheitssender lief seit 1956 und war eine der Antworten auf das Verbot der KPD in Westdeutschland. Die Sendungen erfolgten stundenweise (etwa zwei Stunden täglich) und begannen nach minutenlanger Kennung (hier ist der deutsche "Freiheitssender 904") mit der Eröffnungsmelodie "Freude schöner Götterfunken". Manches Mal wurden die Sendungen durch konspirative Meldungen unterbrochen (z.B.: Hase ruft Igel, der Fuchs hat die Tasche vergessen). Seit 1960 liefen die Sendungen des Soldatensenders etwas mehr als zwei Stunden täglich. Eine kurze Sendung am frühen Abend und eine in der Nacht jeweils eingeleitet mit mehreren Paukenschlägen und der Nennung des Sendernamens. Auch hier war die aktuelle Musik der Hitparaden zu empfangen. Dieser Sender hatte sicher gute “Westkontakte“, denn er sprach die Probleme der Soldaten genau an. Namen, Einheitsbezeichnungen und die Kasernennamen blieben den Hörern nicht verborgen und machten den Wahrheitsgehalt der Sendung perfekt. Sogar Warnungen vor Alarmüberprüfungen gehörten zum Programm. Das muss dem Militärischen Abschirmdienst der BRD auf dem Magen gelegen haben. Mir war es egal. Zuerst interessierte mich nur die Musik, dann die Problematik. Diese Sender waren meine Begleiter, bis ich meinen Dienst in der NVA begann und dann wieder an der Offiziersschule, wo die Programme sehr gut zu empfangen waren. Leider waren beide Programme im Berliner Raum durch den amerikanischen Sender AFN überlagert und für mich unerreichbar. Schade eigentlich, denn die sozialkritischen und Antikriegslieder und die Kennung über Probleme in der Bundeswehr habe ich schon vermisst. So habe ich auch das Ende dieser Sender nicht mitbekommen. Ich glaube, diese haben ihr Wirken zu Beginn der siebziger Jahre, im Ergebnis des Grundlagenvertrages zwischen der DDR und der BRD eingestellt. Heute vermisse ich einen Rundfunksender, der ungeschminkt die Probleme aufzeigt und den arbeitenden und um seine Rechte kämpfenden Menschen Orientierung gibt. Ein Sender tut Not, der sich wohltuend von den dümmlichen, dudelnden und verblödenden Sendungen der aktuellen Funk- und Fernsehsender unterscheidet und nicht nach den Prinzipien eines Propagandisten namens Goebbels handelt, der einst forderte: „Das Programm des Rundfunks muss so gestaltet werden, dass es dem anspruchlosen Geschmack gefällig und verständlich erscheint.“ Nun schnell zurück in die gewählte Zeitleiste anfangs der sechziger Jahre:
In der SED- und Staatsführung tat sich auch Einiges. W. Ulbricht (seit 1950 Generalsekretär der SED; am 08.04.1971 von dieser Position entfernt) leitete eine wichtige Wende ein. Er war zunehmend bestrebt, Ingenieure, Wissenschaftler, Wirtschaftsfachleute, Spezialisten in die Entscheidungsfindung einzubeziehen.
Das entwickelte gesellschaftliche System wurde geboren. Die Kybernetik, Informationstheorie und die elektronische Datenverarbeitung spielten eine bedeutende Rolle. Man analysierte die Entwicklung des Landes seit 1945 und stellte fest, dass erfolgreich gearbeitet worden war. Dabei blieben Mängel, insbesondere in der Wirtschaft, nicht verborgen.
In der Sowjetunion hatte sich unter der Führung Chruschtschows (von Januar 1956 bis Oktober 1964 1. Sekretär des ZK der KPdSU) auch so manche Starre gelöst. Kommunistische Theoretiker sehen heute (von mir nicht verstanden) in Chruschtschows Politik die Anfänge des Untergang des sozialistischen Weltsystems. Sowjetische Wirtschaftswissenschaftler, einer besonders, Liebermann, diskutierten Reformen, um die sozialistische Wirtschaft zu vervollkommnen, sie zum Wohle der Menschen, effektiver und gewinnbringender zu gestalten. Obwohl man in der Sowjetunion diese klugen Gedanken nicht aufgriff, entschloss man sich in der Führung der DDR diese, gepaart mit den eigenen Erfahrungen, in Grundsätze für ein neues ökonomisches System (NÖS) der Planung und Leitung der Volkswirtschaft zu fassen. Besonders hervor
