Geschichte des eigenen Lebens - Salomon Maimon - E-Book

Geschichte des eigenen Lebens E-Book

Salomon Maimon

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Beschreibung

Salomon Maimon war ein Philosoph und jüdischer Aufklärer. Dies ist seine Autobiographie.

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Seitenzahl: 302

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Geschichte des eigenen Lebens

Salomon Maimon

Inhalt:

Salomon Maimon – Lexikalische Biografie

Geschichte des eigenen Lebens

Vorbericht zu der ersten Ausgabe dieses Buches von Karl Philipp Moritz

Einleitung

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Achtundzwanzigstes Kapitel

Epilog

Geschichte des eigenen Lebens , S. Maimon

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849631161

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Salomon Maimon – Lexikalische Biografie

Geb. 1754 in Neschwitz (Litthauen) als Sohn eines polnischen Rabbiners, schon als Knabe talmudisch geschult, mit dreizehn Jahren schon Familienvater. Er lernte deutsch, verließ seine Familie, ging ohne alle Mittel nach Berlin, wo er unter der Leitung Mendelssohns Philosophie studierte, bald aber ein unstetes Vagantenleben führte (Holland, Hamburg). Als Erwachsener besuchte er noch das Gymnasium in Altona, ging dann wieder nach Berlin, Breslau, mit der Abfassung wissenschaftlicher Lehrbücher in hebräischer Sprache beschäftigt. In Berlin studierte M. Kants »Kritik der reinen Vernunft« und verfasste einen »Versuch über die Transzendentalphilosophie« (1790) und in der Folge weitere philosophische Schriften. Von Kant, Fichte und Schelling wurde er als scharfsinniger Denker geschätzt. Zuletzt lebte er auf einem Gute des Grafen Kalkreuth bei Freistadt (Schlesien), wo er 1800 starb.

M. nennt seinen, teilweise im Sinne Kants, teilweise gegen ihn gerichteten Standpunkt den eines »empirischen Skeptikers«, der ihn in mancher Beziehung Hume, in anderer Fichte nähert. M. tadelt an Kant, dass er nicht die zwei Stämme der Erkenntnis, Sinnlichkeit und Verstand aus einer Wurzel herleite, die M. im Bewusstsein überhaupt, welches das »Denken« im weitesten Sinne, die Synthese eines Mannigfaltigen zur Einheit ist, findet. Nicht bloß die Form, auch der Stoff der Erkenntnis ist nicht von außen gegeben, sondern liegt in uns selbst, als etwas Irrationales, dem bewussten Denken Vorangehendes, als Grenze oder »Differential« des Bewusstseins. Das »Ding an sich« ist ein Unding, die »Affektion« seitens der Dinge fällt in das Bewusstsein selbst (Idealismus). A priori ist (gegenüber der Empfindungsmannigfaltigkeit) die Form oder Bedingung aller besonderen Erkenntnis, die Bedingung, unter der allein das Mannigfaltige der Empfindungen gegeben werden kann. A priori sind also die Anschauungsformen (Raum und Zeit), als Formen von Einheitsynthesen. Der Raum ist aber nicht bloß eine (nur als endlich vorstellbare) Anschauung, sondern auch ein allgemeiner Begriff. Ebenso verhält es sich mit der Zeit. Die Unendlichkeitsbegriffe sind »bloße Ideen, die keine Objekte, sondern das Entstehen der Objekte vorstellen«, »Grenzbegriffe«. Die Sinnlichkeit liefert uns die Objekte als Produkte unseres Denkens (als Einheitsfunktion), welches sich dann der Regeln der Erzeugung bewusst und damit zum Verstande wird; die Sinnlichkeit ist also nur der unvollständige Verstand.

Das Grundgesetz des objektiven Denkens ist der »Satz der Bestimmbarkeit« (als Art des Satzes vom Grunde). Beziehungsformen des Denkens sind auch die Kategorien, die nach M. nur Formen des Satzes der Bestimmbarkeit sind, Anwendungen des Logischen auf die Objekte. Die Kausalität ist keine Kategorie, sie gilt nicht einmal für die Dinge als Erscheinungen, hat bloß subjektive Geltung (Wahrscheinlichkeit), beruht auf Gewohnheit (vgl. Hume). Die Ideen sind nicht Vernunftgebilde, sondern entspringen der Einbildungskraft. Die Vernunft kann keine Vorstellung des Unbedingten erzeugen; die Kantschen »Antinomien« beruhen in Wahrheit auf einem Widerstreit der Vernunft mit der Einbildungskraft (nicht mit sich selbst). Die Ideen haben nur subjektive Gültigkeit, so auch die religiöse Idee, welche das Streben nach höchster Vollkommenheit fordert. Gott darf nicht anthropomorph vorgestellt werden; M. lehrt die Existenz einer »Weltseele«. In ethischer Hinsicht tadelt M. Kants schroffe Ablehnung alles Eudämonismus, des »Genusses«, der das Motiv unseres Handelns ist und als geistiger Genuss keineswegs verächtlich ist. Das Motiv des sittlichen Handelns ist das lustvolle Gefühl der eigenen Würde.

SCHRIFTEN: Versuch über die Transzendentalphilosophie, 1790. – Philosophisches Wörterbuch, 1791. – Streifereien im Gebiete der Philosophie, 1793. – Über die Progresse der Philosophie, 1793. – Die Kategorien des Aristoteles, 1794. – Versuch einer neuen Logik oder Theorie des Denkens, 1794 (Hauptwerk). – Kritische Untersuchungen über den menschlichen Geist, 1797. – Lebensgeschichte, 1792, 1906. – Vgl. S. J. WOLFF, Maimoniana, 1813. – J. H. WITTE, S. M., 1876. – RUBIN, Die Erkenntnistheorie M.s, 1897. – GOTTSELIG, Die Logik S. M.s, 1908.

Geschichte des eigenen Lebens

Vorbericht zu der ersten Ausgabe dieses Buches von Karl Philipp Moritz

Diese Lebensbeschreibung bedarf keiner Anpreisung, um gelesen zu werden. Sie wird für einen jeden anziehend sein, dem es nicht gleichgültig ist, wie die Denkkraft, auch unter den drückendsten Umständen, sich in einem menschlichen Geiste entwickeln kann, und wie der echte Trieb nach Wissenschaft sich durch Hindernisse nicht abschrecken läßt, die unübersteiglich scheinen.

Was aber diesem Buche noch in andrer Rücksicht einen besonderen Wert gibt, ist eine unparteiische und vorurteilsfreie Darstellung des Judentums, von der man wohl mit Grund behaupten kann, daß sie die erste in ihrer Art ist und deswegen, besonders zu den jetzigen Zeiten, wo die Bildung und Aufklärung der jüdischen Nation ein eigner Gegenstand des Nachdenkens geworden ist, vorzügliche Aufmerksamkeit verdient.

Die Folgen der Unwissenheit in einem Lande, das jetzt gerade in einer so wichtigen Krise zu dem ersten Schritte der Kultur begriffen ist, sind in einem wahren und schrecklichen Lichte dargestellt; und die Tatsachen, welche man hier liest, können mehr fruchten als weitläuftige Abhandlungen über diesen Gegenstand.

Man wird durch die Erzählung des Verfassers selbst in die Gegend und unter die Menschen versetzt, wo der Zufall ihn geboren werden und die Vernunft seinen Geist zu einer Bildung reifen ließ, die auf diesem Boden keine Nahrung fand und deswegen unter einem fremden Himmelsstrich suchen mußte, was ihr einmal zum Bedürfnis geworden war.

Und es ist gewiß merkwürdig, wie das geistige Bedürfnis bis zu dem Grade steigen kann, daß Not und Mangel und das äußerste Elend, welches der Körper erdulden kann, erträglich wird, wenn nur jenes Bedürfnis nicht unbefriedigt bleibt.

Dergleichen Beispiele aber sind lehrreich und wichtig, nicht nur wegen der besonderen Schicksale eines einzigen Menschen, sondern weil sie die Würde der menschlichen Natur ans Licht stellen und der sich emporarbeitenden Vernunft ein Zutrauen zu ihrer Kraft einflößen.

Berlin 1792.

Einleitung

Die Einwohner von Polen können füglich in folgende sechs Klassen oder Stände eingeteilt werden: hoher Adel, niederer Adel, Halbadlige, Bürger, Bauern, und Juden.

Der hohe Adel besteht aus den großen Gutsbesitzern und Verwaltern der hohen Ämter des Staats. Der niedere Adel kann zwar auch eigne Güter besitzen und alle Ämter im Staate bekleiden, wird aber seiner Armut wegen davon abgehalten. Der Halbadlige darf weder eigne Güter besitzen noch hohe Ämter im Staate bekleiden, wodurch er sich von dem Adligen unterscheidet. Er besitzt zwar hin und wieder Güter, ist aber in Ansehung derselben einigermaßen vom Landesherrn, in dessen Gebiet diese Güter liegen, abhängig, indem er ihm dafür einen jährlichen Tribut bezahlen muß.

Der Bürgerstand ist der elendeste unter allen. Der Bürger ist zwar nicht leibeigen und genießt einige Freiheiten, hat auch sogar seine eigene Gerichtsbarkeit. Da er aber mehrenteils keine einträglichen Güter besitzt und keine Profession gehörig treibt, so bleibt er immer in einem verächtlichen, armseligen Zustande.

Die letzten zwei Stände, nämlich der Bauernstand und die Juden, sind die nützlichsten im Lande. Jener beschäftigt sich mit dem Ackerbau, Viehweide, Bienenzucht usw., kurz mit allem, was das Land hervorbringt. Diese treiben Handel, sind Professionisten und Handwerker, Bäcker, Brauer, Bier-, Branntwein- und Metschenker u. dgl. Sie sind auch die einzigen Pächter in Städten und Dörfern, Klostergüter ausgenommen, wo Ihre Hochwürden es für Sünde halten, einen Juden in Nahrung zu setzen, und daher ihre Pächte lieber den Bauern überlassen; und obschon sie dafür büßen müssen, indem die Pächte zugrunde gehen, weil diese das Geschick dazu nicht haben, so ertragen sie doch dies lieber mit christlicher Geduld.

Am Ende des vorigen Jahrhunderts gerieten die Pächte in Polen wegen Unwissenheit der meisten polnischen Herren, Unterdrückung der Untertanen und gänzlichen Mangels an Ökonomie so in Verfall, daß eine Pacht, die jetzt ungefähr tausend polnische Gulden einbringt, einem Juden für zehn Gulden angeboten wurde, wovon dieser wegen einer noch größeren Unwissenheit und Trägheit doch nicht leben konnte. Ein Umstand aber gab der Sache eine ganz andere Wendung. Zwei Brüder aus Galizien, wo die Juden viel verschlagener als in Litauen sind, nahmen unter dem Namen Dzierzawci oder Generalpächter alle Güter des Fürsten Radziwill in Pacht und setzten diese Güter durch mehr als gewöhnliche Tätigkeit und bessere Ökonomie nicht nur in bessern Stand, sondern bereicherten auch sich selbst in kurzer Zeit.

Sie erhöhten die Pächte, ohne sich an das Geschrei ihrer Mitbrüder zu kehren, und ließen die Pachtgelder von ihren Unterpächtern mit aller Strenge abfordern. Die von ihnen abhängenden Pächte nahmen sie selbst in Augenschein, und wo sie einen Pächter fanden, der, anstatt durch Fleiß und Ökonomie seine Pacht zu seinem und des Landesherrn Vorteil zu verbessern, den ganzen Tag im Müßiggange zubrachte und von Branntwein betrunken auf dem Ofen lag, so ließen sie ihn herunterbringen und durch Peitschen aus seiner Lethargie aufwecken, welches Verfahren den Herren Generalpächtern bei ihrer Nation den Namen der Tyrannen erworben hat.

Dieses tat aber eine sehr gute Wirkung. Der Pächter, der ehedem im gehörigen Termin seine zehn Gulden Pachtgeld nicht hatte herausbringen können, ohne darüber in Ketten zu kommen, bekam dadurch eine solche Impulsion zur Tätigkeit, daß er nicht nur von seiner Pacht eine Familie ernähren, sondern auch anstatt zehn Gulden vier- bis fünfhundert, ja sogar tausend Gulden bezahlen konnte.

Die Juden können wiederum in drei Klassen eingeteilt werden, nämlich in arbeitsame Ungelehrte, in Gelehrte, die von ihrer Gelehrsamkeit Profession machen, und in diejenigen, die sich bloß der Gelehrsamkeit widmen, ohne sich mit irgendeinem Erwerbsmittel abzugeben, sondern von der arbeitsamen Klasse erhalten werden. Aus der zweiten Klasse sind die Oberrabbiner, Prediger, Richter, Schulmeister u. dgl. Die dritte Klasse besteht aus denjenigen Gelehrten, die wegen ihrer vorzüglichen Talente und Gelehrsamkeit die Aufmerksamkeit der Ungelehrten auf sich ziehen, von diesen in ihre Häuser genommen, mit ihren Töchtern verheiratet und einige Jahre auf eigene Unkosten mit Frau und Kindern unterhalten werden. Nachher aber muß diese Frau die Ernährung ihres heiligen Müßiggängers und ihrer Kinder (die gemeiniglich bei dieser Klasse sehr zahlreich sind) auf sich nehmen, worauf sie sich, wie billig, sehr viel einbildet.

Es gibt vielleicht kein anderes Land außer Polen, wo Religionsfreiheit und Religionshaß so im gleichen Grade anzutreffen wäre. Die Juden genießen da einer völlig freien Ausübung ihrer Religion und aller übrigen bürgerlichen Freiheiten, haben auch sogar ihre eigene Gerichtsbarkeit. Von der anderen Seite aber geht der Religionshaß so weit, daß der Name Jude zum Abscheu ist, und die Wirkung dieses zu den Zeiten der Barbarei eingewurzelten Abscheus noch zu meinen Zeiten, ungefähr vor dreizehn Jahren, dauerte. Dieser anscheinende Widerspruch läßt sich aber sehr gut heben, wenn man bedenkt, daß die in Polen den Juden zugestandene Religions- und bürgerliche Freiheit nicht aus Achtung für die allgemeinen Rechte der Menschheit entspringt, so wie auf der anderen Seite der Religionshaß und Verfolgung keineswegs die Wirkung einer weisen Politik ist, die dasjenige, was der Moralität und dem Wohlstand des Staates schädlich sein kann, aus dem Wege zu räumen sucht, sondern beide Folgen der in diesem Lande herrschenden politischen Unwissenheit und Trägheit sind. Da nämlich die Juden bei allen ihren Mängeln dennoch in diesem Lande beinahe die einzigen brauchbaren Menschen sind, so sah sich zwar die polnische Nation gezwungen, zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse ihnen alle mögliche Freiheiten zu bewilligen, doch mußte auch ihre moralische Unwissenheit und Trägheit auf der anderen Seite notwendig Religionshaß und Verfolgung hervorbringen.

Erstes Kapitel

 Des Großvaters Ökonomie.

Mein Großvater Heimann Joseph war Pächter einiger Dörfer in der Nachbarschaft der Stadt Mirz, im Gebiete des Fürsten Radziwill. Er wählte zu seinem Sitz eins dieser Dörfer an dem Niemenfluß, mit Namen Sukowiborg, wo außer einigen wenigen Bauernhöfen noch eine Wassermühle, ein kleiner Hafen und eine Warenniederlage für die Schiffe war, die von Königsberg in Preußen kommen. Dieses alles, nebst einer Brücke hinter dem Dorfe und auf der anderen Seite auf dem Niemenfluß wiederum eine Zugbrücke, gehörte mit zur Pacht, die damals ungefähr tausend Gulden galt und meines Großvaters Chasaka1 war. Diese Pacht war wegen der Warenniederlage und großen Passage sehr einträglich. Mit hinlänglicher Tätigkeit und ökonomischer Kenntnis hätte mein Großvater (si mens non laeva fuisset) nicht nur seine Familie ernähren, sondern auch Reichtümer sammeln können. Aber die schlechte Landesverfassung und der gänzliche Mangel an allen zur Benutzung des Landes gehörigen Kenntnissen legte diesem ungemeine Hindernisse in den Weg.

Mein Großvater setzte seine Brüder als Unterpächter in den zu seiner Pacht gehörigen Dörfern ein. Diese lebten nicht nur beständig bei meinem Großvater (unter dem Vorwand, ihm in seinen mannigfaltigen Geschäften beizustehen), sondern wollten noch dazu am Ende des Jahres ihre Pachtgelder nicht bezahlen.

Die Gebäude, die zu meines Großvaters Pacht gehörten, waren vor Alter verfallen, mußten also ausgebessert werden. Auch war der Hafen und die Brücken in schlechten Zustand geraten. Dem Pachtkontrakt zufolge sollte der Gutsherr alles ausbessern und in brauchbaren Stand setzen lassen. Dieser hielt sich aber, wie alle polnischen Magnaten, beständig in Warschau auf, konnte also auf die Verbesserung seiner Güter keine Aufmerksamkeit wenden. Seine Verwalter hatten viel mehr die Verbesserung ihres eignen Zustandes als der herrschaftlichen Güter zum Hauptaugenmerk. Sie drückten die Untertanen durch allerhand Erpressungen, vernachlässigten die zur Verbesserung der Ländereien gegebenen Befehle, und verwandten die dazu bestimmten Gelder zu ihrem eigenen Gebrauch. Mein Großvater machte zwar diesen Verwaltern von Tag zu Tag Vorstellungen darüber und beteuerte, daß er unmöglich seine Pacht bezahlen könne, wenn nicht dem Kontrakt gemäß alles in gehörigen Stand gesetzt würde. Es half aber alles nichts, man versprach zwar beständig, die Versprechungen kamen aber nie zur Erfüllung. Der Erfolg davon war nicht nur der Verfall der Pachtung, sondern noch mehrere davon abhängende Übel.

Da, wie schon erwähnt, dieser Ort eine große Passage hatte und die Brücken in schlechten Umständen waren, so geschah es nicht selten, daß diese Brücken, gerade wenn ein polnischer Herr mit seinem reichen Gefolge sie passierte, brachen, und Roß und Reiter im Sumpf versenkt wurden. Man ließ alsdann den armen Pächter holen, legte ihn neben die Brücke und karbatschte ihn so lange, bis man glaubte, sich genug gerächt zu haben.

Mein Großvater tat daher so viel in seinem Vermögen war, um dieses Übel in der Zukunft zu verhüten. Zu diesem Behuf bestellte er einen von den Hausleuten, der an dieser Brücke beständig Wache halten mußte, daß, wenn ein solcher Herr über die Brücke passieren und sich ein Unglück dieser Art ereignen sollte, diese Schildwache alsdann den Vorfall aufs eiligste im Hause melden möchte, damit er Zeit habe, sich mit seiner ganzen Familie im nächsten Gebüsch zu retten. Alsdann lief jeder voller Schrecken aus dem Hause, und nicht selten mußten alle die ganze Nacht durch unter freiem Himmel bleiben, bis sich einer nach dem andern dem Hause zu nähern wagte.

Diese Lebensart dauerte einige Generationen fort. Mein Vater pflegte von einem Vorfall dieser Art zu erzählen, der sich ereignete, als er noch ein kleiner Knabe von ungefähr acht Jahren gewesen. Die ganze Familie lief nach ihrem gewöhnlichen Zufluchtsort. Mein Vater aber, der davon nichts wußte und hinter dem Ofen spielte, blieb allein zurück. Da nun der grimmige Herr mit seinem Gefolge in das Wirtshaus kam und niemanden fand, an dem er seine Rache ausüben konnte, so ließ er alle Winkel im Hause durchsuchen, wo man denn meinen Vater hinter dem Ofen fand. Der Herr fragte ihn, ob er Branntwein trinken wolle. Da er sich weigerte, schrie jener: »Wenn du nicht Branntwein trinken willst, so sollst du Wasser trinken.« Er ließ auch sogleich einen vollen Eimer Wasser holen und zwang meinen Vater mit Peitschenschlägen, ihn ganz auszutrinken. Natürlich zog ihm diese Behandlung ein viertägiges Fieber zu, das beinahe ein ganzes Jahr dauerte und seine Gesundheit völlig untergrub.

Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich, als ich ein Kind von drei Jahren war. Alles lief aus dem Hause, und auch die Hausmagd, die mich auf dem Arme trug, eilte fort. Da aber die Bedienten des angekommenen Herrn ihr nachliefen, so beschleunigte sie ihre Schritte und ließ mich aus großer Eile von den Armen fallen. Wimmernd blieb ich am Gebüsche auf der Erde liegen, bis zum Glück ein vorbeigehender Bauer mich aufhob und mit sich nach Hause nahm. Erst da alles wieder ruhig und die Familie nach Hause gekommen war, erinnerte sich die Magd, daß sie mich auf der Flucht verloren, fing an zu lamentieren und die Hände zu ringen. Man suchte mich überall, konnte mich aber nicht finden, bis endlich der Bauer aus dem Dorfe kam und mich meinen Eltern wiederbrachte.

Nicht Schrecken und Bestürzung, worin man bei einer solchen Flucht zu geraten pflegte, war es allein, sondern es kam noch die Plünderung des von seinen Einwohnern entblößten Hauses hinzu. Bier, Branntwein und Met wurde nach Belieben getrunken, ja zuweilen ging die Rache so weit, daß man die Gefäße ganz auslaufen ließ; Getreide und Federvieh wurde weggeführt usw.

Hätte mein Großvater, anstatt mit einem Mächtigeren zu rechten, lieber das Unrecht ertragen und die gedachte Brücke lieber auf eigene Kosten gebaut, so hätte er alle diese Übel vermeiden können. Er berief sich aber beständig auf seinen Kontrakt, und der Gutsverwalter spottete seines Elends.

Nun etwas von der inneren Ökonomie meines Großvaters. Die Lebensart, die er in seinem Hause führte, war ganz simpel. Der jährliche Ertrag seiner zur Pacht gehörigen Äcker, Wiesen und Küchengärten war nicht nur zum eigenen Bedürfnis der Familie hinlänglich, sondern auch zum Brauen und Branntweinbrennen; ja er konnte noch jährlich eine Menge Getreide und Heu verkaufen. Seine Bienenzucht war zur Metbrauerei hinreichend. Auch hatte er eine Menge Vieh.

Die Hauptnahrung bestand in schlechtem, mit Kleien vermischtem Kornbrot, Mehl- und Milchspeisen und Gartengewächsen, selten in Fleischspeisen. Die Kleidung war schlechtes Leinenzeug und grobes Tuch. Nur die Frauensleute machten hier eine geringe Ausnahme, und auch mein Vater, der ein Gelehrter war, hatte eine andere Lebensart nötig.

Die Gastfreiheit wurde hier sehr weit getrieben. Sobald ein Jude durch den Ort reiste (und da hier eine starke Passage war, auch die Juden in dieser Gegend mit ihren eigenen Fuhrwerken von Ort zu Ort beständig herumstreifen, so geschah dies alle Augenblicke), mußte er im Wirtshause abtreten. Man kam ihm gleich vor dem Hause mit einem Glase Branntwein entgegen, reichte ihm mit der einen Hand den Schalom und mit der anderen das Glas Branntwein. Darauf mußte er sich die Hände waschen und zu Tische, der beständig gedeckt blieb, setzen.

Die Erhaltung einer zahlreichen Familie und eine solche Gastfreiheit würden dennoch auf die Verminderung der Glücksumstände meines Großvaters keinen beträchtlichen Einfluß gehabt haben, wenn er nur dabei in seinem Hause eine bessere Ökonomie eingeführt hätte. Dies aber war die Quelle seines Unglücks.

Mein Großvater war in Kleinigkeiten fast zu ökonomisch und vernachlässigte daher Sachen von größerer Wichtigkeit. Er sah es z.B. für Verschwendung an, in seinem Hause Wachs- oder Talglichter zu brennen; ihre Stelle mußten schmale Streifen von Kien vertreten, davon das eine Ende in die Ritzen der Wand gesteckt und das andere angezündet wurde. Nicht selten wurden dadurch Feuersbrünste veranlaßt und mancher Schaden verursacht, wogegen der Gebrauch der Kerzen gar nicht zu rechnen gewesen sein würde.

Die Stube, worin Bier, Branntwein, Met, Heringe, Salz und andere im Wirtshause zum täglichen Debit gehörigen Waren aufbehalten wurden, hatte keine Fenster, sondern bloße Öffnungen, wodurch sie Licht erhielt. Dies lockte daher nicht selten die im Wirtshause sich aufhaltenden Matrosen und Fuhrleute, ins Zimmer hineinzusteigen und ganz unentgeltlich sich in Branntwein und Met zu besaufen. Ja, was noch schlimmer war, oft nahmen diese Saufhelden aus Furcht, auf frischer Tat ertappt zu werden, beim mindesten Geräusch, das sie hörten, die Flucht, ohne sich mit Einsetzung des Zapfens aufzuhalten, sprangen aus den Löchern, wo sie hineingekommen waren, wieder heraus und ließen das Getränk laufen, solange es lief. Auf diese Art liefen zuweilen ganze Tonnen Branntwein und Met aus.

Die Scheunen hatten keine ordentlichen Schlösser, sondern wurden bloß mit hölzernen Riegeln verschlossen; es konnte also, besonders da diese Scheunen etwas weit von der Hauptwohnung lagen, ein jeder nach Belieben daraus nehmen, ja, wohl ganze Wagen mit Getreide wegfahren. Die Schafställe hatten überall Löcher, wo die Wölfe (da es nicht weit vom Busche war) sich hineinschleichen und nach Bequemlichkeit würgen konnten.

Die Kühe kamen sehr häufig mit leeren Eutern von der Weide. Nach dem dort herrschenden Aberglauben sagte man in solchen Fällen, die Milch sei ihnen durch Zauberei benommen worden; ein Übel, wogegen man nichts tun zu können glaubte.

Meine Großmutter, eine gute simple Frau, legte sich oft, ermüdet von ihren häuslichen Geschäften, in Kleidern auf den Ofen schlafen und hatte alle Taschen voll Geld, ohne doch zu wissen wieviel. Dies machte sich die Hausmagd zunutze und leerte ihre Taschen zur Hälfte aus. Demungeachtet spürte meine Großmutter (wenn nur jene es nicht gar zu grob machte) diese Leere selten.

Alle diese Übel hätten zwar durch Ausbesserung der Gebäude, der Fenster, Fensterladen und Schlösser, durch gehörige Aufsicht über die mannigfaltigen zu dieser Pacht gehörigen einträglichen Geschäfte, wie auch durch genaue Berechnung der Einnahme und Ausgabe leicht vermieden werden können. Aber daran wurde nie gedacht. Wenn hingegen mein Vater, der ein Gelehrter und einigermaßen in der Stadt erzogen war, sich ein rabbinisches Kleid verfertigen ließ, wozu er etwas feineres Zeug, als sonst gebräuchlich war, nötig hatte, so ermangelte mein Großvater nicht, ihm eine lange Strafpredigt über die Eitelkeit der Welt zu halten.

Unsere Vorfahren, pflegte er dann zu sagen, haben von solchen neumodischen Kleidungen nichts gewußt und sind doch gewiß fromme Leute gewesen. Du mußt ein kalamanknes Leibserdak, mußt lederne Hosen, sogar mit Knöpfen, haben, und alles übrige nach diesem Verhältnis. Du wirst mich noch endlich an den Bettelstab bringen, ich werde über dich in Ketten geraten. Ach ich armer, unglücklicher Mann! Was wird aus mir werden?

Mein Vater berief sich dann wohl auf die Rechte und Vorzüge des Standes eines Gelehrten, zeigte auch außerdem, daß es bei einer sonst gut eingerichteten Ökonomie nicht so sehr darauf ankomme, ob man etwas besser oder schlechter lebe, und daß auch meines Großvaters Unglück gar nicht daher rühre, daß er in seiner Haushaltung viel verzehre, sondern daher, daß er aus Nachlässigkeit sich von andern plündern ließe. Dies half aber bei meinem Großvater alles nichts. Er konnte keine Neuerungen leiden; es mußte also alles beim alten bleiben.

Mein Großvater wurde in seinem Wohnort für einen reichen Mann gehalten (der er auch wirklich sein konnte, wenn er nur die Gelegenheit sich zunutze zu machen verstanden hätte), und von allen, auch von seiner eigenen Familie, darüber beneidet und gehaßt, von seinem Gutsherrn verlassen, von dessen Intendanten auf alle mögliche Art beeinträchtigt, und sowohl von seinen eigenen Hausleuten als von Fremden betrogen und bestohlen; kurz er war der ärmste reiche Mann von der Welt.

Hierzu kamen noch größere Unglücksfälle, die ich hier nicht ganz mit Stillschweigen übergehen kann. Der Pope (russische Geistliche) in diesem Dorfe war ein dummer, unwissender Einfaltspinsel, der kaum schreiben und lesen gelernt hatte. Dieser saß beständig im Wirtshause, soff mit seinen Pfarrkindern, den Bauern, Branntwein und ließ immer seine Zeche anschreiben, ohne je an Bezahlung der Rechnung zu denken. Mein Großvater war dies endlich müde und beschloß, ihm nichts mehr auf Borg zu geben. Dies nahm jener, wie natürlich, sehr übel, und war daher auf Rache bedacht.

Er fand endlich ein Mittel dazu, wovor die Menschheit freilich zurückschaudert, wovon aber die katholischen Christen in Polen zu damaliger Zeit sehr häufig Gebrauch zu machen pflegten, nämlich meinen Großvater eines Christenmordes wegen anzuklagen und ihm ein Halsgericht zuzuziehen. Dies geschah auf folgende Weise. Ein Biberfänger, der sich in dieser Gegend wegen des Biberfangs am Niemen beständig aufhielt, pflegte zuweilen meinem Großvater heimlich (denn der Biberfang ist da ein Regal, und alle müssen nach Hofe geliefert werden) Biber zu verhandeln. Dieser kam einst um Mitternacht, klopfte an und ließ meinen Großvater herausrufen. Er zeigte ihm einen Sack, der ziemlich schwer zu heben war, und sagte mit einer geheimnisvollen Miene: »Hier habe ich dir einen tüchtigen Kerl gebracht.« Mein Großvater wollte Feuer anmachen, den Biber besehen und darüber mit dem Bauer akkordieren; dieser aber sagte, es sei nicht nötig, er könne den Biber immer zu sich nehmen, sie würden schon darüber einig werden. Mein Großvater, der nichts Schlimmes argwöhnte, nahm den Sack, so wie er war, zu sich, legte ihn beiseite und begab sich wieder zur Ruhe. Kaum war er aber wieder eingeschlafen, so wurde er zum zweiten Male mit großem Gelärm herausgeklopft.

Es war der gedachte Geistliche mit einigen Dorfbauern, die sogleich anfingen, im Hause überall Untersuchungen anzustellen. Sie fanden den Sack, und mein Großvater zitterte schon für den Ausgang, weil er nichts anderes glaubte, als daß er des heimlichen Biberhandels wegen am Hofe verraten worden sei und es nun nicht leugnen konnte. Wie groß war aber sein Entsetzen, als man den Sack aufmachte und anstatt des Bibers einen toten Leichnam darin fand.

Man band meinem Großvater gleich die Hände auf den Rücken, schlug die Füße in Klötze, warf ihn auf einen Wagen und brachte ihn nach der Stadt Mirz, wo man ihn dem Kriminalrichter übergab. Er wurde in Ketten geschmiedet und in ein finsteres Gefängnis gebracht.

Beim Verhöre bestand mein Großvater auf seiner Unschuld, erzählte die Begebenheiten genau wie sie vorgefallen und forderte, wie billig, daß man auch den Biberfänger verhören sollte. Dieser aber war nirgends zu finden und schon über alle Berge. Man ließ ihn überall suchen. Der blutgierige Kriminalrichter aber, dem unterdessen die Zeit zu lang wurde, ließ meinen Großvater dreimal nacheinander auf die Tortur bringen. Er blieb aber immer dabei, daß er in Ansehung des toten Körpers unschuldig sei.

Endlich fand man den Biberheld; er wurde inquiriert, und da er die ganze Sache geradezu leugnete, machte man mit ihm auch die Torturprobe, wobei er sogleich alles gestand. Er sagte aus, daß er vor einiger Zeit diesen toten Körper im Wasser gefunden und nach der Pfarre zum Begraben habe bringen wollen. Der Pfarrer aber habe zu ihm gesagt: »Mit dem Begraben hat es noch Zeit. Du weißt, daß die Juden verstockt und daher in alle Ewigkeit verdammt sind. Sie haben unsern Herrn Jesum Christum gekreuzigt, und noch bis jetzt suchen sie christlich Blut, wenn sie es nur habhaft werden können, zu ihrem Osterfest, welches zum Zeichen dieses Triumphs eingesetzt ist. Sie brauchen es zu ihrem Osterkuchen. Du wirst also ein verdienstliches Werk tun, wenn du diesen toten Körper dem verdammten Juden von Pächter ins Haus praktizieren kannst. Du mußt dich freilich aus dem Staube machen, allein dein Gewerbe kannst du überall treiben.«

Auf dies Geständnis wurde der Kerl ausgepeitscht und mein Großvater in Freiheit gesetzt; der Pope aber blieb Pope.

Zum ewigen Denkmal dieser Errettung meines Großvaters vom Tode verfertigte mein Vater in hebräischer Sprache eine Art Epopöe mit lyrischen Gesängen untermengt, worin die ganze Begebenheit erzählt und die Güte Gottes besungen wurde. Man machte auch zum Gesetz, daß dieser Errettungstag alle Jahre in der Familie gefeiert und dabei dieses Gedicht (so wie das Buch Esther am Hamansfest) vorgelesen werden sollte.

Fußnoten

1 Welcher Ausdruck unten erklärt wird.

Zweites Kapitel

 Erste Jugenderinnerungen.

Auf diese Art lebte mein Großvater in dem Wohnort seiner Vorfahren viele Jahre hindurch; diese Pacht war gleichsam ein Eigentum der Familie geworden. Vermöge des jüdischen Ritualgesetzes der Chasaka, d.h. Recht des Eigentums an ein Gut, welches durch einen dreijährigen Besitz erworben und auch von den Christen in dieser Gegend respektiert wird, durfte kein anderer Jude diese Pacht durch eine Hoßafa, d.h. durch Erhöhung des Pachtgeldes an sich ziehen, wenn er nicht den jüdischen Kirchenbann auf sich laden wollte, und obgleich der Besitz der Pachtung mit vielen Mühseligkeiten und selbst Gewalttätigkeiten verknüpft war, so war er doch auch von der anderen Seite wieder sehr einträglich. Mein Großvater konnte nicht nur als ein wohlhabender Mann leben, sondern auch seine Kinder reichlich versorgen.

Seine drei Töchter wurden wohl ausgestattet und an brave Männer verheiratet. Seine zwei Söhne, mein Onkel Moses und mein Vater Josua, verheirateten sich gleichfalls, und da er schon alt und von den ausgestandenen Mühseligkeiten geschwächt war, so übergab er die Hausverwaltung seinen Söhnen gemeinschaftlich. Diese, von verschiedenen Temperamenten und Neigungen (mein Onkel Moses war von starker Leibeskonstitution und schwachem Geist, mein Vater aber das Gegenteil von ihm), konnten nicht gut zusammen harmonieren. Mein Großvater übergab also meinem Onkel ein anderes Dorf und behielt meinen Vater bei sich, obgleich dieser vermöge seines Standes als Gelehrter den häuslichen Geschäften nicht sonderlich gewachsen war. Er hielt bloß Rechnung, schloß Kontrakte, führte Prozesse u. dgl. Meine Mutter hingegen war eine sehr lebhafte, zu allen Geschäften aufgelegte Frau. Sie war klein von Statur und damals noch sehr jung.

Eine Anekdote kann ich hier nicht unberührt lassen, weil sie die erste Erinnerung aus meinen Jugendjahren ist. Ich war damals ungefährt drei Jahre alt. Die sich da beständig aufhaltenden Kaufleute, und besonders die Shaffars, d.h. die Edelleute, die die Führung der Schiffe, Einkauf und Lieferung der Waren für die großen Herren übernahmen, liebten mich wegen meiner Lebhaftigkeit außerordentlich und trieben mit mir allerhand Spaß.

Diese lustigen Herren gaben meiner Mutter wegen ihrer Kleinheit und Lebhaftigkeit den Zunamen Kuza, d.h. ein junges Füllen. Da ich sie oft so nennen hörte und die Bedeutung davon nicht wußte, so nannte ich sie auch Mama Kuza. Meine Mutter verwies mir dieses und sagte: »Gott straft denjenigen, der seine Mutter Mama Kuza nennt.« Einer dieser Shaffars, Herr Piliezki, pflegte täglich in unserem Hause Tee zu trinken, und lockte mich dadurch an sich, daß er mir zuweilen ein Stückchen Zucker gab. Eines Morgens, da ich mich bei seinem Teetrinken zum Empfang des Zuckers wie gewöhnlich eingestellt hatte, sagte er: er würde mir nur unter der Bedingung ein Stückchen Zucker geben, daß ich Mama Kuza sagen solle. Da nun meine Mutter zugegen war, so weigerte ich mich, dies zu tun. Er winkte also meiner Mutter zu, daß sie sich in ein Nebenzimmer begeben möchte. Da sie sich versteckt hatte, ging ich zu ihm und sagte ihm ins Ohr: »Mama Kuza.« Er bestand aber darauf, daß ich es recht laut sagen sollte, und versprach mir so viel Stücken Zucker zu geben, als ich es laut sagen würde. Ich sagte also: »Herr Piliezki will, ich soll Mama Kuza sagen, ich aber will nicht Mama Kuza sagen, weil Gott den straft, der Mama Kuza sagt,« und bekam darauf meine drei Stückchen Zucker richtig.

Mein Vater führte im Hause eine feinere Lebensart ein, besonders da er nach Königsberg in Preußen handelte, wo er allerhand schöne und nützliche Sachen zu sehen bekam. Er schaffte sich zinnernes und messingenes Geschirr an. Man fing an, besser zu essen, sich schöner zu kleiden als sonst, ja ich wurde sogar in Damast gekleidet.

Drittes Kapitel

 Privaterziehung und Selbststudium.

In meinem sechsten Jahre fing mein Vater mit mir an, die Bibel zu lesen. Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde. Hier unterbrach ich meinen Vater und fragte: »Aber Papa, wer hat Gott erschaffen?«

V.Gott ist von niemand erschaffen, er war von aller Ewigkeit da.

I.War er auch vor zehn Jahren da?

V.O ja, er war auch vor hundert Jahren da.

I.Also ist Gott vielleicht schon tausend Jahre alt?

V.Behüte! Gott war ewig.

I.Aber er hat doch einmal geboren werden müssen!

V.Närrchen, nein! Er war ewig und ewig und ewig. –

Ich war zwar mit dieser Antwort nicht befriedigt, aber ich dachte doch, Papa müsse es besser wissen als ich, und ich müsse es also dabei bewenden lassen.

Ein andermal las ich in der Bibel die Geschichte von Jakob und Esau; mein Vater zitierte mir hierbei eine Stelle aus dem Talmud, wo es hieß: Jakob und Esau teilten alle Güter der Welt untereinander; Esau wählte sich die Güter dieses, Jakob hingegen die Güter des zukünftigen Lebens; und da wir von Jakob herstammen, so müssen wir allen Anspruch auf die zeitlichen Güter aufgeben.

Hierauf sagte ich mit Unwillen, Jakob sollte kein Narr gewesen sein und lieber die Güter dieser Welt gewählt haben.

Leider bekam ich hierauf zur Antwort: »Du gottloser Bube!« und unmittelbar darauf eine Ohrfeige. Mein Zweifel war freilich damit nicht gehoben, aber es brachte mich doch zum Stillschweigen.

Ich hatte von meiner Kindheit an viel Neigung und Genie zum Zeichnen. Zwar hatte ich in meinem väterlichen Hause nie ein Werk dieser Kunst zu sehen bekommen, aber ich fand am Titelblatt einiger hebräischer Bücher Holzschnitte von Laubwerk, Vögeln und dergleichen; ich fand an diesen Holzschnitten einen großen Gefallen und bestrebte mich, dieselben mit einem Stückchen Kreide oder einer Kohle nachzuzeichnen. Was aber diesen Trieb bei mir noch verstärkte, war ein hebräisches Fabelbuch, worin die agierenden Personagen (die Tiere) durch solche Holzschnitte vorgestellt waren. Ich zeichnete alle Figuren mit der größten Genauigkeit ab. Mein Vater bewunderte zwar hierin meine Geschicklichkeit, schalt aber zugleich auf mich mit diesen Worten: »Willst du ein Maler werden? Du sollst den Talmud studieren und ein Rabbiner werden. Wer den Talmud versteht, der versteht alles.«

Diese Begierde und Fähigkeit zur Malerkunst ging bei mir so weit, daß, da mein Vater sich in H. etabliert hatte, wo ein Herrenhof mit einigen sehr schön tapezierten Zimmern war, die aber beständig leer standen, weil der Gutsherr anderswo residierte und diesen Ort sehr selten besuchte, ich mich, wenn ich nur konnte, vom Hause wegzustehlen pflegte, um die Figuren von den Tapeten abzuzeichnen.

Man fand mich einst mitten im Winter halb erfroren vor der Wand stehen, mit der einen Hand das Papier haltend (denn es waren keine Möbel in diesem Saale) und mit der anderen Hand die Figuren von der Wand abzeichnend. Doch urteile ich jetzt von mir selbst; ich wäre zwar, wenn ich dazu angehalten worden wäre, ein großer, aber kein genauer Maler geworden, d.h. ich würde mit Leichtigkeit die Hauptzüge eines Gemäldes entwerfen, hätte aber zur genauen Ausarbeitung keine Geduld.

Mein Vater hatte in seiner Studierstube einen Schrank mit Büchern stehen, er verbot mir zwar, alle anderen Bücher außer dem Talmud zu lesen. Aber es half nichts. Da mein Vater die mehrste Zeit mit häuslichen Angelegenheiten beschäftigt war, so machte ich mit diese Zeit zunutze.

Aus Neugierde machte ich mich über den Schrank her, blätterte alle Bücher durch, und da ich schon ziemlich Hebräisch verstand, fand ich an einigen derselben mehr Behagen als an dem Talmud.

Dies ging auch ganz natürlich zu. Man vergleiche die trockenen, einem Kinde meist unverständlichen Gegenstände des Talmuds (das ungerechnet, was die Jurisprudenz betrifft), die Gesetze der Opfer, der Reinigung, der verbotenen Speisen, der Feiertage usw., worin die seltsamsten rabbinischen Grillen mit der feinsten Dialektik, und die abgeschmacktesten Untersuchungen mit der höchsten Anstrengung der Geisteskräfte in vielen Bänden durchgeführt werden. Zum Beispiel wieviel weiße Haare dierote Kuh haben kann und doch eine rote Kuh bleibt? Wie die verschiedenen Arten Krätze beschaffen sein müssen, um diese oder jene Reinigungsart zu bedürfen? Ob man eine Laus oder Floh am Sabbat totschlagen darf (wovon das erste erlaubt, das andere aber eine Todsünde ist)? Ob das Schlachten eines Viehes am Halse oder am Schwanze verrichtet werden soll? Ob der Hohepriester das Hemd und nachher die Hosen oder umgekehrt angezogen hat? Wenn der Jawam (der Bruder des kinderlos Verstorbenen, der nach den Gesetzen seine hinterlassene Witwe heiraten muß) vom Dach herunterfiele und im Kot stecken bliebe, ob er damit sich seiner Pflichten entledigt habe oder nicht? Ohe iam satis est! Man vergleiche, sage ich, diese herrlichen Gerichte, die man der Jugend auftischt und bis zum Ekel aufdringt, mit Geschichte, wo natürliche Begebenheiten auf eine lehrreiche und angenehme Art vorgetragen werden, mit Kenntnis des Weltbaues, wodurch die Aussichten in der Natur erweitert und das große Ganze in ein wohlgeordnetes System gebracht wird u. dgl., so wird man wahrhaftig meine Wahl hierin rechtfertigen.

Die vorzüglichsten darunter waren: eine hebräische Chronik (unter dem Titel: Zemach David, von einem gescheiten Oberrabbiner in Prag, namens Rabbi David Gans abgefaßt, der auch der Verfasser des astronomischen Buchs ist, wovon in der Folge gesprochen wird, und der die Ehre hatte, mit Tycho Brahe bekannt zu sein, und mit ihm auf dem Observatorium zu Kopenhagen astronomische Beobachtungen anzustellen); ein Josephus, der wie man aus gewissen Gründen beweisen kann, untergeschoben ist; eine Geschichte der Verfolgung der Juden in Spanien und Portugal, und was mich am stärksten an sich zog, ein astronomisches Buch.