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Egal, ob schlammige Motorradtreffen, "dröge" Lehrerkonferenzen, internationale Showbühnen oder trendiger Friseursalon: Diese Frau passt in kein Klischee. Mal mysthisch, mal heiter, aber stets mit einer großen Portion Ironie schreibt Alexandra über ein Leben an der Küste Dithmarschens und den Werdegang einer preisgekrönten "Vollblutfriseurin" und Outlaw-Diva. Von den Einheimischen auch liebevoll als "Exot" bezeichnet, passt sie sich keinem System an und entführt dabei die Leser in ihre Glitzerwelt. Mit Herz für Tiere, Antiquitäten, auffällige Autos und Freunde in Not, schlittert sie fröhlich und eigenwillig von einer Panne zur nächsten und zeigt dabei manchmal gewaltig ihre Zähne!
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Seitenzahl: 207
Veröffentlichungsjahr: 2017
Alexandra Tönnsen
Geschichten einer Dithmarscher Outlaw-Diva
© 2017 Alexandra Tönnsen
Verlag und Druck: tredition GmbH, Grindelallee 188, 20144 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7439-7951-2
Hardcover:
978-3-7439-7952-9
e-Book:
978-3-7439-7953-6
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Heute ist der 26. Dezember 2015, 20:58 Uhr: Kein Schnee, schlechtes Fernsehprogramm und der Weihnachtsmann ist auch doof. Deshalb beschloss ich mich mit einer guten Flasche Rotwein vor dem PC nieder zu lassen und die seltsamen Geschichten meines Lebens nieder zu schreiben. Sie sind manchmal so unglaublich, dass viele Freunde und Bekannte, denen ich einige meiner Erlebnisse erzählte, dachten, an mir wäre eine gute Autorin verloren gegangen. Scheinbar geht es euch jetzt gerade genauso, wie mir an jenem 26. Dezember. Taucht in meine Welt ein und lasst euch überraschen, welche der Buchpersönlichkeiten euch gerade begegnen. Die Buch-Alexa wird euch manches Mal als lustiger Pipi Langstrumpf-Verschnitt und hin und wieder als kampflustige Rebellin begegnen.
Realität oder Fiktion? Dies bleibt dem Leser überlassen. Dazu nur so viel: Ähnlichkeiten mit Orten und Personen sind demnach völlig unbeabsichtigt.
Dithmarschen ist ein Landkreis in Schleswig-Holstein. Hier lebe ich und man ist unter sich. Der gemeine Dithmarscher ist eine eher ruhige Persönlichkeit. Man grüßt mit „Moin“ und genießt die entschleunigte, ländliche Idylle am Rande der Nordsee. Doch an manchen Tagen habe ich es geschafft, das Dithmarscher Landleben recht heftig auf den Kopf zu stellen. Der Begriff „Outlaw-Diva“ ist eine Zusammensetzung aus der Einschätzung meines Freundeskrei
ses. In jungen Jahren war ich recht rebellisch und wollte mich keinem System beugen, daher kommt der Begriff „Outlaw“. Gut, heute bin ich zwar etwas angepasster, aber Vorsicht! Der Outlaw in mir liegt immer noch auf der Lauer. Diva…Ja, das ist eine lange Geschichte. Hierzu nur so viel: Ich habe einen berüchtigten Dickkopf, akzeptiere nur schlecht ein „Nein“, liebe High Heels und dass ich aus Dithmarschen komme kann und will ich nicht abstreiten.
Tja, was macht so eine Frau beruflich? Friseurmeisterin, ausgebildete Visagistin, Lehrerin. Das sind einige meiner geprüften Berufe, nur irgendwie habe ich das Gefühl, noch nicht fertig zu sein…Mal sehen, was die Zukunft bringt. Sicherlich werde ich keine preisgekrönte Schriftstellerin...oder doch?!
Dass ich so bin, wie ich bin, verdanke ich all den Menschen, die mich mit meinen Launen, Ideen, spirituellen Ausflügen und Verrücktheiten lieben und akzeptieren.
Jede Geschichte hat einen Anfang und mein Anfang war die Begegnung mit einer bemerkenswerten Person! Es wurde eine ganz besondere Verbindung, bis über deinen Tod hinaus.
„Hallo Tante Mariechen, gerade heute ist eine deiner letzten Vorhersagungen eingetroffen. Ich denke immer noch sehr viel an dich, du warst eine sehr wichtige Person in meinem Leben.
Vor vielen Jahren lernte ich dich im Teeny-Alter kennen.
Heider Jahrmarkt, 1992: Es war ein regnerischer Tag (wie immer, wenn hier Jahrmarkt ist). Der Wind wehte die süßen, karamelligen Düfte der Bonbon-Stände zu mir. Leicht beschwipst und übermütig waren wir mit dem Motorradclub unterwegs. Irgendwann standen wir alle vor deinem kleinen, alten Wohnwagen. In den Scheiben hingen Zeitungsausschnitte von dir (Hellseherin findet verschwundene Frau, Wahrsagerin arbeitet mit Polizei zusammen, Maria Linde hilft). Meine Jungs sagten: "Schau mal, ne Hexe auf dem Jahrmarkt!" Es ging hin und her, es wurde gelästert, doch keiner traute sich, dich mal kennen zu lernen. Da ich einige Fähigkeiten von meiner Oma habe, dachte ich mir: "Ich werde dich mal "testen", eigentlich eher belustigt. Ich klopfte an deine Tür, angefeuert von meinen nicht so mutigen Biker-Freunden und kam mir bis zu diesem Zeitpunkt sehr mutig vor. Mit einem lauten, quietschenden Geräusch öffnete sich langsam die Tür. Im schummerigen Licht der Abenddämmerung über dem Heider Marktplatz konnte ich sehen, wie sich eine Hand mit langen, gepflegten Fingernägeln langsam durch die Tür schob und mich lockend ins Innere des spärlich beleuchteten Wohnwagens winkte. Vorsichtig setzte ich den Fuß auf den Gittertritt, der als Treppe diente und trat ein.
Tante Mariechen, ich hatte vieles erwartet, aber schon allein dein Anblick entsprach nicht meinen Vorstellungen. Du warst angezogen, wie eine "Mary Poppins". Eine Lady aus vergangener Zeit. Deine Gesichtszüge waren gütig und lieb. Deine Augen durchdringend und fesselnd. Die Haut deines Gesichts zeigte, dass du sehr gepflegt bist, konnte die Spuren der Zeit allerdings nicht wegwischen. Dein Alter war schwer zu schätzen (damals warst du ca. 70 Jahre alt).
Ein seltsam vertrautes Gefühl war zwischen uns. Du fragtest mich, was ich von dir erwarte. Meintest, ich könnte mir doch vieles selbst beantworten. Du hast es sofort an meinen Augen gesehen! Ohne weiter zu zögern, sagtest du mir auf den Kopf zu, dass ich nur eingetreten sei, um dich auf die Probe zu stellen. Ich war ehrlich und bejahte es. Daraufhin hörte ich deine angenehme, in sich ruhende Stimme: "Ich will kein Geld von dir, ich will dich überzeu gen! Du hast selbst „Fähigkeiten“, vielleicht öffnet es dir die Augen und du nutzt sie endlich."
Schon in diesem Moment taten mir meine Frechheit und mein Verhalten dir gegenüber leid. Du hattest es gar nicht nötig, dich von einem aufmüpfigen Teeny, wie mir heraus fordern zu lassen. Dann sagtest du, dass du eine Reise mit mir machen möchtest.
„Hier auf dem Jahrmarkt nennen mich alle „Tante Mariechen“, ich denke es ist einfacher, wenn wir uns auf das „Du“ einigen.“ Einfühlsam fragtest du, wie ich mich fühle, ob ich alles wissen möchte und du auch in meine Vergangenheit zurück gehen dürftest. Ich nickte wortlos. Unter dem kleinen Tisch schob sich jetzt deine knochig, faltige Hand hervor. Die Haut war dünn, man konnte jede Ader sehen und Altersflecken zeichneten sich deutlich auf der hellen Haut ab.
Ich fragte nach Utensilien (Kugel, Karten,...). Du fingst an zu lachen: "Ich lese aus deinen Augen, während ich deine Hand halte!" Dann begann eine Reise in die Vergangenheit, welche ich nie vergessen werde. Gleichzeitig war es der Beginn einer seltsamen aber sehr tiefen Freundschaft!
Ich spürte die Wärme deiner Hand. Von deinen Augen ging eine solche Faszination aus, dass man dafür keine Worte finden kann. Nicht einmal hatte ich das Bedürfnis, weg zu sehen oder deinem Blick auszuweichen. Behutsam bist du mit mir den Weg zurückgegangen und ich fühlte mich wie in Trance. Du erzähltest mir Dinge, die nur ich allein wissen konnte, beschriebst meinen Opa, hast mir vergangene Erlebnisse wieder vor Augen geführt. Es ging rasend schnell, die Erinnerungen tauchten wie eine schnelle Abfolge von Dias vor meinem inneren Auge auf. Bruchstücke meines jungen Lebens: Spaziergang mit Opa durch den Wald, der alte Dackel (Tobi), du wusstest das es ein Dackel war! Meine Oma, geblümte Kittelschürze, Ostpreußen, Mittagsblümchen, Vorhersehungen und der Tot...
Es waren so viele Dinge, die du gar nicht wissen konntest. Es war die erste Begegnung mit dir. Ich war völlig überrascht, wie genau du Erlebnisse und Personen aus meiner Vergangenheit beschreiben konntest. Dann kam die Gegenwart: „Dein Freund ist einer der Motorradleute da draußen, er betrügt dich. Du verzeihst ihm immer wieder.“ Eine Spur von Traurigkeit zog in dein Gesicht. „Du bist auf deiner Lehrstelle unglücklich und wirst dort gehen.“ Deine Augenbrauen schnellten hoch: "Du bist von Zuhause ausgezogen! Kindchen, du bist zu jung!" Deine Mimik wurde noch konzentrierter: „Deine Oma bedeutet dir sehr viel. Dein Pferd wurde gerade vor einigen Tagen verkauft. Es war ein schwarzer Hengst“ (Stimmte auch, mein Puschkin). Es waren noch viel mehr Dinge mehr und ALLES stimmte! Dann hast du mich noch einmal gefragt, ob ich die Zukunft wissen möchte. Wirklich alles? Auch das Negative?
Wieder nickte ich. Wissend, dass alles, was ich erfahren würde zur Realität wird.
„Deine beste Freundin wird dich mit deinem jetzigen Freund betrügen. Sei nicht zu betrübt darüber. Du wirst noch einige interessante Männer kennen lernen und dieser ist nicht gut für dich.“ In deinen Augen sah ich den Blick einer weisen Frau. Der Druck deiner Hand verstärkte sich. „Einer deiner engen Freunde wird durch einen Motorradunfall sterben, noch in diesem Jahr. Deine Nähe wird ihm beim Abschied helfen.“ Dein Blick wanderte jetzt so intensiv in meine Augen, dass ich das Gefühl hatte, du dringst in die Tiefen meiner Seele ein. „Eine Freundin von dir begeht Selbstmord. Du kannst es nicht verhindern. Dir steht die Vernunft im Weg. Das Leben ist von der Geburt an vorbestimmt, mach dir keine Vorwürfe.“ Ich benetzte mit der Zungenspitze meine trockenen Lippen und merkte, wie ich innerlich zusammensackte. Dieses entging dir keineswegs. Tröstend nahmst du mich in den Arm. Es war ein seltsames Gefühl von Nähe. Herzensnähe. Meine Gedanken kreisten. Ich konnte mir nicht erklären, warum ich deine Nähe akzeptierte. Selbst in einer Partnerschaft schaffe ich es immer, Distanz zu halten. Zuviel Nähe macht verletzlich und ich hasse es, schwach zu sein.
Während ich versuchte, das bisher Gesagte zu verarbeiten, stieg mir der Duft von heißem Kaffee in die Nase. Fürsorglich schobst du mir den Becher in meine Hände. Das heiße Getränk war stark und tat verdammt gut. Schweigend sa ßen wir uns gegenüber. Dein Parfüm duftete intensiv nach Wildrosen. Es war ein schwerer Duft, der mich an meine Kindheit erinnerte. Damals war ich viel im Meldorfer Schwimmbad, welches von Rosenhecken umrankt ist. Meine Gedanken schweiften ab. Ein lautes Klopfen ließ mich hochschrecken. „Für dich!“, sagte Mariechen und wies mich an, die Tür zu öffnen. Es waren meine Jungs. „Na, kommst du wieder mit oder willst du bei der Hexe bleiben?“ Fragend sah ich zu meinem Gegenüber. Mit einem Schulterzucken überließt du mir diese Entscheidung. „Ich bleibe noch! Wir treffen uns später!“, rief ich Zottel zu und schloss die Tür. Es war mir so unangenehm, dass du mit „Hexe“ betitelt wurdest. „Geht es wieder?“, fragtest du vorsichtig. Wieder nickte ich. „Du musst nicht weitermachen. Wir können auch einfach nur reden. Dein Lebensweg wird oft sehr schwer und ich bin mir nicht sicher…“ „Alles O.K, bitte mach weiter!“, sagte ich mit leiser Stimme und atmete tief durch.
Erneut legte ich meine Hand in deine. Wieder drangen deine Augen in mich ein. „Du liebst Tiere und wirst viele Hunde retten. Manchmal wirst du verzweifeln, fast innerlich zerbrechen, weil du nicht alle retten kannst. Vergiss nie, du hast ihnen eine glückliche Zeit an deiner Seite geschenkt. Sie werden daran denken, wenn sie gehen.“ Damals war mir nicht bewusst, wie eng mein Leben tatsächlich mit Tieren verknüpft sein wird. Niemals hätte ich vermutet, dass zwei ehemalige Diensthunde und ein weißer Kater die ehrlichsten und treuesten Wesen an meiner Seite sein werden. Aber das steht auf einem anderen Blatt…
Entsetzt weiteten sich deine Augen, deine Stimme senkte sich. „Ein schlimmer Autounfall, der Tot wird nach dir greifen! Du bist die Fahrerin, hast aber keine Schuld. Du wirst es spüren, wenn der Tag da ist. Bringe deine Begleitung vorher nach Hause.“ Eine Gänsehaut kroch mir langsam die Arme hoch. Sogar die Autofarbe und den Fahrzeugtyp wusstest du. „Kindchen, du wirst überleben. Doch selbst in dieser Situation musst du erst an jemand anderen denken.“
„Du wirst eine bekannte Persönlichkeit in deinem Handwerk und internationale berufliche Erfolge erringen. Ich sehe eine Reise nach Paris, von der Stadt wirst du aber nicht viel sehen. Jemand möchte dich danach in eine andere Welt locken, Kanada. Irgendwann wirst du eine neue Ausbildung machen und unterrichten. DAS konnte ich nun gar nicht glauben! Jetzt bin ich Lehrerin.
Wieder dein besorgter Blick. Eine Gänsehaut kroch mir langsam die Arme hoch. „Deine Mutter wird einen Schlaganfall haben. Am Telefon wird sich dein Vater melden und du wirst sofort wissen, um was es geht. Aber alles wird gut.“ Deine Mundwinkel zuckten: “Heirat: Deinen Mann kennst du schon. Mit etwa 30 Jahren werdet ihr heiraten. Du wirst ihn verlassen, er tut dir nicht gut. Bei ihm nimmst du nur den zweiten Platz ein, wobei ich keine weitere Frau sehe. Viele Menschen werden dir von dieser Beziehung
abraten, doch du bist ein Trotzkopf und wirst noch oft an meine Worte denken.“
Deine Mine verfinsterte sich, schnell hast du meine Hand losgelassen. Dieser Blick machte mir Angst. „Du musst dem Tot ein zweites Mal ins Gesicht sehen! Mein Gott, Kindchen! Wenn du 38 Jahre alt bist, wirst du erneut um dein Leben kämpfen müssen. Gib nicht auf, wenn du dass überstanden hast, wirst du alt. Sehr alt. Denke immer an meine Worte. Vergiss nie, dass du eine Kämpferin bist.“
„Eine alte, vertraute Seele wird in dein Leben treten. Ich sehe einen Engel. Aber es ist ein sehr gefährlicher Mann. Er würde alles für dich tun. Du erkennst ihn daran, dass ihr am selben Tag Geburtstag habt. Er wird dich ohne Worte verstehen. Ich sehe einen goldenen Käfig, seine Art dich gefangen zu halten wird dir zuerst sehr liebevoll vorkommen. Du fühlst dich beschützt, doch seine Liebe ist gefährlich für dich und andere. Dein Instinkt wird dich warnen. Vertraue auf deine innere Stimme. Du darfst ihn nicht lieben, auch wenn ihr seelenverwandt seid.“
Ein gütiges Lächeln lag jetzt auf deinem Gesicht. „Du hast jemanden abgewiesen, er wird dich nicht vergessen. Du kennst ihn schon einige Jahre. Die Entfernung steht zwischen euch, er wird dich besuchen. Ihr zwei habt eine romantische Vorgeschichte und er wird deine große Liebe!“
Drei Ereignisse stehen jetzt noch aus. Manchmal macht es mich ganz traurig, dass du so vieles nicht mit mir erleben kannst. Aber du konntest es vorhersehen, das tröstet mich ein wenig. Wir hatten viele schöne Jahre, in denen wir beide versucht haben, uns so oft wie möglich zu sehen. Natürlich ist es ein alberner Gedanke, aber vielleicht sitzt du in diesem Moment mit einem Laptop auf deiner Wolke und liest, was ich hier geschrieben habe. Ich werde dich niemals vergessen.
Es war etwas ganz Besonderes mit einem Engel durchs Leben gehen zu dürfen. Und "Lourdes" werde ich noch nachholen, das ist versprochen. Ich weiß, dass es so sein muss.
Mach`s gut, Tante Mariechen.“
Mein Traum war es, eine tolle Friseurin zu werden. Doch manchmal passieren seltsame Dinge. In meiner Lehre lernte ich als erstes, dass ich niemals so sein möchte wie mein erster Ausbilder. Wertschätzender Umgang mit Jugendlichen liegt mir sehr am Herzen. Gute Leistungen kann man nur erbringen, wenn das Betriebsklima stimmt und der Chef sich umsichtig um das Einhalten der Ausbildungsinhalte kümmert. Mein erstes Lehrjahr hatte nichts mit einer Friseurausbildung zu tun. Der Inhalt meiner Lehre bestand aus: fegen, putzen, Müll rausbringen und Teppich-Fransen kämmen. In der Berufsschule stellte ich fest, dass alle anderen bereits an Modellen arbeiteten und teilweise sogar schon kleine Arbeiten am Kunden machen durften. Fazit: Es musste gehandelt werden.
Ich brach die Ausbildung (die eh keine war) ab und bewarb mich in anderen Friseurbetrieben. Der neue Ausbildungsbetrieb war sehr bemüht, meine mangelnden Kenntnisse auszugleichen und mich gut durch die Prüfung zu bekommen. Harte Arbeit kam auf mich zu, ich hatte Glück mit meinem neuen Chef. Dieser schickte mich zu Seminaren und Berufswettkämpfen. Diese wurden zu einem Hobby von mir. Sich auf der Bühne mit anderen Friseuren zu messen, war ein unglaublich gutes Gefühl. Mein Selbstbewusstsein wuchs. Meistens schaffte ich eine Platzierung unter den ersten fünf Teilnehmern. Einer der Teilnehmer war Axel Hensen. Er startete bereits in der Sonderklasse und war/ist einer der besten Friseure des Landes. Keine Ahnung, wie oft ich zwischen den Zuschauern stand, ihm bewundernd die Daumen drückte und ihm beim Arbeiten zusah. Während die anderen Teilnehmer hektisch am Frisieren waren, führte Axel die geforderten Aufgaben betont langsam und konzentriert aus und holte sich einen ersten Platz nach dem nächsten. Sein Chef war damals Landesinnungsmeister und selbst ein erfolgreicher Preiskämmerer. Heute ist Axel einer meiner besten Freunde und oft lachen wir gemeinsam über vergangene Ereignisse. Axel bewegte sich immer sicher und angemessen, egal in welcher Gesellschaft. Wohingegen ich jedes Fettnäpfchen mitnahm und keine Peinlichkeit ausließ.
So erinnere ich mich noch an einen Tag, an dem mich eine Verkettung unglücklicher Umstände komplett aus der Bahn warf. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Neue Arbeitsstelle. Der erste Tag ist immer der Schlimmste. Glücklich, dass das Klingeln des Telefons meinen Einsatz forderte, lief ich schnell zum Rezeptionsbereich. Zu schnell. Die Pfütze neben dem Rückwärtswaschbecken hatte ich nicht gesehen. Ungewollt, jedoch schwungvoll, riss ich das rechte Bein in die Luft, während ich mit beiden Armen rudernd schnell vorwärts schlidderte. Mein außer Kontrolle geratenes Hinterteil machte Anstalten, mich auf den Rücken fallen zu lassen. Ich wirkte dieser Kraft entgegen, indem ich mich mit voller Wucht nach vorne warf. Der Chef kam mir entgegen. Entsetzt schreiend, fiel ich mit weit geöffnetem Mund vorwärts. Mit einem dumpfen Geräusch landete ich auf dem Fuß des Friseurmeisters. Jetzt schrie der Chef und zwar noch lauter als ich zuvor. Er trug Sandalen. Hinkend eilte er davon und hinterließ eine Blutspur. Benommen rappelte ich mich auf und betastete mit den Fingern meine Schneidezähne. Angewidert betrachtete ich den weichen Fremdkörper zwischen meinen Fingern. Es handelte sich um die blutige Haut des großen Zehs meines Chefs. Selbst die Ärzte staunten über diese Geschichte. Während mir eine Zahnärztin die Haarrisse in meinen Schneidezähnen versiegelte, wurde die Bisswunde meines Chefs versorgt. Die beste Antwort auf die Frage einer Kundin, warum der Friseurmeister humpelt war: „Alexa hat den Chef gebissen!“
Heute bin ich Lehrerin und nutze diese Geschichte für meine Schüler, um das trockene Thema Arbeitssicherheit aufzulockern.
Doch schlimmer geht’s immer.
In Hamburg fand ein zweitägiges Seminar einer Kosmetikfirma statt. Mein Chef hatte mich angemeldet. Das war toll. Das Seminar fand in einem schicken Hotel statt. Ungünstig war, dass ich vorher noch in Frestedt auf dem Motorradtreffen war. Hauke war mein erster, fester Freund und ein Vollblut-Biker. Motorradtreffen waren mir neu und ich war völlig unpassend gekleidet: Zerrissene Jeans, schwarze Stiefletten mit hohem Metallabsatz und ein schlichtes schwarzes Shirt. Nach einer durchfeierten Nacht machten wir uns direkt auf den Weg nach Hamburg. Haukes Bikerboots waren noch voller Matsch, der auf der Fahrt nach Hamburg verhärtete. Der alte Ford Capri stand jetzt direkt vor dem Eingang des noblen Hotels. Hauke liebte seinen Wagen und reagierte erbost, als das Hotelpersonal ihn anwies die „Dreckschleuder“ vom Eingangsbereich zu entfernen. Mit durchdrehenden Reifen machte der alte Capri dem Begriff „Dreckschleuder“ alle Ehre. Der elegant gekleidete Herr am Eingang konnte gerade noch zur Seite springen, als die Frestedter Koppel-Parkplatz-Brocken durch die schnellen Drehbewegungen der Reifen in alle Richtungen flogen. Endlich war der Wagen geparkt.
Schon während der Fahrt hatte ich mich schnell im Wagen umgezogen. Hauke hingegen hatte noch seine Kutte an, trug eine schwarze Schnürlederhose und die dreckverkrusteten Boots.
Die Dame an der Rezeption zog die Augenbrauen hoch und musterte uns. Ich checkte ein und bekam den Zeit- und Raumplan für das Seminar. Mein Zimmer war im zweiten Stockwerk. Langsam setzte sich der Fahrstuhl in Bewegung. Als sich die Fahrstuhltür öffnete, stellte Hauke fest, dass es einen Schuhputzautomaten gab. Begeistert steckte er den mit Schlamm verkrusteten Stiefel in die dafür vorgesehene Öffnung. Schnurrend machte sich der Automat an die Arbeit. Schnell stellte Hauke fest, dass der Automat für so grobe Arbeiten nicht ausgelegt war. Er fing an, seltsame Geräusche zu machen und verlangsamte die rotierende Bewegung. Die Geräuschkulisse wurde lauter, es bildete sich ein Häufchen aus graubraunem, mittlerweile feingemahlenem Dreck. „Krax“ war das letzte Geräusch, mit diesem stellte der Schuhputzautomat die Arbeit ein.
„Hmmm…das war`s wohl mit dem Teil.“ So unauffällig wie möglich entfernten wir uns, der Flur des Hotels war mit einem robusten Teppich ausgelegt, in dem sich unterschiedliche Rottöne abzeichneten. An den Wänden hingen Kunstdrucke verschiedener Künstler. Diese wurden durch dezente Beleuchtung geschickt in Szene gesetzt. „Hier ist dein Zimmer, ich bring dir noch die Taschen rein und mach mich dann vom Acker!“ Ich schloss auf, Hauke gab mir noch einen Kuss und verschwand.
Das Hotelzimmer war großzügig geschnitten, relativ modern eingerichtet und verfügte über „Extras“. Ein Dithmarscher Landei wie ich in einem noblen Hotel in einer Großstadt…ich fing an, meine Kleidung einzuräumen und mich umzusehen. An der Wand stand ein großer Schreibtisch, auf diesem lag Briefpapier mit dem Logo des Hotels. Ein netter Gedanke, wann schreibt man schon mal Briefe?! Die Schreibtischlampe ging wie von Geisterhand an als ich mich auf den Stuhl am Schreibtisch setzte.
Etwas irritiert huschte ich mit schnellen Bewegungen vor der Lampe hin und her, doch sie blieb an. Keine Ahnung, wie das funktioniert, ein Schalter war auch nicht zu entdecken. Zwei Stunden noch bis zum Seminarbeginn: Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, könnte ich den Lieben zuhause einen Brief schreiben. Sorgfältig legte ich das Briefpapier auf die mit schwarzem Leder unterlegte Schreibtischfläche und begann zu schreiben. Schwungvoll schrieb ich in schönster Schrift ein letztes Grußwort an meine Eltern und steckte den Brief in ein Kuvert.
Nun begann erneut der Kampf mit der widerspenstigen Schreibtischlampe. Das Ding ging nicht aus. Ich verfolgte das Kabel, kroch unter den Tisch und suchte einen Ausschaltmechanismus. Fuchteln mit beiden Händen half auch nichts. Genervt versuchte ich, die Glühbirne rauszudrehen. „Verflucht, ist das Ding heiß!“ Mit meinem T-Shirt umfasste ich die Birne, schraubte sie aus der Fassung und legte sie neben die Lampe.
Mit Anlauf sprang ich nun in das große Bett, reckte und streckte mich und stellte fest, dass ich hundemüde war.
Von daher besser schnell raus aus den Federn und ab unter die Dusche.
Ich betätigte den Lichtschalter und vernahm gleichzeitig das surrende Geräusch einer Lüftungsanlage. Das Badezimmer war klein, aber sehr elegant. Ein großer, beleuchteter Spiegel ging fast über die ganze Wand. Das heiße Duschen tat gut und weckte langsam wieder meine Lebensgeister. Schnell trug ich ein Make-up auf, tuschte mir die Wimpern, zog mir einen klassischen Lidstrich und griff zu meinem Lieblingslippenstift: Knallrot. Langsam wuchs meine Aufregung. Ein Seminar in Hamburg, viele fremde Friseure, Seminarleiter…werde ich den Ansprüchen gerecht? Herzklopfen, feuchte Hände, fast wie beim Preisfrisieren.
Der Hotelföhn hing an der Wand, ich griff zu, doch bedachte nicht, dass ich schon wieder schnittige Hände hatte. Der Föhn entglitt mir und landete schwungvoll mit einem krachenden Geräusch an der Wand. Betroffen sah ich die abgebrochenen Gehäuseteile auf dem gefliesten Boden liegen. Ich schaute in den Spiegel und sagte mir: „Wird schon Schätzchen!“ Mit einem gezielten Griff in die Handtasche zog ich mein samtbezogenes Haargummi raus und fasste meine wilde Mähne zum Zopf zusammen. Nun spitzte ich die Lippen, verpasste dem Spiegel einen roten Kussmund und kleidete mich an.
In dem Umschlag mit den Seminarunterlagen war ein Namensschild, dieses steckte ich mir an und ging zum Fahrstuhl.
In der Empfangshalle angekommen, erkundigte ich mich nach dem Seminarraum. Freundlich wies die Rezeptionistin mit dem Finger auf eine große, beleuchtete Tafel. „Wer lesen kann, ist klar im Vorteil“, schoss es mir in den Kopf. Unsicher machte ich einen Schritt zurück und trat mit meinem Pfennigabsatz auf eine weiche Erhebung hinter mir. Die hübsche Dame hinter mir hatte Tränen in den Augen und biss sich auf die Unterlippe. Ein Blick auf ihre Füße verriet mir, dass sie Ballerinas trug und ich hatte sie voll erwischt. Noch bevor ich mich entschuldigen konnte, blieb mein Blick an dem Namensschild an ihrem Blazer hängen. Sie hatte meines auch bemerkt und streckte mir tapfer lächelnd die Hand entgegen: „Kertis, ich bin Ihre Seminarleiterin.“
Das Seminar war sehr interessant und lehrreich. Viele der Teilnehmer stellten sich als hochnäsige „Föhntussis“ heraus, die sich für etwas Besseres hielten und deutlich älter waren als ich. Klar, dass sich ein Landei wie ich in dieser Gesellschaft unwohl fühlte.
Ausgehungert begab ich mich am Ende des Tages mit den anderen Teilnehmern zum Büfett. Durch die Glastüren hatte man Einblick zu den beiden nebeneinanderliegenden Räumen des Restaurants. Ein kurzer Gang durch den Restaurantbereich, in dem sich meine Mitstreiter versammelt hatten, verriet mir, dass nicht nur die Gesellschaft, sondern auch das Essen nicht nach meinem Geschmack war. Es wurden hier kleine Häppchen, Lachs, Kaviar, Grünkernsuppe, Krabben und dergleichen angeboten. Gut, ich wohne an der Nordsee, mag aber keinen Fisch. Alles, was aus dem Wasser kommt, kann von mir aus drinnen bleiben. Dazu kommt: Wenn ich Hunger habe, brauche ich was Vernünftiges! Häppchen und Grünkernsuppe gehören also nicht zu meinen Favoriten.
