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Die Aufgabe, die ich mir für diesen Weg gestellt habe, lautet: Erinnerung. Kartoffelkäferzeit hieß das Buch über die Nachkriegszeit, das meine Enkelin Magdalena ihrer Klasse vorstellen musste. Das genau war die Anregung für mich, der Familie aus meiner Kartoffelkäferzeit zu erzählen und dies meinen Enkeln Magdalena, Clara und Guillaume zu widmen. Die Mehrzahl meiner Erlebnisse und Erfahrungen sind - wie bei jedem - ins Vergessen zurückgefallen. Denn das Gedächtnis sondert das Eine aus und setzt Anderes an dessen Stelle, oder neuere Einsichten und Eindrücke überlagern früher Erlebtes. Blicke ich zurück, drängt eine Flut von Bildern heran, alle ungeordnet und zufällig. Im Augenblick des Geschehens verband sich kein besonderer Gedanke damit, und erst nach Jahren kam ich dazu, die verborgenen Wasserzeichen in den Lebenspapieren zu entdecken, womöglich zu lesen und zu verstehen! Auf den Reisen in die Vergangenheit suche ich nach Sinn und Wahrheit. Ist das möglich?
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Seitenzahl: 268
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Motivation Juliane!
Ohne Julianes Ermunterung und Kritik wären diese Ausführungen bzw. „Geschichten“ aus einem langen Leben wohl gar nicht in Angriff genommen worden!
Im Zusammenhang mit dieser Arbeit denke ich an acht gute Geister!
Für ihre Geduld und freundliche, gütige Kritik danke ich:
Dorothee Gerike, Magdalena Müller Beißenhirtz,
Sabine Schmidt, Helga Blume, Haike Hartmann,
Thies Reichow und Jürgen Westphal
Für ständige Ermunterung, Verbesserungen und Redaktion:
Juliane Westphal
Kindheit
Er war noch Fünfzehn
Vom ersten Teesieb bis zur Superküche
Das wachsende Haus
Unser alter Ahornbaum
Warum ich Grafikerin werden möchte
Mein Vater
Workoholic
Vorwort seines Katalogs
Greifswald
Heimat
Ängste
Lehre
Magdalena fragt nach Geschwistern…
Theater Egmont
Drei Jahre Lehrzeit sind lang – glücklicherweise unterbrochen durch sommerliche Reisen!
1950 Reise Schweden
England 1952 – Eine Reise ins Unbekannte
Rückkehr in die Schule
Musik
Grafikstudium
TIBESTI-Wettbewerb
Das Vielzweckhaus
Vom Wunsch bis zur Verwirklichung…
Erinnerung an die Sonderschauen „Du und Deine Welt“
1965 „Dein Beruf – Freude und Erfolg“
Ein später Dank
Noch eine Ausstellung?
Von der Grafik bis hin zur Unternehmens-PR
Alltag in meinem Büro – Kein Tag glich dem anderen
Segeln
Margrit erinnerte mich!
Segeln als Netzwerkhilfe
Mode
Jürgens Kommentar
Die Freundschaft mit Hilda
Eine wachsende lebhafte Familie
Cornelia und der Lesekreis
Willkommen im Klosterstieg – so hieß Ulrikes und Julianes Straßenfest
Kleine Retrospektive nach zwölf Tagen Reise – Daniela und Jürgen mit Cornelia und Florian 1982
Südafrika und Zandkraal
Messe in Sant‘ Ambrogio
Die Freundschaft mit Liselotte von Rantzau
Zurück zum Projekt Zandkraal
Reisetagebuch Januar 1977
Notizen über die Parlamentseröffnung am 21.1.1977
Ablauf der Eröffnung
Englisch will gelernt sein!
Silberhochzeit
Die Geschichte einer Wachsblume – Erinnern in Dankbarkeit!
Mutter Reichows 85. Geburtstag am 13. Oktober 1992, Glückwunsch-Rede von Daniela
DDR – Kurze Tagebuchnotizen
Der aufregende Mauerfall – und wie wir gänzlich überrascht wurden
Wendezeit
„Besuch in Hoppegarten“ und andere Gutachten
Reisen in den äußersten Südosten Deutschlands – die Oberlausitz
Fastentuch
ZONTA ist Begegnung
Einige ZONTA-Ereignisse, an die ich mich besonders erinnere
Treffpunkt Odessa
Es kamen 17 interessierte Zuhörer und die Autorin von „Wer ist Martha“
Magdalena – Eine früh begonnene Freundschaft
Vorschulreisen
Wandern mit den Enkelinnen
Eine besondere Freundschaft: Begegnung mit „Mutter Liese“
Ehrenämter - warum Ehrenamt?
25 Jahre später
Radfahren ist schön!
Neugier hat uns zu etlichen interessanten Reisen verführt
Goldene Hochzeit
Diamantene Hochzeit
Andere Feste
Corona Zeiten im Jahr 2020…
Der witzigste Flohmarkt des Jahrhunderts
Später Fund
Zum 21. Mai 2021 – Danielas 89. Geburtstag
Kurzer Lebenslauf
Fotonachweis
Die Aufgabe, die ich mir für diesen Weg gestellt habe, lautet:
Erinnerung.
„Kartoffelkäferzeit“ hieß das Buch über die Nachkriegszeit, das meine Enkelin Magdalena ihrer Klasse vorstellen musste. Das genau war die Anregung für mich, der Familie aus meiner „Kartoffelkäferzeit” zu erzählen und dies meinen Enkeln Magdalena, Clara und Guillaume zu widmen.
Die Mehrzahl meiner Erlebnisse und Erfahrungen sind – wie bei jedem – ins Vergessen zurückgefallen. Denn das Gedächtnis sondert das „Eine“ aus und setzt „Anderes“ an dessen Stelle, oder neuere Einsichten und Eindrücke überlagern früher Erlebtes.
Blicke ich zurück, drängt eine Flut von Bildern heran, alle ungeordnet und zufällig.
Im Augenblick des Geschehens verband sich kein besonderer Gedanke damit, und erst nach Jahren kam ich dazu, die verborgenen „ Wasserzeichen“ in den Lebenspapieren zu entdecken, womöglich zu lesen und zu verstehen! Auf den Reisen in die Vergangenheit suche ich nach Sinn und Wahrheit. Ist das möglich?
Dies ist ein Sprung in die Vergangenheit weit vor der Flucht aus Stettin im Jahre 1945.
Mein Geburtsort Dresden war mir im Grunde genommen nur aus Erzählungen und Fotos bekannt. Da gab es ein Foto, auf dem meine Mutter mit meinem Bruder Dirk und mir auf den Treppen zum Festspielhaus Hellerau sitzt. Von dem Elternhaus dort besitze ich keine Fotos. Jetzt sind die restaurierten Häuser an der Einfahrt hilfreich für die Vorstellung, wie das Elternhaus einmal gewesen sein muss. Man hat im Jahre 1936 den größten Teil der Künstlerhäuser abgerissen und durch Kasernenbauten ersetzt. Was war Hellerau? Eine “pädagogische Provinz“ sagt Peter de Mendelssohn, der aus seinem Hellerau schon 1934 flüchten musste. Über die Bedeutung von Hellerau habe ich das Meiste erst nach der Wende gelesen.
Damals, wenn ich in Dresden zu tun hatte, habe ich den Taxifahrer – vom Flughafen Klotzsche kommend – um eine Schleife durch Hellerau gebeten. Daher sind mir Restaurierungsfortschritte immer zum Bewusstsein gekommen, besonders weil der Festspielhaus-Komplex noch lange von Russen besetzt war. Jetzt erst, nach dem Jahre 2000, kann man wieder von einer Nutzung durch kulturelle Aktivitäten sprechen. 2005 hatte der Chef des Frankfurter Balletts die Hälfte seiner Aktivitäten dorthin verlegt. Hellerau, die erste deutschen Gartenstadt (1907), hat nach der Wende endlich auch in Westdeutschland Beachtung gefunden. Inzwischen ist die kulturelle Evolution, die mit dieser Gartenstadt verbunden war, häufig beschrieben worden.
Von Dresden wird immer behauptet, es sei rückwärtsgewandt. Wie anders war das aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es gab die Wiener Werkstätten erst wenige Jahre, als in Hellerau die deutschen Werkstätten gegründet worden sind. Der gleiche Wolf Dohrn, der den „Deutschen Werkbund“ mit gegründet hatte und dessen erster Geschäftsführer er war, hat in Hellerau außerordentlich stark gewirkt. In die Wiederbelebung des Festspielhauses – nach dem Scheitern des Bewegungsinternates Dalcroze – hat er sogar sein Privatvermögen eingebracht. Vieles von dem Reformgeist Helleraus hat meine Eltern geprägt. Wir besaßen dort erworbene Möbel, an die ich mich aus unserem Hause in Stettin erinnere; meine Mutter hat geschildert, was ihr in Hellerau besonderen Eindruck gemacht hat. Dazu gehörten vor allem Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Schnack, der Künstler und Verleger Jakob Hegner und der Schauspieler Erich Ponto, der dort Zaun an Zaun mit uns wohnte.
Jetzt erst habe ich die sozialen Reformen, die Hellerau ausmachten und die gute Arbeit der Architekten begriffen. Sie bauten kleine Reihenhäuser für die Arbeiter der Deutschen Werkstätten. Jeder hatte seine eigene Haustür und einen Minigarten. Winzig, aber stilistisch gut sind sie heute wieder wie Schmuckstücke anzuschauen. Mich hat es sehr bewegt, als ich 1984 bei einem ganz flüchtigen Besuch in dem gänzlich heruntergekommenen Hellerau begriff, was diese Künstler und Handwerker damals 1909 wollten, als sie die künstlerischen Formen auch in der handgefertigten Serie von Möbeln zu produzieren gedachten. Heute kann man vor Ort viele Informationen über die Geschichte von Hellerau bekommen.
Ein schönes Erlebnis hatte ich zusammen mit Enkelin Magdalena auf der Vorschulreise, die ich mit ihr nach Dresden unternommen habe. Wir kamen mit der Straßenbahn nach Hellerau. Es war zufälligerweise der 90. Geburtstag des Festspielhauses und der wurde mit Filmen und Vorträgen gefeiert. Magdalena kann sich nun auch vorstellen, wie der Ort war, wo das inzwischen zerstörte Elternhaus ihrer Großmutter gegenüber von dem Festspielhaus gestanden hat. Sie wollte auch alles fotografieren und bei den jungen Mädchen, die die Cafeteria an diesem Tage betreuten, mithelfen.
Natürlich habe ich mich oft gefragt, warum unsere Familie nur so kurze Zeit in Dresden gelebt hat. Nicht nur Peter de Mendelssohn, sondern auch der Chef meines Vaters, der hoch geschätzte Stadtbaurat Konert, wurden beide nach 1933 aus politischen Gründen entlassen. Mein Vater wollte ohne diesen reformorientierten Chef nicht in Dresden bleiben. So ging er für zwei Jahre als Städtebauer nach Braunschweig. 1936 wurde er Stadtbaurat in Stettin. An die Zeit in Braunschweig erinnere ich mich nur wenig. Wir wohnten im Zuckerbergsweg.
Um das Eckhaus herum ging es zu Nachbarn, die das kleine vierjährige Kind niedlich fanden und immer Süßigkeiten zur Hand hatten. Meine Mutter fand dies schlecht. Da ich aber nicht ablehnte, vielleicht aus Schüchternheit, hängte sie mir ein an einem Silberkettchen angebrachtes Stück Knäckebrotkarton um den Hals auf dem stand: „Ich darf nichts annehmen.“ Lesen konnte ich damals noch nicht, aber vielleicht wusste ich doch, was erwartet wurde.
Ob ich mich darum kümmerte?
Im Herbst 1936 zogen wir übergangsweise nach Stettin- Finkenwalde in ein schönes Haus zur Miete, mit Garten und mindestens einem Kachelofen. Mein Vater suchte zu der Zeit ein Grundstück zur Bebauung. Finkenwalde war für uns zwei Kinder, Dirk und mich, auch deswegen von Bedeutung, weil wir viel miteinander spielten. Dabei hatte ich allerdings ziemliche Angst, in eine mit Brettern überdachte Höhle zu kriechen. Sie hätte ja einstürzen können.
Tat sie aber nicht. Einmal rannte ich zu schnell zur hinteren Küchentür. Es gab einen starken Windstoß, und ich verlor die Gewalt über die Tür. Diese knallte zu, und meine Finger wurden im Rahmen gequetscht. Großes Geschrei! Der Arzt musste schienen – und noch heute ist mein kleiner rechter Finger verunstaltet. Außerdem war die Zeit dort bedrückend. Ich erinnere mich daran, wie meine Mutter die Nachricht vom Krebstod ihrer Mutter am Telefon erhielt. Sie hatte damit gerechnet, aber es war dann doch ganz schrecklich! Im August 1937 kam Dorette zur Welt, drei Wochen bevor wir in das neue Haus in Gotzlow einziehen sollten. Für uns Kinder war das aufregend, für meine Mutter aber sehr anstrengend, zumal das neue Haus beileibe noch nicht fertig war. Ich selber habe das später in ähnlicher Weise ja auch erlebt, ein zweites Mal beim Umzug in den Klosterstieg mit vier Kindern!
Finkenwalde war sehr waldreich. In der Nähe war die Buchheide mit dem tief eingeschnittenen Herthasee. Dort wohnte auch die Familie Dohrn, über die ich im Laufe meines Lebens viel gehört habe: ob in Hellerau über Wolf Dohrn oder in Finkenwalde, wo wir ja in dem ersten Stettiner Jahr in der Nähe des Gutes der „Zuckerdynastie“ Dohrn wohnten, die in Stettin Wohltäter waren und deren Sohn Heinrich Dohrn seine umfangreichen Kunstsammlungen dem Städtischen Museum überließ. Später, auf einer unserer vielen Italienreisen, begegnete die Familie mir wieder in Neapel, wo der Meeresbiologe Anton Dohrn ein berühmtes wissenschaftliches Institut baute und in dieser Forschungsstätte sogar Fresken des Münchner Malers Hans von Marées hinterließ. Diese Familie war in unserer Familie oft Gesprächsstoff.
Nun wohnten wir also auf dem Berge in Stettin-Gotzlow mit weitem Blick über die Oder in das pommersche Land hinein. Sechzig Stufen führten zum Hohlweg herunter. Ich musste meiner Mutter helfen, die Rabatten beiderseits der mühsam angelegten Treppe mit Steingartenpflanzen zu schmücken. Sonst konnte ich mich von den schweren Gartenarbeiten fernhalten. Wir Kinder, Dirk und ich, mussten überall kräftig mithelfen, auch beim Rasenmähen.
Es wurden Hecken gepflanzt, leider zu spät für Dorette, die mit ihrem Kinderwagen den ganzen Hang heruntersauste und erst vor der Garagenwand zum Stocken kam. Neben der Garage mussten wir mittags Wache sitzen: das Tor öffnen und erst wieder schließen, wenn mein Vater mit seinem DKW (Deutscher Kleinwagen) in der Garage war. Als hoher Beamter kam er oft schon mittags nach Hause, was aber nicht Feierabend bedeutete. Am Nachmittag bis spät in die Nacht ging es in seinem Arbeitszimmer weiter.
Von 1937 bis 1943 lebte ich in diesem schönen Zuhause. Wir spielten viel, lernten im eigenen Schwimmbad schwimmen, liefen im Winter im zehn Minuten vom Haus entfernten hügeligen Gelände Ski mit Schneepflugbogen oder wir liefen auf den überschwemmten Wiesen Schlittschuh. Dabei wäre ich einmal fast ertrunken. Es waren Schollen auf der Oder, die ganz tragfähig aussahen. Jedenfalls war es tollkühn, von den Wiesen auf den Fluss zu gehen und nicht genügend auf die Schollen zu achten. Kurz vor dem Yachthafen passierte es. Die Scholle zerbrach, ich tauchte empfindlich tief ein, bis ein alter Fischer mich vom Uferrand aus an den Zöpfen herauszog. Triefend und mit einem gewaltigen Schreck in den Gliedern rannte ich nach Hause. Das dauerte zwanzig Minuten. Die Trainingshosen waren nass und schwer. Ich erhielt einen strengen Empfang von meiner Mutter. Sie steckte mich schnellstens in warmes Badewasser. Ich war eigentlich wütend, dass sie so herbe mit mir war. Aber es war ja strengstens verboten, von den Wiesen auf den Fluss zu gehen, da man wusste, dass die Fahrrinne immer offen gehalten wurde.
[Stettin-Gotzlow 1939]
An den Kriegsanfang am 1. September 1939 erinnere ich mich noch gen au. Offenbar war von der Verwaltung bereits einiges für die Bevölkerung vorbereitet! Schon in den ersten Kriegstagen musste ich vor dem Tor des Ortsamtes warten, wo meine Mutter die rosa Lebensmittelkarten für uns holte. Ich weiß noch genau, wie diese Karten aussahen und könnte sie aufzeichnen. Das Mittelfeld mit den Namensangaben, links Abschnitte für Fleisch, oben für Butter und auch noch ein Abschnitt für Kleidung. Später hatten die Karten wechselnd verschiedene Farben. Nur die ersten waren rosa gehalten, die gleiche Farbe übrigens wie unser schönes Haus, das inzwischen wieder voller wurde. Im März 1941 kam Detlef zur Welt, eine Hausgeburt. Die Kinderschwester ließ uns Geschwister morgens zu unserer Mutter und dem Baby hinein. Mein Vater rief aus Hamburg an, wo er gelegentlich städtebaulicher Gutachter war.
Das Haus musste nun noch weiter ausgebaut werden. Dirk bekam ein riesiges Zimmer mit schrägen Wänden im Obergeschoss. Zur Seite der Oder wurde ein kleines Bullauge zur Beobachtung ein- und auslaufender Schiffe eingerichtet. Ein Schiffsregister und ein Fernglas gehörten später zu Dirks Inventar. Außerdem wurde in den Abhang zum Walde, der „Julo“ hieß, im Jahre 1942 ein Luftschutzbunker oder - stollen eingebaut. Von oben führten Treppen in das Tal und unten im Tal, vom Bach aus, ging man ebenerdig in den Schutzraum, der zwanzig Meter gewachsene Erde über sich hatte. Wie oft mussten wir da hinein! Bei Voralarm schnell warm anziehen, durch den Garten zum Waldausgang und schnell die vielen Treppen hinunter. Auch an Notstrom da unten erinnere ich mich. Dieser Bunker wurde wohl erst 1943 fertig, nach dem schweren Luftangriff auf die Innenstadt von Stettin am 20. April 1943.
Dieses Datum brachte auch für mich eine entscheidende Veränderung. Wegen der Gefahr weiterer Bombenangriffe mussten sich zwei Tage später alle jüngeren Oberschüler im Zentrum von Stettin einfinden, um von dort aus in die sogenannte Kinderlandverschickung verbracht zu werden. Mit meinen noch nicht einmal elf Jahren kam ich mit meinem Rucksack und einem Bündel nach Sellin auf Rügen. Wir, die Kinder der unteren Klassen, wurden in einer Art Familienpension einquartiert. Unser Viererzimmer, das „Schwatzkästchen“ getauft wurde, hatte Aussicht auf die Stubbenkammer. Zwar hatten wir jeden Morgen Schulunterricht, aber ich erinnere mich mehr an Geländespiele und Ausflüge, die wir reichlich unternahmen. Trotz Verbots rutschten wir gerne das Steilufer hinunter und dachten uns wenig dabei. Ich fand die Zeit eigentlich sehr schön und mochte die Achtzehnjährige, die die Aufsicht über uns hatte. Die Lehrer waren die gleichen wie in Stettin. So war ich ein bisschen enttäuscht, als ich von meinen Eltern im Spätsommer zurückgerufen wurde, und nach Hinterpommern zu meiner dort lebenden Großmutter geschickt wurde. Was meine Eltern daran besser fanden, als den Aufenthalt auf Rügen, habe ich niemals herausgekriegt. Gefragt wurde ich jedenfalls nicht.
Belgard, heute Bjelograd, ist eine kleine Kreisstadt, etwa zwei D-Zug-Stunden östlich von Stettin gelegen. Nicht mehr mit meinen Klassenfreundinnen, sondern mit zwei alten, schnarchenden Damen, meiner Großmutter und meiner Tante Berta zusammen zu schlafen, war ungewöhnlich und fiel mir schwer. Die beiden Damen wohnten in einer Dreizimmerwohnung, deren Salon weder im Sommer noch im Winter bewohnt wurde. Ein Bad gab es nicht. Das Klo war außerhalb der Wohnung, eine halbe Treppe tiefer und im Winter eiskalt.
Die Schule ließ ich über mich ergehen. Nett war es, mit den Kindern aus einer Schule zusammen zu sein, die von Bochum nach Belgard verlagert worden war. Das waren immerhin Großstadtkinder, und einige aus Berlin kamen dazu. Diese Schule zog ich der Mädchenschule vor, die ich anfangs einige Monate lang besuchte.
[Oma Reichow; 1953]
[Daniela an Mutti; 1944]
Im Spätsommer 1944 hatte Tante Berta gehört, dass es in Kolberg in einem großen Kaufhaus Kleider zu kaufen gäbe. Also nahm sie mich mit auf die „aufregende“ einstündige Fahrt mit dem Bummelzug in das früher so berühmte Ostseebad. Wir erstanden wirklich zwei Sommerkleider: eines, das ich gleich anprobierte und ein gleiches, nur etwas kleiner, für meine Schwester Dorette. Wir waren richtig stolz und konnten noch kurz einen Blick auf die herrliche, noch sommerliche Ostsee werfen, bevor unsere Rückreise fällig wurde. Die Kleider haben wir noch nach dem Krieg im Jahre 1945 getragen, im Kinderheim „Haus Erlenried“ in Groß-Hansdorf (während Mutti im Krankenhaus lag).
Kolberg machte mir damals großen Eindruck, während die Kleinstadt Belgard an Attraktionen zu wünschen übrig ließ. Ich erinnere mich freilich an einen Freund meiner Eltern, den Bildhauer Joachim Utech. Auf meinem Schulweg lief ich durch einen Park, an dem sein Haus lag. Morgens saß er gelegentlich auf der Terrasse und spielte wunderschön auf seiner Querflöte. Mittags hörte ich die spitzen Töne von Hammer und Meißel, mit denen er seine Granitplastiken schuf. Manches Mal wanderten wir auch nach Roggow, dem Dorf, wo Onkel und Vettern meines Vaters auf Höfen wohnten und wo er selbst im Jahre 1899 geboren wurde. Fünf Kilometer hin und zurück waren nicht so wenig! Tante Berta konnte das noch!
Wenn ich fragte, durfte ich gelegentlich ins Kino gehen und einmal auch alleine abends in die schöne große Marienkirche, um dort ein Orgelkonzert des damals berühmten Berliner Organisten Professor Heitmann zu hören. Dass er damals ausschließlich Musik von Max Reger spielte, störte mich nicht.
1973 habe ich Belgard zum ersten Mal nach Kriegsende wiedergesehen. Ich war mit Jürgen auf dem Weg zur Posener Messe. Einschusslöcher erinnerten noch an die Kampfhandlungen. Das Gesamtbild der Stadt war jedoch gut erhalten, ganz anders als Kolberg, das wir auf einer späteren Reise nach Polen etwas ausführlicher besuchten.
Kolberg war im Kriege völlig verwüstet worden. Die große Kirche, welche die Trümmer überragte, wurde – wie häufig in Polen – als erstes restauriert. Inzwischen ist der See- und Kur-Tourismus in Kolberg recht lebendig.
Als die Ostfront immer näher rückte, drängte mein Vater im Januar 1945 meine Großmutter und meine Großtante, mit mir zusammen zu fliehen. Aber die alten Damen wollten dies nicht – und sahen dann einer schrecklichen Zeit entgegen. Ich war erst zwölfeinhalb Jahre alt, als Tante Berta, gut zu Fuß im Gegensatz zu meiner Oma, mich zum Belgarder Bahnhof brachte. Es war fraglich, ob überhaupt noch ein Zug fahren würde. Nach längerem Warten kam ein Zug in Richtung Stettin. Zwanzig Menschen drängten sich in einem Abteil für acht Personen. Kinder in den Gepäcknetzen, wie die Heringe in der Dose sitzende Erwachsene und auf den Stehplätzen auf Koffern hockende Menschen. Normalerweise fuhr man mit dem D-Zug in etwa zwei Stunden nach Stettin. Im Januar 1945, bei der Flucht, benötigten wir 28 Stunden und das bei Eiseskälte. Der Zug blieb immer wieder stehen. Wir hatten Angst vor Tieffliegerangriffen. Alles war stockdunkel und unheimlich. Ich fürchtete mich auch, in der Dunkelheit und Kälte während eines Halts auszusteigen, was nur durch das Fenster möglich gewesen wäre. Ich hatte Angst, dass es mir beim plötzlichen Anfahren unmöglich gewesen wäre, wieder in den Zug zu kommen. Alle waren ängstlich und hungrig. Die Fahrt hörte gar nicht auf!
Dann – endlich – kamen wir über die Oderbrücke. Es war schon der späte Vormittag des nächsten Tages. Nun musste doch bald der Stettiner Hauptbahnhof kommen! Aber Bahnhof? Unter freiem Himmel hielt der Zug plötzlich. Vom zerbombten Bahnhof waren nur die Bahnsteige erkennbar. Für jeden Benutzer, besonders für jedes Kind, war die Orientierung nahezu unmöglich. Endlich fand ich mit meinem Köfferchen den Ausgang und konnte bald das hohe rote Rathaus mit dem Büro meines Vaters ansteuern. Wir waren verabredet, damit er mich nach Hause mitnehmen konnte. Heute frage ich mich, ob die Eltern wohl viel Angst um mich gehabt haben? Schließlich war ich erst zwölf Jahre alt und der Zug kam 26 Stunden später als erwartet an.
Ende gut alles gut? Zunächst ja, denn ich war endlich wieder zu Hause! Das galt aber nur kurz, denn schon drei Wochen später musste es weitergehen nach Westen. Von der Ostseite der Oder her hörte man schon das Grummeln der russischen Kanonen bei Stargard. Die Front kam näher und näher. Zum Glück hatte mein Vater für meine Mutter und uns drei jüngere Geschwister eine Mitfahrgelegenheit auf einem Lastwagen nach Hamburg organisiert. Allerdings war dieser Lastwagen hinten offen und nur mit einer Plane bedeckt. „Nur für vier Wochen,“ sagte mein Vater zu uns. Ob meine Mutter das geglaubt hat? Oder war dies nur ein versuchter Trost? Wieder wurde es eine kalte Nachtfahrt. Nach hinten konnten wir in die Dunkelheit sehen; wir saßen auf Maschinenteilen ziemlich hart und froren. Schließlich war es Anfang Februar. Benzin gab es nicht mehr; daher fuhr der Laster mit Holzgas. Angetrieben wurde der Motor von einem mit Holz befeuerten Generator. Die Straßen mussten wegen der Gefahr von Luftangriffen dunkel gehalten werden. Daher gab es am Auto statt vollem Licht nur kleine Lichtschlitze vorne bei abgedunkelten (!) Scheinwerfern. Wer hatte das geahnt, dass einer langen Nachtfahrt auch noch eine lange Tagfahrt folgen würde? Immer wieder hielten wir an, damit der Beifahrer neues Holz in den großen, tonnenartigen Generator schütten konnte. Das ging nur im Stand. Das Holz lag im Haufen hoch geschüttet vor den Maschinenteilen. Wir hatten kaum Platz. Meine Mutter schleppte einen sehr schweren Rucksack, den sie vom Skilaufen hatte, während wir jeweils nur einen kleinen, von meiner Mutter genähten Rucksack mit uns führten. Irgendwann sahen wir das Ortsschild „Ludwigslust“. Meine Mutter erzählte, dass sie schon früher in dem Schloss Ludwigslust gewesen sei. Eine kleine Erzählung darüber als Abwechslung! Doch leider wurde mir davon nicht wärmer.
Gott sei Dank wurden wir in Hamburg-Rissen von einem Freund meines Vaters, dem Architekten Gutschow, erwartet. Dort wollte man uns aufnehmen. Geschafft!
Aber der Krieg war noch nicht zu Ende. Es war für uns sehr eng in dem Haus Gutschow. Wir hatten für uns nur eine Mitbenutzung der Küche und es war kaum möglich, neben der temperamentvollen und lauten Hausfrau Platz zu finden. Ihr Temperament verstieg sich manchmal auch zu heftigen Diskriminierungen wie zum Beispiel: „Diese hergelaufenen Pommeranzen!“ Ich musste meine Mutter oft trösten.
Unter diesem „Zoff“ leidend fuhr sie in die Nordheide, um dort irgendwo ein anderes Quartier zu finden. Da es dahin nur wenige Züge gab, musste sie über Nacht wegbleiben. Ausgerechnet in dieser Nacht gab es einen der im April 1945 noch häufigen Luftangriffe. Als sie am folgenden Morgen wieder nach Rissen kam, sah sie mit Schrecken ein total abgedecktes Dach und überall herumliegende Trümmer. Als sie einen gebrochenen Dachsparren sah, überfiel sie ein Höllenschreck. Gott sei Dank hatte uns der gut gesicherte Luftschutzkeller vor den Wirkungen der Sprengbombe gerettet. In die Terrasse hatte die Bombe einen riesigen Krater gerissen. Bei der Detonation saßen wir dicht beieinander in diesem Keller, total verschreckt. Da erinnere ich mich, dass sich in dieser Situation die Hausbesitzerin ganz menschlich verhielt. Endlich gab es Entwarnung und wir verkrochen uns in unsere Dachkammern. Alle Fenster waren kaputt. Wir hängten Decken vor die Lücken und versuchten zu schlafen.
Später gaben uns Gutschows ihre geräumige Waschküche, in die wir einen Herd sowie auch Tisch und Stühle stellten. Es gab dort auch eine Außentür, die uns von da an als Haustür diente. Mit Einkäufen, für die wir oft bis zu drei Stunden anstehen mussten – einen Tag gab es Backpulver, an einem anderen mal Mehl – oder auch mit dem Holz für Herd und Ofen nutzten wir diese Außentür. Das werde ich nie vergessen! Am 7. Mai 1945 stand mein Vater mit dem Fahrrad vor dieser Tür. Dankbar war ich und beruhigt, dass fast die ganze Familie zusammen war. Bis zum Herbst 1947 haben wir bei der Familie Gutschow wohnen dürfen.
Lieber Dirk!
Deinen letzten Brief erhielten wir am 22.4.(1945) Wir kamen leider noch nicht so weit, Dir zu schreiben. – Denn die Engländer sind uns bedenklich nahe gekommen. In Harburg sind sie jetzt.
Die Schiffe vor Blankenese, das doch nur 4 km von uns entfernt ist, sind beschossen worden. – Jetzt sind hier immer viele Tieffliegerangriffe. Der Rissener Zug ist auch schon öfter beschossen worden (4 Tote, 10 Schwerverletzte und 15 Leichtverletzte). Man hat jetzt soviel mit dem Heranschleppen der Nahrungsmittel zu tun: man muss immer furchtbar lange stehen, ehe man irgendwas bekommt; z.B. heute ist Backpulver aufgerufen, man steht 3 Std. danach und morgen wird Margarine aufgerufen und man muss wieder 3 Std. stehen! Oder ganz früh morgens beim Schlachter, nur um 2 Liter heiße Brühe zu bekommen! – Nun sind die Russen ja sicher auch bald bei Euch. Aber die Hoffnung geben wir trotzdem nicht auf (!)
– Ich schreibe Dir im Bett, darum die schlechte Schrift.
Viele 1.000 herzliche Grüße von
Daniela
Dirks Weg in den Westen dauerte vom 30 April bis zum 10 Juli 1945. Integriert in den Volkssturm, fand sich seine Kompanie am 30 April in Stralsund und überlegte, wie man die Insel Rügen noch halten könnte. Der Kompanie-Führer kam von der Insel und kannte sich aus. Auch wusste er, die Kompanie noch über den Strelasund zu bringen auf einem alten Schiff. Während der Überfahrt im Morgengrauen hörte man große Detonationen: die Russen zertrümmerten die große Brücke über den Sund und die Insel war nur noch übers Wasser zu erreichen.
Am 1 Mai marschierten die Jungs auf einen Hof etwas nördlich vom Jasmunder Bodden.
In den nächsten Tagen wurde klar, dass alles zu Ende war.
(„Heldentod“ des Führers).
Der Kompaniechef versuchte, seine Truppe noch zum auslaufenden Schiff nach Saßnitz zu bringen. Das Schiff war weg, die Bonzen waren an Bord und die Jungs an Land und ziemlich schnell in Russischer Gefangenschaft. Es ging zurück über den Sund, nachdem man auch bei Bauern nichts zu essen fand und nach Löwenzahn und Spitzwegerich immer noch hungerte bzw. wie Dirk eine schreckliche Ruhr bekam, von der man im Greifswalder provisorischen Lazarett nicht geheilt werden konnte. Daher kam Dirk in die Uni-Klinik Greifswald, wo man ihn – mühsam nur – zu einigen Kräften brachte. Er hatte Glück, dass man Tante Trude in der Klinik kannte und ein Bote ihr die Nachricht brachte. Sie verhalf ihm zu Zivilklamotten ( abgeschnittene Hosen und leichtes Hemd). So konnte er, nachdem er in ein Gefängnis eingeliefert worden war, bei jedem der üblen Verhöre – bis zu 17 Mal in der Nacht und auch tagsüber – bestätigen, dass er ein einfacher Schuljunge war. Das Gefängnis – völlig überfüllt und grässlich – konnte er endlich verlassen. Einige Tage blieb er noch bei Trude Reichow. Ganz in der Nähe war auch Dora Schmidt, mit den kleinen Kindern von Stettin aus geflüchtet, untergekommen.
Dirk kannte unseren, schon länger mit der Familie verabredeten Treffpunkt: bei Konstanty Gutschow in Hamburg-Rissen. Also machte er sich auf einen mühsamen Weg: auf Güterzügen, die Richtung Westen fuhren, kletterte er in das kleine Bremserhäuschen, wurde so unsichtbar und kam erst mal bis Rostock. Dort bekam er bei einer mitleidigen Frau Quartier. Später schlug er sich bis Wismar durch. Auf langen Fußwegen kam er bis ungefähr 35 Kilometer vor Schlutup. Inzwischen war es Anfang Juli. Die Grenze überwanden Dirk und ein Weggefährte mit Glück in einem unbewachten Moment: die russischen Grenzer waren mit einer Gruppe von Landsern beschäftigt. Wie da die „Wachlücke“ glückbringend war! Und dann ging es noch etliche Kilometer zu Fuß bis zur Bundesstraße 75, wo immerhin gelegentlich mal ein Lastwagen kam, der sogar anhielt. Und so erreichte Dirk endlich Hamburg! Nach etwas Suchen kam er nach Blankenese und fünf Kilometer weiter nach Rissen. Am 10. Juli 1945.
[Kalender für 1946]
Ich komme noch einmal auf unsere Ankunft in Hamburg zurück. Wir waren „ohne alles“. Jeder hatte nur einen Rucksack mit dem Nötigsten. Zu kaufen gab es praktisch nichts. Geld hatten wir nicht, denn nach dem Kriegsende gab es keinerlei Verdienstmöglichkeiten. Zuerst haben wir die Küche bei dem netten Kollegen meines Vaters, der uns aufgenommen hatte, mitbenutzt. Aber wir waren inzwischen – mit sechs Personen – eine ziemliche Belastung.
Nach ein paar Monaten durften wir in der Waschküche, wo ein Herd stand, kochen. Aber wo drin und womit? Alle hatten gleich wenig: es gab Lebensmittelkarten, auf deren Abschnitte es selten etwas zu kaufen gab.
Aber irgendwie, auch mit etwas Erfindungsgeist, kam eines zum anderen: zum Beispiel ein sonderbares Teesieb. Mein Vater griff sich eine kleine leere Kondensmilchdose, trennte den Deckel ganz raus, hämmerte den Rand glatt. Dann drehte er die Dose um und schlug mit Hammer und einem Nagel Löcher in den Boden der Dose.
Ein kleines Stück Draht um den oberen Rand der Dose zu biegen, gelang ihm auch. Eine gebogene Öse aus dem Draht wurde zum Griff. Es gab zwar keinen richtigen Tee. Aber irgendwelche Kräuter wie Minze, Kamille u.ä. fanden wir.
Mit der Zeit – also ungefähr ein Jahr nach dem Krieg – hatten wir manches Wiedersehen mit früheren Bekannten meiner Eltern. Die Familie hatte schon vorher Kontakt. Der Bruder meiner Mutter, mein Onkel Herbert, konnte ein Zimmer bei Nachbarn unserer „Wohltäter“ bekommen. Er kam zu uns rüber zum Essen. Glücklicherweise organisierte er auch häufig etwas Essbares.
Sein Zimmer war garantiert nicht geheizt, von unseren zwei kleinen Kammern unter dem Dach hatten wir es nur in einer warm. Nicht etwa, dass es Zentralheizung gab! Ein kleiner eiserner Ofen gab bullige Wärme – wenn wir genug Wurzelholz beschafft hatten – ließ aber den Rauch direkt durch ein Ofenrohr, für das ein Viertel des Fensters geopfert wurde, ab. Mit dem Schlafen, war das auch so eine Sache: es gab glücklicherweise ganz schmale hölzerne Etagenbetten, drei übereinander. Ich musste ganz oben hinauf und konnte mich mühsam zwischen Matratze und Zimmerdecke schieben. Ein Klappbett stand auch in dem Zimmer. Abends klappte Bruder Dirk das Bett runter. Und meine Eltern schliefen in der nicht heizbaren Kammer nebenan. Badbenutzung gab es in der Nähe der Zimmer, alles Weitere spielte sich eigentlich in der schon erwähnten Waschküche ab.
Das Küchengerät ließ sich nach und nach vermehren. Es gab ja Haushalte, in denen auch das eine oder andere entbehrt werden konnte. Holzbrettchen ersetzten Teller. Suppenteller waren eher aus Blech, wenn ich mich richtig erinnere.
– Glücklicherweise fing ja die Schule schon im Herbst 1945 wieder an, also ungefähr fünf Monate nach Kriegsende.
[Essensausgabe - Rotes Kreuz; 1945/46]
„Glücklicherweise“, weil wir dort eine – manches mal die einzige – warme Mahlzeit bekamen. Die ganz dünnen Kinder bekamen gute Suppe vom Schwedischen Roten Kreuz, wir anderen bekamen eine Art Milchsuppe mit Aprikosen darin, gestiftet von amerikanischen Hilfsorganisationen. Große Thermos-Kübel standen auf dem Schulhof und wir standen mit Blechtellern oder einfachen Blechdosen Schlange, um von einem Lehrer eine große Kelle dieser köstlichen Suppe in unseren Topf zu bekommen.
Einmal besuchte uns ein Studienfreund meines Vaters, der nach dem Studium in Danzig geblieben war und dort als Architekt und Denkmalpfleger tätig war, bis er in den Krieg eingezogen wurde. Er kam zu uns aus Lübeck, wo er gelandet war. Er erzählte sehr engagiert, wie er entscheidend mithelfen konnte, dass die Marienkirche in Lübeck nicht unter der Last ihrer schweren Seitenschiffe zusammengedrückt wurde. Die Rettung bestand in den starken Stahlankern, die hoch oben das Mittelschiff nach außen drückten. Dieser Freund, Herr Fendrich hatte schon in der Marienkirche in Danzig mit ähnlichen Problemen zu tun und kam in Lübeck wie gerufen. – Für uns Kinder war sein Besuch aus einem anderen Grunde wichtig: als Gastgeschenk brachte er meiner Mutter eine Schüssel, die er selber aus Alublech, der Rückabdeckung eines Flakscheinwerfers, erst geschnitten und dann selbst gehämmert und damit zur Schüssel gewölbt hat. Ein tolles Geschenk! Ich habe dieses „Ungetüm“ von meiner Mutter bekommen und nur aus Platzgründen im Keller verstaut.
Die Reichowsche Familie kam erst schrittweise in den Westen. Die Ausweisung meiner Großmutter, ihrer beiden Schwestern Berta und Hedwig und deren Mann Max Rettmann aus dem Dorf Roggow bei Belgard muss ungefähr im Sommer 1947 stattgefunden haben. Nachdem meine Großmutter nach einem Schlaganfall lange Monate nicht wieder aufstehen konnte, hatte sie eines Tages Post über den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes bekommen mit der Nachricht, dass ihre Söhne Hans und Arthur sowie ihre Tochter Ruth mit ihren Familien wohlbehalten im Westen lebten. Sie lernte darauf sehr konsequent und mit mühsamen Übungen wieder gehen und war dann sogar in der Lage, zu Fuß zur Ausweisung nach Kolberg zu gelangen. Im Hafen von Kolberg wurden sie und die anderen Familienmitglieder auf ein Schiff verladen und nach Kiel gebracht. Von dort wurden sie gemäß Verteilungsschlüssel nach Hattstedt bei Husum überwiesen.
Von da gelangte sie zusammen mit Tante Berta nach Hannover zu ihrer Tochter Ruth, deren Mann dort als Oberregierungsrat in der Verwaltung arbeitete. Dort lebte sie bis zu Ihrem Tode.
