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Beinahe 40 Jahre lang hat sich Arnaud Maitland hingebungsvoll den Lehren von Tarthang Tulku Rinpoche gewidmet, einem der letzten lebenden Nyingma Lamas, die noch eine vollständige Ausbildung im alten Tibet erhalten haben. In diesem aufrichtigen, breitgefächerten Buch vertieft sich Arnaud darin, was es für ihn bedeutet hat, seinem Lehrer zu folgen und dabei die Erfahrungen zu erforschen, die seine Selbsterkenntnis vergrößert haben. Und was ihn dazu geführt hat, sich Tarthang Tulkus Mission anheimzugeben, die Weisheit seiner Tradition zu bewahren und dabei zu helfen, in der westlichen Welt Wurzeln zu schlagen. Mit Zitaten aus vielen von Tarthang Tulku verfassten Büchern durchwoben, bieten Arnauds lebendige, zartfühlende und schonungslose Erinnerungen eine leicht zugängliche Einführung in das Werk und Denken seines Lehrers und eine engagierte Erzählung vom inneren Wachstum eines hingebungsvollen Schülers. Im Zentrum dieser Geschichte steht das Vertrauen: Vertrauen in die Kraft aufrichtigen Wünschens, Vertrauen, in das, was wirklich, wertvoll, und möglich ist und letztendlich das Vertrauen in Tathagata-garbha, das Herz des Erwachens. Solch ein Vertrauen besitzt die Kraft, das Herz zu transformieren und den Verlauf eines ganzen Lebens zu formen.
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Seitenzahl: 445
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Padmasambhava
Gewidmet Tarthang Tulku Rinpoche
Ohne Vertrauen ist nichts möglich. Mit ihm ist nichts unmöglich.
Mary McLeod-Bethune
Es ist einfacher für eine Schildkröte, ihren Kopf in die Öffnung eines Jochs zu stecken,
das mitten in den Ozean geworfen wurde, als eine menschliche Existenz zu finden.
Wieviel schwieriger ist es noch, einen kostbaren menschlichen Körper zu finden.
Das ist eine einzigartige Gelegenheit und ein besonderer Augenblick!
Deshalb musst du dich von heute an bemühen.
Longchenpa
Investiere in die menschliche Seele. Wer weiß, es könnte ein Rohdiamant sein.
Mary McLeod-Bethune
Vorwort von Tarthang Tulku
Prolog: Mein Leben ist, was ich daraus mache
1. Aufrichtiges Wünschen
2. Was wird aus mir werden?
3. Meine philosophische Frage
4. Meinen Platz in der Welt finden
5. Die Entdeckung einer neuen Welt
6. Die Entdeckung Asiens
7. Business as usual
8. Der Ausbruch
9. An Grenzen gehen
10. Neue Richtungen
11. Der Sprung
12. Die Begegnung mit dem Meister
13. Masterstudiengang
14. Das Herz des Erwachens
15. Dranbleiben
16. Der Bau eines Stupas
17. Wurzeln
18. Nach innen gehen – nach außen gehen
19. Gesten des Gleichgewichts
20. Spiritualität im Business
21. Eintritt in das Mandala
22. Endloser Abschied
23. Läuterung und Erneuerung
Epilog
Anmerkungen
Endnoten
Tarthang Tulku Rinpoche und Arnaud Maitland, 28. November 2018
Von Tarthang Tulku
Arnaud ist seit vielen, vielen Jahren mein Student und Unterstützer. Von der Zeit seiner frühesten Studien am Nyingma Institut an hat er sich hingebungsvoll unserer Mission, den Dharma in den Westen zu bringen, gewidmet. Er hat sehr hart gearbeitet, um die Weisheit zu erhalten, zu schützen und zu präsentieren, die ich glücklicherweise von meinen kostbaren Meistern empfangen durfte. Sei es als ansässiger Lehrer am Nyingma Institut in Boulder, Colorado, als Dekan des Nyingma Instituts in Berkeley, Kalifornien oder während seiner langen Beschäftigung als Direktor von Dharma Publishing. Als Lehrer sind seine breitgefächerten Seminare zu Dharma Themen, in Kum Nye und den Methoden von Skillful Means vielen Leben zugutegekommen. Auch seine ausgedehnten Reisen in Tibet und ganz Asien haben seine Perspektive auf wichtige Weise geprägt.
Arnaud hat innerhalb des Mandalas der Nyingma Organisationen wichtige Beiträge für das Yeshe De Texterhaltungsprogramm geleistet und viele andere Dharma Projekte, die wir weltweit durchgeführt haben, besonders das Schaffen von Tempeln und Monumenten im Odiyan Zentrum unermüdlich unterstützt. Er hat seine Energie in die Herausforderung, seine höchsten Herzensangelegenheiten in wirkliche, greifbare Errungenschaften umzusetzen, gesteckt. Errungenschaften, die auf lange Sicht weit mehr bedeuten als Profit oder persönlicher Erfolg.
So viele von uns kämpfen heutzutage mit äußeren und inneren Hindernissen; in Tibet und anderswo wird es immer schwieriger, den Dharma zu praktizieren. Wir müssen uns dringend Mut machen, Wachstum auf geistiger, körperlicher und spiritueller Ebene zu fördern. Ich bin sehr froh, dass Arnaud darin fortfährt zu versuchen, von Herzen kommend menschliche Güte zu unterstützen, mittels seiner eigenen Bemühungen und den Bemühungen derer, die durch seine Arbeit berührt wurden. Möge er noch viele weitere Jahre darin fortfahren, Menschen auf der ganzen Welt dabei zu helfen, ihr Potential freizugeben.
Mein Leben ist, was ich daraus mache
Es muss an einem späten Vormittag gewesen sein, irgendwann im November 2009. Das Buch, das andere traditionelle Dharmatexte enthielt, die wir herausbrachten - in einer roten Hülle, Titel und Autor dekorativ gesetzt – zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Während ich von der Küche zurück an meinen Schreibtisch im Büro von Dharma Publishing ging, hielt ich am überladenen Bücherregal an. Was hat mich dazu gebracht, genau dieses Buch herauszugreifen und ohne zu zögern es auf dieser Seite zu öffnen, genau an der Stelle mit diesem Zitat?
Zuerst entsteht ein Körper, wenn das Sperma und die Eizelle der Eltern sich im Mutterleib vermischen. Dann tritt Bewusstsein, dem Karma entsprechend, ein. Mittels der Kraft der karmischen Winde erfahren wir verschiedene Formen von Freude und Leid. Nach und nach über einen Zeitraum von Monaten wachsen wir von einem ovalen Ei zu einem Klumpen und stufenweise entwickeln sich Gliedmaßen. In der Wärme des Mutterleibs wachsen wir weiter. Schließlich, nachdem unsere Sinne neun Monate lang unfassbare Qualen erleiden, werden wir durch die karmischen Winde aus dem Mutterleib herausgeschleudert, wie ein Pfeil von einem Bogen. (1)
Plötzlich sind wir hier. Wir erscheinen gerade so wie man ein Ei aufschlägt. Wo sind wir hergekommen? Wo bin ich? Was soll ich hier tun? Dieses Zitat aus Leaves of the Heaven Tree beantwortete mir Fragen, mit denen ich jahrelang gelebt hatte. Beispielsweise, warum unterscheide ich mich so sehr von meinen Brüdern? Körperlich waren wir uns ähnlich, weil wir dieselben „Körper-Erzeuger“ hatten. Wir hatten ähnliche Charakterzüge, weil wir unter denselben Bedingungen aufwuchsen. Aber das, was im Körper lebte, war unterschiedlich: Wir gleichen einander, aber jeder von uns ist einzigartig.
Noch eindringlicher für mich war die Vorstellung, dass zum Zeitpunkt der Empfängnis, wenn Eizelle und Spermium sich vereinigen, noch ein drittes Element hinzukommt, damit es zu einer Schwangerschaft kommt. Das Zitat spricht von Bewusstsein als dem dritten Element. Wie man es auch nennt – Geist, Bewusstheit, Seele – es scheint das Leben mit seinen Neigungen zu bedeuten. Offenbar gibt diese Dreiergruppe dem Leben einen Körper.
In dieser Weise, die Dinge zu sehen, erscheint das Leben als Konstante, während der Körper sich durch die Phasen von Wachstum, Reifung und Verfall bewegt und schließlich zu Staub zerfällt. Ohne den Körper können wir nichts tun. Die Zeit, die wir haben, ist kurz, aus Sicht der Ewigkeit wie ein Atemzug.
Dieser Eröffnungsvers hat in mir das Vertrauen entstehen lassen, dass das Leben den Körper bewohnt. Im Unterschied zum Körper, altert das Leben nicht und das Leben ist dafür vorbestimmt, sein Potential zur Entfaltung zu bringen. Es ist wie ein nicht eingesetzter Samen, den man in einer Küchenlade findet. Wenn du diesen Samen in Erde einpflanzt und ihm die genau richtige Menge an Wasser und Sonnenlicht zukommen lässt, wird daraus die Blume, die ihre Bestimmung erfüllt. Der Samen versammelt alle verfügbaren Energien in sein Gedeihen, in seine Schönheit und seine Heilkräfte. Als man den Buddha bat, die Lehren zusammenzufassen, hielt der Erwachte schweigend eine Blume nach oben. Mein Gedeihen als Mensch: Mein Leben ist, was ich daraus mache.
Es dauerte zehn Jahre, nachdem ich Living without Regret geschrieben hatte, um das richtige Format für dieses Buch zu finden. Schreiben tut mir gut. Wahrscheinlich verletze ich damit sämtliche geltenden Regeln für aufstrebende Schriftsteller. Ich mache mir keinen Plan, ich lege keine Kapitel fest und gliedere die Inhalte auch nicht in Abschnitte. Ich setze mich hin, habe das Hauptthema im Sinn und beginne zu tippen, ohne mich von meinen Gedanken an Anerkennung oder Führung leiten zu lassen. Es gibt keinen bewussten Plan für das, was geschehen wird. Ich beginne mit einer Idee und eine magische Kraft führt mich zu einem Reservoir, das meinem gewöhnlichen Auge verborgen bleibt. Darin befinden sich reichhaltigere Bilder von Erfahrung, neue Verständnishorizonte und bisweilen offenbart sich auf glückliche Weise etwas, was schon die ganze Zeit eine bestimmte Bedeutung erlangen sollte. Ich werde langsamer und lasse in mir aufsteigen, was darauf wartet, ausgedrückt zu werden.
Mit jedem Satz entdecke ich, was dahinter und was innen ist. In den Zwischenräumen scheint ein neues Verständnis hindurch. In diesem Sinne ist Schreiben für mich ein Prozess, in dem mein geheimes oder verborgenes Leben unter meinem äußeren und inneren Leben ans Licht kommt. Innerhalb meiner äußeren Aktivitäten und Erscheinungen, hinter meinen inneren Gedanken und vorhersagbaren Motivationen liegt eine halbgeformte Welt. Hier an der Schwelle von dem, was Rinpoche die heilige Energie, die ich selbst bin, genannt hat, hier entdecke ich die Neigung in meinem Leben und einen inneren Entwurf, der mein Leben dazu befähigt, sein Versprechen zu erfüllen.
Inmitten der Vertrautheit mit dem Geist befindet sich der interessanteste Kontakt, den wir aufnehmen können. Der Geist unterliegt einem dynamischen Prinzip jenseits unserer Vorstellungskraft, und wir zelebrieren etwas, das man Pfad nennen könnte oder vielleicht neue Bewusstheit. Wenn dieses dynamische Prinzip angeregt worden ist, können wir einfach sagen: „Ich habe einen Pfad“ und dabei wissen, dass wir es so meinen und dass der Weg sicher ist. (Teachings from the Heart, S. 13)
Zur Entscheidung, dieses Buch zu schreiben, brachten mich letztlich zwei magisch miteinander verbundene Ereignisse. Erstens bekam ich durch Bob Dylans Rede zur Verleihung des Literaturnobelpreises, aufgezeichnet am 04. Juni 2017, den Schubs, der mich an die Tore des Damms brachte, dessen Inhalt ich kaum zurückhalten konnte. Die Rede von Bob Dylan inspirierte mich durch und durch. Ich muss sie mir schon ein Dutzend Mal angehört haben. Bob Dylan ist für seine Aussage berühmt, die er als Antwort auf die Frage gab, warum er denn ohne Unterbrechung Lieder schreibe: „Meine Bestimmung starrte mir ins Gesicht.“ In seiner Rede stellt er im Detail dar, wie Literatur die wichtigsten Ereignisse beeinflusst hat, die seine Lebenslieder kennzeichnen. Wenn er beschreibt. wie er Buddy Holly auf der Bühne den Song Cotton Fields singen hörte und Buddy Holly ihm dabei direkt in die Augen schaute, während er in der ersten Reihe saß – und er dabei einen Funken in ihm entzündete – tauchte in mir der Gedanke an meine Begegnung mit Tarthang Tulku Rinpoche auf. Kurz danach starb Buddy Holly bei einem Flugzeugabsturz; aber das, was er übertrug, lebt weiter. In mir entstand der Gedanke, dass genau das die richtige Formel für mein Buch sein könnte, die Lieder meines Lebens zu schildern: wie ich zu Tarthang Tulku Rinpoche gekommen bin, was mich dort hat bleiben lassen und wie mir das zugutekam. Das zweite Ereignis geschah in derselben Woche, in der ich die scharfe, monotone, aber seltsam fesselnde Stimme von Bob Dylan hörte, mit der er seine Rede hielt. In dieser Woche war ich mit dem Fahrrad in Münster unterwegs, einer Stadt in Deutschland, wo eines der ersten internationalen Zentren von Rinpoche gegründet worden war. Es war im Juni 2017, gerade warm genug, um ohne Mantel oder Jacke entlang der Cafés Rad zu fahren, die sich entlang der Häuser aufreihten und voll mit Menschen waren, die an ihrem Samstagmorgen Entspannung suchten.
Während ich gemütlich Richtung Stadtzentrum radelte, bemerkte ich plötzlich neue Spruchbänder an den Masten, wo für gewöhnlich Weihnachtsschmuck im Dezember und im frühen Frühling Blumentöpfe hängen. Auf dem gelben Stoff der Spruchbänder stand ausgeprägt in dunkelbraunen Farben geschrieben: Schreibe Dein Buch! Die Stadt kündigte für die kommende Woche einen Schriftstellerkongress an. Ich fasste es als Zeichen für mich auf, genau das zu tun. Ich liebe solche Zeichen glücklichen Zufalls, und so begann ich zu schreiben. Umgehend.
Während ich Konditionierungsschichten durchdrang, stieß ich auf ein Tor nach dem anderen, die ich der Reihe nach durchschritt. Jedes Mal fand ich ein anderes Puzzleteil, welches das dynamische Prinzip in meinem Geist anregte, den inneren Entwurf, der mein Leben zu einem erfüllenden macht. Ich strebte danach, die Ereignisse, aus denen die nächsten 50 Jahre meines Lebens bestehen würden und auf die es ankam, mit dem Buch zu erfassen.
Am Höhepunkt von innerer Offenheit und ohne Vorkehrungen für eine sichere Umgebung im hohen Alter zu treffen, schreibe ich und schreibe und höre auf das, was von selbst zur Sprache kommen will. Jetzt, angesichts der wenigen Jahre, die mir noch bleiben, kann ich nicht darauf warten, was als nächstes kommen wird. Wenn ich schreibe, fühle ich mich am meisten als der, der ich bin: „Arnaud, der unmittelbar in Kontakt ist mit dem, was wirklich zählt, mit dem Leben, das in ihm lebt und dabei vertieft, was sich noch entfalten möchte.“ In diesen Momenten bin ich kein Geschäftsführer, kein Seminarleiter und ich manage auch keine Mitarbeiter:innen oder Geld. Da ist etwas, das man Neuheit oder Rohzustand nennen könnte. Seine formende Energie strebt dabei wie eine Blume nach dem Licht. Offenheit, die sich mit dem Leben verbindet und dabei Hochs und Tiefs erlebt, perfekte Momente des Zusammenseins und schmerzhafte Augenblicke des Streits. In all dem, als roter Faden in meinem Leben, ist Rinpoche, der Meister - die schützende Kette um meinen Hals, der Ring an meinem Finger
Im März 2018 schlug Rinpoche mir vor, ein Buch darüber zu schreiben, wie ich mit ihm in Kontakt gekommen war, warum ich geblieben bin und welchen Nutzen ich daraus gezogen habe. Leise antwortete ich Rinpoche, dass ich bereits damit begonnen hatte. Am 15. Oktober 2018, vor der Schlussredaktion des Buches, gab Rinpoche seinen Segen und damit die Veröffentlichung frei.
Es gibt für mich einige wichtige Punkte, die erwähnt werden müssen. Zuallererst waren alle Leistungen, alle Erfolge während meiner Arbeit für Rinpoches Organisationen, über die ich schreibe, Leistungen und Errungenschaften von Teams. Für gewöhnlich war ich der Teamleiter, der Projektmanager oder der Lehrende, der mit anderen teilte, was er gelernt hatte. Zweitens schreibe ich in diesem Buch wenig über meine Freundschaften und persönlichen Beziehungen. Das wollen wir für uns behalten. (2) Dieses Buch handelt vom Finden eines Meisters und von der Entdeckung, auf einem Pfad zu sein, nicht anders als der Samen, dem günstige Umstände geschenkt werden, um sich zu entfalten und zu erblühen.
Schließlich – und das ist am wichtigsten – schildere oder erwähne ich keine Begegnungen mit Rinpoche, außer einigen wenigen. Würde ich das tun, würde ich Rinpoche auf diese oder jene Weise charakterisieren. Niemals könnte er in irgendwelche Schubläden passen. Ein Meister handelt auf Weisen, die einzigartig sind, manchmal kurzfristig, aber für gewöhnlich langfristig. Hin und wieder galten seine Belehrungen nur mir, dann wieder allen Studenten oder sogar allen Menschen, jetzt und in der Zukunft. Diese Begegnungen in Worte zu fassen, würde Rinpoches kreativer, mitfühlender und gelehrter Art zu sein Unrecht tun. Ich habe großes Glück, in dieser Zeit zu leben, mit Rinpoche, der als Sonne und als Mond in meinem Leben scheint. Niemand kennt mich so wie Rinpoche. Ein Jahr, nachdem ich zu schreiben begonnen hatte, am 4. Juli 2018, erschien Rinpoches Buch Caring.
Mag sein, dass unsere großen Vorbilder Weisheit über die Transformation von Leiden erlangt haben. Wenn Muster entgiftet werden, dann kann aus dem Gift Nektar entstehen. Wenn wir ihnen folgen, sind wir vielleicht in der Lage, vollständige Transformation zu erfahren und schließen endgültig mit den alten und schmerzhaften Mustern ab.
Zugegeben, dies ist eine große Aufgabe. Sie benötigt Geduld, einen großzügigen Geist, Selbstvergebung und tiefe Bewusstheit. Wir müssen gewillt sein, unsere eigene Reise gründlich zu studieren und bereit sein, von unserem eigenen Lernprozess Zeugnis abzulegen. (Caring, S. 238)
Das ist es, was dieses Buch sein soll - eine gründliche Studie meiner eigenen Reise, des Lebens, das in meinem Körper existiert. Wenn ich dem Vorschlag von Rinpoche folge und mich selbst mit den Augen eines Meisters sehe, dann sehe ich Gutherzigkeit und Wert. Welche Inspiration, Liebe und Orientierung, um das meiste aus diesem Leben zu machen.
Überall in diesem Buch werden Sie als Leser Zitate aus mehr als dreißig Veröffentlichungen von Rinpoche finden. Ich habe herausgefunden, dass „…want als je de woorden van een ander in je verhaal gebruikt, worden de woorden op de een of andere manier van jou.“
Aus dem Holländischen, meiner Muttersprache übersetzt: „...denn wenn du in deiner Geschichte Worte eines anderen verwendest, werden die Worte irgendwie zu deinen werden...“ (3)
Om Tarthang Tulku Ah Hum
Mögest du über dein eigentliches Wünschen reflektieren. Mögest du eine detaillierte Geschichte über dein Leben schreiben.
Mögest du mit jemandem zusammen sein, der wirklich gut darin ist, darin, was du am meisten wertschätzt.
In der Nähe eines Meisters
Ich habe Glück... und du auch
Aufrichtiges Wünschen
...und segne mich mit der spontanen Erfüllung meiner tiefsten Wünsche aus einem Gebet an Padmasambhava
Leben formt sich entsprechend unserer Glaubenssätze. Wenn unsere Denkweise, unsere Einstellungen und Überzeugungen auf Probleme fokussiert sind, dann sind das, was wir bekommen, Probleme. Wenn Negativität der Klang unseres Lebens ist, kann nichts Positives passieren. „Wir sind die, die wir denken, die wir sind, und sind die geworden, die wir dachten, die wir wären,“ hat der Buddha verlautbart. Wenn du wissen möchtest, was deine Zukunft bringt, schau dir deine gegenwärtigen Taten an. Wenn wir dem Geist Raum zu sein geben und ein Gefühl innerer Offenheit, gepaart mit einer Haltung des Nicht-Wissens schaffen, dann wird das Leben unseren Herzenswünschen Form geben.
Wenn wir dem Geist erlauben, sich zu entspannen, ihn von der Geschäftigkeit entlasten, die so viel unserer mentalen Energie an sich fesselt, und ihn auf das einstimmen, was das Ganze unseres Seins unterstützt, und besonders den Samen unseres inneren Potentials, dann öffnen sich Pfade, die zu Freude und Sinn führen. Wir hegen bessere Wünsche und der Geist kooperiert bei ihrer Verwirklichung. (Freude des Seins, S. 121)
Da war er, ein großer, attraktiver, reifer Mann in einem grauen Zweireiher mit schwarzen Budapester Schuhen und einem makellosen Scheitel in seinem silbergrauen Haar. Er war der Onkel meines besten Freundes. Während ich durch den prächtigen Garten schlenderte, wäre ich beinahe mit ihm zusammengestoßen. Er stand allein, hinter einem Rhododendronbusch in voller Blüte, und tat scheinbar nichts. Ich hielt an und murmelte eine Entschuldigung. Er sah mich mit einem ermutigenden Blick an. Um mich zu beruhigen, sagte er: „Was wirst du nun tun, nachdem du deine Ausbildung bald abgeschlossen haben wirst?“ „Ich weiß es nicht“, sagte ich unbekümmert. Ich würde mein Studium der Rechtswissenschaften in ein paar Wochen abgeschlossen haben und hatte keine spezifischen Pläne für meinen ersten Job. „Aber eines ist sicher, ich möchte ins Ausland gehen“, sagte ich bestimmt. Ich wurde still, während er durch mich hindurch blickte. Ich fühlte mich gesehen. Vielleicht sah er einen getriebenen, ungestümen, jungen Burschen, der sich der Folgen seiner Handlungen und seiner Wünsche nicht bewusst war. In der darauffolgenden Offenheit an Möglichkeiten nach meinem Collegeabschluss, hatte ich mein Leben zum ersten Mal in meine eigenen Hände genommen und konnte eine Wahl treffen.
Es war nicht ungewöhnlich für uns Niederländer, die in so einem winzigen Land wie dem unseren lebten, ins Ausland gehen zu wollen. Unsere Nachbarländer Belgien und Deutschland waren gerade einmal zwei Autostunden entfernt. Natürlich war der Wunsch ins Ausland zu gehen ein Wunsch, der sich scheinbar nicht von anderen Wünschen unterschied. Dieser Wunsch jedoch war persönlich, aus einer vertrauten Kommunikation mit etwas tief in mir entstanden. Ich hatte ihn jahrelang in meinem Hinterkopf behalten. Ich wusste einfach, dass das mein Herzenswunsch war. Es war ein authentischer Wunsch, ein Chintamani in der tibetischen Tradition, ein wunscherfüllendes Juwel.
Der Onkel meines Freundes erzählte mir, dass er Direktor einer großen Schifffahrtsgesellschaft sei. Mit Büros in Australien, Südafrika, und Südamerika. „Wenn du Interesse hast, treffe dich mit Herrn van Liemt in Rotterdam. Ich gebe ihm Bescheid, dass du kommen wirst.“ Ich habe den Onkel meines Freundes niemals wieder getroffen; er verstarb zwei Monate später.
Die Fähigkeit, die Grenzen des Bekannten zu überschreiten, gehört zu den kostbarsten Schätzen des Menschseins. Jedes Hinterfragen des Vertrauten öffnet Tore zum Wissen und verschafft uns für kurze Momente einen Blick auf weitreichende Perspektiven. An der Schwelle des Erstaunens, das uns zu Unbekanntem und Unvorhergesehenem führt, steht der fragende Geist - mit seiner Fähigkeit aufrichtigen Wünschens - wach, aufmerksam und empfänglich für neue Sinnzusammenhänge. (Befreiendes Wissen, S. 23)
Ein aufrichtiger Wunsch gehört zur Sprache des Herzens, der inneren Stimme. Ein Wunsch, der direkt aus dem Herzen kommt und in dem etwas zum Ausdruck kommt, was zu Dir gehört, der zur Wirklichkeit wird, wenn die Bedingungen reif sind. Das Leben wird Deinen Wunsch zurückspiegeln und Dir Zeichen geben für den nächsten Schritt auf Deiner Lebensreise und wie Du Deinen Wunsch verwirklichst. Die Geste des Onkels meines Freundes war solch ein Hinweis gewesen. Er war ein Botschafter. Wenn Du den Sinn des Zeichens erkennst, kommt vielleicht ein tiefes Gefühl an die Oberfläche, wie eine spontane Erleichterung. Alles, was Du dann tun kannst, ist einfach zu sagen: „Ah, ich weiß es jetzt, und das fühlt sich sicher an.“ Ich hatte mich für das Unbekannte entschieden.
Drei Tage später befand ich mich in Herrn van Liemts geräumigem Büro, direkt am Rhein, dort wo niederländische Handelsgesellschaften seit mehr als dreihundert Jahren die Weltmeere befahren. Er erhob sich mit einem breiten Grinsen hinter seinem mit einer Glasplatte versehenen Schreibtisch, kam mit ausgestreckten Armen auf mich zu, und fragte fröhlich: „Sind Sie der Sohn Ihres Vaters?“ Ohne darauf zu warten, dass sich meine Verlegenheit legte, sprach er weiter: „Ihr Vater und ich gehören zum selben Kreis von Geschäftsleuten. Ihr Vater hat ihn gegründet. Sie sind eingestellt.“
Augenscheinlich wegen meines Vaters öffneten sich einige Türen automatisch, als ob die Welt schon auf mich warten würde. Es schmeckte so gut.
„Aber zuerst müssen Sie einen Einstellungstest bestehen. Machen Sie sich keine Sorgen, Sie werden auf alle Fälle angestellt,“ versicherte mir Herr van Liemt. Natürlich war das Vetternwirtschaft und dennoch könnte bei so einem reibungslosen Verlauf mehr dahinterstecken. Vielleicht war es ein Zeichen, dass ich auf dem richtigen Weg war.
Wenn wir unsere Aufmerksamkeit nach innen richten und einfühlsam lauschen, finden wir möglicherweise heraus, dass unsere Sinne, unsere Gefühle und unsere Bewusstheit uns wertschätzende und freudige Qualitäten vermitteln. Hier in der stillen Offenheit unseres inneren Seins ist es möglich, einepositive innere Stimme zu kontaktieren, die direkt zu uns spricht. (Teachings from the Heart, S. 13)
Fünf Monate später, im Januar 1972, befand ich mich in New York City an einem Standort der Firma Nedlloyd, die selbst Teil eines niederländischen, multinationalen und global agierenden Transportunternehmens war. Können Bedingungen für Glück geschaffen werden? Ich hatte die reale Welt betreten. Wie der Narr im Tarot stand ich am Rande eines Abgrunds und kostete die reizvolle Offenheit des Unbekannten. Ich war für einen Neuanfang bereit, aber unerfahren und unsicher, was mich erwarten würde. Naiv, bereit zu improvisieren – und mit einem Vertrauensvorschuss an die Zukunft.
In vielen Kulturen wurde der Übergang von einem Stadium in ein anderes als eine „Wiedergeburt“ in eine neue Welt angesehen und durch bestimmte Rituale und Zeremonien hervorgehoben. Von der linearen Sichtweise aus betrachtet, sind wir immer dieselbe Person. Aber unser Erleben und Verständnis verändert sich so grundlegend, dass sich von einer anderen Perspektive aus gesehen, unser Selbstverständnis im Verhältnis zu unserer Umwelt völlig wandelt. Wir beginnen mit einer neuen Orientierung, in der wir eine andere Welt entdecken. (Befreiendes Wissen, S. 192)
Was wird aus mir werden?
Häufig stellen Erwachsene jungen Menschen die Frage: „Wenn du erwachsen sein wirst, was würdest du dann gerne sein?“ Teenager befinden sich inmitten eines Reifungsprozesses. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass das Gehirn bis zum Alter von 29 Jahren nicht vollständig ausgereift ist. Erst wenn die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und Risiken auf sich zu nehmen, vorhanden ist, ist das Gehirn voll entwickelt. Was wissen wir schon als Kinder und Teenager? In diesen Lebensphasen sind soziale Interaktionen im Vordergrund. So zu tun als ob wird zu einem Lebensstil; wir lernen unsere Unsicherheiten zu verbergen, während wir der äußeren Welt aufgesetzte Wesenszüge zeigen. Während unserer Teenagerjahre lernen wir wahrscheinlich, uns vor uns selbst zu verstecken. Und nachdem wir im bisherigen Leben noch wenig Erfahrungen machen konnten, wie sollen wir uns da unser zukünftiges Leben vorstellen können, wenn nicht als Projektion eines Bildes von dem, was wir um uns herum sehen? Es scheint wenige Wahlmöglichkeiten zu geben, außer einen Elternteil oder einen Freund/eine Freundin nachzuahmen, den Ratschlägen einer Berufsberatung zu folgen oder einfach nur zu rebellieren. Und hatte ich in diesem Alter wirklich die Möglichkeit, eine für mich authentische Zukunft zu wählen? Wir wissen nicht, was wir nicht wissen.
Meine Zeit im Gymnasium war größtenteils gekennzeichnet von traumatischen Erfahrungen. Ich habe niemals gelernt, wie man richtig studiert. Die Anforderungen der Schule erstickten mich die meiste Zeit, ganz besonders die sieben mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächer. Alle Themen waren „abstrakte Probleme, die gelöst werden mussten“. Es gab keine Geschichte. Es boten sich keine Themen, die unser menschliches Leben betrafen. Nichts geschah in mir, wenn ich zum Beispiel Algebra lernte. Im Fach Geometrie ging es um dreidimensionale Raumprobleme mit Linien, die Du zeichnen musst, um Punkte miteinander zu verbinden. Für mich waren diese Raumdarstellungen leere Häuser, in denen niemand zuhause war. Das Fach Physik führte dazu, dass mein Gehirn gefühlt ein schwarzes Loch betrat. Mit welcher Geschwindigkeit trifft ein Stein auf den Boden, der aus dem siebten Stock geworfen wird? Ich wusste nicht, wie ich mich in solche Fragen vertiefen konnte. Ich fror ein und wurde leer. Ich konnte keine Lösungen für irgendeines dieser streng theoretischen, künstlichen Probleme sehen. Niemand wusste davon. Die Lehrer bemerkten mein leeres, eingefrorenes Starren und meine innere Lähmung nicht.
Während der folgenden zwanzig Jahre, hatte ich sich wiederholende Albträume darüber, dass ich mein Abschlussexamen am Gymnasium noch einmal absolvieren musste. Das änderte sich erst, als ich anfing zu lernen, den Verlauf meiner Träume zu ändern.
Als ich das Gymnasium mit 18 Jahren abgeschlossen hatte, war es meine Absicht gewesen, an die Universität von Amsterdam zu gehen. Ich wollte Soziologie studieren. Da mein Vater mir das Abenteuer Studium finanzierte, war er gegen meinen Wunsch: „Zu Rot, zu kommunistisch. Warum studierst du nicht Rechtswissenschaften?“ Was ich studieren sollte, stand für ihn außer Frage, da er, sein Bruder und mein älterer Bruder alle in Amsterdam Rechtswissenschaften studiert hatten. Alle waren Mitglieder derselben Studentenverbindung gewesen. Er stimmte sich nicht wirklich auf meine Wünsche ein oder suchte nach verborgenen Talenten. Er war sich ganz sicher in seiner Vorstellung über die Anforderungen der – wie er sie nannte – kalten und harten Wirklichkeit. Mein Vater erklärte mir, dass es gut sei, logisches Denken zu lernen. Meinte er damit lineares Denken, in der Lage zu sein, mit gespaltener Zunge zu sprechen, abhängig davon, auf welcher Seite du gerade stehst?
Ich fügte mich. Einfach deshalb, weil ich nach Amsterdam gehen wollte, in eine Großstadt, weg von zuhause. Da ich noch nicht wusste, wer ich war oder was für mich wirklich wichtig war, war es in jenen Jahren für mich keine Herzensangelegenheit, zwischen zwei Studienfächern wählen zu können. Ich war mir keiner bestimmten Talente und auch keiner tiefempfundenen Interessen bewusst. Ich wusste nicht, dass Führung von innen her sich zeigen könnte. Noch war ich nicht gezwungen, eine Arbeit zu finden. Während ich als Student im Schoß einer Studentenverbindung, die 1901 gegründet worden war, lebte, lernte ich, mir eine Meinung über alles zu bilden, auch wenn das meiste davon von keiner gelebten Erfahrung untermauert war.
Ich erkundete meine neue, in Amsterdam gewonnene Freiheit nicht. Ich blieb im Pferch meiner Konditionierung, einer ausschließlich männlichen Studentenschaft. Aber ich begann, meine eigenen individuellen Geschmäcker und Präferenzen zu entdecken, zumindest was meinen Musikgeschmack und meine Auswahl der männlichen Freunde in der Studentenschaft anging. Ich entdeckte Glenn Goulds Aufnahmen der Klaviermusik von Bach, während Bob Dylans eindringliche Stimme, die Mundharmonika und die Gitarre mir aus der Ferne neue Gefühle zu verstehen gaben. Das Gerücht, dass Glenn Gould in der Psychiatrie gewesen wäre, „weil er den ganzen Tag Bach spielte“, machte mich sehr betroffen. Welches Zartgefühl, welche Leidenschaft...! Das Schicksal von Camille Claudel, Rodins Bildhauermuse, hatte eine ähnliche Wirkung auf mich. Das Feingefühl ihres Werkes und die Geschichten über sie und die verrücktmachende Drangsal im Leben von Glenn Gould öffneten ein Fenster in meiner Seele. Innere Zartheit und Leidenschaft, der Tanz auf dem Vulkan drückten das aus, was mich anzog.
Diese drei – Glenn Gould, Bob Dylan und Camille Claudel - waren (Vor)Boten. Als Studienanfänger spürte ich das erste Mal einen Hauch von Sympathie für mich selbst. Sie brachten eine Saite in mir zum Klingen; aber zu diesem Zeitpunkt meines Lebens konnte ich die Botschaft, die mir die drei übermittelten oder die Artikulation eines echten Wunsches, noch nicht hören. Stattdessen hypnotisierten und faszinierten sie mich.
Unser Pfad beginnt mit Wiedererkennen. Er öffnet sich, wenn wir uns erlauben, aufrichtige Sympathie für uns selbst zu empfinden. (Caring, S.234)
Wir wurden nicht zu echten und wahrhaftigen Wünschen ermutigt und auch nicht dazu, Methoden zu erlernen, uns unserer Herzenzwünsche bewusst zu werden. Wir konnten uns fast alles zusammenreimen und rationalisieren. Unser Verstand wusste, was zu tun war. Wir wurden mit der Kraft und der Wahrheit echten Wünschens nicht vertraut gemacht. Die Stimme des Herzens wurde für gewöhnlich nicht gehört oder ernst genommen. Sich auf das Erwachsenenleben vorzubereiten, bedeutete sich vorzubereiten auf Job, Karriere, Heirat, Familiengründung und ein Zuhause zu finden. „Nutze deine Talente“, pflegte mir mein Vater einzuprägen. Wir haben nie darüber gesprochen, um welche Talente es sich handelte, noch wie man sie fördern und anwenden sollte. In jenen Tagen, unter den damaligen Lebensumständen, war es selten, lebende Beispiele von Menschen zu finden, die der Stimme ihres Herzens lauschten und ihrer eigentlichen inneren Bestimmung folgten. Wir lebten in einer Art Verschwörung, die dazu diente, unser inneres, wirkliches Sein zu verbergen.
Welche Vertrautheit, welche Nähe, welche Fürsorge können wir erwarten, wenn wir alle unser wahres Sein verborgen halten? (Befreiendes Wissen, S. 127)
Nach meinem Bachelorabschluss in den Rechtswissenschaften absolvierte ich ein dreimonatiges Praxissemester in New York City. Ein guter Vorwand, um in einer wirklichen Weltstadt sein zu können. Es war der Sommer 1969. Ich besuchte das Woodstock Festival und sah, wie ein Mann auf dem Mond landete. Danach kehrte ich nach Amsterdam zurück, um binnen zwei Jahren meinen Masterabschluss in den Rechtswissenschaften zu machen. Lernen begann, mir das Gefühl von Freiheit zu geben. Ich mochte den Schwung, schnell meine Studienfächer abschließen zu können.
Für die erforderliche Abschlussarbeit in den Rechtswissenschaften wählte ich das Thema „Kriminologie der Adoleszenz“. Zu dieser Zeit bestand der Kern der Debatte über die Ursachen kriminellen Verhaltens in der Frage: „Anlage oder Erziehung?“ Wenn ich zurückblicke, stellt sich mir die Frage, ob man diese jungen Strafgefangenen dazu ermutigen hätte können, ihre echten Wünsche zu artikulieren: „Was ist die Natur deines authentischen Wunsches und welche Bedürfnisse und Talente hast du, die man fördern kann? Dann lass dich von deinem neu gefundenen Verständnis leiten.“
Kurz vor dem Studienabschluss heiratete ich meine Freundin vom Gymnasium. Das war meine Fahrkarte in die Unabhängigkeit, frei von den einengenden Bedingungen in unserer beider Zuhause. Die Ehe dauerte nicht mehr als fünf Jahre und wir trennten uns freundschaftlich, auf eine Weise, die mir erlaubte, bei mir selbst anzukommen.
Die Abschlussprüfung für den Mastertitel in den Rechtswissenschaften bestand aus einem freundlichen Austausch mit drei Professoren über drei verschiedene Themen. Ich hatte die Theorie und Fallstudien auswendig gelernt, auf systematische Weise. Ich hatte mir angeeignet, strukturiert zu denken und zu sprechen. Ich kannte die rechtlichen Themen wie meine Westentasche und ich liebte diese Gehirnakrobatik. Ich setzte mir meine eigenen Fristen. Ich hatte gelernt, wie man Freude am Studieren haben kann. Ich war in der Lage, mit meinem Wunsch in Kontakt zu kommen, etwas zu meistern, mit selbst gesetzten Fristen. Nachahmen war geltendes Recht. Im Inneren jedoch hatte ich auch einen wichtigen Schritt getan, um einen Geschmack von Freiheit zu erlangen.
Einmal geschah es, dass der Buddha gefragt wurde: „Was wird aus mir werden?“ Seine Antwort war: „Das hängt vom Geist ab.“ Der Geist ist mehr als nur der denkende Geist, der weiß, was zu tun ist.
Alle Wesen haben äußere, innere und geheime Leben. Was wir von uns selbst anderen gegenüber zeigen, unser äußeres Leben, ähnelt möglicherweise wenig unserem inneren Leben – der Welt der Gedanken, der Gefühle, der Erinnerungen und Ängste, die alles einfärben, was wir tun. Auf einer tieferen Ebene gibt es Erfahrungen, die wir auf bewusste Weise nicht einmal mit uns selbst teilen können – unser wahrlich geheimes Leben. (Caring, S. 119)
Die äußere Form, die innere Atmosphäre und die geheime Geschichte stimmen möglicherweise nicht überein. Auf der äußeren Ebene entscheiden wir uns vielleicht für links statt für rechts. Wenn wir eine Minute früher angekommen oder eine Minute später aufgebrochen wären, hätten die Ereignisse sich als völlig verschiedene Wirklichkeiten zeigen können, was wiederum einen scheinbar unabänderlichen Einfluss auf unser Leben hätte haben können.
„Was wird aus mir werden?“ hängt auch von einer innigen Kommunikation mit etwas Tiefem und Unveränderlichem in uns ab. Die geheime Ebene, die Entfaltung unseres Lebens in all seinem Potential, wurzelt in unseren echten Wünschen, unseren Herzenswünschen. Sie mögen die ganze Zeit über in der einen oder anderen Form dagewesen sein. Echte Talente können eine lange Zeit schlummernd bleiben. Wenn wir die Grenzen des Vertrauten, des Bekannten überschreiten und die Offenheit des Unbekannten betreten, tauchen möglicherweise Zeichen auf, welche die verborgene Natur unseres Seins repräsentieren. Wenn dieses Sein durch Worte, eine Geste oder ein Wiedererkennen, durch einen momentanen Eindruck von Sympathie und Empathie für uns selbst berührt wird, signalisiert das möglicherweise, dass wir an die richtige Tür unseres inneren Potentials klopfen, wo sich der Samen befindet, der das Versprechen eines erfüllten Lebens enthält.
Meine philosophische Frage
Ich stamme aus wohlgeordneten Verhältnissen. Einer gesunden, wohlhabenden Familie, der es scheinbar an nichts fehlte. Von außen betrachtet wurden meine drei Brüder und ich alle gleichbehandelt. Dennoch erzeugte der Konkurrenzkampf zwischen uns, um die Liebe unserer Mutter und die Anerkennung durch unseren Vater, etwas Spannung. Äußerlich fehlte mir nichts, innerlich fühlte ich mich erstickt. In Kindertagen weinte ich viel. Das waren Tränen der Frustration. Als Jüngster war ich nicht in der Lage, meine Gefühle anders auszudrücken. Später entwickelte ich eine scharfe Zunge, um mir andere vom Leib zu halten, nicht von ihnen schikaniert oder behelligt zu werden.
An so manchen Sonntagmorgen nach dem Frühstück konnte es passieren, dass Vater einen von uns in den Wintergarten zitierte. Bei so einer Gelegenheit sagte mein Vater zu mir: „Du bist zu empfindsam für diese Welt. Du musst härter werden. Vertraue mir: da draußen gilt, dass nur die Fitten überleben, die Klügsten und deine Empfindsamkeit wird dich leiden lassen. Höre auf, ein Schmetterling zu sein, der hin und her flattert. Werde härter, so dass du bereit bist für die kalte, harte Realität da draußen.“ Meine Mutter sagte kein Wort. Ich war mit dem Schmetterling Gleichnis nicht einverstanden; ich wünschte mir eher, wie einer zu sein.
Eine Legende amerikanischer Ureinwohner erzählt, dass Schmetterlinge authentische Wünsche zum Großen Geist tragen können; wenn wir unsere Wünsche diesen Schmetterlingen zuflüstern, werden sie erfüllt.
Es gelang mir, das Thema zu wechseln. Es gab da eine philosophische Frage, die mich seit Monaten gedanklich beschäftigte. Nun hatte ich die ungeteilte Aufmerksamkeit meiner Eltern. Ich platzte mit der brennenden Frage heraus: „Glaubt ihr, dass alles vorherbestimmt ist, oder haben wir einen freien Willen?“ Erwartungsvoll schaute ich sie an. Mein Vater hob seine linke Augenbraue und zuckte mit den Schultern. Meine Mutter erhob sich und verschwand für eine zweite Runde Kaffee in die Küche.
Diese Frage war relevant, um für die Realität meiner Zukunft vorbereitet zu sein, dachte ich. War mein Leben im Wesentlichen vorherbestimmt oder lag es an mir? Und wenn freier Wille wirklich im Herzen vorhanden war, was konnte ich wählen? Und auf welcher Grundlage würde ich meine Wahl treffen? Mein Vater versicherte mir, dies sei ein zu komplexes Thema. Meine Ideen waren nicht klar durchdacht und ich war ungeschickt darin, sie auszudrücken. Dennoch hatte ich eine Ahnung. Etwas schien vorherbestimmt zu sein – was, das wusste ich nicht.
Die buddhistischen Lehren befürworten den mittleren Weg. Das bedeutet nicht, ein wenig von dem und ein wenig von jenem, miteinander vermischt. Eher bezieht sich „mittlerer Weg“ auf „jenseits von“ dort, wo die Unterschiede verschwunden sind. Ein neues Verständnis taucht auf, eines, dass die Gegensätze integriert. Diese Weisheit liegt jenseits dessen, worüber wir denken und sprechen können. Wenn wir lernen, mit den Augen der Weisheit zu sehen, stoßen wir auf das Geheimnis unserer Ursprünge. Wenn wir „wirbelnde Lichter im Raum“ sind, wie es Rinpoche einmal ausdrückte, ist die fundamentale Wahrheit des Seins womöglich mit „grenzenlos strahlendem Licht“ verbunden – einer Helligkeit, untrennbar vom Wissen und der Weise, wie sich Wissensfähigkeit in unser Sein einprägt. Äußere Erscheinung koexistiert zusammen mit der geheimen, inneren Form von Sein und ist von strahlender Natur. In fundamentaler Offenheit neigt sich der Samen des Lebens mit seinem verborgenen Potential dem Licht zu. Er ist darauf programmiert, das zu tun; es gibt eine intrinsische Fähigkeit zu wissen.
Leben lebt in mir. Sinn und Zweck meines Lebens sind vielleicht vorherbestimmt, erfordern jedoch meine freie Wahl, sie lebendig werden zu lassen.
Als menschliche Wesen können wir die Art und Weise, in der Welt zu sein, wählen. Wir verfügen über Bewusstsein, wir sind fähig, kreativ unserer Umgebung zu entsprechen. Aufgrund dieser Fähigkeiten verfügen wir über das Potential, uns selbst von unseren Konditionierungen zu befreien. Aber wie gut verstehen wir unser Potential? Kennen wir den ganzen Kontext menschlichen Lebens? (Befreiendes Wissen, S. 16)
Meinen Platz in der Welt finden
Um offiziell von Nedlloyd eingestellt zu werden, musste ich den erforderlichen Einstellungstest ablegen. Meine Anstellung würde nicht davon abhängen, hatte man mir versichert. Das Ergebnis war eine kleine Katastrophe. Meine Mutter hatte mir empfohlen, während des Rorschach-Tests kreativ zu sein. Die schwarzen Tintenkleckse inspirierten mich ungemein; ich konnte nicht aufhören zu reden. Die Psychologin war bereits dabei, ihre Akte zu schließen; ich berichtete immer noch. Meine Kreativität wurde hoch bewertet, aber ansonsten galt ich als „zu lernbegierig” für eine kaufmännische Karriere. Vielleicht gut genug für die Personalabteilung, hieß es im Bericht.
Der Test zeigte nicht meine wahre Persönlichkeit. Aber gab es damals schon jemanden, der das tat? Die Firma nahm mich trotz der Testergebnisse auf. Mein Vater war der Schuhlöffel, der den Schuh passend gemacht hatte, aber es war mein Enthusiasmus, der mich ihn tragen ließ.
Zwei Monate nach meinem Universitätsabschluss, nach den Sommerferien 1971, meldete ich mich in den Büros von Nedlloyd in Rotterdam, direkt am Rhein. Ein historischer Ort seit Jahrhunderten. Etwa fünf Dampfschifffahrtsgesellschaften, die bis in die Mitte der 1850er Jahre zurückreichten, hatten sich zu einer einzigen zusammengeschlossen, wobei Nedlloyd das Ruder übernahm. Als ich zum Büro in Rotterdam fuhr, hatte ich das Gefühl, dass mein Leben nun endlich begonnen hatte.
Mein erster Arbeitseinsatz war in der Abteilung Forschung und Entwicklung. Wir waren fünf Mitarbeiter in der Abteilung und hatten ein gemeinsames Ziel: die Langlebigkeit unseres Unternehmens, Nedlloyd Lines. Es gab eine Art von Kameradschaft im Team, die ich noch nie erlebt hatte. Ich entspannte mich in dieser familiären Stimmung.
Hinter den Kulissen aber herrschte eine bedrohliche Atmosphäre. 1971 wurde die Weltwirtschaft von einer schleppenden Konjunktur und Inflation heimgesucht. Die Weltwirtschaft der Nachkriegszeit wurde einer schweren Prüfung unterzogen. Aufgrund der stagnierenden Wirtschaft schienen die Tage der niederländischen Reedereien gezählt. Die Schiffe fuhren halb leer, Menschen wurden entlassen. Die Aktien von Nedlloyd waren jahrzehntelang im Dornröschenschlaf gewesen, doch nun erreichte der Kurs seinen Tiefpunkt. Der Wettbewerb und der Flaggenschutz waren heftig. Südamerikanische Länder und Japan bestanden darauf, dass ihre nationalen Reedereien fünfzig Prozent aller Ladungen erhielten, die in ihren Ländern importiert und exportiert wurden. Wo wir Niederländer früher Könige waren, kämpften wir jetzt um Krümel.
Dennoch brauchte das Unternehmen frisches Blut und ich wurde als Trainee in der Geschäftsführung eingestellt. Ich war überhaupt der erste Hochschulabsolvent in der Firma. Drei Monate später wurde ich über meine Versetzung nach New York City informiert. Ich mochte meine Kollegen sehr und kümmerte mich um sie. Meine Bauchregion verkrampfte sich knotenartig angesichts der bevorstehenden Veränderungen im Unternehmen, von denen die Mitarbeiter zweifellos einer nach dem anderen betroffen sein würden. Für einige war das Unternehmen ein Ort der Zuflucht. Eine Entlassung würde zu einem Knacks in ihrem Selbstwertgefühl führen. Bald würde ihre Arbeitstätigkeit nur noch eine Art Relikt sein, eine Erinnerung an etwas, was bereits vergangen war. Ich wusste nicht, wie ich meine Anteilnahme richtig zum Ausdruck bringen sollte, zumindest nicht in Worten oder Gesten. Ich verschloss meine Augen vor dem aufkommenden Schmerz. Sie erfuhren nie, dass ich mit ihnen fühlte; ich würde nie wieder einen von ihnen treffen. Das muss die „kalte, harte Realität” gewesen sein, von der mein Vater gesprochen hatte. Er hatte Recht; ich war nicht darauf vorbereitet.
Die Entdeckung einer neuen Welt
Es war das zweite Mal in meinem Leben, dass ich in einem Flugzeug flog; es war eine KLM DC-8 mit vier Propellern und sie brachte mich nach New York, Kennedy Airport. Innerhalb einer Woche erhielt ich die Schlüssel zu meinem Apartment mit einem Schlafzimmer, Parkettböden aus Mahagoni und Blick auf den Central Park und das Lincoln Center. Ich lebte im Zentrum des Universums und fuhr mit dem A-Train (eine berühmte Jazzmelodie) zum World Trade Center #5, einem der niedrigen Gebäude dieses beeindruckenden Gebäudekomplexes, zu dem auch die Zwillingstürme gehörten, von denen jeder hundertzehn Stockwerke hoch war. Nach Büroschluss, während der Happy Hour, nahm ich Getränke und kostenlose Snacks mit dem hausinternen Ersten Offizier des Unternehmens zu mir, der für den Frachtumschlag aller unserer Schiffe (zwei pro Monat) entlang der Ost- und Golfküste der USA verantwortlich war. Die Snacks waren mein Abendessen und das Bier vom Fass spülte sie herunter. Manchmal ging ich zu Fuß nach Hause, etwa hundert Blocks weit von Downtown nach Midtown. Abends schaute ich mir im Park Baseball an oder ging in ein Kino, in dem nur ausländische Filme gezeigt wurden, direkt neben dem Plaza Hotel an der Fifth Avenue.
Einer der Filme hat mich besonders beeindruckt: The Sorrow and the Pity, ein französischer Film. Er zeigte eine Gruppe von Bauern im Widerstand gegen die französische Vichy-Regierung, die mit den Nazis kollaborierte und etwa 76.000 Juden in Vernichtungslager deportierte, zusammen mit einer ungezählten Zahl von Homosexuellen, Sintis und Roma und politischen Gegnern. Nur 2.600 Juden kehrten zurück. Der Film dauerte viereinhalb Stunden und währenddessen durchlebte ich gefühlt mehrere Leben. Alle Figuren im Film verkörperten abwechselnd mich. Ich war einer der freimütigen, kämpferischen Bauern, dann einer der feigen Regierungsbeamten und schließlich war ich ein verzweifelter Jude, der nach dem Krieg zurückkehrte; niemand wartete auf mich. Ein Mischmasch aus Urteilen, Schuldgefühlen, Verzweiflung, Angst vor Repressalien und dem Wunsch, etwas wieder gut zu machen, erfüllte mich. Ich schleppte mich den Central Park South entlang nach Hause.
Sonntags las ich die New York Times, Nachrichten im Wert von etwa acht Pfund, oder ich besuchte drei Freunde aus den Niederlanden, die in der Gegend von Boston lebten. Die Besuche in Boston endeten an einem Samstagnachmittag nach einem besonderen Vorfall. Auf einem Markt wurden drei lebende Hummer gekauft, die Gummibänder um ihre Scheren hatten. Ich ahnte, was passieren würde, aber ich war völlig erstarrt. Zu Hause setzte sich die ausgelassene Gruppe um den Küchentisch. Ein großer Topf wurde mit Wasser gefüllt und zum Sieden gebracht. Die Grausamkeit stand kurz bevor, doch ich unternahm nichts, da sich alles in mir taub anfühlte. Die Gummibänder wurden entfernt, die lebenden Tiere aus ihren Verpackungen genommen und in das kochende Wasser geschoben. Die Aufregung meiner Freunde war eine Folter für mich, denn sie hielten den Deckel energisch fest, während die Hummer versuchten, zu entkommen und um ihr Leben kämpften. Die Hummer färbten sich rot und ein paar Minuten später waren die Schalen geknackt, das Fleisch herausgespalten und in flüssige Butter getaucht. Ich hatte nichts getan, um es zu verhindern. Ich fuhr nicht mehr nach Boston. Die Freunde zu verlassen, schien mir das einzig Vernünftige zu sein. Ich hatte noch nicht gelernt, mich schwierigen zwischenmenschlichen Spannungen zu stellen oder meine Sensibilität zu nutzen, um Schäden in Beziehungen zu heilen. Dies hätte ein Moment von Vertrautheit und intimer Realität sein können, in dem ich Mut beweisen hätte können, meine Gefühle frei mitzuteilen und zu entdecken, wofür ich einstand und was ich gelernt hatte, ohne andere zu verurteilen.
Es war global die Zeit des Vietnamkriegs, die Zeit des Kampfes für gleiche Rechte für alle Bürger, die Zeit von Bob Dylan und Joan Baez und der Beginn des Übergangs vom Versuch, „die Welt zu verändern” hin zum Individualismus - dem „Ich"-Jahrzehnt. Es war auch der Beginn des tibetischen Nyingma-Meditationszentrums von Tarthang Tulku Rinpoche in Berkeley, Kalifornien.
Eine aufregende, aber auch zutiefst schmerzhafte Zeit. Die Gewalt des Vietnamkriegs dauerte an. Ich hatte keinen Fernseher, auf dem die täglichen Bombenangriffe und das Niederbrennen von Dörfern in den Abendnachrichten gezeigt wurden. Ich schloss mich stillen Protestmärschen an und glaubte an die Sache – daran, den Krieg beenden zu können. Plötzlich überkam mich eine aufrührerische Angst, die mich vor einer tiefen Traurigkeit warnte, sollte ich auf diesem Protestkurs bleiben.
Bei der Arbeit im Büro von Nedlloyd Inc. war ich bereit, bei allem zu helfen. Es war frustrierend, wie unbeholfen und unfähig ich in der für mich neuen Firmenkultur war. Ich fühlte mich unsicher, wenn ich am Telefon sprach, vor allem aber auch bei der Schreibweise von Namen. Ich verstand keine Witze.
Der Präsident des kleinen Unternehmens war ein stattlicher, robuster, 1,90 m großer Niederländer. Er war stolz auf seine Verantwortung für mich, den ersten Trainee der Geschäftsführung im Büro. Er übernahm eine väterliche Rolle und nahm mich an Orte wie Forest Hills zu den US Open Tennis Championships mit, wo ich meinen ersten Martini trocken trank. Gemeinsam fuhren wir mit der U-Bahn nach Uptown, zum Dutch Club am Rockefeller Plaza. Er tat sich im Umgang mit den niederländischen Auswanderern leicht und hatte für jeden ein Lächeln und ein gutes Wort übrig. Gelegentlich lud er mich ein, mit Geschäftsfreunden zu Mittag zu essen und dabei Geschäftliches mit Kameradschaftlichem zu verbinden.
Der „Outbound Line Manager”, mein Chef für einen Zeitraum von drei Monaten, brachte mir das Handwerk bei: Monatliche Fahrten zum Persischen Golf, meist, um Ausrüstung für die Ölgesellschaft ARAMCO zu liefern. Die Scheichs und der Schah füllten unsere Schiffe randvoll mit Maschinen und Vorräten. Jeden Morgen pendelte er von New Jersey mit einer braunen Tasche und einem großen Plastikbecher mit schwarzem Kaffee und drei Donuts zum Frühstück an seinen Schreibtisch.
Im Büro war Joe mein bester Freund. Dieser harte, geradlinige holländische Erste Offizier mit Bürstenhaarschnitt plante die Beladung unserer Schiffe. Gelegentlich nahm mich Joe mit zum Hafen, der direkt am Fuße der Brooklyn Bridge lag: eine heruntergekommene, verfallene, versunkene und löchrige Gegend aus den dreißiger Jahren, weit entfernt vom Hafen von Rotterdam, dem damals größten Hafen der Welt.
Eines Tages erhielt ich einen ersten Eindruck von der New Yorker Mafia. Unser Schiff war gerade aus Bombay, Indien, eingetroffen, die Gefrierkammern waren mit Krabben gefüllt. An der Pier warteten dreiundzwanzig alte, ramponierte Lastwagen auf die verderbliche Fracht. Zu dieser Zeit gab es im Hafen von New York City nur ein einziges Transportunternehmen, das gekühlte Fracht befördern konnte. Später an diesem Tag erhielt Joe einen Anruf: Statt dreiundzwanzig Lastwagen waren nur zweiundzwanzig an ihrem Ziel angekommen. Ein Lkw musste in eine andere Richtung umgeleitet worden sein, wahrscheinlich zu einem unbekannten Lagerhaus irgendwo in New Jersey.
In der Schifffahrtswelt zählten Geschäftsfreunde aufeinander und halfen sich gegenseitig aus. Ihr Wort und ein Händedruck besiegelten die meisten Geschäfte. Wir boten Indonesien und Indien regelmäßig sogenannte PL480-Ladungen an, bei denen es sich um internationale Hilfsgüter - meist Weizen - handelte. Im Gegenzug musste Indien von jedem buddhistischen Buch, das in seinem Land gedruckt wurde, ein Exemplar in die USA schicken. Diese Bücher wurden in einem Lagerhaus in Richmond, Kalifornien, nur einen Steinwurf von Berkeley entfernt, entgegengenommen und gelagert.
Jedes unserer Angebote bezog sich auf etwa 10.000 bis 12.000 Tonnen, was genau der Kapazität unserer Schiffe entsprach. Das Angebot musste in der Regel bis Freitag um 17 Uhr abgegeben werden. Mein Direktor war mit dem Inder befreundet, der über das Schicksal der Angebote entschied. Drei Minuten vor 17 Uhr gab es ein Telefongespräch zwischen den beiden Herren, in dem der Preis genannt wurde, der die Ladung sichern würde. Eine Minute vor 17 Uhr wurde das Telex abgeschickt und das Geschäft war unseres.
Drei Jahre lang war ich Trainee auf der Führungsebene. Ich sollte geformt und darauf vorbereitet werden, eines Tages in die Rolle eines Geschäftsführers zu schlüpfen. Niemand wusste, ob ich tatsächlich die Qualifikationen für den Vorstand haben würde. Die Entscheidung beruhte allein auf dem Erscheinungsbild meiner familiären Wurzeln, meinem konditionierten Selbst und meinem universitären Hintergrund. Ich sah genauso aus, verhielt mich genauso und war genauso gekleidet wie sie. In den Niederlanden hatten wir unsere eigenen, besonderen Formen der Reinkarnation.
Was bliebe wohl übrig, fielen unsere festgelegten Rollen einfach weg? Was sind wir eigentlich ohne sie? Ist unser Leben ein Ausdruck unserer Kreativität? Befriedigen uns unsere Beziehungen zu anderen Menschen? Verbringen wir die meiste Zeit damit, Verpflichtungen und Erwartungen zu erfüllen, oder arbeiten wir bewusst auf sinnvolle Ziele hin? (Befreiendes Wissen, S. 114)
Meine Eltern, die seit kurzem im Ruhestand waren, besuchten mich jedes Jahr. Mein Vater liebte die Museen, Galerien und Buchläden wie Scribner. Meine Mutter genoss es, Zeit miteinander zu verbringen und jedes Mal an einem neuen Ort Kaffee zu trinken.
Nachdem man mich vor den Gefahren gewarnt hatte, die mir dort drohten, traute ich mich nicht an die Orte, die mich anzogen, ganz besonders die Erweckungskirchen in Harlem. Ich war mir sicher, dass ich an diesen Orten „Soul” finden würde. Heutzutage nehme ich mir diese inneren Hinweise zu Herzen und gehe hin. Echte Erfahrungen, wenn ich mich zu etwas hingezogen fühle oder irgendwo hingehen möchte, sind Boten. Aber ich tat, was man meinte, dass es für mich gut sei und belegte an der NYU-Weiterbildungskurse in Unternehmensführung. Eine Reihe von uninspirierten, flachen, linearen Ausführungen über die Irrungen und Wirrungen des imaginären Unternehmens Peabody Rubber. Nicht mein Ding.
In meiner freien Zeit in New York streifte ich meist durch die Stadt. Ich erkundete die verschiedenen „sicheren” Stadtteile. In Lower Manhattan bin ich überall zu Fuß gegangen. Ich wurde gewarnt, mich von der Bowery fernzuhalten, einer breiten Allee, heimgesucht von Alkoholikern und Heroinabhängigen. Dennoch landete ich bei einem meiner Streifzüge zu meiner Überraschung in der Bowery: Ich fand dunkle, düstere, scheinbar leere und geschlossene Geschäfte, Salons und Lagerhäuser vor und versuchte, den Blick von den heruntergekommenen Männern abzuwenden. Aber einer fiel mir besonders auf. Er schaute mich mit großen Augen an, seine blonden Locken klebten ihm an der schweißnassen Stirn. Er saß auf dem Bordstein, eine offene braune Tüte in der Hand. Eine Angst erfasste mich, die mich dazu drängte, wegzurennen. Erst nach ein paar Blocks wagte ich es, mich umzudrehen und auf das „schwarze Loch“ zurückzublicken, aus dem ich geflohen war. Ich war geflohen, der Mann mit den großen Augen saß dort fest. Es hätte auch mich erwischen können und er hätte an meiner Stelle weggehen und ich am Straßenrand bleiben können.
Insgesamt war ich ein Leichtfuß. Auf einer Skala von eins bis zehn schätzte ich das Leben in mir auf eine Sieben ein. Ich wusste nicht, dass man das Leben auf eine Acht, Neun oder gar eine Zehn aufpeppen kann. Ich habe nicht über mich selbst, nicht über mein Schicksal nachgedacht. Auch lag ich nicht nachts wach und grübelte über dieses und jenes nach. Was wusste ich schon? Ich hatte bisher sicherlich nicht die Dinge zu Ende gedacht und die Konsequenzen meines Handelns bedacht. Damals habe ich auch nicht in Kategorien von Pro und Kontra gedacht. Ich wusste nichts über Karma, ein höheres Selbst oder die Möglichkeit, höhere Weisheit zu erlangen. Meine Realität setzte sich aus meinen Gedanken und Überzeugungen zusammen. Ich wusste nicht, dass ich Gedanken „hatte”. Ich „war“ mein Strom von Gedanken. Im Hinterkopf hatte ich jedoch immer noch diese eine Frage, deren Beantwortung zu einem tiefen Wunsch gewachsen war. Ich wusste wohl, dass meine Entscheidungen wichtig waren, aber gab es etwas in meinem Leben, das bereits vorherbestimmt war, wie mein Schicksal?
Im Alter von fünfundzwanzig Jahren lebte ich in New York City, war Trainee in einer multinationalen Handelsschifffahrtsfirma, die seit den 1850er Jahren existierte, hatte einen Abschluss in Jura in der Tasche und stammte aus einer Familie, die ihre Wurzeln tausend Jahre zurückverfolgen konnte. Ich war wie ein glatter, polierter Bauer in einem Jade-Schachspiel.
Ich selbst bewegte keine Figuren. Ich war lediglich Teil eines größeren Netzwerks von Ursachen und Bedingungen, das immer wieder die bekannten Muster und Ergebnisse webte. Ich war gemäß den kulturellen Regeln und Vorschriften, in denen ich aufgewachsen war, geformt und gestaltet worden – das konditionierte Selbst war eine Tatsache. Da ich einer Art Verschwörung unterworfen war, in der es galt, es nicht „besser zu wissen”, um eine zunehmende Bewusstheit nicht zu fördern, kannte ich nichts anderes als den Pferch, der für mich geschaffen worden war. Das war meine Realität. Ich konnte mich in meiner Welt bewegen, ohne die dunklen Geheimnisse der Geschichte zu kennen und ohne zu wissen, dass ich in mehr als einer Welt gleichzeitig lebte. Alles, was im Moment zählte, war ein „netter” Mann mit einer vielversprechenden Karriere zu sein.
Vielleicht genießen wir wirklich die Dynamik unseres Lebens. Was aber wäre, würden wir mitten in Freude und Erfolg einen Augenblick innehalten und über den Sinn und Zweck unseres Tuns nachdenken? Müssten wir dann feststellen, dass wir unser Leben lieber gar nicht so genau unter die Lupe nehmen wollen? Was halten wir von den Entscheidungen, die wir in Bezug auf unsere Beziehungen, unseren Beruf und unseren Lebensstil getroffen haben? Würden wir in bestimmten Fragen anders handeln, hätten wir noch einmal die Wahl? (Befreiendes Wissen, S.114)
Nach drei Jahren in New York wurde ich Ende 1974 nach Hongkong versetzt. Ich war an dieser Entscheidung nicht beteiligt. Herr van Liemt in der Rotterdamer Zentrale kümmerte sich um mich. Er wusste, was das Beste für das Unternehmen und das Passende für mich war. Der Wechsel hinderte mich daran, in den neu gefundenen, aber bereits vertrauten Mustern des Lebens in New York zu verharren. Der Umzug nach Hongkong verhinderte eine mögliche „Abschottung” meiner Sinne sogar in New York City. Die drastische Veränderung durch die Versetzung markierte den Beginn einer Entwicklung hin zur Selbsterkenntnis Ich hatte meinen Anker in die Freude gesetzt, ein Reisender zu sein.
Die Entdeckung Asiens
Nachdem ich mich drei Jahre lang im Zentrum der Welt aufgehalten hatte, landete ich in der Hauptstadt dessen, was man einst den Orient genannt hatte. Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass die Städte New York und Hongkong meine ersten Anlaufhäfen sein würden.
Von einer Warte aus betrachtet, scheint unser Leben geradlinig abzulaufen. Wir werden geboren, wir leben Tag für Tag unser Leben, bis wir das Ende erreichen. In unserer Vorstellung ist das Leben wie eine Folge aneinandergereihter Augenblicke oder eine Reihe von Handlungen, die jemand ausführt, der sich entlang einer Zeitgeraden bewegt. (Befreiendes Wissen, S. 191)
