Gespräche mit Kain und andere Geschichten über den Tod - Hendrik M. Bekker - E-Book

Gespräche mit Kain und andere Geschichten über den Tod E-Book

Hendrik M. Bekker

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Beschreibung

In der Novelle GESPRÄCHE MIT KAIN findet Anno 1873 ein Notar den von Gott zur Unsterblichkeit verfluchten Brudermörder Kain - angekettet im Keller eines alten Hauses in Emden. Kain ist von den Zeitaltern ruheloser Wanderschaft ebenso gezeichnet wie von den Malen, mit denen Gott ihn brandmarkte. Doch auch der Notar ist kein Mann ohne Schuld... GESPRÄCHE MIT KAIN ist die phantastische, surreale Novelle eines beeindruckenden Erzähltalents, das vor Fantasie sprüht und sich nicht scheut, Phantastik mit den ganz großen Fragen zu verbinden. Außerdem enthält der Band noch die beiden (thematisch vewandten) Kurzgeschichten DER BESUCHER und MORGEN GEHEN WIR STERBEN. Gesamtumfang: ca. 80 Normseiten Hendrik M. Bekker, Jahrgang 1991, schreibt Kurzgeschichten für Zeitungen und Zeitschriften. Im ACTION VERLAG erschien seine Urban Fantasy-Erzählung McGRATH - MAGISCHE ERMITTLUNGEN ALLER ART als Original-Hörbuch. Cover: Steve Mayer

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Hendrik M. Bekker

Gespräche mit Kain und andere Geschichten über den Tod

Cassiopeiapress Phantastik

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Gespräche mit Kain und andere Geschichten über den Tod

von Hendrik M. Bekker

 

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2012 der Digitalausgabe 2012 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

[email protected]

 

In diesem Buch finden Sie folgende Geschichten

Gespräche mit Kain

Der Besucher

Morgen gehen wir sterben

 

 

Gespräche mit Kain

"Der eine sucht einen Geburtshelfer für seine Gedanken, der andre einen, dem er helfen kann: so entsteht ein gutes Gespräch." - Aph. 136 aus „Jenseits von Gut und Böse“ von Friedrich Nietzsche

Kapitel 1: Ein unfreiwilliger Gast

„Ein wundervolles Haus, Herr Hoveen. Sie sind in wenigen Minuten mit der Kutsche in Twixlum, wenn sie einen Bediensteten losschicken wollen, oder aber fast genauso schnell weiter in Emden“, lobpreiste der kahlköpfige Mann mit schnarrender Stimme. Brock hieß er. Andreas Brock. Er besaß einige Häuser in Emden und vermietete zuweilen Kontore. Auch das Anwesen, vor dem Edward Hoveen nun stand, gehörte ihm.

„Wie genau sind Sie an dieses Anwesen gelangt, Herr Brock?“, fragte Edward und unterbrach den munteren Redefluss des Kahlköpfigen kurz.

„Ach ja, natürlich, also der Vorbesitzer, Joshua von Altana, märkischer Adel, hatte sein Herz an diese Gegend verloren. Gott habe ihn selig. Er ist erst vor kurzem verstorben. Typhus, glaube ich. Sein Sohn starb bereits vor Monaten im Krieg gegen Frankreich, bei Sedan. Da keine Familie mehr da ist, die Anspruch erheben könnte, bekam die Stadt das Anwesen und ich bin hier der bescheidene Vermittler, der es im Auftrag der Stadt verkauft. Damit es wieder das Haus eines angesehenen Bürgers der Stadt wird, wissen Sie“, erklärte Brock. Edward fragte sich nicht zum ersten Mal, wann Brock eigentlich Luft holte. Er schien ohne größere Pausen seine verbalen Feuerwerke abzufeuern. Edward nickte nur bedächtig.

Brock führte ihn zum Eingang und durch das herrschaftliche, klassizistische Anwesen. Es ging durch hohe, leicht staubige Zimmer.

„Dies hier schließlich“, sagte Brock am Ende ihres Rundganges, „ist die Bibliothek. Die Bücher sind, wie alle Möbel, natürlich im Preis mit inbegriffen,weswegen Sie sicher zustimmen, dass es ein Schnäppchen ist.“

Edward stand in einem Raum, der ihm sofort gefiel. Er war bis zur Decke mit maßangefertigten eichenen Holzregalen gefüllt, auf deren Brettern sich hunderte Bücher drängten. Auch einige Schriftrollen und Karten waren darunter.

„Ein faszinierender Raum, ohne Zweifel“, stimmte ihm Edward nachdenklich zu. Er rechnete. Das Haus war wundervoll, da gab es kein Gegenargument. Außerdem lag es günstig.

„Ich nehme es“, sagte schließlich Edward in den Redefluss Brocks hinein, der gerade dazu übergegangen war, die Vorzüge der Bauweise zu erläutern. Edward vermutete, dass er auch einem Blinden ein paar Bücher verkauft hätte.

„Sie nehmen es?“, fragte Brock. Edward hob die Augenbrauen.

„Gibt es hier ein Echo?“

Brock lächelte unsicher. „Aber nein, natürlich, ich bin hoch erfreut. Wenn wir dann nach Emden fahren wollen und die Verträge unterzeichnen. Obwohl wir das ja auch hier könnten, bei jemandem so vertrauensvollen“, sagte er und lachte. Edward vermutete, dass Brock auf seinen Beruf anspielte. Edward war Notar. Er war erst Notar in Oldenburg gewesen, dann in Aurich und nun war er weitergezogen nach Emden. Es gab immer Menschen, die etwas beglaubigt haben wollten. Immer Testamente. Es gab immer Misstrauen genug, um einen Notar zu bezahlen.

*

Er saß in der Bibliothek und trank einen Schluck aus der weißblauen Kaffeetasse. Sie hatte ebenfalls zum Haus gehört. Lediglich der Kaffee darin war neu gekauft. Edward blätterte neugierig durch einen dicken Lederwälzer, den er gefunden hatte. Joshua von Altanas Tagebuch, so schien es. Edward hatte kurz gezögert, doch sich dann entschieden es zu lesen. Der Mann war tot und es gab keine Erben, das war nun rechtmäßig sein Eigentum. Was sollte also passieren?

Er blätterte durch das alte Buch. Es begann vor über zehn Jahren mit einer Eintragung über die Vermählung von Joshuas Sohn mit einer gewissen Marie van Sonnenborn. Aber bereits ein paar Jahre später, nach der Hochzeit, starb sie. Edward übersprang immer mal wieder Eintragungen. Er blätterte zur letzten Eintragung.

Haben ihn gefangen gesetzt durch die Falle. Es hat funktioniert. Er kam wie abgemacht zu Besuch und ich konnte ihn betäuben. Nun ist er in meiner Gewalt. Er wird mir all die Geheimnisse nennen. Ich werde endlich erfahren, was die Wahrheit ist. Er lässt immer einen Teil des Essens, das ich ihm bringe, unangetastet und versteckt es. Ich glaube, er befürchtet, dass ich ihn aushungern könnte. Raffinierter Bursche. Er ist gefährlich. Hat sicher nicht nur einen Menschen auf dem Gewissen. Hätte mich fast ausgetrickst.

Mein Husten ist schlimmer geworden. Werde mich etwas hinlegen. Habe Fieber. Er wird hier im Keller ja nirgendwo hingehen. Muss mich ausruhen.

Was hatte der alte Mann getan? Jemanden eingesperrt? Edward lief es kalt den Rücken herunter. Hoffentlich ging es hierbei nicht um eine Person.

Er stand auf. Im Keller. Er schüttelte langsam den Kopf. Nein. Oder doch? Er ging aus der Bibliothek hinunter in die Küche, wo seine Haushälterin Eva Rivitje dabei war Kartoffeln für das Abendbrot zuzubereiten.

„Herr, ist es Ihnen oben bereits zu dunkel?“, nickte sie ihm zu, ohne von ihrer Arbeit aufzustehen. Er nahm sich einen Kerzenhalter aus dem Regal und entzündete die Kerzen.

„Nein, Fräulein Rivitje, ich sehe mir einmal den Keller an“, erklärte er und nahm den Leuchter mit. Er wandte sich zur Tür in den Keller und die Treppe hinab. Es gab einen kleinen Gang, von dem mehrere Türen abzweigten. Er war mit Brock nur kurz im Kellerflur gewesen, nicht aber in den Räumen. Es roch etwas modrig. Er wandte sich zur ersten Tür. Hinter ihr war nur ein großer, fast leerer Raum, in dem ein paar Weinregale einsam und unbefüllt standen.

Hinter der zweiten Tür war lediglich ein kleiner Raum voller Gerümpel. Edward ging einmal kurz ein paar Schritte hinein, doch schien sich hier niemand zu befinden. Vermutlich hatte der Alte keinen Menschen gemeint. Vielleicht war er wunderlich auf seine alten einsamen Tage gewesen und hatte in Wirklichkeit einen Hund gefangen.

Edward drückte die eiserne Klinke der dritten Tür herunter. Er war derartig in Gedanken, dass er mit der Schulter gegen die Tür schlug, als sie wider Erwarten nicht nachgab.

„Was zum...?“, rief er überrascht. Er versuchte es erneut. Die Tür war abgeschlossen. Woher sollte er nun den Schlüssel bekommen? Er sah sich noch einmal um, ob er vielleicht neben der Tür an einem Haken hing. Doch da war nichts. Nirgendwo.

So machte sich Edward zurück zur Bibliothek, die dem alten Joshua auch als Arbeitszimmer gedient hatte. Er setzte sich an den großen hölzernen Schreibtisch und überlegte fieberhaft. Vermutlich war nichts Besonderes in diesem Raum. Vielleicht war es nur eine Vorratskammer, die er abgeschlossen hatte, damit ihm sein Personal nicht den Wein klaut. Edward zögerte. Dann siegte die Neugier und er begann in den Schubladen des Tisches nach einem Schlüssel zu suchen. Bald fand er tatsächlich einen. Er war klein genug, um in das Schloss zu passen. Aufgeregt nahm sich Edward erneut den Kerzenleuchter und eilte die Treppe hinab. Dort drehte er den Schlüssel und siehe da, es klickte!

Edward betrat eine kleine dunkle Kammer.

Sein Blick wanderte über einen kleinen hüfthohen Tisch, auf dem ein leerer Teller stand, zu einem Sack, der an der Wand lehnte. Er trat in den Raum hinein und stellte den Kerzenleuchter auf dem Tisch ab. Das Licht erhellte den Raum schwach. Edward runzelte die Stirn und nahm den Kerzenleuchter erneut in die Hand. Das war kein Sack. Er trat auf ihn zu und leuchtete hin.

Das war ein Mensch! Er lag dort, die Augen geschlossen und die Hände in Eisenketten, die an der Wand befestigt waren. War er tot?

Edward ging zu ihm und fühlte seinen Puls am Hals. Die Haut war kalt und etwas nass. Er fand keinen Puls! Edward wollte es gerade noch einmal versuchen, als plötzlich eine Stimme ertönte:

„Entschuldigen Sie, was wird das?“

Edward schrie auf und schreckte nach hinten. Kerzenwachs spritzte ihm auf den Ärmel. Der Mann war noch gar nicht tot!

„Oh, Sie sind nicht Joshua“, stellte der angekettete Mann fest. Er schien auf die dreißig zuzugehen und hatte schwarzes kurzes Haar. Seine Haut zeugte von einem harten Leben unter der Sonne.

„Nein, bin ich nicht“, stellte Edward fest und rappelte sich auf. Was hatte im Tagebuch gestanden? Er wäre gefährlich. Ein Mörder.

„Wo ist er?“

„Er ist tot. Ich bin der neue Besitzer dieses Hauses“, erklärte Edward. Er zwang sich zur Ruhe. Der andere war immerhin angekettet.

„Oh“, kam es lediglich von dem Mann am Boden. Edward bemerkte erst jetzt, dass der andere nur eine grobe Hose und ein Hemd trug, die vermutlich wirklich nur umgenähte Kartoffelsäcke waren.

„Ist ihnen nicht kalt?“, fragte Edward. In diesem Moment erst begriff er die Absurdität seiner Frage angesichts der Situation. Der Mann am Boden lachte kurz. Das Lachen war trocken und schien nicht seine blauen Augen zu erreichen.