Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Bekannt durch die ›Knilch-Bücher‹ seines Adoptiv-Vaters in den sechziger, siebziger Jahren schreibt der Knilch selbst über sein Leben als Adoptiv-Kind, geprägt von Erziehung, Kirche, Gesellschaft. Mit seinen jetzt siebzig Jahren erzählt er über persönliche Prägungen und ihre Auswirkungen auf seine beruflichen Aktivitäten: Einfach aus dem ›Bauch heraus‹, ungeschminkt, authentisch, wissend, mit seinen Methoden anstößig und damit angreifbar zu sein. »Immer Ja-Sagen! Weder Hausarrest, Fernsehverbot oder unsinnige Strafen, stattdessen kreative Interaktionen!« Seine unkonventionelle Pädagogik als Sozialpädagoge im Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen machen neugierig, nachdenklich und ermutigen diejenigen, die sich als Pflege- oder Adoptiv-Eltern auf ein Leben mit fremden Kindern einlassen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 372
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Getrieben – Adoptiv-Knilch packt aus
Eine autobiografische Erzählung:
Ich schreibe es mir von der Seele – und erzähle für die Seele.
Autor Peter Weidlich mit Florentine, genannt ‚Flo‘
Peter Weidlich, Jahrgang 46, glücklich verheiratet, vier bereits erwachsene Kinder, fünf Enkel, zwei Urenkel. Jetzt Rentner. Als Diplom Sozialpädagoge hat er sich zeit seines Lebens für Bildung und Wertschätzung vernachlässigter Kinder und Jugendlicher engagiert.
www.p-weidlich.de
Peter Weidlich
GETRIEBEN – ADOPTIV-KNILCH PACKT AUS
„Man kann in Kinder nichts hineinprügeln,
aber vieles herausstreicheln.“
Astrid Lindgren
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2017
Erzählungen über meine Kindheit und Jugendzeit (kursiv), meine beruflichen Aktivitäten und meine Jetzt-Zeit als Rentner.
Ich folge nicht der neuzeitigen Gendermentalität: Wenn ich Begriffe ‚Bürger‘ oder ‚Schüler‘ oder ‚Erzieher‘ oder ‚Pädagoge‘ schreibe, meine ich beide Geschlechter.
Diejenigen, die ich schätze oder die meine Ideen unterstützten, nenne ich mit ihrem Vor- oder Nachnahmen. Aus Gründen der „Political Correctness“ verschweige oder ändere ich die Namen derer, die mich vernichten wollten, selbst wenn es heutzutage opportun scheint, Menschen, deren Meinungen einem nicht passen, symbolisch an den Galgen zu hängen oder deren Unterkünfte abzufackeln oder mit einem wahnsinnigen Shitstorm zu diffamieren.
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Gewidmet
dem Brautpaar
Stephan und Marina Weidlich
Cover
Hinweise
Über den Autor
Titel
Über das Buch
Impressum
Widmung
Vorwort
Schreib’ darüber
Einfach angenommen
Antriebe
Suche
Erwartungen
Von Wald und Tier geprägt
Verantwortung
Hundevernarrt
Methoden im Zwielicht
Grundgedanken
Sanktionen
Lerneffekte
Psychologie
Schulpflicht
Gruppenmagie
Stärkung der Werte
Mannschaft
Kompensation
Macht
Hornmusik
Fürs Leben lernen
Reaktionen
Lehrerjoker
Motivation
Religion und Werte
Atmosphärisch
Messdiener
Zweifel
Die Macht des anderen Geschlechts
Aufklärung
Umwege
Erfüllung
In freier Wildbahn
Menschliches
Vorpraktikant
Berufliche Erfahrungen
Erziehungsmodelle
Jugendbildung
Protest
Umorientierung
An heiligen Nächten
Wunschzettel
Bescherung
Gescheitert
Film als sozialkritisches Mittel
Feinde
Breakdance
Wildwechsel
Zurück zum Leben
Drogen
Drachen
Himmlisches
Revita
Abgeloost
Was einem das Genick bricht
Faulheit
Falschaussagen
Entzug
Traumatisiert
Verurteilung
Gewinn
Selbstverschuldet
Verarbeitung
Jetzt-Zeit
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
Gänsehaut
Asyl
Fazit
So, wenn es Ihnen recht ist, lassen wir den Jungen hereinkommen?
Mir schlug das Herz bis hinauf in den Adamsapfel. Meine Frau wurde blass. Die Tür ging auf, und ein strubbeliger Junge kam herein. Und wie! – so mit Siebenmeilenschritten. Er sah nicht links, nicht rechts, sprach keinen Ton, stieg wortlos neben dem Schreibtisch des Pflegers auf einen Stuhl, nahm den dicksten Stempel und haute ihn krach-bum aufs Stempelkissen. Dann, ohne sich zu besinnen und ohne zu bremsen, stempelte er ruck-zuck-krach-bum sämtliche Papiere, die in seiner Reichweite lagen.
Das war unser Sohn!
Meine Frau sah, dass ich ihn und sein emsiges Tun kritisch betrachtete. »Überlegst du noch, ob wir ihn nehmen? Man sucht sich seine Kinder nicht aus!« Das war richtig, und ich schämte mich. Zwar hatte der Pfleger gesagt: »Wenn Sie mit ihm nicht zurechtkommen, können Sie ihn jederzeit zurück bringen«. Denn meine Frau hatte Recht: Man kann sein Kind nicht wieder zurückgeben! Man tauscht sein Kind nicht einfach um!1
„Diese Passage hat mich seinerzeit bewogen, weiter zu lesen“, erklärt Frau Ditte, mich taxierend. „Erco und ich standen an den Bettchen unserer beiden Töchter“, ergänzt sie, „beide ein halbes Jahr alt. Vor zwanzig Jahren. Es war wie ein Wunder. Sie waren drei Tage bei uns. Unsere Kinder, Adoptivkinder! Ich weiß den Tag genau, als ich, Zufall oder nicht, in das Bücher-Regal meines Vaters griff und diesen Doppelband entdeckte. Seit diesem Tag begleitet uns die Geschichte des Knilchs. Es wäre ein großes Erlebnis, hofften wir vor einer Woche, diesen Knilch kennen zu lernen! Deswegen sind wir hier.“
Beide prüften in den folgenden Stunden, ob der leibhaftige „Knilch“ ihr literarisches Bild trüben würde oder nicht. Ich spürte ihr Abtasten emotional, das für erste Sekunden verunsicherte, nach wenigen Minuten einer beidseitigen Empathie wich.
Sie, Kinder- und Jugendfotografin, mit wachen Augen ihre Umwelt betrachtend, er, Historiker, alle Ereignisse einem geschichtlichen Kontext zuordnend, sitzen mir gegenüber, bei Kaffee und Plätzchen. Beide, beseelt von ihren Erfahrungen mit ihren Zwillingen, schildern ihr Leben in Kurzfassung, mit glänzenden Augen.
Ditte selbst konnte keine Kinder gebären. Ihr sehnsüchtiger Wunsch, Kinder aufwachsen zu sehen, ihnen Geborgenheit und Liebe zu schenken, verdrängte nachdenkliche Fragen besorgter Freunde. Sie tat es, wie Mütter eben, in liebevoller Hingabe, mit klugem Verstand.
Erco, ebenfalls ein Adoptivkind, sprach von seiner diffusen Angst, eine tiefe, tragbare Beziehung zu diesen neuen Wesen entwickeln zu können. Würde von ihm nicht mehr als eine Beziehung erwartet, vielleicht eine tiefgreifende Bindung, eine aufopfernde Haltung, die Vätern leiblicher Kinder unterstellt wird? Er selbst wurde weggegeben, das Band des Urvertrauens zerschnitten. An Liebe und Geborgenheit während der ersten sechs Jahre konnte er sich nicht erinnern. Später musste er die Zuneigung seiner Adoptiveltern mit anderen Kindern teilen. Das prägte und sorgte für latente Zweifel an sich selbst und an anderen. Ins Detail mochte er nicht gehen, über ein Schicksal, das viele Adoptivkinder teilen.
Stattdessen fokussierte er zwei ihm wichtige Fragen:
„Konnte das Engagement Ihrer Adoptiv-Eltern Ihnen das Gefühl vermitteln, als Mensch wieder wertvoll zu sein?“ Und:
„Wie hat die Adoption Ihr weiteres Leben als ‚Knilch‘ geprägt?“
Mit meinen jetzt siebzig Jahren erzähle ich, einfach aus dem ‚Bauch heraus‘, über meine Prägungen in Kindheit und Jugendzeit und ihre Auswirkungen auf berufliche wie gesellschaftspolitische Aktivitäten: Ungeschminkt, authentisch, ohne den Anspruch von Wissenschaftlichkeit, wissend, mit meinen Methoden anstößig und damit angreifbar zu sein.
Die Beispiele meiner unkonventionellen Pädagogik als Sozialpädagoge im Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen fesseln beide Zuhörer.
Sie hören zu, eine Kunst, die selten zu beobachten ist.
Nach mindestens fünfzehn Tassen Kaffee, einer mittelgroßen Pizza für jeden und Plätzchen wie Toffifees verabschieden sie sich nach elf Stunden intensivster Gespräche, wir duzen uns bereits, mit den Worten: „Schreib’ darüber!“
Und ich fange an …
Vier war ich, im Jahre 1950, die Welt unter einer Baskenmütze hervor taxierend, adoptiert von fremden Menschen, die einen Säugling großziehen wollten im Gegensatz zu einem Vierjährigen, bei dem die Sozialisation bereits abgeschlossen war? Schwer vorstellbar!
Sie haben mich angenommen!
Ihre dem Menschen zugewandte positive Grundhaltung, der Mensch, wenn er in die Welt kommt, sei gut, gab meinem Leben entscheidend neue Impulse. Da waren Erwachsene, die auf mein Verhalten reagierten, die mir erklärten, was nach ihrer Meinung in Ordnung war und was ich hätte anders machen müssen. Mir standen persönliche Autoritäten gegenüber, bei denen ich nicht mehr hungern musste, die mit mir spielten, die mir ein Bett in meinem Zimmer gaben und mich vor dem Einschlafen streichelten: Mich, ein wildfremdes Kind. Ich hatte meinen Vater und meine Mutter in meinem Zuhause!
Als ich sechzehn Jahre alt war, fragte ich meine Eltern, wie ich als kleiner Junge gewesen sei und was sie mit mir erlebt hätten.
„Du hast auf deinem Pöttchen gesessen, im Flur, und als der Vermieter die Treppe hinaufkam, hast du den erstaunt blickenden Mann mit den Worten begrüßt: Ich wohne nämlich hier!“
Als ich sie fragend anblickte, übergab mir mein Vater sein 1958 erschienenes Buch „Der Knilch und sein Schwesterchen“: Mein neues Leben als der Knilch.
Ich fing an zu lesen. Mit jeder Zeile begriff ich, auf welches ‚Abenteuer‘ sich meine Eltern eingelassen hatten.
Man hatte mir im Heim signalisiert, dass eines Tages meine Eltern kommen und mich mitnehmen würden. Da waren sie nun.
Im Bahnhofswartesaal der Mann und ich, die Frau nutzte die Wartezeit, bis der Zug uns in mein neues Zuhause bringen würde, um neue Klamotten für mich zu kaufen. Eine Musikdose sollte mich ablenken. Als ich sie linksherum drehte, krachte es in ihr. Wir beobachteten uns, der fremde Mann mich, ich ihn, mit lauernden Blicken. Ich stand auf, fluchtbereit. Er wusste, jetzt beginnt der Ringkampf um die Entscheidung. Ich rannte zur Tür, er hinterher. Er packte mich und dachte: Dieser tierhafte kleine Wilde fügt sich nur körperlicher Überlegenheit, also Gewalt! So war er geprägt, von seinen Eltern, vom Krieg, vom damaligen Mainstream. Widerspenstigen, bockigen Kindern müsse man ihren Willen brechen. „Kinder, die was wollen, kriegen was auf die Bollen!“ „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, hast du mir zu gehorchen!“
Wirklich?
Vierzig Jahre später: Dirk, elf Jahre alt, ein Mündel, abgegeben von leiblichen Eltern zu Pflegeeltern und jetzt von Adoptiv-Eltern zu uns ins Heim. Zu schwierig, bindungsunfähig, aggressiv.
Die Erzieherin begleitete ihn in sein Zimmer zu seinem Bett und wollte seine wenigen Habseligkeiten aus einer Plastiktüte in seinen Schrank einräumen.
„Gib’ mir die Tüte“, bat sie. Er wehrte sich: „Meins!“
Statt ihn einräumen zu lassen, wollte sie ihm die Tüte entreißen. Er schrie auf. „Nein, meins!“ Sie blickte strafend.
Er rannte zum Fenster, riss die Flügel auf und kletterte auf die Fensterbank. Erschrocken rief sie mich um Hilfe.
„Dirk will aus dem Fenster springen! Peter, komm’ schnell“, hallte es durch das Treppenhaus.
Zum Zimmer eilend, nahm ich mir vor, ihn mit einem gewaltigen Satz zum Fenster und beherztem Griff am Springen zu hindern.
Unsere Blicke kreuzten sich. Statt zum Fenster zu eilen, setzte ich mich auf sein Bett und deutete der Erzieherin, uns allein zu lassen.
„Ich bin auch ein Adoptivkind!“, flüsterte ich in seine Richtung. „Ich verstehe dich! Was ist passiert?“
„Sie haben mir immer alles weggenommen! Das sind meine Sachen, die gehören nur mir!“
„In Ordnung. Zeig’ mir, was du mitgebracht hast!“
Tränende Augen sahen mich verzweifelt an. Er sprang vom Fensterbrett, brachte die Tüte und zeigte mir seine Schätze.
So ein kleiner Knirps musste Angst haben, dass ihm sein Miniteddy, die kurze Hose samt Trikot und Fußballschuhe mit drei Streifen weggenommen werden könnten. In seiner Hand hielt er ein zerknittertes Foto, das er zwischen der Unterwäsche versteckt hatte.
„Meine richtige Mama“, zeigte er mir, „und ich.“
Wochenlang haben meine Eltern mit mir gerauft und sich gefragt, ob sie mich ‚hinkriegen‘. Nur nicht schlappmachen, war ihre Devise. Wenn einer schlappmachen muss, dann der Knilch!
„Der muss doch irgendwann müde werden“, stöhnten sie und wanderten mit mir durch den Reinhardswald zum Dornröschenschloss und zurück, fünfundzwanzig Kilometer bergauf, bergab. Sie waren kaputt, ich wollte weiterhin draußen spielen. Heute würde ich als ADHS-Kind2 eingeordnet und medikamentös ruhiggestellt werden.
Ich war eben zäh.
Unermüdlich rollte ich die Treppen im Gutshof hinauf und hinunter, kreuz und quer über den Hof, wie eine Achterbahn ohne Bremsen. Hemmungslos tat ich das, wozu es mich trieb, meist ohne Verstand, so las ich über mich.
Die beste Schule sei die Erfahrung am eigenen Leib, dachte mein Vater und reagierte entsprechend: Als ich einem Jungen Sand ins Gesicht geworfen hatte, nahm er mich mit in die Sandkuhle und bewarf mich mit Sand. Ich muss fürchterlich gebrüllt haben und fand Sandwerfen nicht mehr lustig.
Spannend fand ich es, Kellerfenster einzutreten und war total geschockt, als mein Vater daraufhin sagte: „Nun pass mal auf, was ich kann!“ Er nahm mein Feuerwehrauto und trat es platt. Das gefiel mir gar nicht.
Wir hätten es bestimmt leichter gehabt, und erst recht der Knilch, die bösen Triebe umzulenken, wenn nicht die Erwachsenen so verbohrt bei ihrer vorgefassten Meinung geblieben wären. Gerade ein Kind, das seine Eltern nicht mehr hat, braucht doch Vertrauen, Liebe und Schutz viel mehr als ein Kind, das in der natürlichen Geborgenheit bei den eigenen Eltern aufwächst. Denn, spürt es die Geborgenheit und das Vertrauen nicht, verschließt es sich, wird scheu und schließlich misstrauisch. Daraus erst wächst dann der schlechte Charakter, den man schon vorher in das Kind hineingedacht hat. Die Immer-Gescheiten aber sagen: Na bitte, da haben wir’s! Manche Erwachsenen haben geradezu mit Wonne – und ohne ihn daran zu hindern! – den Knilch bei seinen schlimmen Streichen beobachtet. Und wenn meine Frau oder ich auf den Hof kamen, um nach ihm zu sehen, wiesen sie selbstzufrieden auf ihn hin und sagten: „Da! Sehen Sie ihn sich nur an! Er ist gerade wieder dabei!“ Es war ihnen eine Lust, uns zu ‚beweisen‘, dass er nichts tauge.3
Als ich diesen Absatz vor einigen Tagen las, um meine Vergangenheit aufzufrischen, musste ich an die Kinderheim-Kinder denken, die Ähnliches haben durchleben müssen: Einmal Heimkind, immer Heimkind. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen und dennoch zu seinem ES zu stehen, erfordert gelebte Kompensation.
Dem ICH, durch die Trennung von der Mutter und der daraus resultierenden Objektkonstanz, aus den Augen, aus dem Sinn, fehlt das Urvertrauen und die sichere Bindung an die Mutter, eine Mutter, die füttert, badet, streichelt und damit das Gefühl vermittelt, in der Welt willkommen und angenommen zu sein. Wenn dieses ‚Bild‘ von einer Mutter, im kindlichen Gedächtnis und Herzen verankert, zerstört wird, sind Bindungsstörungen die Folge.
Das ES mit seiner Triebhaftigkeit, mit seinen Antrieben, mit seinem Drang nach Bedürfnisbefriedigung und seiner Suche nach Anerkennung macht einerseits das zurzeit von unserer Gesellschaft geforderte Alleinstellungsmerkmal aus, andererseits zwang mich diese Manie, immer wieder Neues zu beginnen.
Kann dieser Antrieb, besser, schneller zu sein als andere, schier unlösbare Herausforderungen angehen und meistern zu wollen, ein Beweis dafür sein, ein zerstörtes Selbstwertgefühl wieder herzustellen? Sich gegen den Makel eines ‚Bastards‘ aufzulehnen? Wie kleine Menschen, die unter ihrer Größe leiden und ihren Minderwertigkeitskomplex mit intrigantem Verhalten oder unmenschlicher Härte oder grandioser Leistung wettmachen wollen? Ein kompensierendes ÜBERICH will erfahren werden, mittels Versuch und Irrtum, durch Ge- und Verbote oder über eingebleute Züchtigungen, wie man früher dachte und handelte.
Hat ein Adoptivkind, abgestoßen von seinen Eltern, egal aus welchen Gründen, ein Bastard eben, ein Recht auf Leben, ein Recht auf Anerkennung, ein Recht auf Liebe?
Diese Frage der Existenzberechtigung stellt sich zunächst kein Kind, das als leibliches Kind aufwächst oder dem die Tatsache verschwiegen wird, adoptiert worden zu sein, es sei denn, Umweltfaktoren bedrohen sein Leben.
Ich stellte mir, je älter ich wurde, immer wieder diese Fragen und beantwortete sie mit verstärkten Antriebshandlungen in jeglicher Hinsicht, mit wechselndem Erfolg:
Mutter bat mich, ich war voll in der Pubertät, das Kartoffelfeld umzugraben, weil sie die Saatkartoffeln legen wollte. Ich grub wie ein Besessener. Plötzlich, völlig losgelöst, packte ich den Spaten mit beiden Händen und wirbelte ihn um mich herum. Dass sich meine kleine Schwester aufgrund meiner Fluggeräusche interessiert näherte, bemerkte ich nicht. Aber mein Vater sah aus seinem Fenster die Gefahr und brüllte. Erschrocken brach ich den Hubschrauberflug ab. Von diesem Augenblick an geschah etwas in mir. Ich nahm mir vor, „triebgesteuerte“ Eingebungen in nutzbringende Antriebe umzuwandeln, was mir nicht immer gelang.
Denkaufgaben einfachster Art hingegen, wie ein einfaches Legespiel, Klötze zu Märchenbildern zusammenstellen, mit einem Stabilbaukasten einen Kran zusammenzusetzen oder mit Holz-Bauklötzen Häuser zu bauen, erschöpften mich damals. Ich schmiegte meinen Kopf an meine Mutter, fassungslos darüber, nach einer halben Stunde bereits keine Motivation mehr zu haben.
Dank unermüdlicher Hilfestellung und tagtäglicher Forderung begriff ich den Sinn dieser Spielangebote. Ein Verkehrsteppich mit aufgemalten Straßen, Schildern und einigen Spielautos sollte mich animieren, Vater hatte gerade unseren ersten VW erstanden, Verkehrsregeln zu begreifen. Er hatte meine ständigen Fragen wahrscheinlich satt.
Ich merkte, dass ich meinen Verstand tatsächlich gebrauchen konnte und begann, es fing mit Angelbüchern an, nachzulesen, wie und wann ein Aal zu fangen sei, wie man ihn töten und räuchern könne. Später verschlang ich alle Karl-May-Bücher, litt mit Tom Sawyer und Huckleberry Finn und begriff, wiederum Jahre später, dass jedes Wort bei mathematischen Textaufgaben eine bestimmte Bedeutung hatte.
Kriegsgräberpflege in Frankreich. Man suchte junge Leute, die einen Teil ihrer Ferien mit sinnvoller Arbeit verbringen wollten. Auf meinen Wunsch meldeten mich meine Eltern an. Es ging nach Amiens.4
1961 begann der Volksbund damit, die deutschen Toten aus Grablagen in den umliegenden Départements zu bergen. Zweiundzwanzig Kilometer nordwestlich von Amiens legte er den Friedhof Bourdon als zentralen Sammelfriedhof an. Meine Aufgabe und die anderer Jugendlicher war, jeden Vormittag ein großes Stück Land umzugraben, drei Wochen lang. Harte Arbeit, herrlich. Ich war nicht zu bremsen. Als Dank durfte ich am Sonntag als Messdiener in der Kathedrale von Amiens dienen und wurde anschließend vom Pfarrer zum Mittagessen eingeladen. Ich wusste nicht, dass Franzosen zum Essen Wein trinken. Unbekannt war mir, welche Wirkung der Wein erzielte. Total betrunken, leise, zufrieden vor mich hin lallend, wurde ich ins Lager zurückgebracht.
Neben meiner hauptberuflichen Tätigkeit in der Kita Jahre später kümmerte ich mich ehrenamtlich um den Aufbau des Malteser-Hilfsdienstes in Braunschweig. Bisher war der Kurs „Sofortmaßnahmen am Unfallort“ für Führerscheinanwärter angeboten worden. Ich wollte mehr.
Meine Beobachtungen und Befragungen ergaben, dass der Krankentransport in Verbindung mit dem Rettungsdienst von den anderen drei Vereinen, Rotes Kreuz, Arbeiter-Samariter-Bund und Johanniter-Unfall-Hilfe durchgeführt wurde. Sie kämpften als Konkurrenten um jeden Transport. Damals gab es keine gemeinsame Rettungsleitstelle, die alle Einsätze koordinierte, wie heute.
Ich fragte zwei Sanitäter, warum sie den stark blutenden Unfall-Patienten nicht richtig ‚angefasst‘ hätten mit stabiler Seitenlage und direkter Wundversorgung. „Wir sind doch nicht verrückt. Wir haben nur eine Uniform, die können wir nicht einsauen!“ Zusätzlich stellte ich fest, dass die Kranken oder Verletzten am Krankenhaus-Eingang abgegeben wurden, damit man schnell den nächsten Transport übernehmen konnte.
Über die Hauptzentrale des Malteser-Hilfsdienstes orderte ich einen Krankenwagen und ließ Ehrenamtliche zu Sanitätern ausbilden. Sie erhielten weiße Kittel und die Anweisung, Schwerkranke oder Verunfallte direkt zu versorgen und sie bis in den OP-Bereich des Krankenhauses zu bringen. Innerhalb weniger Wochen hatten wir die meisten Krankentransporte nach dem Roten Kreuz!
Das brachte Rudi auf den Plan. Er rief mich an und fragte, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm einen Flugrettungsdienst für den Harz-Heide-Raum zu organisieren. Er habe als Testpilot der Freiwilligen Feuerwehr Niedersachsens gearbeitet und sich aus zwei Hubschraubern einen zusammengebaut, der einsatzfähig sei.
Tolle Idee. Der Malteser-Hilfsdienst hatte kein Interesse, mit zu machen. Vielleicht ahnten die Verantwortlichen, welche Schwierigkeiten auf sie zukommen würden. Mich reizte es, naiv aktiv, wie ich war:
Innerhalb von acht Wochen hatte ich ein Team von ehrenamtlichen Sanitätern, drei Unfall-Ärzten und zwei Piloten zusammengestellt und einen Flugrettungsverein gegründet, als gemeinnützig anerkannt. Räume für das Einsatzteam und der Hubschrauber-Landeplatz standen im Krankenhaus Salzdahlumer Straße bereit. Die Firma Draeger stellte die notwendigen Geräte im Hubschrauber zur Verfügung. Der Oberbürgermeister der Stadt hatte seine ideelle Unterstützung zugesagt, eine Versicherungsgesellschaft begann mit der Beschriftung des Hubschraubers.
Wir trafen uns mit einem Mann vom Fach, um ihm unser Konzept vorzustellen. Er hatte sich einen Namen gemacht mit Notrufsäulen entlang der Autobahnen und mit der Flugrettung bundesweit. Für den Einsatz des Hubschraubers am Unfallort, so erklärten wir ihm, bekam man von der jeweiligen Krankenkasse achthundert DM, für die Verbringung des Notarztes zusätzlich achthundertfünfzig DM, zusammen pro Einsatz eintausendsechshundertfünfzig DM. Für die Wartung des Hubschraubers hätten wir eintausend DM im Monat aufbringen müssen. Da alle ehrenamtlich tätig waren, wären geringe Sachkosten angefallen. Folglich kein Zuschuss-Unternehmen, im Gegensatz zu einem Flugrettungsverein, der nur mit hoher staatlicher Subvention wie Spenden existieren konnte.
Wem hatte ich da wohl auf die Füße getreten? Ich merkte nichts, naiv wie ich war!
Als ich das Rettungswesen öffentlich vorstellen wollte, benötigte ich für den Hubschrauber eine Außenlande-Erlaubnis. Im Notfall kann er überall landen, ansonsten braucht er eine Sonder-Erlaubnis. Ich stand vor dem zuständigen Beamten des Bundesluftfahrtamtes und bat um die Erlaubnis.
„Nein“, sagte er, „die bekommen Sie nicht!“
Ich dachte an einen Scherz. „Warum nicht“, fragte ich perplex.
Achselzucken.
Als ich begriff, dass alle meine Mühen umsonst waren und an diesem sturen Beamten zu scheitern drohten, brach für mich eine Welt zusammen. Meine angestaute Energie, meine Anspannung explodierte in einem fürchterlichen Gebrüll. Vor Schreck kroch die Sekretärin unter ihren Schreibtisch. Der Beamte wurde kreidebleich und atmete schnappartig.
Ich blies alles ab, enttäuscht und frustriert. Und langsam dämmerte mir, dass Geld eine Macht war, die man nicht unterschätzen durfte.
Eine Erkenntnis, die mich als Sozialpädagogen bis ins Mark traf.
Wenn ich an manche Aktivitäten denke, die ich als Heimleiter mit den mir anvertrauten Jugendlichen initiiert habe, frage ich mich, wo mein Verstand geblieben ist, als erlebtes Abenteuer mir wichtiger schien als vom Verstand gelenkter Verzicht:
Mit dem Geländewagen durch zwei Meter hohes Maisfeld gerast, auf den Trittbrettern klemmten Jungen, sich bei offenen Fenstern an Halteschlaufen krallend, laut grölend und total begeistert. Was für eine Mutprobe! Der Mais war von mir bezahlt, die platt gefahrenen Maishalme mit den reifen Kolben boten Hasen, Fasanen, Rebhühnern, Kaninchen Leckerbissen den Winter über. Es war daher sinnvoll, aber nicht normal! Was hätte nicht alles passieren können?
Oder im Schnee. Zwanzig Meter lange dicke Eisenkette an der Anhängerkupplung, alle zwei Meter ein Schlitten mit starkem Karabiner angehakt. Ab ging es durch den Schnee. Der letzte der zehn Schlitten schlingerte am meisten. Auf dem lagen sie bäuchlings, um besser steuern zu können. Blitzartiger Stopp, wenn einer vom Schlitten purzelte. Es klappte immer.
Wenn ein Kind verunglückt wäre? Jeder hätte an meinem Verstand gezweifelt. Triebgesteuert, ohne Verstand? Jeder Richter hätte mich verurteilt, mit Recht!
Genau wie bei der theoretischen Führerscheinprüfung. Ich wunderte mich, dass einige Eltern meiner Heimkinder keinen Führerschein besaßen. Auf meine Nachfrage erfuhr ich, dass sie sich ihn sehnsüchtig wünschten, aber einige Male durch die theoretische Prüfung gefallen seien und resigniert hätten.
Von meinem Antrieb gesteuert, Fremden helfen zu wollen, kam ich auf die Idee, eine Fahrschule aufzubauen, die innerhalb von zwei Wochen die theoretischen wie praktischen Kenntnisse vermitteln sollten. Zum Abschluss der zwei Wochen wäre die Prüfung.
Mit einem Kollegen, der Fahrlehrer war, richteten wir direkt nach der Wende in Mecklenburg-Vorpommern ein ehemaliges Jugendfreizeitheim her, bestückten den Fahrschulraum mit den notwenigen Lehrmitteln und luden fünf Schüler ein, diesen Probelauf, abgestimmt mit der DEKRA, durchzuführen. Vier Prüflinge bestanden den Kurs und erhielten den regulären Führerschein B. Meine Heimkinder strahlten, als ihre Eltern endlich den Führerschein besaßen.
Dieses Fahrschul-Modell konnte nicht fortgesetzt werden, weil der Fahrlehrer verstarb. Ich selbst musste mich intensiver um meine Heimkinder kümmern.
Alles vor diesem neuen Leben in meiner Adoptiv-Familie hatte ich verdrängt, vergessen, vielleicht nie richtig wahrgenommen. Bis auf eine Erfahrung, die mein zukünftiges Leben nachhaltig beeinflusst:
Jedes Mal, wenn ich in die Nähe eines Fleischerladens komme, läuten bei mir alle Alarmglocken: Da gibt es Wurst! Und „Wurst“ war das erste Wort, das ich sprechen konnte. Nicht Mama oder Papa, wie jedes normale Kind, nein: Wurst.
„Denn Wurst bekam er immer geschenkt“, so erklärte die Sozialarbeiterin vom Jugendamt meinen Adoptiv-Eltern, „wenn Peter aus dem Kinderheim abgehauen war und vor der Fleischers-Frau mit strahlenden Augen auftauchte!“
Wie gestern, ein kleiner Junge, der im Supermarkt zielstrebig auf die Fleischtheke zusteuerte, seinen Einkaufskorbwagen hinter sich her rollend. Seine Eltern sahen aus sicherer Entfernung glücklich lächelnd zu. Er strahlte die Verkäuferin an, streckte sein Händchen aus und die Scheibe Kinderwurst verschwand mit gehauchtem Danke in seinem Mund.
Wenn nach den ersten Frostnächten das beste Schwein bei Bauern an der Leiter hing, entborstet, ausgeweidet, die Schlachtebrühe im Kessel dampfte und ich frisches Mett und eine Kanne wunderbar duftender Brühe nach Hause brachte, war ich glücklich. Dieser für mich würzige Geruch erinnert mich heute daran, als Kleinkind mit Lebenswichtigem versorgt worden zu sein, das meinen Hunger stillte und mein Bedürfnis nach Nähe weckte, einer Nähe, die mich wahrnahm.
Immer wieder ertappe ich mich, Kleinkinder zu beobachten, um aus ihren sozialisationsgeprägten Verhaltensweisen Rückschlüsse auf meine ersten vier Lebensjahren ziehen zu können, über die ich absolut nichts weiß.
Habe ich als zwei- oder dreijähriger Junge, genauso selbstbewusst die Umwelt in Besitz genommen, zielstrebig bekundet, was ich haben wollte, wie die kleinen Persönlichkeiten, denen ich heutzutage begegne?
Sie blicken nicht weg, bei Augenkontakt, im Gegensatz zu Erwachsenen, an der Ampel, wenn du aus deinem Auto zum Nachbarn schaust oder im Fahrstuhl direkten Blickkontakt wagst.
Wenn ich kleine Kinder zusätzlich anlächle, verändert sich ihre Mimik, vom Erstaunt-Sein bis hin zum schelmischen Versteckspiel hinter Mamis Rücken. Und wenn manche Mütter missbilligend weiterziehen, muss ich daran denken, wie schnell man in die Ecke eines Pädophilen gestellt werden kann.
Meine Adoptiv-Mutter beklagte sich, dass ich in den ersten Monaten ihr nicht in die Augen habe blicken können. Warum? Wenn dir das Wichtigste im Leben abhandenkommt, bist du ein Nichts. Und ein Nichts hat seinen Blick in den Boden zu bohren, genau wie früher das Gesindel ihrer Herrschaft gegenüber, der Hartz-Vier-Empfänger vor den Göttern der Agentur für Arbeit, der Unternehmer vor dem Kreditinstitut oder der Laie vor dem Kardinal.
Trotz ihrer Fürsorge und Zuneigung, oder vielleicht gerade deswegen, stellte ich ihre Durchhaltefähigkeit tagtäglich auf die Probe. Intuitiv wollte ich wahrscheinlich prüfen, so erkläre ich mir das heute: Stehen sie weiterhin zu mir, wenn ich sie verleugne, verletze, wenn ich ihren Ansprüchen nicht genüge, ihren Regeln nicht gehorche oder sie mit meiner in Tagträumen glorifizierten leiblichen Mutter vergleiche? War mir überhaupt bewusst, ihre Hingabe mit meiner Art zu gefährden? War es mir egal, ob diese Zuneigung halten würde oder nicht? Oder war ich einfach nur wild, unberechenbar, gedankenlos, schizoid?
Auf jeden Fall wollten sie mich dazu bringen, über mein Tun zu reflektieren. Ich wäre sonst, wie sie mutmaßten, der geblieben, für den ihre Nachbarn mich hielten: Der fremde Junge, der so böse ist. Und womöglich hätte das dazu geführt, dass ich böse geworden wäre. Etwa in der Art einer ‚Selbsterfüllenden Prophezeiung‘, wie: Wenn man in einer Konfliktsituation ein Kind beschimpft und ein anderer sagt, dass es gleich weinen würde, dann weint es auch.
Genau wie Heimkinder. Sie haben ein grundsätzlich negatives Image. Und irgendwann entsprechen sie dem Image, weil niemand an sie glaubt. Meine Eltern glaubten an mich, wie ich später an Heimkinder. Und wenn man an das Gute in fremden Kindern glaubt, gleicht man naiven Spinnern oder ist suspekt.
Mit zwölf Jahren kniete ich neben meiner Mutter, hundertfünfzigprozentig katholisch, an der Kommunionbank. Irgendetwas geschah mit mir. Als ich sah, wie sie den Mund öffnete, um die Hostie zu empfangen, spürte ich eine seltsame, in die Tiefe gehende Zuneigung zu ihr. Zu meiner Mutter, die nicht meine leibliche Mutter war, die mich dennoch haben wollte und mich nie verlassen hat, trotz aller Schwierigkeiten mit mir.
Im Jahre 1986, ich war vierzig Jahre alt, kam ich auf den Gedanken, nachzuforschen, wer meine leiblichen Eltern seien, wie sie aussähen, ob sie an mich dächten, ob sie wissen wollten, was aus ihrem Sohn geworden sei.
Ich wollte ihnen die Frage stellen: WARUM?
Wer mein Vater oder Erzeuger wäre, war mir völlig egal.
Meine Mutter beschäftigte mich in tiefsten Gedanken und Träumen. Insgeheim hatte ich ihr verziehen. Sie musste in äußerst schwieriger Situation gewesen sein, die sie gezwungen hatte, mich wegzugeben, entschuldigte ich sie. Ich traute mich nicht, sie zu verurteilen. Stattdessen hatte sich in mir der Gedanke festgesetzt: Du, Peter, musst das, was dir deine Mutter angetan hat, bei anderen Kindern wieder gutmachen!
Das wäre der tiefere Grund für mich, Sozialwesen zu studieren und für Heimkinder tätig zu werden, erklärte mir ein Psychotherapeut während der Lehranalyse auf der Couch. Hundertfünfundzwanzig Stunden Lehranalyse sind Bedingung, um das Studium der Kinder- und Jugendlichen Psychotherapie abschließen zu können. Dieses Zusatzstudium hatte ich berufsbegleitend begonnen, um in die Geheimnisse der Speziellen Neurosenlehre eingeweiht zu werden.
Als Heimleiter meines privaten Kinderheimes stellte ich Nachforschungen an, um die Verhaltensweisen mir anvertrauter Kinder besser verstehen zu können. Der Hinweis, Heimleiter zu sein, eröffnete mir alle Türen bei Jugend- und Einwohnermelde-Ämtern.
Nach einigen Telefonaten bekam ich den Namen meiner leiblichen Mutter heraus und ihren damaligen Aufenthaltsort. Ich rief die Telefon-Auskunft an, früher gab es sie, und erkundigte mich, ob Frau Schulze in Kelsterbach einen Telefonanschluss hätte. Hatte sie nicht. Schade, dachte ich und verdrängte meine Wünsche.
Weitere zwei Jahre vergingen. Ein seltsamer Anruf einer Frau überraschte mich. Ohne ihren Namen zu nennen, bat sie um meine Konto-Nummer, da sie spenden wolle. Ich dachte an eine Spende für mein Kinderheim und erklärte ihr, keine Spendenquittung ausstellen zu können, da wir kein gemeinnütziger Verein seien.
Eine Woche später rief dieselbe Dame an und sagte, dass sie mir privat etwas zukommen lassen wollte und meine private Konto-Nummer bräuchte. Ich wunderte mich darüber, gab ihr meine Nummer. Gleichzeitig fing mein Gehirn an zu rotieren. Wer will mir Geld schenken, ohne eine Gegenleistung zu erwarten?
Als auf meinem Konto zweitausend DM erschienen, erfasste mich ein ungeheurer Verdacht: Sollte das Geld von meiner leiblichen Mutter kommen? Ich rief wiederum die Auskunft an und erhielt als Antwort eine neue Telefonnummer von Frau Schulze. Mit klopfendem Herzen wählte ich die Nummer. Tatsächlich, es war die Stimme der anonymen Spenderin. Meine Mutter!
Mein Körper fing an zu zittern, meine Stimme wurde weich und rau. Fragen, die ich mir vorsichtshalber zugelegt hatte, waren wie weggeblasen. Ebenso mein Vorsatz, ihr zu sagen, dass etwas aus mir geworden sei und sie sich keine Vorwürfe zu machen brauche, alles weg. Ich stammelte die Frage, wie es ihr gehen würde. Hörte ihre Stimme, so lieb, so mütterlich, begriff den Inhalt ihrer Antworten kaum und war der kleine Junge, der sich bei Muttern einkuschelte, alles vergessend, alles verzeihend.
Nach dem Gespräch entschloss ich mich, sie sofort zu besuchen. Mein warnender Verstand sagte mir, sie anzurufen und den Besuch anzukündigen.
„Nein, nein“, rief sie entsetzt ins Telefon, „du kannst nicht hierherkommen. Es weiß keiner, dass es dich gibt. Mein Lebensgefährte könnte das nicht ertragen. Ich schreibe dir alles. Sei nicht traurig!“ Und wieder platzte ein Traum.
Wie ein begossener Pudel saß ich an meinem Schreibtisch, heulte Rotz und Wasser. In diesem Moment wurde mir überdeutlich bewusst, welche unmenschlichen Schicksale das Leben vieler Kinder beeinflussten. Und ich war nicht nur Opfer, sondern auch Täter mit meinen Scheidungen! Ist so das Leben?
Sie schrieb mir tatsächlich: Ihr Mann wäre in Russland verschollen gewesen. Ein anderer Mann habe sich um sie bemüht. Aus dieser Liaison wäre ich entstanden. Ihr Mann sei überraschend aus der Gefangenschaft zurückgekehrt, habe ihr den Fehltritt verziehen, verlangte: „Der Bastard muss sofort aus dem Haus!“ Was sie hätte tun sollen, fragte sie, und bat, dass ich ihr verzeihen möge. Das Jugendamt habe sich um mich gekümmert, sie habe nicht erfahren, wohin oder zu wem ich gekommen sei.
Immerhin besser, ins Heim gekommen, als abgetrieben worden zu sein, dachte ich, nachdem ich ihren Brief enttäuscht und verstehend verwahrte.
Jahre später stand ich an ihrer Haustür. Ich wollte sie sehen. Wollte ihr sagen, dass ich ihr verziehen hätte. Ich traute mich nicht zu klingeln. Wollte ihr Geheimnis nicht lüften und Erklärungsnöte heraufbeschwören. Stattdessen schob ich die erste CD unserer Bläsergruppe in den Briefkasten. Vielleicht …?
Zwei Jahre später erfuhr ich, dass sie gestorben sei. Meine unbekannte Mutter, der ich so gern über ihr Haar gestreichelt hätte.
Die Suche nach meiner leiblichen Mutter brachte andere Probleme: Meiner Adoptiv-Mutter gefiel das gar nicht. Sie empfand mein Tun als illoyal ihr gegenüber. Sie hatte sich ein Leben lang für mich eingesetzt, mich ertragen, mein Denken geformt, mir ihren Stempel aufgedrückt!
„Musste das sein?“, fragte sie mich vorwurfsvoll auf ihrem Sterbebett. Ich konnte ihr diese Frage nicht beantworten, als ich ihr über das schlohweiße Haar streichelte und ihre müden Augen sah.
Bedrückend und beschämend war, dass ich nicht wusste, welcher Tod beider Mütter mich trauriger gestimmt hätte. Ich kann es nicht sagen. Die leibliche Mutter hätte ich gern kennengelernt, hätte ihr verziehen, die Ersatzmutter hatte zu mir gestanden, mich geprägt.
Und ich stellte mit Entsetzen fest, dass mir ihr Tod nicht zu Herzen ging, nicht viel mehr als ein Schicksal annehmendes Schulterheben im Bewusstsein, dass jeder sterben würde.
Am Sterbebett meines Adoptiv-Vaters, ihn in seiner vergehenden Verfassung erlebend, berührte mich sein Sterben tiefer. Im Rückblick auf das Zusammenleben mit ihm, die positiven Momente überwogen, fühlte ich keine übergroße Liebe, die durch seinen Tod hätte erschüttert werden können.
Ich frage mich: Kann man als Adoptiv-Kind seine Mutter oder seinen Vater überhaupt zutiefst lieben? Bedeutet Liebe nicht, ständig in dem Geist beider sich Liebenden aufzugehen, gemeinsam eine Macht zu kreieren? Das Durchtrennen der Nabelschnur impliziert Eigenständigkeit, Loslösung, liebevoll versorgt und begleitet, der Beginn einer lebenslangen Symbiose.
Und wenn diese innige Verbindung zwischen Mutter und Kind durch Trennung beider zerstört wird, macht deutlich, warum aus Angst vor erneuter Enttäuschung Adoptivkinder sich einerseits kaum auf intensivste Beziehung einlassen können und andererseits ständig auf der Suche nach ihr sind.
Wie wirkt sich diese Erkenntnis auf die Heimkinder aus, die von ihren leiblichen Eltern per Beschluss getrennt wurden und bei fremden Menschen leben müssen? Sind sie in der Lage oder willens, eine tragfähige Beziehung zu Sozialpädagogen aufzubauen, angesichts einer Staatsmacht, die meint, eine staatlich-kontrollierte Erziehung diene dem Kindeswohl? Eine Erziehung, frei von intensiver Beziehung und inniger Geborgenheit, aber gesteuert von dokumentierter Professionalität?
War mein vollmundiges Statement, fremde Kinder genauso ‚lieben‘ zu können wie zukünftig meine eigenen, reines Wunschdenken? Müsste ich statt ‚lieben‘ nicht eher den Begriff ‚wertschätzen‘ verwenden?
Die Beziehung zu Heim-Kindern wird geprägt von liebevollen Zuwendungen aller Art, verbunden mit dem Ziel, ein Stück Urvertrauen zu Erwachsenen wieder herzustellen, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und sie fit für das Berufsleben zu machen.
Eine wundervolle Aufgabe, der ich mich stellte.
Vater erklärte mir: „Wenn du die Macht hast, Böses abzuwenden, es aber nicht tust, machst du dich mitschuldig!“
Es ist nicht immer leicht, ‚Böses‘ und ‚Gutes‘ zu unterscheiden.
Ein scheinbar unbedeutendes Beispiel aus meiner Kinderheim-Zeit: Nach meiner Meinung sollte das Kinderzimmer aufgeräumt und sauber sein, frei von unangenehmen Gerüchen.
Folglich erinnerte ich Karsten wöchentlich daran, sein Zimmer aufzuräumen. Ich half ihm mit und lobte ihn, wenn es einen Tag lang ordentlich blieb. Verständnislos registrierte ich, dass sein Zimmer zwei Tage später wieder einem stinkenden Saustall glich. Das machte mich wütend. Um ihn zu motivieren, setzte ich fünfzig DM für das sauberste Zimmer als Prämie fest. Das zweite bekam vierzig, das dritte dreißig, das vierte zwanzig und das fünfte zehn. Am nächsten Tag war Kirmes. Das Geld war ersehnt. Alle strengten sich an. Nur Karsten nicht. „Es sieht doch gut aus“, lächelte er verunsichert.
Ich begriff nichts.
Ein Jahr später besuchten wir seine Oma in Hamm. Als ich die Wohnung betrat, waberte ein eigenartig stinkender Geruch in meine Nase, ein Geruch, den ich aus Karstens Zimmer kannte. Mitten im zugemüllten Messie-Haushalt saß Karsten im Ohrensessel seiner Oma und lächelte. Ich sah ihn an und fragte:
„Karsten, wo fühlst du dich wohler? Hier“, ich zeigte auf den gesamten Unrat, „oder in deinem aufgeräumten Zimmer?“
„Hier!“ Wieder lächelte er verunsichert.
Und jetzt begriff ich es.
Monatelang hatte ich ihn mit meinen Sauberkeitsvorstellungen überfordert und gekränkt, ihm sogar Faulheit vorgeworfen. Welch’ ein Trugschluss meinerseits, welche Missachtung seiner Gefühlswelten!
Er verzieh mir, lächelnd.
Ich hatte verstanden, meine Wahrnehmungen und Vorstellungen auf den Prüfstand zu stellen, wenn es um die Loyalität zu einem Kind und seiner Familie geht.
Mir fiel ein, wie sehr ich meine neuen Eltern gekränkt haben musste, jedes Mal, wenn wir Besuch bekamen. Ich spielte Theater und tat so, als ob ich ein armes, armes, vernachlässigtes Heimkind wäre.
Besucher erkundigten sich nach mir, dem Knilch, und fragten, ob es mir gut ginge in der neuen Familie. Krokodils-Tränen rollten über meine Wangen und verstärkten die mitleidigen Blicke über mein grausames Schicksal, von der leiblichen Mutter abgegeben worden zu sein. Der Fairness halber hätte ich freudig lächelnd antworten müssen, dass es mir sehr gut ginge. Das aber tat ich nicht.
Die traurigen Blicke meines Vaters trafen mich. Er setzte sich an mein Bett, der Besuch war gegangen, und schaute mich schweigend an. Und ich spürte ein seltsames Gefühl in mir aufsteigen, ein Gefühl, das ich nicht kannte, das ich nicht wollte. Trotzig heulte ich ins Kissen: Was habe ich falsch gemacht? Es muss aber falsch gewesen sein, sonst würden sie nicht so reagieren, mahnten mich diffuse Gefühle, soweit ich mich erinnern kann.
Meine Mutter war so schwer beleidigt, dass sie zum Gute-Nacht-Sagen erst gar nicht mehr erschien. Das gab mir zu denken. Irgendwie schämte ich mich, und wusste nicht, wofür.
Jahre später las ich das zweite Buch: ‚Herr Knilch und Fräulein Schwester‘, mit dem mein Vater seinen Frust über mich von der Seele geschrieben hatte, allerdings auch, um Adoptiv-Eltern trotz aller Rückschläge Mut zu machen.
„Bist du mit dem, was ich über dich geschrieben habe, wirklich einverstanden, soll ich etwas ändern?“
Diese Frage meines Vaters überraschte mich, zumal ich ihn mit einem aufmüpfigen Spruch zwei Tage zuvor aus der Fassung gebracht hatte. Er wollte mich wieder wegen irgendeiner Eselei mit seinem Spazierstock züchtigen. Ich nahm all’ meinen Mut zusammen und rief: „Denk’ daran, du verdienst dein Geld mit mir!“
Er schaute mich irritiert an, ließ den Stock fallen und zog seine Stirn in Falten. Dann brach es aus ihm heraus:
„Ich habe Krieg und Gefangenschaft überstanden. Ich danke Gott und dem Schicksal. Jetzt bin ich für dich da. Ich weiß, dass Eltern keine Dankbarkeit von ihren Kindern erwarten können, Adoptiv-Eltern schon gar nicht, wofür auch? Du kannst nichts für dein Schicksal, aber, hast du jemals etwas von Familienehre und Liebe und Loyalität und Dankbarkeit gehört?“
Fragen über Fragen schossen mir als Sechzehnjährigem durch den Kopf, als ich seine Gedanken und Empfindungen las, die das Zusammenleben mit mir betrafen, dem Knilch, oft zermürbend, selten beglückend: Hätte ich bereits damals vom ersten Tag an und immer wieder zeigen müssen, dass es mir in dieser Familie gut geht? Dass sie sich intensiv um mich kümmern? Dass sie meine Eigenarten ertragen? Dass sie mich überhaupt zu sich genommen haben? Dass sie mir zeigen, was gut und was böse ist? Auch, dass sie mich verhauen, wenn ich Mist gemacht habe? Muss ich dafür dankbar sein? Wie zeigt man Dankbarkeit? Muss ich meiner Mutter dankbar sein, dass sie mich in fremde Hände gegeben hat?
Ich stutzte. Und nahm mir vor, nie wieder schlecht von ihnen zu denken oder Falsches über sie zu erzählen.
Betroffen legte ich das Manuskript zur Seite. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir bewusst, wie anstrengend, wie fordernd ich war, und wie wenig ich zurückgegeben hatte. Ich schämte mich. Aus diesem Gefühl erwuchs der Gedanke, es wieder gut machen zu wollen, bei anderen Kindern.
Wenn Eltern resigniert resümieren: „Wir haben alles erdenklich für dich getan, wir machen alles nur für dich – und du, was machst du? Warum machst du alles kaputt, was haben wir falsch gemacht?“ Steckt hinter diesen Gedanken und Fragen nicht der unbewusste Wunsch nach dankbaren Kindern?
Jahre später erlebte ich Adoptiveltern, die an ihrer selbstgewählten Aufgabe wuchsen. Ihr sehnsüchtiger Wunsch nach einem leiblichen Kind erfüllte sich nicht. Sie wollten aus unterschiedlichen Gründen unbedingt ein Kind, um ihre Ehe zu retten, um ihrem Leben einen Sinn zu geben, um der biologisch-tickenden Zeitbombe ein Schnippchen zu schlagen und der ureigentlichen „Aufgabe“ einer Frau gerecht zu werden.
Das Adoptionsverfahren in Deutschland hat so seine Tücken und dauert verhältnismäßig lange. Schneller geht es, wenn man ein Kind aus Brasilien oder Indien oder Haiti oder Afrika in unsere beschützende Kultur integriert, ihm unglaublich viel Liebe schenkt und mit Luxusgütern umgibt, als Wiedergutmachung zum vorherigen Leben, in dem es an Hunger, diversen Krankheiten oder als Opfer grausamer Misshandlungen gestorben wäre.
„Es wird keine Dankbarkeit erwartet, wirklich nicht“, sagen alle Adoptiv-Eltern, offiziell, wenn sie gefragt werden.
Heute, am einundzwanzigsten September 2016 feiern wir den Welttag der Dankbarkeit. Man dankt nicht mehr, weder dem Polizisten, noch den Ärzten, den Geistlichen sowieso nicht, den Lehrern ebenfalls nicht. Man nimmt, fordert, alles wie selbstverständlich. Eigenartigerweise freut man sich auf eine kleine Geste des Autofahrers, der, trotz seiner Vorfahrt, einen vorlässt. Oder in der Schlange an der Kasse, wenn einer vorgelassen wird, der nur zwei Kleinigkeiten im Arm hat. Oder wenn einer sagt: „Dankbarkeit ist eine Stufe zum Glück!“
„Ich freue mich, wenn Jakob meine Werte verinnerlicht, die ich ihm vorgelebt habe, aber Dankbarkeit? Dankbarkeit hat so etwas Demütigendes, sich Unterordnendes zur Folge. Das will ich nicht“, sinniert Gerald. Ein merkwürdiger Glanz in seinen Augen verrät verborgene Empfindungen im tiefsten Inneren. Der Glanz bezeugt den heroischen Einsatz, einem jungen Leben Optimales zu bieten, er nimmt seelische Verletzungen in Kauf, die durch dieses älter werdende Mündel überhaupt erst entstehen. Irgendwann werden Herz und Verstand reagieren, so seine unausgesprochene Hoffnung, ein Traum eben, der den Lohn für sein Engagement, seine Freude am Gelingen und eine nicht eingeforderte, unausgesprochene Dankbarkeit einschließt.
„Wenn ich gefragt werde, ob ich ein zweites Mal diese Tortur einer Adoption eines Kindes wagen würde“, sagt Gerald ungefragt, „egal ob Kinder aus anderen Kulturen oder hier aus Europa, würde ich mit NEIN antworten. Wenn das urvertrauende Liebesband zwischen Mutter und Kind zerrissen ist, kann man die Wunde zwar behandeln, nie aber heilen!“
Jakob nimmt nervös seine große Dunkelrandbrille von der Nase, rückt sein stylisches Halstuch zurecht, sein Vater trägt ähnliches, und antwortet, dass er keine Dankbarkeit kenne und nur sich selbst lieben würde, „wen denn sonst?“
Kann es sein, dass Adoptivkinder diesen Traum ihrer Adoptiv-Eltern nach inniger Harmonie und gegenseitiger Dankbarkeit, die Eltern immer mit Kindern verbindet, intuitiv spüren und darum ein keimendes Gefühl der Abwehr dieser ihnen entgegengebrachten Zuneigung zelebrieren müssen? Eine aus der Tiefe erwachsene Abwehr, aus Angst davor, fallengelassen zu werden? Obgleich da Menschen sind, die sich auf das Abenteuer mit ihnen eingelassen haben und trotz aller Rückschläge zu ihnen halten, aber, wer weiß, wie lange? Kann man Gefühle der Dankbarkeit diesen neuen Eltern gegenüber entwickeln, und gleichzeitig zutiefst wütend sein auf die leiblichen? Dieser Spagat an Empfindungen wird heftiger, je älter sie werden.
Im Laufe meiner Heimleitertätigkeit habe ich Adoptiv-Eltern kennengelernt, die die ersten Jahre als Beglückend empfunden haben, später trotz unsäglicher Mühen an dieser Aufgabe und ihren Wunschvorstellungen verzweifelt, oft auch gescheitert sind.
Wie begeistert haben sie die ersten Monate beschrieben, wenn ihnen ihre Kinder mit wachsamen Augen gefolgt sind, jede Nuance ihres Tonfalls registrierend, und lautstark Bedürfnisse durchsetzen konnten. Konflikthafter wurde es, als sie älter und eigensinniger wurden und während der Pubertät Vergleiche zogen zwischen ihren neuen Eltern und ihren oftmals unbekannten Leiblichen, aus Sehnsucht glorifiziert und unantastbar.
Was geht in Adoptiv-Eltern und ihren Anvertrauten vor, habe ich mich gefragt, wenn das Kind zum Nachbarn schleicht, barfuß im Winter, zitternd vor Kälte, und um Süßigkeit bettelt, weil es nichts dergleichen bekommt, nur normales Essen? Wenn es sich nach Jahren mit der Clique ins Koma säuft oder total zukifft, weil keiner es versteht? Wenn die Eltern sich scheiden lassen, weil sie der Lebens-Aufgabe nicht mehr gewachsen sind, das Adoptivkind alle Anstrengungen unternimmt, beide wieder zusammenzubringen und nach dem Misslingen Vater, Mutter oder sich selbst umzubringen trachtet? Wenn die Erwartungen des Kindes übermächtig und unerfüllbar werden, besonders, wenn leibliche Kinder ihnen als Konkurrenten die Rangfolge streitig machen? Wenn sie trotz aller Fürsorge und Hingabe einen kriminellen Weg einschlagen mit der Begründung, eine schwere Kindheit ohne Liebe und Verständnis gehabt zu haben?
Albert und Dorothea haben eine mittlerweile verheiratete Tochter mit einer Behinderung, einen gesunden Sohn, der sich als Geschäftsnachfolger bewährt und einen Adoptiv-Sohn, der ihnen allen das Zusammenleben zur Hölle macht.
Geplant war, diesem Jungen eine liebevolle Nestwärme, gute Erziehung und zukunftsorientierte Bildung zu bieten. Um das Leben der Tochter zu bereichern, organisierten die Eltern Spenden-Aktionen zugunsten des Behinderten-Vereins, in dem ihre Tochter gefördert wurde. Ihrem Sohn ermöglichten sie, die Meisterprüfung zu absolvieren, um ihren Betrieb übernehmen zu können. Sie hatten die besten Vorstellungen, ihren Kindern neben der liebevollen Fürsorge, einer intensiven Förderung und einer kontinuierlichen Präsenz den Grundstein für ein angenehmes Leben zu legen.
Die Realität brachte die Familie an den Rand der Verzweiflung. Konkurrierendes Verhalten zwischen den Söhnen, angereichert von Vorwürfen beider Jungen, benachteiligt zu werden, führte zu massiven Auseinandersetzungen innerhalb der Familie. Der eine, angepasst und strebsam, der andere verhaltensgestört und kriminell.
Irgendwann konnten sie die Vorwürfe nicht mehr ertragen, ihren leiblichen Sohn mehr zu lieben, ständig vorzuziehen, ihn aber, den Angenommenen, trotz seiner schwierigen Kindheit und seiner Verhaltensweisen, für die er nichts könne, im Grunde ihres Herzens abzulehnen.
Schlussendlich festigte sich die Ablehnung des adoptierten Jungen und provozierte einen Teufelskreis, der immer unerträglicher wurde und trotz professioneller Beratung eskalierte. Nach unendlich vielen inneren und äußeren Kämpfen wurde die Beziehung gekappt. Tiefe Verletzungen führten zur Desillusionierung und der Resonanz: Nie wieder eine Adoption!
Christian, bereits etwas reiferen Alters, sinnierte während unseres Gesprächs über den Wert einer Adoption allgemein und ob er so ein kleines Kind wirklich lieben könnte. Er hatte bereits drei leibliche, die bei seiner ersten Frau lebten oder bereits mit Partnern verbandelt waren. Aber ein völlig fremdes Kind, gerade ein Jahr alt, eine Brasilianerin, mit Feuer im Blut wie seine zweite Angetraute?
Ich hörte ihm zu, als er begeistert und dennoch vorsichtig von der bevorstehenden Adoption sprach.
„Für das hiesige Jugendamt bin ich zu alt, aber nicht zu alt für meine Frau. Und sie wünscht sich unbedingt ein Kind. Was machen da die zwanzig Jahre Unterschied? Sie kann keine Kinder bekommen. Also, haben wir uns an Pater Walfried in Rio gewandt. Er leitet dort ein Waisenhaus. Dahin geht’s in einer Woche!“
So ähnlich muss es gewesen sein, als meine Eltern kurz vor meiner Adoption standen, dachte ich. Und dann kam ich, kein Säugling mehr, sondern ein Stromer, ein Stempelwüstling.
Christian sah das Wasser in meinen Augen, fragte erschrocken, was los sei. Ich erzählte ihm meine Geschichte.
Interessiert, mit einem Adoptivkind reden zu können, dessen Befindlichkeiten aus erster Hand erzählt zu bekommen, stellte er Fragen über Fragen, die seine Ur-Ängste oder Unsicherheiten abbauen sollten.
Eine Woche später brachten wir ihn mit seiner Frau zum Flughafen. Ein Teddy für Christina sollte sie begleiten.
Er flüsterte mir ins Ohr, als sie nach drei Wochen mit ihrem Schatz die Ankunftshalle betraten:
„Als die Kleine mir am Bart zupfte und mit großen dunklen Augen in mein Innerstes schaute, sagte ich: »In Ordnung. Du hast gewonnen«. Und ob du es glaubst oder nicht, ich werde wieder jung!“
