Gewissen vor Staatsräson - Martin Niemöller - E-Book

Gewissen vor Staatsräson E-Book

Martin Niemöller

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Beschreibung

Predigten, Reden und Schriften des kirchlichen Widerständlers und Friedensaktivisten Martin Niemöller. Martin Niemöller nahm die Unrechtsverhältnisse der Welt nicht hin, eingedenk des Bibelworts: »Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen" (Lukas 1,52). Als Vorsitzender des Pfarrernotbunds und Pfarrer in Berlin-Dahlem verteidigte er Schrift und Bekenntnis gegen den NS-Staat, obwohl er 1933 die Einführung des »Führerstaates" zunächst begrüßt hatte. Seine Predigten prägten die kirchliche Opposition gegen Hitler. Aufgrund seines Widerstands wurde er acht Jahre in Konzentrationslagern inhaftiert. Nach dem Ende des »Dritten Reiches" stellte er wie kein anderer die Frage nach der Schuld, auch nach der eigenen. In der Nachkriegszeit engagierte er sich für eine Annäherung der Kirchen in Ost und West und setzte sich für die »Dritte Welt" ein. Im Verhältnis von Christentum und Krieg stellte Niemöller die kirchliche Legitimation des Waffendienstes in Frage. Der Band enthält u. a. Predigten aus der NS-Zeit, Reden und Vorträge zur Frage der Schuld der Kirche, über den Pazifismus, zum Verhältnis zu Entwicklungsländern, zur Wiederbewaffnung, über die Bedrohung durch Atomwaffen und über die »Notstandsgesetze". Ein Interview mit Günter Gaus, in dem Niemöller seine durch die Opposition gegen Hitler und die restaurative Nachkriegsentwicklung geprägte Lebensgeschichte reflektiert, beschließt den Band.

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Seitenzahl: 465

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Martin Niemöller

Gewissen vor Staatsräson

Ausgewählte Schriften

Herausgegeben von Joachim Perels

und mit einem Nachwort versehen

von Martin Stöhr

Für die Förderung der Drucklegung

danken Herausgeber und Verlag

der Martin-Niemöller-Stiftung, Wiesbaden, und der

Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet

diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Wallstein Verlag, Göttingen 2016

www.wallstein-verlag.de

Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf

ISBN (Print) 978-3-8353-1700-0

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-2818-1

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-2819-8

Inhalt

Sätze zur Arierfrage in der Kirche

Gerecht ohne des Gesetzes Werke

Predigt am 19. Juni 1937

Predigt am Ostermontag, 2. April 1945

Bericht im Auftrag des Reichsbruderrats

Der Weg ins Freie

Zu meiner Moskau-Reise

Deutschland zwischen Ost und West

Staatsmacht und Gewissensbindung

Der Nächste in seiner Bedeutung für das menschliche Zusammenleben

Nationalismus – Antisemitismus als Schuld und Bedrohung der Kirche

Wir und die farbige Welt (Unsere Verantwortung vor der farbigen Welt)

Denn sie wissen, was sie tun!

Du sollst nicht töten!

Christ und Krieg?

Friede in unserer Welt – Möglichkeit oder Utopie?

Gedenkrede für die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft

Gewissen vor Staatsräson

Die Bedeutung der Bekennenden Kirche in der Widerstandsbewegung zur Zeit des Dritten Reiches

»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen«

Gespräch zur Person

Martin Stöhr:Zu Leben und Werk von Martin Niemöller

Zeittafel

Textvorlagen

Editorische Notiz

Register

Anmerkungen

Sätze zur Arierfrage in der Kirche

Auf Grund ständig wiederkehrender Anfragen wegen unserer Stellung zum Arier-Paragraphen, lege ich folgende Sätze vor, die meine persönliche Auffassung wiedergeben:

1. Im allgemeinen existiert die christliche Kirche auf dem Boden der Reformation in der Form der volkstümlich bestimmten Einzelkirchen. Es ist auch in der Missionsarbeit der Reformationskirchen Regel geworden, die Missionskirchen volkstumsmäßig zu gliedern und zu begrenzen, soweit das Volkstum geschlossen oder einigermaßen geschlossen wohnt. Diese Praxis ergibt sich für eine Kirche, deren Hauptaufgabe die Verkündigung des Wortes ist, zwangsläufig, schon um der Sprache willen. – Darüber hinaus bedeutet die Begrenzung und Gliederung nach Völkern die Möglichkeit für die Kirche, die Art der Verkündigung dem Volkstum und seinen Besonderheiten so anzupassen, daß der ganze Reichtum der frohen Botschaft zur Geltung kommen kann. Darin liegt die Forderung begründet, daß jedem Volk das Evangelium in seiner Art und Sprache gebracht werden soll; daraus ist auch die selbstverständliche Übung geworden, daß jedem Volk diese Botschaft durch Menschen seiner Art und Rasse gebracht wird, sobald die eigentliche Zeit der Mission, der erstmaligen Verkündigung, vorüber ist.

2. Heute wird aus dieser unleugbaren Tatsache die Forderung abgeleitet, daß Juden und Nichtvollarier grundsätzlich und dauernd von dem Amt der Wortverkündigung und sonstigen Dienstes in der Kirche unseres Volkes auszuschließen seien. – Dabei wird aber übersehen, daß nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift das jüdische Volk, als das Volk des alten Bundes, eine grundsätzlich andere Stellung in der Heilsgeschichte Gottes einnimmt als irgendein anderes Missionsvolk. Aus Römer 11,25-26, ist zu entnehmen, daß das jüdische Volk um der Heidenmission willen, die zuvor zu Ende geführt werden soll, keine Verheißung einer eigenen Volkskirche hat. Juden-Bekehrungen sollen demnach nach Gottes Willen ausgesprochene Einzelbekehrungen sein, Zeugnisse dafür, daß Gottes Verheißung auch für Israel noch in Kraft steht und am Ende der Zeiten ihre Erfüllung finden soll.

3. Bis dahin bleiben die bekehrten Juden als Einzelchristen auf die Gliedschaft in der Kirche ihres Gastvolkes angewiesen; hier sind sie ein bleibender Hinweis darauf, daß Gottes Verheißung ihre endgültige Erfüllung noch nicht gefunden hat. Die Aufrichtung einer judenchristlichen Kirche ist eine Utopie; deshalb sind die Judenchristen als volle Glieder der Kirche aufzunehmen, und ihre Ausschließung von den Ämtern ihrer sonst volkstumsmäßig bestimmten Kirchen, zu der sie gehören, würde bedeuten, daß die Christenheit sich dem Willen Gottes grundsätzlich versagt. Wir haben in der Gemeinde, ob uns das sympathisch ist oder nicht, die bekehrten Juden als durch den heiligen Geist vollberechtigte Glieder anzuerkennen (vgl. den entsprechenden Vorgang Apg. 10,15 sowie Gal. 2,11 ff.).

4. Unter diesen Umständen ist ein kirchliches Gesetz, das die Nichtarier oder Nichtvollarier, soweit sie dem jüdischen Volk angehören, von den Ämtern der Kirche ausschließt, bekenntniswidrig, weil es die im dritten Artikel bekannte Gemeinschaft der Heiligen grundsätzlich negiert; denn gerade an den bekehrten Juden muß es sich erweisen, ob es der Kirche Jesu Christi mit der Gemeinschaft, die über die natürlichen Zusammengehörigkeiten hinausreicht, ernst ist. – Diese Erkenntnis verlangt von uns, die wir als Volk unter dem Einfluß des jüdischen Volkes schwer zu tragen gehabt haben, ein hohes Maß von Selbstverleugnung, so daß der Wunsch, von dieser Forderung dispensiert zu werden, begreiflich ist. Das ist indessen nicht möglich, weil wir als Kirche das Bekenntnis auf gar keinen Fall und um gar keinen Preis auch nur vorübergehend außer Kraft setzen dürfen.

5. Die Frage kann nur so angefaßt werden, daß wir auf Grund von 1. Kor. 8 von den Amtsträgern jüdischer Abstammung heute um der herrschenden »Schwachheit« willen erwarten dürfen, daß sie sich die gebotene Zurückhaltung auferlegen, damit kein Ärgernis gegeben wird. Es wird nicht wohlgetan sein, wenn heute ein Pfarrer nichtarischer Abstammung ein Amt im Kirchenregiment oder eine besonders hervortretende Stellung in der Volksmission einnimmt. Aber daraus kann kein Gesetz gemacht werden, weil ein Handeln in dieser Richtung einen Verzicht auf die christliche Freiheit bedeutet, die niemals durch Gesetz auferlegt, sondern nur aus Liebe übernommen werden kann. (Vgl. 1. Kor. 8,13 das Verhalten des Paulus. Er sagt: So würde ich das machen. Er sagt nicht: Ich verbiete es euch! oder: Ihr sollt es verbieten um der Schwachen willen!)

6. Es wird viel gefragt, warum nun ausgerechnet an dieser Stelle die Frage des Bekennens oder Verleugnens gestellt wird. Dazu sei in Kürze bemerkt, daß es noch nie so gewesen ist, daß die christliche Gemeinde den Punkt, an dem das Bekenntnis angegriffen wird, hat bestimmen können. Als Beispiel ist mir die Verfolgung unter Decius wichtig, wo es um die Frage des Loyalitätsopfers für den Cäsar ging. An sich hätte sich das christliche Gewissen salvieren können mit Berufung auf 1. Kor. 8, 4 (»Es gibt keine Götzen«, also ist dies Opfer kein Opfer, sondern nur ein Akt politischen Gehorsams!). – Viele haben es so gemacht. Die Bekenner haben dafür gelitten bis zum Martyrium! – Wer unter diesen beiden Richtungen hat das Rechte getan? – Wir müssen uns hier an etwas erinnern, was unsere Väter in der Konkordienformel zum Ausdruck gebracht haben (solida declaratio X, 10-11), daß nämlich in Zeiten des Bekennens auch in »Mitteldingen« nicht gewichen werden darf! (vgl. Paulus in Antiochien, Gal. 2,4 ff.). Es kommt sonst dahin, daß von dieser Stelle aus das ganze Bekenntnis aufgehoben wird. Es ist gewiß kein Zufall, sondern ein Zeichen von »groß Macht und viel List«, daß die Gemeinde Jesu so angegriffen wird, daß nur ein Teil von ihr wirklich merkt: Es geht ums Ganze!

Wer die Brandenburgische Provinzialsynode am 24. August miterlebt hat, dem klingt der Triumph noch in den Ohren, mit dem nach der namentlichen Abstimmung festgestellt wurde, daß im Arier-Paragraphen sich die Geister scheiden müßten. Man hat es so gewollt; und daß der Angriff an dieser Stelle geschickt war und eine schwache Stelle der Kirche Christi traf, das zeigt eine Nebeneinanderstellung der verschiedenen Gutachten von Marburg, Erlangen und der neutestamentlichen Theologen. Das zwingt uns aber auch, die hier aufgeworfene Frage mit dem vollen Ernst zu nehmen, den sie als eine Frage des Bekennens oder Verleugnens beanspruchen darf! – Tatsächlich haben wir zur Zeit eine ganze Reihe von Irrlehren, die hüben und drüben umlaufen und ihre Verkünder finden in der Kirche. Aber wir haben nur diesen ersten Vorstoß gegen die Bekenntnisgrundlage der Kirche, indem hier ein Handeln, das mit dem dritten Artikel in Widerspruch steht (Gemeinschaft der Heiligen), zum Gesetz in der Kirche, also zur verbindlichen Regel gemacht ist! So kommt es gegen unseren Willen, daß hier eine grundsätzliche Stellungnahme von uns gefordert wird, ob uns das angenehm ist oder nicht!

Gerecht ohne des Gesetzes Werke

So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Römer 3,28

Das diesjährige Reformationsfest scheint unter einem seltsamen Verhängnis zu stehen. Aus Anlaß des Lutherjubiläums ist schon so viel gefeiert worden, und es soll noch so viel gefeiert werden, daß der 31. Oktober fast unbemerkt dahingegangen ist; und auch der heutige Reformationssonntag findet in der Öffentlichkeit nicht die Teilnahme und Aufmerksamkeit wie wohl sonst: wir haben mit dem Winterhilfswerk zu tun, Luthers 450jähriger Geburtstag steht bevor, der 12. November beschäftigt die Gemüter, die Vorbereitungen für den Luthertag müssen getroffen werden – und in der evangelischen Kirche ist überdies so manches im Übergang, im Werden und im Vergehen, daß eigentlich für den Rückblick in die Vergangenheit kaum Zeit und Raum bleibt.

An sich brauchte das noch nicht ein Fehler zu sein; es hat schon sein Gutes, wenn wir gezwungen werden, die Gegenwart ganz ernst zu nehmen und nach dem Gebot der Stunde zu fragen. Es mag besonders heute ein wahrer Segen sein, wenn wir von dem ewigen Gestern loskommen, das uns hält und hemmt, das uns – gerade in der Kirche – bei der Frage »Recht oder Unrecht?« stehenbleiben läßt in einem Augenblick, wo es wahrhaftig längst um »Sein oder Nichtsein?« geht. Denn für die Kirche der deutschen Reformation ist tatsächlich wieder einmal die Existenzfrage aufgerollt, und kein Pochen auf die erreichte Einigung der vielen Landeskirchen, kein Hinweis auf das in Kraft gesetzte bischöfliche Führerprinzip vermag diese Frage und die Aufgabe, die damit gestellt ist, aus der Welt zu schaffen. Die Frage will einfach gehört und die Aufgabe angefaßt werden. Rom steht heute gesichert da in der unangreifbaren Stellung des Konkordats, und inzwischen entfaltet sich die neue Front einer deutsch-germanischen Religiosität, die bereits angefangen hat, ihre ersten Offensivstöße vorzutragen. So deuten alle Zeichen nicht etwa auf eine ruhige Entwicklung, sondern vielmehr auf beginnenden Kampf; und da ist wahrhaftig keine Zeit mit Erinnerungen zu verlieren!

So entspricht auch das Lutherbild des Jahres 1933, das Luther als Kämpfer darstellt, durchaus der heutigen Situation. Wir wollen gar nicht den Luther von gestern und vorgestern; uns liegt gar nicht daran zu erfahren, was Luther seiner Zeit und der unserer Väter gewesen ist, es berührt uns kaum, was er dachte und lehrte – Luther wird uns Symbol, Vorbild und Urbild des religiös-christlichen Helden, Typus des kirchlichen Führers für heute und morgen!

Es wird jetzt viel von Luthergeist geredet und geschrieben; sieht man genauer hin, so steht hinter all diesem Reden und Schreiben die Hochachtung vor den menschlich imponierenden Eigenschaften dieses Mannes, vor seiner naiven Unbekümmertheit, vor seinem unerschrockenen Mut, vor seiner zähen Standhaftigkeit, vor seinem geraden und unbeugsamen Willen, vor seiner gemütvollen Tiefe – und ein Wunschtraum steht dahinter: Hätten wir doch mehr von diesem Luthergeist, es sähe besser aus um Volk und Kirche! Laßt uns diesen Luthergeist pflegen – heute – und morgen wird es sich zeigen: wir sind einen Schritt vorwärts gekommen!

Schön und gut, liebe Gemeinde, und ich will keinem davon abraten, daß er sich den Menschen Luther in diesen Stücken zum Vorbild nimmt; aber davon muß ich allerdings und dringend abraten, nein: davor muß ich in allem Ernst warnen, daß wir etwa meinen, mit diesem Luthergeist könnten wir den Existenzkampf der evangelischen Kirche mit Rom und dem artgemäßen Heidentum bestreiten und zum Siege führen. Das wäre ein verhängnisvoller Irrtum, und es sieht wohl so aus, als ob der Teufel nur auf dies Lutherjahr gewartet hätte, um mit diesem Wahn in der evangelischen Christenheit ein Riesengeschäft zu machen; denn – wenn wir es auch nicht fertig bringen, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben – er bringt es fertig, den Geist Luthers mit Luthergeist auszutreiben! Und nachher stehen wir da als die Betrogenen. Darum: Vorsicht! Deswegen, weil es hier leicht dahin kommt, daß der Mensch Luther vor den Propheten Luther gestellt wird, daß wir uns an dem heldischen Mann begeistern, statt auf die Botschaft zu hören, die Gott uns durch ihn aufs neue hat sagen lassen.

So paradox es klingen mag: der selbe Luther, der das Evangelium wieder auf den Leuchter gestellt hat, damit es leuchte allen, die im Hause sind – dieser selber Luther wird zum Scheffelmaß, unter dem das Licht verborgen bleibt [Mt 5,15; Mk 4,21; Lk 11,33] und schließlich erlischt, wenn es dahin kommt, daß wir in der Kirche des Evangeliums solchen Luthergeist predigen und pflegen. Luther selber hat wohl gewußt, was er tat, als er sich wehrte, daß sich seine Anhänger nach ihm nannten, als er in höchst drastischer Weise sich selber als einen alten Madensack verspottete, um deutlich zu machen: es kommt nicht auf mich, nicht auf den Menschen, nicht auf den Kämpfer, nicht auf den Helden – oder wie ihr mich sonst noch nennen wollt – an; macht nur keinen neuen Heiligen aus mir, um Gottes willen nicht! Denn Gott will keine Menschen, die sich an irgendeinem Heiligen messen und bilden – und hieße er Luther. Gott will Menschen, die es ihm glauben, daß er aus freier Gnade trotz allem, was uns von ihm trennt, unser Vater und Herr ist; und diese Gnade, die uns den Weg zu Gott freigibt, diese Gnade, die uns den Glauben an Gott als unsern Vater und Herrn schafft, ist nur da in dem einen, in dem Gott selber zu uns kommt: »Er heißt Jesus Christ!« – Der ist das Licht der Welt [Joh 9,5]; und darum ist es Luther gegangen, daß uns dies Licht in unverhüllter Klarheit leuchten sollte, gestern und heute und in Ewigkeit! Solus Christus! Christus allein!

Es hat gar keinen Sinn, innerhalb der evangelischen Kirche von Luther zu reden und Luthers Gedächtnis zu feiern, wenn wir bei dem Bilde Luthers hängenbleiben und nicht auf den schauen, an den Luther uns weist. Die Versuchung ist groß; denn Luther ist uns als Deutscher näher als der jüdische Rabbi von Nazareth. Luther ist uns mit all seinen Ecken und Kanten weniger anstößig als dieser Jesus, den – fatalerweise – niemand einer Sünde zeihen konnte und kann. Luther, das sind am Ende doch wir, der Abstand bleibt relativ; Christus, da ist am Ende doch Gott, und der Abstand ist hoffnungslos! – Aber das Bekenntnis zu Luther bleibt hohl und wirkungslos, wenn wir nicht mit Luther uns zu Christus und zu Christus allein bekennen. Darum meine ich: das beste Wort, das bisher zum Lutherjubiläum gesprochen wurde, ist das schlichte Wort, das unser Hindenburg dem jetzigen Reichsbischof mitgegeben hat: »Sorgen Sie, daß Christus in Deutschland gepredigt wird!«

Auf den ersten Blick, wie es scheint, eine große Selbstverständlichkeit. Wir haben’s ja oft genug gehört: das Bekenntnis bleibt unangetastet; Christus bleibt der Herr der Kirche, und das Erbe der Reformation soll in Treuen gehütet werden! – Aber ist diese Selbstverständlichkeit wirklich so groß und unbestritten, ist sie wirklich so – selbstverständlich? Oder heißt nicht »Christus predigen«: Christus allein predigen, heißt es nicht, den verkündigen, der da spricht: »Niemand kommt zum Vater, denn durch mich!«? [Joh 14,6] Und ist das nicht die einzig mögliche Folgerung, die wir ziehen müssen, wenn wir die Botschaft von Christus hören und aufnehmen, daß wir mit dem Juden Paulus und mit dem Deutschen Luther bekennen: »So halten wir nun – nachdem wir Christus kennen – dafür, daß der Mensch gerecht – Gott recht werde ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben?«

Mag sein, daß uns Kindern der Reformation dies Wort auch schon so bekannt und so selbstverständlich ist, daß es uns heute gar nichts mehr sagt. Wir denken dabei an Paulus, wie er darum gekämpft und gerungen hat, daß die Heiden Christen werden dürften, ohne sich beschneiden zu lassen und ohne sich auf das jüdische Gesetz zu verpflichten. Wir denken dabei an Luther, wie er sich gegen den römischen Irrglauben gewandt hat, als müßten sich Christenmenschen – um Gott recht und wohlgefällig zu werden – erst mit »guten Werken« die Gnade Gottes Stück für Stück verdienen. Und wir stellen befriedigt fest: für uns ist das nicht mehr aktuell; das sind vergangene Zeiten. Wir haben es längst gelernt, größer von Gott zu denken, und deshalb bleiben wir aller jüdischen und römischen Gesetzlichkeit gegenüber Protestanten; das Gesetz kümmert uns nicht mehr.

Und dennoch, liebe Gemeinde: das Gesetz, mit dem Menschen Gottes Wohlgefallen erwerben möchten, ist immer noch da; es gehört zum eisernen Bestande allen frommen Menschentums und jeder echten Religion. Das alte jüdische Gesetz war längst tot in der Christenheit, als Luther gegen das Werkgesetz der römischen Kirche kämpfte, und heute wiederum ist bei uns Protestanten dies römische Kirchengesetz auch längst tot; aber – das Gesetz ist tot, es lebe das Gesetz! Zur Not schaffen wir uns das Gesetz selber, um uns vor Gott darauf berufen zu können: »Wir haben es erfüllt!« –

Der Glaube selbst wurde zum Gesetz der Rechtgläubigkeit fast noch in Luthers Tagen: Du mußt den richtigen Glauben haben, dann bist du Gott recht! Das war das Gesetz der Orthodoxie. Und als seine Hohlheit offenbar wurde, war man um ein neues nicht verlegen: Du mußt recht handeln, dann bist du Gott recht! Das war das Gesetz der Aufklärung. Und es folgte das Gesetz der freien sittlichen Persönlichkeit als das Gesetz der wahrhaft unbegrenzten Möglichkeiten: Jeder sein eigener Gesetzgeber, und Gott setzt sein Plazet darunter und erkennt es an. Soviel Gesetze, soviel Irrwege! Und wir sind noch lange nicht damit am Ende. Vor 15 Jahren gab es Leute, die meinten und sprachen es aus: wer es mit dem Willen Gottes ernst nimmt, der muß Sozialist sein. Heute wird mit noch größerer Leidenschaft das Gesetz aufgestellt: »Wenn du so national und so sozial bist, wie unser Führer es verlangt, dann bist du Christ, ohne es zu wissen!« – Man kann es auch schon hören, daß unser ganzes Volk den Willen Gottes tun würde, wenn es erst einmal seine Art und Rasse gereinigt hätte: Gesetzeswerke, mit denen ein Anspruch auf Gottes Wohlgefallen begründet werden soll! Freilich: Christus soll bleiben, der Glaube soll bleiben. Sie sollen auch bleiben!

Liebe Gemeinde, dies »Auch«, das ist der Teufel, und gegen dies »Auch« muß Luther her – nicht nur der Mensch Luther und nicht nur der menschliche Luthergeist, aus dem sich auch wunderschön ein Gesetz machen läßt, mit dem wir uns selbst rechtfertigen –, hier muß der Luther her, dem der Heilige Geist die Feder führte, als er das Wörtlein »allein« schrieb: »allein durch den Glauben!« [Röm 3,28] Gewiß: im Urtext steht dies Wort nicht, der Philologe kann hier eine fehlerhafte Übersetzung feststellen, und Luthers römische Gegner haben Wut geschnaubt ob dieser »Fälschung«. Luther hat an dem »allein« festgehalten, und es steht nun da, und keine Macht der Welt wird es wieder ausstreichen.

So spricht dies Wort davon, daß Gott der Herr ein eifriger, ein eifersüchtiger Gott ist [2 Mo 20,5; 5 Mo 5,9 und passim], der keine andern Götter und Halbgötter neben sich duldet [2 Mo 20,23; 5 Mo 5,7]; mit den Gesetzeswerken verwirft er jeden menschlichen Anspruch auf sein Wohlgefallen, all unser Auch-etwas-sein- und Auch-etwas-tun-wollen. Es führen viele Wege nach Rom, aber es führt nur ein Weg zu Gott, und dieser eine Weg führt nicht von uns zu Gott, sondern von Gott zu uns, und er heißt: Christus allein! »Wer mich sieht, der sieht den Vater. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!« [Joh 14,6] –

Damit sind wir an die Heilige Schrift gewiesen als an das Wort Gottes, das allein von Christus zeugt. Damit sind wir auf die Gnade Gottes gewiesen, die uns allein in Christus zur Gewißheit wird, weil uns in ihm der heilige Ernst und das tröstliche Erbarmen Gottes in untrennbarer Einheit begegnen. Damit sind wir auf den Glauben, ja auf den Glauben allein gestellt, der nun nicht mehr eine Meinung ist, die wir über Gott haben, der nicht daran hängt, ob wir uns von Gott höhere oder weniger hohe Gedanken machen – der vielmehr die Gnade Gottes in Christus empfängt und sich ihr anvertraut!

»Sorgen Sie dafür, daß Christus in Deutschland gepredigt wird!« Christus, und nicht Gesetzeswerke, Gottes Tat, und nicht unser Tun. Daran entscheidet es sich, ob der Geist Luthers unter uns lebendig bleibt; daran entscheidet es sich, ob sein Werk weiter besteht; daran entscheidet es sich, ob in unserm Volk auch in Zukunft eine Kirche des Evangeliums sein wird. Denn so spricht D. Martin Luther: »Wo dieser Artikel weg ist – nämlich der Artikel von der Rechtfertigung allein aus dem Glauben –, so ist die Kirche weg und mag keinem Irrtum widerstanden werden!«

Amen.

Predigt am 19. Juni 1937

Ihr seid das Salz der Erde. Wo nun das Salz dumm wird, womit soll man’s salzen? Es ist hinfort zu nichts nütze, denn daß man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es denn allen, die im Hause sind. Also laßt euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Matth. 5,13-16

Und nun geht es doch wohl nicht anders, liebe Brüder und Schwestern, daß wir mit dem heutigen Abend und der Andacht, die diese Woche beschließt, als daß wir zunächst in stiller Fürbitte derer gedenken, die zu unserer Gemeinde, zur Gemeinde der Jünger Christi gehören und die an diesem Abend nicht hier in und bei der Gemeinde sein können. Wir hören die Namen derer, die um des Evangeliums willen in ihrer Freiheit behindert oder ihrer Freiheit beraubt sind.

(Es folgt die 5 Minuten dauernde Verlesung der Fürbittenliste, d. h. der Redeverbote, Ausweisungen und Verhaftungen.)

Liebe Gemeinde, diese Liste ist nun erschreckend lang geworden; sie umfasst – wenn ich recht gezählt habe – 72 oder 73 Namen, bekannte und unbekannte, Namen von Pastoren und Gemeindegliedern, Namen von Männern und von Frauen, Namen von Jungen und von Alten. Keiner im deutschen Vaterland kann sagen, ob die Zahl vollständig ist, und jeder ahnt, daß sie nur noch größer werden wird; wie sie denn in dieser Woche, die nun heute zu Ende geht, von einem Tag zum anderen gewachsen ist.

Was wirft man diesen Pastoren und Gemeindegliedern vor? Wir sind zu einem möglichst schlechten Denken erzogen worden in den letzten vier Jahren, zu einem möglichst schlechten Denken über alle, die als Glieder der Kirche in Haft gesetzt werden; und wenn wir von irgendeinem hören, der mit der Polizei in Berührung gekommen ist, so sind wir geneigt, an die Dinge zu denken, die heute in den Zeitungen breitgetreten werden. Gott sei Lob und Dank: Nicht der leiseste Anflug von menschlich verwerflichen Dingen kann unseren Brüdern und Schwestern zum Vorwurf gemacht werden; sondern es geht darum, daß alle diese aus ihrer Heimat verbannt, zum Schweigen verurteilt und ins Gefängnis geworfen sind, weil sie es als ihre Pflicht angesehen haben und weil sie es als ein Recht der evangelischen Christenheit in Anspruch genommen haben, Angriffe auf den christlichen Glauben frei und öffentlich als Angriffe, Abfall vom christlichen Glauben ganz offen als Abfall, Eingriffe in den christlichen Gottesdienst ohne Scheu als Eingriffe zu bezeichnen. Es ist niemand darunter, dem etwas anderes zum Vorwurf gemacht werden könnte; und unsere Brüder und Schwestern können sich darauf verlassen, daß die Zurückweisung von Angriffen auf den christlichen Glauben, die Bekanntgabe von Kirchenaustritten und das Sammeln von Opfergaben – das sind die drei Dinge, um die es heute geht –, sie können sich darauf berufen, daß das unbestrittenes Recht der christlichen Gemeinde stets gewesen ist und daß der Führer feierlich dieses Recht der Kirche zugesichert und stets bestätigt hat und daß es bis zum heutigen Tage kein Gesetz gibt, das dieses Recht der Kirche einschränkt. Unsere Brüder und Schwestern können sich darauf berufen, daß sie den Auftrag eines Höheren haben, der uns durch sein Wort ruft zum Widerstand gegen die Propaganda des Unglaubens, der die Gemeinde zur Warnung vor dem Abfall ruft und sie zur Fürbitte für die Abgefallenen bestimmt und der das Opfer – und zwar das geldliche Opfer für die Not der Gemeinde – geboten hat.

Und so stehen wir bei dem, was heute passiert mit unseren Brüdern und Schwestern, vor einer unzweideutigen Frage, und die Frage lautet: »Hat die christliche Kirche in ihren Gliedern und Amtsträgern heute noch das Recht, das der Führer ihr mit seinem Wort bestätigt hat – mit seinem Ehrenwort –, daß wir uns gegen die Angriffe auf die Kirche wehren dürfen, oder haben die Leute recht, die die Abwehr gegen den Unglauben uns – der christlichen Gemeinde – verbieten und unmöglich machen, und die Leute, die sich wehren, dafür ins Gefängnis bringen?« Um solche Fälle handelt es sich bei dem Hauptpastor Dr. Jannasch, handelt es sich bei Pfarrer Busch und Pfarrer Held in Essen: Sie haben öffentliche Angriffe öffentlich zurückgewiesen und sind deswegen ins Gefängnis gekommen.

Es handelt sich darum: »Hat die christliche Kirche noch das Recht, der Gemeinde Mitteilung zu machen, daß Glieder der Gemeinde vom Glauben abgefallen sind, oder haben die Leute recht, die uns diesen Auftrag auszuführen verbieten und unmöglich machen?« Brüder und Schwestern, das ist die Lage, in der sich Pastor Niesel befindet und die verhafteten Mitglieder des preußischen Bruderrates – und wenn ich recht zähle, sind es im ganzen acht –; sie haben erklärt: »Die Bekanntgabe der Kirchenaustritte gehört vor die christliche Gemeinde, und es ist nicht recht, das zu verbieten«. Brüder und Schwestern, es handelt sich um eine ganz eindeutige Sachlage: ob die Gemeinde es erfahren darf, wer aus der Kirche ausgetreten ist und ob sie zur Fürbitte für die Abgefallenen aufgerufen werden darf, oder ob das nicht erlaubt ist.

Und die dritte Frage ist die: ob das Wort des Führers noch gilt, ob die Kirche das Recht hat – und dieses Recht ist ihr von alters her bestätigt –, ob sie das Recht hat, Almosen zu sammeln in der Gemeinde, oder ob durch einen Federstrich eines Ministers – oder auch zweier Minister – ihr dieses Recht, nach dem Willen des Herrn Christus Opfer darzubringen, ob ihr das verboten werden kann. Um dieses Verbotes willen ist noch keiner im Gefängnis, aber es hat vorgestern in der Zeitung gestanden, daß keine Kollekte mehr gesammelt werden darf, die nicht von der vom Staat eingesetzten Kirchenbehörde genehmigt ist.

Brüder und Schwestern, wenn ich auf diese äußerlichen Dinge hinweise, dann tue ich es deshalb, weil keiner heute weiß, ob und wann er noch einmal Gelegenheit hat, es der christlichen Gemeinde zu sagen, ob das Wort des Führers gilt, oder ob die Worte anderer gelten, die das Gegenteil von dem anordnen, was der Christenheit, der evangelischen Christenheit versprochen ist. Wir kommen daran nicht vorbei! Und solange noch einer im Gefängnis sitzt, solange noch einer ausgewiesen ist, solange noch einer Redeverbot hat, weil er Angriffe zurückgewiesen hat, oder weil er Abfall vom Glauben ganz klar Abfall genannt hat, oder einer ins Gefängnis kommen wird, weil er Gaben sammelt, so lange ist die Frage, ob das Wort des Führers gilt, negativ beantwortet.

Liebe Gemeinde, in diese Situation hinein, von der wir wohl sagen können, sie ist so dunkel und unsichtbar wie nur möglich – unstet und flüchtig irren die restlichen Mitglieder des preußischen Bruderrats durch Deutschland; Frau Asmussen ist heute stundenlang auf dem Alexanderplatz verhört worden, nachdem sie vier Stunden auf ihre Vernehmung hat warten müssen, weil sie nicht Auskunft geben konnte, wo ihr Mann ist; denn man will eben auch alle übrigen Mitglieder des preußischen Bruderrats hinter Schloß und Riegel setzen; die preußische Kirche ist ohne Leitung, die Diensträume der preußischen Kirchenleitung sind verriegelt, man hat ihnen die Schreibmaschinen weggenommen, sie haben keine Geldmittel, – in solche Situation hinein trifft uns dieses Wort recht sonderbar: »Ihr seid das Salz der Erde; ihr seid das Licht der Welt.«

Als ich das Wort heute las, wurde mir dieses Wort wirklich neu, und ich mußte zurücklesen und hatte das Gefühl der inneren Erleichterung, als ich da das Wort fand, von dem ich wissen mußte, daß es da vorher steht, und von dem ich auch theoretisch längst wußte, daß es da steht im 5. Kapitel: »Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles wider euch, so sie daran lügen. Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel wohl belohnt werden. Denn also haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind!« [Mt 5,11 f.], und dann geht es weiter: »Ihr seid das Salz der Erde; ihr seid das Licht der Welt!«, als ob zwischen der Verfolgung der Gemeinde Jesu Christi und dem: »Ihr seid das Salz der Erde; ihr seid das Licht der Welt!« kein Bruch sei, sondern, als ob das unmittelbar zusammengehöre. Ich muß sagen, mir ist in diesem Zusammenhang dieser Bibelstelle – die ich doch von Jugend auf kenne – am heutigen Tage erst aufgegangen, daß der Herr Christus der Jüngergemeinde sagt: »Ihr werdet geschmäht werden und verfolgt werden, ihr werdet diffamiert werden, und zwar mit Lügen«, und darauf: »Ihr seid das Salz der Erde; ihr seid das Licht der Welt!«

Brüder und Schwestern, da muß doch etwas nicht stimmen mit unseren Sorgen. »Ihr seid das Salz der Erde«. Der Herr Christus meint doch nicht, daß wir sorgen sollen, daß wir das Salz unter die Leute bringen, sondern er weist uns auf eine andere Verantwortung hin: »Wo nun das Salz dumm wird, womit soll man’s salzen, womit soll man es wieder zu Salz machen?« Nicht, wie wir das Salz weiterbringen, sondern daß das Salz wirklich Salz wird und bleibt, ist unsere Verantwortung, damit der Herr Christus – der ist nämlich der Koch in diesem großen Brodeln – dieses Salz für seine Zwecke verwenden und gebrauchen kann.

Brüder und Schwestern, auf die Frage, ob der Herr Christus heute noch praktisch die Möglichkeit zum Dienst an unserem Volke hat, auf diese Frage muß ich allerdings antworten: Ich sehe mit meinen Augen keine Möglichkeit, wie der Dienst im Volke heute noch ausgerichtet, wie heute im Volk noch das Salz angewendet werden kann. Aber, Brüder und Schwestern, das ist nicht unsere Sorge, sondern die des Herrn Christus. Wir haben nur dafür zu sorgen, daß das Salz nicht dumm wird, daß es nicht seine Salzkraft verliert. Was heißt das denn?

Das ist wohl die Frage, mit der wir uns zu befassen haben, daß sich die christliche Gemeinde in diesem Augenblick der Gefährdung nicht darauf einläßt, mit der Welt in einen Topf geworfen zu werden. Es heißt doch wohl, sie soll sich durch ihren Salzcharakter von der übrigen Welt unterscheiden. Wodurch unterscheidet sich die Gemeinde Christi von der Welt?

Wir haben eine Zeit der Gefährdung durchgemacht – und wir sind noch nicht hindurch –, wo man uns sagte: »Es wird alles anders, wenn ihr aufhört, als Kirche einen so ganz anderen Geschmack zu haben; wenn ihr aufhört, eine Verkündigung zu betreiben, die im Gegensatz zu dem steht, was die Welt um euch her verkündigt. Ihr müßt eure Botschaft der Welt anpassen; ihr müßt das Bekenntnis mit der Gegenwart in Übereinstimmung bringen. Dann werdet ihr wieder zu Einfluß und Wirkung kommen.«

Liebe Gemeinde, das heißt: Das Salz wird dumm. Nicht wie das Salz angewendet wird, ist unsere Sorge, sondern dass es nicht dumm wird; um ein altes Schlagwort von vor vier Jahren anzuwenden: Evangelium muß Evangelium bleiben; Kirche muß Kirche bleiben; Bekenntnis muß Bekenntnis bleiben; evangelische Christen müssen evangelische Christen bleiben. Und wir dürfen um Himmels willen aus dem Evangelium kein deutsches Evangelium machen; wir dürfen um Himmels willen aus der Kirche Christi keine deutsche Kirche machen; wir dürfen um Gottes willen aus den evangelischen Christen keine deutschen Christen machen!

Das ist unsere Verantwortung: »Ihr seid das Salz der Erde«. Gerade da, wo wir das Salz in Anpassung und Übereinstimmung bringen mit der Welt, bringen wir den Herrn Christus um die Möglichkeit, durch seine Gemeinde irgendetwas auszurichten in unserem Volk. Aber wenn das Salz Salz bleibt, dürfen wir’s ihm schon zutrauen: er wird es so anwenden, daß Segen daraus erwächst.

Und das andere Bild, das der Herr Christus vor uns hinstellt: »Ihr seid das Licht der Welt«. Wir hören das und werden daran erinnert, daß wir uns da Sorgen machen, die vor dem Herrn Christus keinen Bestand haben. Wohin geht unsere Sorge? Als ich vorhin die Namen gelesen habe, haben wir da nicht gedacht: »Um Himmels willen, dieser Wind, dieser Sturm, der jetzt durch die Welt geht, wird der nicht das Lichtlein des Evangeliums ausblasen? Und so haben wir die Botschaft herauszunehmen aus dem Sturm und in einen sicheren Winkel zu bringen«.

Erst in diesen Tagen ist es mir klar geworden, erst seit heute verstehe ich, was der Herr Christus meint: »Nehmt nicht das Scheffelmaß! Ich habe das Licht nicht angezündet, damit ihr es unter den Scheffel stellt, um es vor dem Wind zu schützen. Weg mit dem Scheffelmaß! Das Licht gehört auf den Leuchter! Es ist nicht eure Sorge, ob das Licht von dem Luftzug ausgelöscht wird«. Wir haben nicht dafür zu sorgen, ob das Licht auslöscht – das ist seine Sorge; nur daß wir das Licht nicht verstecken – vielleicht in edler Absicht verstecken, um es in ruhigeren Zeiten wieder hervorzuholen – nein: »Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten!« [Mt 5,15 f.; Mk 4,21; Lk 8,16]

Brüder und Schwestern, das ist der besondere Punkt, an den wir heute geführt sind. Es ist ja doch an dem, daß wir von allen Seiten, von Staatsmännern wie vom »kleinen Mann«, angegangen werden: »Um Gottes willen, redet doch nicht so laut, ihr kommt ja sonst ins Gefängnis. Redet doch nicht so deutlich; man kann das alles doch auch undeutlicher sagen!« Brüder und Schwestern, wir dürfen unser Licht nicht unter den Scheffel stellen, sonst sind wir ungehorsam; sondern wir haben den Auftrag dessen, der das Licht in der Welt ist. Er braucht uns nicht als Docht, er kann sich auch andere Dochte nehmen, denen er sein Licht aufsteckt.

Die stumme Kirche, die nicht mehr sagt, wozu sie da ist, verleugnet sich selbst. Das Wort Gottes laut und deutlich zu verkündigen, das ist unser Dienst; aber daß die Kirche weiter lebt und nicht umgebracht wird, daß das Licht nicht ausgepustet wird, Freunde, das ist nicht unsere Sache. »Wer sein Leben erhalten wird, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden« [Mt 16,25; Mk 8,35; Lk 9,24; Lk 17,33]. Und das gilt vom Leben der Gemeinde genau so, wie es im Leben des einzelnen Christen seine Geltung hat. Das heißt doch wohl praktisch: ich muß heute noch mal so reden, vielleicht kann ich es nächsten Sonntag nicht mehr; ich habe euch das heute noch einmal mit aller Deutlichkeit zu sagen – denn wer weiß, was nächsten Sonntag ist? Aber es ist unsere Pflicht, zu reden; an diesem Auftrag hängt die Verheißung, daran hängt es, ob Gott sein Wort, ob er das Licht – »das arme Windlicht des Evangeliums«, wie D. Martin Luther sagt – in unserem Volk erhält; das hängt daran, ob wir bereit sind, zu tun, was uns geboten ist: die Botschaft zu verkündigen, das Licht leuchten zu lassen.

Und der Herr Christus hat uns noch ein drittes Bild von der Kirche gegeben: »Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt«. Und endlich: »Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein«. Und mit diesem Bild, das einmal durch den Text hindurchleuchtet, soll unser Blick gelenkt werden von dem Salzfaß und dem Lichtleuchter zu der Stadt auf dem Berge. Das Salz vergeht, indem man es ausstreut. Das Licht verbrennt; so soll sich die Christenheit verzehren im Dienst ihres Herrn. Aber die Stadt, die ewig bleibt, ist fest gegründet auf heiligem Berge. In der Wirrsal und Not unserer Tage wird uns die Hoffnung vor Augen gestellt: Gottes Stadt ist fest gegründet!

Liebe Freunde, in unserem Dienen und Nicht-aufhören-müssen um der Verkündigung des Wortes willen ist das Wort des Herrn Christus an uns erfüllt. Wir sind die Stadt auf dem Berge, der verheißen ist, daß auch die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen werden. Und da heißt es dann nicht: »es mögen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen«; aber dann gilt das andere Wort: »Meine Gnade soll nicht von dir weichen, spricht der Herr, dein Erbarmer« [Jes 54,10].

Es geht das Gerede durch das deutsche Land, von den Thüringer Deutschen Christen ausgehend, daß morgen über acht Tagen überraschend die Kirchenwahlen auf telegraphische Anweisung stattfinden sollen. Aber acht Tage sind eine lange Zeit; man weiß das noch nicht genau. Liebe Brüder und Schwestern, wenn wir jetzt in die Kirchenwahlen hineingehen in einer Zeit, wo die Bekennende Kirche in ganz Preußen ihrer Leitung beraubt ist, dann mag das eine starke Quelle der Nöte und Sorgen sein, dann mag die kommende Woche noch um vieles härter und schwerer werden als die Bedrückung dieser Woche, die heute durch Gottes Gnade ein Ende findet; und wir fragen, wo bleibt die Hoffnung, die uns hindurchträgt durch die Not der Zeit, die wächst und wächst und nun bis an die Kehle geht?

Es kann die Stadt Gottes nicht verborgen bleiben. Brüder und Schwestern, die Stadt Gottes wird durch den Sturmwind nicht umgeweht; sie wird nicht erobert, selbst wenn sich die Feinde ihrer äußeren Mauern bemächtigen. Die Stadt Gottes steht, weil ihre Kraft aus der Höhe kommt, weil das Lamm bei ihr ist, und darum wird sie fest bleiben.

Ich habe heute morgen meinen Brüdern, meinen Pfarrbrüdern in Berlin gesagt: »Vielleicht sind wir heute an dem Punkt, nachdem wir uns vier Jahre lang an seiner Führung, an einer bekenntnistreuen Führung erfreuen durften, wo Gott den Beweis von uns fordert, daß wir nun auch allein den richtigen Weg finden, daß wir uns nicht an Menschen gebunden haben, sondern daß wir die Verbindung gefunden haben zu dem einen Herrn, der der Erzhirte seiner Gemeinde ist und bleibt.«

Darum wird es bei der Wahl gehen, daß wir das Salz nicht vermengen, daß wir das Licht nicht in die Ecke stellen, sondern daß wir sagen: »Himmel und Erde mögen vergehen«, wie Gottes Wort sagt, Himmel und Erde werden vergehen! [Lk 21,33] – aber Gottes Worte vergehen nicht! Brüder und Schwestern, darauf wollen wir uns verlassen. Wohl dem, der das Gnadenzeichen nimmt, der sich darauf zu verlassen gelernt hat und darauf allein gelernt hat, sich so zu gründen, daß er fest steht und fest gegründet ist, wenn dann auch die Stürme brausen und wenn dann auch die Wasser steigen. [Ps 93,3]

Und dazu helfe uns Gott!

Amen.

Predigt am Ostermontag, 2. April 1945

Gnade sei mit uns und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt! Amen.

Das 2. Evangelium des Ostermontags steht bei Johannes, Kapitel 20, Vers 11-18:

»Maria aber stand vor dem Grabe und weinte draußen. Als sie nun weinte, guckte sie in das Grab und sieht zwei Engel in weißen Kleidern sitzen, einen zu den Häupten und den andern zu den Füßen, da sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. Und diese sprachen zu ihr: Weib, was weinest du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. Und als sie das sagte, wandte sie sich zurück und sieht Jesum stehen und weiß nicht, daß es Jesus ist. Jesus spricht zu ihr: Weib, was weinest du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und sprach zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo hast du ihn hingelegt, so will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: Rabbuni (d. h.: Meister)! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Gehe aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria Magdalena kommt und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und solches hat er zu mir gesagt.«

Ostern! Heute geht ein Jubel durch die ganze Christenheit: »Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!« – Und es hat den Anschein, als stimme die ganze Schöpfung in den Freudenruf ein: Die Macht des Winters ist gebrochen, Frühlingshoffen webt in der Luft, neue Lebensfreude will ans Licht brechen: »Nun muß sich alles, alles wenden!«

Wir wollen diese Osterstimmung nicht schelten: man kann sich auch über den Frühling freuen und über die Wiederkehr der steigenden Säfte, die nun schon Knospen schwellen lassen und bald Blüten treiben werden; wir sollen auch dankbar dafür sein, daß nun das neue Brot zu wachsen beginnt, das – will’s Gott – trotz allen Elends um uns her dennoch Millionen von Menschen das Leben fristen wird. – Nur eins dürfen wir nicht, wenn wir recht Ostern feiern und der wahren Osterbotschaft von der Auferstehung Jesu Christi froh werden wollen: wir dürfen uns nicht durch die Macht solcher Naturstimmungen dazu verleiten lassen, daß wir die biblische Kunde von der Auferstehung des Herrn nur als ein Gleichnis ansehen für jenen Sieg des Lebens über den Tod, wie wir ihn alljährlich im Frühling sehen oder vielmehr zu sehen vermeinen. – Es handelt sich dabei ja doch nur um einen Gedankenkurzschluß; wir wissen durchaus, daß das Leben, das jetzt da draußen aufblüht, doch auch dem Tode verfallen ist; wir schieben nur den Gedanken daran immer wieder von uns fort und wehren uns auf diese Weise gegen einen Pessimismus, der an sich berechtigt wäre, aber nun einmal zu nichts nütze ist.

Nein, um recht Ostern zu feiern, müssen wir schon auf die Botschaft hören, die Gott uns in seinem Wort sagen läßt, und die weiß nichts von einem allgemeinen Naturgesetz, daß das Leben stärker sei als der Tod, daß das Gute kräftiger sei als das Böse, oder was dergleichen idealistische Dogmen mehr sein mögen, an die ja ohnehin niemand mehr recht glaubt.

Als der Ostermorgen dämmert, steht eine einsame Frau am Grabe Jesu von Nazareth. – Sie ist vorher im Dunkel der letzten Nachtstunden schon einmal dort gewesen und hat mit schreckhaftem Staunen bemerkt, daß das Grab geöffnet und der Deckstein beiseite gewälzt war. – Da ist sie zurückgelaufen und hat zwei von Jesu Jüngern geholt, Petrus und Johannes; die sind alsbald hingerannt, aber sie fanden nichts als ein leeres Grab. – Ihnen nach ist auch Maria Magdalena wiedergekommen und sie ist geblieben, auch als die andern fortgingen. – Sie weint: das leere Grab vermehrt nur ihren Schmerz; man hat ihren Herrn fortgenommen, und sie weiß nicht, wo der Leichnam geblieben ist. – Jesus war ihr besonderer Wohltäter gewesen, er hatte ihrer Seele aus tiefster Not geholfen – der Evangelist Lukas erzählt, es seien sieben Teufel aus ihr ausgefahren [Lk 8,2] –: kein Wunder, daß sein Tod sie wie ein Keulenschlag traf; kein Wunder auch, daß das Verschwinden seiner Leiche ihr ihre völlige Verlassenheit nur noch grausamer zum Bewußtsein bringt! – Diese Frau weiß um die Wahrheit des Herrenwortes: »In der Welt habt ihr Angst!« [Joh 16,33] Sie weiß, daß ein Leben ohne den Herrn Christus für sie in ihrer Schwachheit und mit ihrer Not einfach nicht zu ertragen ist. – Und so starrt sie in das Grab hinein und findet dort doch nichts als dunkle Trostlosigkeit trotz der hellen Engelsgestalten, von denen der Evangelist schreibt, die vergeblich versuchen, sich ihres Kummers anzunehmen.

Diese Frau nun ist die allererste, die den Trost und die Freude der Osterbotschaft erfährt; ihr zu helfen ist des Auferstandenen erstes Werk.

Das ist überhaupt ein gemeinsamer Zug in all den vielen und im Einzelnen recht verschiedenen Berichten über die Erscheinungen des Auferstandenen, daß es sich da immer um Menschen handelt, die bereits ein inneres Verhältnis zu dem Herrn Christus hatten, daß die Ostergewißheit zu ihnen kommt, während sie selbst in einem Zustand der Trauer oder der Furcht oder gar der Angst stecken. – Die Auferstehung des Herrn ist kein Allerweltsevangelium, das sich jeder zu eigen machen könnte: Wer da meint, mit seinem Leben und Sterben allein fertig werden zu können, wer mit sich und der Welt zufrieden ist oder sich mit einem Kompromiß abgefunden hat, so daß ihn nichts mehr aus dem Gleichgewicht bringen kann, dem fehlt einfach das Aufnahmeorgan, dem fehlen die Augen, die den auferstandenen Herrn sehen könnten, und dem fehlt das Ohr, seine Stimme zu vernehmen. – Für den aber, der nicht mehr weiter weiß, weil ihm der Menschheit Jammer und der eigene auf der Seele brennt, für den, der von der Gottverlassenheit dieser Welt und seines eigenen Daseins zu Boden gedrückt wird – so wie diese weinende Frau oder wie die Jünger im Bewußtsein ihrer erbärmlichen Feigheit und ihrer krassen Undankbarkeit gegenüber dem Mann, dem sie ihr Bestes, dem sie Alles verdanken –, für solche Menschen gibt es eine Hoffnung; für sie kann es etwas bedeuten, wenn ihnen die Osterbotschaft von der Auferstehung des Gekreuzigten gesagt wird: Auch dies Evangelium gilt den Mühseligen und Beladenen [Mt 11,28], und nur ihnen!

Und so mag es wohl sein, daß es nicht vergeblich war und ist, wenn Gott uns in unserer Lage einen starken Eindruck davon gibt, daß diese Welt im Argen liegt [1 Joh 5,19], wie der Apostel schreibt, daß ohne seine Hilfe uns keine Möglichkeit bleibt, mit dem Leben fertig zu werden, es sei denn um den Preis einer völligen inneren Verhärtung; und das würde ja nur bedeuten, daß nicht wir mit dem Leben fertig geworden sind, sondern daß das Leben mit uns fertig geworden ist. – Ich sage: es mag sein, daß wir diese Eindrücke nicht umsonst empfangen: Denn, wer das Zutrauen, daß alles schon von selbst zurechtkommen werde, verloren hat, wer in seinem Herzen darüber trauert, daß bei uns Menschen die Bosheit triumphiert und die Güte ans Kreuz geschlagen wird, wer verzweifeln möchte, weil er nirgendwo einen Lichtschimmer entdecken kann, der auf einen kommenden neuen und besseren Morgen für uns und die ganze Menschheit hoffen ließe, dem ist der auferstandene Herr vielleicht näher, als er selber es ahnt, wenn er ihn auch noch nicht sieht und seine Stimme noch nicht erkennt!

Jedenfalls geht es der weinenden Frau im Evangelium so: sie weiß nur noch von Kummer und Leid, sie sieht nichts als ein dunkles, leeres Grab, und auf die Frage, was nun aus ihr werden soll ohne ihren Herrn und Meister, hat sie keine Antwort. – Und derweilen steht Jesus selber hinter ihr, und sie ahnt es nicht. – Als sie sich dann aber in ihrer suchenden Ratlosigkeit umschaut und ihn erblickt, da erkennt sie ihn nicht, sondern hält ihn für den Friedhofswärter. – Ja, selbst als er sie anspricht und sie nach ihrem Kummer fragt, geht ihr noch kein Licht auf, sondern nur ein winziges Hoffnungsfünkchen, dieser Mann möchte ihr am Ende sagen können, was mit dem geliebten Toten geschehen ist: »Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo hast du ihn hingelegt, so will ich ihn holen!«

Das eigenartige und seltsame Helldunkel, in dem sich diese Begegnungsszene abspielt, finden wir auch sonst in fast allen österlichen Erscheinungsberichten: die engsten Freunde und Bekannten haben den Auferstandenen nicht gleich erkannt, sondern blieben im Unklaren darüber, wen sie vor sich hatten, bis Christus selber ihnen sagte oder zu verstehen gab: »Ich bin’s!«

Die Emmausjünger wanderten und sprachen mit ihm wohl eine Stunde lang oder mehr, und weder seine Gestalt noch seine Stimme verrieten ihnen, wer ihr Mitwanderer war [Lk 24,13-35]; und Thomas kann nicht eher glauben, daß er den auferstandenen Jesus vor sich hat, als bis er die Finger in seine Nägelmale und die Hand in seine Seite gelegt hat. [Joh 20,24-28]

Ein Geheimnis waltet auch über seinem Kommen und Gehen: unvermittelt steht er da, und ebenso unvermittelt entschwindet er wieder; es hat sogar den Anschein, daß er an verschiedenen Orten gleichzeitig gesehen wird.

Bei diesem Sachverhalt ist es begreiflich, daß es einfach unmöglich ist, die verschiedenen Auferstehungs- und Erscheinungsberichte der Apostel und Evangelisten zu einer widerspruchslosen Einheit zusammenzuordnen, was z. B. bei der Leidensgeschichte gar nicht so schwierig ist; die Auferstehung Jesu ist eben im Unterschied zu seinem Leiden und Sterben nicht das, was wir ein »historisches Ereignis« nennen: kein ungläubiges Auge hat den Auferstandenen geschaut, kein kritischer Betrachter hat ihn gesehen, und so ist der Beweis einfach nicht zu führen, daß die Auferstehung des Herrn eine Tatsache ist. – Sie kann nur bezeugt werden, und dann können wir sie im Glauben annehmen oder im Unglauben ablehnen, genau so wie das »für euch zur Vergebung der Sünden«, womit der Herr uns den Sinn seines Sterbens gedeutet hat. – Damit ehrt Gott unsere Freiheit als persönliches Wesen: er vergewaltigt uns nicht und zwingt niemanden zum Glauben und zum Gehorsam, sondern er stellt uns die Entscheidung frei! – Wäre die Auferstehung beweisbar, dann stünden wir unter dem Zwang, sie anerkennen zu müssen; denn dem Beweis gegenüber gibt es kein Nein! – Wir aber sollen uns selber entscheiden, und zu dieser Entscheidung, die unsere ganz persönliche und ganz private Sache bleibt, werden wir durch das Selbstzeugnis Jesu und durch das Zeugnis seiner Jünger und Apostel aufgerufen. – Nun heißt es: glauben oder nicht glauben.

So will es verstanden sein, daß der auferstandene Herr sich nicht unmittelbar zu erkennen gibt, sondern sich nur so weit bezeugt, daß es bei uns zu einer Glaubensentscheidung kommen kann.

Für die trauernde und weinende Maria genügt dazu ein einziges Wort, das Jesus an sie richtet: er ruft sie bei ihrem Namen »Maria«. – Da fährt die Frau herum; – denn sie hat aus diesem einen Wort alles herausgehört, was ihr zu hören nottut »Ja, ich bin’s, sagt ihr diese Stimme, ich kenne dich und habe dich nicht verlassen. – Wohl war ich tot, aber der Tod hat mich nicht von dir und dich nicht von mir trennen können; ich bin da als der Lebendige und lasse dich nicht im Stich; meine Hand wird dich weiter halten und führen, daß alle Teufel dir nichts werden anhaben können; denn du bist und bleibst mein! Glaubst du mir das? Glaubst du an mich?«

Und Maria antwortet, ebenfalls mit einem einzigen Wort: »Rabbuni« – »mein Meister«, und in dem einen Wort liegt ihr ganzes Glaubensbekenntnis: »Jawohl, ich glaube dir, ich glaube deiner Zusage: du hast den Tod überwunden und bist der Lebendige in Ewigkeit. Du bist mir nahe und wirst mich führen, und niemand kann mich aus deiner Hand reißen. [Joh 10,28] – Ich war töricht, zu trauern und zu weinen und den Lebendigen bei den Toten zu suchen; ich war blind und taub, nun aber weiß und glaube ich’s, daß mein Erlöser lebt [Hi 19,25], daß du lebst!« – So kommt Maria als erste zum Glauben an den Auferstandenen.

Die Umstände, unter denen wir zur Glaubensentscheidung gerufen werden, sind bunt und mannigfaltig wie das menschliche Leben überhaupt; Gott führt da einen jeden von uns seinen besonderen Weg, um unser Herz für seinen Ruf empfänglich zu machen, den einen in die Stille einer Krankheit, den andern in die Einsamkeit der Gefangenschaft, den einen an ein Grab, den andern vor die rauchenden Trümmer seiner irdischen Habe. – Aber allemal steht der Herr Christus hinter uns, wenn wir nach Hilfe und Trost Umschau halten, und er ruft uns bei unserm Namen wie die Maria und er erinnert uns daran, daß er uns kein Unbekannter ist: »Hast du mich vergessen und bist doch auf meinen Namen getauft?! Ich bin’s, der sein Leben am Kreuze dahingab, und siehe, ich bin der Lebendige, gestern und heute und in alle Ewigkeit derselbige [Hebr 13,8]. – Und ich rede mit dir, jetzt und hier, und ich will dich den rechten Weg führen. Nun steht die Entscheidung bei dir: willst du dich von mir führen, von mir strafen, zurechtweisen, warnen, locken und trösten lassen? Oder willst du dein eigener Herr und Gott sein? – Das aber sollst du wissen: für dich ging ich in den Tod, und für dich bin ich da als der Lebendige!«

Wir können uns diesem Ruf versagen, gezwungen werden wir nicht; wir können zur Antwort geben: »Du bist ja nur ein Mythos und in Wirklichkeit seit zweitausend Jahren tot. – Ich ziehe es vor, meinen eigenen Weg zu gehen!« – Und dann müssen wir eben sehen, wie weit und wohin wir damit kommen. – Aber das ist nun unsere ganz persönliche Entscheidung, die uns niemand abnehmen kann, ob wir wahrhaftig so sprechen können und dürfen, oder ob wir nicht vielmehr bekennen müssen: »Ja, Herr, ich weiß es: dein Wort ist wahr, und der Weg, den du mich führst, ist der rechte. Vergib mir, daß ich eigene Wege gesucht habe und gegangen bin, und nimm mein Leben wieder in deine Hände: Rabbuni, mein Meister, mein Herr und mein Gott!« – Wenn das aus unserm Herzen quillt, wenn wir so sprechen müssen, dann glauben wir an den Herrn Jesus Christus als an den für uns nicht nur Gekreuzigten, sondern auch Auferstandenen. – Wo wir uns aber anders entscheiden und uns von ihm zu uns selber wenden, da bleibt es sich völlig gleich, ob wir glauben, Jesus sei von den Toten auferstanden, oder ob wir meinen, man hätte seine Leiche auf irgend eine Weise beiseite geschafft; das sind dann lediglich Ansichtssachen, die zu keinerlei persönlicher Entscheidung für uns und unser Leben führen.

Der auferstandene Herr begegnet uns in seinem Wort und Sakrament; da tritt er an uns heran und läßt uns seine Stimme vernehmen, da tut er sich uns kund als der Lebendige und bleibt doch zugleich verhüllt, daß wir ihn nicht unmittelbar sehen und erkennen, sondern ihn nur im Glauben finden können. – Da ist es wohl zu verstehen, daß wir manchmal – und zumal in Zeiten besonderer Nöte und Prüfungen – uns nach etwas noch Festerem und Gewisserem sehnen: wir möchten sein Antlitz schauen, wie es ist, und möchten die Hand, die uns führt, in unsrer eigenen Hand spüren.

Etwas Ähnliches scheint auch Maria Magdalena empfunden zu haben, als sie in dem vermeintlichen Gärtner ihren Herrn und Meister erkannt hatte: sie will auf ihn zustürzen, will seine Knie umfassen, will sich überzeugen, so daß kein Zweifel mehr möglich ist, daß er es wirklich ist und daß sie nicht etwa eine Einbildung ihres sehnsuchtskranken Herzens sieht. – Aber sie kommt gar nicht einmal dazu, einen Schritt vorwärts zu tun; der Herr verwehrt es ihr: »Rühre mich nicht an!« – Ein seltsames Wort, wenn wir daran denken, daß derselbe Herr nach dem Bericht desselben Evangelisten seinem Jünger Thomas einen solchen Wunsch erfüllt, ja, ihn ausdrücklich auffordert: »Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände, und reiche deine Hand her, und lege sie in meine Seite!« [Joh 20,27] – Und ähnlich lesen wir bei Lukas von der ersten Erscheinung Jesu vor den versammelten Jüngern: sie meinen in ihrem Schrecken, sie sähen ein Gespenst, und da spricht er zu ihnen: »Sehet meine Hände und meine Füße; ich bin’s selber. Fühlet mich an und sehet; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr sehet, daß ich habe!« [Lk 24,39]

Der Herr Christus verfährt ganz individuell, wo er einen Menschen vor die Glaubensfrage stellt: er mutet keinem mehr zu, als er bewältigen kann; er gibt aber auch keinem mehr, als ihm gut und heilsam ist. – Für Maria genügt das eine Wort; nun wird die Kraft ihrer Liebe das Gedächtnis an diese eine Begegnung festhalten und damit auch den Glauben. – Thomas, der ehrliche Zweifler, hat einen schwereren Weg und bekommt darum auch eine stärkere Hilfe, und ähnlich ist es bei der verschüchterten Jüngerschar, die sich in ihrer Angst vor den Juden nur hinter verschlossenen Türen zu versammeln getraute. – Aber schließlich werden sie alle wieder ganz und gar auf den Glauben gestellt, keinem einzigen bleibt eine handgreifliche und sinnenfällige Gewißheit von der Auferstehung des Herrn: die Erscheinungen hören auf, der Herr Christus kehrt heim zu seinem himmlischen Vater, und erst für die Zeit seines Wiederkommens in Kraft und Herrlichkeit wird seinen Gläubigen die vollkommene Vereinigung mit ihm verheißen, wo dann der Glaube zum Schauen wird, die Hoffnung sich in Erfüllung verwandelt, und nur die Liebe unverändert bleibt in alle Ewigkeit.