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Clemens Höslinger

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Beschreibung

Giacomo Puccini (1858–1924) war der wichtigste Repräsentant der italienischen Oper nach Giuseppe Verdi. Mit Werken wie «La Bohème» und «Madame Butterfly» ist er bis heute einer der meistgespielten Komponisten weltweit. Clemens Höslinger porträtiert den Künstler vor dem Hintergrund seiner Zeit.

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Seitenzahl: 187

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Clemens Höslinger

Giacomo Puccini

 

 

 

Über dieses Buch

Giacomo Puccini (1858–1924) war der wichtigste Repräsentant der italienischen Oper nach Giuseppe Verdi. Mit Werken wie «La Bohème» und «Madame Butterfly» ist er bis heute einer der meistgespielten Komponisten weltweit. Clemens Höslinger porträtiert den Künstler vor dem Hintergrund seiner Zeit.

Vita

Clemens Höslinger, geboren am 15. September 1933 in Wien, studierte an der Akademie für Musik und Darstellende Kunst in Wien. War von 1959 bis 1993 Bibliothekar im österreichischen Staatsarchiv. Seit 1962 Mitarbeiter an Schallplattenzeitschriften (FONO FORUM u.a.), Musikkritiker in österreichischen und deutschen Tageszeitungen, Sendungen beim WDR, NDR, SWF, ORF u.a., hauptsächlich mit Präsentation historischer Tonaufnahmen. Forschungsarbeiten zur Wiener Musik- und Theatergeschichte, Teilnahme an zahlreichen internationalen Symposien.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Mai 2016

Copyright © 1984 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Covergestaltung any.way, Hamburg

Coverabbildung Umschlagabbildung: akg-images (Giacomo Puccini, Porträtaufnahme, um 1895)

ISBN 978-3-644-56521-0

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Puccini ernst genommen

Lange Zeit war es üblich, von Giacomo Puccini nur mit größter Herablassung zu reden. Wer für La Bohème, Tosca oder gar für Madama Butterfly das Wort ergriff, setzte seinen Ruf aufs Spiel. Namentlich in den sogenannten «gebildeten» Kreisen war dies der Fall.

Diese abschätzige Einstellung hat auch auf die Musikforschung abgefärbt. Jahre und Jahrzehnte hindurch hat man von diesem Musiker kaum Notiz genommen. Der Komponist, dessen Werke die Opernhäuser in aller Welt füllten, schien – wenn man von ganz wenigen Ausnahmen absieht – für die Forschung keine Existenzberechtigung zu besitzen.

Die Erklärung für diese auffallende Ignoranz mag man darin finden, dass Puccini in erster Linie als eine Tageserscheinung aufgefasst wurde, dass man ihm kein Nachleben zutraute. «Eine vergängliche Kunst – wie schlechter Journalismus, wie minderwertige Literatur.» Worte des italienischen Musikschriftstellers Torrefranca aus dem Jahre 1912.[1] (Bezeichnenderweise waren es gerade die italienischen Kritiker, die alle Mühe darauf anwandten, Puccinis Kunst herabzusetzen.) Kitsch und Kolportage – das waren die beiden Hauptargumente gegen Puccini. Ein bisschen Kunst (oder Kunsthandwerk) gestand man ihm gönnerhaft zu.

Von dieser Auffassung hat sich nicht mehr viel in unsere Zeit herüberretten können, da sie ganz auf das Dogma der «Vergänglichkeit» aufgebaut war. Die Dauerhaftigkeit von Puccinis Werk kam vielleicht unerwartet – aber sie ist ein Faktum. Und in dieser Dauerhaftigkeit und Unzerstörbarkeit liegt letztlich der Beweis für die – einstmals bezweifelte – starke künstlerische Kraft, die diesem Werk innewohnt. Denn noch nie, in keiner Kulturperiode hat sich Wertloses, Kunstloses für länger als ein paar Jahre am Leben erhalten können.

Worin diese künstlerische Kraft besteht, bedarf heute kaum mehr näherer Erläuterung. Man ist sich längst darüber im Klaren, dass Puccini die letzte große Erscheinung im Reich der italienischen Oper bedeutet. Die enorme musikdramatische Begabung des Komponisten ist in ihrer vollen Größe erkannt worden, ebenso sein besonderes Sensorium für die Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme, sein außergewöhnlicher Klangsinn, der sich in seiner Kunst der Instrumentation und der harmonischen Erweiterung offenbart; dazu seine Fähigkeit, die intimsten psychologischen Stimmungen auszudrücken, die ihn – in seinen stärksten Momenten – zu einer musikalischen Parallelerscheinung Anton Tschechovs erhebt. Die künstlerische Potenz seines Schaffens ist so mächtig, dass dadurch auch die Mängel und Gebrechen seines Werks (der Hang zur Rührseligkeit, zum Seichten und Abgegriffenen) überwunden werden. Seine Erfindungskraft und Originalität heben ihn aus einer Musikepoche hervor, die einerseits durch Epigonentum, andererseits durch umstürzende Neuerungen gekennzeichnet war. Puccini war kein Wegbereiter, kein Bahnbrecher, doch immerhin eine überaus interessante und anziehende Figur zwischen den Epochen, zwischen Alt und Neu. Niemals einer bestimmten Richtung zugehörig, doch stets in Berührung mit allen musikalischen Strömungen seiner Ära. Die Tonsprache, die er sich geschaffen hat, ist ganz und gar sein Eigentum. Für den klanglichen Kosmos der Puccini-Oper gibt es keine Vorbilder, alles daran ist neuartig und unverwechselbar. Dies wurde auch von vielen Musikern seines Zeitalters anerkannt. Janáček, Berg, Schönberg, Strawinsky (um nur einige zu nennen) bezeugten Achtung vor seinem Werk.

Puccini ist zwar viel beschimpft worden, doch hat er auch seit jeher gewichtige Fürsprecher gefunden. Vor allem waren es die musikalischen Interpreten, die sich mit Leidenschaft in den Dienst seines Werks gestellt haben. Der Name Toscanini kann hier stellvertretend genannt werden.

Man weiß heute mehr über den Menschen und Künstler Puccini als dies der Mitwelt bekannt war. Den Zeitgenossen hat er sich vor allem als der elegante «Mann von Welt» eingeprägt, als der passionierte Jäger, Auto- und Motorbootfahrer, der so ganz der Schablone des weltberühmten, gefeierten Künstlers entsprach. Ein Mann überdies mit magischer Anziehungskraft auf die Frauenwelt, von imponierendem Aussehen. (Für Alma Mahler-Werfel war er «einer der schönsten Männer, denen ich je begegnet bin»[2].)

Den «anderen» Puccini lernte man erst nach dem Tod des Komponisten kennen. Zunächst aus den Briefen, die Giuseppe Adami 1928 veröffentlichte. Im Jahre 1938 gab Vincent Seligman eine weitere Sammlung heraus, die erschütternde Zeugnisse eines von Schwermut und Lebensangst gepeinigten Künstlerdaseins offenbaren. Nach dem Krieg sind noch mehrere Brief-Editionen erschienen, darunter die umfangreiche Sammlung «Carteggi pucciniani» und anderes, doch wurden bis jetzt längst noch nicht alle Korrespondenzen des Komponisten gesammelt und ediert.

Puccinis Briefsprache wirkt wie natürliche Rede, sie enthält viele Wendungen in toskanischer Mundart[3], ist zumeist kurz und bündig und steckt voll von scharfen Beobachtungen wie auch von Exklamationen der Augenblicksstimmung (etwa: … ich könnte mir vor Wut in die Finger beißen![4]). Es sind dies keine «literarischen» Briefe, wie sie uns von anderen Künstlern erhalten sind, doch lernt man aus ihnen einen gemütstiefen, kindlich-reinen, ehrlichen Menschen kennen, der oft sehr humorvoll sein konnte und der vor allem zutiefst bescheiden war. (Mein Werk ist nur ein kleines Ding, vielleicht sogar ein allzu kleines Ding Und doch – zumindest etwas.[5]) Merkwürdig, dass sich Puccini in seinen Briefen – die in ihrer Summe die eigentliche «Selbstdarstellung» des Künstlers bedeuten – kaum jemals über seine Musik, über die Grundsätze seiner Kunst geäußert hat. Wie viele Briefe er in seinem Leben geschrieben hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Weit mehr als sechstausend konnten bisher festgestellt werden, aber die wahre Zahl dürfte mindestens doppelt so hoch sein.

In neuerer Zeit hat die Puccini-Forschung viele Versäumnisse nachgeholt. Vor allem Mosco Carners grundlegende Arbeit ist hier zu nennen, weil sie die Mängel älterer Puccini-Biographien beseitigt und insgesamt das reichste Kompendium zu diesem Thema darstellt. Aber auch die Werke von Marek, Ashbrook, Marggraf, Casini, Osborne und anderen haben viel Neues und Erhebliches zutage gefördert. Dasselbe gilt auch für die rein theoretischen Untersuchungen zu Puccinis Musik.

Eine wichtige Bereicherung brachte die profunde Puccini-Biographie von Dieter Schickling (erste Ausgabe 1989, zweite Ausgabe 2007), in der viele weitverbreitete Irrtümer und Ungenauigkeiten berichtigt wurden. Mit der 1996 erfolgten Gründung des internationalen Forschungsinstitutes «Centro studi Giacomo Puccini» in Lucca hat die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Komponisten einen wirksamen Impuls erhalten. Zu den Zielen dieser Forschungsstelle gehören außer der kritischen Revision von Puccinis Partituren auch die Aufarbeitung aller Lebenszeugnisse sowie die Dokumentation sämtlicher nachweisbaren Briefe.

Trotzdem bleiben noch immer viele wichtige Fragen offen. Man weiß zu wenig über die Verbreitungsgeschichte von Puccinis Werk (daran hat der Komponist am Ende seines Lebens selbst großes Interesse gezeigt[6]), man kennt kaum die – oft unterschätzte – Einwirkung Puccinis auf das Musikschaffen des 20. Jahrhunderts. So reich der Zuwachs des Puccini-Schrifttums geworden ist – es wird auch in Hinkunft noch viel über diesen Komponisten zu sagen sein.

Die oft erhobenen Fragen, ob Puccini ein Künstler der ersten, der zweiten oder gar nur der dritten Ordnung war, ob er ein Genie oder nur ein Grenzfall zwischen Talent und Genie war, ob sein Werk dem 19. oder dem 20. Jahrhundert zugehört, werden auch weiterhin für konträre Meinungen sorgen. Eindeutig fällt aber die Frage nach der Lebenskraft seiner Kunst aus: Die ist nicht nur von ungebrochener Präsenz, sondern noch immer im Wachsen begriffen. Puccinis Werk zählt zu den Konstanten der musikalischen Welt.

Die Pforte öffnet sich

Es gibt nur wenige Komponisten, die eine so stolze musikalische Ahnenreihe aufzuweisen haben wie Giacomo Puccini. Nicht nur sein Vater und Großvater, sondern auch Ur- und Ururgroßvater übten den Komponisten- und Kapellmeisterberuf aus. Die Genealogie der Puccinis hat folgenden Aufbau:

Giacomo Puccini (1712–81)

Antonio Benedetto Maria Puccini (1747–1832)

Domenico Vincenzo Puccini (1771–1815)

Michele Puccini (1813–64)

Giacomo Puccini (1858–1924)

Durch Heiratsverbindungen mit weiteren Musikerfamilien (Tesei im zweiten, Magi im vierten Glied) hat sich neue künstlerische «Blutzufuhr» ergeben. Man kann somit von einem sehr kostbaren Erbe reden, das dem letzten und bedeutendsten Spross der Musiker-Dynastie zugefallen ist.

Ebenso wie der «Ahnherr» Giacomo sind auch seine vier Nachfolger in Lucca zur Welt gekommen: in jener alten toskanischen Stadt, die vor allem wegen ihrer wertvollen Kirchenbauten berühmt ist (der Dom San Martino stammt aus dem 11., die Kirchen San Michele und San Giovanni aus dem 12. Jahrhundert). In Lucca wurden übrigens noch zwei andere Größen der italienischen Musik geboren: Luigi Boccherini und Alfredo Catalani.

Das Betätigungsfeld von Puccinis Vorfahren war hauptsächlich die Kirchenmusik. Giacomo Puccini «der Erste», Sohn eines Zuwanderers aus dem toskanischen Gebirgsdorf Celle (bei Pescaglia), vollendete seine Studien in Bologna. Sein Lehrer und Mentor war jener illustre Padre Martini, der zu den größten musikalischen Autoritäten seines Zeitalters zählte. Im Jahre 1740 wurde er als Organist und Kapellmeister an die Domkirche seiner Geburtsstadt berufen. Von diesem Jahr an hatten die Puccinis das Musikleben Luccas in festen Händen: als Komponisten, Organisten, Kapellmeister und Musiklehrer – und dies durch mehr als 120 Jahre. Es mutet fast wie ein Widerspruch an, dass es gerade der berühmteste Zweig des Musikergeschlechts war, der dieser langen Tradition ein Ende setzte. Giacomo Puccini hat zwar in Lucca seine erste musikalische Ausbildung erfahren, sonst aber spielt diese Stadt keine wesentliche Rolle in seinem Lebenslauf.

Die Vorfahren des Komponisten galten als tüchtige Musiker, einige von ihnen waren weit über die Grenzen ihrer Heimat bekannt. Antonio, der «zweite» Puccini, erwarb sich im Jahre 1771 die Mitgliedschaft der Accademia dei filarmonici in Bologna, eine Würde, die nur nach Absolvierung schwieriger Prüfungen zu erlangen war. (Kurz vorher war sie dem jungen Mozart zuteil geworden.) Der «dritte» Puccini, namens Domenico, erhielt dieselbe Auszeichnung, er war Schüler Paisiellos in Neapel und wirkte ab 1805 in seiner Heimatstadt. Domenico komponierte außer kirchenmusikalischen Werken auch einige Opern, die meisten davon im Buffo-Stil. Er starb verhältnismäßig früh – angeblich kam er durch ein Giftattentat ums Leben.

Michele Puccini, der Vater Giacomos, hat getreu der Familientradition seine Studien in Bologna (damals neben Neapel und Rom eine der wichtigsten Musikstädte Italiens) abgeschlossen. Einige Zeit lebte er in Neapel, wo er so berühmte Lehrmeister wie Gaetano Donizetti und Saverio Mercadante hatte. 1830 wurde er Organist in Lucca, außerdem (ab 1842) Lehrer am dortigen Konservatorium, dessen Leitung er ab 1852 bis zu seinem Tod innehatte. Michele Puccini ist vor allem als Komponist von Sakralmusik hervorgetreten, von ihm stammen aber auch zwei Opern («Antonio Foscarini» und «Giambattista Catani»), die mit Erfolg zur Aufführung gelangten. Er war verheiratet mit Albina (geborene Magi), der Schwester eines seiner ehemaligen Schüler. Dieser wiederum, Fortunato Magi (1839–82), übernahm nach Micheles Tod die Direktorstelle am Konservatorium zu Lucca. In späteren Jahren erwarb er sich als Leiter des Liceo Benedetto Marcello in Venedig hohes Ansehen.

Dem ungleichen Ehepaar – Albina war um achtzehn Jahre jünger als ihr Gatte – war reiche Nachkommenschaft beschieden: acht Kinder, von denen jedoch eines bald nach der Geburt starb. Unter den sieben Überlebenden gab es fünf Mädchen – mit den klangvollen Namen Odilia, Tomaide, Iginia, Nitteti, Ramelde – und zwei Knaben, Giacomo und Michele (Letzterer kam drei Monate nach dem Tod des Vaters zur Welt).

Giacomo Puccini, der fünfte in dieser langen Skala, wurde am 22. Dezember 1858 in Lucca geboren.[7] Sein vollständiger Taufname lautet Giacomo Antonio Domenico Michele Secondo. Von dieser Namensform hat er jedoch niemals Gebrauch gemacht. Bereits in die frühen Jahre seines Lebens fiel ein trauriges Ereignis: der Tod des Vaters am 23. Januar 1864. Diese unerwartete Tragödie – Michele stand im 51. Lebensjahr – hatte für die Familie erhebliche Veränderungen zur Folge. Einschränkung war nun oberstes Gebot, denn die Mutter hatte fortan mit einer kleinen Rente das Auslangen zu finden.

Wie sehr man in Lucca an der musikalischen Vormachtstellung der Familie Puccini festhielt, geht aus einem Erlass der Stadtverwaltung vom 18. Februar 1864 hervor, mit dem Fortunato Magi als – vorläufiger – Amtsnachfolger des Verstorbenen eingesetzt wird. Es ist darin ein Passus enthalten, demzufolge Magi «den Posten des Organisten und Kapellmeisters an Signor Giacomo, Sohn des vorhergenannten verstorbenen Maestros abzugeben habe, sobald dieser imstande sei, solche Pflichten auszuüben»[8]. Ein merkwürdiger Fall von künstlerischer Vorausbestimmung, wie er sich in der Musikgeschichte nicht allzu oft zugetragen haben mag. «Signor Giacomo» war damals ein Knabe von sechs Jahren.

Über die Kindheit des Komponisten ist nicht viel bekannt. Aus den dürftigen Berichten geht hervor, dass er ein verträumter Knabe ohne nennenswerte Eigenschaften war. Seine Lernerfolge in der Schule – zunächst im Seminario San Michele, dann im Seminario San Martino – waren denkbar schlecht, vor allem gegen Mathematik hegte er eine unüberwindliche Abneigung. Er wirkte oft passiv und geistesabwesend – wie dies bei Kindern mit reicher Phantasie und bewegtem Innenleben häufig vorkommt. Andererseits legte er auch einen Hang zu übermütigen, oft sogar verrückten Streichen an den Tag. Diese Eigenheit blieb ihm bis in die Mannesjahre treu.

Den ersten Orgelunterricht hatte er noch von seinem Vater erhalten, später übernahm sein Onkel Fortunato Magi die musikalische Schulung. Magi, ein temperamentvoller, zu Jähzorn neigender Mensch, brachte seinem Schüler die Grundsätze der Musik auf recht drastische Weise bei: nämlich mittels Schlägen und Fußtritten. Glücklicherweise währte dieser amusische Unterricht nicht lange, denn Onkel Magi gab seine Bemühungen aus Eigenem auf – weil sie ihm zu wenig aussichtsreich erschienen. Besser fühlte sich der Knabe bei Carlo Angeloni, einem einstigen Schüler Michele Puccinis, aufgehoben. Unter Angelonis Leitung offenbarten sich die ersten Anzeichen von Puccinis musikalischer Begabung; einer Begabung, die zwar vielversprechend war, doch zunächst durchaus im Bereich des Normalen verblieb. Bald hatte Giacomo Gelegenheit, seine erlernten Fertigkeiten (Gesang und Orgelspiel) nutzbringend anzuwenden. Ab 1868 wirkte er als Chorknabe in den Kirchen von San Martino und San Michele (er sang Altstimme), und mit etwa vierzehn Jahren war er bereits imstande, sich als Organist ein bisschen Geld zu verdienen. Diese Tätigkeit übte er nicht nur in Lucca, sondern auch in den Kirchen der benachbarten Ortschaften (Mutigliano, Pescaglia, Celle) aus. Auch als Klavierspieler trat er in Erscheinung, er musizierte bei Volksfesten, in Tavernen, bei den Tanzveranstaltungen in den nahen Seebädern. Seine Einkünfte, so gering sie auch waren, lieferte er daheim ab, um die ärmlichen Lebensverhältnisse seiner Familie ein wenig aufzubessern. Selbstverständlich mussten alle Wege zu Fuß zurückgelegt werden. Oft kam er dann spät in der Nacht nach Hause, todmüde, einen schwer erarbeiteten kleinen Verdienst in der Tasche, aber mit großen Zukunftsplänen im Herzen[9]. Das Wenige, was er sich von seinen kleinen Einkünften zurückbehielt, ging für jenes «Laster» auf, dem er bereits in frühen Jugendjahren verfallen war: dem Zigarettenrauchen. Puccini blieb sein Leben lang ein außergewöhnlich starker Raucher.

Ab 1874 war Puccini Schüler des Konservatoriums seiner Heimatstadt. Auch hier war Angeloni sein Kompositionslehrer. Es ist anzunehmen, dass Puccini in diesen Zeiten auch manchmal das Operntheater in Lucca (Teatro del Giglio) besucht hat, doch ist darüber nichts Genaueres bekannt. Wir wissen nur, dass er durch Angeloni auf die Verdi-Opern «Rigoletto», «Il Trovatore», «La Traviata» aufmerksam gemacht wurde, deren Partituren er genau studierte. Das zündende Ereignis, das eine entscheidende Wende im Leben des jungen Musikers herbeiführte, vollzog sich im Frühjahr 1876. Verdis Oper «Aïda», deren Uraufführung erst fünf Jahre vorher stattgefunden hatte, wurde in Pisa mit großem Glanz in Serienvorstellungen gegeben. Die Kunde von der Schönheit und der gewaltigen szenischen Wirkung des Werks verbreitete sich in der ganzen Umgebung. Auch Puccini brannte danach, die neueste Oper Verdis kennenzulernen. Zusammen mit zwei Freunden begab er sich nach Pisa. Die Hin- und Rückreise wurde zu Fuß zurückgelegt, was bei der weiten Entfernung der beiden Städte (rund 20 Kilometer) keine geringe Leistung war. Der Eindruck der Vorführung war gewaltig, erschütternd. Es war, als ob sich mir die musikalische Pforte eröffnet hätte.[10] Verdi war von nun an sein großes Ideal. Seit diesem Ereignis war sich Puccini über seine Bestimmung zum Opernkomponisten im Klaren.

Oper – mit diesem Begriff verband man im damaligen Italien vor allem die Stadt Mailand. Dort befand sich das Teatro della Scala, die große Pflegestätte von Verdis Opern, dort residierten die großen Verleger Lucca, Sonzogno, vor allem aber der allmächtige Ricordi, dort befand sich das berühmte Conservatorio Reale, jene Musikschule, die gerade für Opernkomposition den ersten Rang in ganz Italien einnahm. Alle Hoffnungen Puccinis richteten sich von nun auf Mailand.

Doch von so hohen Zielen war der achtzehnjährige Musikstudent noch weit entfernt. Zunächst hatte er seine Studien am Pacini-Konservatorium (Istituto musicale Pacini) abzuschließen. (Das Konservatorium in Lucca trug seinen Namen nach dem Komponisten Giovanni Pacini, 1796–1867, der einst zu den großen Berühmtheiten der italienischen Oper gehört hatte und dem die Gründung der Musikschule in Lucca zu danken war.)

Noch vier mühsame Studienjahre standen Puccini nach dem «Aïda»-Erlebnis bevor. Er unterzog sich dieser Verpflichtung ohne sonderliche Begeisterung, denn im Innersten hatte er sich längst schon der Kirchenmusik, seiner hauptsächlichen Studienrichtung, abgekehrt. Überhaupt fühlte sich Puccini im Schulbereich stets unbehaglich. Schematische Ordnung, Zwang und Unfreiheit – dies alles lief seinem ganz aufs Improvisatorische, Phantasievolle ausgerichteten Naturell entgegen. Klassenzimmer erzeugen Klaustrophobie in mir.[11] Diese Abneigung gegen alles Schulmäßige mag auch der Grund dafür sein, dass Puccini niemals zur Annahme einer Lehrstelle zu bewegen war, obwohl solche Angebote mehrmals an ihn herankamen.

In den Konservatoriumsjahren entstanden einige Kompositionen Puccinis: Stücke für Orgel, kleinere kirchenmusikalische Werke sowie ein längeres Orchesterstück mit dem Titel Preludio sinfonico (1876). In diesem zarten, elegischen Werk sind einige Themen enthalten, die der Komponist später in seiner ersten Oper Le Villi wieder verwendete. Auffallend die Versiertheit in der Instrumentation. Der «wagnerische» Schluss weist darauf hin, dass sich Puccini bereits damals mit dem Schaffen des deutschen Musikdramatikers vertraut gemacht hatte.

Im Jahre 1877 beteiligte er sich mit einer patriotischen Kantate I figli d’Italia bella (Die Söhne des schönen Italien) an einem Preisausschreiben – allerdings erfolglos. Bei der Rückgabe des Manuskripts wurde ihm der Rat erteilt, seine musikalischen Kenntnisse zu erweitern und sich vor allem einer deutlicheren Handschrift zu bedienen. Das Übel einer schwer lesbaren, unordentlichen Notenschrift blieb Puccini allerdings sein Leben lang treu.

Im folgenden Jahr erlebte er zum ersten Mal die Aufführung eigener Kompositionen: Motetto und Credo zur Feier des heiligen Paulinus (Paolino), des legendären ersten Bischofs von Lucca. Die beiden Stücke, die in der Kirche San Paolino gespielt wurden, hat Puccini zwei Jahre später in seiner As-Dur-Messe nochmals verwendet. Diese messa per soli, coro a 4 voci e orchestra in As-Dur (1880) ist die größte und bedeutendste seiner frühen Kompositionen. Seit der ersten Drucklegung im Jahre 1951 trägt das Werk den Titel Messa di Gloria. Unter dieser Bezeichnung gelangt es seither oftmals zur Aufführung. Eine Komposition von großem Einfallsreichtum, erstaunlich sicher in der Führung der Stimmen und des Orchesters – allerdings im höchsten Grade unkirchlich. Kennzeichnend, dass Puccini das Thema des Agnus Dei später in seiner Oper Manon Lescaut verwenden konnte: als jenes galante Liebeslied (Madrigal), das im zweiten Akt der Oper zu Manons Zerstreuung vorgetragen wird. Die Messe enthält eine Tenor-Arie (Gratias agimus), die dem pathetischen Stil der Sakralwerke Gounods nahesteht, ebenso ein ausgedehntes Solo für tiefen Bass (Crucifixus), das deshalb merkwürdig ist, weil Puccini in seinem späteren Schaffen dem «basso profondo» kaum nennenswerte Aufgaben zugewiesen hat. Stilbedingt ist das Fehlen der weiblichen Solostimmen. Das feurige, lebhafte, mit schmetternden Bläsersätzen ausgestattete Werk steht merklich unter dem Eindruck von Verdis «Requiem», welches 1874 in Mailand zum ersten Mal aufgeführt worden war.

Die Messa war Puccinis Abschlussarbeit am Konservatorium. Noch immer stand ihm Mailand als großes Ziel vor Augen – doch waren die Chancen für so kühne Pläne denkbar ungünstig. Ein Studium in Mailand war teuer, die Familie hätte so hohe Kosten nicht tragen können. In dieser Notlage erwies sich Puccinis Mutter als erfinderisch. Als sie in Erfahrung brachte, dass die italienische Königin (Margherita di Savoia) ein Stipendium für junge, bedürftige Musiker ausgesetzt hatte, reichte sie über Vermittlung einer Bekannten (einer Gräfin Pallavicini) ein Bittgesuch ein. Mit Erfolg: Zumindest für das erste Studienjahr wurde ihrem Sohn ein Monatsstipendium von 100 Lire zugesichert. Die finanzielle Unterstützung für die weiteren Studienjahre übernahm ein großherziger Verwandter namens Dr. Nicolao Cerù, ein angesehener Arzt, der sich in seiner Freizeit auch als Journalist und Literat betätigte. Der Magistrat der Stadt Lucca, der den Vorfahren Puccinis in solchen Fällen stets reichliche Subvention hatte zuteil werden lassen, war für Giacomo zu keiner Hilfeleistung zu bewegen. Es gibt verschiedene Vermutungen über diese ablehnende Haltung. Man bringt gewisse «Jugendsünden» Puccinis damit in Zusammenhang, unbedachte Streiche, mit denen er sich die Gunst der Stadtväter verscherzt haben mochte. Wahrscheinlicher ist jedoch die Annahme, dass Puccini durch die Änderung seiner Studienrichtung sein Anrecht auf Förderung verwirkt hatte. Ein Opernkomponist war für die Zwecke der Stadtverwaltung nutzlos geworden.

Ende August 1880 begab sich Puccini nach Mailand, um sich am Konservatorium der gefürchteten, nach einem strengen Punktesystem wertenden Aufnahmeprüfung zu unterziehen. Aus dieser Zeit stammen die ersten erhaltenen Briefe Puccinis. Sie sind an seine Mutter gerichtet (carissima mamma) und enthalten ausführliche Berichte über seine Erlebnisse und Erfahrungen in der Musikstadt Mailand. Bis jetzt habe ich noch nichts über meine Zulassung am Konservatorium gehört, weil sich die Lehrerschaft erst am Samstag versammeln wird, um über die Prüflinge zu beraten und herauszufinden, wer von ihnen zugelassen werden soll, denn es gibt nur sehr wenige freie Plätze. Ich hoffe jedoch ganz bestimmt, zugelassen zu werden, da ich viele Punkte erreicht habe, ich hoffe auch, daß man mir mein Alter nachsieht.[12] (Puccini war nämlich mit seinen 22 Jahren ein relativ «alter» Kandidat.)