Glaubet Ihr, so bleibet Ihr - Helmut Isaak - E-Book

Glaubet Ihr, so bleibet Ihr E-Book

Helmut Isaak

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Beschreibung

Dieses Buch erzaehlt die unglaubliche Lebensgeschichte von Jakob und Elisabeth Isaak, die zu den wenigen gehoerten, denen die Fluch aus dem Stalinistischen Russland in 1929 gelang. In der unwegsamen gruenen Hoelle des Paraguaschen Chacobusches entwickelte Jakob Isaak seine Gaben als unparteiischer Vermittler und Seelsorger und wurde zu einem der fuehrender Prediger der Fernheimer Kolonie. Dank dem grossartigen Einsatz von Elisabeth mit ihren elf Kindern konnte Jakob sich unentgeltlich dem Dienste der Gemeinschaft widmen. In unermuedlicher Arbeit konnte im wilden Chaco eine Glaubensgemeinschaft geschaffen werden, die nicht nur die schweren Pruefungen der Pionierjahre ueberlebte, sondern auch eine erfolgreiche Wirtschaft aufbaute, die heute als Beispiel fuer ganz Paraguay gilt. Ebenso beispielhaft ist ihre Arbeit unter den einheimischen Indianern und Lateinparaguayern auf religioesem und sozialoekonomischem Gebiet. Ein besonderes Kapitel ist der Geschichte von Kornelius Isaak gewidmet, der 1958 sein Leben als Missionar unter den wilden Ayoreos verlor. Jonoine, der junge Ayoreo, der den toedlichen Spaer warf, ist heute selber ein Christ und Streiter fuer den Frieden des Lammes Gottes. Obzwar Helmut der Erzaehler der Familiengeschichte ist, kommen Jakob und Elisabeth Isaak, ihre Kinder und Enkel direkt, oder indirekt zu Worte. Da dieses Buch aus dem Leben heraus erzaehlt wird, beschreibt es auch die Geschichte der Entstehung der Fernheimer Gemeinschaft und der Entwicklung ihres christlichen, sozialen und politischen Selbstverstaendnisses. Damit leistet es auch einen wesentlichen Beitrag zur Geschichte der Entstehung der Fernheimer Gemeinschaft. Vor allem aber will dieses Buch ein Zeugnis des Glaubens sein, der, wenn er in tiefem Gehorsam und Vertrauen auf Gottes Heilshandeln ausgelebt wird, unglaubliche Kraefte freisetzt, die nicht nur das Ueberleben, sondern selbst das Wachsen und Gedeihen einer neuen Glaubensgemeinschaft in der gruenen Hoelle des Paraguayschen Chaco moeglich macht. Wir sind der Isaaks Familie dankbar dafuer, dass sie diese besondere Geschichte ihrer Familie und Gemeinschaft dem allgemeinen Publikum zugaenglich gemacht haben. Prof. Dr. Titus Guenther in Zusammenarbeit mit Prediger Wilhelm Guenther.

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Seitenzahl: 216

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Jakob Isaak

Elisabeth Isaak

Die Lebensgeschichte von Jakob und Elisabeth Isaak -nacherzählt von ihren Kindern und Großkindern

Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht.

Jesaja 7:9

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

EINLEITUNG

I. GLAUBET IHR, SO BLEIBET IHR

II. DAS LEBEN IN FAMILIE UND GEMEINSCHAFT NIMMT GESTALT AN

III. DER LASTESEL DES HERRN AUF DEM WEGE ZUR GELASSENHEIT

IV. KORNELIUS

V. VATERS THEOLOGIE

VI. KORRESPONDENZ UND SCHULE

VII. DIE LETZTE REISE FÜR VATER UND MUTTER.

VORWORT

Die Geschichte von Jakob und Elisabeth Isaak beginnt in Russland.

Die Kindheit, das Zarenreich, dann der Kommunismus, die Gewaltherrschaft, Unterdrückung und Verfolgung, die ständige Angst, irgendwann dem Roten Ungeheuer zum Opfer zu fallen. So entschließen sie, alles was sie besitzen stehen und liegen zu lassen, um nach Moskau zu ziehen. Dort bitten sie mit vielen Tausenden anderen Leuten um die Ausreiseerlaubnis, und kommen somit nach Paraguay.

Im Chaco wurde ein neues Heim aufgebaut, verbunden mit unzähligen Herausforderungen, Prüfungen und aber auch Segnungen.

Diese Geschichte hat der Sohn Helmut Isaak in Zusammenarbeit mit Geschwistern aufgeschrieben. Sie beschreibt das Leben von zwei Menschen, die einen harten Lebenskampf gekämpft haben, die oftmals an ihre Grenzen gestoßen sind, die sich aber vor nichts beugten, außer vor Gott: Jakob und Elisabeth (geb. Hildebrandt) Isaak.

Während Elisabeth das Heim, und oft auch die Wirtschaft in Zusammenarbeit mit ihren elf Kindern führte, stellte Jakob sich voll in den Dienst für die Gesellschaft, für die Gemeinde, für Gott. So sind sie für viele Menschen, die eine Strecke ihres Lebensweges geteilt haben, zu einer Bereicherung und zum großen Segen geworden.

Für Jakob und Elisabeth Isaak war der Aufbruch nach Moskau, die Ausreise nach Deutschland und dann nach Paraguay, sowie das Leben und der Dienst an den Mitmenschen im Chaco vor all dem anderen eine Frage des Glaubens und des Gehorsams.

Diese Lebensgeschichte, eingebettet in große historische Ereignisse des XX. Jahrhunderts, wird von Helmut Isaak in lebensnaher, packender und sprachlich leicht verständlicher Weise dargestellt.

Das Leben zweier Menschen, die sich nicht vom Schicksal, sondern von Gott tragen, lenken, leiten ließen. Für sie galt: Glaubet ihr, so bleibet ihr.

Uwe Friesen

Vorsitzender des

Verein für Geschichte und Kultur der Mennoniten in Paraguay

EINLEITUNG

Das Material für die Geschichte unserer Eltern, Jakob und Elisabeth Isaak, wurde im Laufe von Jahren zusammengetragen. Einschlägige Literatur aus Russland und aus Paraguay wurde zu Rate gezogen. Viele persönlichen Interviews mit Zeitgenossen unserer Eltern wurden ausgeführt. Kinder und Großkinder wurden ausgefragt. Sie alle haben zum Inhalt dieses Buches beigetragen. Nur einen Namen muss ich hier anführen, und das ist Hans Boschmann, der mir seine Sammlung über Vaters Geschichte großzügig zur Verfügung stellte.

Hauptquelle für Vaters theologische Gedankenwelt aber waren seine uns erhalten gebliebenen Predigten und Vorträge, die er entweder voll ausschrieb, oder in Stichworten auf winzigen Blättern festhielt.

Dieses Buch ist und will auch keine wissenschaftliche Biographie sein. Dafür müsste man die gesamten Protokolle von den Gemeindeberatungen, KfK- und Missionskommitee-Sitzungen durcharbeiten, die sich in den verschiedenen Archiven in Filadelfia befinden. Für seinen ausführlichen Briefwechsel mit dem MCC und Vertretern der Allgemeinen Konferenz müsste man nach Winnipeg, Akron, Goschen und Newton gehen, um nur einige Archive zu nennen.

Diese Geschichte unserer Eltern ist aus dem Leben heraus und für das Leben geschrieben. Sie will auch ein Zeugnis ihres Glaubens sein. Durch Glauben und Gehorsam konnten sie und mit ihnen die ganze Generation der Chacopioniere in harter Arbeit den wilden Chaco doch zu ihrem verheißenen Lande machen, in dem heute Milch und Honig fließt, besonders wenn es genügend regnet.

Die Sammlung des Materials und die Verfassung dieses Buches sind auch für mich zum großen Segen geworden.

Helmut Isaak

I. GLAUBET IHR, SO BLEIBET IHR

Auf der Goldenen Hochzeit von Jakob und Elisabeth Isaak wurde dieser Text (Jesaja 7,9) von einem der Söhne als Leitspruch für das Leben seiner Eltern angeführt und ausgelegt.

Die Familie auf der Goldenen Hochzeit von Vater und Mutter.

Diese Worte lässt Gott durch seinen Propheten Jesajas an den König Ahas ausrichten, als Jerusalem von übermächtigen Feinden umringt ist. Die Zukunft des Volkes Israel als solches hängt nicht von der Macht seines Heeres oder der Stärke der Mauern Jerusalems ab, sondern an erster Stelle von seinem Glauben und Vertrauen in das noch zukünftige Heilshandeln Gottes. Gott hat schon immer wieder in die Geschichte seines Volkes eingegriffen, wenn es um dessen Sein oder Nicht-Sein ging. Schon bei der Flucht aus Ägypten, als Pharao die Israeliten mit seinem Heer vor dem Roten Meer eingeschlossen hatte, lässt Gott folgende Worte durch Moses zu seinem Volke sprechen: „Fürchtet euch nicht, steht fest und sehet zu, was für ein Heil der Herr heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wieder sehen. Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.” 2. Mose 14:13-14

Glaubet ihr, so bleibet ihr. Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht. Mit anderen Worten, die Zukunft des Volkes Gottes als solches hängt einzig und allein von seinem Glauben ab. Glauben bedeutet für Israel, dass es sich in kindlichem Vertrauen dem Heilshandeln Gottes aussetzt.

Das„Glaubet ihr, so bleibet ihr“ gilt auch im Neuen Testament. Auch das Bestehen und die Zukunft der Gemeinde Jesu Christi, des neuen Volkes Gottes, hängt einzig und allein von seinem Glauben und Vertrauen in Gottes Verheißungen ab.

Für Jakob und Elisabeth Isaak war der Aufbruch nach Moskau, die Ausreise nach Deutschland und dann nach Paraguay eine Frage des Glaubens und des Gehorsams. Auch für sie galt und gilt immer noch: Glaubet ihr, so bleibet ihr.

August 1930: Auf dem Auhagener Chutor im wilden Chacobusch

Mit bitterem Humor nannten die Auhagener ihr erstes Zeltcamp auf dem Ansiedlungskamp Chutor (Landsitz eines Gutsbesitzers).

Wieder ist es Abend geworden. Alle Kampfeuer sind erloschen. Es ist schwarze Nacht. Ein kalter trockener Wind weht vom Süden. Über den Zeltplanen spannt sich der unglaubliche Sternhimmel des Gran Chaco in einer Klarheit, wie ihn die Flüchtlinge im Auhagener Zeltlager nie vorher gesehen haben. Nur hin und wieder hört man das Bellen eines neugierigen Fuchses oder das Weinen eines Kindes, das versorgt werden will. Auch die Erwachsenen wälzen sich auf ihren harten Strohlagern ohne den ersehnten Schlaf finden zu können. Zu viel ist in den letzten Jahren, Monaten, Wochen und Tagen geschehen. Zu viel muss noch in Gedanken und emotional verarbeitet werden. Erst der Aufbruch nach Moskau, wo sich Tausende Deutsche: Mennoniten, Katholiken und Evangelische sammeln, die auf eine Ausreise nach Deutschland hoffen. Dann banges Warten. Besonders die Nächte in den Vorstädten Moskaus sind von Unheil geschwängert. Wird der schwarze Rabe der GPU um Mitternacht vor unserer Tür halten, um den Vater, Bruder oder Onkel auf nimmer Wiedersehen zu holen. Dann das Wunder. Etwa 6000 Flüchtlinge bekommen Ausweise und dürfen die Reise in die Freiheit antreten. Staatenlos kommen sie schließlich nicht nach Kanada oder die USA, wohin sie eigentlich wollten, sondern in die verrufene grüne Hölle des Chacobusches Paraguays.

Während der Herrschaft der Romanows war Russland für die Mennoniten mehr und mehr zu ihrer Heimat geworden. Unter dem Schutze der Privilegien konnten sie frei ihres Glaubens leben. Noch wichtiger für die meisten war jedoch, dass sie sich auch wirtschaftlich und kulturell immer schneller entwickelten. Um die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert schickten sie ihre jungen Männer nach Hamburg und in die Schweiz auf die Bibelseminare. Ging es aber um das Studium der Landwirtschaft, der Medizin oder um Maschinenbau, so waren auch russische Hochschulen durchaus empfehlenswert. So finden wir zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts mennonitische Studenten an vielen Universitäten Russlands, Deutschlands und der Schweiz. Diese jungen Intellektuellen waren es dann auch, die sich unter dem Einfluss des wachsenden Nationalismus der europäischen Länder immer bewusster die Frage nach der eigenen Identität stellten. Wer sind wir eigentlich? Sind wir Holländer, Friesen, Schweizer, Österreicher, Deutsche oder Russen? Um diese Frage zu beantworten, wurde sogar eine Studienkommission ins Leben gerufen. Eine eindeutige Antwort konnte jedoch nicht gefunden werden. Etwa die Hälfte der mennonitischen Familiennamen in Russland waren niederländischer Herkunft. Andere hatten nord- und süddeutsche, schweizerische und österreichische Wurzeln. Obzwar man in Russland immer bewusster von einem mennonitischen Völklein sprach, so war auch diese Bezeichnung für die Gebildeten nicht mehr zufriedenstellend.

Dass sich Russland politisch immer mehr von Deutschland ab- und Frankreich zuwandte, und dass man in den höchsten Kreisen der Regierung in Petersburg immer mehr mit einer direkten Krise, möglicherweise sogar mit Krieg zwischen Österreich-Deutschland und Russland-Frankreich um den Balkan rechnete, nahmen nur wenige Mennoniten bewusst wahr. Vielen war wohl bewusst, dass sie der Frage nach ihrer völkischen Identität auf die Länge nicht würden ausweichen können. Der Erste Weltkrieg mit all seinen Folgen machte diese Frage noch dringender. Durch die wachsenden Beziehungen zu Deutschland und die bewusste Pflege der deutschen Sprache wurden sie für die russischen Nationalisten immer mehr zu Feinden des russischen Staates. Weit schlimmer war, dass sie von den neuen Machthabern nach der kommunistischen Revolution als Kulaken (Landbesitzer) gestempelt wurden, denn diese galt es mit Stumpf und Stiel auszurotten.

Da die Existenz des mennonitischen Völkleins schon immer vom Schutz autokratischer Herrscher abhängig gewesen war, suchten sie nach der kommunistischen Revolution nach neuen Schutzherren. Da die neuen kommunistischen Herrscher im Kreml gerade ihre Existenz als mennonitisches Völklein am meisten bedrohten, liebäugelten sie mit anderen Herrscherhäusern in Europa. Plötzlich war man wieder holländisch. Dabei war man sich nicht bewusst, dass man sich mindestens als niederländisch hätte bezeichnen müssen, denn wirkliche Holländer sind bekanntlich nur die Einwohner der niederländischen Provinz Holland. Es wurden offizielle Briefe an die Königin der Niederlande geschrieben, die diese jedoch in ihrer Majestät souverän ignorierte.

Nach der schweren Hungersnot von 1920-21, die hauptsächlich durch sehr kurzsichtige Maßnahmen der frühen Sowjetregierung verursacht worden war, änderte die kommunistische Regierung im Jahr 1922 ihre Wirtschaftspolitik (NEP). Um die Wirtschaft neu aufzubauen durften die Landwirte wieder selbständig wirtschaften. Ohne staatliche Kontrolle konnte die Lebensmittelkrise sehr schnell überwunden werden.

Da die Mennoniten ihren Schutzherren, den Zaren, und auch ihre Privilegien verloren hatten, und da es auch kaum eine Möglichkeit der Auswanderung für sie gab, sahen sie sich gezwungen, mit den neuen Machthabern im Kreml zu verhandeln. Wenn sie sich bedingungslos der kommunistischen Partei mit ihrer materialistischen Ideologie angeschlossen und unterworfen hätten, wäre diese vielleicht zu bestimmten Konzessionen bereit gewesen. Das war aber unvereinbar mit ihrem Glauben und ihrer Weltanschauung.

Vater meinte später, dass viele der mennonitischen Landwirte schon bereit gewesen wären, in Kommunen einzutreten und gemeinsam das Land zu bearbeiten. Freiwillige mennonitische Produktionsgenossenschaften brachten in diesen Jahren eine Rekordernte nach der anderen ein. Das war aber nicht das Ziel des materialistischen Kommunismus. Er wolle einen neuen atheistischen Menschen nach seinem eigenen Bilde schaffen. Die alten Werte und Institutionen mussten daher radikal ausgerottet werden und mit ihnen alle Vertreter dieses Weltverständnisses.

1928 war es dann mit der vorläufigen Lockerung der kommunistischen Wirtschaftspolitik vorbei. Stalin organisierte alle seine Kräfte, um Russland in fünf Jahren zu einem industrialisierten kommunistischen Staat zu machen. Dieser erste Fünfjahresplan war dann auch wohl die Hauptursache des massiven Aufbruchs der mennonitischen und anderen deutschen Gruppen nach Moskau. Unter ihnen waren alle zukünftigen Fernheimer und auch Jakob und Elisabeth Isaak mit ihren drei Jungen.

In den ersten Tagen und Wochen geht es vielen der Auhagener Siedler auf ihrem Chutor so wie den Kindern Israels nach der wunderbaren Errettung von der Sklaverei Ägyptens. Sie sind durch das Rote Meer (das Rote Tor) gezogen. Endlich sind sie frei. Aber was bedeutet Freiheit schon mitten in der Wüste ohne Nahrung und ohne Wasser, oder in der undurchdringlichen Wildnis des Chacobusches. Sie sind jetzt bedingungslos dem Heilshandeln Gottes ausgeliefert. Sicherheit und Zukunft gibt es nur im Vertrauen und in dem Glauben, dass Gott seine Verheißungen erfüllen wird. Zusätzlich zu ihrem Vertrauen in Gottes Heilshandeln hatten die Fernheimer das Versprechen des MCC, dass dieses die Siedler nicht im Stich lassen würde.

Jakob und Elisabeth Isaak (Vater und Mutter) stehen vor dem Eingang ihres Zeltes. Sie denken beide dasselbe. Endlich sind wir frei, um ohne Angst unseres Glaubens zu leben, und eine neue Gemeinschaft der Kinder Gottes zu bauen. Aber womit! Diese unbegrenzte Freiheit im Chacobusch bringt noch kein Brot auf den Tisch. Sie baut keine Häuser als Schutz vor den wilden Gewitterstürmen im Sommer. Sie wärmt zwar das Herz und den Verstand, aber vor dem eisigen Südwind im Winter schützt sie nicht. Sind wir frei geworden, um hier in dieser Wildnis zu verhungern und zu verdursten?

Typische Chacolandschaft.

Der Wechsel von der schönen Wirtschaft in Karlovka (Memrik) mit dem angenehmen Klima in die tropische Hitze und Trockenheit des Gran Chaco ist zu radikal. Ende November 1929 kamen sie nach Deutschland. Nach etwas über sieben Monaten in Deutschland wurden sie am 12. Juli eingeschifft und kamen am 15. August 1930 in Asunción an. Nach offizieller Begrüßung ging es weiter nach Puerto Casado, wo sie am 17. August ankamen. Die erste Fahrt mit dem sehr langsamen Lastzug durch den Chaco war sehr interessant. Palmkämpe wechselten sich mit trockenen Salzlagunen und einzelnen Buschinseln ab. Endlich kamen sie am 20. August auf Km 145 an, wo die Mennos schon mit ihren Ochsenwagen warteten, um sie auf den Siedlungskamp Nummer 9 zu bringen. Mindestens ein Dutzend Fahrer mit ihren Wagen warten schon auf die 22 Familien, die auf dem Auhagener Kamp ansiedeln sollen. Die Fahrt in der Karawane der Ochsenwagen war langsam, aber äußerst interessant und lehrreich. Es gab hunderte Fragen über die Bäume und Sträucher und andere Pflanzen des Chacobusches. Besonders abends auf den Futterplätzen, wo alle um die Kampfeuer herum saßen, wollten die Fragen kein Ende nehmen. Während der Fahrt ging es weiter mit den Fragen. Vater wollte wissen, was man alles im Chaco anbauen kann. Der Mennomann, der übrigens für die Kinder„Ohmtje Wiebe“ oder auch Franz Wiebe oder einfach Fraunz für die Erwachsenen hieß, beantwortetet alle Fragen auf eine einfache und doch zutreffende Weise. Dabei hat er so einen trockenen Humor, dass das Gelächter häufig weit in den Busch schallt. Nein, Weizen kann man im Chaco nicht anbauen, dafür ist es zu heiß im Sommer und im Winter zu trocken. Dann spricht er von Baumwolle, Kafir, Bohnen, Erdnüssen, von Mandioka und Süßkartoffeln, alles Kulturen, die man kaum vom Hörensagen kennt. Auch Obst wächst im Chaco, allerdings klingen die Namen wieder fremd, besonders, da er häufig englische Wörter einflicht. Deshalb muss er immer wieder erklären, was die verschiedenen Kulturen eigentlich bedeuten, und welchen Nutzen sie haben. Als er Wassermelonen erwähnt, glänzen die Augen der kleinen Jungen auf. Ja, die kennen wir von zu Hause. Da hatten wir sooo große, na sagen wir mal, wie der Kopf eines Kindes. Ohmtje Wiebe lächelt etwas nachsichtig, als er erklärt, dass Wassermelonen im Chaco bis zu 20 kg wiegen können, also etwa fünfmal so groß werden wie in Russland. Das verschlägt den Jungen zunächst die Sprache. Wenn das so ist, dann wird es sich im Chaco schon leben lassen. Nach tagelanger Fahrt erreichen sie endlich den Auhagener Siedlungskamp. Nachdem die wenigen Habseligkeiten im hohen Bittergras abgeladen sind, verabschiedet sich Ohmtje Wiebe mit den Worten: „So, hia senn jie nu tuus”. Nachdem die Wagenkarawane der Mennos endlich auf der schmalen Schneise durch den Busch verschwunden ist, gibt es Tränen und Ausrufe: Hier sollen wir zu Hause sein? In dieser Wildnis sollen wir leben? Ja, das war die unabänderliche Wahrheit. Einen Weg zurück gab es für die Auhagener Ansiedler so gut wie gar nicht. Bis sie die Worte von Ohmtje Wiebe „Hia senn jie nu tuus” wirklich annehmen konnten, würde es noch viel Zeit brauchen.

Mutter mit ihren ältesten drei Jungen in Deutschland 1930: Gerhard, Jakob und Kornelius.

Mutter und Vater mit Jakob und Gerhard vor ihrem Hause in Karlovka.

So brachte Ohmtje Wieb unsere Eltern von der Bahnstation zum Auhagener Siedlungskamp.

Der verfilzte Chacobusch erschien ihnen wie eine Wüste, voller Stacheln, ohne Wege und ohne Wasser. Nirgends hört man das leise Plätschern eines Baches oder das Rauschen eines wasserreichen Flusses. Selbst die natürlichen Wasserstellen trocknen in einigen Wochen oder Monaten unter der unerbittlichen Chacosonne, dem kalten, trockenen Südwind oder dem glutheißen Nordsturm wieder aus. Das hatten sie zur Genüge erst auf der Bahnfahrt und dann vom Ochsenwagen aus beobachtet.

Um hier in dieser Wildnis zu überleben, muss Wasser herbeigeschafft werden. Brunnen müssen gegraben werden. In einer Tiefe von acht bis zehn Metern kann man gutes, wenn auch spärliches Wasser finden. Aber von etwa zehn Brunnen, die mit viel Mühe und immer unter Lebensgefahr in gemeinsamer Arbeit von den Männern mit Spaten und Schaufel gegraben werden, liefern nur einer oder zwei gutes Wasser.

Brunnenschacht mit Rundhölzern ausgekleidet, so dass er nicht einstürzen kann.

Das Auhagener Zeltdorf wurde in der Nähe solch eines Brunnens angelegt. Aber schon nach kurzer Zeit ist der Vorrat an gutem Wasser erschöpft und der Brunnen liefert nur noch salziges Wasser. Neue Brunnen müssen gegraben werden. Aber das Wasser der meisten ist so salzig, dass nicht einmal das Vieh es saufen will. Schließlich findet man gutes Wasser, und diesmal reichlicher. Aber dieser Brunnen befindet sich auf einem Palmkamp, der eineinhalb Kilometer vom Zeltdorf entfernt liegt. Eine etwas breitere Schneise wird von den Männern mit Axt und Spaten durch den Busch geschlagen. Mit dem Tragholz über den Schultern wird das Wasser jetzt von Frauen und Männern herbeigeschafft, denn Wagen und Pferde hat man noch nicht.

Im Schutze der Bäume wurden die ersten Zelte errichtet. Kinder beim Reigenspiel.

Schneise durch den Busch. Nur für Fußgänger und Reiter passierbar.

Aber lassen wir Vater selber erzählen, so wie er es auf der Jubiläumsfeier Auhagens am 29. September 1971 tat :

„Es war Ende 1929, als unter den Mennoniten Russlands eine fieberhafte Unruhe ausbrach. Die Maßnahmen der Regierung, die in einem Fünfjahresplan durchgeführt werden sollten, waren der Art, dass sich viele Familien gezwungen sahen, die russische Heimat um ihres Glaubens willen zu verlassen, um einen Weg ins Ausland zu finden. Es waren Tausende, die in den Monaten September, Oktober und November fluchtartig ihre Häuser und Dörfer verließen und nach Moskau fuhren. Unter diesen waren auch die 22 Familien, die später das Dorf Auhagen gründeten, denen es mit Gottes Hilfe gelang nach Deutschland zu kommen. Aber in Deutschland durften wir nicht bleiben. Wir mussten weiter. Kurzfristig wurden die Flüchtlinge in den Lagern Hammerstein, Prenzlau und Mölln untergebracht und verpflegt. Nach gründlichen ärztlichen Untersuchungen wurde einer kleinen Gruppe von gesunden Familien die Einreise nach Kanada gewährt. Diese wurden Anfang 1930 abgeschoben. Der weit größte Teil der Flüchtlinge aber durfte nicht nach Kanada. Für diese musste in anderen Ländern Aufnahme gesucht werden. Die deutsche Regierung drängte, dass wir das Land verlassen sollten. Prof. B. Unruh und das MCC arbeiteten fieberhaft und es gelang ihnen, für etwa 1000 bis 1500 Personen in Brasilien die Einwanderungsgenehmigung zu erhalten. Wiederum ging es auch hier mehr um die Gesunden. Auf Lichtbildvorträgen wurde uns das Siedlungsgebiet in den Bergen von Santa Catarina mit seinem undurchdringlichen Urwald gezeigt, und auf die Schwierigkeiten der Erschließung dieser Wildnis hingewiesen. Diese waren so groß, dass ich mich mit meiner Familie nicht für Brasilien entscheiden konnte.

Vater und Mutter mit Gerhard, Jakob und Kornelius 1930 in Deutschland.

Foto von Vaters Personalausweis in Deutschland, 1930.

Inzwischen hatte auch Paraguay die Türen für alle Mennoniten geöffnet mit vollen Privilegien für jung und alt, gesund oder krank. Das Siedlungsgebiet aber war der total unkultivierte, menschenleere, wilde Gran Chaco, auf der Karte ein total leerer Fleck. Als ich den leeren Fleck auf der Karte sah und daran dachte, dass wir dort siedeln und unsere Existenz in dem wilden Chacobusch erarbeiten und denselben unter Kultur bringen sollten, beschlich mich doch eine gewisse Bangigkeit. Ich zögerte mit der Meldung für Paraguay, zumal ich mit Familie die Erlaubnis erhalten hatte, noch länger in Deutschland zu bleiben.

Das MCC und auch die europäischen Hilfsorganisationen arbeiteten hart und hingebungsvoll. Sie sammelten Geld, um den Auswanderern nach Paraguay eine entsprechende Ausrüstung mitzugeben, die es den Siedlern möglich machen würde, einen neuen Wirtschaftsanfang zu machen.

Diese Ausrüstung bestand aus einer Zeltplane, 6 mal 6 Meter; ein Paar Ochsen auf zwei Wirtschaften; ein Wagen auf vier Wirtschaften; ferner auf jede Wirtschaft ein Pflug, eine Egge, ein Kultivator, zwei große Hacken, eine kleine Gemüsehacke, eine Sense, eine Buschsense auf zwei Wirtschaften, ein Buschmesser, eine Axt, ein Spaten, eine Spitzhacke auf zwei Wirtschaften, eine Laterne und in Paraguay noch eine Zinktonne pro Wirtschaft. Dazu kam die Küchenausrüstung. Diese bestand aus einer Herdplatte, zwei gusseisernen Kasserolen, einer Bratpfanne, drei Schüsseln, je einem Teller, einer Tasse, einem Messer, einer Gabel, einem Löffel pro Person, drei emaillierte Kasserolen, einem Schöpflöffel, einer Fleischmaschine auf vier und einer Nähmaschine und ein Mauergrappen auf sechs Wirtschaften. Das war im Grunde genommen recht viel und wir hatten allen Grund dankbar zu sein. Dazu kam vom MCC noch die volle Verpflegung für ein Jahr und Unterstützung und finanzielle Hilfe für die Anfangsjahre. Das MCC versprach, der brüderliche Rückhalt für die entstehende Kolonie zu sein. MCC hat dieses Versprechen immer gehalten.

Nachdem die Frage der Ausrüstung geklärt war, traten Prof. H. S. Bender als Beauftragter des MCC und Prof. B. Unruh vor die Flüchtlinge und begannen mit der Werbung von Ansiedlern für Paraguay. Es dauerte nicht lange und die erste Gruppe war voll und wurde abgeschickt. Diese bestand aus den Siedlern der Dörfer 1, 2 und halb 3. Nach einigen Wochen war auch die zweite Gruppe voll: die Dörfer halb 3, 4 und 5. Wieder nach einigen Wochen war auch die dritte Gruppe, die Dörfer 6, 7, 8 bereit zur Abreise. Der vierte und letzte Transport bestand aus den Dörfern 9, 10 und 11.

Die Verteilung der Siedler auf die einzelnen Dörfer wurde schon in Deutschland durch Verlosung gemacht. Auch die Dorfschulzen wurden schon in Deutschland gewählt. Die Wahl für Dorf #9, das später den Namen Auhagen erhielt, fiel auf Juli-us Töws. Der Name Auhagen wurde zu Ehren von Prof. Auhagen gewählt, der sich in Moskau selbstlos für die Sache der Flüchtlinge eingesetzt hatte. 22 Familien mit 107 Personen wurden in Auhagen auf 22 Wirtschaften angesiedelt.

Bronzeplatte mit den Namen der Auhagener Ansiedler.

Die Familienhäupter der Auhagener Dorfsgemeinschaft, wie sie noch in Deutschland ausgelost wurden. Der zweite von rechts in der zweiten Reihe ist Vater.

Als die Mennos die 22 Familien abgeladen hatten und sich auf den Heimweg machten, gab es viele Fragen und Tränen: „Hia sell wie bliewen? Hia sell wie aunsiedle enn wohne?“ Nicht weit von dem Brunnen wurde das vorläufige Zeltdorf, Chuta genannt, angelegt. Da die fremdartige, oft als unheimlich empfundene Wildnis, in der es ‘wilde’ Indianer geben sollte, doch beängstigend wirkte, wurden die Zelte möglichst dicht nebeneinander aufgeschlagen. Doch nichts geschah. Die Indianer ließen sich nicht sehen, und wir wagten uns sogar etwas in den Busch hinein.

Die erste, alle schwer belastende Entdeckung war für uns: der Brunnen hat nur sehr wenig Wasser. Es reicht lange nicht aus. Fuhrwerk und Tonnen hatten wir noch nicht. So musste das Wasser in Eimern von einem eineinhalb Kilometer entfernten Brunnen geholt werden.

Das erste gemeinsame Unternehmen der Dorfsgemeinschaft bestand daran, weitere Brunnen zu graben. Mehr als ein Dutzend Versuche auf dem Dorfskamp lieferten nur salziges Wasser. Schließlich fand man zwei Kilometer entfernt auf einem Wasserkamp sehr gutes und reichliches Wasser.

Weiter musste das Land vermessen und der Dorfsplan angelegt werden. Der kleine Kamp musste auf 22 Hofstellen vermessen werden. Jede Hofstelle konnte nur 65 m breit sein. Die Länge war sehr verschieden. Sie sollte 460 m betragen, aber nur 4 Hofstellen hatten so viel offenen Kamp.

Ende September und Anfang Oktober siedelten wir über ins Dorf, jede Familie auf die eingeloste Hofstelle. So entstand ein recht malerisches Zeltdorf. Das Holz zum Gerüst des Zeltes musste im Busch geschlagen und auf den Schultern zur Baustelle getragen werden. Nach der Aufrichtung des Zeltes kam die Möblierung. „Menschenskjinja wea daut ne Konst! Sprotebade, 70 bott 80 cm breet en 1,5 bott 2 m lang. Opp dee Sprote kaum een Strohsack. Wie schleepe wundaboa scheen!“ Bänke wurden von Palosanto gemacht und Stühle vom Flaschenbaum.

Auf der Straße des Zeltdorfes geht die ganze Familie zur Feldarbeit.

In den Monaten Oktober und November und Dezember erhielten wir dann die Ausrüstungsochsen und auf eine jede Familie eine Kuh, doch nicht die Milch. Darauf mussten einige noch ein Jahr warten. Mit dem Empfang der wilden Ochsen war das Zähmen und das Einfahren verbunden. Das war besonders für die jungen Burschen des Dorfes eine sehr willkommene, aber nicht gerade ungefährliche Herausforderung. Doch Gott sei gedankt, es ging ohne großes Ünglück vor sich. Bald mussten dann die ersten Ochsenwagen zur Bahnstation fahren, um die Lebensmittel für die Siedler zu holen.

Zelt mit Lagerstätte aus Rundholz und Schilf.

Mit den Ochsen beim Pflügen.

Unsere Verpflegung bekamen wir monatlich in Produkten wie Mehl, Reis, Öl oder Fett, Zucker, Bohnen und Fleisch zugeteilt. Die Portionen waren nur klein. Für Familien, die nur aus Erwachsenen bestand, war es sehr knapp bemessen. Die paraguayischen Bohnen, die uns nicht schmeckten, erwiesen sich als durchaus gesund für den Magen und für den Körper. Wir lernten sie essen.

Mit dem Beginn der Regenzeit in Oktober, November und Dezember begannen wir dann mit der ersten Aussaat. Persönlich hatten wir mit Spaten und Hacke eine Fläche von fünf mal sieben Metern gereinigt und umgegraben. Hier pflanzten wir unsere ersten Erdnüsse. Dann pflügten wir etwa einen Hektar mit den Ochsen und pflanzten Baumwolle, Bohnen und Kafir. Die Ernte im Herbst war ganz gut.

Der Gütertransport war in der Regenzeit eine anstrengende Arbeit. Hier hat man schon zwei Ochsenpaare vor den Wagen gespannt, um diesen durch den Schlamm zu ziehen.

Die Familien mit erwachsenen Kindern fingen dann mit dem Bau der ersten Häuschen an. Zuerst wurde ein Holzgerüst aufgestellt und mit Schilf oder Bittergras gedeckt. Die Wände wurden von in Lehm getauchten Bündeln von Bittergras gemacht. Diese Bündel wurden über Zinkdraht oder Rundholz gehängt und dann miteinander verknetet, so dass es eine luftdichte Wand ergab. Oder sie wurden mit Luftziegeln gemauert. Andere mischten Bittergras mit Lehm und kneteten diesen in von Brettern gemachte Formen, die dann schichtweise aufgeführt wurden. Palo Blanco wurde gespalten und von drei Seiten mit dem Beil und Hobel bearbeitet und geglättet. Davon wurden dann die Fenster- und Türrahmen gemacht . Die ersten Familien konnten schon zu Weihnachten 1930 in ihre neuen Häuschen einziehen. Unseres wurde erst 1931 fertig.

Endlich bricht die Regenzeit an.

Mit dem Brettschneider werden die Bretter für die ersten Türen und Fensterläden geschnitten.