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Gleich in die Fresse hauen- Die Strasse kennt nur einen Sieger- Skinheads , Hooligans versprechen dir de Kick im Leben---Der ganze Kick ist die Action-Sehnsucht- Angst- Niederlagen- Du schlägst schnell zu---Es gibt immer einen stärkerern-- Gefängnis- Die Hölle auf Erden--die schwierige Umkehr- innere Schranken gibt es keine mehr-
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Seitenzahl: 320
Veröffentlichungsjahr: 2022
Impressum neobooks
Stephanandreash
Gleich in die Fresse.
Ausführungen eines Gewalttäter
1. Kapitel: Aufstehen
2. Kapitel: Turnschuhe
3. Kapitel: Rot
4. Kapitel: Fleisch
5. Kapitel: Draußen
6. Kapitel: Golem
7. Kapitel: Mauerfall
8. Kapitel: Savanne
9. Kapitel: Alex
10. Kapitel: Ungebremst
11. Kapitel: Bergfried
12. Kapitel: Stille
13. Kapitel: Asphalt
14. Kapitel: Dämmerung
15. Kapitel: Idylle
16. Kapitel: Schlepper
17. Kapitel: Walzer
18. Kapitel: Woodstock
19. Kapitel: Romeo
20. Kapitel: Kino
21. Kapitel Ozean
1. Kapitel: Aufstehen
„Aufstehen“.
Vaters Stimme peitschte in das Zimmer. Mit einem lauten Ratsch schnellte der Rollladen hoch, das Fenster aufgerissen, grelles Licht des Morgens zuckte schmerzend in das Auge.
„Guten Morgen, Aufstehen!“ In der Stimme steckte jetzt zu viel Mensch für diese frühe Stunde. Ich zog mich unter der Decke zusammen. Die Kälte versuchte sich in meine Welt zu fressen.
„Aufstehen“, schallte es nochmal, diesmal wieder dem Peitschenhieb gleich. Mit einem Ruck entriss er mir die Decke. Entblößt zuckte ich zusammen, rollte mich nochmal in mich ein, um an die kalte Luft nicht all meine Wärme zu verlieren. Mein Bruder jammerte und fluchte.
Nun hatte die Morgenfrische komplett meine Zimmerecke eingehüllt und lag bleiern auf mir. Ich zog meine Gliedmaßen noch ein letztes Mal an mich, versuchte die Wärme festzuhalten und wieder in die Nacht zu fliehen. Die Kälte eisern packte mich, zog mich wieder aus dem Schlaf. Der Kampf war verloren, wie jeden Morgen. Im Gefängnis ist das Wecken ähnlich. Nur geht automatisch das Licht an, und das „Guten Morgen“ kommt gewollt freundlich.
Heute lass ich den Rollladen oben, will den Himmel, die Sterne sehen. Meine Kinder dürfen auch laut “Papa aufstehen“sagen, das habe ich noch gerne.
Damals, als Kind, blickte ich zu dem offenen Fenster. Über dem Lohberg machte sich der Große Bär am Morgenhimmel gerade aus dem Staub. Die Häuserzeile gegenüber zeigte erste Lichtflecken. Wie jeden Morgen standen wir mit unserer Schwester gemeinsam um das einzige Waschbecken und putzten Zähne. Alle drei gafften wir in den Spiegel.
Wenn ich heutzutage am Himmel das Sternbild des Großen Bären sehe, bin ich wieder da, am Ort meiner Kindheit und Jugend. Damals bekam ich von meinem Onkel Gottfried das Buch,“Geliebte der großen Bärin“, geschenkt. Es handelt von Schmugglern an der polnisch und russischen Grenze in den Anfangszeiten des kommunistischen Russlands. Das Sternbild des Großen Wagens war ihr Richtungsweiser, heute würde man das Navi oder GPS nehmen. So war dieses Zeichen am Nachthimmel auch für mich Leitbild meiner Träume und der Phantasie. Ich sah es auch manchmal, wo es gar nicht war.
Vater ging meist zuerst aus dem Haus. Seine Arbeit war in der Innenstadt. Sie bestand darin, Waren anzunehmen, zu sortieren und in die entsprechenden Abteilungen des Kaufhauses zu verteilen.
Dazu trug er stets einen weißen Kittel, wie in einer Drogerie. Mutter ging mit uns gemeinsam, meistens zumindest. Sie machte alten Menschen den Haushalt. Natürlich zahlte sie für diese Arbeit keine Rente, keine Steuern. In Deutschland hält man sich Haushaltshilfen schwarz. Heute muss meine Mutter dafür mit ihrem ersparten auskommen, und immer noch arbeiten, mit 75 Jahren. Aber Stillstand war noch nie etwas für sie.
Mein Bruder und ich liefen zur Schule. Unterwegs schlossen sich immer andere Schüler an. Im Unterricht saß ich lange neben Nathalie, einem Mädchen aus dem Hochhausviertel. Ihren Dialekt sprach sie so grausam selbstverständlich. Die meiste Zeit hing ich Tagträumen nach. Wenn wir im Hauptunterricht am Morgen Gedichte sprachen, wurde mir oft schlecht vom langen stehen. Vor der Klasse wollte ich aber nicht umkippen, sodass ich hochkonzentriert mein Stehvermögen fixieren musste und dabei Goethes Zauberlehrling rausleierte. Unser Hauptlehrer, Herr Schwarz war ein gütiger Mann. Hätte es ihn nicht gegeben, wäre ich auf dem Strom des Lebens ersoffen. Auf dem Heimweg schlenderten wir durch die Gärten und Vorgärten der großen, alten Häuser, die geziert mit ihren Erkern, Rondellen und Türmchen, unseren Gang säumten. Die Häuser stehen heute noch-aufwendig saniert, Akademiker bergend - nur die schönen Gärten sind der Nahverdichtung gewichen.
Wir spielten fast immer Fußball, mein Bruder und ich. Hausaufgaben gab es an unserer Schule nicht viele. Wir waren Waldorfschüler, damals noch Exoten, so zusagen eine rare Spezie, Opfer jedes Hauptschülers Gespött.
Die Ausfahrt unserer Tiefgarage war unser Tor. Nachbarskinder spielten immer erst später mit. Die Staatsschüler hatten Hausaufgaben zu machen.
Ab und an bin wieder ich in dieser Stadt. Ich will sie nicht benennen – nein, möchte auch kein Klagelied über sie anstimmen, wie Jesus seinerzeit über Jerusalem. Aber sie tat mir weh, und sie tut es noch heute. Sie birgt meine Geschichte, meinen Schmerz. Es spielt aber auch an für sich keine Rolle, es hätte überall so kommen können. Der Ort ist nicht entscheidend für eine Tat, für ein Leben, er ist nur Rahmen oder Bühne.
An der großen Straße, welche parallel zu unserer verlief, erstreckte sich ein Weinberg und der Kirschgarten des Lohbergs. Er liegt einfach da und schaut uns zu, mit seinen roten Sandsteinbacken.
Kleinere Steine brachten wir immer von dort mit, um den Asphalt zu bemalen.
Jetzt fängt ein Bagger an, sich da hineinzufressen, Reben müssen dem Ytong-Baustein weichen, die Stadt braucht neue Häuser, sie expandiert weiterhin.
Gegenüber dem Berg trotzen sie schon, die grauen Monolithe, und versperren meiner Erinnerung den Weg. Hier standen mehrere alte Häuser, teils Holzbauten, mit mächtigen Bäumen und wuchtigen Büschen davor. Sie standen größtenteils leer und waren dem Verfall preisgegeben.
Teilweise wurden sie von Landstreichern und seltsamen Gestalten bewohnt. Das Wort Landstreicher ist so morbide, wie es diese Ansammlung an Behausungen war.
Lange Zeit überwog die Angst, sich den Grundstücken zu nähern. Allerlei Spuk und Gespenster sahen wir hinter diesen Hecken. Doch auch wir wurden größer und mutiger. Zuerst getrauten wir uns in die verwilderten Gärten, danach fanden wir den Weg ins Innere der Spukschlösser. Morsches, nie zuvor gerochenes erreichte unsere Nasen, Dielenböden knarrten. Die Neugier kämpfte mit der Angst. Wir erblickten Zimmer, verlebt, einsam einen Sessel da, einen Zeitungsstapel dort. Altes vergilbtes Plastiktischtuch auf dem wackligen Tisch - hier lebte noch alles, die Geister waren spürbar nah. Man fühlte sie mit jedem Windhauch, der durch die Räume zog. Jeden Moment erwarteten wir eine Heimkehr, so viel Lebensspuren waren noch präsent. Heute kannst du mit so etwas YouTube-Star werden, Rubrik Lost Places, ist total In.
Ehrfurcht, Herzschlag begleitete uns durch diese Häuser. Beim Verlassen in der Dämmerung, beim Blick zurück, sah ich in den Fenstern die Gesichter der Nacht, welche diese Stätte bewohnten. Die hohen, alten Tannen standen wie Bronzesoldaten da. Ihre Wipfel sah ich von meinem Fenster aus, und sie riefen mir zu: „Hier fändest du deine Ruh!“. Das Gedicht von Wilhelm Müller schreit nach dieser Sehnsucht, endloser Harmonie. Ja, der der Lyrikunterricht lehrt dich mit den Augen des Träumers zu sehen oder zu fühlen. Wenigsten die Musen der Waldorfpädagogik fanden wohl einen Weg in mich hinein, auch wenn es mir immer schlecht wurde.
Jetzt wuseln hier Studenten in ihren kleinen Lern- und Wohnboxen, hier und da ein Basilikum, und andere Kräuter am Fenster.
Wenn ich in meine alte Wohnstraße komme, sie ist benannt nach einem Grafen, so ist da gar nichts verändert, sie ist nur ein paar Jahre gealtert, der Asphalt ist dunkler, die Fassaden ergraut, die Bordsteine weiter abgetreten. Die Straße liegt leer, erinnert mich an heiße Tage in den Sommerferien, keine Kinder, kein Spiel zu sehen, aber heute sind keine Ferien, ist kein besonders heißer Tag. Heute wohnen wohl in den großen Wohnungen Singles, oder der Ort des Spiels hat sich geändert. Ein paar Meter von unserem Haus entfernt begann das sogenannte Franzosen-Viertel. Hier wohnten die Angehörigen der französischen Armee, die in unserer Stadt stationiert waren, Ihr Leben fand autark zu unserem statt. Eigene Kindergärten, Schulen, Supermärkte – wir hatten dort nichts zu suchen. Es gab auch keinerlei Annäherungen oder deren Versuche. Sie fühlten sich dort nicht wohl und wir waren fremd, in Sprache, Kultur und Leben. Auch ihre Wohnungen, Häuser, Treppenhäuser waren anders. Die Feindschaft für uns Kinder nur als Ablehnung zu empfinden, war spürbar. Ich denke, wir Deutschen waren für sie die Boché, das heißt Kriegstreiber und Essensdiebe. Unsere Straßenbande, sie bestand aus einigen Jungs, von denen ich der Älteste war, wir getrauten uns, durch ihre Straßen zu gehen, welche Namen trugen, die für uns unaussprechlich waren. Auf ihren Parkplätzen standen andere Autos, für uns sahen sie alle gleich aus. Häuser hatten alle große Kellerfenster. Diese waren offen, so dass man hineinsteigen konnte. Wir sprangen immer dort hinein auf die Kohlehaufen, welche sie noch als Heizmittel nutzten. Die Aufgänge in den Häusern besaßen breite, nicht allzu hohe Stufen aus Bruchstein. Man konnte von einem Stockwerk einen ganzen Absatz hinunterspringen. Meine Schwester machte eine Bekanntschaft mit einem Mädchen von dort und besuchte sie auch in einer dieser Wohnungen. Unser Herumstreifen blieb einmal nicht unbemerkt und gleichaltrige Franzosen begegneten uns. Da wir uns nicht kannten, nicht verstanden, ergingen wir in unseren Vorurteilen, beschimpften und prügelten uns. Sie vertreiben uns aus ihrem Quartier. Als wir nach einigen Tagen mit Verstärkung aus meiner Klasse zurückkehrten, fanden wir niemand mehr vor. So plötzlich wie sie damals auf einmal da waren, so waren sie nun wie vom Erdboden verschluckt. Vater schimpfte über unseren Kleingeist und unser Ressentiment. Dabei waren es ja die Erwachsenen, deren Ablehnung wir lebten.
Die Stadt hat aus diesen Häusern ansehnliche Objekte gefertigt, die im Moment eine Mischung verschiedener Ethnien und Einkommen beherbergt.
Unser Wohnblock, nun langsam in die Jahre gekommen, ist ein 5-stöckiger Flachdachbau mit Balkonen. Gegenüber stand das Pendant unseres Hauses, in der Mitte war ein Spielplatz.
Fußballspielen durften wir dort nicht, weil es zu laut knallte, wenn der Fußball gegen die Betonwand prallte. Taten wir es trotzdem, wurde ein vorhangbehangenes Fenster geöffnet und wir wurden drohend verwarnt. Wir lebten in keiner Betonstadt, aber Beton war der vertraute Stoff meiner Kindheit. Er umgab mich, ich roch und schmeckte ihn. An heißen Tagen spendete er Wärme. An eisigen Tagen wirkte er schroff und kalt. Auch er hatte mit der Natur zu kämpfen, überall trug er weiß-gelbliche Flechten, welche sich in ihn hineinfraßen. Unsere Hinterhöfe waren verschieden hoch, verschachtelt, und Betonwände bildeten überall die Grenzen.
Unsere Bande waren vor allem Kinder aus der Grafenstraße. Norbert, rothaarig, kräftig und etwas jünger, war ein Draufgänger, seine Mutter eine Krankenschwester, sein Vater weg. Sie zogen in eine Erdgeschosswohnung. Durch ihn lernte ich Tim und Struppi Comics und das Fernsehen kennen. Seine Mutter bevorzugte es, wenn er mit meinem jüngeren Bruder spielte – als Kind merkt man so etwas. Norberts Großvater väterlicherseits war Bürgermeister einer mittelgroßen Stadt, damit prahlte der Junge und wollte sich von unserem Milieu abheben. Seine Schwester war so alt wie ich, ihr Haar war ebenfalls rot. In einem Anflug von Frühlingsgefühl küsste sie mich später einmal. Ansonsten wollte sie immer etwas Besseres sein. Für sie und ihre Mutter war es gefühlt ein sozialer Abstieg hier zu wohnen. Beide, Norbert und seine Schwester, hatten einen Geruch, der an Reibkäse erinnerte. Ich berührte keinen von beiden gerne.
Diana und Anke, zwei Schwestern. Die Kleinere von beiden, Anke, küsste ich damals schon regelmäßig. Diana, etwas älter als ich, nahm mich noch nicht ganz ernst. Einmal schubste sie mich in die Brennsesselwiese, so dass ich weinend nach Hause lief. Ihre Mutter war ebenfalls alleinerziehend. In ihre Wohnung durfte ich nie. Björn von gegenüber war so alt wich ich, dünn, rotblonde Haare. Seine Mutter kontrollierte ihn stets, Freizeit gab es nur häppchenweise. Zum Fußballspielen durfte er nur nach guten Schulnoten. Die Wohnung war bieder und klinisch rein. Björns Zimmer, leicht dunkel, glich einem Friedhof. Aber nur auf diesem Weg schient der berufliche Erfolg möglich, umsonst gibt es hier gar nichts.
Ralf und Markus, zwei zahme Jungs, hatten eine Mutter, an dessen großer Brust ich gerne gelegen hätte. Tanja, das Mädchen einer englischen Mutter, den Vater sah ich auch nie, spielte auch hin und wieder bei uns mit. Sie beklagte sich immer, dass meine Haare nach Tomaten stinken, das kam daher, dass mein Vater, wenn er gut drauf war, meinen Kopf küsste, und da er sehr regen Speichelfluss hatte, klebte dieser wohl an mir. Ja, in diesen Tagen war mein Vater ein freundlicher Mann, fast ein Kumpel. Keine Spannung, kein mit dem Finger über die Regale Wischen, nach Staub suchend, und wenn er da nichts fand, den Schuhschrank öffnend, um nachzusehen, ob die Schuhe geradestehen, an solchen Tagen oder Zeiten, war sogar ein Lachen aus unserer Wohnung zu hören. Mutter war wie immer mental abwesend und hatte manchmal einen Anfall von Liebesentzug, sie knuddelte mich, bis mir schlecht wurde. Bis heute ertrage ich ihre Nähe nur schwer. Auf meine Bedürfnisse konnte sie nicht eingehen oder wollte sie nicht erspüren. Im Leben kann man sich vieles Aussuchen, die Arbeit, das Auto, die Frau. Die Eltern nicht.
Mein Zimmer teilte ich mit meinem Bruder, es war wie ein Rechteck. Im hinteren Bereich ging der betonierte Kubus des Kaminschachts durch das ganze Haus. Dadurch trennte es zu einem Teil den Raum in zwei Hälften. Am Fenster hatte mein Bruder seine Ecke, ich hinten am Kamin, mit kleiner Nische. Es war mein kleines Versteck, mit einem Bücherregal, wo ich mich gerne verkroch. Im Winter war der Schacht immer warm. Auch wenn Vater schrie und Ärger suchte, zog ich mich gerne dorthin zurück. In der Wohnung zuvor hatten wir eine Tisch- und Bankkombination im Esszimmer, welche sich im 90Grad-Winkel an die Wand schmiegte. Sie hatten drei verschieden lange Sitzflächen, darunter waren entsprechen lange Verstecke. Damals trank Vater sehr viel und kam abends voll mit Wut und Alkohol nach Hause. Pünktlich um 18Uhr versteckten wir uns darunter. Meiner Schwester, der Ältesten, gehörte die kleine, schwer einsehbare Nische, mir die nächst größere, dem kleinen Bruder die, die am einfachsten für Vater zu erreichen war. Auf dieser Bank saßen wir auch, als meine Schwester beim Ladendiebstahl erwischt wurde, ein Polizist im VW-Käfer uns einen Hausbesuch abstatte, um ein Protokoll aufzunehmen. In diesen Jahren hingen auch überall diese finsteren Schwarz-Weiß-Bilder an den Litfaßsäulen und Telefonzellen, Bussen, Straßenbahnen gesuchten Terroristen. Heute weiß ich, dass es die RAF-Zeiten war, und man uns Kindern eine Riesenangst machte. Allgemein waren die Menschen auch unruhig. Mutter verbot uns Orangen zu essen, angeblich wurden diese vergiftet, meinte sie. Wir zogen alsbald weg aus diesem Haus, da es dort stets kalt war und wir mit Holz und Kohle heizen mussten. Gefängnisinsassen mit Wärter in einem großen LKW lieferten das Brenngut.
Es war auch der Beginn meiner Schulzeit. Auf der Waldorfschule mussten wir alle ein Instrument spielen. Ich tat es meiner Schwester gleich spielte Geige. Der Geruch des Mahagoniholzes und des Harzes für das Schmieren des Bogens waren angenehm. Das Spielen selbst tat meinen Fingern weh, da ich an meinen
Nägeln kaute und meine Haut runter biss.
Bei Frau Schanzig nahmen wir Geigenstunden. Sie war eine alte Dame, die mit ihrem Ehemann, einem Lyriker, oberhalb des Weinbergs auf dem Lohberg in einer großen Villa mit Garten lebte. Meine Mutter machte dort den Haushalt und den Garten. In den Ferien spielten wir dort immer und durften im Sommer Himbeeren pflücken. Früher war Frau Schanzig Musiklehrerin gewesen. Sie war streng und kannte keine Gnade mit meinen Fingern. Ich hasste es, meine Zeit dort mit meiner Geige zu verbringen. Mein Sohn spielt Cello, er fühlt das Gleiche. Doch ich erkenne heute auch den pädagogischen Wert eines Instrumenten-Unterrichts. Aber dies junge Menschen zu vermitteln ist sinnlos.
Meinen ersten besonderen Freund lernte ich über den Balkon kennen. Er kam aus Japan und war neu im Haus gegenüber eingezogen.
Es ging eine ganze Weile eine Art Versteckspiel zwischen uns und ihm, in dem wir uns mit Fingerpistolen beschossen. Irgendwann spielten mein Bruder und ich im gemeinsamen Hof, als er um die Ecke kam. Jun-ici aus Japan sprach kaum deutsch. Er war elf Jahre alt und somit ein Jahr jünger als ich. Sein Vater war Gastprofessor an der Universität. Er hatte unglaublich interessante Spielzeuge: kleine Monster uns Superheroes aus Plastik, die auf Knopfdruck Fäuste abschossen. Auch hatten sie ganz spezielle Dinge zu essen, z.B. Fischbonbon. Unsere Lieblingsbeschäftigung war, Frauen in ihre Einkaufstaschen Bonbon zu stecken, um sie damit zu überraschen. Bei Männern haben wir uns diese nicht getraut. Einmal hatte es zur Folge, dass eine ältere Dame dachte, wir wollen ihr etwas aus der Tasche klauen. Es gab großes Geschrei nach Hilfe und wir rannten davon. Was die Frau wohl dachte, als sie daheim beim Auspacken die Tasche das Bonbon gefunden hatte.
Jun ici und ich hatten eine schöne Freundschaft. Es lag wohl auch daran, dass ich ihn für mich allein hatte. Als er einmal einen Freund aus seiner Schule mitbrachte, war ich ein bisschen enttäuscht, oder kann man das schon Eifersucht nennen?! Kinder haben ja gerne Freunde, die sie so ein wenig wie ihre Puppen behandeln können. Er kam dann 10 Jahre später nochmal zum Studium, da waren meine Wege aber schon andere und ich interessierte mich nicht. Seit Kurzem hat uns Facebook wieder verbrüdert.
Damals begannen die Bagger alle alten Häuser abzureißen, auch die alten Tannen und Fichten verschwanden. Aus einer benachbarten Kiesgrube entstand ein Betonghetto: Das Züricher Tor.
Die Tiefgarage, die sie aushoben, war drei Etagen tief. Wir dachten, wir seien auf dem Weg zum Mittelpunkt der Erde, als wir den Rohbau inspizierten.
Die vielen neuen Häuser brachten viele neue Menschen. Mit diesen neuen Menschen kam Tatjana. Sie war zwei Jahre jünger als ich. Ihr Vater war Ungar und Fußballer von Beruf. Er galt als Knochenbrecher. Seine Position war die des Vorstoppers. Im modernen Fußball sind das die Innenverteidiger, brauchen heute aber ein gutes Füßchen für die Spieleröffnung. Der Mann war groß wie ein Schrank. Die Mutter eine Blondine mit Dauerwelle. Sie war stets in Sorge, dass Luftbewegungen die Frisur ruinieren könnten. Stunden, nachdem sie weggegangen war, war die Atmosphäre noch geschwängert von ihrem Parfümduft und Haarspray.
Tatjana sorgte für Streit unter uns. Sie war ein Mädchen, sie war ein cooles Mädchen. Wir alle waren verliebt. Sie war leider nicht nur mir zugetan. Wir küssten uns in der Garage, im Keller. Norbert steckte sogar einmal seinen Pimmel in ihre Scheide. Ich sollte es dann auch machen. Ich konnte und wollte es nicht. Bei Norbert funktionierte das, er hatte einen beschnittenen. Zu meinem Ärger ging sie noch bei ihm in die Klasse. Sie versprach mir, keine weiteren Freunde dort zu wollen. Zu guter Letzt durfte sogar, wie mein der Japaner Jun-ici sie küssen. Heute ist sie wohl verheiratet und weniger freizügig.
Ihre Mutter eröffnete im nahen, neuen Ghetto einen Wollladen. Ob sie gerne strickte, kann ich nicht sagen, aber sie brauchte wohl eine Beschäftigung. Heute sind die Fußballer-Damen mit der Pflege ihrer Social Media komplett ausgelastet.
Zeit fließt und macht uns älter, ändert Menschen, Städte. Die Gegend um mich wandelte ihr Gesicht. Autos sahen anders aus, die Franzosen verließen Deutschland und mein Erlebnis - Horizont betonierte sich. Alte knorrige Bäume, auf die wir kletterten, fühlten, rochen und schmeckten, verschwanden, wie auch der alte Weißbärtige auf dem Fahrrad, den wir Gott nannten und der in einer Dachkammer hauste. Später erfuhr ich, dass er von einem Auto überfahren wurde. Sein Stil, Fahrrad zu fahren, war nicht darauf ausgelegt, Rechts-links-Verkehrsregeln zu beachten. Mit ihm verschwand vieles, was in die Generation der 80er auch nicht mehr passte.
Die Straße leerte sich von Kindern. Kindheit ist die Geburtsstube der Karriere. Das fing schon damals an. Schule buckeln, das Abitur zu erreichen das einzig Mögliche, der Tristesse dieser Welt mit Erfolg zu entkommen. So wurden die Jungen in die Kajüten, die sich Kinderzimmer nennen gesperrt und zu Leistung getrimmt. Bald hatten sie dann Brillen auf, Bundfaltenhosen an, und die Nase zum Himmel gestreckt. Sie sollten wohl den Schmutz der Straße nicht mehr riechen.
Ich blieb zurück, wie mein Bruder. Zuhause war niemand, der sagte, tu dies oder jenes. In der Schule schrieb ich schlechte Arbeiten. Meinen Eltern erzählte ich, die vielen Fehler seien normal, sind ja auch viele Sätze. Waldorfschüler haben keine Schulnoten. Da bleibt Platz für die Schüler, die Tests zu interpretieren. Meine Eltern hatten beide kaum Schulbildung, so war es einfach, etwas zu erzählen, wenn die Unterschrift unter den Test musste, der außer mit Rot markiert, keine weiteren Kommentare bedurfte. Die Lehrer auf meiner Schule waren bemüht, auch mir nicht zu viel Ärger zu bereiten, bekannt war die Überforderung meiner Eltern. Es verschlechterte sich dann auch wieder; gute ruhige Phasen wurden abgelöst von ruhelosen, nervösen und jähzornigen von Vater. In dieser Zeit zog ich mich gerne in meine Bücherwelt zurück. Ich biss dann auch an meinen Fingern rum-Nagelfresser nannte man das. Schwester kam auch in die Pubertät, schwärmte für verschieden Stars und hing Poster auf. Sie gab sogar mir eines, von einer englischen Pop band. Sie hatte trotz Verbot das Bravo-Magazin gekauft. Damals neben Pop-Rocky das einzige Jugendmagazin, Doc Sommer half auf Seite 3 bei der Periode oder, Hilfe, ich habe einen Samenerguss“.
Natürlich zog mich auch dieses schrille Journal an, die Bilder, die Posen...... Vater riss uns das auch aus der Hand, die Poster von der Wand. Das waren für ihn die Blitzableiter, an denen er sich entlud. Stundenlang schrie er hinterher noch rum. Ob ich ihn hasste in solchen Situationen? Ich glaube eher, ich ekelte mich dann eher vor seinem Geruch. Er lebte in seinem Geschäft den Lebemann, Charmeur, bezirzte Frauen, trank Alkohol, sammelte kofferweise Pornohefte, aber wir sollten leben ohne diese niederen Dinge wie Popkultur, Stars, Plastikdinge, Musik. Wahrscheinlich wollte er uns in dieser Waldorfwelt eine Heimat, ein Paradies verschaffen. Da er selbst nie ein Zuhause hatte, und uns auch keines geben konnte, versuchte er mit aller Brutalität, uns in diese Zwänge zu stecken. Und Waldorf war damals in gewissen Ansichten sehr autark; keine engen Jeans, kein Fußball, kein Plastikspielzeug. Und da wir nun diese Welt da draußen entdeckten, versuchte er, alles kaputt zu machen, was uns gefiel. Eine Zeitlang las Vater diese Rudolf-Steiner-Bücher, weil sie alle in seiner Familie diesem Herrn nach dackelten wie Hare-Krishna-Jünger, doch man hätte ihn auch ein Lateinbuch hinlegen können, er hätte wohl mehr davon verstanden. Er tönte auch groß herum, die Grünen, die Partei, die die Wahrheit sagten, sie lügen und betrügen nicht. Selbst betrog er Frau und uns Kinder. Öfter hatten wir Besuch von Arbeitskollegen und Kolleginnen. Es wurde Bier und Wein getrunken, schmutzige Witze wurden erzählt und er betatschte die Frauen, auch wenn wir oder Mutter daneben saßen.
Anderseits konnte er manchmal nah sein, auch Nähe zulassen. Meine Mutter war immer seltsam weit weg.
So gab es Zeiten, da spielte Vater mit uns Fußball, ließ sich unsere Muskeln zeigen. Er machte dann auch den Führerschein, wir waren stolz, bald hatten wir ein eigenes Auto. Unser erstes Gefährt war ein hässlich mintgrüner Ford Granada 2.0. Nur der Ford Taunus war noch hässlicher. Vater raste hin und wieder mit uns herum, einmal volltrunken durch die Innenstadt, Schlagermusik peitschte aus den Boxen. Noch heute sehe ich uns, rasend die Straße runterfahrend, jegliche Kontrolle hatte da mein Vater verloren. Außer der Gefahr durch den Umstand der Alkoholfahrt konnten wir Vater nah sein, ohne dass es gefährlich für uns wurde.
In meiner Zimmerecke, hinter dem betonierten Kaminschacht, hatte ich ein Regal mit einem Glas, einem Tetrapack-Apfelsaftgetränk aus dem Norma-55 Pfennige der Liter, dafür auch nur 25 % Saftanteil. Mein Symbol für eigenes Reich und Gemütlichkeit. Hatte von der blinden Magda, einer Bekannten meiner Großmutter, ein Radio-TV Gerät bekommen. Der Bildschirm war so groß wie eine Zigarettenpackung und warf ein schummriges Schwarz-Weiß-Bild auf die Mattscheibe, wenn die ausziehbare Antenne mal Empfang hatte. Wichtiger war der Radioempfang. Nachts hörte ich heimlich die Schlagernacht auf einem dieser Regio 4 Sender, deutscher Bundesländer. Ab und an prasseln und säuseln die Songs vom Teddybären, Mama Leone, „und wie Sie alle noch so heißen“ durch meine Gedanken heute, und es ist mir bewusst, wie viel Sehnen nach diesen Melodien und ihren Inhalten mich nachts unter der Decke aus meiner Zimmerecke schweben lassen, irgendwohin in den Orbit, in die Weite, dorthin wo keine Unruhe, keine Unsicherheit und Angst mich einholen konnten.
Ich zog mich auch in die Welt der Bücher zurück. Die Helden, Odysseus, Parzival, Dietrich von Bern. Meine kleine Ecke war in diesen Zeiten nur Bahnhof oder Flughafen für weite Reisen, die mich wegtrugen, von dem Gebrüll, von den einsamen Stunden. Der Apfelsaft, dieser feine Likör, war mein Reisebegleiter.
Großmutter machte mir das Leben auch etwas erträglicher. Wir wanderten durch Wälder, Felder und Wiesen, sie erzählte viel über das Leben hinter der sichtbaren Welt, von Mythen, Geistern, Zwergen. Manchmal war das Wandern wie in einem Buch verschwinden.
Großmutter war eine anerkannte Person in der anthroposophischen Hemisphäre. Sie besuchte Kreise und Zweige der Bewegung und kannte daher viele seltsame Menschen. Durch einen Botengang für sie lernte ich die Schwester Magda kennen, von der ich kurze Zeit später das Radio-TV Gerät bekam. Magda war bereits über 80 Jahre alt und blind. Sie lebte in einem Blindenheim. Erblindet war sie erst seit einigen Jahren, arbeitete lange als Krankenschwester, berichtete mir aus den Kriegstagen und wie sie von der Gestapo verhört wurde. Laut ihrem Bericht stellte sie sich einfach dumm, so dass die Nazis sie wieder laufen gelassen haben. Sie hatte sich einfach nur um Menschen gekümmert, ohne zu fragen wer und was sie sind.
In ihrem Zimmer roch es etwas nach abgestandener Luft und Urin. Damals hatten sie noch diese Nachtstühle neben dem Bett stehen.
Mein Bruder und ich fanden es lustig, dass sie uns nicht sehen konnte, und so äfften wir ein wenig herum und sahen uns im Zimmer um. Im offenen Schrank lagen lose ein paar 10 DM Scheine. Einen steckte ich ein.
Die nächsten Tage wartete ich in Sorge, dass das Telefon klingelte und Großmutter sagen würde: Der Magda fehlt Geld, seit eurem Botengang.
Aber es klingelte nicht. So besuchten wir sie alsbald wieder. In uns war der Keimling der Gier erwacht, die Versuchung gesät, ich konnte nicht widerstehen. Mit jedem Besuch, die sich nun häuften, nahm ich immer mehr Geld in meine Tasche. Die letzte Bastion waren die 500 DM Scheine, die erst keine Rolle spielten, zu viel, zu groß war der Respekt vor diesen braun-roten Lappen. Die 500 überstieg noch meinen Horizont.
Doch nun waren alle 10er, 20er, 50er und 100er geplündert. Geld ging damals wie heute schnell durch die Finger, wir speisten allein für 55 DM bei Mac Donald. Festtage waren das für Bruder und mich.
Der 500 DM Schein fühlte sich dann auch erst fremd an. Mit 13 Jahren ist es nicht allzu alltäglich, mit einer solchen Note spazieren zu gehen und etwas zu bezahlen.
Die Tankstelle an der Ecke, fragte ich sonntags, mein Vater schickt mich, wir haben einen Plattfuß am Fahrrad, und ob wir das Flickzeug mit einem 500 DM Schein bezahlen könnten, Vater hätte es nicht kleiner.
Das Geld war nun in alltagstaugliche kleine Banknoten zerlegt.
Großmutter fand es toll, wie ich mich um die blinde Dame kümmerte.
Der Erfolg machte mich in dieser Hinsicht selbstbewusster. Ich klaute in den Geschäften, wie andere einkauften, Fleisch und Lebensmittel, um im Wald mit Bruder oder Ambrosius zu grillen, Comics und Zeitschriften um anschließend gemütlich zu chillen. Das Leben folgte dem Lustprinzip, die Welt war ein Supermarkt. Brauchte ich etwas holte ich es einfach, warum denn für solche Dinge Geld ausgeben. Jede Biographie, die ich im Gefängnis traf, hat seine Karriere mit Diebstahl begonnen, dort die erste Hürde sozialer Moral übersprungen.
Zuhause hielt ich mich nicht mehr gerne auf. Mittags, wenn nur Mutter da war, glich es einem Friedhof, abends, wenn Vater kam, war es teilweise gefährlicher als nachts im Frankfurter Bahnhofsviertel.
Langeweile wurde auch immer ein größeres Thema, was wohl die Jugend als rumhängen definiert. Doch ich fühlte schon sehr oft so eine Leere, die sich nur mit irgendwelchem Unfug vertreiben ließ.
Für die Schule hatte ich keinen Sinn mehr, machte nur das Nötigste. Kurz vor Abgabe der Epochenhefte schmierte ich etwas auf 10 Seiten zusammen, was dann das vierwöchige Lernthema darstellte. Mein allgemeiner Stand war besorgniserregend, einzelne Lehrer kämpften um mich, gaben mir Nachhilfestunden.
Trotz eigenem Bemühen hin und wieder, ich tat mich schwer im Lernen, klauen und Unfug treiben gingen leichter, gaben mir das Selbstvertrauen, dass mich mit den Gleichaltrigen mithalten ließ, auch wenn öfters mein Bruder die geklauten Sachen aus dem Laden schleppen musste, weil ich unsicher war. Auch fehlt für den Alibi-kauf manchmal das Geld, so war das Unternehmen unauffällig aus dem Laden zu gelangen noch heikler.
Mit Schwester Magda besserte sich natürlich unser finanzieller Zustand, aber dieses Geld ging so schnell, wie es kam, und erschöpfte sich schließlich, nachdem auch das Konto geplündert war. Ein kurzer Trip in den Luxus
Von Schwester Magda zog ich mich wie von einer leer gemolkenen Kuh zurück und überließ sie ihrem Schicksal. Sie war sehr traurig, da ich einer der wenigen Besucher war. Meine Wege waren nun mal andere, und ihre Gefühle ferne Sachen, die irgendwo wie ein Abendrot am Himmel sichtbar sind, die man aber nicht weiter beachtet. Meine Wahrnehmung war auch nicht darauf ausgelegt, sich auf Gefühle meiner Mitmenschen auszurichten.
2. Kapitel: Turnschuhe
Mutter kochte für uns mittags oft Polenta mit Dickmilch. Das roch komisch, aber schmeckte. Damals waren die Küchen klein, aber der Esstisch wurde da immer noch reingezwängt. Im Wohnzimmer wurde nur am Wochenende gegessen, und es durfte nichts auf den Teppich fallen.
Vater erlaubte uns dann in den Fußballverein zu gehen. Er konnte manchmal positiv überraschen. Das erste Training war etwas Magisches, holte mich aus der Lethargie. Auf dem Rasenplatz waren Hütchen aufgestellt, der Trainer im Sportanzug und Trillerpfeife.
Die Spiele an den Wochenenden gegen die umliegenden Vereine und Dörfer waren immer ein Erlebnis besonderer Art. Die Anfahrt, das Anziehen der Vereintrickots, die Zuschauer, der Platz, das Fremde, alles gehörte zu diesem Spiel, Gefühle, die ich festhalten wollte. Aber Fußball hat für so etwas keinen Sinn. Es heißt auf dem Platz sein, wach und auf Zack, das ist Ballsport, fast so wie heute im Leben, oder schon immer.
Träumer verlieren im Spiel um die große Aufmerksamkeit.
Natürlich war auch hier mein Leistungsnachweis überschaubar. Krampfen, Trippeln, den Ball haben wollen, erfordert Selbstvertrauen, sich in der Gruppe behaupten, seinen Platz finden, alles eine Nummer zu groß.
Doch ein Tor gelang mir. Ein Traum oder Träumertor. Es war das Einzige in diesem einen Spiel, und überhaupt in meiner Karriere.
Der Ball prallte nach einer Ecke an meinen Fuß und von dort im Bogen in den Winkel des hinteren Torpfostens. Ein Traumtor, von einem Träumer gemacht, der den Ball nicht mal kommen sehen hat. Man kann natürlich die alte Fußballerweisheit ausgraben und behaupten, der Junge weiß, wo er stehen muss.
Es gefiel mir auch sonst, obwohl ich wenig Zugang zu diesen Gruppengebahren fand, und keine Beziehungen zu den Mitspielern hatte, oder mit ihnen kommunizierte. Diese lebte ich vor dem heimischen Spiegel aus. Darin gefiel ich mir.
Die Unruhe im Hause steigerte sich. Der Kochtopf in Vaters Kopf gewann wieder an Hitze. Schwester wurde immer aufmüpfiger und wehrte sich gegen ihn.
Kurz vor dem Überkochen seines Kessels floh Bruder aus der Wohnung, und ich holte ihn unter der Kellertreppe wieder nach oben. Er kauerte sich dort ins Eck. Hin und wieder klopften die Nachbarn an die Wand, wenn es zu laut wurde, und Vater Schwesters Türe fast zusammentrat, um in ihr Zimmer zu gelangen.
Mutter saß dann meist nur apathisch da und sagte kein Wort. Sie hatte auch nichts zu sagen, sonst wäre Vaters Hass auf sie gekommen.
Als sich Schwester beim Jugendamt beschwerte, bekam sie zur Antwort, sei dankbar und höre auf deine Eltern.
Wenigstens schien der Fußball uns mit Vater ein wenig Gemeinsamkeit erleben. Als der 1. Club der Stadt mit seiner Profimannschaft ein Benefizspiel gratis in einer Umlandgemeinde anbot, fuhren wir mit meinem Bruder dorthin.
Nachdem dem Spiel wollte Vater sofort nach Hause fahren; ich wollte Autogramme und blieb einfach mit meinem Bruder am Ausgang, um auf die Spieler zu warten. Da das dann länger dauerte, kam Vater und sagte: Sofort gehen wir: Ich widersprach. Er schnappte meinen Bruder und verschwand.
Nach einer Weile kamen die Spieler, verteilten Autogramme und gingen, wie die Zuschauer und Autogrammjäger. Der Parkplatz war alsbald leer. Unsicherheit, Angst war das Nächste, was ich fühlte. Jetzt, wo alle weg waren, konnte ich mich nicht mehr an dem Licht der Stars festhalten.
Ich wachte aus diesem begeisterten Zustand auf, und der Gefühlsaufzug schoss nach unten in den Keller. Es war ein Sommertag, die Dämmerung kroch langsam in ihn hinein, wie sich in mir Hilflosigkeit, Verlassen sein ausbreitete. Ich wartete, dachte Vater kommt sicher zurück und holt mich. Niemand kam.
Ich rannte 10 km die Autobahn entlang, zurück in die Stadt. Außer dass einzelne Autos hupten, geschah nichts.
Diesem Erlebnis war ein schreckliches Gefühl gefolgt. Es wurde ein Prägendes. Heute verbringen 12-13-jährige fast ganze Nächte alleine in einer Großstadt, ich war auf so etwas nicht vorbereitet.
Viele Jahre später rannte ich im Drogenrausch nach einer Techno-Party 15 km die Autobahn zurück. Ich hatte ein Flashback zu dieser Situation bekommen. Heute noch lebt dieser Eindruck, wie eine verlassene emotionale Ruine in mir. Ich glaube, das Fundament dieses Schmerzes ist unveränderbar, wie eine Blockchaine.
Vielleicht hat mich das so getroffen, weil die Umstände permanent so unsicher waren, und dieses stehen lassen war einfach das Durchtrennen eines der letzten Seile, an denen ich noch hing.
Ich bin damals bis nach Hause gekommen. Vor der Türe traf ich meine Eltern, die mich gerade suchen gehen wollten. Es war mittlerweile finstere Nacht geworden. Meine Mutter weinte, als sie mich sah; ich musste dann auch furchtbar weinen, und an sie klammern. Nächsten Tag verlor man kein Wort mehr über die Sache.
In meiner Klasse waren wir vierzig Schüler. In Waldorfschulen ist der Umfang der Klassen oft so. Kritiker sehen hier ursächlich ökonomische Gründe, weniger der, der Willens und der Charakterbildung der Schüler.
Ich verstand in großen Gruppen. Der Vorteil ist: Jeder findet einen Freund oder eine Freundin; es ist alles vermischt: Akademiker, Künstler, Arbeiter oder Angestellten-Kinder. Auch bei den Lebensformen waren da Veganer, Selbstversorger, Kommunisten, Grüne, Eltern die mit ihren Kindern in Kommunen lebten, oder auf Aussiedlerhöfen. Einige trugen auch nur selbstgenähte oder gestrickte Kleider.
In so einem Gemischtwarenladen fallen Abweichungen jeglicher Art nicht so auf. Die intellektuelle Spannbreite zog sich ebenfalls durch jedes Schulniveau. Manche, mich eingeschlossen konnten erst ab Klasse ¾ lesen und die Grundrechenarten lösen. Trotz oder vielleicht deshalb hatten wir eine so gute und homogene Klassengemeinschaft, bis auf einige Abweichler, die sich aber selber zu Außenseitern machten.
Ich hatte da noch viele Freunde, wurde auch oft zu Geburtstagen eingeladen, und verbrachte Nachmittage mit den Schulfreunden. Bei den Fußballsachen war ich von vielen bewundert, tat ich mich doch da als Rebell gegen die Schulregeln hervor. Auf dem Gelände der Waldorfschulen war es nämlich verboten, den Ball mit dem Fuß zu treten. Diese Regel galt auch außerhalb der Schulzeit und betraf den schuleigenen Sportplatz ebenso. Da ich wiederholt des nachmittags kickend erwischt wurde, brummte man mir einige Strafarbeiten auf, die solche Überschriften wie,“warum tritt man einen Ball nicht mit dem Fuß „hatten.
Es war wohl das Bedürfnis, oder die Seelenverwandtschaft, das unbewusste Leid, dass mich hin zu den einzig beiden Außenseitern, Ambrosius und Ragnar zog. Vielleicht war es auch das unausgesprochene Gefühl, das Verstehen im Schweigen, und der Trieb, etwas dagegen zu tun. Nur wer Leid erfahren hat, kann sich mit dem Leidenden verbrüdern.
Mit Ambrosius, der auch in unmittelbarer Nähe zu mir wohnte, war ich bereits des Nachmittags häufiger auf Diebstahltour durch die Supermärkte gezogen.
Er wurde, da seine Eltern schon im fortgeschrittenen Alter waren und jeglichem Stress nicht mehr gewachsen waren, in ein Internat gegeben.
Jahre später kehrte er zurück, und unsere kriminelle Karriere sollte sich dann schnell vertiefen.
Ragnar hatte eine Hasenscharte. Er säuselte und quietschte mehr, als dass er sprach. Er war ungepflegt und stank häufig. Wie ich kam er aus einem sozialen Wirrwarr. Sein Vater war ein zwei Meter großer Hüne, der schneller jähzornig wurde, als ein Blitz vom Himmel kam. Seine Mutter eine, eine ungepflegte Frau, die eher einem Schwamm glich, mit einer Perücke auf dem Kopf.
Sein Bruder, ein paar Jahre älter, war auf der Schule ein berüchtigter Dieb, der mit Alkohol und Zigaretten in Verbindung gebracht wurde. Die Schwester trieb sich schon mit ihren vierzehn Jahren im Punk und Straßenmilieu herum.
Mit Ragnar teilte ich auch das Schicksal, die Kleider der älteren Geschwister, bei mir nur die Schwester, tragen zu müssen.
Es betraf vor allem die Schuhe, hin und wieder auch Pullover und Hosen. Gerne verzierte meine Schwester ihre Schuhe mit Herzen und Namen irgendwelcher Angebeteten. Trotz Waschmaschine war alles Sicht und lesbar. Eddingstifte waren damals schon waschfest. Die Treter sahen jetzt einfach nur verwaschen aus, wie einmal den Verdauungskanal durchgejagt und wieder ausgeschissen.
So trug ich meiner Schwester ihre Lieblings Jungs weiter über den Asphalt spazieren, und mein Kopf erinnerte an eine Tomate, wenn das einer sah oder einen Witz machte.
Das kleine Glück, welches mir hold blieb, war, der Markenzwang von heute, dass Zeigen müssen teurer Kleidung war noch nicht ausgeprägt. In der jetzigen Zeit wäre ich wohl ein gefundenes Fressen für die Mobber.
Mein Bruder hatte wiederum das Glück, dass die Schuhe nach meiner Nutzungszeit nur noch als Bündel der Verwertung zugeführt werden konnten. Er bekam dann Neue.
Sinnvolles, wie Kleiderbörsen wurden erst
viel später entdeckt. Damals trug man nicht fremde Kleider, man lud sie als Psycho-Druck den Geschwistern aufgestellt. So war das Leben als Mittlerer wie ein großer Arsch, wobei man aber dessen Ausgang war. Vor allem in diesem Punkt, war ich als Sandwich-Kind, wie das Europa der 80er-Jahre. Links der Ostblock, Rechts der Westen und dazwischen die Hoffnung der Welt, Europa.
Rechts und Links zofften sich, abgekriegt hätte es die Mitte. Den ganzen Müll lud man hier ab.
So lumpten Ragnar und ich nach der Schule herum, und suchten Spannung und Erfolg in unser Leben zu bringen. Wir klauten, bedrohten schwächere Schüler auf dem Heimweg oder ärgerten alte Menschen. Das ersetzte ein wenig den Misserfolg des vormittäglichen Lernfiaskos.
Wenn man sich fragt? Das musst du doch merken, wie man sich verändert, sich mit den Randständigen abgibt, verwahrlost, es dir eigentlich schlecht geht! Nein, merkst du nicht. Als Kind baust du dir deine eigene Welt, angepasst an die, in der du zuhause bist. Deine Interessen sind eben mit denen, die verwahrlost sind, identischer als mit denen, die in einem harmonischen Umfeld aufwachsen. So wechselt man die Freunde. Nichts Ungewöhnliches unter Kindern.
